Kurz & Knapp … Februar 2018

Der Abfall der Herzen von Thorsten Nagelschmidt

Nagel schreibt Tagebücher so lange er denken kann, und dass sehr exzessiv. Er füllt Kladde um Kladde. Doch an den Sommer 1999 kann er sich nicht erinnern. Also liest er die Einträge von damals und versucht zu rekonstruieren was damals passierte. Zeitgleich versucht er mit den alten Freunden von damals in Kontakt zu treten, um zu hören was sie von Sommer ’99 noch in Erinnerung haben und ob ihre und seine Erinnerungen sich ähneln oder abweichen.

Mich hat dieses Buch sehr angestrengt. Ich musste ständig aufpassen, wo ich mich befinde, da die Gegenwart und die Tagebucheinträge nur durch kleine Absätze oder Sternchen markiert sind. An vielen Stellen habe ich mich gefragt, ob dieses Buch autobiografisch ist oder nicht. Fakt ist, es enthält biografische Elemente. An Hand des Klappentextes habe ich eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und Verrat erwartet. Bekommen habe ich ellenlangen Monologe aus Tagebüchern von 1999, und eine Geschichte im Jetzt, die sich nicht sehr von den Tagebucheinträgen unterscheidet.

Fazit: Tagebücher schreibt man für sich selber und da sollten sie auch bleiben. Die wenigsten Geschichten aus Tagebüchern taugen für Romane!

(S. Fischer, ISBN: 9783103973471, Preis: 22,00 Euro)

 

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Heiße Milch von Deborah Levy

Sofia Papastergiadis und ihre Mutter Rose sind auf dem Weg nach Spanien. Rose soll dort in einer Spezialklinik behandelt werden, da sie immer schlechter gehen kann. Die Ärzte in England konnten keine Diagnose stellen. In Spanien wird schnell klar, das Rose sich mit dieser Krankheit eingerichtet hat, um ihre Tochter an sich zu binden und sie zu schikanieren. Sofia scheint sich dessen bewusst zu sein, und lässt sich schikanieren. Doch während des Aufenthalts in Spanien wagt Sofia einen Versuch der Selbstständigkeit …

Eine Mutter/ Tochter Geschichte, die zeigt, wie sehr Menschen auf bestimmte Verhalten reagieren und „Krankheiten“ bilden, um den anderen an sich zu binden. Und wie eben jene sich dann auch binden lassen, weil sie Angst vor dem Verlust des einzigen Menschen im Leben haben.

Fazit: Sicherlich ein interessantes Thema, doch die Geschichte konnte mich nicht überzeugen. An vielen Stellen fand ich es zu langatmig und zu konstruiert.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049770, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Leben kostet viel Zeit von Jens Sparschuh

Titus Brose war einmal Chefredakteur beim Spandauer Bote. Heute schreibt er für die Firma LebensLauf. Er fährt regelmäßig ins Alte Fährhaus, einer Seniorenresidenz, um dort die Memoiren der alten Leute aufzunehmen. Diese bezahlen dafür, dass Brose diese für sie aufschreibt und drucken lässt. Bei einem seiner Aufenthalte dort, trifft Brose auf Dr. Einhorn, der ein großes Interesse an Adelbert von Chamisso und Eduard Hitzig, der die Biografie Chamissos schrieb. Von Einhorns Interesse angesteckt begibt sich Brose auf Chamissos Spuren.

Am Anfang bis ca. zur Mitte des Buches fand ich die Geschichte ja ganz nett und spannend. Aber irgendwann habe ich mich irgendwie über Brose und die Firma LebensLauf geärgert. Für mich war das, was die da machen einen Art von Abzocke. Wir quatschen die alten Leutchen mal in einen Vertrag, lassen uns deren Lebensgeschichte erzählen und drucken das dann eventuell, sofern die Alten dann noch leben. Das Leben und Wirken Chamissos läuft nur so am Rand mit.

Fazit: Die Grundidee, die Geschichten des Lebens festzuhalten finde ich gut und schön. Gerade ältere Menschen erinnern sich gerne und haben oftmals keine Zuhörer für ihre Geschichten. Da wäre es doch schön, wenn man Menschen finden könnte, die in solche Seniorenresidenzen oder Heime gehen, die den Alten freiwillig und unentgeltlich zuhöre würden.  

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049978, Preis: 20,00 Euro)

 

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Kind ohne Namen von Christoph Poschenrieder

Xenia kommt nach einem Jahr Studium in der Stadt zurück in ihre Heimat, zurück aufs Dorf. Ihre Mutter und ehemalige Bürgermeisterin nimmt freut sich, ihr Kind wieder bei sich zu haben. Xenia findet schnell wieder in den dörflichen Trott. Auch eine Anstellung in der örtlichen Kneipe ist schnell gefunden. Doch was niemand ahnt … Xenia ist schwanger. Das soll auch erst einmal so bleiben. Eines Tages ist das ganze Dorf in Aufruhr. Eine Gruppe Flüchtlinge soll im alten Schulhaus untergebracht werden. Nicht alle im Dorf freuen sich über die Ankunft der neuen Dorfbewohner. Und dann ist da noch dieser mysteriöse Burgherr …

Dieses Buch haben wir im Lesekreis gelesen und wir sind uns alle einig … bis zur Mitte des Buches ist es toll geschrieben und es macht Spaß der Geschichte zu folgen. Doch danach wird es sehr spukie und abgedreht. Erst einmal geht es um die Flüchtlinge, die in dieses Schulhaus ziehen, und ein Dorf verunsichert. Es geht um Menschen und ihre Ängste, und um ein Dorf was sich letztendlich radikalisiert. Soweit der wirklich interessante Teil. Doch dann geht es plötzlich um eine Novelle von Gotthelf (Die rote Spinne) und die christlich-humanitäre Sichtweise von Gut und Böse, die Poschenrieder mit viel Symbolistik in die Geschichte einbaut. Das ganze ist irgendwie so gewollt und frei nach dem Motto … ich bin der Autor und darf in meinem und mit meinem Roman machen was ich will. Sorry … ohne die Damen aus dem Lesekreis und mich!

Fazit: Ich mag überhaupt keine Bücher, die Bücher brauchen/ benutzen, um zu verstehen was der Autor erzählen will. Da ich am Ende des Buches echt nicht wusste was das Ganze sollte, habe ich mich im Web über das Buch von Gotthelf schlau gemacht. Erst danach konnte ich Ansatzweise verstehen, was Poschenrieder erzählen wollte. Ich war echt enttäuscht, da mir „Mauersegler“ sehr gut gefallen hat!

(Diogenes, ISBN: 9783257070002, Preis: 22,00 Euro)

 

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Memento Mori von Muriel Spark

Es ist die Geschichte von vier alten, wirklich alten Freunden, die ihren Lebensabend genießen möchte. Doch alle vier werden nach und nach von einem Anonymen angerufen, der ihnen mitteilt, dass sie bedenken sollen, das auch sie sterben werden. Davon aufgescheucht machen sich die betagten Leutchen auf die Suche nach dem mysteriösen Anrufer.

Am Anfang fiel es mir schwer die vielen zum Teil sehr kuriosen Namen der Protagonisten zu behalten bzw, sie nicht zu verwechseln. Doch nach dem ersten Drittel hab ich es dann geschafft, die einzelnen Personen auseinander zu halten. Die Protagonisten in diesem Buch sind alt … sehr alt. Ich glaube keiner/ keine ist jünger als 80 Jahre, folglich sind sie alle sehr eigenwillig. Und diese Eigenwilligkeit ihrer Protagonisten zeichnet Muriel Spark sprachlich wundervoll auf.

Fazit: Ein sehr eigenwilliger und skurriler Roman, der Spaß macht ihn zu lesen.

(Diogenes, ISBN: 9783257070040, Preis: 24,00 Euro)

 

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