Zu viel ist zu viel …

Luchterhand Fester Einband 640 Seiten Erscheinungsdatum: 08.03.2016  ISBN: 9783630874876  Preis: 24,99 €

Luchterhand
Fester Einband
640 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.03.2016
ISBN: 9783630874876
Preis: 24,99 €

Klappentext
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den Gutshäusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

∗∗∗∗∗

Was Dorfangelegenheiten betraf, gab es eigentlich nur ein Rezept: Raushalten.“ (Seite 140)

Zuerst einmal muss ich vorweg schieben, dass ich dieses Buch eigentlich auf Grund seines Umfangs nie gelesen hätte. Da aber die Frauen aus meinem Lesekreis es unbedingt lesen wollten, haben wir es  über die Sommerferien gelesen.

Ehrlich gesagt, war ich überrascht, wie schnell ich dieses Buch durch gelesen habe. Juli Zeh hat alle Personen hervorragend herausgearbeitet. Das hat mich wirklich begeistert. Es hätten Menschen aus der Nachbarschaft sein können. Und hier kommt mein großes Aaaaber …

„Vielleicht dachte Arne, wurden Gefühle einfach nicht so alt wie Menschen. Ab einem gewissen Alter lebten Ehepartner wie Mitbewohner in einer WG, falls sie nicht längst geschieden waren. Kinder und Eltern hörten auf, einander zu mögen, besuchten sich trotzdem und waren froh, wenn der andere wieder verschwand. Freunde verloren sich aus den Augen, Nachbarn verwandelten sich in Feinde. Liebschaften wurden lästig, alte Schulkameraden peinlich, und selbst ein Haustier fing irgendwann an zu nerven. Jenseits von jugendlichen Leidenschaften begegnete man der Welt am besten mit gut gekühltem Pragmatismus.“ (Seite 441)

… das was in diesem Buch/ in dieser Geschichte geschieht erlebe ich in ähnlicher Form tagtäglich direkt vor meiner Haustür.

Ich lebe in einem kleinen Dorf mit ca. 120 Menschen.  Bei uns gibt es zwar keinen Grombowski oder Kron, dafür aber ein sogenanntes „Dreigestirn“ die hier den Ton angeben. Es werden keine Reifen an der Grundstückgrenze verbrannt, sondern Plastikmüll . Es wird gemauchelt, geratscht und getratscht. Ein Dorf hat einen ganz eigenen Mikroorganismus. Und wer in einem lebt, muss das  ich auch noch lesen. In so fern war Zehs Roman ein Abklatsch meines direkten Umfelds. Für Stadtmenschen mag das Leben in Unterleuten, so wie es Zeh beschreibt faszinierend sein, vielleicht sogar unvorstellbar.

“ (…), dass die wahre Geißel der Menschen Langeweile hieß. Langeweile verdarb den Charakter. Sie weckt die Sehnsucht nach Skandalen und Katastrophen. Friedliche Menschen verwandelten sich in Schandmäuler, die anderen Böses wünschten, nur damit sie etwas zu besprechen hatten. Im Kampf gegen die Langeweile entschied sich, ob man als Teufel oder als Engel durch Leben ging.“ (Seite 509/510)

Ich denke zwei Faktoren machen dieses Buch so erfolgreich. Zuerst einmal die wirklich hervorragend herausgearbeiteten Charaktere und zum anderen das ganze Drumherum. Das fängt damit an, dass Zeh, bevor sie Unterleuten schrieb ein ganz anderes Buch geschrieben hat. Sie hat unter dem Pseudonym Manfred Gortz das Buch „Dein Erfolg“ geschrieben, welches im Goldmann Verlag erhältlich ist. Aus dieses Buch wird in Unterleuten ständig zitiert. Doch damit nicht genug. Verschiedene Menschen aus Unterleuten haben Facebookprofile, die Kneipe und der Vogelschutzbund sogar eigene Internetauftritte. Da frage ich mich als Leserin … brauche ich das wirklich alles? Braucht das Buch/ die Geschichte das?

Ganz ehrlich … mir ist das zu viel. Ein Buch/ eine Geschichte lebt für mich von meiner eigenen Vorstellung. Wenn ich lese, entwickeln sich die Menschen im Buch mit jeder Seite, die ich mehr lese. Sie nehmen Formen an, werden zu dem was meine Vorstellung aus ihnen macht. Juli Zeh nimmt mir das mit ihrer ganzen Maschinerie um Unterleuten aus der Hand. Durch Facebookprofile und Internetauftritten drückt sie den Menschen aus Unterleuten ein Profil auf und nimmt mir damit die Chance mir meine eigene Welt zu erlesen.

Schade, sehr schade!

 

3 von 5 Sternen

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11 Gedanken zu “Zu viel ist zu viel …

  1. Ui, ich kann deine Meinung zu dem Buch durchaus verstehen! Ich komme vom Dorf und habe auch so einige Personen in Unterleuten wiederentdeckt. Aber anscheinend habe ich dahingehend etwas Abstand durch Umzug bekommen. Aber tatsächlich erinnere ich mich jedesmal auf die Fahrt zu meinen Eltern nun an das Buch 😉

    Was mich aber an dem Buch störte waren die vielen Personen. Das kann aber auch echt DAS Hörbuchproblem überhaupt sein. Wenn man nichts nachlesen kann und einzelne Personen nachlesen kann.

    Daher war mir auch dieser Fakt mit den zusätzlichen Facebook/Internetseiten sehr neu. Hätte ich so nicht erwartet. Das ist eigentlich kein Buch für so einen Schnick-Schnack.

    Danke für deine tolle Rezi!

    LG

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  2. Was für eine ehrliche Rezension, Daumen hoch.!.
    Wir erleben eine patriotische Leserin, die sich ihre Geschichten selbst erhalten möchte.
    Aber hoffentlich wird in deinem Dorf diese Abhandlung ohne Folgen bleiben ; -)

    Gefällt 1 Person

  3. Für mich war es das erste Buch der Autorin, dass mich überzeugt hat! Ich fand es spannend, lustig und die Figuren gut gezeichnet. Aber wenn das quasi alles Nachbarn von dir sind, würde ich schnellstens umziehen an deiner Stelle…

    Gefällt 2 Personen

  4. Schade – ich habe es sehr gerne gelesen, gerade wegen der tollen und glaubwürdigen Figuren. Das ganze Drumherum ist zwar eine ganz interessante Marketingkampagne, aber es ist ja niemand gezwungen, die Links anzuklicken; ich habe das Buch im Urlaub gelesen und blieb deshalb gezwungenermaßen ohnehin offline.

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