„Das Weiße Schloss“ von Christian Dittloff

Berlin Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783827013859
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter die Kinder zur Welt bringen und großziehen. Elternschaft ist hier Beruf und folgt einem alles bedenkendem Konzept unter den Vorzeichen Bio und Fare Trade. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf ihrem Weg zum Elternwerden, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung.

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„Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.“ (Seite 29)

Ada und Yves sind ein Paar. Sie führen eine offene Beziehung, und möchten ein gemeinsames Kind. Sie möchten jedoch nicht auf ein ungezwungenes Leben verzichten. Sie möchten Karriere machen, Partys, zu jeder Zeit spontane Reisen oder dergleichen. Deshalb haben sie sich entscheiden am Prestigeobjekt des Weißen Schlosses teilzunehmen. Ein Projekt, an dem nur die wohlhalbende Bevölkerung dran teilnehmen kann. Eine sogenannte Tragemutter empfängt das Kind, natürlich oder assistiert, trägt es aus und im besten Fall kümmer sie sich in den ersten sechs Lebensjahren um das Kind. Die „Eltern“ kommen nur hin und wieder zu Besuch. Somit haben Ada und Yves Zeit für ihr Leben.

„Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch die Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. Für mich ist dies eine Chance, die wir vorsichtig ergreifen wollen. Es ist eine Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.“ (Seite 61)

Soweit, so gut oder auch nicht … Im weiteren Verlauf der Geschichte erfahre ich wie Ada und Yves sich kennen gelernt haben. Er war „privilegierter“ Flüchtling und Ada bearbeitete seine Einreise. Sie verliebte sich in diesen Künstler und beide wurden ein Paar in einer offenen Beziehung. Nachdem sie beschlossen haben ein Kind zu bekommen begleite ich als Leserin die beiden zu ihrer Tragemuttter, erlebe die Empfängnis und in Briefen von der Tragemutter an Ada und Yves die Schwangerschaft.

Ada bleibt immer in einer distanzierten Rolle. Yves dagegen setzt sich mit der Schwangerschaft und dem werdenden Leben mehr auseinander, könnte sich sogar eine „nahe“ Vaterolle vorstellen. Doch dann kommt es zu einer Tragödie, die alles in Frage stellt …

„Nach ausführlichen Überlegungen hatten sich Ada und Yves sogar für eine Zusatzoption entschieden: Für die nächste Befruchtungsperiode würde ihre Tragemutter Marie nicht zur Verfügung stehen, damit ihr Kind die ersten sechs Jahre ganz im Mittelpunkt ihrer Zuwendung stehen konnte. Diese Freiheit ließen die Richtlinien des Weißen Schlosses zu. Sie beide würden das Kind monatlich besuchen kommen, nicht öfter. Sie wollten sich schließlich auch selbst leben.“ (Seite 64)

Auf den ersten ca. hundert Seiten habe ich mich über dieses Buch nur aufgeregt. Der „egoistische“ Wunsch Adas und Yves nach einem Kind, ohne sich letztendlich darum kümmer zu müssen fand ich unerträglich. Das ungeborene Kind wurde wie eine Ware dargestellt, die man mal eben so einkaufen kann. Gefühle gleich null. Auch die vielen negativen und abfälligen Passagen über Kinder und über Mütter, die ihrer Kinder wegen zu Hause bleiben, die „in Familie“ machen, fand ich unerträglich und haben mich auf die Palme gebracht.

„Kleinkinder konnte ich schon nicht leiden, als ich selbst noch ein Kind war. Sie sind egozentrisch und manipulativ und unlogisch!“ (Seite 125)

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt was Dittloff mit diesem Buch bezwecken wollte bzw., was will er mir, dem Leser damit sagen. Er will provozieren. Das ist mir klar. Doch womit genau?

Ist es unser gesellschaftliches Bild? Unsere Wertevorstellung in einer Gesellschaft voller Konsum? Wird ein Kind zu einem „Konsumgut“, Bio und Fare Trade, frei nach dem Motto „Ich will das aber jetzt haben“?

Ada und Yves leben in einem großen Haus, reisen, sind erfolgreich im Job, machen was immer sie wollen, wann immer sie wollen. Da scheint ein Kind gar keinen Platz zu haben. Und dennoch wollen sie eines. Da frage ich mich als Leserin doch warum? Weil das dazu gehört? Vater-Mutter-Kind.

Dittloff versucht aufzuzeigen wo Elternschaft anfängt und wo sie wohlmöglich aufhört. Dürfen Menschen sich Eltern nennen, die nur einmal im Monat ihr Kind besuchen kommen, oder ist nicht eher die Frau, die das befruchtete Ei über neun Monate ausgetragen hat, die „wahre“ Mutter?

„Waren diese Momente, in denen man allein war und die Hände über den Halbmond aus Fleisch und Blut gleiten ließ, nicht genau die Art von Reflexion, die eine Mutter sich in ihre Rolle fügen ließ? So eine Einkehr hatte er an Ada nicht erlebt in den letzten Monaten und an sich natürlich auch nicht. Über neun Monate hinweg erzählen der wachsende Bauch und dessen Innenwelt von diesem Wunder, das ja im Grunde gar kein Wunder ist, sondern ein einfacher biologischer Vorgang. Aber als schwangere Person erlebt man über zweihundertfünfzig Tage nichts anderes als eine mit jeder Zelle in sich hineinwachsende Liebe zu sich selbst.“ (Seite 242)

Ein Buch, das viel Diskussionsstoff bietet und mich auch jetzt noch nicht zur Ruhe kommen lässt. Zu gerne würde ich mit dem Autor darüber diskutieren.

Ungewöhnlich, provokant und somit absolut lesenswert!

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2 Gedanken zu “„Das Weiße Schloss“ von Christian Dittloff

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