All das zu verlieren von Leila Slimani

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum 13.05.2019
ISBN: 9783630875538
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Siearbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen , sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch stellt Adèle dieses Leben nicht zufrieden. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel.

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„Adèle hat Lucien aus demselben Grund bekommen, aus dem sie geheiratet hat. Um dazuzugehören und wie die anderen zu sein. Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben, die ihr keiner mehr nehmen kann. Sie hat sich einen Zufluchtsort für die angsterfüllten Abende geschaffen, einen bequemen Schlupfwinkel für die Tage der Ausschweifung.“ (Seite 34)

Adèle hat eigentlich alles … einen tollen Mann und einen Sohn den sie sich gewünscht hat. Sie lebt in einem schicken Pariser Vorort, ist frei Journalistin und unabhängig. Und doch fehlt ihr der gewisse Kick im Leben. Diesen Kick holt Adèle, in dem sie mit wildfremdem Männern harten Sex hat. Immer und immer wieder. Härter und härter. Aber auch das erfüllt sie nicht wirklich. Sie will mehr …

Als ihr Mann dahinter kommt, bringt er sie aufs Land, weit weg von Paris und ihren Affären. Er sperrt sie in einen goldenen Käfig, will sie ganz allein für sich. Doch eines Tages ergibt sich für Adèle die Möglichkeit nach Paris zu reisen. Kann sie sich dem Sog vergangener Zeiten wirklich entziehen?

„Sie hatte sich eingeredet, dass ein Kind sie heilen würde. Dass die Mutterschaft der einzige Ausweg aus ihrem Überdruss wäre, die einzige Lösung, um ihr die ewige Flucht nach vorne endgültig abzuschneiden. Sie hatte sich in die Schwangerschaft gestürzt, wie ein Patient in eine zwingend erforderliche Behandlung eingewilligt. Sie hatte dieses Kind gemacht oder besser, es wurde ihr gemacht, ohne dass sie Widerstand leistete, in der verrückten Hoffnung, es würde ihr Linderung bringen.“ (Seite 35/36)

Ach je … was für eine arme Gestalt. Adèle hat mir von Anfang an nur leid getan. Beim Lesen konnte ich ihrer innere Zerrissenheit spüren. Auf der einen Seite will sie das bürgerliche und spießige Leben. Will verheiratet sein und Kinder haben. Will auf dem Land leben und für einen Job in die Stadt fahren. Aber warum? Weil das Leben es so „vorschreibt“? Weil das so ist?

Doch in diesem ach so bürgerlichen Leben fehlt ihr der Kick, das gewisse Etwas … Liebe, Begehrt werden, aber auch Kontrolle und Macht. Das holt sie sich bei ihren Abenteuern, dem harten Sex mit den fremden Männern. Und wenn sie dann nach einer solchen Nacht, voller blauen Flecke und Blutergüsse nach Hause zurück kehrt, fühlt sie sich schmutzig und verlogen. Schwört sich selber damit aufzuhören und doch zieht sie am selben Tag wieder los, um die Männer zu treffen.

„Sie hat es immer gemocht Hunger zu haben. Zu spüren, wie man schwächer wird, schwankt, zu fühlen, wie der Magen sich zusammenzieht, und dann zu siegen, kein Verlangen mehr zu haben, darüberzustehen. Sie hatte ihrer Magerkeit kultiviert wie eine Lebenskunst.“ (Seite 72)

Slimanis hat mich schon mit ihrem ersten Roman „Dann schlaf auch du“ ans Buch gefesselt und begeistert. Mit ihrem neuen Roman gelingt dies wieder. Viele Szenen im Buch sind echt grenzwertig, verdeutlichen aber wie sehr Adèle in ihrer Sucht, ja man muss es wirklich Sucht nennen, gefangen ist. Mit jedem Satz mehr tut mir diese Frau einfach nur leid. Ich möchte ihr eine Hand reichen und sagen, es wird alles gut. Doch wird es das? Kann es das?

Was für ein gewaltiges Buch. Slimani erzählt schonungslos und sprachgewaltig. Sie traut sich an Tabuthemen heran und das mit einer wahnsinnigen Intensität. Ein Buch das berührt und bleibt …

Bitte mehr davon.

Chapeau ♥♥♥

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Unwetter von Marijke Schermer

Kampa Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
11.03.2019
ISBN: 9783311100102
Preis: 20,00 Euro

Rückentext
Emilia ist glücklich – mit ihrem Job, mit ihrem Ehemann und ihren Kindern, mit ihrem Haus im Grünen vor den Toren Amsterdams. Doch plötzlich wird sie von ihren Erinnerungen eingeholt. Zwölf Jahre lang hat sie ein Geheimnis gehütet, kann sie es weiter verbergen? Würde ihr Mann verstehen, dass sie so lange geschwiegen hat? Während Emilias Welt zunehmend aus den Fugen gerät, zieht das Misstrauen ein in ihre Ehe. Und der Himmel über der ländlichen Idylle verfinstert sich …

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„Was passiert ist, macht mich nicht aus, rechtfertigte sie das sich selbst gegenüber, im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das? Kann man das als Standpunkt gelten lassen, oder ist das eine Ausflucht? Kann sie das zurück nehmen? Kann man Jahre, nachdem eine Frage gestellt wurde, noch eine Antwort darauf geben?“ (Seite 24)

Emilia und Bruch leben mit ihren beiden Kinder in einem wunderschönen Haus im Deichvorland bei Amsterdam. Beide sind erfolgreich im Beruf und lieben das Leben in der Abgeschiedenheit. Allerdings erfordert dieses Leben Planung bei der Gestaltung der Freizeit, da man nicht mal eben in die nächstgrößere Stadt fahren kann.

Eines Abends fahren Emilia und Bruch zu einer Theateraufführung, in der es unter anderem um eine Vergewaltigung geht. Die Szenen lösen bei Emilia Erinnerungen aus, die sie eigentlich für immer vergessen wollte. In der Zeit, kurz nachdem sie Bruch kennen lernte wurde sie in ihrer Wohnung überfallen, geschlagen und vergewaltigt. Sie hat Bruch nie davon erzählt, weil sie kein Opfer sein wollte. Doch jetzt erinnert sie sich an jede Einzelheit und die Erinnerung macht ihr das Leben zur Hölle. Vor allem die Angst wie Bruch reagieren könnte, sollte er es je erfahren. Oder sollte sie ihm davon erzählen?

„Natürlich spielte sie mit dem Gedanken, es ihm zu erzählen. Aber danach schlief sie ein. Eine Stunde später wurde sie wach, weil Bruch ihr Tee und Erdbeeren brachte. Über den Vorfall wurde nicht mehr gesprochen. Emilia vergaß, dass er stattgefunden hatte. Wie sie auch vergaß, dass die Vergewaltigung stattgefunden hatte. Vergaß, weil sie glücklich war. Glücklich war, weil sie vergaß. Oder dachte sie nur, dass sie glücklich war?“ (Seite 132)

Als Leserin erfahre ich schon ziemlich zu Anfang was Emilia passiert ist. Ich spüre förmlich, wie dieses Ereignis, welches Emilia verdrängt bzw. verdrängen wollte, immer mehr in den Vordergrund gerät. Es bestimmt plötzlich ihren Alltag. Sie hat Angst vor allem und jenen. Und doch schafft sie es nicht Bruch, ihrem Mann davon zu erzählen. Und so wie das Unwetter im Deichvorland aufzieht, so zieht auch das Unwetter innerhalb der Beziehung von Emilia und Bruch auf.

Schermer schafft mit diesem aufziehenden Unwetter eine Atmosphäre, die spürbar ist. Ich merke beim Lesen die Verzweiflung von Emilia … die seelischen Verletzungen … das nicht vergessen können. Auf der einen Seite möchte sie Bruch davon erzählen. Möchte endlich jemandem erzählen was damals passiert ist. Doch auf der anderen Seite hat sie Angst davor, dass Bruch ihr das lange Schweigen nicht verzeihen könnte.

Schermer spricht hier verschiedene Bereiche an …. Ehrlichkeit und Offenheit, sowie Vertrauen in einer Beziehung/ Ehe …. Physische und Psychische Verletzungen nach einem Traumata …

Ein dünnes Buch mit einer großen Geschichte … unbedingt lesen!

Das Leben ist doch voller Scherben und Schönheitsfehler, voller Kratzer im Lack. Dass Aufrichtigkeit so wichtig sein soll, wichtiger als alles andere, dass man mit seinem Partner verschmelzen soll, dass man seine ganze Geschichte, das ganze Reservoir an Gefühlen teilen soll, dass ein Fehler, eine verpasste Chance oder schlechter Stil ist, seinem Liebsten nicht zu erzählen, was einen irgendwann mal verletzte hat, dass man die eigene Erzählung des Lebens aufgeben soll, um in der gleichen gemeinsamen Geschichte zu enden …“ (Seite 165/166)

Der Klavierspieler vom Gare du Nord von Gabriel Katz

S. Fischer Verlag
Fester Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum:
26.06.2019
ISBN: 9783103974652
Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Der Junge aus der Pariser Vorstadt und der Direktor des Konservatoriums wären sich nie begegnet, stünde da nicht ein Klavier am Gare du Nord. Der 20-jährige Mathieu ist auf die schiefe Bahn geraten und hat nichts außer einem großen musikalischen Talent. Pierre dagegen hat alles, steckt aber in einer tiefen Lebenskrise. Das ungleiche Paar schließt einen Pakt: Pierre ermöglicht Mathieu die Teilnahme am renommiertesten Klavierwettbewerb des Landes. Wird Mathieu die Chance seines Lebens ergreifen? Und warum tut Pierre all das für ihn?

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„Der kleine Junge hat sich ans Klavier gesetzt, es kam ihm so vor, als entdeckte er ein neues Spielzeug. Er ist ein bisschen eingeschüchtert und zugleich ungeduldig. Seine Finger laufen über die Tasten, eine weiße, eine schwarze, noch eine weiße und noch eine, die Musik nimmt unter seinen Händen Gestalt an, es ist magisch. Und einfach. Unglaublich einfach. Es genügt, sich dorthin zu setzen, auf diesen Hocker, der ein bisschen zu hoch ist, zu beobachten, zu verstehen und von vorne zu beginnen. Fehlerfrei. Eine Taste. Dann zwei. Dann vier. Jede Note über der Taste schweben lassen, die sie verkörpert. Sie bleiben dort, schelmisch, hängen in der Luft, in den Wind geschrieben, warten, dass sie von einem Fingerstreich befreit werden. Und wenn man sie eine nach der anderen loslässt, verwandeln sie sich in Musik und fliegen tatsächlich durch das offene Fenster davon, zu den weißen Gebäuden, die den Horizont verdecken. Das Lächeln des kleinen Jungen wird breiter. Auch in ihm ist etwas davongeflogen.“ (Seite 46/47)

Mathieu kommt aus ärmlichen Verhältnissen und lebt mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder in einer kleinen Wohnung. Mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien, zu denen seien Freunde ihn immer wieder überreden, hält er sich über Wasser. Doch es gibt etwas in seinem Leben, dass er über alles liebt … die klassische Musik. Und wann immer er kann, spielt er auf dem Klavier im Bahnhof Gare du Nord.

Pierre ist Lehrer an einer Musikschule. Ein Job der ihm Freude bereitet, doch in letzter Zeit gibt es Kollegen, die an seinem Stuhl sägen, um ihn loszuwerden. Als er mal wieder den Nachmittag vertrödelt, hört er den Jungen auf dem Klavier spielen. Er hält inne und lauscht … Bach, Präludium und Fuge Nr.2 in c Moll … er erwartet, dass der Junge Fehler macht, doch dem ist nicht so. Er spielt das schwere Stück ohne jeglichen Fehler. Pierre ist begeistert. Er muss mit diesem Jungen sprechen. Doch ehe er auf Mathieu zugehen kann, verschwindet dieser, da die Polizei auftaucht.

Einige Zeit später treffen die beiden ungewollt aufeinander. Das nutz Pierre und macht Mathieu ein Angebot … er hilft dem Jungen aus der Patsche und im Gegenzug soll Mathieu am „Grand Prix d’Excellence“ teilnehmen. Wird Mathieu diese Chance nutzen? Diese Chance, die sein ganzes Leben verändern könnte …

„Die ersten Noten sind gefallen, entschlossen, sicher, stark. In den ersten Takten der Rhapsodie liegt etwas Tückisches, eine martialische, ja sogar finstere Versuchung, die schnell in eine Karikatur kippen kann. Aber dieser Junge ist lange darüber hinaus. Noten sind Spielzeuge für ihn. Funken, Irrlichter. Mit einer Art feierlichen Leichtigkeit lässt er ihnen ihren Lauf, und ihr schwebendes Echo geht über in eine Woge von Milde. In einem Atemzug ist alles zerstreut – die Angst, die Aufsässigkeit, das Gehabe. Die Musik sickert in seinen Körper, strömt in seine Schultern, rinnt in seinen Venen wie sie in meinen fließt, und wieder einmal spüre ich, wie mir Tränen in die Augen steigen.“ (Seite 113)

OH MEIN GOTT … was für ein Buch! Ich bin immer noch ganz berauscht von dieser Geschichte. In diesem Buch steckt so viel Musik … so etwas habe ich noch nie beim Lesen gespürt.

Aber von vorne. Dieses Buch habe ich von einer ganz lieben Verlagsvertreterin bekommen, mit dem Hinweis … das musst du lesen!. Ehrlich gesagt bin ich bei solchen Tipps immer skeptisch. Aber für diesen Tipp bin ich unendlich dankbar. Schon die ersten Seiten haben mich schnell für die Geschichte begeistert. Was mich jedoch ein bisschen störte, war der immer wiederkehrende Verweis auf Bachs Klavierstück. Da ich mir gar nichts darunter vorstellen konnte, habe ich das Stück im Netz gesucht und mir angehört. Dieses Klavierstück ist mir unter die Haut gegangen. Und jetzt passierte folgendes … als ich im Buch weiterlas, hatte ich die Musik in meinem Kopf. Das hatte zur Folge, dass ich die Geschichte viel intensiver wahrnahm und die Begeisterung von Pierre verstehen konnte. Ich konnte die Magie der Musik spüren, die die Protagonisten umgab.

Katz spielt mit den Worten wie Bach mit den Noten. Einfach unglaublich, was dabei herausgekommen ist. Ich hätte stundenlang weiterlesen können und war wirklich traurig, als das Buch zu Ende war.

Unbedingt lesen und sich das Stück von Bach anhören … Präludium und Fuge Nr.2 in c Moll …

Danke Gabriel Katz für dieses unvergessliche Leseerlebnis ♥♥♥

Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Piper Verlag
Fester Einband
672 Seiten
Erscheinungsdatum:
02.04.2019
ISBN: 9783492059398
Preis: 25,00 Euro

Klappentext
Es ist der 30. Juli 1994 in Orphea an der amerikanischen Ostküste: An diesem warmen Sommerabend wird der idyllische Badeort durch ein unfassbares Verbrechen erschüttert. In einem Vierfachmord sterben der Bürgermeister mitsamt seiner Familie sowie eine zufällige Passantin. Jesse Rosenberg und Derek Scott, zwei junge Cops der State Police, bekommen die Ermittlungen zu diesem schrecklichen Fall übertragen. Und es gelingt ihnen, einen Schuldigen zu präsentieren.
Sommer 2014: Zwanzig Jahre später behauptet die Journalistin Stephanie Mailer, dass Rosenberg und Scott sich damals geirrt haben. Kurz darauf verschwindet die junge Frau spurlos. Was hat sie herausgefunden? Haben Rosberg und Scott wirklich den Falschen zur Rechenschaft gezogen? Die beiden Cops beschließen, den Fall noch einmal neu aufzurollen. Die örtliche Polizei ist nicht gerade begeistert, dass die alten Geschichten wieder aufgewärmt werden. Doch Jesse und Derek haben eine Verbündete vor Ort: Anna Kanner, Neuling im Polizeirevier von Orphea, die ihre eigenen Motive hat …

∗∗∗∗∗

„Da hielt sie mir ihre Hand vors Gesicht. „Was sehen Sie, Captain?“
„Ihre Hand.“
„Ich habe Ihnen aber meine Finger gezeigt“, korrigiert sie mich.
„Ich sehe aber Ihre Hand“, erwiderte ich, denn ich verstand nicht, worauf sie hinaus wollte.
„Genau das ist das Problem“, sagt sie zu mir.“Sie haben gesehen, was Sie sehen wollten, nicht, was da war. Genau das war auch vor zwanzig Jahren Ihr Fehler.“ Das waren ihre letzten Worte. Sie ging und ließ mich mit ihrem Rätsel, ihrer Visitenkarte und der Kopie des Artikels stehen.“ (Seite 17)

Es ist das Jahr 2014 … Jesse Rosenberg will in seinen wohlverdienten vorzeitigen Ruhestand gehen. Am Tag seiner Verabschiedung taucht die Journalistin Stephanie Mailer auf und behauptet Rosenberg und sein Partner Scott hätten vor 20 Jahren den falschen im Vierfachmord von Orphea verhaftet. Ehe Rosenberg mit ihr sprechen kann ist die Journalistin verschwunden.

Rosenberg sprich mit seinem ehemaligen Partner und seinem Chef über die Behauptung der Journalistin. Rosenberg lässt es keine Ruhe und fährt nach Orphea, um die Journalistin zu suchen und mit ihr zu sprechen. Doch Stephanie Mailer ist wie vom Erdboden verschwunden. Ein paar Tage später findet man sie. Ermordet. Nun ist Rosenbergs Interesse geweckt und er rollt den Fall vom 1994 wieder auf. Die Menschen in Orphea sind davon nicht sehr begeistert. Auch sein Kollege Scott nicht und vor allem die örtliche Polizei findet die neuen Ermittlungen gar nicht willkommen …

„Aber es war schwierig , Tatsachenbericht und Fiktion auseinanderzuhalten. Wenn sie nur wahre Begebenheiten schilderte, wer war dann dieser mysteriöse Auftraggeber, der sie gebeten hatte das Buch zu schreiben? Und warum hatte er das getan? Seinen Namen nannte sie nicht, deutete aber an, dass es ein Mann war, den sie kannte und der offenbar am Abend des Vierfachmordes im Grande Theater gewesen war.“ (Seite 118)

Was für ein rasantes Buch. Ich war sofort in der Geschichte drin. Vor allem die Erzählweise hat mir gefallen. Rosenberg erzählt immer in der Gegenwart und Scott erinnert sich an die Ereignisse und Ermittlungen in 1994. Das macht für mich die Story echt spannend. Auf der einen Seite erfahre ich wie vor 20 Jahren ermittelt wurde, wer Verdächtigt war und warum. Und dann die Ermittlungen in 2014, die ganz anders sind als die vor 20 Jahren. Neue Ansätze und somit auch neue Verdächtige. Und jeder Ansatz ist so plausibel erklärt, dass ich als Leserin denke, ja der/ die muss es gewesen sein. Aber dann kommt wieder ein Teilchen dazu, was die Verdächtigen entlastet. Man ermittelt also als Leserin ein wenig mit. Das hat mir super gut gefallen. Auch die einfache Sprache, die von vielen bemängelt wird hat mir gefallen. Das hat für mich die Menschen authentischer gemacht.

Bis zum Schluss hatte ich keinen Plan, wer der Mörder gewesen sein könnet. Als dann die Auflösung kam, war ich mega überrascht, denn mit dieser Person hätte ich niemals gerechnet.

„Da sagte die Frau leise zu ihm:“Die schwarze Nacht ist das schlimmste, was passieren kann, sie ist das Sinnbild eines großen Unglücks. Sie hat sich schon einmal ereignet, und sie wird sich wieder ereignen.“ (Seite 163)

Dies war mein erster Dicker und bestimmt nicht mein letzter. Dickers Art zu schreiben hat mich ans Buch gefesselt. Das Buch habe ich an einem Sonntag im Garten verschlungen. Ich mochte die Schreibweise, den Spannungsaufbau und auch das Halten der Spannung, und zu keiner Zeit war diese Story langweilig.

Unbedingt lesen ♥♥♥

Kurz & Knapp … Mai 2019

 

Mittagsstunde von Dörte Hansen

Ingwer Feddersen kehrt nach Jahren in sein Heimatdorf zurück. Er hat es in den 70zigern verlassen. Zu eng ist ihm alles geworden, keine Perspektive bot es ihm als junger Mann, die Stadt war einfach reizvoller … spannender. Nun kehrt er nach Hause zurück. Das Dorf hat sich verändert, wie Ingwer auch. Der fühlt sich irgendwie schuldig, dass er seine Familie zurückgelassen hat … in diesem tristen Dorf, das dem Untergang geweiht war. Und jetzt? Was hält Ingwer jetzt in diesem Dorf?

„Altes Land“ habe ich geliebt. War das ein grandioses Buch. Umso mehr habe ich mich auf diesen neuen Roman von Dörte Hansen gefreut. Als die ersten Stimmen zu diesem Buch kamen, habe ich mich noch mehr darauf gefreut, da diese alle voll des Lobes waren. Tja und was soll ich sagen … ich bin so mega enttäuscht von diesem Buch, von dieser Geschichte. Sprachlich ist es wieder ein Genuss, aber Inhaltlich finde ich es furchtbar, dabei hätte es gut werden können.

In dieser Geschichte wird Dorfgeschichte aufgearbeitet. Einige Bewohner des Ortes kommen zu Wort, erzählen aus ihrem Leben im Ort und vom Wandel der Zeit. Das ist sososo dröge und langweilig, dass ich immer wieder daran überlegt habe abzubrechen. Aber ich habe mich dadurch gekämpft, weil es ein gutes Thema ist. Dieser Wandel in den Dörfern passiert, glaub ich, überall auf dieser Welt. Die Jugend geht, weil  das Dorf scheinbar keine Perspektive hat. Manche Dörfer zerfallen dadurch. Aber es gibt auch Dörfer die daran wachsen, sich verändern, die Menschen die dort leben aktiv etwas verändern und dann kehren die Jungen wieder zurück. Meist mit Familie.

Fazit: Ein wirklich interessantes Thema, leider nur entsetzlich langweilig umgesetzt. Schade!

(Penguin, ISBN: 9783328600039, Preis: 22,00 Euro)

 

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Düsternbrook von Axel Milberg

In diesem Buch erzählt Axel Milberg biografische und fiktive Geschichten aus seinem Leben. Die Geschichte beginnt in seiner Kindheit und endet, als er seine Berufung in der Schauspielerei findet.

Sorry Leute, aber noch so ein Buch, dass Sterbens langweilig ist. Milberg reiht eine Anekdote an die andere, und die sind teilweise so banal, dass ich mich frage wen interessiert das? Mich nicht! Auch hier habe ich etwas vollkommen anderes erwartet, Ich mag Milberg sehr, als Schauspieler. Mag seine philosophischen Rollen. Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu sehr an seine Rolle als Schauspieler verknüpft. Nun denn … lest selbst!

Fazit: Leider, leider enttäuschend!

(Piper Verlag, ISBN: 9783492059480, Peis: 22,00 Euro)

 

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Die 48 Briefkästen meines Vaters von Lorraine Fouchet

Chiara erfährt an ihrem 25. Geburtstag, dass ihr Vater, der vor ihrer Geburt auf tragische Weise ums Leben kam, gar nicht ihr Vater sein soll. Chiara ist entsetzt. Hat ihre Mutter ihr in all den Jahren etwas vorgemacht? Ihre Mutter, die den Vater abgöttisch liebte, sollte einen One-Night-Stand gehabt haben? Chiara kann das nicht glauben und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Ein ganz netter Roman, in den ich sofort versunken bin. Eine junge Frau auf der Suche nach der Wahrheit. Spannend und kurzweilig geschrieben. Ich habe schon einige Bücher von Fouchet gelesen. Ich mag ihre Schreibe, doch dieses Buch empfinde ich als das schwächste, von denen, die ich gelesen habe.

Fazit: Ein Buch für einen lauen Sommertag. Schnell gelesen ohne bleibenden Eindruck! 

(Atlantik Verlag, ISBN: 9783455005424, Preis: 16,00 Euro)

 

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Kurz & Knapp … April 2019

 

Das wilde Herz von Andrea de Carlo

Mara liebt das Leben in Ligurien und erst recht ihr wunderschönes altes Haus. Von Beruf ist sie Bildhauerin und kann sich dort, in diesem kleinen Ort, in dem sie lebt entfalten. Ihr Mann dagegen, ein Anthropologe, ist eher nüchtern und von allem angenervt.  Als nun eines Tages urplötzlich das Dach des geliebten Hauses einstürzt, beauftragt Mara einen mysteriösen Mann mit der Reparatur des Daches. Das führt zu einer echten Ehekrise und Mara flüchtet sich in die Arme des mysteriösen Mannes.

Was sich im Klappentext als eine wunderschöne Liebesgeschichte liest entpuppt sich in Wahrheit als nervtötende Geschichte, die auch noch mega langweilig ist. Ich habe mich echt dadruch gequält und letztendlich sogar abgebrochen. Vor allem die Beschreibung von Geräuschen mit Worten wie wraaaaaaammmmm oder woosh woosh haben echt genervt. Wozu muss ich lesen wie Geräusche klingen könnten? Traut der Autor mir das nicht zu?

Fazit: Das war ein griff ins Klo. Ich habe noch andere Bücher von de Carlo hier liegen und hoffe die sind besser.

(Diogenes, ISBN: 9783257300741, Preis: 16,00 Euro)

 

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Die Angehörigen von Katharine Dion

Gene und Maida waren 40 Jahre verheiratet. Nun ist Maida verstorben und Gene kommt in seiner Trauer um. Die besten Freunde der beiden, Ed und Gayle, kümmern sich rührend um Gene. Seine Tochter Dary reist mit seiner Enkeltochter an, um die Beerdigung zu organisieren. Alle blicken zurück auf das Leben von Gene und Maida und das vermeintlich perfekte Glück der beiden bekommt Risse … war das Leben mit Maida wirklich so rosig? Seine Tochter Dary bezweifelt das sehr und stellt alles, was für Gene das perfekte Glück erschien in Frage …

Gene blickt in seine Vergangenheit und reflektiert sein Leben mit Maida, angeregt von den Vorwürfen seiner Tochter, dass er sich etwas vormache, und die Ehe gar nicht so toll gewesen sei. Und Gene muss einsehen, dass er manche Dinge anders wahr genommen hat als sein Umfeld. Plötzlich stellt er sich die Frage, ob Maida glücklich gewesen ist, und wie sie wohl das Leben mit ihm wahr genommen hat …  Es scheint, als bricht eine Welt für Gene zusammen …

Mir hat das Buch ganz gut gefallen. Wir alle erleben es immer mal wieder, das wir Situationen anders wahr nehmen als unser Umfeld. Mir hat gefallen wie die Autorin das Leben von Gene und Maida „zerpfückt“ hat und wie sehr Gene das erschüttert, aber gleichzeitig zeigt sie Gene in dieser Geschichte einen Weg, einen Neuanfang für sich zu finden …

Fazit: Eine berührende Geschichte, nach der ich meine Sicht auf verschiedene Bereiche im Leben reflektiert habe …

(DuMont Buchverlag, ISBN: 9783832198947, Preis: 22,00 Euro)

 

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Zara & Zoë von Alexander Oetker

Zara arbeitet als Profilerin für Europol und ist immer grundehrlich. Eines Tage wird eine junges Mädchen gefunden, das auf grausame Art und Weise getötet wurde. Alles deutet auf eine drohende Katastrophe hin.

Zoë arbeitet für die Korsische Mafia und ist Zaras Zwillingsschwester.

Die beiden haben sich seit Jahren weder gesprochen noch gesehen. Doch nun braucht Zara Zoës Hilfe. Können sich die  beiden wieder annähern oder wird es zwischen den verfeindeten Schwestern zu einer Katastrophe kommen …

Viele von euch wissen, dass ich mit „Retour“ von Alexander Oetker meinen ersten Krimi gelesen habe. 🙂 Ich bin nach wie vor keine Krimileserin, doch ich bin natürlich offen für alles … naja fast alles. Umso überraschter war ich, als dieser neue Krimi oder vielmehr Thriller auf meinem Tisch landete. Neugierig habe ich mich gleich ans lesen gemacht du nach den ersten 10 Seiten war ich etwas genervt, weil so viel F* Worte fielen. Das ist so gar nicht meins. Aber dieses „Merkmal“ gehörte zu einer Person in der Geschichte. Nach diesen 10 Seiten war aber auch dann Schluss damit. In den einzelnen Kapitel erzählen verschieden Akteure die Geschichte, welche ich mega spannend fand. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen und war überrascht über die vielen Wendungen bis zur Lösung  des Falls.

Fazit: Ein kurzweiliges Buch, welches ich sehr spannend fand. Vor allem die Schwestern Komponente fand ich sehr gut, da sie viele Möglichkeiten bietet.

(Droemer, ISBN: 9783426307151, Preis: 14,99 Euro)

 

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Das wilde Leben der Cheri Matzer von Tracy Barone

Eine junge Frau in der Notaufnahme, an einem Tag, an dem gerade ein schwerer Unfall geschehen ist, und alle Ärzte und Schwestern voll beschäftigt sind. Die junge Frau ist schwanger, erwartet ihr erstes Kind und liegt in den Wehen. Zwischen all den Opfern des Unfalls bekommt sie ihr Kind und verschwindet dann unbemerkt.

Cici und Solomon erwarten ihr erstes Kind voller Vorfreude, als Cici eine Fehlgeburt mit Folgen erleidet. Cici stürzt in eine tiefe Depression und Solomon beschließt ein Kind zu adoptieren, ohne Cici darüber zu informieren. Eines Tages steht er mit dem Baby vor ihrem Bett und Cici nimmt dieses Baby sofort in ihren „Besitz“ und überschüttet es mit ihrer Liebe.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erlebe ich Cheri, so heißt das Kind der Matzners, in ihrer weiteren Entwicklung und in ihrem Leben. Sie ist ein rebellisches Mädchen, fühlt sich von der Liebe der Adoptivmutter erdrückt und ihren Adoptivvater hasst sie zeitweise sehr. Die Geschichte ist gut geschrieben, ich mochte sie auch gerne lesen, aber irgendwie ist nicht viel zurück geblieben. Ich kann gar nicht festmachen was mich gestört oder gefehlt hat …. es geht ums Leben, Trauer, Tod, Verlust, Betrug … aber in meinen Augen wird vieles nur angeschnitten und nicht tiefer besprochen. Vielleicht wäre es besser/ schöner gewesen nicht alles auf einmal in dieses Buch zu pressen.

Fazit: Interessantes Buch, welches sicherlich lesenswert ist, wenn man sich nicht zu viel davon erhofft, da vieles unausgesprochen an der Oberfläche plätschert.

(Diogenes, ISBN: 9783257070552, Preis: 24,00 Euro)

 

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Lieber woanders von Marion Brasch

S. Fischer
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum
27.02.2019
ISBN: 9783103974133
Preis: 20,00 Euro

Rückentext
Toni und Alex kennen sich nicht und sind doch auf verhängnisvolle Weise miteinander verbunden. Toni leidet unter dem Verlust ihres kleinen Bruders, für dessen Tod sie sich verantwortlich macht. Alex führt ein Doppelleben und trägt an einer Schuld, über die er nie gesprochen hat. 24 Stunden bewegen sich die beiden aufeinander zu, bis sich ihre Wege trotz skurriler Begegnungen und Zwischenfälle schließlich kreuzen.

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„Zufall? Schicksal? Oder einfach Mathematik, eine praktische Illustration der Wahrscheinlichkeitstheorie.“ (Paul Auster)

Dieses dünne Buch erzählt eine Geschichte innerhalb von 24 Stunden. Es sind die Geschichten von Toni und Alex.

Toni leidet unter dem Verlust des Bruders. Gibt sich die Schuld und findet keinen Halt im Leben. Sie ist eine Suchende …

Alex ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er hat eine Affäre mit einer anderen Frau. Auch er findet keinen Halt im Leben. Jedoch ist er anders als Toni ein Getriebener …

„Aber so ist das eben – in jedem steckt auch ein anderer. In jedem Tapferen ein Feigling, in jedem Zärtlichen ein Grobian, in jedem Ehrlichen ein Lügner, in jedem Guten ein Schlechter. Unser Paralleluniversum sind wir uns selbst, ob wir wollen oder nicht. Und überhaupt, die Sache mit dem Willen. Die Hirnforscher sagen, das Unterbewusstsein kenne unsere Entscheidung, bevor wir sie treffen.“ (Seite 124)

Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter auf den Inhalt ein. Ich begleite Toni und Alex einen Tag in ihrem Leben. Ein Tag, an dem sie auch Rückblicke in ihr bisheriges Leben geben. Und dabei erfahre ich nach und nach, wie bei einem Puzzle, warum die Beiden keinen Halt im Leben finden. Es geht um Schuldfragen und um Entscheidungen die beide jeweils für ihr Leben getroffen haben und der Frage was wäre wenn sie sich anders entschieden hätten. Und irgendwann wird klar, warum sich ihre Wege in diesem Buch kreuzen werden/ müssen. Aber auch hier lässt die Autorin Spielraum und es stellt sich die Frage was würde sich dadurch für beide ändern … würde es etwas ändern?

„Alles in der Welt endet durch Zufall und Ermüdung.“ (Seite 154)

Mir hat dieses kleine feine Buch außerordentlich gut gefallen. Dieses Geschichte, die an einem Tag spielt und das aufeinander zubewegen der Protagonisten hatte einen gewissen Sog auf mich. Ich wollte wissen, welches Ereignis sie miteinander verbindet. Es stellt sich die Frage ist es Zufall oder Schicksal und in wieweit haben wir darauf Einfluss?