Eine Vater-Sohn-Tragödie

Carl Hanser Verlag
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum:
25.09.2017
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 9783446256484

Klappentext
Als er die Schauspielerin zum ersten Mal sieht, ist Cem nur der einfache Lehrling des Brunnenbauers Murat, der in einem wüstenhaften Vorort von Istanbul endlich auf Wasser stoßen will. Ihr rotes Haar leuchtet wie Feuer, während sie im Theaterzelt in Rostam und Sohrab mitspielt, einem Stück, in dem der Vater, anders als im Ödipus-Mythos, versehentlich den Sohn tötet. Je mehr der Lehrling sich zu der schönen Rothaarigen hingezogen fühlt, desto mehr entfremdet er sich von Meister Murat, der für ihn wie ein Vater geworden ist. Als ein schrecklicher Unfall passiert, flieht Cem in Panik nach Istanbul. Doch wie von einer unwiderstehlichen Kraft angezogen, kehrt er Jahrzehnte später an jenen Brunnen zurück, wo er etwas Ungeheures entdeckt.

∗∗∗∗∗

„Wenn man so etwas tut, denkt man nicht an die Folgen. Denn wer an die Folgen denkt, kann nicht frei sein. Freiheit bedeutet, dass man Geschichte und Moral vergisst.“ (Seite 248)

Cems Vater verlässt eines Tages die Familie ohne ein Wort zu sagen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Cem möchte studieren, entschließt sich aber erst einmal Geld als Brunnenbauer zu verdienen. Er tritt eine Stelle bei Meister Murat an. Dieser gräbt in einem Ort in der Wüste Istanbuls für einen Auftraggeber nach Wasser. Sollte welches gefunden werden, wird an dieser Stelle ein Brunnen errichtet. Die Arbeit ist hart, aber Murat wird immer mehr zu einem Vaterersatz für Cem.

Die Abende verbringen die beide ab und an in einem nahegelegenen Dorf. Dort sieht Cem zum ersten Mal die rothaarige Frau und verliebt sich unsterblich in sie. Nach einigen Treffen verbringt er schließlich die Nacht bei ihr. Doch dann kommt es eines Tages zu einer Tragödie und Cem verlässt Hals über Kopf sowohl Meister Murat als auch die rothaarige Frau.

Cem studiert, findet eine Frau, gründet mit ihr ein eigenes Unternehmen und ist sehr erfolgreich. Er versucht die Tragödie von damals und die rothaarige Frau zu vergessen. Doch nach Jahren zieht es ihn an diesen einen Ort zurück, der sein Leben veränderte. Und wieder passiert etwas Unvorhergesehenes …

„Wir wünschen uns einen starken, entschlossenen Vater, der uns sagen kann, was wir tun sollen und was nicht. Und warum? Weil es so schwierig ist zu entscheiden, was moralisch und richtig und was dagegen falsch und eine Sünde ist? Oder weil wir gern hören wollen, dass wir nicht schuldig und sündig sind? Hat man immer das Gefühl, einen Vater zu brauchen, oder etwa nur dann, wenn man nicht weiterweiß und alles um einen herum zerfällt?“ (Seite 165)

Der Roman ist in drei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil geht es um die Zeit, die Cem mit seinem Lehrherren Murat und der rothaarigen Frau verbringt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit Cems Werdegang und der dritte Teil hat dann ein paar Überraschungen für mich als Leserin parat. Mich hat gerade der dritte Teil sehr ans Buch gefesselt.

In dieser Geschichte geht es mal nicht um die so oft thematisierten Mutter/ Tochter Konflikte, sonder um die Vater/ Sohn Konflikte, und was es mit einem jungen Mann macht, der ohne Vater aufwächst.

Für mich war dieses Buch das erste, dass ich von Pamuk gelesen habe. Ich wusste nur, das seine Bücher philosophische Komponente haben und die Sprache sehr schön ist.

Das kann ich für dieses Buch nur bestätigen. Die ganze Geschichte ähnelt einem Märchen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Pamuk immer wieder die Geschichte von Ödipus sowie Rostam und Sohrab mit einbindet. Er verwebt die beiden Epen mit der Geschichte Cems und somit entsteht, in meinen Augen, eine Parabel in der durch Unwissenheit ein Vater getötet wird und der Sohn seine Mutter heiratet.

Auch wenn das Buch nicht einfach zu lesen ist, hat es mich dennoch fasziniert. Diese Verwebung von Sage und Realität sowie von Vergangenheit und Gegenwart, Moderne und Tradition gepaart mit einer wundervollen Art des Erzählens hat mir sehr gut gefallen.

Dies war bestimmt nicht mein letzter Pamuk. Absolute Leseempfehlung!

„So teilen wir immer wieder Menschen in Rostam- und in Ödipus-Typen ein. Vätern, die trotz allen guten Willens bei ihren Söhnen Ängste auslösen, sprachen wir ein Rostam-Potential zu, aber Rostam hatte schließlich seinen Sohn im Stich gelassen. In Söhnen, die gegen den Vater rebellieren, mochte ein Ödipus stecken, doch wer war dann der vom Vater verlassene Sohrab?“ (Seite 164)

2 Gedanken zu “Eine Vater-Sohn-Tragödie

  1. Liebe Angelika,

    das ist eine schöne Rezi. Freut mich, dass dir das Buch gefallen hat. Es liegt nämlich schon eine kleine Weile auf meiner Wunschliste und wartet auf Erlösung. Derzeit höre ich vom Autor „Das stille Haus“ aber ich komme nicht gut in die Geschichte rein. Ich habe jetzt mal ne Pause eingelegt, bevor ich es vielleicht abbrechen muss. Eigentlich möchte ich es gerne zu Ende hören… Hast du schon eine Vorstellung, welches Buch dieses Autors du al nächstes lesen möchtest?

    GlG, monerl

    Gefällt 1 Person

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