Armes kleines Kind

Knaus Fester Einband 288 Seiten Erscheinungsdatum: 16.02.2015 Preis: 19,99 € ISBN: 9783813506471

Knaus
Fester Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.02.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783813506471

Klappentext
„Polacken“ schimpft Ida Eckhoff, Bäuerin im alten Land, als im Frühjahr 1945 Flüchtlinge aus Ostpreußen auf ihrem Hof stehen. Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera müssen in die Knechtkammer, auf Idas weißer Hochzeitsbank dürfen sie nicht sitzen. Aber Hildegard hat für die Opferrolle kein Talent. Sie zieht weiter nach Hamburg und lässt ihr Kind zurück. Vera erbt das große, kalte Haus und scheint es doch nie zu besitzen. Sie fürchtet sich vor ihm, lässt es verfallen. Bis mehr als sechzig Jahre später wieder zwei Flüchtlinge vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Anne kommt nicht mehr zurecht mit ihrem Leben im szenigen Hamburg-Ottensen. Sie hasst ihren Job als Flötenlehrerin. Als ihr Mann sich dann auch noch in eine Andere verliebt, haut sie ab.
Vera, die raubeinige Zahnärztin, und Anne, die verkrachte Musikerin, haben mehr gemeinsam als sie ahnen. Beide fühlen sich nirgends zugehörig, beide kämpfen mit einer Vergangenheit, die alle Frauen in ihrer Familie hat erstarren lassen. Als sie beginnen, das Haus zu renovieren, geraten die Dinge in Bewegung.

∗∗∗∗∗

„Dit Huus is mien un doch nich mien …
Die alte Inschrift galt für beide. Sie waren ebenbürtig, sie lieferten sich schwere Schlachten in diesem Haus, das Ida nicht hergeben und Hildegard nicht mehr verlassen wollte.“(Seite 14)

Es ist das Jahr 1945. Ida Eckhoff lebt mit ihrem Sohn auf einem Gutshof im Alten Land. Flüchtlingströme ziehen vorbei. „Polacken“ nennt Ida die aus Ostpreußen vertriebenen. Zwei dieser „Polacken“ bleiben auf ihrem Hof hängen. Hildegard von Kamcken und ihre Tochter Vera. Ida und Hildegard werden keine Freundinnen. Auch nicht, nachdem Hildegard Idas Sohn geheiratet hat und jetzt auf dem Hof das Sagen hat. Doch auch nach Idas Tod ist Hildegrad nicht glücklich auf dem Hof. Eines Tages packt sie ihre Koffer und geht. Ihren Ehemann und ihre Tochter lässt sie zurück.

„Sie traute diesem Haus noch immer nicht, aber sie würde sich nicht von ihm herauswürgen und ausspucken lassen, nicht abstoßen lassen wie ein fremdes Organ, nicht wie die vielen anderen Flüchtlinge, die aus den großen Bauernhäusern möglichst schnell in ihre kleine Siedlungshäuschen gezogen waren, bescheiden, dankbar und den Rest ihres Lebens peinlich bedacht darauf, nur keinem zur Last zu fallen.“ (Seite 41)

Vera kümmert sich um Karl. Opfert ihr Leben in der Pflege für diesen Mann, der nicht ihr Vater ist, und der ihr doch so viel bedeutet. Vera erwartet nicht mehr viel vom Leben ist sie doch eine angespülte, die nirgendwo Wurzeln schlagen kann.

 „Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkender auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer, und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzel schlagen konnte, aber doch festwachsen an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos.
Nicht gedeihen, nicht blühen, nur bleiben.“ (Seite 42)

Nach Karls Tod stehen plötzlich ihr Nichte Anne und ihr Sohn vor der Tür. Auch Anne ist ein „Flüchtling“ Sie hat ihren Mann verlassen, weil dieser eine andere Frau liebt und für Anne das Leben in Hamburg einfach unerträglich war. Sie möchte mit ihrem Son Leon bei Vera ein neues Leben beginnen. Doch ist das möglich?

„Sie waren zwei Leute mit einem Kind, lose verhäkelt, drei Luftmaschen.“ (Seite 70)

In diesem Buch wird die Geschichte mehrerer Frauen erzählt, die durch das was sie erlebt haben geprägt wurden. Da ist Hildegard von Kamcken, die mit ihrer Tochter aus ihrer Heimat Ostpreußen fliehen muss. Sie flieht mit ihren Kindern und auf der Flucht stirbt der Sohn.  Schließlich strandet sie mit ihrer Tochter bei Ida Eckhoff. Später heirate sie Karl, Ida Eckhoffs Sohn, der mit einem Trauma aus dem Krieg zurück gekehrt ist. Hildegard verlässt den Hof, heiratet erneut und bekommt eine weitere Tochter.

Vera Eckhoff, bleibt alleine mit ihrem Stiefvater zurück nachdem ihre Mutter den Hof verlassen hat. Sie pflegt den angeschlagenen Vater und kümmert sich um den Hof, studiert nebenher und wird Zahnärztin. Sie erwartet nichts vom Leben.

Anne ist die Tochter von Marlene, Marlene die Tochter von Hildegard und somit die Halbschwester von Vera. Anne hat eine Karriere als Klavierspielern vor sich, da entdecken ihre Eltern plötzlich, dass der Bruder begabter ist. Fortan dreht sich alles nur noch um ihren Bruder und Anne ist auf sich selbst gestellt.

Drei Frauen, drei Schicksale und doch haben sie alle drei etwas Gemeinsames … sie suchen Liebe, Geborgenheit, ein Zuhause. Doch keine von ihnen scheint es wirklich zu finden, den sie müssten dafür etwas verändern … nämlich sich und die erlernten Muster. Muster die Generationen von Flüchtlingen und ihre Nachkommen geprägt haben. Menschen, die ihre Heimat verloren haben und egal wo sie leben, nicht das Gefühl von Heimat haben. Den dazu gehört auch Liebe und Familie.

Vera und Anne wagen sich zögerlich diese Muster zu durchbrechen und finden schließlich einen Anfang, ein Stück Erde, in dem sie verwurzeln können.

„Leon zog unauffällig den Schnuller aus der Tasche und schob ihn in den Mund. Dann lehnte er sich zurück, sein Kopf lag an ihrer Schulter, sie spürte seine weiche Haut an ihrer Wange und sein Haar. Er fühlte sich an wie ein Küken. Vor Veras Augen verschwammen kurz die Buchstaben, (…).
Wie lang war es her, dass sie etwas gestreichelt hatte, das kein Fell trug?
Ihre Hände kannten Rosshaar und Hundefell, tote Hasen und Rehe, den samtigen Pelz der zerbissenen Maulwürfe, die Heinrichs Kater manchmal anschleppte. Sie hatte Karls knochige Schultern unter den Flanellhemden gekannt, die Stoppeln auf seinen Wangen, die sie manchmal berührt hatte, wenn er schlafend auf seiner Bank hing. Sie erschraken fast vor diesem warmen kleinen Jungen. (…)
(…), aber Leon saß ganz still, er hatte die Knie angezogen, und Vera ließ die Hand auf seinem nackten Fuß, fühlte die runden Zehen unter ihrem Daumen und musste sich zusammenreißen, um nicht das ganze Kind an sich zu drücken und ihr Gesicht in seinen weichen Haaren zu vergraben.“ (Seite 125/ 126)

Dieses Buch hat natürlich noch viel mehr zu bieten. An einigen Nebenschauplätzen geht es um die Menschen, die aus der Stadt ausbrechen, und auf dem Land etwas Neues anfangen möchten. Dann gibt es die, die seit Generationen auf dem Land leben und keine Lust mehr darauf habe und lieber in der Stadt das Neue kennen lernen möchten.

Es geht um Alte und Junge, Vergessenes und Neues, Einsamkeit und Familie …

„Eine Weile blieb er stumm, während Vera seine Haare Strähne für Strähne durch den feinen Kamm zog. Dann drehte er sich plötzlich um, strich mit seiner Hand einmal über ihre Wange und sagte:> Mein armes kleines Kind.<
Anne machte das immer, wenn er hingefallen war, Knie aufgeschlagen, Hände aufgeschürft, wenn es nicht mehr blutete, nur noch immer sehr wehtat, sie streichelte ihn dann, mein armes kleines Kind.
Vera war so perplex, sie lachte.
Viel später, als es Nacht war, zog sie die Decke über ihren Kopf, als wieder die Vergessenen durch die Diele gingen. Sie legte sich die Hand an die Wange, einmal nur und auch nur kurz, und sagte, < armes kleines Kind<. Einmal nur und auch nur ganz kurz und danach nie wieder, sie schämte sich noch lange Zeit dafür.“ (Seite 242)

Dieses Debüt der Autorin Dörte Hansen ist einfach wunderschön. Mich hat vor allem die Atmosphäre in diesem Buch begeistert. Ich spürte fortwährend die Stimmungen des Hauses und die der Protagonisten. Es hat etwas wehmütiges, trauriges, aber auch liebevolles, wie sensibles … ein Buch, das mich reflektieren lässt. Wie wichtig es ist, Menschen ein Gefühl von Heimat und Zu-Hause-sein zu geben … gerade in einer Zeit, in der das Thema Flüchtlinge aktueller ist denn je. Wie wichtig Familie ist … Und vor allem, dass es nie zu spät ist alte Muster zu durchbrechen und neu anzufangen.

Unbedingt lesen!!!

„Zwei Türen blieben angelehnt in ihrem Haus, zwei Menschen schliefen, eine alte Frau, ein kleiner Junge. Ein Mensch blieb wach und hütete die Träume.“ (Seite 287)

5 von 5 Sternen

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