Die Kraft der Phantasie

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

Klappentext
Chiara stammt aus Castelnuovo in Italien. Warum sie nach Deutschland gekommen ist, geht niemanden etwas an. Jetzt ist sie da und führt das Leben, das ihre Freundin Leonie ihr hinterlassen hat: Chiara wohnt in Leonies Haus auf dem Hügel und hat sogar deren Job übernommen – sie putzt Wohnungen fremder Menschen. Für den Übergang, sagt sie sich, aber dieses Leben gefällt ihr, sie mag es, in das Leben anderer zu schauen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die Wohnung des Herrn Vorden übt dabei eine besondere Anziehung auf sie aus. Und auch Vorden scheint eine tiefe Verbindung zu ihr zu haben – denn jede Woche, wenn Chiara seine Räume betritt, findet sie auf seinem Schreibtisch einen Stapel Blätter mit einer Geschichte. Und jede Woche fragt sie sich, ob der Mann, von dem sie nicht einmal den Vornamen kennt, ihre Gedanken lesen kann. Denn seine Geschichten haben sehr viel mehr mit ihr zu tun, als Vorden eigentlich wissen kann.

∗∗∗∗∗

„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

Chiara verlässt Hals über Kopf ihre Heimat. Es gab einen Vorfall, der sie veranlasst das Land zu verlassen. Da kommt es ihr gerade gelegen, dass auch ihre Freundin Leonie das Land Hals über Kopf verlassen hat. Chiara schlüpft in das Leben ihrer Freundin – lebt in Leonies Haus und übernimmt ihren Job. Das ist ganz einfach, da Leonie als Putzfrau arbeitet. Per Mail informiert sie ihre Kunden, dass ihre Freundin Chiara bis auf weiteres ihre Aufgaben übernimmt.

Zuerst findet Chiara es merkwürdig in den Wohnungen und Häusern fremder Menschen zu putzen. Doch mehr und mehr macht ihr diese Arbeit Spaß. Vor allem stellt sie sich vor wie die Menschen dort leben und was es für Menschen sein könnten.

„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

Von einer Wohnung ist sie ganz besonders angetan. Es ist die Wohnung eines Schriftstellers. In ihr fühlt sich Chiara am wohlsten. Schnell entwickelt sich eine Art von Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich nie persönlich treffen. Immer wenn sie kommt stehen Pralinen, Schokolade und/ oder Obst auf der Anrichte des Kühlschranks. Nach und nach fängt Chiara an und zelebriert ihren Aufenthalt dort. Erst putzt sie die Wohnung, bis auf das Badezimmer und hört dabei die Musik, die gerade im CD-Player liegt. Dann lässt sie sich Badewasser ein, nimmt ein gemütliches Bad, zieht sich Vordens Hemd an, und genießt einen Espresso im Sessel. Danach reinigt sie das Badezimmer, die Kaffeemaschine und verlässt das Haus.

Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

Eines Tages liegen ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch. Neugierig nimmt sie die Blatter nach ihrem Bad und fängt an zu lesen. Chiara glaubt nicht was sie liest und fragt sich woher Vorden das wissen kann … denn sie liest ihre eigene Geschichte …

„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

In wunderschönen, oftmals verschachtelten Sätzen erzählt Thommie Bayer sehr sensibel und poetisch die Geschichte einer Frau, die gezwungen ist einen Neuanfang zu wagen und noch nicht weiß wie er aussehen kann. In Rückblicken erfahre ich, was Chiara dazu bewogen hat alles hinter sich zu lassen. Und je tiefer ich in Chiaras Leben eintauche, desto mehr fasziniert es mich. Aber nicht nur Chiaras Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in Vordens Haus, und vor allen die Geschichten die Vorden schreibt, lassen mein Herz klopfen und regen meine Phantasie an. Woher kann er das wissen, wenn er Chiara nicht kennt? Beobachtet er sie? Was hat Vorden vor? Was passiert als nächstes?

„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

Dies ist ein Buch der Phantasie, es lädt zum Träumen und Verweilen ein … über das Leben, von Neuanfängen,  das Hinter- sich-lassen …

„Weißer Zug nach Süden“  ist wieder eines dieser Bücher die man durch Zufall entdeckt und die sich als wahrer Schatz entpuppen. Es hat mich verzaubert ♥

Unbedingt lesen!!!

Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

 

5 von 5 Sternen

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