Das Leben will riskiert werden

Aufbau TB Flexibler Einband 240 Seiten Erscheinungsdatum: 17.06.2016 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746632254

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Klappentext
Nach dem Tod ihrer Mutter Ria kehrt Juli aus den USA zurück in die westfälische Provinz, wo ein altes Haus und ein Brief ihrer Mutter Ria auf sie warten. Rias letzte Worte sind schonungslos, und Juli ist schockiert: Ihre Mutter urteilt über ihr Leben, obwohl sie sie doch gar nicht kannte. Es braucht viele Stunden, Begegnungen, Feste und Streits, bis Juli erkennt, dass ihre Mutter vielleicht Recht haben könnte. Aber was ist das Beste für Juli? Als sie schon ihre Entscheidung gefällt hat, trifft sie auf den Dorfarzt Jan, den sie bereits aus Kindertagen kennt und eigentlich unausstehlich fand.

∗∗∗∗∗

Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

Juli lebt in Amerika und bekommt eines Tages einen Anruf ihres Onkels, der ihr mitteilt, dass ihre Mutter Ria verstorben ist. Ria fliegt zurück in ihr Heimatdorf Beekelsen um die Beerdigung und den Nachlass der Mutter zu organisieren.

Julis und Rias Verhältnis war nicht das Beste. Juli ist eigentlich bei ihrer Großmutter aufgewachsen, da Ria kurz nach Julis Geburt in die weite Welt gezogen ist. Sie ist vor der Verantwortung mehr oder weniger geflohen. Ihren Vater kennt Juli nicht. Also wächst Juli bei ihrer Großmutter in Beekelsen auf. In einem kleinen westfälischen Ort, in dem jeder jeden kennt.

Aber auch Juli kehrt diesem Ort irgendwann den Rücken und kommt nur zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück. Ria lebt mittlerweile im Haus der Großmutter. Sie scheint angekommen zu sein … im Leben und in Beekelsen. Und nun ist Ria tot und Juli muss sich um alles kümmern. Was wird aus dem Haus? Kommt ein Leben in Beekelsen für sie in Frage?

Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

Dies ist der zweite Roman von Christina Beuther. Ihr Debüt „Aber so was von amore“ hatte mir sehr gut gefallen, umso gespannter war ich auf den neuen Roman. Der Titel „Ist das jetzt schon Liebe?“ hört sich erst einmal noch einem leichten Liebesroman an. Doch in der Geschichte um Juli steckt viel mehr drin.

Es ist die Geschichte von zwei Frauen … Ria und Juli … die jede zu ihrer Zeit aus dem kleinen westfälischen Dorf ausbricht. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt, und der den beiden Frauen irgendwann zu eng wird. Sie suchen in der Welt ihren Platz, ziehen dabei ruhe- und rastlos von einem Ort zum anderen, nicht in der Lage wirkliche Heimat zu finden. Beide sind nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen, harren manchmal in Beziehungen oder Orten aus, obwohl sie diese Gedanklich schon verlassen haben.

Eine zentrale Frage ist … was ist Heimat? Was bedeutet Heimat? Ist es ein Ort, ein Gebäude oder eher ein Gefühl?

„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

Ein weiterer zentraler Gedanke des Buches ist die Entscheidung. Die Entscheidung wie etwas weiter gehen kann. Die Angst sich falsch zu entscheiden hemmt viele Menschen sich überhaupt zu entscheiden. Sie überlegen ewig bis sie sich entscheiden und dann sind sie sich immer noch nicht sicher. Juli und Ria sind solche Menschen. Aus Angst vor falschen Entscheidungen verpassen sie das eigentliche Leben. Sie sind in sich selbst gefangen, unfähig den Augenblick zu genießen.

„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

Was für ein wunderschöner Roman. Beim Lesen bin ich oft in meine eigene Kindheit zurück katapultiert worden. Wörter wie „Ado mit der Goldkante“, „Genever“ oder „Saurer Apfel“ haben mich an meine eigene Jugend in einem kleinen „vermieften“ Dorf erinnert. Verzeiht mir diesen Ausdruck, aber so habe ich früher darüber gedacht. Die Enge des Dorfes, die Dorfgemeinschaften, dieses Jeder kennt Jeden und einmischen aller in persönliche Dinge, all diese Dinge die Juli in Beekelsen erlebt, kommen mir sooooo bekannt vor. Darum kann ich auch Ria und Juli verstehen. Kann verstehen, dass sie aus diesem „Mief“ raus wollten. Raus in die große weite Welt. Aber auch sie mussten lernen, dass da draußen nicht alles so toll ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Irgendwann bemerken sie, dass ihnen etwas fehlt … ein Stück Heimat. Und da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage … was ist Heimat?

Dieser neue Roman von Christa Beuther hat so viel mehr zu bieten als nur eine Liebesgeschichte. Es ist ein wundervolles Buch über die Such nach Heimat und Geborgenheit.

Übrigens, während man dieses Buch liest, sollte man unbedingt einen Zettel neben dem Buch liegen haben, denn Christian Beuther verrät uns in der Geschichte jede Menge köstliche Rezepte, die einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
kein Augenblick, kein Moment
kann sich je wiederholen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
wir können nicht zurück,
und warum sollten wir auch?“ (Bosse „Schöne Zeit“ Seite 6)

In diesem Sinne … Danke liebe Christina ♥♥♥

 

5 von 5 Sternen

 

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