… aus „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau

Luchterhand Fester Einband 320 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783630874531

Luchterhand
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783630874531

 

„Er möchte Fotos sehen von hellen Zimmern sehen, anregende Bilder, die nicht nach Problemen und Hindernissen aussehen. Eine Villa aus dem Jahr 1902, weiß verputzt, efeubewachsen, mit altem Baumbestand im Garten. Das Grundstück umfasst über fünftausend Quadratmeter. Sieben Zimmer, Diele, zwei Salons mit Verbindungstür und Kachelöfen, eine große Küche, Terrassentür in den Garten und Kuhweide dahinter. Er stellt sich das vor: früh aufstehen, Teewasser aufsetzen, ins Grün schauen, Frühstück decken, die Räume mit einer großen, lauten Familie füllen, kein Geld für Wegwerfspielzeug ausgeben, die Natur ist der Spielplatz, Solaranlage aufs Dach, Kartoffeln setzen, Kartoffeln ernten.“ (Seite 30)

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„Denn sie hat es doch selbst schon in den Händen gespürt, wollte zugreifen und packen, wenn Matti sie nicht eine Stunde schlafen ließ, Nacht für Nacht, wenn Georg auf reisen war und ihr nicht helfen konnte, Schlafentzug öffnet dunkle, unbekannte Gebiete. Sie ließ den Druck an Gegenständen aus, Tritte gegen den Sessel, die dumpf ins Leder stießen, oder gegen den Wäscheständer, der krachend zusammenbrach, wie dumm, einen Wäscheständer zu treten, wie ergiebig auch, weil es Lärm macht.“ (Seite 60)

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„>Gibt es etwas, das du vermisst, seitdem du hier lebst?< Björn schaut ihn geradewegs an, >Freunde nicht. Die Arbeit nicht. Das Nachtleben auch nicht.< Er überlegt weiter. >Du merkst, ich kann dir nur sagen, was ich nicht vermisse. Im Prinzip vor allem – dieses allgegenwärtige Vergleichen Mich mit den anderen, und umgekehrt. Das bin ich los. Und daraus ergibt sich der Rest.<
>Was meinst du mit Rest?<
>Daraus ergibt sich, dass ich mir nichts mehr kaufen muss. Um dem Vergleich standzuhalten.<“ (Seite 94)

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„Ihn durchströmt ein Hochgefühl. Ja, es fühlt sich gut an, diesen Satz auszusprechen. Wir schaffen es nicht! Vier Wörter, die zu einem Tabu geworden sind. Sie auszusprechen ist verboten, streng, streng, streng verboten. Aber jetzt ist es auch egal. Er kann sich endlich locker machen. Wir schaffen es nicht! Warum mussten sie immer so tun, als wäre es nicht so?“ (Seite 197)

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„Wenn sie für sich spielt, hat sie ihre Hände unter Kontrolle, nein, dann braucht sie keine Kontrolle. Sie löst sich in der Musik auf und wird eins mit dem Cello. Das Zittern ist ihre Schwäche, ihre Schuld, sie entfacht es durch ihre Gedanken, sie bemüht sich nicht genug, ein zuversichtlicher Mensch zu werden. Ein zuversichtlicher Mensch würde nicht mit den Händen zittern.“ (Seite 212)

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„Isabell spricht kaum mit ihm, verschließt sich ihm vorwurfsvoll, weil er ein Versager ist. Er hat das Glücksversprechen gebrochen. Er bringt ihr keine Lösung auf dem Silbertablett, er hat nicht den rettenden Job gefunden, der sie befreien würde, von ihrem Phlegma, ihrer Neurose, oder was sie da mit sich rumträgt. Fragen darf er nicht, nein, auf keinen Fall fragen, es wäre eine Verletzung die sensible Cellistin zu fragen. Selbstverständlich ist er zu blöd oder unsensibel, sie zu verstehen. Er hat es  nicht verdient, dass mit ihm geredet wird.“ (Seite 239)

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„Dann würde sie sich an diesen Nachmittag erinnern, alles noch einmal vor sich sehen, genau hinsehen, wer Georg, Matti und Isabell am heutigen Tag gewesen sind. Sie wird ihr junges Ich neben Georg und dem Kind sehen, dort auf der Decke unter dem Baum, und die Vollkommenheit des Moments erkennen, denn wie vollkommen etwas war, lässt sich oft erst viel später verstehen. Mit der Zeit reifen Momente zu etwas heran, erst dann kristallisiert sich heraus, das war es, das Glück.“ (Seite 300)

 

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