Von Traditionen und Mythen

Aufbau Verlag Fester Einband  444 Seiten  Erscheinungsdatum: 17.10.2016  Preis: 21,95 Euro ISBN: 9783351036461

Aufbau Verlag
Fester Einband
444 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.10.2016
Preis: 21,95 Euro
ISBN: 9783351036461

Klappentext
1999 in North Dakota. Ein goldener Herbstnachmittag, ein Hirsch, ein Schuss, ein toter Junge. Nichts wird je wieder so sein, wie es einmal war.
Nachdem Landreaux und Emmaline in einer Schwitzhüttenzeremonie ihre Vorfahren befragt haben, bringen sie ihren jüngsten Sohn LaRose zu Dustys Familie: dem verschlossenen Vater Peter, der seit Dustys Tod völlig vernachlässigten 9-jährigen Maggie und der psychisch labilen Mutter Nola. Tatsächlich gelingt es dem sanften Jungen, die in Trauer, Zorn und Verzweiflung erstarrten Herzen zu öffnen und die beiden einst befreundeten Familien einander wieder anzunähern. Indes schmiedet der verschrobene Einzelgänger Romeo, der mit Landreaux eine uralte Rechnung offen hat, einen irrwitzigen Racheplan.

∗∗∗∗∗

Das Gerüst der Geschichte ist schnell erzählt. Bei einem Unfall kommt der 5-jährige Dusty ums Leben. Landreaux, sein Onkel, hat ihn aus Versehen erschossen. Dustys Eltern Peter und Nola, so wie die Schwester Maggie erstarren vor Trauer. Landreaux und seine Frau Emmaline beschließen einer alten Tradition zu folgen und geben ihren 6-jährigen Sohn LaRose der trauernden Familie. Er soll dafür sorgen, dass Dustys Familie ihren Schmerz überwinden kann.

„Er hatte von solchen Adoptionen in den alten Zeiten gehört, als Krankheiten und Morde manche Familien zerstörten und andere verschonten. Es war eine uralte Form der Gerechtigkeit. Eine Geschichte, und Geschichten berührten ihn.“ (Seite 47)

Zu Anfang der Geschichte habe ich oft gedacht was für eine Tragödie. Der Onkel erschießt den Neffen und fühlt sich, obwohl es ein Unfall war, schuldig. Die Eltern von Dusty, Nola und Peter, verlieren sich in ihrer Trauer. Nola verzweifelt am Leben und Peter ist voller Hass. Als Landreaux und Emmaline dann beschließen ihr jüngstes Kind LaRose, zerbricht Emmaline  fast an dieser Entscheidung. Und LaRose … versteht am Anfang gar nicht, warum er nun bei einer fremden Familie leben soll. Doch je weiter man liest, desto klarer wird dieses Geflecht aus Wut, Trauer, Schuld und Sühne.

Vor allem LaRose hat eine besondere Rolle in dieser Geschichte. Er ist der fünfte, der den Namen LaRose trägt. Vor ihm haben jedoch nur Frauen diesen Namen getragen, doch allen LaRoses wird eine besondere Fähigkeit zugeordnet … sie können die Geister ihrer Urahnen sehen.
Als LaRose in die neue Familie kommt, kann er jedoch nicht verstehen, warum seine Mutter ihn weg gibt. Erst im Laufe der Zeit ahnt er, was seine Aufgabe ist. Er soll alle Beteiligten wieder zueinander führen.

„Dauernd sammelst du Steine. Was soll mir der bitte nützen? Sie ließ den Kiesel fallen. Wir müssen auf sie aufpassen. Wir müssen sie aufhalten!
Ich weiß, sagte LaRose. Er nahm ihre Hand, öffnete sie und legte den Stein wieder in ihre Handfläche. Das ist ein Aufpasserstein. Wenn ich aufpassen soll, gibst du ihn mir. Und wenn du aufpassen sollst, kriegst du ihn.“ (Seite 271)

Was auf den ersten Blick wie eine klar konstruierte Geschichte aussieht ist in Wahrheit ein Geflecht aus dem wahren Leben, Traditionen und Mythen. Und je weiter ich gelesen habe, um so mehr hat mich diese sehr eigene Welt der Indianer fasziniert. An manchen Stellen habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss mit solchen Traditionen und Mythen aufzuwachsen. Es verbindet die Menschen innerhalb einer Familie, aber die Menschen außerhalb haben für viele Entscheidungen kein Verständnis. So erging es mir ja auch … ich konnte überhaupt nicht verstehen, wie man ein kleines Kind, sein eigen Fleisch und Blut, in eine andere Familie geben kann. Was macht das mit einem Kind? Mit einem selbst? In Erdrichs Roman bekommt man einen Einblick in dieses Geflecht … und auch ein Gefühl dafür warum diese Menschen so handeln wie sie handeln …

„Maggie verbiss sich ihre Worte. Sie sagte nicht, dass es ihr leidtat, aber tat ihr ganz furchtbar leid. Es tat ihr leid, dass sie nie etwas richtig machte. Es tat ihr leid, dass sie ihrer Mutter nicht bieten konnte, was sie brauchte. Tat ihr leid, dass sie ihr nicht helfen konnte. Tat ihr manchmal auch leid, dass sie Nola in der Scheune überrumpelt hatte. Leid, leid, leid, dass sie so etwas denken konnte. Dass sie böse war. Dass sie nicht in jeder Sekunde für das Leben ihrer Mutter Dankbarkeit empfand. Es tat ihr leid, dass LaRose der Liebling ihrer Mutter war, dabei war er auch ihr eigener. Tat ihr leid, dass sie ständig daran dachte, wie leid es ihr tat, und dass sie all ihre Zeit mit diesem Gefühl verschwendete. Vor dieser Sache mit ihrer Mutter hatte Maggie nie irgendwas leidgetan. Sie sehnte sich so sehr danach zurück.“ (Seite 283/ 284)

Mich hat dieser Roman tief bewegt. Erdrich zeichnet ihre Charaktere mal sehr liebevoll, dann wieder sehr distanziert. Immer so, wie es die Situation gerade braucht. Jeder einzelne Charakter hat mich berührt. Ich konnte den Schmerz, die Wut und die Trauer von Dustys Eltern spüren. Landreaux Schuld lag auch mir schwer auf den Schultern. Emmalines Zerrissenheit ob es richtig ist LaRose der anderen Familie zu geben, hat auch mich zerrissen. Und LaRose … LaRose ist der Liebling aller, weil er etwas ganz besonderes ist …

Unbedingt lesen!

5 von 5 Sternen

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