Die Liebe und ihre vielen Facetten

Atlantik Verlag Fester Einband  192 Seiten Erscheinungsdatum: 16.07.2016  Preis: 18,00 € ISBN: 9783455600414

Atlantik Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.07.2016
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783455600414

Klappentext
Am Strand in Nordfrankreich: Sonne, Meer, Dünen und Bars. Hier treffen vier Paare ganz unterschiedlichen Alters aufeinander: zwei Teenager im Rausch der ersten Liebe, eine 35-jährige auf der Suche nach einem neuen Glück, eine gelangweilte Hausfrau, die sich ins Abenteuer stürzt, und ein altes Ehepaar, das sich noch genauso liebt wie am ersten Tag. Die Paare begegnen einander, und ihre Schicksale kreuzen sich unter dem Feuerwerk des 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Sie alle stehen für die Liebe in all ihren Facetten – denn egal in welchem Alter, die Liebe bleibt ein universelles Gefühl.

∗∗∗∗∗

„Die vier Jahreszeiten des Sommers“ erzählt vier Liebes- und Lebensgeschichten, die alle irgendwie miteinander verwoben sind. Da dieses Buch nur ein Büchlein ist, werde ich inhaltlich nicht viel mehr sagen, als was der Klappentext schon beschreibt. Ich möchte an dieser Stelle viel mehr die wunderbare Sprache und die leichte Melancholie des Buches durch ausgewählte Textpassagen in den Vordergrund stellen.

Beginnend im Frühling der Liebe … zwei Teenager, die gerade sich und die Liebe kennen lernen. Ein erstes herantasten, vorsichtig und ängstlich, wie ein Schneeglöckchen, das sich seinen Weg durch den Schnee sucht. Dann blüht diese erste Liebe langsam auf, wie die Natur in Frühling nach dem Winterschlaf …

Ich warte darauf, dass sie größer wird, Mama. Ich warte darauf, dass sie den Kopf an meine Schulter lehnt. Ich warte darauf, dass ihr Mund zittert, wenn ich mich ihr nähere. Ich warte auf die betörenden Düfte, die sagen, du kannst dich jetzt in mich verlieren, in mir verbrennen. Ich warte darauf, ihr Worte zu sagen, die man nicht zurücknehmen kann. Die Worte, die die Weichen stellen für ein Leben zu zweit. Für das Glück. Und manchmal für eine Tragödie.“ (Seite 24)

Dann kommt der Sommer … eine Frau von 35 Jahren sehnt sich nach einem Mann, mit dem sie alt werden kann, mit dem sie ein Familie gründen kann. Doch zwischen Wunsch und Realität klafft oft ein großer Graben. Es gibt Menschen, die einfach kein Glück haben den richtigen Partner zu finden, die im Sommer der Liebe hängen bleiben und vielleicht in der Hitze der Sonne verbrennen …

Einige Jahre später lernte ich einen Ehemann kennen. Lachen Sie nicht. Natürlich war er bezaubernd. Sogar schön. Von der Art Schönheit, die wir Frauen bei einem Mann wahrnehmen, wenn wir hungrig sind. Sein Blick, seine Stimme, seine Worte waren ungeschickt. Nach ein paar Liebesnächten, Fieber, Zärtlichkeit, Gewalt und Versöhnung wurde ich schwanger. Erst stürzt man sich aufeinander, und dann stürzt man ab.“ (Seite 57)

Im Herbst der Liebe angelangt, erzählt die Geschichte von einer Frau, die fünfzig wird und das Gefühl hat von ihrem Mann nicht mehr geliebt zu werden. Ihren Körper, so denkt sie, findet er abstoßend, weil dieser nicht mehr ohne Makel ist. Doch dieser Körper erzählt eine Geschichte … die von einer wunderbaren Liebe, aus der drei Kinder hervorgegangen sind, die natürlich Spuren am Körper der Frau zurück gelassen haben. Nach dem Frühling und dem Sommer dieser Liebe ist nun im Herbst die Zeit gekommen sich neu zu entdecken/ zu finden. Nicht immer leicht, aber durchaus möglich …

„Morgen muss ich auch den perfekten Körpern entgegentreten. Den Körpern mit makellosen Brüsten, die sie der Jugend oder der Chirurgie verdanken. Den wunderbaren, herrlich gebräunten Körpern, die den Frauenmagazinen und den Hochglanzseiten entsprungen zu sein scheinen und denen man jetzt hier am Strand begegnet, sie sind ganz nah neben uns und unseren Männern. Den Körpern mit endlosen Beinen, die auf den Kaffeterrassen unter kurzen Röckchen zur Schau gestellt werden, wie diese „Zirkel, die den Erdball in alle Himmelsrichtungen ausmessen.“ Diese Traumkörper, wie Ohrfeigen, die mich ständig daran erinnern, was man entbehrt, wenn man die fünfzig erreicht hat, was uns das Leben, die Geburten, die niederträchtige Zeit und der heimliche Kummer geraubt haben. Weil mein Mann mich nicht mehr anschaut …“ (Seite96/ 97)

Und letztendlich erzählt dieses wunderbare Buch die Geschichte der Liebe im Winter des Lebens. Zwei Menschen sind miteinander alt geworden. Sie haben Höhen und Tiefen erlebt. Ihre Liebe hat alles überdauert … sie sind eins geworden und  gehen ihren letzten Weg gemeinsam …

“Wir sind wunderbar verliebt – seit fünfunddreißig Jahren. Wir sind der Letzte des anderen, diese Gewissheit macht uns unendlich ruhig, glücklich und frei. Wir sind ewig schön füreinander.“ (Seite 179)

Neben den Einblicken in das Leben und die Liebe der einzelnen Protagonisten hat mich auch die Bedeutung der Blumen sehr fasziniert. Die spielen eine Rolle in diesem wundervollen Buch.

Für mich ist dieses Buch ist ein wahrer Schatz unter den vielen, vielen Neuerscheinungen innerhalb eines Jahres. Grégoire Delacourts Roman ist so wunderschön trotz all der Melancholie. Ich habe mich an einem Sommertag an die Küste Frankreichs locken lassen … und mein Herz dagelassen. Die Sprache und die Geschichte haben mich verzaubert ♥♥♥

Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen

Von Vätern, Söhnen und Brüdern

Diogenes Flexibler Einband  352 Seiten  Erscheinungsdatum: 25.05.2016  Preis: 16,00 € ISBN: 9783257300352

Diogenes
Flexibler Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.05.2016
Preis: 16,00 €
ISBN: 9783257300352

Klappentext
Die Brüder Marco und Andrea sind im Leben gegensätzliche Wege gegangen. Andrea suchte Sicherheit und fand sie in der Ehe mit Daniela und einem gutbezahlten Job. Marco suchte das Abenteuer bei den Frauen und im Beruf und betreibt nun ein Restaurant in London. Kaum zu glauben, dass die beiden früher ein Zimmer teilten und gemeinsam die Hits der achtziger Jahre hörten.
Dieses Kinderzimmer betreten sie nun wieder öfter. Denn ihr Vater ist krank. Heimzukehren fällt Marco nicht leicht. Es scheint ein Weg in die Enge der Kindheit zu sein, in längst überwundene Zeiten. Doch mit Hilfe von Isabella, Marcos erster Liebe, finden die Brüder nicht nur einen neuen Zugang zum Vater, sondern auch zueinander.

∗∗∗∗∗

„Um sein wahres Ich zu finden, musste er von zu Hause weg, aus diesem Leben aussteigen, das ihn lähmte, erdrückte und einschränkte. In seinem gegenwärtigen Leben hatte sein wahres Selbst keine Chance. Er musste weg von diesen Verhaltensweisen, die ihm fremd waren, von der eigenen Wut, die ihn zu zerstören drohte. In diesem Unbehagen kam eine Seite von ihm zu tragen, die immer weiter hinab wollte, bis auf den Grund, um herauszufinden, wie tief das Gefühl von Leere reichte.“ (Seite 93)

Die Brüder Marco und Andrea sind so grundverschieden und dennoch teilen sie in ihrer Jugend ein Zimmer. Andrea, der Kluge stets lernende junge Mann und sein jüngerer Bruder Marco, der immer für Ärger sorgt. Nach dem Tod der Mutter in ihrer Jugend gehen sie getrennte Wege. Marco flüchtet sich in die Welt  und in die Arme viele Frauen, unfähig sich zu binden oder an einem Ort zu bleiben. Andrea bleibt erst bei dem Vater, später heiratet er und lebt mit seiner Frau in der Nähe des Vaters. Beide sehnen sich irgendwie nach dem was der andere hat, doch beide bleiben in ihren Leben erst einmal gefangen.

„Das unablässige Warten auf eine Zukunft voller Verheißungen, eine Zukunft mit den tollsten Abenteuern und den faszinierendsten Frauen, war in Wahrheit nur eine Illusion, eine Lüge, ein ewiger Selbstbetrug, das Resultat eines Mechanismus, der seit je sein Leben bestimmt. Er begriff, dass er alles andere war, als ein freier Mann. Was er für Freiheit gehalten hatte, war gar keine. Es war eine Pseudofreiheit, denn faktisch hatte er gar nichts im Griff: weder seine gegenwärtige Lage noch sein Leben und schon gar nicht seine Entscheidungen. Vielmehr entschieden die Situationen, die Gelegenheiten und Versuchungen für ihn. Er wurde von der Strömung herumgewirbelt, er flog nicht frei wie ein Vogel, der selbst die Route und die Richtung wählte, er war wie ein Stück Papier, das im Wind flatterte. Er hatte im gedacht, er sei ehrlich, weil er immer erklärt hatte, wer er war, doch in Wirklichkeit war das die Treue zu seiner Rolle, die er sich selber ausgesucht hatte, die Treue zu einer Maske.“ (Seite 391)

Dann erkrankt der Vater schwer, und Marco fährt in seine Heimat. Dort wühlen ihn die Erinnerungen an sein früheres Leben auf. Auch die alten Konflikte mit seinem Bruder flammen wieder auf. Doch beide versuchen dem Vater zuliebe ihrer Streitigkeiten zu unterbinden. Und es scheint zu klappen. Die beiden Brüder schaffen es sich anzunähern und erfahren Dinge voneinander, die der andere nicht wusste oder ahnte. Dann stirbt der Vater und ihre soeben gegenseitig erlangtes Vertrauen droht wieder zu zerfallen …

Der Tod des Vaters bedeutete auch das Aus für alte, eingefahrene Verhaltensmuster: mit dem Vater verlor er eine zentrale Bezugsperson, vor allem aber die Person, auf die man alle Schuld und alle Verantwortung abwälzen konnte. Den idealen Sündenbock für all seine eigenen Schwächen. Schlagartig offenbarte sich ihm die erschütternde Erkenntnis, dass auch er nun kein Sohn mehr war, sondern einfach nur ein Mensch. Ihn überkam ein Gefühl grenzenloser Leere. Nun musste er sein Leben, seine ganze Existenz neu erfinden. Die alte Schablone passte nicht mehr auf die neue Situation.   “ (Seite 368)

Ich gestehe, ich liebe die Bücher von Volo. Vor Jahren habe ich „Noch ein Tag und eine Nacht“ gelesen. Mein erstes Buch von dem Autor. Danach war ich ihm verfallen.  Nicht nur, dass Volo eine phantastische Schreibe hat, nein, auch seine Geschichten haben es in sich. Scheinbar einfachen Themen nähern sich seine Protagonisten mit philosophischen Ansätzen. So auch im aktuellen Buch.

Hier geht es erst einmal um die Vater-Sohn-Beziehung. Beide Söhne versuchen es dem Vater recht zu machen. Nach dem Tod der Mutter muss sich der Vater um die Söhne kümmern. Doch er ist damit vollkommen überfordert. Marco flieht aus diesem „Gefängnis“ und Andrea heiratet und bleibt in der Nähe und kümmert sich. Doch als der Vater erkrankt, ist es Marco, nach dem der Vater zuerst ruft.

Des Weiteren geht es um die Brüder. Sie sahen und sehen sich als Konkurrenten. Schon von klein auf haben sie erst um die Gunst der kranken Mutter gebuhlt und später um die des allein erziehenden Vaters. Dabei kommt es immer und immer wieder zu Rangeleien und Streitigkeiten zwischen den Brüdern, bis Marco schließlich aus dem Elternhaus ausbricht. Als der Vater erkrankt treffen die beiden Brüder wieder aufeinander. Alte Streitigkeiten, Rivalitäten und Eifersüchteleien schwappen wieder an die Oberfläche.

Und letztendlich geht es auch um die Liebe und von der Suche nach dem Ich.

„Was macht einen Menschen aus? Die Art, wie er geht, wie er sich bewegt, wie er über Pfützen springt. Wie er redet, was er sagt und was er nicht sagt. Wie er zuhört, was er denkt. Die Art, wie er lacht, wie er sich aufregt. Wie er liebt, wie er küsst, wie er umarmt. Wie er schwitzt.
Ein Mensch besteht aus seinem Geruch, seinem Duft, daraus, wie er Auto oder Fahrrad fährt, aus der Miene, die er aufsetzt, wenn er mit einem Blumenstrauß in der Hand unterwegs ist. Daraus, wie er sich im Spiegel betrachtet, wenn er allein im Aufzug steht. Wie er den Kopf zurück wirft, wenn er in Lachen ausbricht, wie er sich weinend nach vorne beugt, wenn ihm der Bauch weh tut. Ein Mensch ist, was er ist, was bleibt und was verschwindet. Und eine Menge anderer Dinge, die seine Welt ausmachen, ihn auf Trab halten und eines Tages mit einem Klick nicht mehr da sind. Und wenn er gut war, hat er irgendetwas, ein winziges Stück von sich selbst an die weitergegeben, die bleiben.“ (Seite 339)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, weil es einmal nicht ein „Frauenthema“ behandelt, sondern es um Väter, Söhne und Brüder geht. Wie schon erwähnt, hat mich Volo wieder mit seiner Sprache verzaubert. Er schafft es einem schwierigen Thema mit  seiner Sprache eine gewisse Leichtigkeit zu geben ohne jedoch platt zu wirken. Volos Bücher lassen mich immer nachdenklich zurück. Auch dieses … Was macht einen Menschen aus? Was macht mich aus? An wen kann ich was weiter geben? …

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen

Das Leben will riskiert werden

Aufbau TB Flexibler Einband 240 Seiten Erscheinungsdatum: 17.06.2016 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746632254

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Klappentext
Nach dem Tod ihrer Mutter Ria kehrt Juli aus den USA zurück in die westfälische Provinz, wo ein altes Haus und ein Brief ihrer Mutter Ria auf sie warten. Rias letzte Worte sind schonungslos, und Juli ist schockiert: Ihre Mutter urteilt über ihr Leben, obwohl sie sie doch gar nicht kannte. Es braucht viele Stunden, Begegnungen, Feste und Streits, bis Juli erkennt, dass ihre Mutter vielleicht Recht haben könnte. Aber was ist das Beste für Juli? Als sie schon ihre Entscheidung gefällt hat, trifft sie auf den Dorfarzt Jan, den sie bereits aus Kindertagen kennt und eigentlich unausstehlich fand.

∗∗∗∗∗

Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

Juli lebt in Amerika und bekommt eines Tages einen Anruf ihres Onkels, der ihr mitteilt, dass ihre Mutter Ria verstorben ist. Ria fliegt zurück in ihr Heimatdorf Beekelsen um die Beerdigung und den Nachlass der Mutter zu organisieren.

Julis und Rias Verhältnis war nicht das Beste. Juli ist eigentlich bei ihrer Großmutter aufgewachsen, da Ria kurz nach Julis Geburt in die weite Welt gezogen ist. Sie ist vor der Verantwortung mehr oder weniger geflohen. Ihren Vater kennt Juli nicht. Also wächst Juli bei ihrer Großmutter in Beekelsen auf. In einem kleinen westfälischen Ort, in dem jeder jeden kennt.

Aber auch Juli kehrt diesem Ort irgendwann den Rücken und kommt nur zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück. Ria lebt mittlerweile im Haus der Großmutter. Sie scheint angekommen zu sein … im Leben und in Beekelsen. Und nun ist Ria tot und Juli muss sich um alles kümmern. Was wird aus dem Haus? Kommt ein Leben in Beekelsen für sie in Frage?

Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

Dies ist der zweite Roman von Christina Beuther. Ihr Debüt „Aber so was von amore“ hatte mir sehr gut gefallen, umso gespannter war ich auf den neuen Roman. Der Titel „Ist das jetzt schon Liebe?“ hört sich erst einmal noch einem leichten Liebesroman an. Doch in der Geschichte um Juli steckt viel mehr drin.

Es ist die Geschichte von zwei Frauen … Ria und Juli … die jede zu ihrer Zeit aus dem kleinen westfälischen Dorf ausbricht. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt, und der den beiden Frauen irgendwann zu eng wird. Sie suchen in der Welt ihren Platz, ziehen dabei ruhe- und rastlos von einem Ort zum anderen, nicht in der Lage wirkliche Heimat zu finden. Beide sind nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen, harren manchmal in Beziehungen oder Orten aus, obwohl sie diese Gedanklich schon verlassen haben.

Eine zentrale Frage ist … was ist Heimat? Was bedeutet Heimat? Ist es ein Ort, ein Gebäude oder eher ein Gefühl?

„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

Ein weiterer zentraler Gedanke des Buches ist die Entscheidung. Die Entscheidung wie etwas weiter gehen kann. Die Angst sich falsch zu entscheiden hemmt viele Menschen sich überhaupt zu entscheiden. Sie überlegen ewig bis sie sich entscheiden und dann sind sie sich immer noch nicht sicher. Juli und Ria sind solche Menschen. Aus Angst vor falschen Entscheidungen verpassen sie das eigentliche Leben. Sie sind in sich selbst gefangen, unfähig den Augenblick zu genießen.

„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

Was für ein wunderschöner Roman. Beim Lesen bin ich oft in meine eigene Kindheit zurück katapultiert worden. Wörter wie „Ado mit der Goldkante“, „Genever“ oder „Saurer Apfel“ haben mich an meine eigene Jugend in einem kleinen „vermieften“ Dorf erinnert. Verzeiht mir diesen Ausdruck, aber so habe ich früher darüber gedacht. Die Enge des Dorfes, die Dorfgemeinschaften, dieses Jeder kennt Jeden und einmischen aller in persönliche Dinge, all diese Dinge die Juli in Beekelsen erlebt, kommen mir sooooo bekannt vor. Darum kann ich auch Ria und Juli verstehen. Kann verstehen, dass sie aus diesem „Mief“ raus wollten. Raus in die große weite Welt. Aber auch sie mussten lernen, dass da draußen nicht alles so toll ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Irgendwann bemerken sie, dass ihnen etwas fehlt … ein Stück Heimat. Und da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage … was ist Heimat?

Dieser neue Roman von Christa Beuther hat so viel mehr zu bieten als nur eine Liebesgeschichte. Es ist ein wundervolles Buch über die Such nach Heimat und Geborgenheit.

Übrigens, während man dieses Buch liest, sollte man unbedingt einen Zettel neben dem Buch liegen haben, denn Christian Beuther verrät uns in der Geschichte jede Menge köstliche Rezepte, die einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
kein Augenblick, kein Moment
kann sich je wiederholen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
wir können nicht zurück,
und warum sollten wir auch?“ (Bosse „Schöne Zeit“ Seite 6)

In diesem Sinne … Danke liebe Christina ♥♥♥

 

5 von 5 Sternen

 

Der Wind hat alles verwirbelt, auch meine Gedanken dazu …

ars vivendi Fester Einband  215 Seiten Erscheinungsdatum: 23.03.2016 Preis: 19,90 € ISBN: 9783869136226

ars vivendi
Fester Einband
215 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.03.2016
Preis: 19,90 €
ISBN: 9783869136226

Klappentext
Eine junge Laientheatergruppe aus München verbringt einige Wochen in einem winzigen Dorf am Meer: Stefan der ambitionierte Autor, mit seiner Freundin Barbara. Anton, der Regisseur, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Michael, der charismatische Germanistikstudent. Katrin, die Kunststudentin, die heimlich in Michael verliebt ist und immer bestrebt, die richtige ihrer drei Brillen aufzusetzen. Und Lisa, die Medizinstudentin, die ihre gewohnte Zurückhaltung auf dieser Reise aufgeben wird. Die Truppe beginnt mit den Proben für ein neues Stück, und alles scheint nach Plan zu laufen. Dann aber kommt ein heftiger Sturm auf, der niemanden verschont. Er tobt und wütet tagelang, macht die Köpfe wirr, wirbelt durcheinander, weckt Leidenschaften, lockt Gefühle hervor, schürt Eifersucht. Danach ist nichts, wie es war. Als am Morgen nach der letzten winddurchtosten Nacht ein Mitglied der Gruppe tot aufgefunden wird, sitzt der Schock tief … Wer bin ich, was ist das Leben? Wohin gehöre ich? Und gibt es nur diesen Augenblick? Fragen, die sich mit existenzieller Dringlichkeit stellen, als es Abschied nehmen heißt – von einem von ihnen, von der Insel und vom Meer.

∗∗∗∗∗

Es herrschte Stille, eine Stille voller Liebeserklärungen der Natur, in der Nachtvögel sich gegenseitig zärtliche Serenaden vorsangen; in der das Meer den Kies sanft streichelte und ihm sanfte Worte zuflüsterte, die Felsen aber mit einer majestätischen Wucht eroberte; in der die Pinienbäume den Zypressen kühne Verse vortrugen. Die Nächte waren zum Lieben da.“ (Seite 25)

Hmm, ich habe lange hin und her überlegt, was ich zu diesem Buch schreiben soll. Zuerst einmal habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut. Von der Autorin Nataša Dragnić habe ich „Immer wieder das Meer“ gelesen und war einfach nur begeistert. Doch von diesem Buch bin ich einfach nur enttäuscht.

Zuvor das Positive … die Sprache ist auch hier, wie auch in ihren anderen Büchern einfach der Wahnsinn. Sehr poetisch und bildhaft. An den ausgewählten Textstellen kann man das schon sehen. Aber das war es auch schon. Doch, und das nehme ich jetzt schon vorweg, wegen dieser wundervollen Sprache bekommt das Buch von mir 3 Sterne. Und nur allein deswegen!!!

Der Inhalt ist in meinen Augen flach und ein wirres Durcheinander. Junge Menschen einer Theatergruppe wollen ein neues Stück proben. Dafür fahren sie auf eine kroatische Insel. Dann kommt ein Sturm auf und dieser sogenannte Jugo bringt alles durcheinander. Jeder macht mit jedem rum, viele wollen den gleichen Mann/ die gleiche  Frau und dann ist plötzlich jemand tot. Hä? Die vielen Namen und das Hin und her tun ihr übriges mich vollkommen zu verwirren und für alles gibt man Jugo die Schuld. „Der Wind war es“ ist ja auch der Titel des Buches. Hm … und was sagt mir das jetzt? Im Zweifelsfall schiebe ich demnächst alles auf den Wind!

Aber dies ist wie immer … meine Meinung. Viele andere finden das Buch einfach phantastisch, toll, der Wahnsinn usw. Sorry, hier muss ich leider passen. Macht euch bitte euer eigenes Bild und denkt daran … im Zweifelsfall war es der Wind!!!

„Toma presste die Lippen zusammen, er spürte ein Dröhnen in der Magengrube. Ein Hämmern in den Ohren. Ein Stürmen im ganzen Körper, jäh und gewaltig, von den Zehen ausgehend überrollte es auch sein Herz. Die Gedanken, die Gefühle, die mehr oder weniger feste Materie ergaben sich widerstandslos. Toma nannte das Überlebensinstinkt: sich tot stellen mit offenen Augen, unbemerkt und für die Welt unerreichbar.“ (Seite 45)

3 von 5 Sternen

Wie viel Wahrheit verkraftet eine Liebe?

Hoffmann und Campe Fester Einband  384 Seiten Erscheinungsdatum: 10.03.2016 Preis: 16,99 € ISBN: 9783455403824

Hoffmann und Campe
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.03.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783455403824

Klappentext
Regensburg – Shanghai – Brooklyn: Verfolgung, Existenzangst und Neuanfänge in fremden Ländern, das sind Carls Erfahrungen, als er 1950 in Brooklyn Emmi kennenlernt, die so wie er aus Bayern stammt. Bei ihr findet er Zuflucht, Geborgenheit und eine Liebe, die ein Leben lang tragen soll. Über die Vergangenheit reden beide nicht, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an das, was war. Aber Jahrzehnte später bittet eine Freundin Carl, die Briefe und Dokumente ihres verstorbenen Ehemannes, eines Holocaust-Überlebenden, durchzusehen. Nur widerwillig macht sich Carl an die Arbeit – und findet in den Unterlagen aus dem KZ Dachau auch Hinweise auf Emmis Vergangenheit …

∗∗∗∗∗

„Ihm kam es so vor, als würden die Bücher, die er tagsüber las, die Geschichten der Matrosen und seine eigene Phantasie zu einem großen Ganzen vermengen. Alles war so phantastisch und einzigartig. Eine Welt der Wunder, in der Geschichten Wirklichkeit wurden. Alles war hier möglich, so schien es ihm. Alles.“ (Seite 106)

Regensburg-Shanghai (März 1938 – Mai 1938)
Carl ist zu Beginn der Geschichte gerade zwölf Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern und seiner neunjährigen Schwester Ida  in Regensburg. Die neuen Gesetze und die Verdeutschung machen sich schleichend bemerkbar. Viele Juden gehen in den freiwilligen Tod, weil man ihnen ihr Hab und Gut nimmt. Carls Vater hat jüdische Wurzeln, die Mutter und die Kinder sind jedoch katholische. Dennoch legt man der Familie nahe das Land zu verlassen, bevor man sie arisiert. Sie bekommen Tickets für die „Conte Biancamano“ um von Genua aus nach Shanghai überzusetzen, da Shanghai ein Land ist, in dem man kein Visum braucht.

An Bord angekommen, dreht Carls Vater um. Er kann sein Land nicht verlassen/ verraten. Er ist fest davon überzeugt, dass er sicher ist. Doch Greta glaubt nicht daran und will ihre Kinder in Sicherheit bringen. Also fährt die Familie ohne den Vater los.

„Mag sein, Sie haben recht damit, dass wir uns zu häufig im Wind gebogen haben, aber wer sich nicht beigt, bricht.“ (Seite 71)

München (November 1938 – Dezember 1943)
In diesem Abschnitt lerne ich Erna kennen. Ein junges Mädchen, das sich ganz gerne mit Jungs vergnügt. Eines Tages hat die Mutter genug davon und schickt die Tochter zur Tante nach München. Dort soll Erna ihrer Tante Marga helfen. Erna ist zuerst nicht wirklich davon begeistert, doch schon bald findet sie das was ihre Tante macht interessant.

Marga hat in München ein sogenanntes „Institut für Lebensberatung“. Bei ihr treffen sich die reichen Frauen von Hitlers Soldaten um über ihre Wehwechen zu klagen. Und Marga hilft wo immer sie kann … sei es bei einer Abtreibung, bei der Beschaffung von Kindern oder sonstigen, was unbedingtes Stillschweigen erfordert. Dies geht bis zum Dezember 1943 gut. Dann fliegt alles auf und Erna muss fliehen …

So ist das im Leben, manche Menschen lieben die Hand, die sie schlägt, mehr als die, die ihnen Gutes tut.“ (Seite 90)

Shanghai (Juni 1938 – Juli 1947)
Carl, seine Schwester und seine Mutter sind in Shanghai angekommen. In diesem Kapitel werden die nächsten Jahre der Familie erzählt. Von ihrer Eingewöhnung, ihrer Arbeit und der Schule. Sie lernen viele Menschen kennen und freunden sich an. Aber ich erfahre auch etwas über den Vater in Deutschland. Sein Leben läuft nicht so wie er erwartet hat. Er landet in Dachau.

Dann irgendwann ist der Krieg zu Ende und die Familie Schwarz kann nach Deutschland zurück kehren. Doch Karl kehrt nicht nach Deutschland zurück. Er geht mit einem befreundeten Paar nach Amerika.

Jedes Kapitel endet in der Gegenwart, nämlich 2010 in Larchmont. Dort lebt Carl … mit Emmi

„Wie konnte ein gütiges Gotteswesen all das Unglück, Krankheiten, Hunger, kurz die Ungerechtigkeit der Welt dulden? Müsste Gott nicht eingreifen, anstatt zuzusehen, wie sie hier sein Werk langsam, aber sicher zerstörten? Und warum ein Gott? Warum sollte es nur einen wahren Gott geben, die Existenz eines einzigen Gottes war genauso wenig bewiesen wie die Existenz vieler. War es nicht Arroganz und wahnsinnige Überheblichkeit zu glauben, nur monotheistische Religionen lägen richtig und Polytheisten falsch?“ (Seite 240)

Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen. Der Aufbau des Buches in die unterschiedlichen Zeiten und Leben bis hin zu den dazwischen geschobenen Kapiteln in der Gegenwart haben mich an dieses Buch gefesselt. Ich wusste schon einiges über den Holocaust, aber dennoch habe ich wieder eine Menge dazu erfahren. Ich denke ein Thema, bei dem man immer wieder Neues erfährt und kennen lernt.

Mir persönlich hat das Kapitel „München“ am besten gefallen. Ich mochte Marga als Menschen sehr, obwohl sie sehr schlimme und auch verwerfliche Dinge getan hat. Sie hat Kinder abgetrieben und Kinder von Müttern die sie nicht wollten an andere, die sie wollten abgeben. Sicherlich schlimm, aber seien wir doch mal ehrlich … auch heute werden Kinder abgetrieben, und kein Mensch sagt etwas. Und auch heute werden Kinder weggegeben, und keiner sagt etwas. Sicherlich war es in Zeiten der Kriegswirren nicht alles legitim, aber wo kein Kläger auch kein Richter.

Doch in diesem Buch von Andrea Schenkel geht es nicht ausschließlich darum, was Recht und Unrecht ist, oder den Holocaust. Es geht auch darum, in wie weit man mit einer Lüge leben kann. Einer Lebenslüge … einer Lüge, die der Partner nicht weiß. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, würde mir mein Partner wichtige Dinge aus seinem Leben vorenthalten, und ich bekäme sie eines Tages heraus.

Ist dies dann ein Vertrauensbruch? Man lebt ein Leben zusammen und dann kommt eine Lüge ans Tageslicht, eine Wahrheit die alles verändert und die letztendlich die Liebe in Frage stellt …

Unbedingt lesen!!!

„Sie ging, wie sie in sein Leben gekommen war. Und so wie der letzte Sommer schon vergessen ist, wenn sich die ersten Blätter an den Bäumen verfärben und die Spinnen sich an langen Fäden durch die Lüfte tragen lassen, hatte auch er sie schon vergessen, als die ersten Stürme die Blätter der Bäume durch die Luft tanzen ließen.“ (Seite 9)

 

5 von 5 Sternen

Den Traum leben

Insel Verlag Flexibler Einband  491 Seiten Erscheinungsdatum:711.04.2016  Preis: 14,99 € ISBN: 9783458361411

Insel Verlag
Flexibler Einband
491 Seiten
Erscheinungsdatum:711.04.2016
Preis: 14,99 €
ISBN: 9783458361411

Klappentext
Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur eine Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit dem Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als „Frischedoktor“ in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.
Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten.
Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo & Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der „Frischedoktor“ soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt …

∗∗∗

„Es war nicht nur die klare, frische Luft, die so vertraut die Haut streichelte, es war, als spürte sie neben den Häuschen, Sträßchen und Gärten auch die, die hier schon immer gewohnt hatten. Sie hörte ihre Stimmen, ihr Gelächter, ihr Gemecker und ihr Seufzen wie ein immerwährendes Flüstern alter Geschichten, die das Laub rascheln ließen oder wie Pollen im Sonnenlicht tanzten. Erinnerungen. Wie die Farbe, die auf den Fassaden langsam verblasste.
Heimat war nicht das was man sah, sondern das, was andere niemals sehen würden.“ (Seite 35)

Romy möchte nichts anders in ihrem Leben als Theater spielen. Ihr größter Wunsch ist es einmal im Leben die Julia in Romeo & Julia zu spielen. Doch leider hat sie es bisher nicht auf die Bühne geschafft. Sie ist die, die keiner sieht, aber von der so viel abhängt … die Souffleuse. Am Tag der Premiere ereilt sie die Nachricht vom Tod ihrer geliebten Großmutter. Sie versemmelt die Premiere und bekommt die Kündigung.

Sie fährt in ihre Heimat, dem Ort an dem sie aufgewachsen ist, um die Beerdigung ihrer Großmutter zu organisieren. In dem kleinen Ort leben fast nur alte Menschen. Menschen, die einmal Romys Heimat waren. Doch unter ihnen ist ein Wettstreit ausgebrochen. Nach dem Tod von Romys Großmutter sind nur noch drei Plätze auf dem örtlichen Friedhof frei und alle Alten wollen einen dieser begehrten Plätze. Mehrere Bewohner des Dorfes versuchen per zufällige Unfälle eines der Gräber zu bekommen.

Romy beschließt dem ein Ende zu setzten und die Alten zu beschäftigen. Sie entschließt sich auf dem Hof der Großmutter ein elisabethanisches Theater zu bauen. Doch mit ihrer spontanen Idee stößt sie bald an verschiedene Grenzen … die des Geldes, der Baubehörde und der Besetzung für das Stück … Schafft sie es dennoch?

„Menschen verändern sich. Manche verlassen ihre Heimat und finden woanders eine neue. Es gibt nicht die eine Liebe, die alles festlegt. Die Welt hat viel zu bieten. Und manchmal muss man länger suchen, bis man findet, was das Herz berührt.“ (Seite 392)

Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Man konnte sich sehr gut in die Geschichte fallen lassen. Die Idylle des Dorfes mit all seinen Bewohnern hätte auch mein Dorf sein können. Wer auf dem Land lebt, weiß, dass man nicht alleine ist. Jeder kümmert sich um jeden bzw. einige würden es auch einmischen nennen. Wie auch immer. Diese Gemeinschaft in Romys Dorf ist die, wie es sie überall auf der Welt geben könnte. Mal ist man sich näher mal weniger.

Doch neben der lustigen Geschichte rund um Ben, Romy und dem Theater gab es aber auch viele nachdenkliche Themen … das Leben auf dem Land mit seinen Vor- und Nachteilen … Alterseinsamkeit … die Todessehnsucht der Alten und wie man es schafft ihnen neuen Lebensmut zu geben … das Aufwachsen ohne Eltern und die Sehnsucht zu erfahren wer der Vater ist … Heimatlosigkeit und das Heimat nicht unbedingt ein Ort sein muss, sondern auch Menschen sein können … Republikflucht …

All diese Themen streift der Autor nur, aber dennoch hat es mir sehr gut gefallen, wie er diese in sein Buch eingebaut hat. Dies ist eines der Bücher, mit dem man seine Emotionen ausleben kann … ich habe gelacht, geweint und vieles reflektiert …  Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen!

„Das Leben verbraucht den Geist, das ist wahr, aber es kann ihn auch mit neuer Kraft befeuern.“ (Seite 297)

„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben (…)“ (Seite 399)

4 von 5 Sternen

 

Wenn der Tod Erlösung ist

Gütersloher Verlagshaus Fester Einband  192 Seiten Erscheinungsdatum: 25.04.2016 Preis: 16,99 € ISBN: 9783579086347

Gütersloher Verlagshaus
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
25.04.2016
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783579086347

Klappentext
Das letzte Versprechen am Totenbett: Ich hoffe, du wirst durch dein Schicksal etwas bewirken, Mascha. Es war nicht umsonst. Ich möchte Menschen zum nachdenken anregen, Ärzte, Pflegende, Angehörige. Letztendlich alle Menschen. Auch ich habe einmal daran geglaubt, dass es immer andere trifft. Ein schlimmes Ereignis, eine Tragödie. Doch wir werden alle eines Tages sterben. Auf welche Art kann niemand ahnen. Vielleicht werden wir uns aufgrund der guten Intensivmedizin auch eine Weile in einem Stadium zwischen Leben und Tod befinden – und dann hoffentlich jemanden an unserer Seite wissen, der die Kraft und den Mut hat, in unserem Sinn zu handeln.
Antje May

∗∗∗

„Nie wieder zusammen lachen. Nie mehr unterhalten. Nichts mehr zusammen unternehmen. Ich hatte doch noch so vieles mit dir vor … nie mehr, nie mehr, nie mehr. Habe ich dir genug gegeben? Hatten wir genug Zeit? Mir ist so klargeworden, dass jeder Moment, den man gemeinsam verbringt, der Letzte sein kann. Jederzeit. Mir war dies vor deinem Tod durchaus bewusst. Meine Mutter hat dazu beigetragen, indem sie uns Kinder lehrte, man sollte sich immer nett voneinander verabschieden, auch im Streit, denn es kann jederzeit die letzte Begegnung gewesen sein.“ (Seite 12)

Antje May ist 2009 alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Mascha und Raphael. Die drei sind gerade umgezogen, in eine Wohnung mit günstiger Busanbindung. Somit sind die beiden Jugendlichen mobiler und von ihrer Mutter unabhängiger, die im Schichtdienst arbeitet. Doch dann passiert nach drei Monaten das Unglück.

Mascha möchte die Karnevalstage bei einer Freundin verbringen. Sie wollte den Bus nehmen, da die Haltestelle direkt vor bzw. gegenüber der Wohnung lag. Nach dem Abendessen packt Mascha ihre Sachen und verabschiedet sich dann von ihrer Mutter. Mascha läuft die Treppe runter, Antje schaut aus dem Fenster und sieht den Bus vorfahren. Dann hört sie einen dumpfen Aufprall. Antje denkt noch … es wird wohl nichts passiert sein … und läuft mechanisch die Treppe runter auf die Straße und sieht ihre Tochter Mascha auf dem Boden liegen. Scheinbar unverletzt … doch dann sieht Antje May die tiefe Wunde am Kopf …

Mascha kommt ins Krankenhaus. Die Diagnose lautet schweres Schädel-Hirn-Trauma. Für Antje May und ihre Tochter Mascha beginnt eine schwere Zeit … fünf Monate später darf Mascha endlich einschlafen.

„Alles ist eins
Es ist der Tod, der wie ein Stern
Unverhofft vom Himmel fällt
Und irgendwo am Horizont lautlos im Meer versinkt.
Und wenn er kommt, hab keine Sangst,
jedes Ende ist ein Neuanfang,
um zu sterben, leben wir ein Leben lang –
alles ist eins und gehört zusamm‘.
Unsere Zeit ist immerzu auf der Flucht vor uns,
irgendwann holen wir sie ein, das wird unser Ende sein.
Und wenn er kommt, hab keine Angst …
Das Leben und der Tod sind ein Liebespaar,
was wäre der Tag ohne Nacht?
Alles ist eins und gehört zusammen,
es gibt immer wieder einen Neuanfang.“ ((Seite 89)aus „Kinder und Tod“ von Elisabeth Kübler-Ross)

Während ich hier sitze, über das gelesene nachdenke und schreibe habe ich einen dicken Kloß im Hals. Tränen steigen mir in die Augen …

Ich habe dieses Buch gelesen und oft gedacht, ich kann nicht weiter lesen … Aber dieses Buch muss man lesen, mit all den schlimmen Dingen die passieren. Mich hat die Geschichte um Mascha traurig gemacht und zugleich auch wütend.

Traurig, weil man den Schmerz und die Hilflosigkeit Antjes spürt. Man hat Antje so oft mit Sorgerechtsentzug gedroht, nur weil sie ihrer Tochter z.B. keine weitere OP zumuten wollte, die letztendlich nichts bewirkt. Sie schaltet Anwälte ein, die ihr jedoch sagen, dass sie letztendlich nichts bewirken können und ihre Klage durch alle Instanzen gehen würde …

Wütend, weil ich persönlich die sogenannte Apparatemedizin als reine Geldmacherei sehe. Der Mensch zählt nicht. Mir scheint, die Ärzte und Pfleger gingen davon aus, da Mascha im Wachkoma lag, dass sie nichts mitbekommt, von dem was man mit ihr macht. Ist das so? Wer garantiert das? Wer sagt und beschließt, dass Menschen im Wachkoma nichts mitbekommen?

Ehrlich gesagt war ich erleichtert, als Mascha endlich in eine Hospiz entlassen wurde und sie dort endlich ihren Frieden fand. Ich habe geweint und auch jetzt ist der Gedanke daran nicht einfach. Es tröstet mich, dass sie jetzt, wo auch immer sie ist, keine Schmerzen mehr hat und vielleicht sogar fröhlich ist.

„Und was ist letztendlich mit der Annahme des Todes? Können und dürfen wir loslassen, um Leiden zu verringern? (Seite 179)

Diese Geschichte um Mascha ist ein wichtiger Beitrag zum Thema „würdevoller Tod“ und dem Umgang damit. Ich gestehe bis dato habe ich hin und wieder einmal über eine Patientenverfügung nachgedacht, aber mich nie näher damit beschäftigt. Mein Mann und ich haben in letzter Zeit mehrfach über Maschas Situation gesprochen. Für uns ist es wichtig, dass der andere weiß, was wir in einer solchen Situation möchten und was nicht. Die Patientenverfügung wird in der nächsten Zeit ausgefüllt. Und dann hoffe ich sehr, sollte es einmal soweit sein, dass mein Mann oder auch ich dann den Mut haben diese auch so umzusetzen wir es jeder von uns möchte.

„Seit Maschas Tod lebe ich bewusster, habe Zusammenhänge in verschiedenen Richtungen geklärt. Mir ist es wichtiger denn je, mit den Menschen, die mir am Herzen liegen, Zeit zu verbringen.“ (Seite 184)

In diesem Sinne …

5 von 5 Sternen

Mr. Kismet

Atlantik Verlag Fester Einband 256 Seiten Erscheinungsdatum: 16.04.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783455600438 Hier kaufen: www.angelikas-büchergarten.de

Atlantik Verlag
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
16.04.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455600438

Klappentext
Nach dem frühen Tod der Mutter wächst Thaïs bei ihrer Großmutter Victoria im Zirkus auf. Mit achtzehn verlässt sie die ungeliebte Zirkuswelt und zieht nach Paris, um endlich ein normales, bürgerliches Leben zu führen. Alles läuft nach Plan, bis eines Tages ihre Großmutter stirbt. Thaïs macht sich auf den Weg nach Arles, um ihre schmerzhaften Jugenderinnerungen mit Victoria zu beerdigen. Doch mit dem abstrusen Testament der Großmutter holt sie die Vergangenheit wieder ein. Plötzlich muss Thaïs sich entscheiden: Will sie weiter ein normales Leben führen, oder endlich beginnen, ihr eigenes Leben zu führen?

∗∗∗∗∗

„Das flackernde Kerzenlicht wurde von tausend kleinen Spiegelstücken reflektiert, die in kunstvolle Schnitzereien an den Wänden eingelassen waren. Einige Spiegel waren alt und fleckig, andere silbrig glänzend; sie reflektierten das Kerzenlicht in alle Richtungen. Es war, als wäre ich in einen Sternenhaufen gestiegen.“ (Seite 72)

Thaïs Lebanc wächst bei ihrer Großmutter im Zirkus auf. Ihre Mutter ist früh verstorben und über den Vater spricht niemand. Thaïs ist nicht glücklich im Zirkus. Im Alter von achtzehn geht sie weg und versucht ein normales Leben in Paris zu leben. Alles läuft gut, bis sie eines Tages die Nachricht erhält, dass ihre Großmutter verstorben ist. Thaïs reist nach Arles um die Beerdigung ihrer Großmutter zu arrangieren. Als sie vom Testament hört ist sie hin und hergerissen und weiß nicht was sie machen soll. Ihre Großmutter hat ihr „nur“ die Hälfte des Hauses vererbt. Die andere Hälfte soll an die Leute des Cirque perdu gehen. Thaïs macht sie auf die Suche nach dem Zirkus und begibt sich damit auf eine ganz besondere Reise …

„Ich sollte entscheiden, ob ich meinen Haltering wegwerfen wollte, um abzuschließen mit der Vergangenheit, oder aber, ob ich ihn behalten und die Vergangenheit gegenwärtig halten wollte. Ich hatte diese Entscheidung bereits getroffen, damals, als ich im Keller von Monsíeur Luban das Testament meiner Großmutter auf ihrem Körper sah.“ (Seite 131)

Im wahren Leben mag ich den Zirkus nicht und ich kann noch nicht einmal genau sagen warum nicht. Doch irgendwann vor ein paar Jahren habe ich das Buch von Erin Morgenstern „Der Nachtzirkus“ gelesen. Ich war einfach nur fasziniert von der Magie, die von diesem Buch ausging.

Daher bin ich vielleicht zu mit großen Erwartungen an dieses Buch von Peter Goldammer gegangen und wurde enttäuscht. Die Magie und Faszination Zirkus, die ich bei Morgenstern fand und mich träumen ließ, fehlte meiner Meinung nach bei Goldammer komplett.

Goldammers Zirkus ist eher ein Zirkus der Erkenntnis und des Lebens. Gespickt mit Weisheiten die das Leben schreibt, auf der Suche nach dem eigen Ich und dem Platz im Leben.

„“Ich glaube nicht an Zufälle“, sagte ich und ergriff ihre kalten zitternden Hände, so wie es Madame Raphael bei mir getan hätte. „Ich glaube auch nicht, dass die Zeit sich an Uhrzeiger hält. Ich bin mir sicher, die Zeit vergeht mal langsamer und mal schneller, und manchmal befindet sich ein Mensch vielleicht schon etwas weiter in der Zeit und sieht dort Dinge, die erst noch passieren werden.““ (Seite 192)

Auch wenn ich etwas anderes erwartet habe, hat mich dieses Debüt gut unterhalten. Klar war ich zuerst ein wenig enttäuscht, aber je weiter ich in Thaïs Welt vorgedrungen bin, desto mehr habe ich mich auf ihre Geschichte einlassen können. Manche Dinge waren ein wenig zu abgedreht, anderes blieb offen. Dennoch alles in allem eine nette Geschichte.

„Mr. Kismet. Er ist das Schicksal. Das Fremde. Das Unbekannte. Das dich jederzeit anspringen und zu Boden werfen kann. Dir an den Haaren zerrt und dich beißen oder liebkosen wird. Sollst du die Flucht ergreifen oder es zärtlich umarmen? Die Antwort muss du selbst finden.“ (Seite 254)

3 von 5 Sternen

Die Wahrheit

duotincta Flexibler Einband  300 Seiten  Erscheinungsdatum: 07.03.2016  Preis: 14,95 € ISBN: 9783946086079

duotincta
Flexibler Einband
300 Seiten
Erscheinungsdatum:
07.03.2016
Preis: 14,95 €
ISBN: 9783946086079

Rückentext
Da liegt einer. Es ist ein Krankenhaus. Er weiß etwas. Darum ist er hier. Die Insel hat ihn entwurzelt. Ich mag ihn küssen. Ich hab mich verliebt.
Er ist vom Meer gekommen. Ich war noch nie am Meer. Ich werde ihm meine Geschichte erzählen, und er mir die seine. Dann werden wir aus unseren Geschichten ausbrechen. Wir werden Abenteuer wagen. Das Abenteuer trägt den Namen Liebe und Leben.
Noch glaubt er daran nicht. Er ist neu hier. Er muss noch schlafen. Er muss sich erholen. Ich lausche seinen Atemzügen. Wenn er mir das Meer zeigt, werde ich ihn heiraten. Er wird mir ganz sicher das Meer zeigen. Das Meer ist nämlich schön, wunderschön.
Ob ich mich ein wenig zu ihm legen kann?
Achtung, da kommt die Schwester!

∗∗∗∗∗

„Stellt euch vor: In all diesen Fabriken scheinbar hirnkranker Idioten lagert nichts anderes als die Wahrheit, die im Stande ist, die ganze Welt in die Luft zu sprengen! Und das nur, weil sie sich nicht das Leben nehmen konnten und keinen anderen Weg mehr wussten als hierher! Genau wie ich!“ (Seite 13)

Ein junger Mann wird in eine Klinik eingeliefert. Es kann nicht mehr. Seine einzigen Gedanken sind, dass er sich umbringen muss, um die Wahrheit zu schützen. Doch er kann sich nicht umbringen. Er schafft es nicht den letzten Schritt zu tun. Und doch muss er es tun, um die Wahrheit zu schützen, denn er ist der Besitzer der Wahrheit.

In Gesprächen versucht der Arzt herauszubekommen was passiert ist. Doch der junge Mann verschließt sich dem Arzt gegenüber. Einzig einer jungen Frau, die ebenfalls in der Klinik ist erzählt er Fragmente aus seinem Leben, aber nicht, warum er sich umbringen muss, aber nicht kann.

Bis vor kurzem war er auf den Meeren unterwegs und hat den Traum seines verstorbenen Vaters gelebt … die Meere zu besegeln. Auf seinem letzten Törn hat er sie dann gefunden die Wahrheit, die niemand erfahren darf.

„Liebe ist die Unmöglichkeit, das Leben mit sich selbst zu führen.“ (Seite 22)

Da ist die junge Frau, Sabine. Sie ist in der Klinik, weil sie schon mehrfach versucht hat sich umzubringen. Sie hört sich die Geschichte des jungen Mannes an und erzählt ihm irgendwann ihr. Ihr Vater ist ein berühmter Anwalt und hatte nie Zeit für sie. Die Mutter das Gegenteil … überfürsorglich. Sabine versucht dem zu entfliehen, in dem sie mehrere Selbstmordversuche unternimmt.

Er hat die Meere besegelt, sie war noch nie am Meer. Eines Tages brechen die beiden auf, weil er ihr das Meer zeigen möchte.

„Es gibt viele magische Plätze auf dieser Welt. Das sind Orte, die Kraft geben. Das vorher mühsame Leben wird wieder einfacher. Jede Stadt, jedes Dorf, jeder Ort, wo Menschen wohnen, besitzt solche Plätze. Man muss sie nur suchen, und wird sie finden.“ (Seite 158)

Dieser Roman von Wolfgang Eicher ist nicht leicht zu lesen, er hat mich echt gefordert. Ich war an manchen Stellen soweit, dass ich abbrechen wollte. Doch ich habe nicht und bin auch froh darüber. Warum war es nicht einfach …

Am Anfang habe ich gedacht, was ist das für ein Spinner … hat der seinen Verstand verloren, weil er zu lange auf dem Meer und der Sonne ausgesetzt war? Hat er Wahnvorstellungen? Was hat er erlebt, was so „furchtbar“ war, dass er dieses „Wahrheit“ für sich behalten muss, weil es die Menschheit sonst in den Abgrund stürzen würde? Für mich war nie so richtig klar, ist es Wahrheit oder Wahn, was der Protagonist erlebt und/ oder erzählt. Im weiteren Verlauf erfahre ich natürlich was passiert ist und bin selbst sprachlos. Wolfgang Eicher hat sich an diesem Punkt der Geschichte unter anderem mit einem Thema beschäftigt, was im Moment sehr aktuell ist … die Religionen und ihr Ausmaß in unserer Welt.

Aber das ist nicht das einzige Thema des Buches. Hier sind zwei Menschen, die ein wenig unserer Gesellschaft widerspiegeln. Im Überangebot und dem ständigen alles machen und haben zu wollen, scheinen die beiden überfordert zu sein. Sind somit auf der Suche nach dem Sinn ihres des Lebens. Und dann passiert etwas, das mir persönlich sehr gut gefallen hat … die, die sich mehrfach umbringen wollte holt ihn zurück ins Leben, macht ihm Mut sich der „Wahrheit“ zu stellen.

„Die Insel“ von Wolfgang Eicher ist ein Appell an das Leben und die Liebe … das jedes Leben seine eigene Wahrheit um den Sinn des Lebens hat …

„Unser Ziel, die Tiefen des Schwarzen Meeres.
Mit an Bord, die Wahrheit um den Sinn des Lebens.
Sie hat sich nicht verändert.
Sie wird immer da sein.
Sie wird Krisen verursachen.
Immer wieder.
Sie wird mich erzittern lassen.
Es ist eine schreckliche Geschichte.
Dennoch werde ich leben können.

 

4 von 5 Sternen

#reasonstostayalive

dtv Verlagsgesellschaft Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 18.03.2016 Preis: 18,90 € ISBN: 9783423280716

dtv Verlagsgesellschaft
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.03.2016
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783423280716z

Klappentext
Ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Denn als er 24 war, brach Matt Haigs ganze Welt zusammen. Er wusste nicht, was es war, das ihm da widerfuhr – er merkte nur, dass sein Leben ihm plötzlich zur unerträglichen Last geworden war … Dieses Buch ist eine sehr persönliche Abrechnung mit einem Schicksal, das jeden und jede treffen kann. Die Schilderung, wie Matt Haig allmählich seine Depressionen besiegt und ins Leben zurückfindet, ist ebenso unterhaltsam wie berührend – und aus jeder Zeile spricht tiefe Überzeugung, dass das Leben unbedingt lebenswert ist.

„Ich habe dieses Buch geschrieben, weil letztendlich doch etwas dran ist an den uralten Klischees: Die Zeit heilt alle Wunden … und es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn wir es zunächst nicht sehen können. Und manchmal können Worte einen Menschen tatsächlich befreien.“

∗∗∗∗∗

„Eins der wesentlichen Symptome der Depression ist, keine Hoffnung zu haben. Keine Zukunft zu sehen. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels, denn der Tunnel ist an beiden Enden zu, und du bist drin.“ (Seite 7)

Als ich dieses Buch in die Hand genommen habe, habe ich einen Roman über Matt Haigs Depressionen erwartet. Eine Geschichte in etwa wie die („Mr. Chartwell“) über Churchills Depressionen. Doch das Buch, das Matt Haig über sein Leben mit der Depression schreibt ist anders. Es ist auch nicht wirklich einzuordnen, obwohl es als Roman/ Belletristik/ Erzählung gelistet ist. Obwohl … es ist schon eine Art von Erzählung, und zwar eine ziemlich persönliche.

Viele Menschen sind auf der ganzen Welt an Depressionen erkrankt. Für die meisten davon ist es ein Tabuthema. Doch warum? Vielleicht, weil die Nichterkrankten zu wenig aufgeklärt sind? Ich weiß es nicht und könnte an dieser Stelle nur Vermutungen äußern.

Daher ist es umso wichtiger, dass es Menschen wie Matt Haig gibt, die den Mut haben über ihre Erkrankung zu sprechen.

„Von außen sehen die Leute nur deine physische Form, eine zusammenhängende Masse von Atomen und Zellen. Doch innen hast du das Gefühl, als hätte es gerade einen Urknall gegeben. Du fühlst dich verloren, aufgelöst, über das Universum verteilt, mitten im unendlichen schwarzen Raum.“ (Seite 76)

Und genau das ist einer der Punkte. Nichterkrankte sehen unter Umständen einen Menschen vor sich, der wie das blühende Leben aussieht. Doch innerlich ist alles schwarz und dem Tod näher als dem Leben. Man bricht plötzlich ohne Grund in Tränen aus und kann es nicht erklären. Wir Menschen brauchen für alles eine Erklärung oder Anleitung, doch die gibt es für Depressionen nicht.

Das Buch ist in fünf übergeordnete Themen gegliedert. Fallen – Landen – Aufstehen – Leben – Sein. In diesen einzelnen Themengebieten gibt er uns Einblicke in den Anfang seiner Depression, ihrem Verlauf und was er getan hat, um mit ihr zu leben bzw. zu überleben, denn eine Depression verschwindet nie, sie kann immer wieder zum Vorschein kommen.

Die einzelnen Themeneinblicke haben mir gut gefallen. Es ist ein Mix aus persönlichem und recherchiertem Material. Das machte es für mich als Leserin spannend.

Matt Haig hat auch über im Netz über seine Depressionen geschrieben. Er hat User/ Gleichgesinnte gefragt, was ihnen die Kraft gibt weiter zu machen. Die Antworten darauf waren sehr berührend. Hier habe ich mal zwei raus gepickt …

„@ilonacatherine
Nicht jeder hält dich für die Platzverschwendung, für die du dich hältst, wenn du depressiv bist. Glaub mal den anderen #reasontostayalive

@jeebreslin
Weil ein goldenes Du in dir steckt, das dich lebt und das will, dass du siegst und lebst und glücklich bist. #reasonstostayalive“ (Seite 251/ 252)

Im Buch gibt es viele Tipps, was man machen kann um aus dem schwarzen Loch wieder raus zu kommen, bzw. erst gar nicht rein zu fallen. Das sind zum Teil sehr banale Dinge, doch auch ich habe mir ein paar Dinge davon heraus geschrieben und an meine Postkartenwand gehängt. Für den Fall, dass ich mal einen schlechten Tag habe. Denn den hat jeder mal, und da helfen auch die „Anleitung zum Leben“ von Matt Haig. Es sind Dinge, die mir einen liebevolleren Umgang mit mir und meiner Welt zeigen.

Am Ende des Buches ist noch ein kurzes Interview mit Matt Haig. Die letzte Frage lautet:

„Ganz aktuelle in diesem Moment: Ein oder mehrere ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben?

Menschen. Liebe. Die Zukunft. Möglichkeiten. All die unbekannten Momente, die noch erlebt werden wollen. Das Wissen, dass ich, wenn die Depression wiederkommt, sie überstehen werde. Ich bin der Himmel. Die Depression ist nur die Wolke.“ (Seite 310)

In diesem Sinne … lieber Matt Haig … wünsche ich Ihnen wenige Wolken am Himmel.

 

4 von 5 Sternen