Die verborgenen Stimmen der Bücher von Bridget Collins

Rütten & Loening Berlin
Fester Einband
467 Seiten
Erscheinungsdatum:
15.02.2019
ISBN: 9783352009211
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Emmett Farmer arbeitet auf dem Hof seiner Eltern, als ihn ein Brief erreicht. Er soll bei einer Buchbinderin in die Lehre gehen. Seine Eltern, die wie alle anderen Menschen Bücher aus ihrer Welt verbannt haben, lassen ihn ziehen – auch weil sie glauben, dass er nach einer schweren Krankheit die Arbeit auf dem Hof nicht mehr leisten kann.
Die Begegnung mit der alten Buchbinderin beeindruckt den jungen Mann, obwohl Seredith ihn nicht in das Gewölbe mit den kostbaren Büchern lässt. Menschen von nah und fern suchen sie heimlich auf. Emmett kommt ein dunkler Verdacht: Liegt ihre Gabe darin, den Menschen ihre Seele zu nehmen? Dann stirbt die alte Buchbinderin, und er erkennt, welch Wohltäterin sie – und in welche Gefahr er selbst geraten ist. Denn er hat seine eigene Geschichte, die ihn in den Abgrund reißen könnte, sollte sie je ans Licht gelangen.

∗∗∗∗∗

„“Du bindest … Menschen“, sagte ich. Mein Hals war so trocken, dass das Sprechen schmerzte; aber das Schweigen schmerzte mehr. „Du machst aus den Leuten Bücher.“
(…)
Seredith wandte sich ab und ließ das Messer in die offene Schublade neben mir fallen. „Erinnerungen“, sagte sie schließlich. „Nicht Leute, Emmett. Wir nehmen Erinnerungen und binden sie. Was die Leute an Erinnerungen nicht ertragen können. Womit sie nicht leben können. Wir nehmen diese Erinnerungen und verwahren sie an einem Ort, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das ist alles, mehr sind Bücher nicht.““ (Seite 77-79)

Als Leserin befinde ich mich in einer Zeit, in der Bücher etwas gefährliches sind. Man fürchtet sich davor. und auch Emmet macht keine guten Erfahrungen mit ihnen. Als er schwer erkrankt, und den Hof seiner Eltern nicht übernehmen kann, beschließen die Eltern ihn in eine Buchbinderlehre zu stecken, da er scheinbar die Fähigkeiten dazu hat. In der Lehre erfährt er dann in Teilen was es mit dem geheimnisvollen Buchbinden auf sich hat. Als Seredith dann plötzlich stirbt, muss Emmet sich all den Gefahren stellen, denen er jetzt als Buchbinder ausgesetzt ist. Und dabei muss er feststellen, dass auch er ein ganz besonderes Buch ist …

Dieses Buch habe ich an einem Tag gelesen. Es hat einen wahnsinnigen Sog. Je tiefer man in die Geschichte eintaucht, desto spannender wird sie und immer wenn ich dachte jetzt ist das Geheimnis gelöst, ploppte eine neue Überraschung auf.

Dieses Buch hat einfach alles …. Fantasy, Magie und Liebe in einer wilden und wundervollen Landschaft die düster und geheimnisvoll ist … mit Charakteren die leidenschaftlich und absolut authentisch beschrieben sind. Obwohl sich das Buch sehr gut lesen lässt, ist die Sprache auch etwas besonders … sie ist sehr intensiv. Ich hatte an vielen Stellen das Gefühl, dass ich Teil der Geschichte bin.

Was für ein tolles Buch. Die Autorin hat es geschafft mich zu fesseln, mich an einem regnerischen Tag in eine wundervolle Welt der Bücher zu entführen, aus der ich nur langsam wieder auftauchen wollte.

Unbedingt lesen!!!

„“Warte mal, du meinst, du hast noch nie etwas von Romanen gehört?“, fügte er mit einem Aufblitzen von Spott hinzu. „Das sind keine echten Bücher. Die werden geschrieben wie Zeitschriften. In ihnen sind keine echten Menschen oder echte Erinnerungen gebunden. Die sind erfunden.““ (Seite 281)

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Der Gott am Ende der Straße von Louise Erdrich

Aufbau Verlag
Fester Einband
360 Seiten
Erscheinungsdatum:
15.03.2019
ISBN: 9783351037567
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Auf rätselhafte Weise hat sich die Evolution verkehrt, und immer mehr Kinder, die zu Welt kommen, scheinen einer primitiven neuen Spezies anzugehören. Die junge Cedar betrifft diese apokalyptische Wende der Menschheitsgeschichte auch persönlich, sie ist schwanger. Gerüchte kommen auf: der Ausnahmezustand sei verhängt worden, die Regierung fahnde nach schwangeren Frauen und inhaftiere sie – doch niemand hat gesicherte Informationen. Cedars Schicksal steht nun auf dem Spiel. Es ist das Schicksal aller.

∗∗∗∗∗

„Wenn es wahr ist, dass jedes Materieteilchen, das ich sehe oder auch nicht, dass alles Lebendige und vielleicht auch alles Unlebendige die Segel streicht und beidreht und Kurs auf den Heimathafen nimmt, was bedeutet das dann? Wo treibt es uns hin? Ist das Ziel wirklich ein anderes als jenes, das wir schon immer hatten? Vielleicht ist die gesamte Schöpfung von der Wicklermotte bis zum Elefanten bloß ein extrem detaillierter Gedanke, dem nachzuhängen Gott eine Weile gefallen hat, nur das ER dann plötzlich eingeschlummert ist. Dann wären wir also eine Vorstellung. Vielleicht hat Gott beschlossen, dass die Vorstellung von uns das Nachdenken nicht mehr lohnt.“ (Seite 25)

Es scheint als hätte sich die Welt verdreht und die Zeit läuft rückwärts. Tiere wie Menschen entwickeln sich zurück. Ländergrenzen schließen, andre Länder und Staaten existieren nicht mehr oder unter einem anderen Namen. Nahrungsmittel die heute zum täglichen Gebrauch gehören sind morgen unter Umständen schon Luxusartikel. Und in all dem Chaos lebt Cedar, eine junge Frau, die im fünften Monat schwanger ist. Aber Kinder zu gebären und zu behalten gehört zu den kriminellsten Dingen die es gibt. Cedar muss um das Leben ihres ungeborenen Kindes und ihr eigenes fürchten. Sie weiß nicht mehr wem sie noch vertrauen kann.

Cedar wird verraten, inhaftiert, flieht und wird wieder verhaftet, wird befreit … doch wie kann dieses irre Leben weiter gehen?

„Phil schaut mich überrascht an.
„Weißt du es etwa nicht?“
„Was denn?“
Er schweigt, und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Aber nach einer Weile gebe ich ihm doch zu verstehen:
Sag’s mir.
„Du bist wahrscheinlich mit einem der Originale schwanger“, sagt er. „Davon gibt es nicht viele, deshalb werdet ihr in Hochsicherheitskliniken untergebracht.““ (Seite 328)

Was für ein irres Buch. Ich habe ja schon einige Bücher von Erdrich gelesen, aber dieses ist so ganz anders. Gleich zu Anfang schlittere ich als Leserin mit Cedar von einer Katastrophe in die nächste. Wir wissen beide nicht , was passiert hier eigentlich. Tiere entwickeln sich zurück, Staaten hören auf zu existieren, Grenzen werden gezogen … und in all dem Chaos bewahrt Cedar eine Ruhe, die mich manches Mal sehr verwundert hat. Sie schreibt alle Veränderungen die passieren in ein kleines Buch. Ein Buch, das sich an ihr ungeborenes Kind richtet. Ein Buch, in denen sie sich auch Gedanken über das Weiterleben auf dieser Welt macht.

Dieses Buch bietet viele Interpretationsmöglichkeiten. Für mich war die „göttliche“ irgendwie die signifikanteste. Da ist zum Beispiel ganz am Anfang, als Cedar ihre leibliche Mutter das erste Mal trifft, die Rede von Maria und ihrer Empfängnis. Später erinnert mich die Verfolgung und Inhaftierung der schwangeren Frauen an Herodes und seine Tötung der Knaben in Bethlehem. Die Frauen im Buch dürfen nur die Kinder zur Welt bringen, die ein Original sind. Doch die meisten kommen bei der Geburt um. Und dann zum Ende die Geburt des Jungen, der das Licht der Welt ist …

Was wäre wenn … Gott beschlossen hätte, dass es sich nicht mehr lohnt über uns hier unten nachzudenken?

Was wäre wenn … Gott müde ist und nicht mehr an unserer Weiterentwicklung interessiert ist?

Was wäre wenn … wir in dieser Welt, die scheinbar dem Untergang geweiht ist … wieder einen Jesus brauchen, der diese unsere Welt rettet?

„Und ich denke, natürlich wirst du glücklich sein, wenn du mein Kind siehst, überglücklich sogar. Er ist das Licht der Welt.“ (Seite 282)

Unbedingt lesen!!!

Durch deine Augen von Peter Hoeg

Carl Hanser Verlag
Fester Einband
336 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.02.2019
ISBN: 9783446261686
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
Simon hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Peter besucht ihn in der Klinik, aber Simon ist völlig in sich verschlossen. Um ihn vor einem neuen Selbstmordversuch zu bewahren, nimmt Peter Kontakt mit der Therapeutin Lisa auf. Die drei waren Freunde im Kindergarten, sie bildeten den „Club der schlaflosen Kinder“, doch daran kann Lisa sich nicht mehr erinnern. Als Forscherin hat sie eine Methode gefunden, das Bewusstsein eines Menschen im Hologramm sichtbar zu machen. So will sie Patienten helfen, wieder in echte Beziehungen zu anderen zu treten. In ihrem Bemühen, Simon zu retten, kommen sich Peter und Lisa näher, und es gelingt ihr allmählich, sich an ihre eigene verschüttete Kindheit zu erinnern. Peter aber wird ein Buch über das gemeinsam Erlebte schreiben, einen Roman über unglaubliche menschliche Begegnungen: Durch deine Augen.

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„Wir sahen die Gegenwart. Und zugleich mit der Gegenwart sahen wir etwas von der Zukunft. Die Zukunft ist keine Verlängerung der Gegenwart. Oder eine Fortsetzung der Gegenwart. Die Zukunft ist ein Feld von Virtualitäten.“ (Seite 293)

Simon hat versucht sich umzubringen. Sein Freund Peter sucht nach einem Besuch bei Simon ihre gemeinsame Freundin Lisa auf. Lisa ist Therapeutin. Doch sie keine gewöhnliche Therapeutin, sondern sie erforscht das Bewusstsein der Menschen mit Hilfe hochmoderner Technologie, die Bewusstseinsströme in einer Art Hologramm darstellen. Als Peter auf Lisa trifft, erkennt sie ihren Jugendfreund nicht. Lisa nimmt Peter zu einem Scan mit, um ihm zu zeigen was sie erforscht. Schließlich erklärt sie sich bereit, Simon zu helfen. Während dieser Zeit kommen sich Peter und Lisa immer näher, und Lisa erinnert sich an die Zeit ihrer Kindheit und der Freundschaft mit den beiden Jungs. Die drei gehörten in ihrer Kindergartenzeit dem „Club der schlaflosen Kinder“ an, da sie in der Mittagszeit nie in den Mittagsschlaf fanden. Dafür stellten sie fest, dass sie in die Träume anderer Kinder und Menschen reisen können, und dort die Zukunft veränder können. Und während die drei sich immer mehr an die Ereignisse von damals erinnern können, stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen von Lisas Forschung.

„Wir haben beide unsere Kindheit vergessen. Weil wir ins Offene geblickt haben. Aber damit kann man nicht leben. Damit kann ein Kind nicht leben. Also haben wir vergessen. Erinnert sich deswegen keiner so richtig an seine Kindheit? Weil die wirkliche Wirklichkeit irgendwann für alle offen steht? Und das eine Erfahrung ist, die zu heftig ist? Und wir daher lieber abschalten?“ (Seite 332)

Hoeg erzählt in zwei Erzählsträngen, die sich immer mehr miteinander verbinden, je weiter die drei in die Vergangenheit eintauchen, die zugleich auch ihre Zukunft wird.

Das liest sich jetzt erst einmal ziemlich wirr. Und das ist/ war es für mich am Anfang auch. Doch Hoeg entwickelt einen wahnsinnigen Sog beim erzählen. Je weiter ich in die Geschichte eintauchte, desto faszinierender fand ich die Thesen und Ansätze dieser Thematik.

Bei den Reisen ins Bewusstsein anderer Menschen erlebt Peter die Ängste, den Verlust und die Trauer dieser Menschen, denn sie haben Schlimmes erlebt. Hoeg erzählt hier sehr realistisch und manchmal ist es kaum auszuhalten, was man „durch die Augen“ der Menschen sieht. Auch die Reisen der Kids aus dem „Club der schlaflosen Kinder“ sind nicht ohne. Sie gehen sogar noch weiter und verändern bei ihren Reisen durch die Träume anderer die Zukunft. Und so vermengen sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

“ Was wird erzählt, was erzählt die Wirklichkeit, dort, wo die letzte Erzählung aufhört?“ (Seite 335)

Ihr findet das abgedreht? Ist es sicherlich auch … irgendwie, aber die Geschichte ist auch wundervoll, tröstlich und philosophisch. Man muss beim Lesen offen bleiben für die feinen und leisen Zwischentöne dieser Geschichte.

Unbedingt lesen!!!

Auf dem Wasser treiben von Theresa Prammer

List Verlag
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.02.2019
ISBN: 9783471351680
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
Stefan kommt mit seiner Forschung nicht weiter. Zwar konnte er beweisen, dass die Wassermoleküle im menschlichen Körper nach inniger Verbindung streben. Doch wenn seine Theorie gültig ist, wieso stimmt sie dann bei ihm nicht? Natürlich hat er Beziehungen, doch sie bleiben oberflächlich.
Keine seiner Freundinnen hielt es lange mit ihm aus, seine Geschwister sind ihm fremd, sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen. Mit nichts und niemandem hat Stefan eine richtige Verbindung. Er selbst ist also das beste Beispiel, dass seine Wassertheorie falsch ist. Bis nach einer Familienfeier seine Mutter verschwindet und unauffindbar bleibt. Die Suche nach ihr zwingt Stefan und seine Geschwister zu einer Bestandsaufnahme, durch die sich alles ändert.

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„Wasser ist ein mysteriöses Material. Es ist ein einfaches Molekül. Aber es verhält sich auf sehr überraschende Weise.“ (Dr. Adam Wexler, 2018)

„Jeder Mensch besteht zu drei Viertel aus Wasser. Im Prinzip ist also jeder von uns nichts anderes als eine lebende Wassermelone.“ (Seite 14)

Stefan wäre im Alter von 8 Jahren fast ertrunken. Dieses Erlebnis hat den Jungen so geprägt, dass er sich in seinem Beruf mit Wasser beschäftig. Ihn fasziniert dieses Molekül.

Stefan ist auch 8 Jahre alt, als sein Vater von einem auf den anderen Tag spurlos verschwindet. Zuerst hofft die Familie, Stefan hat noch einen älteren Bruder Fred und eine ältere Schwester Emma, dass der Vater zurück kommt. Doch irgendwann ist sämtliche Hoffnung dahin. Die Familie muss ohne den Vater auskommen, er bleibt verschollen.

Stefans Mutter Hannah wird 55 und es ist eine Überraschungsparty geplant. Als Stefan sie abholt um zur Party zu bringen, merkt er, dass seine Mutter irgendwie anders ist wie sonst. Am selben Abend verschwindet auch sie zunächst spurlos. Die Kinder machen sich auf die Suche nach Hannah und die Spur führt in die Vergangenheit, zum Verschwinden des Vaters …

„Wir wachsen alle aus unserer Kindheit heraus. Aber unsere Kindheit nie aus uns. Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, Erwachsene sind nichts anderes als in die Länge gezogenen Kinder.“ (Seite 194)

Am Anfang nimmt mich die Autorin mit in die Vergangenheit, zu dem Tag an dem Stefan fast ertrinkt und dem Tag, an dem der Vater verschwindet. Beides ist sehr geheimnisvoll und am Ende erst werde ich erfahren, was es damit auf sich hat. Im mittleren Teil erfahre ich etwas über Stefans Familie. Der Verlust des Vaters hat die Kinder geprägt. Stefan hat sich dem Studiums des Wassers verschrieben. Er findet heraus, das Wassermoleküle immer eine Verbindung suchen. So wie er. Doch sowohl die Verbindungen des Wassers, wie auch seine eigenen halten nie lange. Und so forscht er weiter, bis er eine Lösung findet. Auch seiner Schwester Emma fällt es schwer Bindungen einzugehen. Sie leidet unter großer Verlustangst und sobald jemand mehr von ihr möchte flieht sie. Und der große Bruder Fred… er übernimmt irgendwie nach den Verschwinden des Vaters die Vaterolle für die beiden Geschwister und eckt mit seinem Verhalten bei den Beiden immer wieder an. Sie sind genervt von seiner bevormunderei.

Und dann ist da ja auch noch Hannah, die Mutter der drei. Sie begleite ich auf der Suche nach John, ihrem verschollenen Mann. Denn John lebt noch, auch wenn sie den Kindern erzählt hat, dass er tot ist. Nach all den Jahren der Trauer und des Verlust, will sie jetzt reinen Tisch machen …

„Wasser ist zwar lose, aber doch verbunden. Wassermolekül mit Wassermolekül. Ohne diese Verbindung könnten gar keine Protonen durch elektrische Spannung entstehen. Und ohne Protonen gäbe es keine magnetische Kraft. Es ist überall, im Meer, in den Wolken, im Boden, in jedem Körper. Es ist – ach, ich weiß auch nicht.(…) Als würde Wasser die Einsamkeit überwinden.“ (Seite 243)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Theresa Prammer erzählt die Tragödie dieser Familie mit viel Gefühl und Spannung, ohne dabei ins kitschige abzurutschen. Hinzu kommen noch diese Informationen über das Wasser und seine Moleküle, die sie sehr geschickt in die Geschichte einbettet und welche mich sehr fasziniert haben.

Für mich eine sehr berührende Familiengeschichte mit den Themen Trauer, Verlust, Einsamkeit und Lügen … und der Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Unbedingt lesen!!!

Kurz & Knapp … Februar 2019

Unter den Menschen von Mathijs Deen

Nach dem Tod seiner Eltern, sie kamen bei einem Unfall uns Lebens, lebt der junge Bauer Jan allein auf einem großen Hof am Deich der Nordsee. Gerade in den Wintermonaten, in denen wenig zu tun ist, sehnt er sich nach einer Frau. Irgendwann beschließt er eine Anzeige aufzugeben, in der eine Partnerin sucht. Will meldet sich auf die Anzeige. Und schnell wird klar, dass Will ihre ganz eigenen Pläne verfolgt. Sie will raus aus der Stadt, sucht die Ruhe und das Meer und auf gar keinen Fall einen Mann.

Zwei unterschiedliche Charaktere treffen hier aufeinander. Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen von dem anderen und dem gemeinsamen Leben. Und es dauert auch gar nicht lange, da rasseln die Beiden aneinander und es scheint so, als würde jeder wieder seinen eigenen Weg gehen. Doch die beiden raufen sich immer wieder und wieder zusammen.

Ich bin nicht wirklich warn geworden mit dieser Geschichte. Die beiden Protagonisten sind mir irgendwie fern. Sicherlich ist es nicht einfach, wenn man so grundverschieden ist wie die Beiden. Ihr Verhalten hat mich teilweise irgendwie geärgert, Ich fand sie so unreif und egoistisch … jeder dachte irgendwie nur an sich und seine Bedürfnisse. Sicherlich ein Thema unserer Zeit, in der immer mehr Menschen alleine leben und auf Grund der langen „Einsamkeit“ nicht mehr fähig sind Beziehungen zu Menschen zu führen.

Fazit: Wer sich mit Zwischenmenschlichen Beziehungen auseinander setzen möchte findet hier vielleicht das richtige Buch. Meins war es eher nicht. Mir war es zu anstrengend!

(mare, ISBN: 9783866482807, Preis: 20,00 Euro)

 

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Die Frauen von Själö von Johanna Holmström

Själö ist eine kleine Schäreninsel in Finnland. Im Ende des 19. Jahrhunderts/ Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es auf dieser Insel eine Nervenheilanstalt für Frauen. Einmal dort angekommen gibt es kein Zurück mehr. 1891 ertränkt Kristina Andersson ihr beiden Kinder im Meer. Sie kommt auf die Insel und darf dort ein sehr privilegiertes Leben führen. Vierzig Jahre später wird die siebzehnjährige Elli dort eingeliefert. Sie ist mit einem Mann durchgebrannt, wurde gefasst und auf Wunsch der Eltern dort eingeliefert. Und dann ist da noch Sigrid, eine junge Krankenschwester, die auf dieser Insel arbeitet. Sie setzt sich für die Frauen in dieser Nervenheilanstalt ein.

Der Frauen, drei Schicksale. Mir haben die Erzählungen über die Frauen sehr gefallen, obwohl sie an manchen Stellen etwas langatmig waren. Kristina, die ihre beiden Kinder umbrachte, hätte eigentlich im Gefängnis landen müssen. Doch ein Arzt setzt durch, das sie in diese Nervenheilanstalt kommt, obwohl sie „normal“ ist. Da sie Reue zeigt, kann sie auf der Insel ein „freies“ Leben führen. Das fand ich schon ausgesprochen interessant. Aber auch Ellis Geschichte ist ungewöhnlich. Auch sie hätte eigentlich im Gefängnis landen müssen. Doch auch hier macht ein Arzt den Eltern den Vorschlag sie nach Själö zu schicken. Elli glaubt die ganze Zeit fest daran, dass sie nach einem Jahr von ihrer Mutter wieder raus geholt wird. Doch dem ist nicht so. Hier wird ein Exempel an Elli praktiziert. Wirklich unglaublich, was Elli durchmachen muss. Und bei all dem kommt Sigrid mit beim Lesen wie ein Engel vor, der versucht den Frauen das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Doch auch Sigrid hat ihre ganz eigenen Probleme.

Fazit: Ein toller Roman über eine Insel auf der es früher eine Nervenheilanstalt gab und über drei Frauen, die dort leben. An manchen Stellen etwas langatmig, aber wenn man sich da durch wuselt, lohnt es sich auf jeden Fall!

(Ullstein, ISBN: 9783550050442, Preis: 22,00 Euro)

 

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Wohin wir gehen vom Peggy Mädler

Zwei Frauen, Freundinnen 1945 in Böhmen. Sie wachsen gemeinsam auf, gehen ihren Weg, bis kurz vor dem Mauerbau, da haut die eine ab und lässt die andere alleine. Eine Welt bricht zusammen. Ein halbes Jahrhundert später hat Almuts Tochter Elli ebenfalls eine beste Freundin. Die Dramaturgin Kristine. Die kümmert sich dann auch um Almut, als Elli nach Basel geht.

Hier habe ich ein Buch über Freundschaft zwischen zwei Frauen erwartet, die ein Leben lang hält. Aber ich muss mich durch einen Krieg lesen, durch politische Unruhen und einen Wirrwar aus Katastrophen, Liebe und Tod. DAS war mir dann doch echt zu viel und zu anstrengend. Nach 150 Seiten habe ich abgebrochen. Ihr wisst, dass ich nur ganz selten ein Buch abbreche, da ich immer noch auf eine gute Wendung hoffe. Aber heir konnte ich echt nicht weiter lesen. Sorry!

Fazit: Ein Buch, das für Geschichtsfans bestimmt mega spannend sein kann. Für mich war das nix! Sorry!

(Galiani Berlin, ISBN: 9783869711867, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der Junge, der zu viel fühlte von Lorenz Wagner

Europa Verlag
Fester Einband
216 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.09.2018
ISBN: 9783958902299
Preis: 18,90 Euro

Klappentext
Als Henry Markram ein autistisches Kind bekam, zählte er bereits zu den berühmtesten Hirnforschern der Welt. Seine Methode, die misst, wie Zellen sich vernetzen, wurde internationaler Standard. Doch dann kam Kai. Und Fragen und Sorgen lagen auf einmal im Kinderzimmer, zwischen Teddybär und Mondlampe. Als Vater fühlte er sich ebenso hilflos wie als Forscher: Viel zu wenig wusste die Menschheit über Autismus und andere Störungen des Gehirns. Und so nahm Henry die Forschung selbst in die Hand, um das Rätsel Autismus zu ergründen. Nach Jahren gelang ihm der Durchbruch. Und seine Antworten stellten alles auf den Kopf, was man über Autismus zu wissen glaubte.

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„Autisten, so die gängige Meinung, haben ein Defizit. Es fehle ihnen an Empathie, sie hätten kaum Gefühle, hieß es in Expertenkreisen. Henrys Forschung zeigt das Gegenteil. Kai fühlt nicht zu wenig, er fühlt zu viel. Seine Sinne, sein Hören, Fühlen und Sehen, sind zu fein für diese Welt. Er muss sich zurückziehen, um sich vor dem Übermaß an Eindrücken zu schützen.“ (Klappentext)

Als Kai geboren wird, ahnt die Familie noch nicht was auf sie zukommt. Zuerst bemerken sie, dass Kai anders ist. Verschiedene Ärzte diagnostizieren ADHS. Doch Kais Vater Henry glaubt nicht so recht an diese Diagnose. Als dann eine befreundete Ärztin Autismus feststellt, ist die Bestürzung bei den Eltern groß. Henry Markram, ein erfolgreicher Hirnforscher, informiert sich auf allen Ebenen um herauszubekommen was für Kai am besten ist. Doch alles was sie „ausprobieren“ wirkt sich negativ auf Kai aus. Und so beschließt das Ehepaar Markram diese Form der Gehirnerkrankung zu erforschen. Doch es dauert Jahre, bis sie einen Ansatz finden um Kais Leben zu verstehen und ein wenig zu erleichtern …

Der Journalist Lorenz Wagner hat die Familie Markram über Monate hinweg begleitet und erzählt hier Kais Geschichte. Parallel dazu taucht er ein die Forschung des Vaters und dessen erstaunliche Erkenntnisse über Autismus.

Dieses Buch haben wir auf Wunsch einer Leserin im Lesekreis gelesen. Ich habe mich schon früher mal mit Autismus befasst. Aber dieses Buch ist anders. Obwohl kein reiner Roman, sonder eine Mischung aus Biografie und Sachbuch, habe ich dieses Buch verschlungen.

Das Leben dieser Familie dreht sich ausschließlich um Kai und dessen Autismus. Auf der einen Seite sicherlich belastend für die Familie, auf der anderen Seite aber auch sehr bereichernd. Mich hat es fasziniert, wie die Familie mit Kais Autismus umgeht, aber auch wie Kai sein Leben und die Familie reflektiert. Es gibt ein Kapitel, in dem Kai beschreibt was er fühlte, als seine Mutter ihn als Baby streichelte und wickelte. Ich war entsetzt darüber wie „stark“ und „überempfindliche“ er diese liebevollen Gesten wahrnahm. Diese Beschreibung hat mich wirklich tief getroffen und bewegt. Interessant war auch die Entwicklung von Kai. Man konnte förmlich spüren, wie auch er an sich arbeitete.

Neben dem Leben der Familie Markram mit Kai und seinem Autismus berichtet Lorenz auch über die Forschung des Vaters. Für mich auch wieder mega interessant. So zum Beispiel das Thema von Menschen mit Behinderung und Integration/ Inklusion. Hier ein kleiner Auszug zu diesem Thema:

„Israel ist ein Einwanderungsland. In den vielen Schulen vereinen sich Kinder aus aller Welt, viele Flüchtlinge, viele erst einmal benachteiligt – und bald Teil der Gesellschaft. Inklusion ist gewachsene Kultur. Und so ist in Israel vieles anders mit Menschen, die anders sind. Touristen in Rollstühlen wundern sich, wie leicht sie sich bewegen können, Firmen mit mehr als 25 Mitarbeitern müssen Behinderte einstellen, in der Digitalwirtschaft ist ein ganzer Zweig entstanden mit Firmen, die Anwendungen für Blinde, Taubstumme oder Autisten entwickeln. (…) Die Gesellschaft ist fürsorglich, ohne die „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ zu Empfängern von Fürsorge herabzuwürdigen. Diese Menschen dürfen der Gesellschaft etwas zurück geben. Selbst die Armee beschäftigt Autisten. In der Einheit 9900 – bekannt als „Die Augen Israels“ – haben sie eine wichtige Aufgabe. Sie werten Karten und Luftaufnahmen aus. Dank ihres fotografischen Gedächtnisses erkennen sie Truppen, Waffenlager und Raketenrampen, die andere nicht erkennen. (…) (Seite 109)

Die Professorin Joanne Ruthsatz hat festgesellt, dass Wunderkinder und Autisten sich eine Gen-Mutation auf Chromosom 1 teilen. Wer diesen Gendefekt in sich trägt kann entweder Wunderkind oder Autist werden. Eine weitere Studie aus 2012 stellt fest, dass es in der Hälfte von Familien mit Wunderkindern auch immer einen Autisten in der nahen Verwandtschaft gibt (Cousins, Großeltern, Geschwister)

Leider ist Autismus für viele immer noch ein Tabuthema, was ich sehr schade finde. Die Geschichte von Kai und seiner Familie macht Mut und ich hoffe das wir in der Zukunft damit offener umgehen können.

Kai und seiner Familie wünsche ich alles erdenkliche Liebe und Gute. Möge Kai seinen Weg in der Gesellschaft finden.

Danke an Lorenz Wagner für dieses offene und berührende Buch.

Unbedingt lesen ♥♥♥

„Lasst die Autisten sein, wie sie sind. Ihre Gehirne sind anders, und wir wollen doch nicht, dass das Gehirn von allen Menschen gleich ist. Wir wollen nur, dass sie gesund, glücklich und unabhängig sein können.“ (Seite 187)

Abendrot von Kent Haruf

Diogenes
Fester Einband
480 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.01.2019
ISBN: 9783257070453
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
Das Leben ist rau in Holt, Colorado. Es gehorcht den Rhythmen der Natur und den ungeschriebenen Gesetzen einen Kleinstadt. Hier kann man sich nicht aus dem Weg gehen, hier gibt es aber auch eine Gemeinschaft, die einen nicht im Stich lässt, wenn man einsam oder verzweifelt ist. Und jederzeit ist die Begegnung möglich, die alles verändert.
Betty und Luther versuchen am Existenzminimum, ihre Familie zusammenzuhalten. DJ und Dena, elf Jahre alt, schaffen sich in einem verlassenen Haus ein Ersatzzuhause. Und die großartigen McPheron-Brüder samt ihrer Ziehtochter Victoria treten wieder auf. Ein paar einsame Seelen, die trotz aller Unterschiede zueinanderfinden. Das ist der Zauber von Holt, Colorado.

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Vor ca. zwei Jahren habe ich mein erstes Buch von Kent Haruf gelesen. Es war „Unsere Seelen bei Nacht“ Was für ein wunderschönes Buch. Ich war sofort schockverliebt in die Sprache, die Atmosphäre und die Geschichte. Dieses Buch ist ein Buch für alle Fälle … wenn man traurig ist … um Mut zu machen … eine Liebesgeschichte …. eine Familiengeschichte … einfach etwas fürs Herz. Ich verkaufe dieses Buch sehr oft im Büchergarten und die Rückmeldungen waren bisher immer (!!!) nur positiv.

Danach kam, ein Jahr später Harufs zweites Buch „Lied der Weite“ heraus. Auf den ersten Blick ein ganz anderes Buch. Einzige Ausnahme … es spielt ebenfalls in Holt. Und das ist eine Art „Markenzeichen“ von Haruf … seine Bücher spielen alle in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Er hat in seinen Büchern einen kleinen Kosmos innerhalb seiner fiktiven Stadt Hold erschaffen. In Lied der Weite lerne ich ganz viele Menschen kennen. Die Brüder McPhereon und deren spätere Ziehtochter Victoria, die Lehrerin Maggie und ihren Kollegen Guthrie mit seinen beiden Kindern, und noch einigen mehr. Es geht in diesem Buch um den Zusammenhalt, den Sinn der Gemeinschaft und das Familie nicht immer Blutsverwandte sein müssen.

Und jetzt erschien „Abendrot“ … oh wie sehr habe ich mich darauf gefreut. Und was soll ich sagen …. es war wie bei einem Wiedersehen mit alten Freunden. Denn genau das passiert in diesem Buch. Ich treffe in Holt auf die Brüder McPherson … auf Victoria und ihre kleine Tochter … auf Maggie und Gutherie. Ich treffe aber auch auf ein paar neue Figuren, wie zum Beispiel Luther und seine Familie. Eine Familie, die am Existenzminimum lebt und versucht mit dem Leben und seinen Herausforderungen klar zu kommen. Da ist DJ, der sich rührend um seinen Gro0vater kümmert und ohne den er längst in einem Waisenhaus wäre. Und da ist Rose, die Sozialarbeiterin, die sich um eben diese Menschen kümmert. Auch in diesem Buch geht es um Menschlichkeit, die Fähigkeit sich für andere einzusetzen, auch wenn man dabei an seine eigenen Grenzen stößt.

In Harufs Büchern zu lesen ist wie nach Hause kommen. Man schlägt das Buch auf und taucht sofort ein, in diesen kleinen besonderen Kosmos von Holt. Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass ich Teil davon bin. Und das bin ich … irgendwie, denn die Schicksale eines jeden einzelnen gehen mir ans Herz. Gerade in „Abendrot“ habe ich sehr geweint, als ein mir Vertrauter stirbt.

In meiner Recherche habe ich gesehen, das diese drei Bücher aus einer Reihe sind. Das „Unsere Seelen bei Nacht“ der fünfte und letzte Band ist. „Lied der Weite“ der erste und „Abendrot“ der zweite. Jetzt wünsche ich mir natürlich sehr, dass die anderen beiden Bände auch noch übersetzt und veröffentlicht werden. Es wäre so schön wieder nach Holt zu reisen, in diesen ganz besonderen Kosmos der Menschlichkeit und der Liebe … oder ganz einfach … nach Haus zu kommen. ♥♥♥