William James Sidis – ein Wunderkind, das keins sein wollte

Diogenes, ISBN: 9783257069983, Preis: 25,00 Euro

Rückentext
Boston, 1910. Der elfjährige William Sidis wird von der amerikanischen Presse als „Wunderjunge von Harvard“ gefeiert. Sein Vater, Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen überragenden Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

„Boris war ein Idealist gewesen, ein Weltverbesserer, mit jeder Faser seines Herzen. Er wollte die Menschheit von ihrer schlimmsten Seuche befreien, der Dummheit, und somit zugleich vom verrohten Sohn der Dummheit, dem Krieg. Dafür hatte er gelebt. Und als er glaubte, den universalen Impfstoff gegen Dummheit entdeckt zu haben, nämlich seine Erziehungsmethode (…)“ (Seite 488)

Als 18jähriger kommt der Urkrainer Boris Sidis 1886 in New York an. Ohne einen Cent betritt er das neue Land, von dem er sich eine Zukunft erhofft. Boris spricht über 20 Sprachen, doch kein Englisch. Er bekommt einen Job, und dank seiner „Sucht“ nach Bildung, lernt er schnell die Sprache und gibt später sogar anderen Einwanderern Sprachunterricht. Boris ist davon überzeugt, dass jeder noch so unbedeutende Mensch etwas ganz großes werden kann, wenn er bereit ist zu lernen. Alles aus sich herauszuholen. Boris selbst entscheidet sich irgendwann Psychologe zu werden, weil ihn das Gehirn und die damit Verbundenen Fähigkeiten fasziniert. Boris Sidis ist davon überzeugt, dass ein spezielles Programm die Leistungsfähigkeit des Gehirns schon im Säuglingsalter geschult werden kann. Er entwickelt die Sidis-Methode.

„In Sarahs Vorstellung war Bildung genau das: sich Fertigkeiten aneignen, die das Leben erleichtern. Und weil ihr Leben so schwer war, sehnte sie sich nach Erleichterung, also nach Bildung. Mit Liebe zum Wissen, mit Freude an der Erkenntnis, mit Lernen um des Lernen willen hatte ihr Bildungsdrang nichts zu tun.“ (Seite 64)

Sarah wächst in einer großen Familie auf und muss sich immer um die Kleinsten kümmern. Schon früh lernt sie für die Familie zu sorgen. Sarah ist wie Boris aus der Ukraine emigriert und hat keine Schulausbildung. Eines Tages trifft Sarah auf Boris, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Und Boris sieht in ihr das perfekte Versuchskaninchen. Er nimmt sich vor, Sarah so zu fördern und zu unterrichten, dass sie Medizin studieren kann. Und was  eigentlich sehr unwahrscheinlich scheint, gelingt. Außerdem verliebt sich Sarah in Boris. Sie heiraten und kurz darauf kommt William zur Welt.

„Nein. Erziehung ist die Hilfe, die Kinder von Erwachsenen bekommen müssen, um ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Alle Eltern wissen, dass ihr Kind körperlich zurückbleib, wenn sie ihm nicht genug Nahrung geben. Um die Ernährung seines Gehirns kümmern sie sich seltsamerweise viel weniger. Die Folgen kann man überall beobachten. Es gibt jede Menge kleinwüchsige, körperlich unterentwickelte Menschen, die als Kind zu wenig zu essen hatten. Aber was es noch viel häufiger gibt, das sind geistige Krüppel. Es sind so viele, dass es kaum jemandem auffällt, wie schlecht ihr Kopf funktioniert, weil die allermeisten anderen genauso verkrüppelt sind. Ist das nicht ein Jammer? Kein Organ, kein Muskel, kein einziger Teil des Körpers wird so schlecht trainiert wie ausgerechnet das Gehirn. Da hat die Natur dem Menschen ihr größtes Wunderwerk geschenkt, und was macht er damit? Er lässt es verfaulen und verrotten.“ (Seite 157/ 158)

William wird vom ersten Tag seiner Geburt an von seinen Eltern Boris und Sarah unterrichtet. Das fängt im Kleinen an … Boris läuft ums Bett mit einem Glöckchen, damit William schon früh seine Aufmerksamkeit fokussiert. Und so geht es weiter und weiter … William überspringt Schulklassen, studiert früh und wird als „Wunderkind von Harvard“ gefeiert. Kein einfacher Weg, auch nicht für seinen Vater Boris, der sich immer und immer wieder mit einem sperrigen Schulsystem auseinander setzen muss. Irgendwann hat William genug und flieht aus seinem Leben. Er will nicht immer von allen Menschen „gebraucht“ werden. Er möchte sein Leben leben, auch wenn er am Anfang keine Ahnung hat, wie es aussehen soll. Er weiß nur ein, er will nicht mehr dieses Wunderkind sein. Er will William sein, ein junger Mann, der ein selbstbestimmtes Leben führen möchte. Doch kann er da schaffen?

Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“ (Seite 473)

Was für grandioses Debüt!!! Ich bin hin und weg. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich keine „dicken“ Wälzer lese. Doch dieses Buch hatte mich von der ersten bis zur letzten Seite im Griff. Klaus Cäsar Zehrer schafft es mit einer unendlichen Leichtigkeit die Familiengeschichte der Sidis zu erzählen. Einer Familie, der Bildung unendlich wichtig war. Ich bekam einen Einblick über die Möglichkeiten der Manipulation und des Gehirntrainings.

Schon im ersten Kapitel, dem Kapitel in dem Boris in Amerika ankommt und wie er sich dann bildet und immer weiter bildet, mit welcher Verbissenheit er gegen die „Verdummung“ der Menschen kämpft ist schon echt krass. Ich habe ihn irgendwie für seinen Ehrgeiz bewundert. Und vieles scheint auch schlüssig und nachvollziehbar zu sein.

Als dann William geboren wird, bekomme ich das erste Mal ein beklemmendes Gefühl. Und eine Frage taucht in meinem Kopf auf … wie kann man einen so kleinen Wurm schon so triezen. Statt Gefühle werden Sprachen und Formen, Zahlen und Wörter dem kleinen Jungen eingetrichtert. Jetzt fällt mir beim Lesen etwas auf … Boris fehlt es an Empathie … jeglicher Empathie. Und William? Auch ihm scheint sie zu fehlen.

An vielen Stellen im Buch habe ich mich gefragt, darf man seinem Kind so etwas  machen?  Darf mein ein Kind/ einen Säugling mit solch einer Methode „fördern“? Nie wird William gefragt, ob er das möchte. Der Ehrgeiz seines Vaters ist so groß, und die kindliche Stimme so klein. Aber auch in unserer heutigen Welt ist es oft der Ehrgeiz der Eltern, der das Leben der Kinder bestimmt.

Irgendwann verlässt William seine Familie und das Leben des Genies. Ich habe so sehr gehofft, dass er nun ein „normales“ Leben führen kann. Doch leider holt ihn „das Genie“ immer und immer wieder ein. Mir hat William einfach nur noch leid getan. Was für ein armer Mensch. Er wollte einfach nur leben, ein einfaches Leben, doch die Menschheit hat ihn bis zur letzten Sekunde nicht in Frieden gelassen.

„Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist.“ (Seite 590)“

Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Familiengeschichte, eine Geschichte über Bildung,  sehr anschaulich, leicht und überaus spannenden sowie informativ. Da fliegen 650 Seiten nur so davon …

Unbedingt lesen!!!

Chapeau Klaus Cäsar Zehrer!!!

 

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus!

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4 Gedanken zu “William James Sidis – ein Wunderkind, das keins sein wollte

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