Adas Geräusche des Lebens

Thiele & Brandstätter Verlag
Fester Einband
336 Seiten
Erscheinungsdatum:
16.08.2017
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783851793642

Klappentext
Ada ist drei Jahre, als sie von ihrer Mutter verlassen wird. Das Mädchen wächst bei seiner Großmutter Teresa auf, deren Liebe größer ist als ein Haus. Teresa bringt Ada bei, dem Olivenbaum im Garten beim Wachsen zuzuschauen, der >unverändert scheint und doch jeden Tag ein bisschen größer wird<, doch vor allem lehrt sie das kleine Mädchen, auf das Geräusch der Dinge zu achten, die beginnen. Als Ada siebenundzwanzig ist und ihre Großmutter schwer erkrankt, verbringt die junge Frau ihre Tage im Krankenhaus, am Bett des einzigen Menschen, der sie jemals geliebt hat. Die Angst davor, erneut verlassen zu werden, ist übermächtig.
Als Ada sich mit der Krankenschwester Giulia anfreundet und in der Klinik-Cafeteria Matteo begegnet, einem jungen Mann, von dem sie nicht genau weiß, was er eigentlich macht, erkennt sie nicht, dass sich zwei Wege kreuzen und neue Türen aufgehen. Und während Teresa immer schwächer wird, muss sich Ada entscheiden, ob sie fliegen will oder fallen. Ob sie vertrauen will oder sich verstecken. Ob sie sich von der Liebe leiten lässt oder von der Angst.

* * * * *

„Seit dieser Zeit war Ada immer sehr geduldig, und sie hatte auch gelernt, aufmerksam zu sein, damit sie immer sagen konnte, wann etwas zu Ende ging und wann etwas anfing. Sie begriff, dass die Dinge, die zu Ende gehen, dies sehr still tun. Während Dinge, die beginnen, einen hellen und wunderschönen Klang haben.“ (Seite )

Adas Mutter hat ihr Kind verlassen, um ihr eigenes Leben zu leben. Somit wächst Ada bei ihrer Großmutter Teresa auf. Diese liebt ihre Enkelin über alles und versucht ihr die Dinge und den Lauf des Lebens beizubringen. Dann wird Teresa krank, sehr krank und Ada wird bald auf sich allein gestellt sein. In dieser Zeit lernt sie Giulia kennen und Matteo lieben. Doch für Ada ist dies alles neu und fremd. Bisher war immer ihre Großmutter in der Nähe, um sie zu beschützen. Und so kommt, was kommen muss, Adas Leben wird auf den Kopf gestellt und sie weiß plötzlich nicht mehr was richtig oder falsch ist.

„Teresa hatte ihr beigebracht, wie wichtig es ist, sich von allen etwas zu bewahren – auch das Gefühl der Erwartung auf etwas Schönes, auf das man gehofft hat, und eben den Moment, in dem es eintrifft, sollte man festhalten.“ (Seite 74)

Ganz ehrlich habe ich von diesem Buch etwas ganz anderes erwartet. Eine Geschichte über Geräusche und Sensibilität für das Erkennen und fühlen dieser Geräusche. Doch dieses Buch ist ganz anders.

Trotzdem hat es mir bedingt gefallen. Mir hat Ada als Protagonistin gefallen und Teresa. Die beiden haben eine ganz besondere Beziehung. Teresa versucht ihr Leben lang Ada das Gefühl zu vermitteln, dass sie geliebt wird. Denn das ist Adas Defizit. Durch den Verlust der Mutter glaubt Ada, dass sie es nicht wert ist geliebt zu werden. Sie traut sich nicht Beziehungen aufzubauen, und dabei ist es egal um welche Form der Beziehung es geht … Haustier (sie hat Angst, dass das Sterben und / oder weglaufen kann), Freundschaften und Beziehungen (die können beendet werden) usw.
Mit Teresas Tod wird sie ins kalte Wasser geworfen. Plötzlich muss Ada sich dem Leben stellen … erlebt die Liebe, den Verlust und den Neubeginn.

Das alle hat Greco besonders einfühlsam beschrieben und dargestellt. Einige Dinge waren vorhersehbar, aber alles in allem hat mir die Story gefallen, auch wenn meine Erwartungen andere waren.

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Kurz und knapp #5 … „Montagsnächte“ von Kathrin Wildenberger

duotincta
Flexibler Einband
290 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.10.2007
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 973946086185

Es ist die Geschichte einer jungen Frau (Teenager) die die Zeit vor der Wende und den Mauerfall erlebt. Es geht um Menschen und ihre Wahrnehmung dieser Zeit. Jeder einzelne geht anders damit um. Die einen positiv weil voller Träume, andere stürzt es in Konflikte.

Ich war sehr neugierig auf dieses Buch, da ich ein großer Fan des duotincta Verlags bin. Alle bisher gelesenen Bücher habe ich mit Freude gelesen. Umso frustrierter war ich, als ich keinen wirklichen Einstieg in dieses Buch fand. Die Protagonistin und ihre Welt waren so weit weg und konnte mich überhaupt nicht erreichen. Mich persönlich hat das echt fertig gemacht. Doch es hat keinen Sinn etwas schön zu reden, wenn es für mich nicht schön war.

Fazit
Die Wendezeit ist ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft. Der Fall der Mauer einer der wichtigsten Tage in der Geschichte Deutschlands. Für viele wird dieses Buch ein weiteres tolles Buch über diese Zeit sein. Für mich leider nicht. Vielleicht weil ich schon zu viele Bücher darüber gelesen habe. Sorry liebe Kathrin Wildenberger!

Die Funktionsweise der Erinnerung

mare
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.08.2017
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 9783866482586

Klappentext
London, 1980: Robert Hendricks, erfolgreich als Psychiater und als Autor, privat ein „Stammgast der Einsamkeit“, steht vor einem Rätsel, als aus heiterem Himmel ein Brief aus Frankreich bei ihm eintrifft: Absender ist Alexander Pereira, ein 93-jähriger Neurologe, der Hendricks zu sich einlädt, weil er einen Nachlassverwalter sucht – und weil er meint, Hendricks Vater zu kennen. Die Reise führt Hendricks auf eine kleine, felsige Insel vor der französischen Mittelmeerküste und zugleich in das bisher unerforschte Terrain seiner Erinnerung: an seine vaterlose Kindheit in England, an Verletzungen aus den Kriegsjahren, vor allem aber an seine einzige große Liebe, die Italienerin „L“. Sie wurden ein Paar, das der Krieg zusammenführte und auseinanderriss. Wird Hendricks nun, ein halbes Leben später, den Mut aufbringen, sie wiederzusehen?

* * * * *

„Die Scheidewand zwischen Liebe und Zorn ist dünn. Ich vermute, es geschieht aus Selbstschutz und Angst vor noch mehr Verletzungen, dass wir diejenigen Menschen anschreien, die wir lieben.“ (Seite 30)

Hendricks ist ein Mann um die sechzig. Irgendwie auf den ersten Blick ein sehr einsamer Mensch, der Bindungsunfähig zu sein scheint. Er hat viele Liebschaften und sexuelle „Treffen“, doch geliebt hat er nur eine Frau in seinem Leben. Eines Tages wird er eingeladen Pereira zu besuchen, da dieser einen Nachlassverwalter sucht. Hendricks reist zu dem alten Mann auf die Insel und die beiden begeben sich auf eine Zeitreise. Pereira erzählt vom ersten Weltkrieg und Hendricks erinnert sich an seinen Einsatz im zweiten Weltkrieg. Dabei stellt sich heraus, dass Pereira Hendricks Vater kannte. Hendricks selbst kann sich nur schwach an seinen Vater erinnern. Und nach und nach vertrauen sich die beiden Männer ihr Leben an …

„Ich mag die Metaphern, mit denen wir Dinge umschreiben. Wie >räumt< man ins einen Gedanken >aufGedanken< zugleich der Schutt wie der Kehrbesen. Ich glaube, wir meinen vielmehr, dass wir aufhören sollten zu grübeln und stattdessen lieber >fühlen> sollten – was voraussetzt, dass das, was wir >fühlen<, wertvoller ist als alles, was wir denken …“ (Seite 98)

Dieses Buch ist kein einfacher Roman und schon gar nicht einfach zu lesen. Es werden Kriegerlebnisse aus dem ersten und zweiten Weltkrieg erzählt. Dabei springen die Protagonisten in ihren Erinnerungen ziemlich hin und her. Das machte es mir als Leserin oft nicht einfach der Geschichte zu folgen. Das Ganze wird dann noch mit Gedanken und Wissen rund um die Gedächtnisforschung/ Gehirnforschung gespickt.

Vieles davon hat mich gefesselt, manches gelangweilt. Vor allem die langen Passagen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg fand ich an manchen Stellen ermüdend. Spannend hingegen die Entwicklung der Freundschaft zwischen den beiden alten Menschen und vor allem Hendricks Entwicklung während der Aufarbeitung seines Lebens, die zeigt, dass uns unsere Erinnerungen manchmal einen Streich spielen können …

„Man kann nur glücklich werden, wenn man offen ist für die eigene Vergangenheit. Die Erfahrung, sich durch ein nasses Dickicht den Weg zu bahnen, muss sich an all die früheren Gelegenheiten, wo man das getan hat, tief verankert haben, wenn auch nicht unbedingt bewusst. Darin liegt der Reichtum. Aber wenn der Kopf irgendwie blockiert ist – wenn er den gegenwärtigen Augenblick zu starr festhalten möchte -, dann ist die Seele undurchlässig; die Vergangenheit kann nicht heilend in sie einsickern, und man hat umsonst gelebt.“ (Seite 33)

Kurz und knapp #4 … „Via dell‘ Amore“ von Mark Lamprell

Blanvalet
Flexibler Einband
317 Seiten
Erscheinungsdatum:
24.07.2017
Preis: 14,99 €
ISBN: 9783764506179

Drei verschiedene Paarkonstellationen befinden sich in Rom, der Stadt der Liebe. Alice reist nach Italien um etwas verrücktes zu erleben. Ohne ihren Freund. Meg und Alec erhoffen sich eine Wiederbelebung ihrer Ehe und die beiden alten Damen Constance und Lizzie erfüllen dem verstorbenen Mann von Constance einen letzten Wunsch. Soweit so gut. Hätte eine schöne Geschichte werden können. Wir es aber nicht. Weil der Erzähler … ich habe keine Ahnung wer er/ sie ist, sein soll … lässt immer wieder Kommentare einfließen warum dieses oder jenes geschieht. Warum sich zum Beispiel Alice und die alten Damen nicht aufeinander treffen, obwohl sie im gleichen Gebäude sind …. Was sollen solche Kommentare, wenn sie nicht von Bedeutung sind? was beabsichtigt der Autor damit?

Ich hatte mir von diesem Buch ein paar vergnügte und leichte Lesestunden erhofft. Irrtum. Schade. Vielleicht sollte ich meine Finger von dieser Art Bücher lassen!

Fazit
Ich habe dieses Buch abgebrochen, weil es so furchtbar unlogisch war und an manchen Stellen kam ich mir als Leserin veräppelt vor. So, als würde ich 2 und 2 nicht zusammen zählen können. Grausig!

Eine Tragödie

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783630875545

Klappentext
Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

∗∗∗∗∗

Myriam und Paul sind ein junges Paar, das in Paris lebt. Ihnen geht es finanziell gut. Sie haben eine kleine Tochter und einen kleinen Sohn. Myriam vermisst ihren Job, möchte wieder unter Menschen. Für einen staatlichen Krippenplatz verdienen sie zu viel, also denken sie über eine Nanny nach. Sie finden schließlich die 50jährige Louise. Am Anfang macht sich Myriam Sorgen und fühlt sich schuldig, dass sie ihre Kinder bei der Nanny lässt. Doch der Alltag und ihre eigenen Befindlichkeiten führen dazu, dass Louise sich immer mehr in ihrem Leben ausbreiten kann. Paul und auch Myriam sehen nicht, dass das Unheil auf sie zurast. Und dann passiert es …. Beide Kinder sind tot …

„Und es stimmt. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. (…) Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden Tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunklen das Bühnenbild umbauen. (…) Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig.“ (Seite 55)

Die Geschichte fängt eigentlich mit dem Ende an. Direkt auf den ersten Seiten erfahre ich, dass die beiden Kinder Mia und Adam tot sind. Adam war sofort tot, hat nicht gelitten und Mia erlag später ihren schweren Verletzungen. Ich weiß auch wer die mutmaßliche Täterin war/ ist … Louise, die Nanny. Nach diesen ersten Seiten bin ich erst einmal geschockt.

In einem Rückblick, bis hin zur Tragödie erzählt Leila Slimani die Geschichte von Paul, Myriam, Mia und Adam. Und die von Louise. Wie sich alle das erste Mal begegnen, und wie begeistert die Familie von der Nanny ist. Wie Louise zu einem unentbehrlichen Familienmitglied wird. Aber nicht alles ist so wie es scheint.

Myriam wollte unbedingt Mutter sein. Bekommt das erste Kind und schnell danach das zweite. Doch das Muttersein füllt sie irgendwann nicht mehr aus, ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie will wieder zurück in ihren Beruf.

Paul ist rund um die Uhr damit beschäftigt Geld ran zu schaffen. Erst für Myriam und sich, später für Myriam und die Kids und zu guter Letzt, um eine Nanny beschäftigen zu können.

Louise ist eine Frau, die sehr einsam ist und eigentlich nur ein Heim/ Heimat sucht. Menschen mit und bei denen sie sich heimisch fühlt. Sie möchte geliebt werden.

„Sie würde sie gern unter eine Glasglocke bannen, wie zwei lächelnde, erstarrte Tänzer auf dem Sockel einer Spieluhr. Sie sagt sich, dass sie sie stundenlang betrachten könnte, ohne es je leid zu werden. Dass sie sich damit begnügen würde, ihnen beim Leben zuzusehen, im Hintergrund zu wirken, damit alles perfekt ist, damit der Mechanismus nicht in Stocken gerät. Tief in ihrem Inneren ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören.“ (Seite 77)

Obwohl dieses Buch nicht einfach ist, ist es hervorragend geschrieben. Jede Seite offenbart einen neuen Abgrund. Da ich ja bereits das Ende kannte, habe ich mich beim Lesen oft gefragt wer hat eigentlich Schuld am Tod der Kinder. Mal war es für mich Myriam, mal Paul, mal die Kids selbst und auch Louise gehörte dazu. Leila Slimani lässt mir als Leserin diesen Spielraum und das hat mir sehr gut gefallen.

Ich denke letztendlich haben wir alle, die Gesellschaft, Anteil an dieser Tragödie. Eine Tragödie die tagein und tagaus überall auf dieser Welt geschehen kann. Für mich ist dies ein Buch, das noch lange nachwirkt und mich hoffentlich dazu bringt das ein oder andere Mal genauer hinzuhören und zu sehen.

Unbedingt lesen!

 

5 von 5 Sternen

 

Arne

btb
Flexibler Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.11.2015
Preis: 10,00 €
ISBN: 9783442715237

Klappentext
Einen Nobelpreis wird er wohl nicht bekommen. Arne Murberg ist von schlichtem Gemüt. Nach einem Badeunfall in der Kindheit hat er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Aber Arne ist ein warmherziger, liebenswerter Mensch, der sich eine kindlich naive, offene Art bewahrt hat und voll Vertrauen auf das Leben blickt. Als sein Vater ihm auf dem Totenbett offenbart, dass seine Mutter nicht tot ist, wie Arne geglaubt hat, sondern in Berlin lebt, und ihm gleichzeitig den Auftrag gibt, sie dort aufzusuchen und ihr ein verschlossenes Kästchen zu übergeben, beginnt für ihn ein wundersames Abenteuer. Mit äußerst rudimentären Deutschkenntnissen und einem Paar strapazierfähiger gelber Schuhe macht Arne sich auf die Reise – und gerät schon bald in Schwierigkeiten. Doch ihm zur Seite stehen zwei Menschen, die der Himmel höchstpersönlich geschickt zu haben scheint: ein etwas wirrer Professor und eine kluge junge Frau im Rollstuhl. Wird Arne seiner Mutter begegnen? Wird er sein Glück finden in Berlin?

∗∗∗∗∗

„Ich bin nicht verrückt, dachte Litvinas und griff zu Rasierhobel und Rasierschaum. Ich bin meiner Zeit nur hundert Jahre voraus, das ist das Problem.“ (Seite 56)

Arne ist ein junger Mann, der seit seinem Unfall gehandicapt ist. Komplexe Zusammenhänge und Konzentration fallen ihm schwer. Dennoch reist er nach Berlin, um den letzten Wunsch seines verstorbenen Vaters zu erfüllen.

Beate, eine junge Frau sitz wegen einer Erkrankung der Beinmuskulatur im Rollstuhl. Sie lebt ohne Perspektive in den Tag.

Litvinas, ein älterer Herr sitzt in der Psychiatrie, weil er mit verschiedenen gefährlichen Experimenten versucht hat seine tote Frau wiederzuholen. Er steht kurz vor der Entlassung, muss nur noch die Herren der Kommission überzeugen. Die ahnen nicht, dass Litvinas nur darauf wartet der Anstalt zu entkommen, um seinen letzten großen Coup zu landen.

Diese drei etwas „merkwürdigen“ Gestalten treffen in Berlin aufeinander. Irgendwie hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass jeder einzelne von ihnen in seiner eigenen Welt lebt und dennoch Teil der Welt des jeweils anderen ist. Arne ist dabei für mich die „intensivste“ Figur. Seine unbändige Neugier auf das Leben und das ihm Unbekannte ist einfach so wunderschön. Nesser beschreibt seinen Protagonisten sehr liebevoll und auch seine Erkundungen in der Welt stellt er als zaghafte Schritte dar. An vielen Stellen habe ich gedacht ich befinde mich in einem modernen Märchen. Aber es ist kein Märchen. Ich denke Nessers Anliegen war/ ist ein ganz anderes.

In meinen Augen möchte er Aufzeigen, dass Menschen mit Defiziten, egal welcher Art, genauso am Leben teilhaben können wie Menschen ohne Defizite. Im Gegenteil, er zeugt auf, dass gerade solche Menschen unsere Welt wesentlich bewusster wahrnehmen. Das sie offener für die Freude, die Schönheit und Einfache in dieser Welt sind, dass sie all dies auf ihre besondere Art und Weise wertschätzen. Wir in unserem täglichen Tun nehmen die Welt mit ihren einfachen und schönen Dingen gar nicht mehr wahr.

Auch wenn der Roman gegen Ende etwas skurril wird, habe ich diese elf Tage sehr gerne mit Arne in Berlin verbracht.

„Eine Botschaft habe ich nicht. Aber ich möchte für mehr Toleranz gegenüber dem menschlichen Wahnsinn werben.“ Astrid Lindgren

 

4 von 5 Sternen

Sind wir nicht alle irgendwie die Hoffnungsträger dieser Welt?

Arche Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.08.2017
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783716027646

Klappentext
Philipp hat gerade eine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen und ist aus seiner WG rausgeflogen, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten. Als er sich an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren vertreibt, wird Uwe auf ihn aufmerksam. Uwe ist Leiter des städtischen Recyclinghofs und sieht in Philipp sofort einen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofs gehörig ins Wanken gerät.

∗∗∗∗∗

„Doch wann, frage ich mich, sind die Dinge nicht mehr die Dinge, die sie mal waren? Irgendwann sind sie etwas anderes geworden, aber an welchem Punkt haben sie angefangen, dieses Andere zu werden?“ (Seite 31)

Philipp hat seine lehr geschmissen und wurde aus seiner WG rausgeworfen … weil Philipp anders ist als andere. Er ist nicht einer dieser Jugendlichen oder Menschen, bei denen es um höher, schneller, besser oder wie auch immer geht. Philipp ist eigen manchmal auch seltsam. Das sieht auch Uwe, der Chef vom Recyclinghof sofort, als er Philipp beim Sammeln von Stanniolpapier beobachtet. Uwe weiß sofort das ist sein Mann, sein Hoffnungsträger für den Recyclinghof. Er bietet Philipp einen Job dort an. Dieser ist skeptisch, geht aber dennoch hin. Hier sieht er schnell, dass dieser Recyclinghof einen eigenen Kosmos hat. Seine eigenen Spielregen und Spieler. Doch was meint Uwe, als er von Hoffnungsträger spricht? Und kann Philipp seine Hoffnung erfüllen?

„Ein Ding sei also nur auf Zeit dieses Ding. Und auch in dieser Zeit sei es immer nur zum Teil dieses Ding. >Das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, nur mal als Beispiel, lieber Philipp, das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, aber es bleibt dennoch ein Schräubchen, da sind wir uns doch einig. Denn wenn es als Teil der Lampe kein Schräubchen mehr wäre, würde die Lampe augenblicklich in Stücke gehen und wäre keine Lampe mehr. Anders ausgedrückt: Die Lampe ist nur deshalb eine Lampe, weil sein Schräubchen ein Schräubchen bleibt, verstehst du? <“ (Seite 32)

Philipp der Hoffnungsträger … für welche Hoffnung? Für welchen Träger? Für eine Generation „Null Bock“?

Das waren die Fragen, die mir als erstes in den Sinn kamen, als ich anfing zu lesen. Doch je weiter man in dieses Buch eintaucht und sich von den vielen kleinen und feinen Sätzen zum nachdenken anregen lässt, war für mich irgendwann klar, es geht um uns.

Wir stecken immer Hoffnungen in irgendetwas oder irgendwen, z.B. wenn ich das und das mache, dann wird alles gut oder wenn ich das und das mache, dann werde ich oder wenn ich mir das kaufe dann … Unser tägliches Leben ist mit Hoffnungen auf etwas gespickt, somit stellen Menschen und Dinge „Hoffnungsträger“ dar. Erfüllen sie unsere Hoffnungen nicht, ob sofort oder später, dann werden sie aussortiert. Ab auf den Müll damit …

Aber Müll ist nicht gleich Müll und so landet eben vieles auf dem Recyclinghof, wo Dinge recycelt werden. So wird aus meinem „Müll“ vielleicht der Hoffnungsträger für jemanden anderen.

Es geht aber nicht nur um Konsumgüter, sondern auch um die Randgruppen unserer Gesellschaft. Menschen die sich bewusst aus unserer Gesellschaft verabschiedet haben um ihr eigenes hoffnungsvolles Leben zu leben. Ein Leben als Lebenskünstler, Aussteiger … Hoffnungsträger für eine bessere Welt.

„All die Sofas, Bücherregale und Lampen waren auch einmal Hoffnungsträger, waren Teil eines Teams, des Team Eigenheim, des Teams Jungfirma, des Teams Wohngemeinschaft. Jetzt sind sie hier gelandet, vergessen von der Welt und den Menschen, die sie los werden wollten.“ (Seite 93)

Jens Steiner hat mit diesem Buch etwas ganz besonderes geschaffen. Dieses Buch hat einen ganz eigenen Kosmos. Ich mag die Sprache, die obwohl sie einfach ist, doch fantastisch die Situationen und Gedanken wieder gibt. Hat irgendwie etwas von einem „Märchenerzähler“. Ich hätte ewig weiterlesen können. ♥

Es gibt so viele wunderbare philosophische Stellen in diesem Buch, die mich inne halten lassen, über die ich nachdenke …

Vielen lieben Dank Jens Steiner für dieses besondere Buch und den mir bescherten Lesegenuss. ♥♥♥

„Das Schicksal hobelt und hobelt an jedem von uns und am Schluss sind wir alle gleich. Sagt zumindest unser João. Am Anfang tut jeder, als sei er ein Unikum, am Ende sind wir ein einziger Brei. Und weil wir sowieso nichts dagegen tun können, sollten wir uns davon die Laune nicht verderben lassen.“ (Seite 188/ 189)

Unbedingt lesen!!!

 

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