Und am Ende wird alles hell

Antje Kunstmann Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 11.02.2015  Preis: 19,95 € ISBN: 9783956140242

Antje Kunstmann
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
11.02.2015
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783956140242

Klappentext
Da ist das kleine Mädchen, die erste Lüge und das Gefühl von Freiheit. Da ist die Sechzehnjährige, der gnadenlose, dennoch liebevolle Blick auf die Verwandtschaft und die erste sexuelle Erfahrung. Da ist die junge Frau, die sich ein zweites Kind wünscht, und ihr Mann, der diesen Wunsch verweigert. Wie wird man damit fertig, ohne sich zu trennen? Wie kann man Entfremdung überwinden, die Liebe bewahren? Bis ins Alter?

∗∗∗∗∗

„Mein Leben ist ein bunter Teppich, der sich vor mir ausbreitet. Bis jetzt habe ich nur die Rückseite des Teppichs gesehen. Diese vielen bunten Fäden, lauter lose Enden, Knoten und Verknüpfungen, die keinen Sinn ergeben haben. Nichts passte. Aber jetzt breitet sich dieser Teppich vor mir aus. Alle Farben. Sie rauschen durch diese graue Halle wie Flutwellen. Und da ist es. Das Muster. Auf der anderen Seite von all diesen Knoten und Verknüpfungen ergibt sich ein Muster.“ (Seite 99)

Im ersten Abschnitt ist Oda fünf Jahre alt. Sie widersetzt sich das erste Mal den Anordnungen ihrer Großmutter, und als alles aufzufliegen droht, lügt sie. Es ist ihre erste Lüge, und ich als Leser erlebe wie es sich für Oda anfühlt zu lügen.

„Ich sehe den ruhigen Flug des Staubs und denke plötzlich: Das würde ich gern tanzen.
Einfach weil ich dieses sanfte Gleiten und Wirbeln spüren kann. Und irgendwie hat das mit mir zu tun. Der Staub. Und wie er wirbelt. Sollten wir eine Seele haben, dann stelle ich sie mir so vor.“ (Seite 28)

Oda ist sechzehn Jahre alt im nächsten Abschnitt. Ich erlebe eine rebellische Oda und erinnere mich an meine eigene Jugend. Immer contra gegen die Eltern, auch obwohl diese ja eigentlich Recht haben. Aber dennoch, die Devise lautet … immer dagegen sein. Sie hasst die Schule, und möchte am liebsten gleich Tänzerin werden, der Bruder ist doof und die Verwandtschaft einfach nur langweilig und öde.

Auf der Hochzeit ihrer Schwester, zu der sie aus Protest schwarz trägt, stirbt ihre Urgroßmutter. Doch dieser Tag wird zu einem besonderem in Odas Leben. Denn neben den schon erwähnten Ereignissen, hat Oda an diesem Tag ihre ersten sexuellen Erfahrungen.

„Das dunkle, kalte Wasser nimmt mir kurz die Luft zum Atmen. Und dann denke ich, wie dünn die Linien sind. Zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Und dass man die Vorzeichen alle ändern kann. Die für sich. Die für die anderen.“ (Seite 57)

Dritter Abschnitt. Oda ist vierzig Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann Ulf (sie sind jedoch nicht verheiratet) und ihrem kleinen Sohn in einem beschaulichen Heim. Doch zu ihrem Glück fehlt noch ein weiteres Kind. Ulf möchte jedoch kein weiteres Kind haben.

Das stürzt Oda in eine Krise. Sie hinterfragt ihr Leben … ob alle bisherigen Entscheidungen gut so waren … wie es weiter gehen soll … ob es ein weiteres Leben mit Ulf geben kann …

Sie begeht eine folgenschwere Entscheidung …

„Und ich atme einfach nur ein. Und aus. Und ein. Und aus. Und denke, dass so das Leben ist. Ein und aus. Und das alles, was falsch ist, gleichzeitig richtig ist. Und andersherum. Und dass einen niemand sehen kann. Bis man raushat, wie man sich zeigt.“ (Seite 92)

Im letzten Abschnitt ist Oda weit über achtzig Jahre alt. Sie pflegt und begleitet ihren schwerkranken Mann auf seiner letzten Reise. Aber es ist auch noch einmal eine Reise in ihr inneres Ich. Ein Zurückblicken auf ihr Leben. Ihre Entscheidungen. Ihre Liebe. Und dann …

„Es muss die Müdigkeit sein. Meine Gedanken. Sie tragen mich fort. Ich blinzle gegen die Sonne. Es ist nur Müdigkeit. Sein kranker Körper, den ich stützen und halten muss. Baden. Trösten. Lieben. An all den Tagen. Und die Liebe ist wie ein See geworden. Tief. Ruhig. Fast unbeweglich. In vielen Schichten. Warm, kühl. Klar. Immer. Eine Ewigkeit an Wasser. Jahre voller Wasser. Ein See, der fließen kann wie ein Fluss.“ (Seite 243)

Was für ein wundervoller Roman. Voller Poesie, Wärme und Liebe. Am Anfang ist mir Oda noch etwas fremd. Doch mit jeder Seite mehr, sehe ich mich in ihr. Am stärksten verbunden fühle ich mich ihr als sechzehnjährige und als vierzigjährige. Vielleicht liegt es daran, weil ich das Gefühl habe, ich bekomme in einigen Situationen einen Spiegel vorgehalten. Oda ist eine solch reale Person, dass sie auch meine Geschichte erzählen könnte.

Auch die achtzigjährige Oda berührt mein Herz. In ihren Gedanken zum Tod gibt sie mir das Gefühl, dass alles gut wird und dass am Ende, wenn wir gehen … alles hell wird ♥♥♥

„Meine Liebe ist ein See, in den ich springe. Ich sinke durch alle Schichten. Warme und kalte. Bis zum Grund. Dort unten lege ich mich zur Ruhe.“ (Seite 250)

Julia Jessen hat mich mit ihrem Debüt vollkommen überzeugt. Ihr Stil ist eigenwillig. Die Kurzen und prägnanten Sätze treffen mich als Leserin mitten ins Herz. Die Sprache ist voller Poesie, Wärme und Liebe. Ein Buch, das noch lange in mir nachwirken wird und ich kann nur sagen … unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen

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2 Gedanken zu “Und am Ende wird alles hell

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