Kurz & Knapp … Oktober 2018

Vox von Christina Dalcher

Von heute auf morgen dürfen Frauen in Amerika nicht mehr als 100 Worte sprechen. Ein Armband am Handgelenk zählt diese und bei überschreiten der 100 werden elektrische Impulse ähnlich einem Elektroschocker freigesetzt. Jean kann dies erst einmal gar nicht fassen. Sie ist Wissenschaftlerin und Mutter. Wie soll sie mit 100 Worten am Tag auskommen? Und ihrer Tochter erst. Sie ist noch ein Kind und entdeckt gerade die Welt und die Sprache … Ziel der neuen Machthaber der USA ist es, dass die Frauen zurück an den Herd sollen und die Männer ihre Macht zurückbekommen …

Wir haben das Buch innerhalb des Lesekreis gelesen. Und wir allen waren ähnlicher Meinung. Spannend bis zur letzten Seite geschrieben, doch leider an vielen Stellen nicht zu Ende gedacht. Die Thematik ist schon sehr spannend. Eine Welt, in der Frauen mur noch 100 Wörter pro Tag nutzen dürfen.  Wie würde eine solche Welt aussehen?

Viele Fragen bleiben offen … ein Ehepaar, das sich liebt hat keine Geheimnisse voreinander. Warum verschweigt Jeans Mann ihr, dass er versucht sie zu retten? Stattdessen hat man als Leserin den Eindruck, dass er sie verrät und alles dafür tut, damit es ihr so richtig schlecht geht. Woher kommt diese Untergrundbewegung? Wer hat sie gegründet und warum? Was will diese Bewegung erreichen? Und noch viele andere Punkte sind bis zum Ende nicht durchgedacht. Leider … und sehr schade …

Fazit: Toll geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite durchaus spannend. Doch leider nicht bis zum Ende durchdacht und somit bleiben für mich viele wichtige Fragen offen. Schade!

(S. Fischer Verlag, ISBN: 9783103974072, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das reife Mädchen von Anna Giurickovic Dato

Als Maria noch ein Kind war, und Anna noch mit ihrem Mann zusammenlebte, schien die Welt in Ordnung. Doch sie war es nicht, denn Maria wurde von ihrem Vater missbraucht. Jetzt ist Maria 13 und flirtet wie eine kleine Lolita mit dem neuen Freund der Mutter. Das ist Anna zu viel und sie schmeißt den neuen Freund raus.

Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Einmal die Zeit in der Maria noch das Kind ist, und vom Vater missbraucht wird und dann die Zeit, in der Anna ihren neuen Freund zu Besuch hat und Maria mit diesem sehr eindeutig flirtet. Anna erlebt das Ganze wie in einem Traum. Sie merkt zum ersten Mal, dass es eigentlich ihre Schuld ist, das Maria jetzt so ist, wie sie ist. Doch ist dem wirklich so?

Ein sehr intensives Buch über das Wegsehen und nicht Wahrhabenwollen einer Mutter, dem Missbrauch und die Entwicklung eines Kindes, das sich nicht wehren konnte und auch niemanden hatte, dem es sich anvertrauen konnte. Bis zu dem Tag, an dem es sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Fazit: Ein in meinen Augen sehr gelungenes Debüt, das aber keine einfache Lektüre ist. Die Autorin schafft es mit sehr viel Gefühl über das Thema Missbrauch zu erzählen.

(Piper, ISBN: 9783492059053, Preis: 20,00 Euro)

 

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Farben der Nacht von Davit Gabunia

Surab, Anfang 30 lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Tiflis. Die Familie führt ein unaufgeregtes Leben. Surab ist gerne Vater. Weniger gerne ist er Hausmann. Doch er hat seinen Job verloren und so bleibt er zu Hause und seine Frau verdient das Geld für die Familie. Schnell kommt nach erledigter Hausarbeit Langeweile auf und Surab beginnt die Menschen in seiner Nachbarschaft zu beobachten. Schnell interssiert ihn aber das Leben des jungen Manns im Nachbarhaus. Dieser scheint homosexuelle zu sein und ein Verhältnis mit einem hohen Beamten vom Staatsschutz zu haben. Surab ist von dem Paar fasziniert und aus der anfänglichen Neugier wird eine Obsession. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse …

Dieses Buch ist sehr spannend geschrieben und ich kam mir beim Lesen selbst wie eine Voyeurin vor. Ich konnte das Buch nicht beiseite legen, weil ich unbedingt wissen musste, wie es weiter geht. Das Ende hat mich dann sehr überrascht, aber auch ein wenig ratlos zurück gelassen.

Fazit: Wer Hitchcocks „Fenster zum Hof“ spannend fand, findet hier ein ähnliches Werk mit modernen Elementen.

(Rowohlt Berlin, ISBN: 9783737100410, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der Tag, an dem ich feststellte, dass Fische nicht klettern können von Christian Jaschinski

Max ist Mitte vierzig. Als er am diesjährigen Hochzeitstag nach Hause kommt, teilt ihm seine Frau knapp mit, dass sie ihn verlassen wird. Max fällt aus allen Wolken, dachte er doch seine Ehe wäre Vorbildlich. Auch seine Tochter wendet sich von ihm ab. Einzig sein Freund Bolle ist für ihn da und versucht ihm in dieser schweren Zeit beizustehen. Die beiden fahren für ein Wochenende nach Berlin. Ein Wochenende, dass alles verändert …

Ich habe diesen Roman gelesen, weil wir eine Lesung mit dem Autor in der Buchhandlung gemacht haben. Die Geschichte ist kurzweilig und amüsant. Der Abend mit dem Autor war es ebenfalls.

Fazit: Wer mal schnell etwas Lustiges zwischendurch lesen möchte ist mit diesem Buch gut bedient. Hier ist mal nicht die Frau die Verlassene, sondern der Mann, und zu sehen wie Mann damit umgeht ist ganz nett.

(Schwarzkopf & Schwarzkopf, ISBN: 9783862655458, Preis: 9,99 Euro)

 

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Liebe ist die beste Therapie von John Jay

Steve und Charlotte sind schon einige Jahre verheiratet, haben Kinder und ein Eigenheim. Eigentlich könnten sie glücklich sein. Doch sie sind es nicht. Beide betrügen sich gegenseitig mit anderen Partnern, lügen und verheimlichen. Und doch scheint da noch etwas von Liebe zwischen ihnen zu sein. Daher beschließen sie eine Paartherapie zu machen, um zu sehen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat.

Dieser Roman spielt überwiegend in den Räumen der Therapeutin. Und es geht auch nur um diese drei Menschen und ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Gefühle. Steve und Charlotte schildern was ihnen in der Beziehung fehlt, was sie sich wünschen … Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. An manchen Stellen hatte ich das Gefühl, der Autor hält mir einen Spiegel vor. Wer lange verheiratet oder in einer langen Beziehung lebt, hat mit Sicherheit die ein oder andere Situation aus dem Buch so oder ähnlich erlebt. Wie z.B. das nicht richtige Zuhören des Partners und die damit verbundenen Streitigkeiten. Jays Therapeutin zeigt Wege auf, wie ein Miteinander wieder klappen kann.

Fazit: Ein tolles Buch, und obwohl Roman, hat dieses Buch auch etwas von einem Ratgeber …

(Diogenes, ISBN: 9783257070439, Preis: 22,00 Euro)

 

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Ein Winter in Paris von Jean-Philippe Blondel

Als Außenseiter hat es Victor es am elitären Lycee D. in Paris nicht einfach. Obwohl alle wissen das er die Prüfung nicht schaffen wird, unterwirft er sich dem strengen Schulsystem. Er ist jedoch nicht der einzige. Mathieu ist ebenfalls Außenseiter. Einige Tage vor seinem 19zehnten Geburtstag beschließt Victor, dass er Mathieu zu einem gemeinsamen Essen einladen möchte. Doch ehe es dazu kommen kann, springt Mathieu in den Tod. Schüler wie auch Lehrer sind entsetzt über die Tat. Doch plötzlich steht Victor im Mittelpunkt, da alle denken das er mit Mathieu befreundet war. Auch Mathieus Vater ist sehr an Victor und seiner Beziehung zu seinem Sohn interessiert.

Die Geschichte plätschert irgendwie nur vor sich hin. Ich habe nicht wirklich verstanden, was der Autor mir mit diesem Buch sagen möchte. Alle Protagonisten sind so … so nichtssagend, blass und uninteressant. Sie haben mich gelangweilt. Trotzdem habe ich dieses Buch zu Ende gelesen. Warum? Weil ich vor zig Jahren ein Buch von Blondel gelesen habe, welches mich fasziniert hat. Es hieß „Zweiundzwanzig“ und hatte mich von der ersten Seite an gepackt. Es war eine Hommage ans Leben. Doch die Bücher die ich danach vom Autor las, konnten mich alle nicht mehr berühren. Leider.

Fazit: Ich fand dieses Buch langweilig und für mich wird es wohl das letzte Buch von Blondel gewesen sein, welches ich gelesen habe. Schade!

(Paul Zsolnay, ISBN: 9783552063778, Preis: 19,00 Euro)

 

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Kurz & Knapp … September 2018

Ich komme mit von Angelika Waldis

Vita und Lazy kennen sich eigentlich schon ein Leben lang. Vita zog vor 42 Jahren als junge Mutter in das Haus in der Torstraße 6. Der Sohn ist mittlerweile aus dem Haus und ihr Mann verstorben. Lazy ist 21, Student und nennt Vita wie alle anderen Bewohner, die Alte von oben. Lazy ist jung und frei, leibt seine Freundin und das Leben. Als seiner Freundin ihn verlässt und er zudem noch schwer erkrankt, wird Vita plötzlich zu einer Art von Freundin. Sie kümmert sich und weicht Lazy nicht mehr von der Seite.

Eine Freundschaft zwischen Lazy und Vita bahnt sich an. Ungewöhnlich? Eher nicht. Beide haben niemanden, der sich um sie kümmert oder sich für sie interessiert. Lazy wurde von seiner Freundin verlassen und zum Vater gibt es keinen Kontakt. Vitas Mann lebt nicht mehr und der Sohn lebt im fernen Amerika und kommt nur alle Jubeljahre die Mutter besuchen. Somit ist es dann nicht ungewöhnlich, dass Lazy und Vita zueinander finden.

Fazit: Eine nette Geschichte, die zeigt, dass Familie nicht immer Blutsverwandte sein müssen. Nachhinten raus, wird die Geschichte dann aber doch ein wenig konstruiert.

(Wunderraum, ISBN: 9783336547975, Preis: 20,00 Euro)

 

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Putzfrau bei den Beatles von Birgit Rabisch

Vier Freunde, alle in die Jahre gekommen leben in ihrer persönlichen „Yellow Submarine“. Da wundert es nicht, dass sie sich John, George, Paul und Ringo nennen. Jana, eine junge Frau, ist auf der Suche nach einem Job, um etwas Geld zu verdienen, da sie an ihrem ersten großen Buch schreibt. Sie landet bei den vieren als Putzfrau und erfährt vieles aus deren Leben. Eines Tages taucht ein kleiner Junge auf und behauptet der Enkel von Paul sei. Die Beatles sind schwer geschockt, vor allem Paul, der keine Ahnung von einer Tochter hatte.

Natürlich geht es in diesem Buch nicht um die wirklichen Beatles, sondern um eine Gruppe Männer, die in dieser Zeit aufgewachsen sind. Sie lieben die Musik der Beatles und hatten als Jugendliche auch eine eigne Band. Neben der Musik der Beatles und dem Leben der vier Männer nimmt sich Rabisch vielen aktuellen Themen unserer Zeit an … Generationenkonflikte, Politik in Amerika … um nur zwei von vielen zu nennen. Leider waren mir das dann zu viele, da alles irgendwie nur angedeutet und nicht richtig ausgearbeitet wurde. Sehr schade!

Fazit: Ein weiteres Buch von Birgit Rabisch, dass ich gerne gelesen habe, mich aber nicht wirklich überzeugen konnte. Die anderen beiden Vorgängerbücher fand ich wesentlich stärker!

(duotincta, ISBN: 9783946086307, Preis: 15,00 Euro)

 

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Zehntelbrüder von Ruth Cera

Mich hat ein auf den ersten Blick sehr verworrenes Familienkonstrukt. Da ist erst einmal sein Halbbruder, und dann noch seine beiden Stiefbrüder. Aber da sind auch noch die beiden Töchter seines Vaters und dessen zweiten Ehefrau. Seine Mutter ist irgendwann abgetaucht und keiner weiß wo sie steckt. Da ist Micha elf. Er wächst zunächst bei seinem Stiefvater auf, und dann später bei einer weiteren Exfrau seines Stiefvaters. Und so wird sein Familienkonstrukt immer verworrener.

Cera erzählt hier eine sehr spannende Familienkonstellation. Die zeigt, dass man nicht Blutsverwand sein muss, um Familie zu sein. Am Anfang hatte ich leichte Schwierigkeiten alle Protagonisten auseinander zu halten bzw. einzugliedern wer wohin gehört. Doch irgendwann hatte ich den Dreh raus. Obwohl Micha sehr „verwaist“ aufwächst, meist auf sich allein gestellt ist, ist er scheinbar der einzige in dieser Familienkonstellation, der seinen Weg findet und geht. Micha ist derjenige, der sich immer wieder um seine vielen Geschwister und deren Belange kümmert.

Fazit: Mir hat dieses Buch sehr gefallen. Was mir nicht gefiel war die kleine Schrift und die minimalen Zeilenabstände in der Taschenbuchausgabe. Das hat das Lesevergnügen ein wenig gemildert.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002510, Preis: 14,00 Euro)

 

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Neulich in der Buchhandlung … #14

Hallo Ihr Lieben,

es wird mal wieder Zeit, einen neue Beitrag aus meinem Leben als Buchhändlerin zu schreiben. Ich erlebe täglich so viel schöne wie auch skurrile Dinge, doch leider vergesse ich sie dann zu notieren oder hier zu schildern.

Anfang September war es mal wieder soweit. Zum dritten Mal durfte ich an ca. 100 I-Dötzchen Lesetüten übergeben. Was mich besonders gefreut hat, war die Tatsache, dass ich dieses Jahr auch in der Grundschule Schönenberg und Winterscheid die Tüten persönlich übergeben durfte. Vielen lieben Dank an die beiden Schulleiterinnen Frau Schreiber und Frau Wessels ♥♥♥ Mein Dank gilt natürlich auch Frau Löbach von der GGS Ruppichteroth. Dort übergebe ich seit 2016 die Lesetüten persönlich.

Ich bin jedes Jahr aufs neue darüber erstaunt, wie viele Kinder in unserer verhältnismäßig kleinen Gemeinde eingeschult werden. Jedes Jahr sind es so um die 80 – 100 Kinder. Es macht einfach Spaß zu sehen wie aus diesen I-Dötzchen langsam junge Menschen und dann später kleine Erwachsene werden. Spätestens in 4 Jahren werde ich die in diesem Jahr eingeschulten I-Dötzchen wiedersehen. Dann kommen nämlich die einzelnen Klassen zum Welttag des Buches in den Büchergarten. Bis dahin werde ich sicherlich das ein oder andere Kind auf seinen Abenteuern durch die Bücherwelt begleiten.

Ich freue mich darauf! ♥♥♥

Hier noch ein paar Impressionen von den Übergaben.

Bis bald Eure Angelika ♥

 

Lesetüten Grundschule Winterscheid

 

Grundschule Winterscheid

 

Grundschule Winterscheid

 

Grundschule Winterscheid

 

Grundschule Winterscheid

 

Grundschule Schönenberg

 

Grundschule Schönenberg

 

Grundschule Schönenberg

 

Frau Löbach, Grundschule Ruppichteroth

Neulich in der Buchhandlung … #13

Hallo Ihr Lieben,

ich hab schon lange nichts mehr aus meinem Leben als Buchhändlerin erzählt. Darum gibt es heute mal wieder eine kleine Geschichte. 🙂

Vor ein paar Tagen kam eine Mutter mit ihrer Tochter in die Buchhandlung. Beide gingen zielstrebig in die Kinderbuchecke. Ich fragte beide, ob ich ihnen weiter helfen könnte. Die Kurze schaute ihre Mutter an, und die sagte leise zu ihr: „Frag doch.“ Daraufhin fragt mich die Kurze: „Hast du Freundebücher? Mit Pferden?“ und strahlt mich mit einer mega Zahnlücke an. Ich antworte: „Leider nicht. Müssen wir bestellen. Sollen wir mal in den Computer gucken?“ Sie nickt. Also gehen wir Richtung Kasse zum Computer um zu schauen. Nun war die Kurze aber wirklich kurz, und sie schaute so gerade über den Tresen drüber und konnte kaum etwas im Computer erkennen. Da hab ich sie kurzerhand hochgehoben und auf die Theke gesetzt. Jetzt konnte sie schauen und grinste mich mit ihrer mega Zahnlücke an. Ich hab ihr dann verschiedene Freundebücher gezeigt und sie hat sich dann eines ausgesucht, welches ich bestellt habe.

Gestern kamen die beiden wieder in den Laden, um das Freundebuch abzuholen. Ich gab es ihr und die Kurze schaute sofort rein. „Na?“, fragte die Mutter, „ist es so wie du es dir vorgestellt hast?“ Die Kurze strahlt, zeigt ihre Zahnlücke und meint: „Das ist das schönste Freundebuch, dass ich je gesehen habe.“

Na, was will ich mehr … Kind glücklich, Mutter glücklich, Buchhändlerin glücklich … seufz

Eure Angelika ♥♥♥

Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)

… aus „Smith & Wesson“ von Alessandro Baricco

Hoffmann und Campe
Fester Einband
112 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.09.2016
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783455405774

 

„Und jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben, und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt, in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass die Erbärmlichkeit eine Erfindung des Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“ (Seite 37)

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Ich hätte ihr sagen können, dass viele auf die gleiche Weise vor ihrem Leben davonspringen, über sich selbst hinaus, indem sie alles riskieren, um sich wirklich lebendig zu fühlen.“ (Seite 100)

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Dieses Mal hatten wir sorgfältig gesät; wir alle hatten Phantasie, Verrücktheit und Talent gesät. Und geerntet haben wir eine zweideutige Frucht: das schöne Licht einer Erinnerung und das Privileg einer Erschütterung, die uns für immer stolz und geheimnisvoll machen wird.“ (Seite 101)

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Das Debüt 2017- Meine Entscheidung

Hallo Ihr Lieben,

vor einigen Monaten habe ich mich als Jurymitglied bei Das Debüt beworben, da ich gerne Debütromane lese. Allerdings habe ich nicht geahnt, was wirklich auf mich zukommt. Dazu aber später etwas mehr.

Zuerst können Verlage, Autoreninnen, Jurymitglieder Debütautoreninnen vorschlagen. Diese kommen dann auf die sogenannte Longlist. Die Macher von Das Debüt entscheiden dann, welche Titel auf die sogenannte Shortlist kommen. Dann ist es an er Jury zu entscheiden, welches Buch den Debütpreis erhalten soll. Soweit so gut.

Auf der Longlist waren viele tolle Bücher und ich war sehr auf die Shortlist gespannt. Als diese dann Anfang Dezember kam, war ich erst einmal überrascht … erstaunt … verwundert, denn von den 5 Büchern hatte ich eines gelesen, von einem weiteren gehört und die restlichen drei waren mir völlig unbekannt. Aber auch das fand ich bis dahin noch sehr spannend. Was ich allerdings gar nicht auf dem Schirm bei meiner Bewerbung zum Jurymitglied hatte, war die Tatsache, das die Lesezeit für die Bücher der Shortlist ins Weihnachtsgeschäft fällt. Trotzdem wollte ich versuchen alle Bücher zu lesen.

Doch bereits nach dem ersten Buch bekam ich eine Krise. Nach dem zweiten wurde es nicht besser und ich musste feststellen, dass mich etwas enorm störte. Etwas, dass ich bereits in den letzten zwei Jahren auch bei der Shortlist des Deutschen Buchpreises bemängelt hatte … die Titel waren zwar lesbar, aber waren sie auch verkäuflich? Ja, auch dies ist ein Aspekt, den ich betrachte. Ich bin ja nicht nur Bloggerin, sondern auch Inhaberin einer Buchhandlung. Und somit hinterfrage ich auch, ob bestimmte Titel/ Bücher verkäuflich sind. Denn seien wir mal ehrlich, was nutzt es einem/ einer Autor*innen einen Preis zu bekommen, doch das Buch liegt anschließend nur im Regal und lässt sich nicht verkaufen. Natürlich spreche ich nicht von Mainstream. Solche Bücher sind auch nicht mein Fall. Doch es sollten im besten Fall Bücher sein, die besonders sind und sich gerade weil sie so besonders sind auch verkaufen lassen.

Nun zurück zur Shortlist und meiner Entscheidung. Eigentlich kann ich nur ein Buch von dieser Liste zu 100% empfehlen, sowohl als Bloggerin wie auch als Buchhändlerin. Bei den restlichen vier Büchern habe ich mich dann sehr schwer getan, da mich keines von denen vom Hocker gehauen hat. Letztendlich habe ich mich gefragt, würde ich jemandem dieses Buch empfehlen und wenn ja, wem.

Hier nun meine Entscheidung:

Platz 3 und somit 1 Punkt … „Oder Florida“ von Christian Bangel

Ein Buch dessen Story ich echt flach fand, und mich die Nicks der Protagonisten auf eine harte Probe gestellt haben. Bitte wer nennt sich freiwillig „Mike Mischjemüse“? Auch der vielgepriesene Humor war nicht meiner. Dieses Buch bekommt trotzdem 1 Punkt von mir, weil ich denke, dass es einige Menschen gibt, die dieses Buch und die Geschichte von Freier in seiner „Ossiwelt“ ganz unterhaltsam finden, und ich mich bei der Empfehlung nicht allzu sehr verbiegen muss.

Platz 2 und somit 3 Punkte … „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ von Juliana Kálnay

Die Geschichte von Bewohnern eines Hauses, die Dinge tun oder erleben, die man als Leser*in nicht erwartet … oder vielleicht doch? Ein Buch, dass ganz nett geschrieben ist, teilweise sehr feinsinnig und poetisch, dann wiederum surreal und mystisch, doch letztendlich eine Geschichte über Menschen wie Du und ich, die Dinge erleben. Auch wenn die manchmal ganz schön abgedreht sind. Doch wie heißt es so schön … es gibt nichts, was es nicht gibt.

Platz 1 und somit 5 Punkte … „Das Genie“ von Klaus Cesär Zehrer

Dieses Buch habe ich verschlungen. Was für eine phantastische Geschichte über Boris und William James Sidis. Eine Geschichte über Bildung, dem Gedächtnis und seinen Möglichkeiten, der Manipulation des selbigen und Weigerung eines Kindes ein „Wunderkind“ zu sein. Mich hat selten eine biografische Geschichte so fasziniert wie Zehreres Geschichte von der Familie Sidis. Zehrer vermag es zu erzählen, zu erklären und neugierig zu machen, ohne jedoch zu belehren. https://dasdebuet.com/bloggerpreis/teilnehmende-literaturblogger/

 

Nun bin ich sehr gespannt, wie meine Jurymitglieder sich entscheiden und wer letztendlich Das Debüt 2017 gewinnt.

 

Eure Angelika ♥