„Ich, Antoine“ von Julie Estève

dtv Verlagsgesellschaft, Fester Einband, 160 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783423282710, Hier kaufen

Klappentext

Ein Dorf in den Bergen Korsikas, Mitte der 1980er-Jahre. Als die 16-jährige Florence tot im Pinienwald gefunden wird, ist ein Schuldiger schnell ausgemacht: Antoine Orsini, der Dorftrottel, dem die Walnussbäume näher sind als die Menschen und der ein Diktiergerät seinen besten Freund nennt. Jahre später hat er seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück. Noch immer spricht im Dorf niemand mit ihm, und so streift Antoine allein umher und berichtet einem Plastikstuhl davon, was damals wirklich geschehen ist.

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„Irgendwann werde ich kein Spasti mehr sein! Irgendwann werde ich für die anderen Antoine Orsini sein. Ich werd n cooles Image haben, man wird mich beneiden, wie 1983, als ich für alle noch der Glücksbringer war!“ (Seite 27)

Antoine ist mittlerweile in die Jahre gekommen, und er ist immer noch der Dorftrottel. Doch jetzt will er erzählen wie es damals wirklich war, die Sache mit Florence und so … Er erzählt seine Geschichte einem Plastikstuhl und seinem bestem Freund Magic, einem Diktiergerät. Die Menschen im Dorf meiden ihn, machen ihn immer mehr zum Außenseiter und letztendlich hat das seine Folgen …

„Florence war n Mädchen, das einen komplett um den Verstand bringen konnt. Wenn die Jungs sich mit ihr unterhalten haben, waren sie immer wahnsinnig lieb und haben dabei so ausgesehen, als ob sie irgendwie Hunger hätten. Haben dauernd an ihr rumgefingert, haben ihre Schulter angetatscht, sie um die Hüften gefasst, ihre Hand genommen und ihr Küsschen auf die Backe gegeben.“ (Seite 31)

Dies ist wieder eins dieser Bücher, das nicht wirklich schön ist. Die Geschichte/ das Leben von Antoine hat mich traurig zurückgelassen. Von niemandem geliebt, immer nur der Spasti, muss er viel einstecken im Leben. Wenn irgendetwas im Dorf passiert ist, war es Antoine. Immer war alles und jedes Antoine. Er ist ja der Spasti, der ist ja dumm und kann sich nicht wehren. Wie denn auch. Der stinkt, hat Läuse, bepisst sich und noch vieles mehr … eben ein Spasti. Und dabei hätte es nur ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit gebraucht, denn Antoine ist schlau, hat viel mehr auf dem Kasten, als die Leute im Dorf ahnen.

Julie Estève bedient sich einer einfachen teilweisen sehr vulgären Sprache, die mich aber nicht abgeschreckt hat, sondern mir Antoine viel näher gebracht hat. Ich habe diesen kleinen Kerl, später Mann sehr gemocht.  Viele Passagen haben mich erschüttert, was dieser kleine Kerl alles aushalten musste und dennoch immer wieder versucht hat sich nicht unterkriegen zu lassen, aber eine Dorfgemeinschaft, die immer wieder Antoine zum Sündenbock macht, bricht ihn schließlich ganz.

„Im Anschluss wollten sie, das ich die Steine fress, weil Spastis nun mal Steine fressen, haben sie gesagt. Waren ne Zehnerbande, haben mich aufn Boden gedrückt, in den Schlamm, haben sich auf meine Hände und meine Beine gekniet und mir die Nase zugehalten, weil ich n Mund nich aufmachen wollt. Wie ich ihn dann aufgemacht hab, haben sie mir ne Handvoll Kieselsteine reingeschüttet! Haben mich in den Schwitzkasten genommen und mir wieder die Nase zugehalten, damit ich schlucken muss!“ (Seite 87/ 88)

Wie bereits gesagt, kein leichtes und schönes Buch, aber eins, dass uns einen Blick auf uns werfen lässt, um sich zu fragen, wie es mit den eigenen Vorurteilen gegenüber bestimmten Menschengruppen aussieht … und was das mit diesen Menschen macht!

Bitte lesen!

 

 

 

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