Von Vätern, Söhnen und Brüdern

Diogenes Flexibler Einband  352 Seiten  Erscheinungsdatum: 25.05.2016  Preis: 16,00 € ISBN: 9783257300352

Diogenes
Flexibler Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.05.2016
Preis: 16,00 €
ISBN: 9783257300352

Klappentext
Die Brüder Marco und Andrea sind im Leben gegensätzliche Wege gegangen. Andrea suchte Sicherheit und fand sie in der Ehe mit Daniela und einem gutbezahlten Job. Marco suchte das Abenteuer bei den Frauen und im Beruf und betreibt nun ein Restaurant in London. Kaum zu glauben, dass die beiden früher ein Zimmer teilten und gemeinsam die Hits der achtziger Jahre hörten.
Dieses Kinderzimmer betreten sie nun wieder öfter. Denn ihr Vater ist krank. Heimzukehren fällt Marco nicht leicht. Es scheint ein Weg in die Enge der Kindheit zu sein, in längst überwundene Zeiten. Doch mit Hilfe von Isabella, Marcos erster Liebe, finden die Brüder nicht nur einen neuen Zugang zum Vater, sondern auch zueinander.

∗∗∗∗∗

„Um sein wahres Ich zu finden, musste er von zu Hause weg, aus diesem Leben aussteigen, das ihn lähmte, erdrückte und einschränkte. In seinem gegenwärtigen Leben hatte sein wahres Selbst keine Chance. Er musste weg von diesen Verhaltensweisen, die ihm fremd waren, von der eigenen Wut, die ihn zu zerstören drohte. In diesem Unbehagen kam eine Seite von ihm zu tragen, die immer weiter hinab wollte, bis auf den Grund, um herauszufinden, wie tief das Gefühl von Leere reichte.“ (Seite 93)

Die Brüder Marco und Andrea sind so grundverschieden und dennoch teilen sie in ihrer Jugend ein Zimmer. Andrea, der Kluge stets lernende junge Mann und sein jüngerer Bruder Marco, der immer für Ärger sorgt. Nach dem Tod der Mutter in ihrer Jugend gehen sie getrennte Wege. Marco flüchtet sich in die Welt  und in die Arme viele Frauen, unfähig sich zu binden oder an einem Ort zu bleiben. Andrea bleibt erst bei dem Vater, später heiratet er und lebt mit seiner Frau in der Nähe des Vaters. Beide sehnen sich irgendwie nach dem was der andere hat, doch beide bleiben in ihren Leben erst einmal gefangen.

„Das unablässige Warten auf eine Zukunft voller Verheißungen, eine Zukunft mit den tollsten Abenteuern und den faszinierendsten Frauen, war in Wahrheit nur eine Illusion, eine Lüge, ein ewiger Selbstbetrug, das Resultat eines Mechanismus, der seit je sein Leben bestimmt. Er begriff, dass er alles andere war, als ein freier Mann. Was er für Freiheit gehalten hatte, war gar keine. Es war eine Pseudofreiheit, denn faktisch hatte er gar nichts im Griff: weder seine gegenwärtige Lage noch sein Leben und schon gar nicht seine Entscheidungen. Vielmehr entschieden die Situationen, die Gelegenheiten und Versuchungen für ihn. Er wurde von der Strömung herumgewirbelt, er flog nicht frei wie ein Vogel, der selbst die Route und die Richtung wählte, er war wie ein Stück Papier, das im Wind flatterte. Er hatte im gedacht, er sei ehrlich, weil er immer erklärt hatte, wer er war, doch in Wirklichkeit war das die Treue zu seiner Rolle, die er sich selber ausgesucht hatte, die Treue zu einer Maske.“ (Seite 391)

Dann erkrankt der Vater schwer, und Marco fährt in seine Heimat. Dort wühlen ihn die Erinnerungen an sein früheres Leben auf. Auch die alten Konflikte mit seinem Bruder flammen wieder auf. Doch beide versuchen dem Vater zuliebe ihrer Streitigkeiten zu unterbinden. Und es scheint zu klappen. Die beiden Brüder schaffen es sich anzunähern und erfahren Dinge voneinander, die der andere nicht wusste oder ahnte. Dann stirbt der Vater und ihre soeben gegenseitig erlangtes Vertrauen droht wieder zu zerfallen …

Der Tod des Vaters bedeutete auch das Aus für alte, eingefahrene Verhaltensmuster: mit dem Vater verlor er eine zentrale Bezugsperson, vor allem aber die Person, auf die man alle Schuld und alle Verantwortung abwälzen konnte. Den idealen Sündenbock für all seine eigenen Schwächen. Schlagartig offenbarte sich ihm die erschütternde Erkenntnis, dass auch er nun kein Sohn mehr war, sondern einfach nur ein Mensch. Ihn überkam ein Gefühl grenzenloser Leere. Nun musste er sein Leben, seine ganze Existenz neu erfinden. Die alte Schablone passte nicht mehr auf die neue Situation.   “ (Seite 368)

Ich gestehe, ich liebe die Bücher von Volo. Vor Jahren habe ich „Noch ein Tag und eine Nacht“ gelesen. Mein erstes Buch von dem Autor. Danach war ich ihm verfallen.  Nicht nur, dass Volo eine phantastische Schreibe hat, nein, auch seine Geschichten haben es in sich. Scheinbar einfachen Themen nähern sich seine Protagonisten mit philosophischen Ansätzen. So auch im aktuellen Buch.

Hier geht es erst einmal um die Vater-Sohn-Beziehung. Beide Söhne versuchen es dem Vater recht zu machen. Nach dem Tod der Mutter muss sich der Vater um die Söhne kümmern. Doch er ist damit vollkommen überfordert. Marco flieht aus diesem „Gefängnis“ und Andrea heiratet und bleibt in der Nähe und kümmert sich. Doch als der Vater erkrankt, ist es Marco, nach dem der Vater zuerst ruft.

Des Weiteren geht es um die Brüder. Sie sahen und sehen sich als Konkurrenten. Schon von klein auf haben sie erst um die Gunst der kranken Mutter gebuhlt und später um die des allein erziehenden Vaters. Dabei kommt es immer und immer wieder zu Rangeleien und Streitigkeiten zwischen den Brüdern, bis Marco schließlich aus dem Elternhaus ausbricht. Als der Vater erkrankt treffen die beiden Brüder wieder aufeinander. Alte Streitigkeiten, Rivalitäten und Eifersüchteleien schwappen wieder an die Oberfläche.

Und letztendlich geht es auch um die Liebe und von der Suche nach dem Ich.

„Was macht einen Menschen aus? Die Art, wie er geht, wie er sich bewegt, wie er über Pfützen springt. Wie er redet, was er sagt und was er nicht sagt. Wie er zuhört, was er denkt. Die Art, wie er lacht, wie er sich aufregt. Wie er liebt, wie er küsst, wie er umarmt. Wie er schwitzt.
Ein Mensch besteht aus seinem Geruch, seinem Duft, daraus, wie er Auto oder Fahrrad fährt, aus der Miene, die er aufsetzt, wenn er mit einem Blumenstrauß in der Hand unterwegs ist. Daraus, wie er sich im Spiegel betrachtet, wenn er allein im Aufzug steht. Wie er den Kopf zurück wirft, wenn er in Lachen ausbricht, wie er sich weinend nach vorne beugt, wenn ihm der Bauch weh tut. Ein Mensch ist, was er ist, was bleibt und was verschwindet. Und eine Menge anderer Dinge, die seine Welt ausmachen, ihn auf Trab halten und eines Tages mit einem Klick nicht mehr da sind. Und wenn er gut war, hat er irgendetwas, ein winziges Stück von sich selbst an die weitergegeben, die bleiben.“ (Seite 339)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, weil es einmal nicht ein „Frauenthema“ behandelt, sondern es um Väter, Söhne und Brüder geht. Wie schon erwähnt, hat mich Volo wieder mit seiner Sprache verzaubert. Er schafft es einem schwierigen Thema mit  seiner Sprache eine gewisse Leichtigkeit zu geben ohne jedoch platt zu wirken. Volos Bücher lassen mich immer nachdenklich zurück. Auch dieses … Was macht einen Menschen aus? Was macht mich aus? An wen kann ich was weiter geben? …

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen

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3 Gedanken zu “Von Vätern, Söhnen und Brüdern

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