Wir alle haben etwas von einem Judas Ischariot in uns

Suhrkamp Fester Einband 335 Seiten Erscheinungsdatum: 08.03.2015 Preis: 22,95 € ISBN: 9783518424797

Suhrkamp
Fester Einband
335 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.03.2015
Preis: 22,95 €
ISBN: 9783518424797

Klappentext
Im Winter 1959/ 1960 beschließt Schmuel Asch, sein Studium in Jerusalem (Thema der geplanten Abschlussarbeit: Judas in der Perspektive der Juden) abzubrechen. Zum selben Zeitpunkt verlässt ihn seine Freundin, um einen früheren Freund zu heiraten. Dazu kommt, dass seine Eltern sich finanziell ruiniert haben und ihn nicht mehr unterstützen können. Daraufhin will Schmuel Jerusalem verlassen. Er entscheidet sich anders, als er eine Anzeige liest, die ihm ein Auskommen in Jerusalem erlaubt, auch wenn er sich verpflichten muss, von seinem Aufenthalt niemandem zu berichten. Die Anzeige führt ihn in das Haus eines eigentümlichen alten Mannes namens Gerschom Wald. Nachts liest er ihm vor und unterhält sich mit ihm – über die Ideale des Zionismus, über jüdisch-arabische Konflikte, kurz: über Gott und die Welt.
Und dort trifft er auf die geheimnisvolle Atalja Abrabanel, deren verstorbener Vater einer der Anführer der zionistischen Bewegung war. Sogleich ist Schmuel gefesselt von der Schönheit und Unnahbarkeit dieser Frau. Nach und nach gelingt es ihm, ihr Geheimnis zu enthüllen – und damit die menschliche Tragödie vor und nach der Gründung Israels im Jahr 1948.

∗∗∗∗∗

Schmuel steht vor den Scherben seines Lebens … seine Freundin hat ihn von heute auf morgen verlassen um einen anderen zu heiraten, seine Eltern sind pleite und können ihm sein Studium nicht weiter finanzieren und mit seiner Abschlussarbeit kommt er auch nicht weiter. Er steht kurz davor Jerusalem zu verlassen. Da liest er eine Anzeige, in der ein „Unterhalter“ gegen ein geringes Entgelt bei freier Kost und Logis gesucht wird. Er macht sich auf den Weg dorthin und triff auf einen eigenwilligen Kauz und einer Frau, von der man nicht so recht weiß wie sie dazu gehört. Schmuel nimmt die Stelle an. Die beiden Männer diskutieren Nacht für Nacht über Gott und die Welt, und mit jeder Nacht mehr verliebt Schmuel sich auch in die schöne Atalja.

„>Um über Jesus den Nazarener zu diskutieren<, sagte Wald bekümmert, >muss sich der Mensch erheben und sich nicht in der Kloake suhlen. Man darf über Jesus streiten, muss es sogar, zum Beispiel über die universale Liebe: Ist es tatsächlich möglich, dass wir alle, ohne Ausnahme, die ganze Zeit unseren Nächsten lieben, auch ohne Ausnahme? Hat Jesus selbst immer alle geliebt? (…)<“ (Seite 76)

Dies ist unter anderem eine der provokanten Thesen, die Amos Oz in seinem Buch aufstellt. Und ehrlich gesagt, auch ich als Christin habe mich das auch schon einmal gefragt. Diskutiert man diese These mit Theologen, Freunden oder dem Nachbar neben an, so wird man viele Antworten und Sichtweisen bekommen … und das ist gut so. Denn Glaube heißt nicht, dass man nicht hinterfragen darf. Amos Oz stellt in diesem Buch einige sehr gewagte und provokante Thesen rund um den Glauben und dessen Entstehung bis hin zum Verrat an Jesus den Nazarener auf. Es sind Thesen, die mich als Christin an manchen Stellen zum schmunzeln gebracht haben, an anderen Stellen zum grübeln.

Neben dem Verrat an Jesus, stellt Amos Oz sich aber auch der geschichtlichen Entstehung und Teilung Jerusalems. Einer Geschichte in der es Parallelen zum Verrat an Jesus gibt.

„(…): Schließlich konnte nicht irgendein beliebiger Mensch morgens in aller Ruhe aufstehen, sich die Zähne putzen, eine Tasse Kaffee trinken und Gott umbringen! Um einen Gott umzubringen, muss der Mörder noch stärker sein als der Gott, und er muss auch unendlich bösartig sein. Jesus von Nazareth, eine göttliche Gestalt voller Wärme und Liebe, wer ihn absichtlich ermordet, war stärker als er und zugleich listig und abscheulich. (…) Wir alle sind Judas Ischariot. Auch nach achtzig Generationen sind wir Judas Ischariot.“ (Seite 48)

Für mich ist dieses Buch eine einzige Offenbarung. Es ist in meinen Augen mit viel Hingabe und Liebe geschrieben worden. Was mich auch irgendwie ein wenig verwundert, da Amos Oz von sich selber behauptet er sei Agnostiker. Ich habe ein Interview mit ihm gelesen, dass mir noch einmal eine andere Sicht auf sein Buch gegeben hat. Aber vielleicht ist es genau das … man muss ein „Zweifler“ sein, um ein solches Buch schreiben zu können.

Was ich persönlich auch sehr interessant finde, ist der Erscheinungstermin (08. März 2015). Er fällt mitten in die Passionszeit. Also der Zeit, in der Jesus Leidensweg beginnt und endet.

„Und Judas, dessen Lebensziel bei diesem Anblick zerbrach, Judas, der verstand, dass er mit eigenen Händen den Tod des Mannes herbeigeführt hatte, den er so sehr liebte und ehrte, verließ den Ort und erhängte sich.“ (Seite 170)

Ich finde dieses Buch sollte jeder lesen, der einen Mehrwert erfahren möchte. Für all die, die nicht beim ersten lesen dieser Rezension denken … och ne ein Buch über Gott und Glaube … denn dieses Buch ist weitaus mehr als das. Es ist eine Geschichte über Israel und die Menschen. Ein Buch über Hoffnung und Verzweiflung.

5 von 5 Sternen

 

 

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