Kurz & Knapp … September 2018

Ich komme mit von Angelika Waldis

Vita und Lazy kennen sich eigentlich schon ein Leben lang. Vita zog vor 42 Jahren als junge Mutter in das Haus in der Torstraße 6. Der Sohn ist mittlerweile aus dem Haus und ihr Mann verstorben. Lazy ist 21, Student und nennt Vita wie alle anderen Bewohner, die Alte von oben. Lazy ist jung und frei, leibt seine Freundin und das Leben. Als seiner Freundin ihn verlässt und er zudem noch schwer erkrankt, wird Vita plötzlich zu einer Art von Freundin. Sie kümmert sich und weicht Lazy nicht mehr von der Seite.

Eine Freundschaft zwischen Lazy und Vita bahnt sich an. Ungewöhnlich? Eher nicht. Beide haben niemanden, der sich um sie kümmert oder sich für sie interessiert. Lazy wurde von seiner Freundin verlassen und zum Vater gibt es keinen Kontakt. Vitas Mann lebt nicht mehr und der Sohn lebt im fernen Amerika und kommt nur alle Jubeljahre die Mutter besuchen. Somit ist es dann nicht ungewöhnlich, dass Lazy und Vita zueinander finden.

Fazit: Eine nette Geschichte, die zeigt, dass Familie nicht immer Blutsverwandte sein müssen. Nachhinten raus, wird die Geschichte dann aber doch ein wenig konstruiert.

(Wunderraum, ISBN: 9783336547975, Preis: 20,00 Euro)

 

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Putzfrau bei den Beatles von Birgit Rabisch

Vier Freunde, alle in die Jahre gekommen leben in ihrer persönlichen „Yellow Submarine“. Da wundert es nicht, dass sie sich John, George, Paul und Ringo nennen. Jana, eine junge Frau, ist auf der Suche nach einem Job, um etwas Geld zu verdienen, da sie an ihrem ersten großen Buch schreibt. Sie landet bei den vieren als Putzfrau und erfährt vieles aus deren Leben. Eines Tages taucht ein kleiner Junge auf und behauptet der Enkel von Paul sei. Die Beatles sind schwer geschockt, vor allem Paul, der keine Ahnung von einer Tochter hatte.

Natürlich geht es in diesem Buch nicht um die wirklichen Beatles, sondern um eine Gruppe Männer, die in dieser Zeit aufgewachsen sind. Sie lieben die Musik der Beatles und hatten als Jugendliche auch eine eigne Band. Neben der Musik der Beatles und dem Leben der vier Männer nimmt sich Rabisch vielen aktuellen Themen unserer Zeit an … Generationenkonflikte, Politik in Amerika … um nur zwei von vielen zu nennen. Leider waren mir das dann zu viele, da alles irgendwie nur angedeutet und nicht richtig ausgearbeitet wurde. Sehr schade!

Fazit: Ein weiteres Buch von Birgit Rabisch, dass ich gerne gelesen habe, mich aber nicht wirklich überzeugen konnte. Die anderen beiden Vorgängerbücher fand ich wesentlich stärker!

(duotincta, ISBN: 9783946086307, Preis: 15,00 Euro)

 

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Zehntelbrüder von Ruth Cera

Mich hat ein auf den ersten Blick sehr verworrenes Familienkonstrukt. Da ist erst einmal sein Halbbruder, und dann noch seine beiden Stiefbrüder. Aber da sind auch noch die beiden Töchter seines Vaters und dessen zweiten Ehefrau. Seine Mutter ist irgendwann abgetaucht und keiner weiß wo sie steckt. Da ist Micha elf. Er wächst zunächst bei seinem Stiefvater auf, und dann später bei einer weiteren Exfrau seines Stiefvaters. Und so wird sein Familienkonstrukt immer verworrener.

Cera erzählt hier eine sehr spannende Familienkonstellation. Die zeigt, dass man nicht Blutsverwand sein muss, um Familie zu sein. Am Anfang hatte ich leichte Schwierigkeiten alle Protagonisten auseinander zu halten bzw. einzugliedern wer wohin gehört. Doch irgendwann hatte ich den Dreh raus. Obwohl Micha sehr „verwaist“ aufwächst, meist auf sich allein gestellt ist, ist er scheinbar der einzige in dieser Familienkonstellation, der seinen Weg findet und geht. Micha ist derjenige, der sich immer wieder um seine vielen Geschwister und deren Belange kümmert.

Fazit: Mir hat dieses Buch sehr gefallen. Was mir nicht gefiel war die kleine Schrift und die minimalen Zeilenabstände in der Taschenbuchausgabe. Das hat das Lesevergnügen ein wenig gemildert.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002510, Preis: 14,00 Euro)

 

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„Das Weiße Schloss“ von Christian Dittloff

Berlin Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783827013859
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter die Kinder zur Welt bringen und großziehen. Elternschaft ist hier Beruf und folgt einem alles bedenkendem Konzept unter den Vorzeichen Bio und Fare Trade. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf ihrem Weg zum Elternwerden, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung.

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„Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.“ (Seite 29)

Ada und Yves sind ein Paar. Sie führen eine offene Beziehung, und möchten ein gemeinsames Kind. Sie möchten jedoch nicht auf ein ungezwungenes Leben verzichten. Sie möchten Karriere machen, Partys, zu jeder Zeit spontane Reisen oder dergleichen. Deshalb haben sie sich entscheiden am Prestigeobjekt des Weißen Schlosses teilzunehmen. Ein Projekt, an dem nur die wohlhalbende Bevölkerung dran teilnehmen kann. Eine sogenannte Tragemutter empfängt das Kind, natürlich oder assistiert, trägt es aus und im besten Fall kümmer sie sich in den ersten sechs Lebensjahren um das Kind. Die „Eltern“ kommen nur hin und wieder zu Besuch. Somit haben Ada und Yves Zeit für ihr Leben.

„Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch die Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. Für mich ist dies eine Chance, die wir vorsichtig ergreifen wollen. Es ist eine Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.“ (Seite 61)

Soweit, so gut oder auch nicht … Im weiteren Verlauf der Geschichte erfahre ich wie Ada und Yves sich kennen gelernt haben. Er war „privilegierter“ Flüchtling und Ada bearbeitete seine Einreise. Sie verliebte sich in diesen Künstler und beide wurden ein Paar in einer offenen Beziehung. Nachdem sie beschlossen haben ein Kind zu bekommen begleite ich als Leserin die beiden zu ihrer Tragemuttter, erlebe die Empfängnis und in Briefen von der Tragemutter an Ada und Yves die Schwangerschaft.

Ada bleibt immer in einer distanzierten Rolle. Yves dagegen setzt sich mit der Schwangerschaft und dem werdenden Leben mehr auseinander, könnte sich sogar eine „nahe“ Vaterolle vorstellen. Doch dann kommt es zu einer Tragödie, die alles in Frage stellt …

„Nach ausführlichen Überlegungen hatten sich Ada und Yves sogar für eine Zusatzoption entschieden: Für die nächste Befruchtungsperiode würde ihre Tragemutter Marie nicht zur Verfügung stehen, damit ihr Kind die ersten sechs Jahre ganz im Mittelpunkt ihrer Zuwendung stehen konnte. Diese Freiheit ließen die Richtlinien des Weißen Schlosses zu. Sie beide würden das Kind monatlich besuchen kommen, nicht öfter. Sie wollten sich schließlich auch selbst leben.“ (Seite 64)

Auf den ersten ca. hundert Seiten habe ich mich über dieses Buch nur aufgeregt. Der „egoistische“ Wunsch Adas und Yves nach einem Kind, ohne sich letztendlich darum kümmer zu müssen fand ich unerträglich. Das ungeborene Kind wurde wie eine Ware dargestellt, die man mal eben so einkaufen kann. Gefühle gleich null. Auch die vielen negativen und abfälligen Passagen über Kinder und über Mütter, die ihrer Kinder wegen zu Hause bleiben, die „in Familie“ machen, fand ich unerträglich und haben mich auf die Palme gebracht.

„Kleinkinder konnte ich schon nicht leiden, als ich selbst noch ein Kind war. Sie sind egozentrisch und manipulativ und unlogisch!“ (Seite 125)

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt was Dittloff mit diesem Buch bezwecken wollte bzw., was will er mir, dem Leser damit sagen. Er will provozieren. Das ist mir klar. Doch womit genau?

Ist es unser gesellschaftliches Bild? Unsere Wertevorstellung in einer Gesellschaft voller Konsum? Wird ein Kind zu einem „Konsumgut“, Bio und Fare Trade, frei nach dem Motto „Ich will das aber jetzt haben“?

Ada und Yves leben in einem großen Haus, reisen, sind erfolgreich im Job, machen was immer sie wollen, wann immer sie wollen. Da scheint ein Kind gar keinen Platz zu haben. Und dennoch wollen sie eines. Da frage ich mich als Leserin doch warum? Weil das dazu gehört? Vater-Mutter-Kind.

Dittloff versucht aufzuzeigen wo Elternschaft anfängt und wo sie wohlmöglich aufhört. Dürfen Menschen sich Eltern nennen, die nur einmal im Monat ihr Kind besuchen kommen, oder ist nicht eher die Frau, die das befruchtete Ei über neun Monate ausgetragen hat, die „wahre“ Mutter?

„Waren diese Momente, in denen man allein war und die Hände über den Halbmond aus Fleisch und Blut gleiten ließ, nicht genau die Art von Reflexion, die eine Mutter sich in ihre Rolle fügen ließ? So eine Einkehr hatte er an Ada nicht erlebt in den letzten Monaten und an sich natürlich auch nicht. Über neun Monate hinweg erzählen der wachsende Bauch und dessen Innenwelt von diesem Wunder, das ja im Grunde gar kein Wunder ist, sondern ein einfacher biologischer Vorgang. Aber als schwangere Person erlebt man über zweihundertfünfzig Tage nichts anderes als eine mit jeder Zelle in sich hineinwachsende Liebe zu sich selbst.“ (Seite 242)

Ein Buch, das viel Diskussionsstoff bietet und mich auch jetzt noch nicht zur Ruhe kommen lässt. Zu gerne würde ich mit dem Autor darüber diskutieren.

Ungewöhnlich, provokant und somit absolut lesenswert!

„Das innere Ausland“ von Thommie Bayer

Piper
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783492057271
Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren als Bahnschaffner auf internationalen Zügen lebt er mit seiner Schwester Nina in einem idyllischen Haus im Süden Frankreichs, wo er die Tage in bukolischer Abgeschiedenheit verbringt. Bis Nina sehr plötzlich stirbt – und Andreas sich seiner inneren Einsamkeit bewusste wird. Es ist kein Zufall, dass wenig später eine fremde Frau vor seinem Haus steht – sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, von der Andreas noch nie etwas gehört hat. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm eine zweite Chance bietet. Doch er muss sie auch ergreifen.

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„Nachdem sie ins Bett gegangen war, saß ich noch eine Zeit lang und sah dem Feuer beim Herunterbrennen zu. Ich ertappte mich dabei, dass ich dachte, so soll es bleiben, aber ich erschrak zugleich, weil ich wusste, dass es nie so bleibt und man keine Wahl hat, als die guten Momente zu würdigen und die unausweichlich folgenden schlechten zu überstehen.“ (Seite 94)

Andreas lebt allein in einem Haus in Südfrankreich. Er hat keine Partnerin und keine Kinder. Bis vor kurzem hat er mit seiner Schwester in diesem Haus gemeinsam gelebt. Die beiden haben früh ihrer Eltern verloren und hatten deshalb eine sehr enge und innige Beziehung. Doch nun ist Nina plötzlich verstorben und Andreas vollkommen allein.

Eines Tages, kurz nach Ninas Tod, steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür. Es ist Malin und sie ist Ninas Tochter. Eine Überraschung für Andreas, der nichts davon wusste, aber auch eine Überraschung für Nina, die erst vor kurzem erfahren hat, das Nina ihre Mutter ist und sie bisher bei Pflegeeltern aufgewachsen ist.

Die beiden versuchen gegenseitig das Puzzel über Nina und ihr Leben zusammen zu setzen, von dem sie beide nichts wussten. Und dabei nähern sich Andreas und Nina an, spüren, dass sie ihre innere Einsamkeit überwinden müssen, um gemeinsam den weiteren Weg zu gehen …

„Ich habe zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wie weh es tun muss, einsam zu sein. Ich kannte das nicht. Ich war nie einsam. Ich war immer verbunden mit der Familie, den Freunden, Markus, den Kollegen, und jetzt sind die alle auf einmal wie aus Glas.“ (Seite 110)

Ich habe mich sehr auf diese neue Buch von Thommie Bayer gefreut und wurde nicht enttäuscht. In seiner bekannten ruhigen und unaufgeregten Art erzählt Bayer melancholisch eine Geschichte, in der es um die selbstgewählte „Einsamkeit“ geht. Um einen Menschen, der sich bewusst vom Trubel der Zeit und den Menschen zurück zieht. Die Gründe scheinen vielfältig, doch ich glaube es liegt am Verlust der Eltern und der damit eingehenden Angst wieder einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch dann steht da plötzlich Malin vor der Tür, eine junge Frau, die einen ähnlichen Verlust erlitten hat, nämlich den, dass sie ihre leibliche Mutter, Nina, nie wirkliche kennen lernen durfte. Und diese beiden Menschen haben nun die Möglichkeit sich anzunähern, aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit eine Zweisamkeit zu machen. Sicherlich nicht einfach, aber Thommie Bayer schafft eine Basis für beide in dieser Geschichte, die einfach wundervoll geschrieben ist.

Einfach grandios. Danke!
Unbedingt lesen!

Kurz & Knapp … August 2018

Sechs Koffer von Maxim Biller

Maxim Biller erzählt in sechs Kapiteln die Geschichte seiner Familie, bzw. versucht er den Verrat an seinem Großvater aufzuklären. Dieser hatte Devisenschmuggel mit dem KGB betrieben.  Sechs Familienmitglieder kommen zu Wort, erzählt aus Billers Sicht. Dabei erfährt man einiges über die jüdische Familie Biller. Nicht alle können miteinander und so verdächtigt jeder jeden, den Großvater verraten zu haben.

Puh … wie soll ich es mal wieder sagen … Billers Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Aber muss man deswegen sein Buch mögen? Darf man etwas Negatives äußern und nicht mit allen ein Loblied anstimmen? Es gab Passagen, die ganz nett fand. Da kam ab und an ein bisschen dieser feine jüdische Humor zum Vorschein. Doch spätestens im letzten Kapitel war Biller bei mir unten durch.

Im letzten Kapitel kommt seine Schwester Elena Lappin zu Wort. Sie ist ebenfalls Autorin und lebt in England. Sie und ihre Bücher sind in Deutschland nicht so bekannt. Um so mehr hat es mich geärgert, dass Biller sein Buch als Werbeplattform für das Buch seiner Schwester benutzt. Im letzten Kapitel verweist Biller auf das Buch seiner Schwester, wenn man wissen möchte was wirklich mit dem Großvater geschah. Wer allerdings glaubt, dass er dort die Antwort findet, irrt sich. Beide Bücher sind übrigens bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Fazit: Ich mag es nicht, wenn ich als Leserin verdummkauft werde. Die Werbung für das Buch der Schwester hat mich echt geärgert. Marketingmäßig mag das ja schlau gedacht sein, aber für mich ein absolutes NoGo. Und noch etwas … wer das Buch aufmerksam liest, wird eine Lösung zum Verrat des Großvaters finden …

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462050868, Preis: 19,00 Euro)

 

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Opoe von Donat Blum

Blum erzählt die Geschichte seiner Großmutter Opoe, die ein sehr bewegtes Leben hatte. Sie war mit einem Schweizer verheiratet, verließ wegen ihm ihre Heimat Holland, bringt eine Tochter zur Welt, die dann ihre ersten Lebensjahre in Holland verbringt. Es entsteht eine Kluft zwischen Mutter und Tochter. Nach Opoes Tod hat der Enkel viele Fragen zu Opoe und ihrem Leben, doch keiner kann ihm da so richtig Auskunft geben. Also versucht er auf eigene Faust Opoes Leben zu rekonstruieren.

Parallel dazu wird die Geschichte des Ich-Erzähler erzählt. Ein junger Mann, auf der Suche … nach was scheint nicht wirklich so klar zu sein. Er ist mit einem Mann leiert, und sie leben eine offene Beziehung. Doch irgendwie fühlt sich der Ich-Erzähler mit diesem Arrangement nicht glücklich. Als sein Partner die Beziehung löst, begibt der Ich-Erzähler sich auf eine Reise.

Dieses dünne Büchlein erzählt wohl die autobiografische Geschichte von Blums Großmutter, wie auch sein eigenes Leben. Dabei vermischt Blum seine eigene mit die der Großmutter, so dass es mir als Leserin schwer fällt zu Unterscheiden, von wessen Leben gerade erzählt wird. Im zweiten Teil wird jedoch mehr über das Leben des Autors berichtet, als über das der Großmutter, was ich wirklich sehr schade fand.

Fazit: Ich hätte gern mehr über das Leben der Großmutter erfahren, denn das scheint ein sehr bewegtes gewesen zu sein.

(Ullstein fünf, ISBN: 9783961010127, Preis: 18,00 Euro)

 

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Nacht über Tanger von Christine Mangan

Es ist die Geschichte zweier Frauen, die sich auf einem College in Vermont kennen lernen. Alice Shipley ist eine sehr schüchterne und etwas psychisch labile junge Frau. Ihre Eltern kamen auf mysteriöse Weise ums Leben und sie wuchs bei ihrer Großmutter auf. Lucy Mason dagegen scheint eine junge sehr selbstbewusste Frau zu sein. Die beiden Frauen freunden sich an, doch dann kommt es zu einem Zwischenfall am College und Alice verlässt dieses. Nach Jahren treffen sich die beiden Frauen in Tanger wieder. Alice ist mittlerweile verheiratet und lebt in Tanger. Lucy überrascht die Freundin mit ihrem Besuch. Und plötzlich wird die Vergangenheit wieder lebendig …

Dieses Buch kommt so harmlos daher. Das Cover ziert eine junge Frau und der Titel kann für alle Arten von Story stehen. Doch schon der Epilog ist sehr geheimnisvoll. Aus wechselnden Perspektiven erzählen Alice und Lucy die Geschichte ihrer Freundschaft und wie es letztendlich zum Bruch kam. Doch während dieser Story tun sich Abgründe auf. Ich war mehr als einmal überrascht, wie sich die Geschichte wendet. Mangan erzählt die Geschichte einer sehr zerstörerischen Freundschaft.

Fazit: Ein Titel der so „harmlos“ daher kommt, aber eine Geschichte die es in sich hat … vor allem Spannung!

(Blessing, ISBN: 9783896676030, Preis: 22,00 Euro)

 

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Drei sind ein Dorf von Dina Nayeri

Im Alter von acht Jahren flieht Nilou mit ihrem Bruder und ihrer Mutter aus dem Iran. Ihr Vater Baba bleibt allein zurück. Heute ist sie eine erfolgreiche Ärztin, die jedoch nur zu Besuchen in der Heimat war. Sie lebt in Holland zu einer Zeit, in der viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Erst als sie sich einer Gruppe iranischer Exilanten anschießt, merkt sie, wie sehr ihr die Heimat fehlt.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die je älter sie wird die innere Zerrissenheit spürt. Auf der einen Seite sucht sie Anschluss in ihrer neuen Heimat. Sie versucht eine von denen zu sein. Doch auf der anderen Seite vermisst sie immer mehr die Heimat und die damit verbundenen familiären Beziehung. Parallel wird die Geschichte Babas, Nilious Vater erzählt. Von ihm erfahre ich, warum er im Iran bleibt, als seine Familie flieht. Seine Heimatverbundenheit ist eine andere als die seiner Tochter und dennoch lieben und vermissen ähnliches.

Fazit: Eine sehr berührende Geschichte zweier Menschen, auf der Suche nach Heimat und zugleich ein aktuelles Thema unserer Zeit.  

(mareverlag, ISBN: 9783866482869, Preis: 24,00 Euro)

 

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„Bleib bei mir“ von Ayòbámi Adébáyò

Piper Verlag
Fester Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783492058902
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Yejide und Akin wünschen sich ein Kind. Doch selbst nach ein paar Jahren Ehe wird Yejide nicht schwanger. Sie hat alles versucht: medizinische Behandlungen, Pilgerreisen, Stoßgebete – ohne Erfolg. Da greift ihre Schwiegermutter Martha ein. Sie findet, ihr Sohn hat das Recht auf ein Kind. Und obwohl Akin und Yejide sich bewusst gegen die nigerianische Tradition entschieden haben, setzt Martha sich durch. Eines Tages trifft Yejide in ihrem Wohnzimmer auf Funmi, eine junge und schöne Frau. Yejide ist voller Wut und Trauer. Sie weiß: Der einzige Weg, ihre Ehe zu retten, ist schwanger zu werden. Aber um welchen Preis?

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„Ich war nicht dumm. Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis Moomi auftauchen und dafür sorgen würde, dass Funmi bei uns wohnte. Wenn ich mich mit Funmi anlegte, würde ich alles nur noch schlimmer machen. Moomi könnte mich auffordern zu gehen, obwohl Akin mir auch weiterhin sagte, wie sehr er mich liebe, glaubte ich ihm nicht mehr. Aber ich wollte ihm glauben. Ich hatte keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister. Akin war der einzige Mensch auf der Welt, der tatsächlich merken würde, wenn ich verschwinden sollte.“ (Seite 96/ 97)

Yejide und Akin sind ein modernes Paar in den 1980zigern in Nigeria. Sie leben ihr Leben und lassen sich von den Traditionen der Familien nicht vereinnahmen. Zu ihrem Glück fehlen nur noch Kinder. Doch auch als Yejide nach Jahren immer noch kein Kind bekommen hat, schleppt ihre Schwiegermutter eine Zweitfrau für ihren Sohn an. Denn sie ist der Meinung, dass es dem Ansehen der Familie schadet, wenn der Sohn nicht endlich ein Kind zeugt. Ferner habe ihr Sohn ein Recht auf ein Kind und wenn Yejide das nicht leisten kann, dann muss eben nach nigerianischer Tradition eine Zweitfrau her, die dem Sohn ein Kind schenken kann.

Yejide ist verzweifelt und versucht alles … und schließlich scheint sie schwanger zu sein. Doch es ist nur eine Scheinschwangerschaft. Alle erkennen dies, nur Yejide will dies nicht wahrhaben. Schließlich erkennt sie, dass sie durch ihren großen Wunsch ein Kind zu bekommen, in eine Scheinwelt geflohen ist.

„Die Gründe dafür, dass wir bestimmte Dinge tun, sind nicht immer die Gründe, an die andere sich später erinnern. Manchmal glaube ich, dass wir Kinder bekommen, damit jemand der Welt erklären kann, wer wir waren, wenn wir eines Tages fort sind.“ (Seite 163)

Nach einer Zeit der Aufarbeitung wird Yejide doch endlich schwanger. Beide freuen sich auf ihr erstes Kind. Die Zweitfrau ist kein Thema mehr innerhalb der Familie. Doch kurz nach der Geburt verliert Yejide ihr Kind. Später wird sie wieder schwanger, und auch dieses Kind verliert sie. Nur weiß man jetzt, dass sie beide Kinder auf Grund einer seltenen Krankheit, der Sichelzellenanämie, verloren hat. Als Yejide ein drittes Kind bekommt und dies auch wieder mit dem Tod ringt, verlässt sie die Familie, weil sie einen weiteren Verlust nicht verkraftet.

„Die Wahrheit kann man nicht verbergen. So wie kein Mensch mit bloßen Händen die Sonne verbergen kann, kann man auch die Wahrheit nicht verbergen.“ (Seite 268)

Dieses Buch ist wirklich sehr bewegend, ohne dabei kitschig zu sein. Es zeigt ein modernes Paar in einem sehr traditionellen Nigeria. Doch obwohl im ersten Augenblick eben diese Tradition im Mittelpunkt der Geschichte zu stehen scheint, bietet dieses Buch noch viel mehr.

Es zu einem der starke Kinderwunsch ein Thema. Yejide versucht alles, um schwanger zu werden. Beide lassen sich untersuchen ohne Ergebnis. Sie geht auf Pilgerreisen und lässt sich auf medizinische Experimente ein. Nichts bringt ihnen das ersehnte Kind. Schließlich flüchtet sich Yejide in ihrem Kummer in eine Scheinschwangerschaft, die letztendlich auch nur Kummer bringt. Gerade diesen Aspekt innerhalb der Geschichte fand ich sehr interessant, da ich bisher wenig darüber gelesen oder gehört habe. Ich habe gedacht, dass es dies eher nur bei Tieren gibt.

Und dann ist ein weiterer Themenpunkt die Sichelzellenanämie. Auch das war für mich sehr interessant dargestellt. Ich habe von dieser Krankheit gehört und hatte ein wenig Grundinformation dazu, doch hier bekomme ich noch einmal einen kleinen weiteren Einblick.

„Ich wusste, dass ich genauso in die Lüge verstrickt gewesen war wie er, vielleicht sogar noch mehr – denn wahrscheinlich hatte er zumindest sich selbst die Wahrheit eingestanden. Ich selbst hatte sie mir nicht eingestehen können, bis Donut sie ausgesprochen hatte. Akin war doch die Liebe meines Lebens. Bevor ich Kinder bekommen hatte, war er meine Rettung vor der Einsamkeit in der Welt; er durfte keine Fehler haben. (…) Ich hatte mir gesagt, ich würde meinen Mann respektieren. Hatte mir eingeredet, dass mich mein Schweigen zu einer guten Frau mache. Aber die größten Lügen sind oft die, die wir uns selbst erzählen.“ (Seite 307)

Mich hat dieses Debüt von Ayobami Adebayo sehr berührt. Diese Verzweiflung und Kampf Yejides ein Kind zu bekommen, der Verlust selbiger und der Hoffnung jemals ein gesundes Kind zu bekommen sind einfach unglaublich gut erzählt und nachvollziehbar. Was der Geschichte einen spannenden Touch verliehen hat, waren die Unglaublichen Wendungen, die die Geschichte immer wieder nimmt. Ich habe manches Mal sprachlos dagesessen, weil ich damit nicht gerechnet hatte.

Ich habe dieses Debüt sehr gerne gelesen und freue mich jetzt schon auf weitere Bücher dieser Autorin!

Der Duft des Waldes von Hélène Gestern

S. Fischer
Fester Einband
704 Seiten
Erscheinungsdatum:
25,07.2018
ISBN: 9783103973433
Preis: 26,00 Euro

Klappentext
Elisabeths Leben ändert sich schlagartig, als ihr die 89-jährige Alix ihr die Briefe ihres Bruders Alban anvertraut, geschrieben von der Front des ersten Weltkriegs an seinen Freund Anatole. Als Elisabeth außerdem Alix‘ verwunschenes Landhaus südlich von Paris erbt, weiß die junge Historikerin, dass eine große Aufgabe auf sie wartet, eine, die ihrem Leben wieder Sinn verleiht. Die Briefe geben Rätsel auf, und Elisabeth stürzt sich in die Recherche: Welches Geheimnis verband die Freunde, warum ging Alban zurück an die Front, wo ihm der Tod sicher war, und wer war die eigenwillige 17-jährige Diane?
Auf der Suche nach Antworten, reist Elisabeth nach Lissabon, Bern und Brüssel und sucht all die Menschen auf, die mit ihren Erinnerungen Elisabeth helfen, Lebensgeschichten eines Jahrhunderts zu einem Ganzen zusammenzufügen.

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„Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert, ein solcher Schatz war mir im Lauf meines Berufslebens nur zwei- oder dreimal untergekommen.“ (Seite 11)

Elisabeth ist Historikerin und immer wieder auf der Such nach neuem Material. Als einen Tages die 89-jährige Alix de Chandelar an sie herantritt, um ihr Briefe, Fotos und Postkarten ihres im Ersten Weltkrieg verstorbenen Onkels Alban de Willecot anzubieten. Bei der Durchsicht des Materials stellt sich heraus, das Alban Briefkontakt zu dem berühmten Dichter Anatole Massis hatte. Elisabeth ahnt, welchen unvorstellbaren Schatz sie in den Händen hält.

Kurz nach der Übergabe der Briefe stirbt Alix und hinterlässt Elisabeth ihr Haus in Südfrankreich. Und hier kommt die Historikerin endlich das erste Mal nach zwei Jahren zur Ruhe. Denn vor zwei Jahren starb ihre große Liebe. Sein Tod hat sie in eine depressive Phase gestürzt und das Leben schien ihr ohne ihn sinnlos.

„Je länger ich die Zeilen dieses jungen Mannes entzifferte, der mit neunundzwanzig Jahren seinem Tod entgegenging und dessen elegante Schrift den entsetzlichen Bedingungen zu trotzen schien, in denen er sich beim Schreiben befand, desto mehr Zuneigung empfand ich für ihn, der sich weiterhin an Gedichtversen festhielt, weiterhin seine Kameraden fotografierte, während die Welt Tag und Nacht Feuer und Stahl über ihn ergoss. Mich bewegte vor allem, wie unermüdlich er nach dem Wohlergehen seiner Lieben fragte und wie beharrlich er sich nach einer gewissen Diane erkundigte (seine Verlobte?). Vielleicht, weil ich, genau wie Alban de Willecot, wenn auch in einem ganz anderen Kontext, dieses quälende Schweigen erlebt hatte, das alles Mögliche bedeuten konnte, Vergessen, Verschwinden oder Tod.“ (Seite 56/ 57)

Doch durch die Briefe von Alban und dem damit verbundenen Geheimnis um den Dichter Massis, macht sich Elisabeth an die Recherche. Parallel dazu bekommt sie eine Anfrage aus Lissabon. Sie soll einer Frau dabei helfen ihre jüdischen Vorfahren zu finden. Elisabeth lernt den Bruder ihrer Klientin kennen und verliebt sich in ihn. Doch ihrer beider etwas komplizierte Vergangenheit macht es ihnen schwer sich aufeinander einzulassen.

Zeitgleich fallen ihr in Lissabon verschlüsselte Tagebucheinträge einer Diane in die Hände, die scheinbar auch Kontakt zu Alban und Anatole hatte.

Je weiter Elisabeth in die Geschichte von Alban und Anatole eintaucht desto verschlungener wird sie. Ähnlich wie ihre Beziehung zu Samuel. Immer wieder muss sie neu ansetzen, neue Wege und Spuren verfolgen, umdenken und neuzusammensetzen. Wird sie hinter das Geheimnis kommen? Und wird sie sich ganz auf Samuel einlassen können?

„Der Soldat führt die Zeile zu Ende, hebt kurz den Kopf, als er in der Ferne einen Schrei hört, schreibt weiter. Es ist kalt, daran denkt er aber nicht mehr, er denk auch nicht mehr an die Boches, an das Geschützgewitter, an die Ratte, die in seiner Nähe hastig einen verschimmelten Brotkanten frisst. Im Schutz seiner Nische sucht der Leutnant nach den richtigen Worten, um das Herz einer Siebzehnjährigen zu ergreifen, sie zu unterhalten, sie an sich zu binden, wenigstens ein bisschen, nur, um weiterhin auf ihre Briefe hoffen zu dürfen, nur um des Vergnügens willen, sich ihr Lächeln oder ihr Stirnrunzeln auszumalen angesichts der besonders kniffligen Mathematikaufgabe, die er ihr gestellt hat.
In diesem Augenblick besteht Alban de Willecot, der tief in der Erde, tief im Krieg steckt, nur noch aus dieser einen Handlung, bescheiden, aber zwingend: schreiben. Eine Handlung des Überlebens, so methodisch, so wild entschlossen ausgeführt, dass sie den Tod aufhebt, der ihn einkreist, den Tod umkehrt wie ein Negativ die Bereiche von Licht und Schatten, eine Handlung, die dieses eiskalte, dreckige, unbequeme Loch in das Königreich eines Liebenden verwandelt.“ (Seite 200)

Was für ein Buch, was für eine Geschichte!!!

Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum Bücher mit mehr als 450 max. 500 Seiten lese. Frei nach dem Motto, was ein Autor nicht auf 500 Seiten schafft zu erzählen, schafft er auf 700 erst Recht nicht. Aaaaaaber … es gibt Ausnahmen. Und dieses Buch ist definitiv eine. Von der ersten bis zur letzten Seite bin ich durch dieses Buch geflogen und ja, es braucht dieses „Masse“ an Seiten, weil es einfach unmöglich ist diese Geschichte auf weniger Seiten zu erzählen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die abwechselnde Erzählweise. Da ist einmal Elisabeths Leben und Vergangenheit, die hier Raum findet. Parallel dazu wird die Geschichte von Alban, Anatole, Diane und vielen anderen Menschen aus dem Ersten Weltkrieg erzählt. Im Buch kursiv dargestellt. Mich haben die Briefe und Postkarten sehr berührt. Sie erzählen das Leben der Soldaten an der Front während des Ersten Weltkriegs. Von den Hoffnungen, der Wut, der Sehnsucht und der Trauer.

Spannend war auch die Suche nach den Verbindungen zwischen den einzelnen Protagonisten. Die Autorin schafft es, ihre Protagonisten sehr real zu zeichnen. Zeitweise habe ich wirklich gedacht, Alban de Willecot und Anatole Massis haben wirklich gelebt. Doch ein Blick ins Web und ich musste feststellen, dass es doch nur fiktive Personen waren. Ich war so gefesselt von der Geschichte, das ich sogar mit gerätselt habe wer wen wie kennt und mit wem wer wie verbandelt/ verwandt ist oder nicht. Das macht dieses Buch unendlich spannend … bis zur letzten Seite.

„Auch wenn noch viele Einzelheiten fehlten, zeichneten sich bereits die einzelnen Stränge ihrer Geschichte ab, eines komplexen Gebildes, in dem sich alles Mögliche verwob, Liebe, Krieg, Erwachsenwerden, Zuversicht und Enttäuschung. Im Laufe der Zeit wuchs mein Gefühl von Vertrautheit mit den beiden. Sie führten mich mit ihrer Perspektive in diese bewegte Epoche ein und erschienen mir bald wie Verwandte, wie liebe Freunde, wie Bruder und Schwester, die mit mir ihre alltäglichen Sorgen und ihre Liebeswirren teilten.“ (Seite 230)

„Der Duft des Waldes“ ist ein grandioses Buch und eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr, welches auf 700 Seiten eine monumentale Geschichte über ein ganzes Jahrhundert erzählt. Angefangen beim Elend des Ersten Weltkriegs, bis hin zur Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Doch es wurde mir nie zu viel. Im Gegenteil, ich habe alles aufgesogen und war dankbar für all die Einblicke die Hélène Gestern mir mit diesem Buch gegeben hat.

In ihrem Nachwort sagt sie an einer Stelle (unten), warum sie dieses Buch geschrieben hat. Ich persönlich finde, dass ihr mit diesem Buch eine Hommage an all eben diese Menschen gelungen ist. Danke dafür!!!

Unbedingt lesen!!!

Dieses Buch ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Geschichte der Verschwundenen nachzuzeichnen, die vom Krieg, der Zeit, dem Schweigen verschluckt worden sind. Aus dem Wunsch zu erzählen, was ihren Spuren wurde, die die Lebenden bereichern, aber auch verzehren können.“ (Seite 703)

Lempi, das heißt ja Liebe

Carl Hanser
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.07.2018
ISBN: 9783446260047
Preis: 21,00 Euro

Klappentext
Der junge Bauernsohn Viljami hat sich in Lempi, die Tochter des Ladenbesitzers aus der kleinen Stadt Rovaniemi, verliebt. Hals über Kopf heiraten sie, und Lempi, der das Landleben fremd ist, zieht zu Viljami auf den Hof. Um sie zu entlasten und über die Trennung von ihrer Zwillingsschwester hinwegzutrösten, stellt ihr Mann die Magd Elli ein, die insgeheim glühend eifersüchtig ist und selbst gern an seiner Seite wäre. Nach einem einzigen glücklichen Sommer wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Als er zurückkehrt, ist die Stadt zerstört und Lempi verschwunden. Dass sie wie ihre Schwester Sisko mit einem Wehrmachtsoffizier nach Deutschland gegangen sein soll, kann er sich nicht vorstellen. Viljami, die Magd Elli und Sisko erinnern sich an Lempi – aus ihrer jeweils eigenen, sehr individuellen Perspektive.

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„Im Spiegel sah ich zu, wie mein Finger über deine Wange wanderte und über den Rand Deiner Lippen, wie dein Blick ernst wurde und Deine Augen glühten. So war das damals in diesem Sommer und Herbst, ich bekam dieses Glück geschenkt, an das ich heute nicht mehr zurück denken mag. Die Erinnerung an diese Zeit reibt mich auf und reißt mich in Stücke. Jetzt zittern meine Hände. In meiner Faust steckt grünes Moos, aber in meiner Seele nur Leere, die nie verschwinden wird und schmerzt und hallt.“ (Seite 22)

Viljami ist ein einfacher Bauernsohn. Hin und wieder fährt er in den Ort, um einzukaufen. Er geht auch immer in den Laden, der Lempis Vater gehört. Viljami ist in Lempi verliebt, doch er traut sich nicht sie anzusprechen. Eines Tages spricht Lempi ihn an und fortan sind die beiden ein Paar. Schon nach kurzer Zeit heiraten die beiden. Da Lempi das Leben auf dem Land nicht gewohnt ist, stellt Viljami eine Magd ein, die Lempi bei der täglichen Arbeit helfen soll. Viljami und Lempi sind glücklich. Doch dann kommt der Krieg und Viljami wird eingezogen. Lempi ist schwanger. Kurz vor Ende des Krieges erfährt er, das Lempi angeblich mit einem Deutschen nach Deutschland geflohen ist, und sein Kind bei der Magd gelassen hat. Viljami möchte nicht nach Hause zurück. Ein Heim ohne Lempi, aber mit einem Kind das er nicht kennt …

„Mit jedem meiner Atemzüge wirst du ein wenig mehr Geschichte, entweichst in die Vergangenheit und entfernst dich von mir, und das ist falsch, nach all dem. Wir hatten dieses Glück, und weil wir die Zukunft nicht kannten, nahmen wir an, es würde dauern.“ (Seite 51)

In diesem ersten Kapitel erzählt Viljami aus seiner Sicht das Geschehene. In jedem Satz spürt man die Sehnsucht nach Lempi und Viljamis Verzweiflung über den Fortgang von Lempi. Ich erlebe seine innere Zerrissenheit … eigentlich will er kein Leben ohne Lempi, aber er hat die Verantwortung für das Kind. Was soll er machen …

„Wie du mir erzählt hast, was du aus Büchern weißt und was man alles tun kann, damit die Liebe lebendig bleibt, ganz selbstverständlich hast du darüber gesprochen. Immer wieder fällt mir das ein, dabei ertrage ich die Erinnerung keine Sekunde, denn all das ist vergangen und kommt nicht wieder.“ (Seite 59)

Elli war schon immer ein wenig verliebt in Viljami. Umso mehr freut sie sich, als er sie bitte auf seinem Hof als Magd zu arbeiten. Allerdings stört es sie, dass ausgerechnet für/ mit Lempi arbeiten soll, der verzogenen Kaufmannstochter. Doch Elli macht das Beste daraus, Hauptsache sie kann in Viljamis Nähe sein. Sie hilft Lempi bei der Entbindung und bleibt mit dem Kind allein auf dem Hof nachdem Lempi fort ist. Sie hofft und wartet darauf dass der Krieg zu Ende geht und Viljami zurück kommt.

„Die Tür ging auf, ein Paar trat ein, und erst habe ich Viljami gar nicht erkannt, nicht einmal gesehen, du hast allen Raum eingenommen. Manche Leute sind so, verbrauchen sämtlichen Sauerstoff. Umgeben sich mit einem seltsamen Licht, und sobald sie in die Stube treten, werden alle anderen unsichtbar, und unsereins bleibt im Dunkeln. Ihr Licht strahlt nicht auf andere ab, nicht in die dunklen Ecken und Winkeln, und aus ihrem Licht heraus sehen sie nicht, dass auch wir Menschen sind, mit Wünschen, Angst und Trauer, oder mit verborgener Trauer. Wenn wir fehlen, merkt das keiner.“ (Seite 98)

Im Zweiten Kapitel erzählt Elli über ihr Zusammenleben mit Lempi und Viljami. Dabei lässt sie kein gutes Haar an Lempi. Als Leserin spüre ich den Hass geradezu, den Elli gegen Lempi hegt. Hier passieren einige Dinge, die dem Buch/ der Geschichte eine vollkommen neue Wendung geben.

„So warst du, völlig anders als ich. Natürlich hat man über uns geredet. Überhaupt, wo gab’s denn sowas: Zwillinge. Gleich bei der Geburt bekam ich die brave Rolle zugeteilt und auch den unbedeutenderen Namen, Sisko, Schwester. Mein ganzes Leben wuchs ich nicht über mich hinaus. Ich hatte nicht das Zeug, so frei zu sein wie du.“ (Seite 136)

Sisko ist die Zwillingsschwester von Lempi. Die Zweitgeborene. Die beiden verstehen sich gut, obwohl Sisko immer ein wenig im Schatten der Schwester steht. Nachdem Lempi geheiratet hat, wollte Sisko eigentlich studieren. Doch nachdem der Krieg ausgebrochen ist kommt alles anders. Sie verliebt sich in einen Deutschen und geht mit ihm nach Deutschland. Doch in Deutschland angekommen misshandelt dieser Sisko und lässt sie links liegen. Allein in Deutschland versucht Sisko sich durchzuschlagen. Doch letztendlich geht sie nach Finnland zurück. Dort wird sie interniert und ohne Ende verhört. Irgendwann kommt sie frei …

„Ich beneidete dich um deine Eheschließung, um die verzauberten Blicke deines Mannes, um das Versprechen, das ihr euch gabt. (…) Ich blieb zurück. Alles hatte sich so entwickelt, wie es vorher gewesen war: Ich war die Vernünftige, und du die zu Abenteuern Angestiftete.“ (Seite 159)

Im dritten und letzten Teil erfahre ich etwas über die beiden Schwestern. Ihr Leben und ihr Miteinander bis zu dem Tag an dem Lempi und Viljami heiraten. Dann wird Siskos Leben weiter erzählt. Ein Leben voller Hoffnung und Sehnsucht … nach Liebe und der Schwester. Auch hier passieren unerwartete Dinge, die dem Buch noch einmal eine vollkommen andere Wendung geben.

„An vielen Stellen kann man überlegen und nochmal zurück. Man hat die Möglichkeit, an die letzte Kreuzung zu gehen und sich anders zu entscheiden. Wenn man aber so abscheulich behandelt und grundverlassen erlebt hat und erfährt, dass von nirgends eine Antwort kommt, so sehr man auch sucht, dann hilft nichts mehr. Man mag sich noch umdrehen, aber die Kreuzung ist verschwunden. Es bleibt einem nur, den bisherigen Weg fortzusetzen und zu vergessen, dass alles einmal ganz anders war, dass wir zu zweit lebten und die Welt gut war.“ (Seite 189)

Eine unglaubliche Geschichte, die während des Zweiten Weltkriegs in Finnisch Lappland spielt. Im Nachwort der Übersetzerin finde ich Hinweise auf die Rolle von Finnisch Lappland während des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland. Die Beziehung zwischen den Ländern war sehr wechselhaft. Zuerst Freunde, später dann eher Feinde.

Dieses Buch ist unglaublich intensiv und mitreißend. Die Autorin schafft es in den einzelnen Kapiteln die Gefühle ihrer Protagonisten lesbar zu machen. Ich konnte so sehr Viljamis Liebe und Verlust spüren, wie auch Ellis Hass und Siskos Sehnsucht. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich von der ersten Seite an so begeistern konnte. Auch die Wendungen haben mich immer unerwartet getroffen und begeistert.

Einfach nur grandios und ein weiteres Highlight in diesem Lesejahr!!! Unbedingt lesen!!!