Meine Nacht mit Jasper Gwyn ♥

Hoffmann und Campe Fester Einband  320 Seiten  Erscheinungsdatum: 27.02.2016 Preis: 22,00 € ISBN: 9783455405613

Hoffmann und Campe
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783455405613

Klappentext
Jasper Gwyn, ein berühmter englischer Schriftsteller Anfang vierzig, fasst eines Tages einen weitreichenden Entschluss. In einem Zeitungsartikel listet er die 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt, darunter auch: Bücherschreiben. Gwyns Literaturagent hält die Liste zunächst für einen genialen Werbecoup, bis er feststellen muss, dass es seinem Autor todernst ist. Der beschließt, in seinem neuen Leben als „Kopist“ zu arbeiten und Porträts anzufertigen – dies allerdings nicht mit Pinsel und Palette, sondern in geschriebener Form. Er mietet ein Atelier an, wo ihm fortan Menschen Modell sitzen, die sich später in seinen Porträts gänzlich wiederfinden werden. Bis eine junge Frau auftaucht, die sich den strengen Regeln des Kopisten entzieht ….

∗∗∗

Jasper Gwyn, ein erfolgreicher Autor veröffentlicht eines Tages eine Liste von 52 Dingen, die er nicht mehr machen möchte. Auf dieser Liste steht unter anderem das Schreiben von Büchern. Alle Welt, voran sein Agent ist entsetzt. Wie kann es sein, dass ein erfolgreicher Autor nicht mehr schrieben möchte … Wer jetzt eine Geschichte über die Liste der 52 Dinge erwartet wird enttäuscht.

Es dauert zwei Jahre, drei Monate und zwölf Tage bis man wieder etwas von Jasper Gwyn hört… In dieser Zeit durchlebt er eine Art Entzug. Ein Entzug vom Schreiben. Er textet im Kopf Geschichten …  doch er schreibt sie nicht auf, da dies gegen seinen gefassten Entschluss seiner Liste wäre. Doch irgendwann ist ihm klar, wie er machen kann … das Schreiben und doch nicht Buch schreiben. Er will Kopist werden. Als ich dieses Wort „Kopist“ das erste Mal gelesen habe, konnte ich mir rein gar nichts darunter vorstellen. Doch hier fing für mich dann die stille Faszination der Geschichte an.

„Jasper Gwyn blieb zweiundsechzig Tage in dem kleinen spanischen Hotel, eine angenehme Zeit. Als es ans Bezahlen der Rechnung ging, waren unter den Extrakosten zweiundsechzig Tassen kalte Milch, zweiundsechzig Gläser Whisky, zwei Telefonate, eine gesalzene Rechnung der Wäscherei (hundertneunundzwanzig einzelne Posten) und der Kauf eines Transistorradios verzeichnet – was einen gewissen Eindruck von seinen Neigungen vermitteln mag.“ (Seite 13)

Der Autor Alessandro Baricco nimmt mich als Leserin mit in die Entwicklungsphase von Mr. Gwyn Idee des Kopisten. Er lässt mich teilhaben an Jasper Gwyns Vorstellungen dazu und wie er sich die Tätigkeit und das Umfeld dafür vorstellt.

Es fängt beim Haus an, der Einrichtung, der Musik, dem Licht … Es gibt zum Beispiel ein Kapitel über das Licht/ die Glühbirne, welches für Jasper Gwyn sehr wichtig ist. Und was soll ich sagen, ich habe nicht im Geringsten geglaubt, dass man so liebevoll und wunderschön über Licht/ Glühbirnen schreiben kann. ♥ Das Haus und die Einrichtung wirken am Ende wie eine einzige Komposition.

„Und er erklärte, was ihm gefallen würde, sei ein akustischer Hintergrund, der sich veränderte wie das Licht im Laufe des Tages, nämlich unmerklich und kontinuierlich. Vor allem aber: elegant. Das sei sehr wichtig. Er fügte hinzu, was ihm vorschwebe, dürfe nicht den geringsten Rhythmus haben, nichts sein als ein Werden, das die Zeit aufhebt und einfach die Leere einer ohne alle Koordinaten vergehenden Gegenwart füllt.“ (Seite 65)

Dann endlich porträtiert er das erste Mal. Es ist Rebecca, die Angestellte seines Agenten, die er um diesen Gefallen bittet, da er sich beim ersten Mal ausprobieren möchte. Es gibt bestimmte Regeln für die, die zu Jasper Gwyn kommen um sich porträtieren zu lassen. Die verrate ich an dieser Stelle aber nicht, einzig, dass die Sitzungen täglich von 16.00 Uhr bis 20.00 Uhr sind und das circa 30 Tage lang.

Diese ersten 30 Tage erlebe ich hautnah mit. Und in diesen Tagen geschieht etwas … mit dem der porträtiert, dem der sich porträtieren lässt und mit mir als Leser. Am Ende dieser Tage schreibt Jasper Gwyn dieses Porträt nieder. Auf besonderem Papier mit besonderem Schriftzug und Tinte … und übergibt diese Seiten an Rebecca.

„Jasper Gwyn hatte sich vorgestellt, dass die Leute die beschriebenen Blätter mitnehmen und bei sich zu Hause in einer Schublade aufbewahren oder auf einen Couchtisch legen würden. Wie sie ein Foto aufbewahren oder ein Bild an die Wand hängen konnten. Dies war ein Aspekt der Geschichte, der ihn wirklich begeisterte.“ (Seite 51)

Als Leserin erfahre ich nicht, was er dort geschrieben hat. Das hat mich echt fertig gemacht, wollte ich doch endlich wissen was er entdeckt hat, womit er Rebecca so verändert hat.

Jasper Gwyn porträtiert weitere 10 Menschen und dann passiert es … jemand hält sich nicht an die Vereinbarungen und Jasper Gwyn verschwindet von jetzt auf gleich von der Bildfläche. Rebecca, die nach ihrem Porträt Jasper Gwyns rechte Hand wurde sucht ihn verzweifelt, doch sie kann ihn nicht finden. Eines Tages bekommt sie per Brief Anweisungen das Haus und alles drum und dran aufzulösen.

Es vergehen wieder Jahre, Rebecca führt ihr eigenes Leben, als sie eines Tages auf einen alten Mann stößt, der ihr von einem Buch erzählt. Dieses Buch enthält, was Rebecca sehr irritiert, Ausschnitte aus ihrem Porträt. Doch schnell wird ihr klar, was dies zu bedeuten hat.

„Jasper Gwyn hat mir beigebracht, dass wir keine Figuren sind, sondern Geschichten. Wir begnügen uns immer mit der Vorstellung, eine Figur in wer weiß welcher Abenteuergeschichte zu sein, auch in einer ganz simplen, aber wir müssten einsehen, sagt er, dass wir die ganze Geschichte sind, nicht nur diese Figur. Wir sind der Wald, durch den sie wandert, der Bösewicht, der sie reinlegt, das Durcheinander um sie herum, wir sind alle Leute die vorbeigehen, die Farben von Dingen, die Geräusche.“ (Seite 226)

Und hier verblüfft mich Alessandro Baricco wieder … es gibt ein Buch im Buch, denn die Geschichte um Jasper Gwyn geht ein Stückchen weiter. Alessandro Baricco hatte, wie man im Nachwort lesen kann, Lust eine bestimmte Idee zu verfolgen und Mr. Gwyn eine spielerische nicht allzu gewichtige Fortsetzung geben. Und diese kleine kurze Geschichte wirft noch einmal einen anderen Aspekt auf die gesamte Geschichte.

„Sie erkannten sich in den Ereignissen, die passierten, in den Gegenständen, den Farben, im Tonfall, in einer gewissen Langsamkeit, im Licht und auch in den Figuren, natürlich, aber in allen, nicht nur in einer, in allen gleichzeitig – denn, wir sind eine Menge Dinge, und alle gleichzeitig.“ (Seite 228)

Ich habe eine Nacht mit Jasper Gwyn verbracht … und es war eine der schönsten Nächte in meinem Leben. Was für eine wahnsinnige Geschichte. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch … mir ein Porträt von Jasper Gwyn schreiben zu lassen. Dies ist eines der ungewöhnlichsten und besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.

Chapeau Alessandro Baricco ♥♥♥

5 von 5 Sternen

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar!

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Ein Gedanke zu “Meine Nacht mit Jasper Gwyn ♥

  1. Es gibt sie immer wieder, Geschichten die verblüffen, uns tragen in eine Welt, in der wir am Ende, mitten in ihr verweilen.
    Und sogar mal eine Nacht mit ihr verbringen 😉
    Wieder sehr toll geschrieben.

    Gefällt 1 Person

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