Habenichts und Taugenichts

Hoffmann und Campe Fester Einband  112 Seiten Erscheinungsdatum: 17.09.2016  Preis: 18,00 € ISBN: 9783455405774

Hoffmann und Campe
Fester Einband
112 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.09.2016
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783455405774

Klappentext
Tom Smith und Jerry Wesson haben mit der Waffenfabrik mur den Nachnamen gemein. Echte Abenteurer brauchen keine Waffen. Die Habenichts lernen sich am Rande der Niagarafälle kennen, wo sich der eine als Erfinder und Meteorologe, der andere als „Leichenfischer“ verdingt. Zusammen mit der Journalistin Rachel planen sie den ganz großen Coup. Sie wollen der Welt eine unvergessliche Geschichte liefern und zu Helden werden.

∗∗∗∗∗

„Und jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben, und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt, in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass die Erbärmlichkeit eine Erfindung des Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“ (Seite 37)

Nachdem ich „Mr Gwyn“ in einer Nacht verschlungen habe, war ich auf das neue Buch von Baricco sehr gespannt. Als ich es dann in der Hand hielt war ich erst einmal sehr verwundert, denn dieses Buch war dann doch eher ein Büchlein mit 111 Seiten. Dann schlage ich das Büchlein auf und es erwartet mich eine zweite Überraschung. Die Geschichte ist wie ein Theaterstück aufgebaut. Es gibt zwei Akte und diese sind in mehrere Sätze eingeteilt. Zu Anfang eines jeden Satzes erfahre ich in kurzen Sätzen wo ich mich als Leserin befinde, wie die Stimmung  und die „Geschwindigkeit“ des Satzes sind.  Dann wird mir noch angezeigt wer was sagt.

Bevor ich angefangen habe zu lesen, war ich mir nicht ganz sicher, ob dieses Buch etwas für mich ist. Doch ehrlich gesagt, war ich schneller in der Geschichte drin, als ich erwartet habe. Schnell sind die voran stehenden Namen nicht mehr nötig. Ich weiß automatisch wer was sagt. Komischerweise habe ich die Texte automatisch in der vorgegebenen „Geschwindigkeit“ gelesen. 🙂

„Ich hätte ihr sagen können, dass viele auf die gleiche Weise vor ihrem Leben davonspringen, über sich selbst hinaus, indem sie alles riskieren, um sich wirklich lebendig zu fühlen.“ (Seite 100)

Der Inhalt der Geschichte ist schnell erzählt … zwei Männer Tom und Jerry (ob Baricco dabei beim Schreiben an die Katze und die Maus gedacht hat?) treffen an den Niagarafällen aufeinander. Keiner von den beiden ist wirklich erfolgreich. Dann gesellt sich Rachel eine erfolglose Journalistin zu ihnen und alle drei planen zusammen etwas Spektakuläres. Ein Ritt auf den Niagarafällen .. ein Ritt auf dem Wasser, der zu einem Ritt des Lebens wird.

„Dieses Mal hatten wir sorgfältig gesät; wir alle hatten Phantasie, Verrücktheit und Talent gesät. Und geerntet haben wir eine zweideutige Frucht: das schöne Licht einer Erinnerung und das Privileg einer Erschütterung, die uns für immer stolz und geheimnisvoll machen wird.“ (Seite 101)

Ich habe dieses Büchlein in einer schlaflosen Nacht gelesen und mich hervorragend unterhalten gefühlt. An vielen Stellen habe ich mir die Nase zugehalten um nicht laut loszulachen und meinen Mann damit geweckt hätte.

Die Dialoge sind der Knaller … kurz und pointiert, kein großes Tamtam. Es gibt zwischendrin aber auch leise und nachdenkliche Töne. Eine Geschichte über Taugenichts und Habenichts, die einmal im Leben den großen Coup landen wollen, um sich damit ein Denkmal zu setzen.

Ich hätte noch ewig weiter lesen können … unbedingt lesen!

 

5 von 5 Sternen

Hoffnung auf Leben

Insel Verlag Fester Einband  333 Seiten  Erscheinungsdatum: 08.08.2016  Preis: 22,00 € ISBN: 9783458176848

Insel Verlag
Fester Einband
333 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.08.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783458176848

Klappentext
Gustav Perle ist ein zurückhaltender Mann. Er wuchs in den 1940er-Jahren allein bei seiner Mutter Emilie in ärmlichen Verhältnissen im schweizerischen Matzlingen auf – und schon damals hat er gelernt, nicht zu viel vom Leben zu wollen. Als Anton in seine Klasse kommt, ein Junge aus einer kultivierten jüdischen Familie, hält mit ihm auch das Schöne in Gustavs Leben Einzug. Anton spielt Klavier, und seine Familie nimmt Gustav Sonntags mit zum Eislaufen. Emilie sieht das nicht gerne, lebt sie doch in der Überzeugung, dass die Bereitschaft ihres verstorbenen Mannes, jüdischen Flüchtlingen zu helfen, letztendlich ihr gemeinsames Leben ruiniert hat. Doch Anton ist alles, was Gustav braucht, um glücklich zu sein…

∗∗∗∗∗

„Dinge sind immer nur eine Weile weiß.“ (Seite 37)
„Weil so das Leben ist. Man kann nie zurück, wenn etwas erst einmal vorbei ist.“ (Seite 46)

Gustav Perle wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater verstarb früh und dieser Tod hat dazu geführt, dass Gustav Mutter ein verbitterter Mensch wurde. Sie erzählt Gustav tagtäglich was für ein Held der Vater gewesen sei, da er jüdischen Flüchtlingen geholfen hat. Doch diese Hilfe hat ihm letztendlich auch das Leben gekostet. Emilie ist scheinbar seit diesem Tod nicht mehr in der Lage Gefühle zu zeigen. Auch nicht ihrem Sohn gegenüber. Sie ermahnt Gustav ständig „sich zu beherrschen“ Und so wächst Gustav auf, ohne dass er weiß, wie eine liebevolle Mutter sein kann.

„Dennoch dachte er sehr oft an seine Kindheit. Und jedes Mal ergriff ihn eine Traurigkeit, die absolut und umfassend zu sein schien – als könne kein Kummer der Welt ihn noch einmal so heftig treffen. Diese Traurigkeit legte sich wie ein grauer Dämmer um seine alte Kindheitsvorstellung, dass er unsichtbar sei: die quälende Erinnerung daran, dass der Knabe Gustav immerzu versucht hatte, sich ins Licht zu rücken, damit seine Mutti ihn besser sah. Aber sie hatte ihn nie wirklich gesehen. Sie hatte sich für die Person, die er war, im Grunde blind gestellt.“ (S. 214)

Dann tritt Anton in sein Leben. Die beiden Jungen freunden sich trotz unterschiedlicher Herkunft an. Anton kommt aus wohlhabenden Verhältnissen, und mit dieser Freundschaft erlebt Gust eine andere Welt. Eine voller Freuden, Liebe und Geborgenheit. Doch ist dem wirklich so?

„Gustav fand, dass Anton inmitten all dieser ihn umringenden verzauberten Kinder etwas von einem Rattenfänger hatte. Und er dachte: Ich gehöre auch dazu; ich bin ebenfalls verzaubert. Ich werde Anton folgen, wo immer er mich hinführt – und sei es in eine  dunkle Höhle.“ (Seite 227)

Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt. Im ersten Teil  geht es um die Kinder Gustav und Anton. Wie sie aufwachsen, sich kennen lernen und Zeit miteinander verbringen.  Im zweiten Teil der Geschichte erfährt man wie Emilie Gustavs Vater kennen lernt, und warum er letztendlich zu Tode kam. Für mich ein sehr wichtiges Kapitel in dieser Geschichte, da ich Dinge erfahre die ich so nicht vermutet hätte und die einen vollkommen neuen Aspekt in die Geschichte bringen. Der dritte und letzte Teil erzählt die Geschichte der erwachsenen Kinder. Was aus ihnen und ihrer Freundschaft geworden ist.

Für mich ist Emilie, Gustav Mutter,  eine kaltherzige Frau. Das mag sicherlich daran liegen, dass sie früh ihren Mann verloren hat und sich allein um Gustav kümmern muss. Gustav scheint irgendwie nur zu funktionieren. Er macht das was seine Mutter sagt und scheint zu keinerlei Gefühl fähig zu sein. Was nicht verwunderlich ist, da seine Mutter ihm keine zeigt. Er versuch so sehr seiner Mutter zu „gefallen“, dass er sich fast darüber aufgibt. Sofern man das bei einem Kind sagen kann.
Anton ist für mich ein verzogenes Einzelkind. An vielen Stellen wird klar, so sehe ich es zumindest, dass er Gustav nur benutzt. Immer wenn es für Anton unangenehm wird schiebt er Gustav vor. Beruft sich dann auf ihre Freundschaft.  Dies alles zeigt mir, wie egal Gustav Anton letztendlich ist.

„Und jetzt, dachte er, befinde ich mich selbst im Mittelland meines Lebens, und alles um mich herum brüllt mich an und will, dass ich mein Verhalten und meine Ansichten ändere, und das bringt mich noch um.“ (Seite 271)

Mich hat dieses Buch sehr berührt, obwohl es stellenweise sehr emotionslos geschrieben wurde. Gustav ist ein Protagonist, der mir irgendwie, von Anfang an ans Herz gewachsen ist. Es liegt wohl daran, dass er eine absolut tragische Gestalt in diesem Buch ist.

Gustav möchte einfach nur geliebt werden. Doch die Menschen die er liebt sind der wirklichen Liebe gar nicht fähig … und das macht mich einfach traurig und wütend zugleich. Gustav bemüht sich immer und immer wieder um die Liebe der Mutter und die Liebe von Anton, oftmals bis zur Selbstaufgabe. Und die? Die sehen nur sich…

Eine Geschichte, die noch lange nachwirkt.

Unbedingt lesen!

5 von 5 Sternen

 

Zu viel ist zu viel …

Luchterhand Fester Einband 640 Seiten Erscheinungsdatum: 08.03.2016  ISBN: 9783630874876  Preis: 24,99 €

Luchterhand
Fester Einband
640 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.03.2016
ISBN: 9783630874876
Preis: 24,99 €

Klappentext
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den Gutshäusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

∗∗∗∗∗

Was Dorfangelegenheiten betraf, gab es eigentlich nur ein Rezept: Raushalten.“ (Seite 140)

Zuerst einmal muss ich vorweg schieben, dass ich dieses Buch eigentlich auf Grund seines Umfangs nie gelesen hätte. Da aber die Frauen aus meinem Lesekreis es unbedingt lesen wollten, haben wir es  über die Sommerferien gelesen.

Ehrlich gesagt, war ich überrascht, wie schnell ich dieses Buch durch gelesen habe. Juli Zeh hat alle Personen hervorragend herausgearbeitet. Das hat mich wirklich begeistert. Es hätten Menschen aus der Nachbarschaft sein können. Und hier kommt mein großes Aaaaber …

„Vielleicht dachte Arne, wurden Gefühle einfach nicht so alt wie Menschen. Ab einem gewissen Alter lebten Ehepartner wie Mitbewohner in einer WG, falls sie nicht längst geschieden waren. Kinder und Eltern hörten auf, einander zu mögen, besuchten sich trotzdem und waren froh, wenn der andere wieder verschwand. Freunde verloren sich aus den Augen, Nachbarn verwandelten sich in Feinde. Liebschaften wurden lästig, alte Schulkameraden peinlich, und selbst ein Haustier fing irgendwann an zu nerven. Jenseits von jugendlichen Leidenschaften begegnete man der Welt am besten mit gut gekühltem Pragmatismus.“ (Seite 441)

… das was in diesem Buch/ in dieser Geschichte geschieht erlebe ich in ähnlicher Form tagtäglich direkt vor meiner Haustür.

Ich lebe in einem kleinen Dorf mit ca. 120 Menschen.  Bei uns gibt es zwar keinen Grombowski oder Kron, dafür aber ein sogenanntes „Dreigestirn“ die hier den Ton angeben. Es werden keine Reifen an der Grundstückgrenze verbrannt, sondern Plastikmüll . Es wird gemauchelt, geratscht und getratscht. Ein Dorf hat einen ganz eigenen Mikroorganismus. Und wer in einem lebt, muss das  ich auch noch lesen. In so fern war Zehs Roman ein Abklatsch meines direkten Umfelds. Für Stadtmenschen mag das Leben in Unterleuten, so wie es Zeh beschreibt faszinierend sein, vielleicht sogar unvorstellbar.

“ (…), dass die wahre Geißel der Menschen Langeweile hieß. Langeweile verdarb den Charakter. Sie weckt die Sehnsucht nach Skandalen und Katastrophen. Friedliche Menschen verwandelten sich in Schandmäuler, die anderen Böses wünschten, nur damit sie etwas zu besprechen hatten. Im Kampf gegen die Langeweile entschied sich, ob man als Teufel oder als Engel durch Leben ging.“ (Seite 509/510)

Ich denke zwei Faktoren machen dieses Buch so erfolgreich. Zuerst einmal die wirklich hervorragend herausgearbeiteten Charaktere und zum anderen das ganze Drumherum. Das fängt damit an, dass Zeh, bevor sie Unterleuten schrieb ein ganz anderes Buch geschrieben hat. Sie hat unter dem Pseudonym Manfred Gortz das Buch „Dein Erfolg“ geschrieben, welches im Goldmann Verlag erhältlich ist. Aus dieses Buch wird in Unterleuten ständig zitiert. Doch damit nicht genug. Verschiedene Menschen aus Unterleuten haben Facebookprofile, die Kneipe und der Vogelschutzbund sogar eigene Internetauftritte. Da frage ich mich als Leserin … brauche ich das wirklich alles? Braucht das Buch/ die Geschichte das?

Ganz ehrlich … mir ist das zu viel. Ein Buch/ eine Geschichte lebt für mich von meiner eigenen Vorstellung. Wenn ich lese, entwickeln sich die Menschen im Buch mit jeder Seite, die ich mehr lese. Sie nehmen Formen an, werden zu dem was meine Vorstellung aus ihnen macht. Juli Zeh nimmt mir das mit ihrer ganzen Maschinerie um Unterleuten aus der Hand. Durch Facebookprofile und Internetauftritten drückt sie den Menschen aus Unterleuten ein Profil auf und nimmt mir damit die Chance mir meine eigene Welt zu erlesen.

Schade, sehr schade!

 

3 von 5 Sternen

Schweigen

Hoffmann und Campe Fester Einband 208 Seiten Erscheinungsdatum: 19.08.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783455405415

Hoffmann und Campe
Fester Einband
208 Seiten
Erscheinungsdatum:
19.08.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455405415

Klappentext
Jet, ein jüdisches Mädchen, flieht vor den deutschen Besatzern aus Amsterdam. Unterschlupf  findet sie bei einem Bekannten im Vorort Haarlem. Aber Jet ist nur scheinbar in Sicherheit. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als der Nachbar, ein Nazi-Kollaborateur, auf Jet aufmerksam wird und ihr nachstellt. Um ihr Leben zu retten, muss Jet dem Peiniger das eigene Kind überlassen. Kann ein solcher Mensch ein guter Vater sein? Wird Jets Sohn je die Wahrheit über seine Herkunft erfahren?

∗∗∗∗∗

Jet ist Jüdin und wird von den Eltern aufs Land zu einem Bekannten geschickt. Dort kommt sie als „Dienstmädchen“ unter. Doch der Nachbar kommt schnell dahinter, dass Jet eine Jüdin ist. Fortan belästigt und vergewaltigt er sie immer wieder, mit dem Versprechen sie nicht zu verraten, solange sie das macht was er will. Irgendwann ist Jet schwanger. Erst will sie das Kind abtreiben, doch dann überlässt sie es ihrem Peiniger. Kurz nach der Geburt des Kindes ist der Krieg vorbei und Jet verlässt den Ort, den Peiniger und ihr Kind. Sie versucht die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch gelingt ihr das?

„Ich halte dich nur kurz. Nur ganz kurz. Für alle Ewigkeit.“ (Seite 41)

Dieses Buch ist mit einer gewissen Emotionslosigkeit  geschrieben. Vielleicht liegt das an der einfachen und klaren Schreibweise. Ohne große Schnörkel oder Verharmlosung beschreibt die Autorin Ariëlla Kornmehl die Geschichte von Jet. Von den Belästigungen und Vergewaltigungen durch den Nachbarn. Von dem Wunsch das ungeborene Kind zu töten. Wie sie dieses Kind  über alles liebt und sogar dem Vergewaltiger so etwas wie Zuneigung entgegenbringt.
Dies alles löst es bei mir als Leserin große Emotionen aus. Ich verstehe nicht wie eine junge Frau das alles erleiden kann ohne zu zerbrechen.  Ich frage mich wie kann man einen Menschen „mögen/ lieben/ …“ kann,  der einem so viel Leid angetan hat, dessen Taten Narben auf der Seele hinterlassen haben.

Im weiteren Verlauf des Buches erfahre ich dann was aus dem Kind geworden ist. Hier hat mich verwirrt, dass Jets Sohn plötzlich einen anderen Namen hat. Erklärt oder geklärt wird dies nicht. Im letzten Abschnitt hält Jet noch einmal einen Rückblick auf ihr Leben und versucht zu erklären warum sie so und nicht anders gehandelt hat.

Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen, in dem es um Ähnliches ging … nämlich dem verheimlichen/ verschweigen von Erlebtem. Ich denke jeder Mensch hat seine ganz eigenen Geheimnisse. Die Frage ist und die muss jeder individuell für sich beantworten … muss ich allen immer alles erzählen, oder ist es besser manche Dinge nicht auszusprechen/ zu verheimlichen/ zu verschweigen,  um zu schützen … sich, die Familie, Menschen im Umfeld?

„Vielleicht müssen wir nicht alles wissen, wir haben schon so lange ohne dieses Wissen gelebt. Das Schweigen muss unerträglich gewesen sein. Aber sie hat alle damit geschützt, auch sich selbst.“ (Seite 200)

Trotz der sprachlichen Distanziertheit, ist dies ein Buch voller Emotionen. Emotionen die mich als Leserin berührt haben und mich mit einer Frage zurück lässt … wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, ohne daran zu zerbrechen?

 

4 von 5 Sternen

Lebenslügen

Zsolnay, Paul Fester Einband  224 Seiten  Erscheinungsdatum: 25.07.2016  Preis: 20,00 € ISBN: 9783552057937

Zsolnay, Paul
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
25.07.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783552057937

Klappentext
Ein Hotelzimmer in Amsterdam: Ben wartet auf die Urne mit der Asche seiner Mutter Marlene. Er ist alleine. In einem Brief an seinen Sohn versucht er zu erklären, wie es dazu kam, dass sich sein Leben plötzlich verändert hat.
Vor vierzig Jahren erfuhr Ben, dass sein eigener Vater entführt und ermordet wurde, im kolumbianischen Rebellengebiet, wo er im Auftrag eines deutschen Nachrichtenmagazins unterwegs war. Marlene und Henk – in Hamburg standen sie im Mittelpunkt, waren Teil der linken Szene. nach der Entführung änderte sich für Bens Mutter alles. Doch erst durch das Auftauchen einer unbekannten Frau erkennt Ben, in welchem Ausmaß sich Marlene in Lebenslügen verstrickt hatte.

∗∗∗∗∗

Eine Regenböe erfasste Ben, als er um die Ecke bog. Er lehnte seinen Körper in den Wind. Er liebte dieses Gefühl, die Nässe auf dem Gesicht, die ihn erfrischte, der Widerstand, gegen den er ankämpfte. Diese Stadt war für ihn immer die Freiheit gewesen.“ (Seite 34)

Ben ist vierundvierzig und sitze in einem Hotelzimmer in Amsterdam fest. Dort wartet er auf die Urne seiner Mutter, die in der Post verloren gegangen ist. Es wird fünf Tage dauern, bis die Beisetzung stattfindet. In dieser Zeit pendelt Ben zwischen Hotel, Wohnung der Mutter und Orten seiner Kindheit hin und her. Er schreibt einen Brief an seinen vierjährigen Sohn, der diesen erst in Bens Alter lesen soll. Es ist ein Rückblick und zugleich auch Ausblick auf Bens Leben und das seiner Familie.

Ben ist so alt wie sein Sohn jetzt (vier Jahre) als sein Vater von Rebellen entführt und umgebracht wird. Dadurch und durch die Geschichten die man ihm erzählt hat, wächst Ben mit einem Heldenvater auf. Doch nach und nach erfährt er in den fünf Tagen, in denen er auf die Urne seiner Mutter wartet, die Wahrheit. Dinge, die ihm sein Leben lang verschwiegen wurden und er fragt sich, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er die Wahrheit gewusst.

„Ich fühlte, wie die Schwere mich überkam. Ich fühlte: Dies ist der entscheidende Moment, so also fühlt es sich an, einen wichtigen Moment zu erleben, so fühle ich mich in dem Augenblick, bevor ich den Vorhang des Tempels zerreiße, bevor ich Schluss mache mit dieser Geschichte, mit ihrer Geschichte, die auch meine ist. Ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen, sie wird in kurzer Zeit daran ertrinken, sie hat nicht mehr viel Zeit, (…)“ (Seite 58/ 59)

Dieses Buch von Philipp Blom muss man mit höchster Aufmerksamkeit lesen, da der Autor in seiner Geschichte sehr springt. Mal ist er der kleine Junge und ein Satz weiter ist er der Mann, der seinem Sohn einen Brief schriebt. Doch durch diese erhöhte Aufmerksamkeit, die man dieser Geschichte entgegenbringen muss, reist sie mich mit, wie Wellen beim Rückzug ins Meer den Sand vom Strand.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie die über Generationen versucht den äußeren Schein zu wahren. Die sich immer mehr und mehr in Lebenslügen verstrickt, so dass auch ich am Ende nicht wirklich weiß, was ist die Wahrheit und was ist eine Lebenslüge.

Mit dieser Geschichte hält Blom uns aber auch einen Spiegel vors Gesicht und man muss sich fragen wie viel Schein und/ oder Lebenslügen  gibt es in unserem Leben?

„Geht es dir auch manchmal so, fragte er unvermittelt zurück, dass du dich in einem Leben wiederfindest, das zum Großteil eine Folge deiner Entscheidungen ist, das aber gleichzeitig mit den Konsequenzen, wie du sie dir ausgemalt hattest, nichts zu tun hat?“ (Seite 189)

Ein Buch dessen Geschichte gewaltig ist. Wie Wellen bei Sturm am Meer vor denen man Angst haben muss fortgetragen zu werden…

Unbedingt lesen!!!

 

4 von 5 Sternen

Eine Reise mit unerwartetem Ausgang

Zsolnay, Paul Fester Einband  272 Seiten  Erscheinungsdatum: 25.07.2016  Preis: 20,00 € ISBN: 9783552063266

Zsolnay, Paul
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.07.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783552063266

Klappentext
Nora hat ihren Vater verloren. Das wäre schon schlimm genug, doch dann erfährt sie seinen letzten Willen. Sie muss Paris und ihr schönes Leben dort verlassen, um mit der Asche ihres Vaters im Handgepäck und einem pedantischen jungen Notariatsgehilfen, der ihr täglich das nächste Etappenziel mitteilt, eine Wanderung zu unternehmen – durch ein Land, das sie kaum kennt.
Nora, die lebenslustige Chaotin, und Bernhard, der strenge Asket, folgen zwischen Regengüssen, Wortgefechten und allmählicher Annäherung einem Plan, der ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

∗∗∗∗∗

„Der Tod ist ein Skandal, hat Canetti gesagt. Das ist ein großer Unsinn. Canetti gehört nicht zum Kreis meiner Altersfreunde! Der Tod ist eine simple Sache. Der Skandal ist das Leben. Es geht einfach weiter.“ (Seite 192)

Nora und Bernard kennen sich nicht und trotzdem reisen sie gemeinsam von Paris aus in die Alpen. Und sie tun dies nicht freiwillig. Noras Vater ist plötzlich verstorben und hat an das große Erbe, dass Nora gerade Recht kommt, eine Bedingung geknüpft. Seine Asche soll in den Alpen verstreut werden, an der Stelle, an der Noras Mutter vor zig Jahren ums Leben kam. Und damit Nora auch wirklich diese Reise unternimmt, stellt ihr Vater ihr ein Notariatsgehilfe zur Seite. Dieser soll mitreisen und Nora täglich einen Brief geben, in dem genaue Anweisungen für die Reiseetappen stehen. Doch die beiden sind wie Feuer und Wasser, und dementsprechend ist die Reise für beide eine Herausforderung.

„Alles ist irgendwann das erste Mal. Und alles ist irgendwann das letzet Mal. Der erste Kuss, der letzte Kuss … der unwiederbringliche letzte Kuss.“ (Seite 193)

Als ich Cover und Titel gesehen habe, habe ich erst einmal gedacht … was ist das denn für ein „komisches“ Buch. Dann las ich den Namen des Autors und wurde sofort an mein erstes Buch „Liebe unter Fischen“ von ihm erinnert. Das hatte mir seinerzeit sehr gut gefallen. Für mich war klar, dieses Buch muss ich lesen.

Dieses Buch hat sehr viel zu bieten. Neben den ständigen Zankereien zwischen Nora und Bernhard (die mich zum Lachen bringen) und Noras Nörgeleien (die mich echt manchmal nerven … so eine verwöhnte Zicke) geht es in diesem Buch um den Sinn des Lebens, der Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod. René Freund verpackt diese ernsten Themen geschickt zwischen Humor und tiefsinnigen Briefen. Die sind übrigens mein persönliche Highlight. Die Briefe, die Noras Vater an seine Tochter schreibt, in einer Zeit, in der er weiß, dass er sterben wird. Diese Rückschau auf das gelebte Leben, die Gedanken und Hoffnungen über das Sterben und den Tod an sich … einfach wunderschön, sofern man hier wunderschön reden kann.

„Ich verstehe da so: Es gibt nur zwei Möglichkeiten – es gibt keine dritte! Entweder, das alles hat einen Sinn, oder alles ist Willkür und Zufall. Entweder. Dein Leben wird von einer inneren Weisheit geleitet, oder deine Freunde, deine Familie, deine Erfahrungen sind sinnlos und austauschbar. Und auch wenn ich wie wir alle den Sinn nicht erkennen kann, möchte ich auf den Sinn wetten. Das macht unser Leben einfach größer und erfüllter.“ (Seite 234)

Nicht vom Cover und vom Titel abschrecken lassen … unbedingt lesen!!!

Alltagshelden und ihre Sehnsüchte

Riverfield Verlag Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 27.02.2016 Preis: 24,90 € ISBN: 9783952452349

Riverfield Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 24,90 €
ISBN: 9783952452349

Klappentext
Der junge Bert Bucher sieht sich als künftiger Rockstar. Da kommt ihm der Tod seiner Großmutter gerade gelegen, so kann er in ihre leer stehende Wohnung n Freiburg ziehen und seine Karriere vorantreiben. Ein Vorhaben, das bald von der schönen Studentin Lana gestört wird.
Johann B. Grab ist Inhaber einer Buchhandlung und sehnt sich zurück in die Welt ohne Internet. Seine griechische Frau hingegen wünscht sich ein Kind, und der zeugungsunfähige Johann ist bereit, zu diesem Zweck einen Mann für sie zu suchen.
Henry Schweizer wohnt in seiner Bar, die er zu seinem persönlichen Sehnsuchtsort gemacht hat. Hier verwässern sich Sorgen im Rausch, abstruse Ideen reifen zu Taten heran und Verliere werden zu Gewinnern.

∗∗∗∗∗

„Dabei war es doch gerade der Rückblick, der den Dingen Tiefe verlieh, der einem erlaubte, Ereignisse zu verstehen und einzuordnen. Erst der Rückblick machte eine bestimmte Zeit richtig interessant, machte aus dem Alltag Kultur, und erst die Fähigkeit zurückzublicken machte aus dem Menschen ein  intelligentes Wesen.“ (Seite 85)

Das Debüt von David Bielmann „Freedom Bar“ hat mich verzaubert. Zuerst dachte ich, ach ja ein paar Leutchen, die sich in einer Bar treffen und sich ihren Frust von der Seele reden. Doch dieses Buch kann viel mehr.

Es verzaubert mit einer Geschichte über Menschen, die alle in einem Haus in Freiburg leben. Im Keller ist eine Bar, darüber ein Buchhandlung und darüber wiederum Wohnungen. Die Menschen, die dort leben sind Menschen wie Du und ich. Menschen mit Problemen, Sehnsüchten , Hoffnungen und Träumen. Sie alle sind auf der Suche, die einen finden … die anderen nicht. Aber das ist noch nicht alles was diese Buch ausmacht. Es ist diese Feinfühligkeit, diese Sensibilität, dieses kleine bisschen  Melancholie, mit denen David Bielmann seine Protagonisten und ihre Geschichte zeichnet … das macht das Buch zu etwas besonderem.

„Unter den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt lebten, gab es zu jeder Sekunde Tausende, die gerade enttäuscht worden waren, sich eine Träne von der Wange wischten und Trost beim Mond suchten. (.. .) Was immer man auch tat, was immer auch geschah, man war nicht allein, und vielleicht, dachte er weiter, während er in den Sternenhimmel sah, war die Sehnsucht sogar das einzige Gefühl, das man auf sämtlichen Planeten kannte.“ (S. 147)

An einer Stelle im Buch ist mein Herz besonders aufgegangen, da sie mir aus dem Herzen spricht und vielleicht auch eine kleine Ode an uns Buchhändler*innen ist  …

„Buchhändlerin? >Ist das nicht etwas … na ja, langweilig?<, fragte Bert vorsichtig. >Nicht, wenn man Buchhandlungen als Paradies betrachtet.< Ihre Augen begannen zu leuchten. > Hast du dir schon einmal überlegt, was sich so alles in einer kleinen Buchhandlung drin befindet? Wie viele Menschen da zusammen kommen, wie viel gedacht und gesagt und gefühlt wird, wie viele Reisen und Küsse und Morde stattfinden, wie viele Welten da erschaffen worden sind? Eine Buchhandlung ist ein Universum, in dem man sich frei durch Raum und Zeit bewegen kann. Gibt es etwas Schöneres?<“ (Seite 137)

… für mich ist dies kein Beruf, sondern die Erfüllung meines Traums. Und damit sind wir wieder bei den Protogonisten des Buches.

„Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?'“ (S. 184)

Vielen Dank lieber David Bielmann für dieses wundervolle Debüt, dem ich ganz viele Leser*innen wünsche.

Unbedingt lesen!!!

 

4 von 5 Sternen