Der Klavierspieler vom Gare du Nord von Gabriel Katz

S. Fischer Verlag
Fester Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum:
26.06.2019
ISBN: 9783103974652
Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Der Junge aus der Pariser Vorstadt und der Direktor des Konservatoriums wären sich nie begegnet, stünde da nicht ein Klavier am Gare du Nord. Der 20-jährige Mathieu ist auf die schiefe Bahn geraten und hat nichts außer einem großen musikalischen Talent. Pierre dagegen hat alles, steckt aber in einer tiefen Lebenskrise. Das ungleiche Paar schließt einen Pakt: Pierre ermöglicht Mathieu die Teilnahme am renommiertesten Klavierwettbewerb des Landes. Wird Mathieu die Chance seines Lebens ergreifen? Und warum tut Pierre all das für ihn?

∗∗∗∗∗

„Der kleine Junge hat sich ans Klavier gesetzt, es kam ihm so vor, als entdeckte er ein neues Spielzeug. Er ist ein bisschen eingeschüchtert und zugleich ungeduldig. Seine Finger laufen über die Tasten, eine weiße, eine schwarze, noch eine weiße und noch eine, die Musik nimmt unter seinen Händen Gestalt an, es ist magisch. Und einfach. Unglaublich einfach. Es genügt, sich dorthin zu setzen, auf diesen Hocker, der ein bisschen zu hoch ist, zu beobachten, zu verstehen und von vorne zu beginnen. Fehlerfrei. Eine Taste. Dann zwei. Dann vier. Jede Note über der Taste schweben lassen, die sie verkörpert. Sie bleiben dort, schelmisch, hängen in der Luft, in den Wind geschrieben, warten, dass sie von einem Fingerstreich befreit werden. Und wenn man sie eine nach der anderen loslässt, verwandeln sie sich in Musik und fliegen tatsächlich durch das offene Fenster davon, zu den weißen Gebäuden, die den Horizont verdecken. Das Lächeln des kleinen Jungen wird breiter. Auch in ihm ist etwas davongeflogen.“ (Seite 46/47)

Mathieu kommt aus ärmlichen Verhältnissen und lebt mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder in einer kleinen Wohnung. Mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien, zu denen seien Freunde ihn immer wieder überreden, hält er sich über Wasser. Doch es gibt etwas in seinem Leben, dass er über alles liebt … die klassische Musik. Und wann immer er kann, spielt er auf dem Klavier im Bahnhof Gare du Nord.

Pierre ist Lehrer an einer Musikschule. Ein Job der ihm Freude bereitet, doch in letzter Zeit gibt es Kollegen, die an seinem Stuhl sägen, um ihn loszuwerden. Als er mal wieder den Nachmittag vertrödelt, hört er den Jungen auf dem Klavier spielen. Er hält inne und lauscht … Bach, Präludium und Fuge Nr.2 in c Moll … er erwartet, dass der Junge Fehler macht, doch dem ist nicht so. Er spielt das schwere Stück ohne jeglichen Fehler. Pierre ist begeistert. Er muss mit diesem Jungen sprechen. Doch ehe er auf Mathieu zugehen kann, verschwindet dieser, da die Polizei auftaucht.

Einige Zeit später treffen die beiden ungewollt aufeinander. Das nutz Pierre und macht Mathieu ein Angebot … er hilft dem Jungen aus der Patsche und im Gegenzug soll Mathieu am „Grand Prix d’Excellence“ teilnehmen. Wird Mathieu diese Chance nutzen? Diese Chance, die sein ganzes Leben verändern könnte …

„Die ersten Noten sind gefallen, entschlossen, sicher, stark. In den ersten Takten der Rhapsodie liegt etwas Tückisches, eine martialische, ja sogar finstere Versuchung, die schnell in eine Karikatur kippen kann. Aber dieser Junge ist lange darüber hinaus. Noten sind Spielzeuge für ihn. Funken, Irrlichter. Mit einer Art feierlichen Leichtigkeit lässt er ihnen ihren Lauf, und ihr schwebendes Echo geht über in eine Woge von Milde. In einem Atemzug ist alles zerstreut – die Angst, die Aufsässigkeit, das Gehabe. Die Musik sickert in seinen Körper, strömt in seine Schultern, rinnt in seinen Venen wie sie in meinen fließt, und wieder einmal spüre ich, wie mir Tränen in die Augen steigen.“ (Seite 113)

OH MEIN GOTT … was für ein Buch! Ich bin immer noch ganz berauscht von dieser Geschichte. In diesem Buch steckt so viel Musik … so etwas habe ich noch nie beim Lesen gespürt.

Aber von vorne. Dieses Buch habe ich von einer ganz lieben Verlagsvertreterin bekommen, mit dem Hinweis … das musst du lesen!. Ehrlich gesagt bin ich bei solchen Tipps immer skeptisch. Aber für diesen Tipp bin ich unendlich dankbar. Schon die ersten Seiten haben mich schnell für die Geschichte begeistert. Was mich jedoch ein bisschen störte, war der immer wiederkehrende Verweis auf Bachs Klavierstück. Da ich mir gar nichts darunter vorstellen konnte, habe ich das Stück im Netz gesucht und mir angehört. Dieses Klavierstück ist mir unter die Haut gegangen. Und jetzt passierte folgendes … als ich im Buch weiterlas, hatte ich die Musik in meinem Kopf. Das hatte zur Folge, dass ich die Geschichte viel intensiver wahrnahm und die Begeisterung von Pierre verstehen konnte. Ich konnte die Magie der Musik spüren, die die Protagonisten umgab.

Katz spielt mit den Worten wie Bach mit den Noten. Einfach unglaublich, was dabei herausgekommen ist. Ich hätte stundenlang weiterlesen können und war wirklich traurig, als das Buch zu Ende war.

Unbedingt lesen und sich das Stück von Bach anhören … Präludium und Fuge Nr.2 in c Moll …

Danke Gabriel Katz für dieses unvergessliche Leseerlebnis ♥♥♥

2 Gedanken zu “Der Klavierspieler vom Gare du Nord von Gabriel Katz

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