„Die Kinder sind Könige“ von Delphine de Vigan

DuMont Buchverlag, Fester Einband, 320 Seiten, ISBN: 9783832181888, Preis: 23,00 €, Hier kaufen

Als junge Frau träumt Mélanie von einer Kariere als TV Star in Reality Sendungen, doch ihr Traum platzt früh. Jahre später, als sie bereits Mutter eines Sohnes ist, fängt sie an, innerhalb einer Mütterbubble auf Facebook Bilder ihres Sohnes zu posten. Dafür erhält sie viel Anerkennung. Im Laufe der Zeit wird sie so zu einer der erfolgreichsten YouTuberin mit Tausenden von Followern und eigenen Marken. Doch nicht sie, sondern ihre Kinder sind die Stars.

Eines Tage verschwindet Kimmy, ihre jüngste Tochter. Alle gehen davon aus, dass das kleine Mädchen entführt wurde. Die Polizeibeamtin Clara übernimmt die Ermittlung und fragt sich wie man unter all den Menschen, die Kimmy kennen und mit denen sie tagtäglich zu tun hat, den oder die Täter*in finden soll …

Ich bin ja ein großer De Vigan Fan. Ich mag ihre Bücher sehr, da sie sich immer besonderen Themen annimmt. Deshalb war ich sehr gespannt auf das neue Buch, weil der Titel erst einmal alles offen lässt.

In dieser Geschichte tauche ich in die Welt der Influencer und YouTuber ein. Und was ich lese lässt mich teilweise unfassbar zurück. Ich ahnte ja bereits, dass da einiges an Geld fließt, aber wie es da abgeht macht mich einfach sprachlos. Kinder werden im Babyalter vor die Kamera gezerrt, müssen im Kleinkinderalter posieren, Werbung machen, Challenges erfüllen, ob sie wollen oder nicht. Das alles nur, um die unerfüllten Träume ihrer Eltern zu erfüllen. Irre!!!

Was ich besonders interessant fand, war die Tatsache, dass viele dieser Kinder am sogenannten „Truman- Syndrom“ leiden. Die meisten von uns kennen den Film, in dem Truman ja in einer virtuellen Welt aufwächst und dies nicht weiß. Ähnlich hier, die Kinder wachsen mit Instagram, Facebook und YouTube auf, müssen täglich zig Contents abdrehen und alles Möglich hautnah den Followern mitteilen. Es gibt so gut wie kein Privatleben, was zur Folge hat, dass sich die Kinder irgendwann verfolgt fühlen. Seit einigen Jahren gibt es sogar Klagen von Kindern gegen ihre Eltern, weil diese mit dem posten der Bilder ihre Persönlichkeitsrechte missbrauchen.

Seitdem ich das Buch gelesen habe, sehe ich Bilder von Kindern im Netz und Social Media kritischer. Es ist so, wie der Titel von De Vigans Buch schon sagt „Die Kinder sind Könige“ und die gilt es zu schützen.

Dieses Buch ist wieder ein mega Buch von De Vigan. Es ist spannend wie ein Krimi geschrieben und bietet viele Hintergrundinformationen rund um Social Media.

Unbedingt lesen!!!

„Das Herz von Paris“ von Veronika Peters

Oktopus by Kampa, Fester Einband, ISBN: 9783311300199, Preis: 22,00 €, Hier kaufen:

Ich bin ganz verliebt in dieses Buch. ♥

Ann-Sophie und ihr Mann gehen im Frühling 1925 nach Paris. Ann-Sophies Mann wird in Zukunft in der Anwaltskanzlei seines Onkels arbeiten. Die junge Frau hingegen langweilt sich und vertrödelt ihre Tage.

An einem dieser Tage streift sie durch Paris und landet durch Zufall vor der Buchhandlung „Shakespeare and Company“. Vor der Tür trifft sie auf eine rauchende Frau in Männerkleidung. Es ist die Buchhändlerin und Verlegerin Sylvia Beach. Neugierig geworden betritt Ann-Sophie die Buchhandlung und fasziniert von den Frauen denen sie dort begegnet.

Die Frauen bieten ihr eine Stelle als Aushilfe an, die Ann-Sophie sofort annimmt. Schon bald wird aus der schüchternen Ann-Sophie eine junge und selbstbewusste Frau, die mehr vom Leben und der Liebe will.

Mich hat dieses Buch so gefesselt. Ich mochte es so sehr zu sehen, wie aus der schüchternen Sophie eine selbstbewusste Frau wird. Mir gefielen die lockeren Gespräche der Frauen, hatte oft das Gefühl, ich säße dabei und könnte mitplaudern. Natürlich ist nicht alles eitler Sonnenschein, denn schon schnell kommt es zu Spannungen zwischen Ann-Sophie und ihrem Mann, der mit der Emanzipation seiner Frau gar nicht umgehen kann. Doch die Frauen der Company stärken der jungen Frau den Rücken, bzw. alle stehen für alle ein.

Ich hab ja schon einige Bücher von Veronika Peters gelesen, und das hier ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher von ihr.

Danke liebe Veronika für diese wirklich schöne Geschichte und den schönen Stunden die ich mit den Frauen der Company verbringen durfte. ♥♥♥

„Ursprung“ von Eva Tind

Mare Verlag, Fester Einband, ISBN: 9783866486478, Preis: 25,00 €, Hier kaufen:

Kai liebt Miriam über alles. Miriam liebt Kai, doch ihre Kunst liebt sie mehr. Die beiden bekommen ein Kind und kurz nach der Geburt geht Miriam, um nur noch für ihre Kunst zu leben. Kai zieht Sui, so heißt die gemeinsame Tochter, alleine groß. Als Sui flügge wird und zu Hause auszieht, stürzt das Kai in eine Krise. Er reist nach Indien um Kraft und neuen Sinn zu finden.

Da Sui ihre Mutter kaum kennt, reist sie zu ihr. Miriam lebt schon seit Jahren in einem einsamen Waldgebiet, um dort an einem großen Kunstprojekt zu arbeiten. Doch die Begegnung mit ihrer Mutter verläuft anders als sich Sui das erhofft hat. Sie reist weiter auf die koreanische Insel Marado und hofft dort Antworten zu ihren Wurzeln zu finden.

Am Anfang hat mich das Buch ein wenig traurig und wütend zugleich gemacht. Miriam und ihr Egoismus sind mir so auf die Nerven gegangen. Doch je weiter ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto mehr hat mich die ganze Geschichte fasziniert. Sie wird aus der Perspektive jedes einzelnen erzählt.

Kais Suchen und Finden, nach neuen Ansätzen für sein Leben ohne Sui; Miriams Kunstprojekt, welches ein Lebensprojekt wird für das sie bis zum Tod alles gibt; und schließlich Suis Suche nach ihren Wurzeln/ Identität machen das Buch zu etwas besonderem.

Jede Geschichte für sich ist einzigartig und alle zusammen ein wundervolles Buch über das Suchen und Finden der eigenen Identität in verschiedenen Lebensphasen.

Dies & Das … im Januar 2022

Hallo Ihr Lieben,

schwupps, ist der Januar auch schon rum. Früher war das immer der sogenannte KaugummiMonat. Endlos lang und langweilig. Dieses Jahr ist er verflogen wie nix. Wir haben im Büchergarten in der ersten Woche ein bisschen rumgeputzt. In der Weihnachtszeit ist dafür immer wenig Zeit. Wenn dann im Januar die meisten Bücher wieder im Regal stehen, die Weihnachtsdeko weggeräumt ist, dann sieht man den ganzen Staub. Also bitte einmal alles sauber. Dabei haben wir ein bisschen umgeräumt und neue Themenwelten geschaffen. Es gibt jetzt einen Regalboden Sachbücher für Kinder und Erwachsene, die Hobbyecke (Stricken etc.) haben wir ausgebaut und erweitert … Mutter/ Kind haben wir umgestaltet zu Familie. Jetzt gibt es einen Rgealboden voll mit Büchern rund um dich mit dem Überbegriff Mind & Soul. Aus Religion haben wir Spirituell gemacht und dann gibt es jetzt auch alles rund um die Gesundheit. Ihr seht, wie haben verschieden Bereiche zusammen gefasst, um anderen Bereichen Platz zu machen. Kommt vorbei und schau selbst. 

Neben der Putzerei habe ich die Verlagsvorschauen für das Frühjahr gesichtet. Manchmal fühle ich mich erschlagen von der Titelauswahl der Verlage. Sich dadurch zu arbeiten ist gar nicht so einfach. Ich muss abwägen, ob das etwas für den Büchergarten ist oder nicht. Titel die ich interessant finde kommen auf eine Merkliste. Diese Merkliste arbeite ich dann immer einen Monat vor Erscheinen der Bücher ab, und entscheide dann was ich bestelle. 

Ende Januar war ich auf einer kleinen Hausmesse von „Good old friends“ in Siegburg. Da die großen Messen im Januar und Februar ausfallen, haben die wieder eine kleine Hausmesse gemacht. Oh was gibt es wieder schöne neue Dinge. Ich hab einiges von den Neuigkeiten bestellt. Ab Mai gibt es die dann im Büchergarten. Lasst Euch überraschen. ♥

Gelesen habe ich auch ein bisschen. Ganze vier Bücher, und weitere 4 habe ich angelesen und dann abgebrochen, weil die mich überhaupt nicht angesprochen haben. Geht es nur mir so? In der letzten Zeit sprechen mich viele Bücher einfach nicht mehr an. Der Klappentext hört sich vielversprechend an, doch der Inhalt entpuppt sich dann als langweilig oder langatmiger Text oder mich nerven die Protagonisten. Ich vermisse Bücher wie „Mr. Gwyn“ … oder „Die Verwandlung des Schmetterlings“ … oder „Cyril Avery“ … oder „Und es schmiltz„, um nur ein paar zu nennen. Bücher die mich fesseln, mich herausfordern, mich überraschen … Nun, ich bin gespannt, was ich dieses Jahr so alles finden werde. 

Zwei habe ich bereits gefunden, und zu denen möchte ich Euch einen kurzen Einblick geben:

„Q“ von Christina Dalcher

Stellt Euch eine Welt vor, in der die Menschen über einen sogenannten Q-Wert definiert werden. Je höher dieser ist, desto mehr Vergünstigungen bekommt. Ist der Wert gering, beziehungsweise fällt unter einen bestimmten Wert, wird man in staatliche Einrichtungen gebracht, von denen man nicht weiß, was dort geschieht.

Elen Fairchild und ihr Mann Malcom waren einer der ersten Mitinitiatoren dieser Regeln, die später zu Gesetzen wurden und immer wieder modifiziert werden. Zur Überprüfung der Werte müssen monatliche Tests absolviert werden. Schneidet man schlecht ab, werden Punkte vom aktuellen Wert abgezogen. Fällt man unter den Basiswert, droht die Unterbringung in einer staatlichen Einrichtung. Man nennt es „Kampagne für wertvollere Familien“, ein Bildungs- und Sozialprogramm.

Als nun Freddy, die jüngste Tochter der Fairchilds ihren Test verhaut, muss sie am nächsten Tag in eine dieser Einrichtungen. Die Eltern dürfen ihre Tochter nur einmal pro Halbjahr besuchen. Im Gegensatz zu anderen Eltern will Elena wissen was mit ihrer Tochte passiert. Beim nächsten Test fällt sie mit Absicht durch, und so schafft sie es, in die gleiche Einrichtung zu kommen, in der ihrer Tochter ist . Doch was sie dort erlebt ist der Horror und sie setzt alles daran ihre Tochter und sich aus dieser Einrichtung zu befreien …

Wenn man diese Geschichte anfängt zu lesen denkt man erst … na ja. Doch je tiefer man eintaucht desto fassungsloser wurde ich beim Lesen. Sicherlich ist diese Geschichte eine Dystopie, doch mit jedem Satz mehr und den Andeutungen von Elenas Großmutter, ahnt man in welche Richtung die Geschichte geht. Auch das Nachwort der Autorin zeigt ganz klar auf, hier geht es um Eugenik. Ich gestehe, ich kannte dieses Wort nicht. 

Eugenik (von altgriechisch εὖ  ‚gut‘, und γένος génos ‚Geschlecht‘) oder Eugenetik, deutsch auch Erbgesundheitslehre, in der Zeit des Nationalsozialismus (da auch Erbpflege genannt) bzw. in Deutschland[2] meist gleichbedeutend mit Rassenhygiene “ (Wikipedia)

Ich habe dann ganz viel gegoogelt, mich informiert und musste dann feststellen, dass Dalchers Roman gar nicht so dystopisch war wie angenommen. Tagtäglich werden Entscheidungen getroffen, die sich um die Eugenik drehen. Zwar nicht mehr in dem engen Begriff der „Rassenhygiene“, aber  es wird entschieden, ob eine Eizelle/ Embryo ein Mensch werden darf oder nicht. Das aber hier zu diskutieren führt zu weit.

Zurück zum Buch … für mich eine spannende Lektüre, die mich manchmal an meine Grenze gebracht hat, die Ihr aber lesen solltet. ♥ 

„Q“ von Christiane Dalcher, S.Fischer Verlag, ISBN: 9783596704538, Preis: 16,99 €, Hier kaufen: 

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„Der Verdacht“ von Ashley Audrain

Violet ist das Wunschkind von Blythe und Fox. Blythe freut sich so sehr darauf Mutter zu sein. Sie möchte ander sein als ihre Mutter und ihre Großmutter. Möchte es anders, besser machen als die Beiden. Doch als man ihr Violet kurz nach der Geburt in den Arm legt, merkt sie das irgendetwas nicht stimmt. Violet lehnt sie ab. Und auch Blythe hegt j´keienrlei Muttergefühle für Violet. Doch sie gibt ihr Bestes. Doch je älter Violet wird, desto schwieriger wird das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Violet liebt nur ihren Vater und das sehr. Bei Blythe schreit, tritt, beißt … Violet, bei ihrem Vater kuschelt und schmust sie. Blythe denkt sie ist eine schlechte Mutter. Als Violet in den Kindergarten kommt passieren dort merkwürdige Dinge. Die KInder möchten nicht mit ihr spielen, manche haben sogar Angst vor Violet. Ei n paar Jahre vergehen, und dann bekommt Violet ein weiteres Kind, einen Jungen. Vom ersten Tag an fühlt Blythe die Mutterliebe, die sie bei Violet vermisst hat. Am Anfang freut sich Violet sehr über ihr Brüderchen. Doch schon bald schlägt die Stimmung um und es passiert ein schrecklicher Unfall (?) …

Puh, was für ein Buch! Mich hat die Geschichte um Blythe und Violet sehr mitgenommen. Ich habe sooft den Kopf geschüttelt über die Dinge die hier passieren. Kann es sein, dass eine Mutter ihr Kind nicht liebt? Kann es sein, dass ein kleines Kind seine Mutter nicht liebt? Sie sogar hasst? Was Audrain an vielen Stellen beschreibt macht mich fassungslos und wütend. Fassungslos weil ich es mir nicht vorstellen kann, wütend weil niemand, weder Blythe noch Fox, etwas unternimmt um dem Einhalt zu gebieten. Ich schlage jede Seite vorsichtig um, weil ich Angst davor habe, was als nächstes passiert.

Unglaublich gut geschrieben und es wirkt noch lange nach, weil Dinge passieren, die unfassbar sind. 

„Der Verdacht“ von Ashley Audrain, Penguin Verlag, ISBN: 9783328601449, Preis: 22,00 €, Hier kaufen: 

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Upps, das ist jetz doch länger geworden, als ich geplant hatte. Ich wünsche Euch viel Spaß beim lesen und wünsche Euch eine gute Zeit bis zum nächsten Mal.

Eure Angelika ♥

 

Lebenszeichen

Hallo Ihr Lieben,

zuerst einmal möchte ich Euch noch ein gesundes, frohes, glückliches und erfolgreiches Jahr 2022 wünschen.

Ja, ich leben noch. Laut Blog war mein letzter Beitrag im August 2021. Irgendwie verfliegt die Zeit. Jetzt befinden wir uns schon im 3. Jahr der Pandemie und ich habe das Gefühl mit jedem Jahr mehr, wird es schwieriger alles unter einen Hut zu bekommen. Buchhandlung, Lesen, Blog, Privatleben … Woher nehme ich all die Zeit, die es braucht, um all die Dinge zu tun, die ich tun muss? Irgendwie war die Luft raus, aus allem … Ich habe letztes Jahr sehr wenig gelesen. Keine 50 Bücher. Alles was ich angefangen habe war so langweilig, uninteressant, doof … Es baute sich immer mehr Druck in mir auf, nach dem Motto … du musst aber lesen, damit du den Kunden*innen und den Leser*innen etwas anbieten kannst… Doch je mehr Druck ich mir machte, desto weniger Lust hatte ich. Dann kamen private Umbrüche ab November hinzu, und da wollte ich nur noch im Bett bleiben, weil mir alles zu viel wurde. Gott sei Dank habe ich viele liebe Menschen an meiner Seite. 

Ich liebe meine tägliche Arbeit im Büchergarten über alles. Die Gespräche über Bücher und das Leben sind so bereichernd. Deshalb wird diese „Arbeit“ auch immer Vorrang haben. Auch vor der Blogarbeit. Das Lesen soll wieder Spaß machen, weil ich Spaß am Buch habe, und nicht weil ich dringend einen Beitrag für den Blog brauche. Ich weiß noch nicht genau wie es hier weiter gehen wird. Im Moment schwebt mir so eine Art „Newsletter“ vor, heißt ein Beitrag über alles was im Büchergarten passiert, plus Kurzbesprechungen, und das Ganze vielleicht 1-2 Mal im Monat. Ab wann das dann sein wird, kann ich noch nicht genau sagen, da ich zur Zeit noch Verlagsvorschauen sichte und die Buchhandlung ein wenig umräume.

Ein paar Follower sind ja noch da. Danke für Eure Treue! Ich hoffe es werden in der Zukunft vielleicht auch wieder ein paar mehr. 

Passt auf Euch auf … eure Angelika ♥

„Gute Nachbarn“ von Therese Anne Fowler

Droemer, Fester Einband, 352 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783426282519, Hier kaufen

Klappentext

In Oak Knoll, einem Vorort in North Carolina, ist das Leben noch in Ordnung. Die Nachbarschaft ist grün und der Zusammenhalt eng. Hier zieht die Forstwirtschafterin Valerie Alston-Holt ihren Sohn Xavier groß. Er ist ein Musiktalent und das Collegestipendium ist ihm so gut wie sicher. Dennoch hat er zu kämpfen, denn Valerie ist schwarz. Xaviers Vater war weiß, und er selbst passt nirgends so richtig hin.

Als auf dem Grundstück nebenan die Whitmans einziehen, verändert sich langsam, aber stetig die Gemengelage in dem kleinen Vorort. Brad Whitman ist mit einer Firma für Kühltechnik zu Geld gekommen und baut ein recht protziges Haus. Gemeinsam mit seiner Frau Julia und den Töchtern Juniper und Lily bildet er die scheinbar perfekte weiße Familie, die den amerikanischen Traum lebt. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn hinter der Fassade verbirgt sich manches Geheimnis.

Manchmal braucht es nur noch eine sterbende Eiche und eine Teenagerliebe, um eine hübsche Nachbarschaft von einer Katastrophe erschüttern zu lassen.

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„Ein hochpreisiges neues Haus in einem einfachen, alten Viertel. Auf einer Liege neben dem Swimmingpool ein Mädchen, das in Ruhe gelassen werden will. Wir beginnen unsere Geschichte hier, in den Minuten vor dem kleinen Ereignis, das alles verändern wird. Ein Sonntagnachmittag im Mai, an dem unser Viertel noch seinen prekären Frieden wahrt, das ungefähre Gleichgewicht von alt und neu, uns und denen. Später in diesem Sommer, bei der Beerdigung, werden die Medien vollmundig spekulieren, wer Schuld hat. Sie werden die Anwesenden auffordern, vor der Kamera zu sagen, auf wessen Seite sie stehen. Fürs Protokoll: Partei zu ergreifen war nichts, was wir wollten.“ (Seite 11)

 Oak Knoll ist eigentlich ein verschlafenes Örtchen, in dem die sogenannte Mittelschicht lebt. Doch immer mehr Reiche stellen fest, dass man dort günstig Häuser kaufen kann, diese dann abreißt, um ganz groß neu zu bauen. So macht es auch der zu Geld gekommene Brad Whitman. Für sein schickes Haus müssen auch Bäume fallen, was der Forstwirtschafterin Valerie so gar nicht gefällt. Doch erst einmal macht sie gute Miene zum bösen Spiel, da man ja in der Nachbarschaft lebt und ein gutes Verhältnis haben möchte.

Doch eines Tages fängt Valeries Lieblingsbaum an zu sterben. Eine sehr alte Eiche. Der Bau von Whitmans Haus und Pool hat die Wurzeln zerstört und als sich dann auch noch ihr Sohn in die Nachbarstochter verliebt, ist das Drama irgendwie vorprogrammiert. Denn Xaviers Vater war weiß und seine Mutter ist schwarz. Die Whitmans sind weiß.

 „Julia hörte zu, wie die Frauen planten, dem Paar, Esther und Hank, zu helfen und Besuche abzustatten. So ist es, dachte sie, wenn man Teil einer Gemeinschaft ist. Diese Frauen kannten sich alle und kümmerten sich umeinander – es machte sie schon glücklich, nur mit ihnen in einem Raum zu sein.“ (Seite 61)

Die Geschichte wird aus Sicht eines Nachbarn erzählt und er bindet mich als Leserin mit ein. Stellt mir Fragen, lässt mich reflektieren und hinterfragt auch die Entscheidungen der Nachbarn. Ich finde diese Art des Erzählens immer spannend, da sie  mir viele Möglichkeiten bietet.

Was erst einmal Harmlos und nett anfängt endet letztendlich in einer Tragödie. Nach ca. 100 Seiten habe ich einen Hass, ja wirklich Hass, auf Brad  Whitman bekommen. Er bedient das Bild eines Weißen in Amerika. Einer der Rassist ist, und seine Macht ausspielt wo und wie er nur kann. Ich musste fassungslos mit ansehen (lesen) wie er nicht nur das Leben von Xavier und Valerie zerstört, sondern auch des Leben seiner Tochter.

„Menschen sind, wie wir alle wissen, komplizierte Wesen. Nicht mal der simpelste von uns ist simpel. Wir alle sind geformt durch die, die uns aufgezogen haben, dadurch, wie und wo wir aufgewachsen. Haben wir zwei Elternteile? Nur einen? Gar keinen? Leben wir im Überfluss oder in äußerster Armut, oder führen wir ein solides Mittelklasseleben? Die Unterschiede spielen eine Rolle. Wechselnde Umstände vom Guten zum Schlechten oder vom Schlechten zum Guten ebenfalls.“ (Seite 159)

Ehrlich gesagt hätte ich bei diesem Titel nicht eine solche Geschichte erwartet. Aber das finde ich wiederum auch gut, denn somit hat mich das Buch positiv überrascht, auch wenn die Story echt harter Tobak ist. Dieses Buch ist ein Gesellschaftsroman über den Rassismus und Machtmissbrauch in Amerika.

„Das Damengambit“ von Walter Tevis

Diogenes, Fester Einband, 416 Seiten, Preis 24,00 Euro, ISBN: 9783257071610, Hier kaufen

Klappentext

Sie ist jung. Süchtig. Ein Schachgenie.

Beth Harmon lernt schon im Waisenhaus, ihren inneren Aufruhr mit den Pillen zu beruhigen, die die Kinder dort täglich schlucken müssen. Und der Hausmeister des Waisenhauses bringt ihr, achtjährig, das Schachspiel bei.

Nach ihrer Adoption durch die flatterhafte Mrs. Wheatley kann Beth ihre Schachpassion endlich ausleben. Sie spielt neben der Schule Turniere, wird bald Landesmeisterin von Kentucky, spielt um  US-Meisterschaft. Aber Beth überragende Begabung hat ihren Preis. Wird Beth ihren eigenen Weg finden oder ihr Talent mit Pillen und Alkohol zerstören? Und wird es ihr jemals gelingen, den Russen Borgov, den besten Spieler der Welt, zu schlagen?

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„Im Methuen-Kinderheim in Mount Sterling, Kentucky, bekam Beth, wie alle anderen Kinder auch, zweimal am Tag ein Beruhigungsmittel. Es sollte ihnen zu einem >ausgeglichenen Gemüt< verhelfen. Soweit sich das beurteilen ließ, war mit Beths Gemüt alles in Ordnung, doch schluckte sie die kleinen Pillen. Tief im Magen lockerte sich etwas, und die zermürbenden Stunden im Heim ließen sich leicht verdösen.“ (Seite 13-14)

Beth ist acht, als sie ins Waisenhaus kommt. Für sie ist es von Anfang an die Hölle. Mit kleinen grünen Pillen werden die Kinder dort ruhig gestellt. Doch Beth bekommt schnell raus, wie sie es anstellt, damit die Dinger eine, für sie „gute“ Wirkung haben. Und dann ist da noch der Hausmeister. Er bringt ihr das Schach spielen bei, und erkennt dabei ihr Potenzial. Beth nimmt heimlich an Turnieren in der direkten Umgebung des Waisenhauses teil und gewinnt eins nach dem anderen.

Dann wird Beth adoptiert und somit kommt ihre Leidenschaft erst einmal ein wenig zum erliegen. Doch dann merkt ihre Adoptivmutter wie begabt Beth ist und wie gut sich mit dieser Begabung Geld verdienen lässt. Von nun an unterstützt sie Beth und managt sie … mehr oder weniger.

So ziehen die Jahre ins Land und Beth hat nur einen Wunsch … einmal gegen den Großmeister Borgov spielen und gewinnen. Dann stirbt ihre Adoptivmutter und Beth ist wieder auf sich allein gestellt. Verfällt den grünen Pillen und dem Alkohol. Wird sie ihren Traum jemals verwirklichen können?

„Etwas in ihrem hatte sich gelöst: Sie kannte die Schachfiguren und wusste, wie man sie bewegte und sie schlug, und sie hatte herausgefunden, wie sie mit den Pillen, die das Waisenhaus ihr gab, die Spannung im Magen und in den Gelenken in ein Wohlgefühl verwandeln konnte.“ (Seite 22)

Ich gestehe, wir haben kein Netflix und somit kenne ich diese Serie nicht. Ich kann nur minimal bis gar kein Schach spielen, und doch hat mich dieses Buch gepackt, fasziniert und atemlos gemacht!!!

Es ist wirklich so, auch wenn man keine Ahnung von Schach hat, reist einen die Komplexität dieses Spiels in den Bann. Ich fand es super spannend was Beth alles angestellt hat, um ihre Gegner zu studieren. Wie sie in Gedanken Schachbretter aufgebaut hat, sich Züge überlegt um  ihre Gegner zu schlagen …

Da ist aber auch die traurige und einsame Beth, die sich mit Pillen und Alkohol betäubt …  und doch schafft sie es immer wieder sich aufzuraffen um ihren Traum, Borgov zu besiegen, ein Stück näher zu kommen.

„Sie vergaß wie müde sie war, und machte sich an die Arbeit. Es war kompliziert und mühselig. Und Luchenko hatte mehr Zeit. Sie entschied sich für einen Plan, den sie mitten in der Nacht entwickelt hatte, sie zog den Springer vom Damenflügel ab und schickte ihn auf eine Reise nach e4. Bestimmt war Luchenko darauf vorberietet und hatte das seit dem gestrigen Vormittag selbst analysiert. Vermutlich mit Unterstützung. Aber so gut er sein mochte, war ihm vielleicht doch etwas entgangen. Sie zog ihren Läufer von der Diagonalen weg, auf der sein Turm stand, in der Hoffnung, er würde nicht sehen, was sie damit bezweckte. Es sollte so aussehen, als wolle sie seine Bauernformation angreifen und ihn zwingen, diese durch einen Bauernzug zu schwächen. Seine Bauern kümmerten sie allerdings nicht. Sie wollte unbedingt den Turm vom Brett haben. Dafür hatte sie töten können.“ (Seite 389)

WAHNSINN!!! Was für ein Buch. Ich habe es verschlungen. Habe mit Beth gelitten, gezittert, gespielt, geweint und gefreut. Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl, ich habe zig Stunden Schach gespielt. Ich war müde und euphorisch zugleich. Am liebsten hätte ich jede Menge Bücher genommen, um damit auf die Straße zu rennen und jedem ein Buch in die Hand zu drücken und zu sagen lesen! lesen! lesen!

Für mich ein absolutes Highlight in diesem Jahr, weil es so anders ist, so einzigartig, so verdammt gut!!!

„So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner

Fischer Krüger, Flexibler Einband, 352 Seiten, Preis 16,99 Euro, ISBN:9783810530745, Hier kaufen

Rückentext

Karla und Marie. Marie und Karla. Früher waren die beiden Schwestern eine Einheit. Doch dann kam das Leben dazwischen – so wie es das eben tut. Plötzlich steht Karla mit einer Urne im Arm an der scheiß Schönen Aussicht. Marie ist tot. Und Karla hat das Gefühl, dass sie ihre Schwester gar nicht richtig kannte. Sie fragt sich: Was weiß ich wirklich über die, die ich am meisten liebe?

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„(…) – an Tagen, wie der heutige einer war – musste der Anzug nicht ganz passen, da durfte der Stoff verrutschen, denn das Leben war es nun auch.“ (Seite 22)

 Marie und Karla wachsen auf dem Dorf auf. Sie sind Geschwister und stehen sich sehr nahe. Sie vertrauen sich alles an. Es gibt keine Geheimnisse zwischen ihnen. Später im Leben zieht Marie der Liebe wegen nach Amerika. Trotzdem bleiben die Schwerstern in Kontakt und erzählen sich nach wie vor alles. Die Liebe zerbricht irgendwann und doch Marie bleibt in Amerika. Doch dann passiert es, Marie kommt bei  einem Unfall ums Leben. Karla ist erschüttert, ihre Seelenverwandte ist tot.

Nachdem Marie in der Heimat beigesetzt wurde, reist Karla nach Amerika um Maries Wohnung aufzulösen. Doch dabei entdeckt sie Dinge, die so gar nicht zu Marie passten und Karla fängt an zu zweifeln, ob Marie ihr wirklich alles anvertraut hat, was sie bewegte …

 „Eine Wohnung weiß nicht, dass ihre Besitzerin nicht mehr wiederkommen wird. Und wenn niemand anderes aufräumt, ausräumt, wenn niemand wieder einzieht, dann wird nichts passieren, gar nichts. Ein Ort der Verlassenheit bleibt bestehen, doch darauf legt sich Staub, eine hauchdünne Schicht, die immer dicker und fester wird. Irgendwann kleben die Schichten zusammen. Die Momentaufnahme mit dem Staub, der sie konserviert.“ (Seite 41)

 Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt. Karla erzählt die Geschichte, in der sie nach Amerika fliegt, um die Dinge ihrer Schwerster zu ordnen. Dabei stößt sie auf Dinge, die eine ganz andere Marie/ Schwester zeigen, als sie sie kennt. Und dann erzählt die tote Marie über ihr Leben in Amerika und über die Geheimnisse, die sie ihrer Schwester verschwiegen hat.

„Aber Karla, und das ist ein Teil meiner schmerzlichem Wahrheit, weiß mittlerweile so vieles nicht. Und wo soll ich anfangen, wenn ich die vielen richtigen Momente für ein Geständnis immer wieder habe verstreichen lassen? Mit Karla ist es nie zu spät für die Wahrheit, aber ich weiß auch, wie sehr ich sie nach all der Zeit damit verletzten würde.“ (Seite 61)

 Ich muss gestehen, mich hat das Buchs ehr überrascht. Das Cover sieht eher nach einer Liebesgeschichte oder Freundinnengeschichte aus, also eher leichtem. Doch im Laufe der Story muss ich feststellen, dass es hier um viel mehr geht.

Es geht um Vertrauen, Wahrheit, aber auch um den Zwiespalt und Tabuthemen. Wie viel Wahrheit kann eine Schwester vertragen? Kann ich ihr erzählen, dass meine Ehe nicht so toll war, wie alle glauben? Dass sie von Gewalt geprägt war! Kann ich das meiner Schwester zumuten? Vielleicht war ich ja auch daran schuld, dass mein Partner mich so behandelt …

Mich hat die Geschichte um Karla und Marie sehr berührt. Vor allem Maries Geschichte ist bewegend und lässt mich nachdenklich zurück … Nicht alles was toll und schön erscheint ist es auch!

„Ich bin nicht ich ohne dich“ (Seite 79)

„Mittwochs am Meer“ von Alexander Oetker

Atlantik Verlag, Fester Einband, 176 Seiten, Preis: 18,00 Euro, ISBN: 9783455010961, Hier kaufen

Rückentext

Jeden Mittwoch fährt Maurice aus Paris in ein verträumtes Hafenstädtchen in der Bretagne, weil er dort einen beruflichen Auftrag hat. Der stille Mann aus der Hauptstadt stößt auf Misstrauen bei den rauen Einheimischen, den Fischern und Arbeitern. Doch dann lässt die geheimnisvolle Rezeptionistin  seines Hotels ihm einen Liebesbrief und einen Gedichtband zukommen. Maurice ist verzaubert von den Worten der Frau. Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre, die jeden Mittwoch neu entflammt, den ganzen Sommer lang. Das Paar fühlt sich wie in einem Traum, der zur Reise wird und schließlich zu einer überraschenden Erkenntnis führt.

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Ein etwas „schrulliger“ Mann fährt jeden Mittwoch ans Meer. Er soll dort für eine Firma die Insolvenz begleiten. Jeden Mittwoch wohnt er in der gleichen Pension, da er immer eine Nacht bleibt. Doch an einem Mittwoch im Sommer trifft er anstatt der älteren Rezeptionistin, eine junge Frau an. Er ist sofort sehr angetan von dieser Frau. Und schon bald beginnen die Beiden eine Affäre mit ungewöhnlichem Ausgang.

„Ich habe diesen Zustand noch nie gefühlt. Bis vor zwei Wochen. Bist du mir passiert bist. Und jetzt laufe ich durch die Welt und fühle mich, wie Rimbaud es beschrieben hat: Alles kommt mir so unendlich intensiv vor, die Welt da draußen, ich betrachte die Menschen mit anderen Augen, viel gütiger, so kommt es mir vor. (…) Besonders aber fühle ich die Natur: Ich spüre, wie der Wind weht und wie heiß es ist, und alles kommt mir so vor, als sei es da, weil ich gerade so glücklich bin. Ich möchte mit nackten Füßen durch das Gras laufen und im Meer spazieren. Etwas, wonach ich mich nie gesehnt habe. Aber nun ist es so, als würde mir die Liebe eine neue Welt eröffnen. Ich verstehe, was er gemeint hat.“ (Seite 91)

Man nehme eine hübsche Frau, einen einsamen Mann, schöne Landschaft, einen Gedichtband von Rimbaud und schon hat man eine wundervolle Liebesgeschichte … oder so.  Na ja nicht so ganz. Diese kleine aber feine Sommerromanze hat etwas mehr zu bieten. Im Laufe der Geschichte verändert sich Maurice, aus den schrulligen Mann, wird ein offener , fröhlicher und glücklicherer Mensch. Die Liebe, ja die Liebe …

Mir hat die Geschichte gut gefallen …  ein schöner Roman für einen lauen Sommertag/ Sommerabend  mit dem man für ein paar Stunden ans Meer fliehen kann.  An manchen Stellen, vor allem am Ende ein bisschen „too much “ für mich, aber der Sommer verträgt das …  🙂

„Mittwochs am Meer“ erinnerte mich an „Das Mittwochszimmer“ von Dagmar Seifert, in der es auch um eine Affäre ging und die beiden sich immer Mittwochs in einem bestimmten Zimmer trafen. Dieses Buch kann ich auch sehr empfehlen.

 

„Ich, Antoine“ von Julie Estève

dtv Verlagsgesellschaft, Fester Einband, 160 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783423282710, Hier kaufen

Klappentext

Ein Dorf in den Bergen Korsikas, Mitte der 1980er-Jahre. Als die 16-jährige Florence tot im Pinienwald gefunden wird, ist ein Schuldiger schnell ausgemacht: Antoine Orsini, der Dorftrottel, dem die Walnussbäume näher sind als die Menschen und der ein Diktiergerät seinen besten Freund nennt. Jahre später hat er seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück. Noch immer spricht im Dorf niemand mit ihm, und so streift Antoine allein umher und berichtet einem Plastikstuhl davon, was damals wirklich geschehen ist.

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„Irgendwann werde ich kein Spasti mehr sein! Irgendwann werde ich für die anderen Antoine Orsini sein. Ich werd n cooles Image haben, man wird mich beneiden, wie 1983, als ich für alle noch der Glücksbringer war!“ (Seite 27)

Antoine ist mittlerweile in die Jahre gekommen, und er ist immer noch der Dorftrottel. Doch jetzt will er erzählen wie es damals wirklich war, die Sache mit Florence und so … Er erzählt seine Geschichte einem Plastikstuhl und seinem bestem Freund Magic, einem Diktiergerät. Die Menschen im Dorf meiden ihn, machen ihn immer mehr zum Außenseiter und letztendlich hat das seine Folgen …

„Florence war n Mädchen, das einen komplett um den Verstand bringen konnt. Wenn die Jungs sich mit ihr unterhalten haben, waren sie immer wahnsinnig lieb und haben dabei so ausgesehen, als ob sie irgendwie Hunger hätten. Haben dauernd an ihr rumgefingert, haben ihre Schulter angetatscht, sie um die Hüften gefasst, ihre Hand genommen und ihr Küsschen auf die Backe gegeben.“ (Seite 31)

Dies ist wieder eins dieser Bücher, das nicht wirklich schön ist. Die Geschichte/ das Leben von Antoine hat mich traurig zurückgelassen. Von niemandem geliebt, immer nur der Spasti, muss er viel einstecken im Leben. Wenn irgendetwas im Dorf passiert ist, war es Antoine. Immer war alles und jedes Antoine. Er ist ja der Spasti, der ist ja dumm und kann sich nicht wehren. Wie denn auch. Der stinkt, hat Läuse, bepisst sich und noch vieles mehr … eben ein Spasti. Und dabei hätte es nur ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit gebraucht, denn Antoine ist schlau, hat viel mehr auf dem Kasten, als die Leute im Dorf ahnen.

Julie Estève bedient sich einer einfachen teilweisen sehr vulgären Sprache, die mich aber nicht abgeschreckt hat, sondern mir Antoine viel näher gebracht hat. Ich habe diesen kleinen Kerl, später Mann sehr gemocht.  Viele Passagen haben mich erschüttert, was dieser kleine Kerl alles aushalten musste und dennoch immer wieder versucht hat sich nicht unterkriegen zu lassen, aber eine Dorfgemeinschaft, die immer wieder Antoine zum Sündenbock macht, bricht ihn schließlich ganz.

„Im Anschluss wollten sie, das ich die Steine fress, weil Spastis nun mal Steine fressen, haben sie gesagt. Waren ne Zehnerbande, haben mich aufn Boden gedrückt, in den Schlamm, haben sich auf meine Hände und meine Beine gekniet und mir die Nase zugehalten, weil ich n Mund nich aufmachen wollt. Wie ich ihn dann aufgemacht hab, haben sie mir ne Handvoll Kieselsteine reingeschüttet! Haben mich in den Schwitzkasten genommen und mir wieder die Nase zugehalten, damit ich schlucken muss!“ (Seite 87/ 88)

Wie bereits gesagt, kein leichtes und schönes Buch, aber eins, dass uns einen Blick auf uns werfen lässt, um sich zu fragen, wie es mit den eigenen Vorurteilen gegenüber bestimmten Menschengruppen aussieht … und was das mit diesen Menschen macht!

Bitte lesen!