So laut und so leise

Heyne
Fester Einband
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.03.2018
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 9783453271593

Klappentext
Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher. Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Vorher war sie ein unscheinbares Mädchen, jetzt ist sie allein. Sie rasiert sich die Haare ab und errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist still und misstrauisch – und fasziniert von ihr.
Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester -, macht sie einen Schritt auf Jacob zu. Und so entsteht ganz langsam und zart zwischen Abschied und Loslassen etwas vollkommen Neues.

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„Mein Bruder war die finstere Nacht und das hellste Licht. Ein Vakuum und drei Tage später wieder euphorisch und voller Tatendrang. Früher dachte ich alle Menschen wären so. Aber nur er war so. So laut und so leise.“ (Seite 32)

Kristopher ist tot. Luises Bruder hat sich das Leben genommen. Luise fühlt sich allein gelassen. Kristopher war ihr Universum. Ihr bester Freund, ihr Vertrauter. Und jetzt ist sie allein und weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, ihrem Verlust. In ihrer Wut und Trauer rasiert sie sich ihre Haare ab und baut eine Mauer des Schweigens um sich herum auf.

Ihre Mutter, die in ihrer eigenen Trauer verhaftet ist, findet immer wieder und wieder Gründe keine Zeit mit Luise zu verbringen. Sie kann in ihrem eigenen Schmerz nicht den von Luise auch noch ertragen. Und somit ist Luise vollkommen auf sich gestellt.

Auch der Psychologe zu dem sie wöchentlich geht kommt nicht an Luise heran. Nach einer Sitzung bricht sie im Treppenhaus zusammen. Dort trifft sie das erste Mal auf Jacob.

„Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, endet nicht nur seines. Er zerstört das gesamte Gefüge. Die Ordnung . Das Gleichgewicht. Wie eine Druckwelle, nachdem eine Bombe detoniert. Was bleibt, ist emotionale Verwüstung. Alle sagen, man soll reden. Aber das ändert nichts. Über den Tod zu sprechen kann ihn nicht rückgängig machen. Man versucht nur, Worte zu finden, wo sie einem fehlen.“ (Seite 163)

Jacob lebt mit seinem Halbbruder in dem Haus, in dem Luises Psychotherapeut seine Praxis hat. Jacob ist ein sehr stiller und in sich gekehrter junger Mann. Auch Jacob hat als Kind jemanden verloren. Als er auf Luise im Treppenhaus trifft fühlt er sich von diesem Mädchen angezogen. Er hat das Gefühl sie beschützen zu müssen. Doch Luise stößt ihn immer wieder weg. Will niemanden an sich heranlassen.

Dann kommt an Luises Geburtstag plötzlich eine E-Mail von Kristopher aus der Zwischenwelt. In dieser Mail kündigt er weiter an und Aufgaben, die Luise für ihn erledigen muss, damit er diese Zwischenwelt verlassen kann.

Luise bittet Jacob ihr zu helfen, da sie das nicht alleine schafft. Und so ganz langsam reißt die Mauer um Luise ein …

„Ich glaube an Zufälle. An den freien Willen. An Kettenreaktionen. Wenn es mir nach geht, ist das Schicksal was für Leute, die zu viel Angst davor haben, die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. So ist immer jemand anders schuld. Alles sollte so kommen. Sie sind den Launen der Vorsehung hilflos ausgeliefert. Ich halte das für Blödsinn.“ (Seite 70)

WAHNSINN!!! Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen und bin immer wieder fasziniert wie sensibel und einfühlsam Anne Freytag mit schwierigen Themen umgeht. Selbstmord, Tod, Verlust, Trauer … sind die Themen in diesem Buch. Ich weiß nicht wie die Autorin es schafft, aber ich als Leserin kann mich in den Gefühlen von Luise und Jacob wiederfinden. Kann den Schmerz, die Wut, die Fassungslosigkeit und die Ängste die Luise nach dem Freitod ihres Bruders hat, beim Lesen spüren.

Mir hat auch die Mischung sehr gut gefallen. Das Thema Tod/ Trauer ist durchweg das Hauptthema im Buch bis zum Endo. Doch die Annäherung von Luise und Jacob ist auch ein wichtiger Teil im Buch, der zeigt, dass aus einem Verlust auch immer etwas Neues wachsen kann.

„Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Zeit nicht wiederkommt. Dass eine Minute nach der anderen unerbittlich aus unserem Leben stirbt und dass wir jeden Moment aufs Neue entscheiden müssen, ob wir sie verschwenden oder nutzen.
Das Jetzt sollte gut sein. Denn uns bleibt nur das Jetzt. Und mein Jetzt ist gut. Diese Minute riecht nach geschmolzener Butter und nach Erdbeeren.
Und ein bisschen nach Jacob.“ (Seite 187)

Dies ist das dritte Buch von Anne Freytag, das ich gelesen habe. Das erste hieß „Mein bester letzter Sommer“ und das zweite „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Alle drei haben mein Herz sehr berührt!!!

Ich frage mich ernsthaft wie macht diese Frau das? Wie schafft sie es immer und immer wieder sehr sensible Themen in so wundervolle, einfühlsame und realistische Geschichten zu verpacken?

Chapeau Anne Freytag und DANKE für diese wundervollen Bücher. ♥♥♥

„Denk immer daran, Lise, man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.“ (Seite 220)

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Kurz & Knapp … März 2018

Als ob man sich auf hoher See befände von Yara Lee

Laut Klappentext erwartet mich eine Geschichte über zwei Menschen, Marla und James, die sich durch Zufall treffen und lieben lernen. Auf einer Forschungsreise kommt es zu einem Zwischenfall. Parallel wird die Geschichte von Ulysses einem älteren Mann, der einen Platz sucht, an dem er sterben möchte. Es ist Marlas Vater, der seine Tochter nach dem Unfalltod der Mutter in ein Heim gegeben hat.

Die Geschichte ist von Anfang an ziemlich schwer zu lesen, da die Autorin viele Begriffe und deren verschieden Bedeutungen bis zum erbrechen beschreibt. Zum Beispiel geht es in einem Kapitel um das Wort „glatt“. Da lese ich Zeile um Zeile, dass etwas glatt sein kann (hier in Verbindung mit verschiedenen Oberflächen oder Strukturen) oder wie man glatt in verschiedenster Weise definieren kann oder wie man glatt steigern kann … Mal ganz ehrlich, wenn ich so etwas wissen möchte, dann schau ich im Duden oder sonst wo nach, dafür brauche ich kein Buch. Aber das ist nur ein Begriff von vielen, die Autorin bis zum erbrechen erklärt … definiert/ erklärt/ beschreibt. Das strengt an, und lenkt von der Geschichte ab.

Fazit: Mir scheint, die Autorin wollte zeigen wie toll „Sprachkunst“ sein kann, welche sie studiert hat. Mich hat es mega gestört und dem Buch jegliche Chance genommen eine tolle Geschichte zu erzählen.

(Residenz, ISBN: 9783701716876, Preis: 22,00 Euro)

 

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So enden wir von Daniel Galera

Duke ist tot. Opfer eines Raubüberfalls. Die Freunde von damals … Aurora, Antero und Emiliano … sind gekommen um Abschied zu nehmen. In Rückblenden erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit kurz vor der Jahrtausendwende. Erinnerungen an Ziele, Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen.

In abwechselnden Kapitel erzählen die drei übrig gebliebenen Protagonisten von ihrem Leben früher und heute. Als Leserin erfahre ich, wie sich die vier kennen gelernt haben und wie sie gemeinsame Projekte voran getrieben haben. Zwischen den Zeilen liest man jedoch Galeras Kritik an der Welt und der Gesellschaft … Konsum, digitale Medien, Sex, Korruption und Chaos sind Bestandteil seiner Kritik.

Fazit: Mir war das ganze Buch/ die Geschichte zu viel. Dieses, ich nenn es mal Gejammer über unsere auch so schlimme Welt ging mir echt auf die Nerven. Jede Generation hatte/ hat mit ihren Problemen zu kämpfen. Aber diese Schwarzseherei in diesem Buch ist echt zu viel. Ich hoffe und glaube, das wir so (!!!) nicht enden werden!

(Suhrkamp, ISBN: 9783518428016, Preis: 22,00 Euro)

 

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Der restliche Sommer von Max Scharnigg

In diesem Buch geht es um einen Kolumnisten, der sich verleibt hat und mit seiner Freundin den Sommer am Meer verbringt. Zeitgleich entkommt ein junger Mann einem vermeintlichen Attentat und wird in ein Krankenhaus eingeliefert, in dem er eine junge Frau kennen lernt. In einer weiteren Geschichte erzählt Scharnigg von den längst vergessenen Träume einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Hier gibt es wieder mehrere Erzählstränge, die, je weiter man in die Geschichte eintaucht irgendwie miteinander verwoben sind. Die Protagonisten kennen sich irgendwie alle, sind sich im Leben bereits begegnet, doch das wird erst nach und nach ersichtlich. Und je weiter ich lese, desto mehr faszinieren mich die einzelnen Geschichten und am Ende bin ich überrascht.

Fazit: Eine Geschichte die ich gerne gelesen habe. Sie lässt mich mit der Frage, wie ich mein restliches Leben verbringen möchte zurück.

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455404944, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das vergessene Fest von Lisa Kreißler

Nina, Arif und Ronda sind Freunde seit der Uni. Jetzt, nach 15 Jahren, sind Arif und Ronda auf dem Weg zu Nina, denn diese heiratet. Es ist eine ganz besondere Hochzeit auf einer Lichtung im Wald. Doch die Hochzeit nimmt kein glückliches Ende. Die Braut sagt nein und flieht mit ihren Freunden in den Wald.

Was als wirklich wunderschöne Geschichte anfängt, endet im Desaster. Auch für mich als Leserin. Bis etwa zur Mitte erzählt Kreißler eine schöne Geschichte von Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Doch nachdem die Braut nein gesagt hat und die drei vom Fest in den Wald fliegen wird es echt abgedreht. Zwischendurch habe ich mich gefragt haben die Protagonisten gekifft oder die Autorin? Denn das was die Protagonisten im Wald erleben ist echt konfus, durchgeknallt und chaotisch.

Fazit: Sprachlich sehr schön und wie gesagt, ab der Mitte einfach nur der Horror. Schade, schade … es hätte so schön werden können!

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446258556, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Tja, eigentlich wollte ich einen endlos Satz schreiben, wie Madame Nielsen, deren Buch die Geschichte eines Jungen ist, der eigentlich nicht weiß, ob er ein Junge ist oder vielleicht doch, sich wahrscheinlich verliebt in eine Frau, die verheiratet ist und Kinder hat, deren Mann eifersüchtig ist und den Liebhaber seiner Frau erschießen möchte, aber ehrlich gesägt weiß ich das nicht so ganz, denn „Der endlose Sommer“ fängt erst richtig auf Seite 82 an und ist dann auch schon fast vorbei, ohne das er richtig stattgefunden hat.

Ha …. vier Zeilen habe ich geschafft. Madame Nielsen schafft drei Seiten und mehr für einen einzigen Satz. Sie verliert sich dabei in Nebensächlichkeiten bis ins millionste Detail, ohne etwas wirklich wichtiges gesagt zu haben. Das ist für mich als Leserin echt anstrengend. Ich mag Bandwurmsätze. Aber bitte mit Aussage/ Inhalt und nicht nur angereihte Wörter, um der Länge willen. Die Geschichte vom endlosen Sommer wäre nämlich ohne diese Sätze sehr schnell zu ende gewesen, da es letztendlich nicht viel zu erzählen gab.

Fazit: Ich hätte gerne eine schöne Geschichte gehabt, von mir aus auch endlos, aber bitte keine endlosen Sätze, die nichts sagen!

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051025, Preis: 18,00 Euro)

 

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Von dieser Welt von James Baldwin

Der junge John Grimes wächst in einer autoritären und strenggläubigen Familie auf. Er kennt nichts anderes als Kirche und Schläge, die sein Vater mit Gottes Willen rechtfertigt. John hat nur einen Wunsch … er will raus aus diesem Dorf, diesem Leben …

Dieses Buch hat mich an manchen Stellen echt erschüttert. Ich wusste aus dem Vorwort, dass es autobiografische Züge enthält. Grimes Leben war ein Leben, geprägt von einen autoritären Vater, der eigentlich gar nicht sein Vater ist, und Gott. Überhaupt hat Gott und die Religion einen sehr großen Anteil in diesem Buch. Was mich persönlich sehr fasziniert hat, da viele Dinge, die im Leben der Protagonisten geschehen mit Gottes Willen deklariert werden. Die Religiosität in diesem Buch ist an manchen Stellen im Buch schon echt krass.

Fazit: Ein Buch, dass an manchen Stellen nicht einfach ist, weil es unter die Haut geht, lohnt sich aber auf jeden Fall.

(dtv, ISBN: 9783423281539, Preis: 22,00 Euro)

 

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Ein Ehedrama

DVA
Fester Einband
150 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783421048073

Klappentext
Vanda und Aldo können auf ein langes gemeinsames Leben zurückblicken, auch wenn sie nicht immer glücklich waren. Wie bei vielen Paaren erstickte auch ihre Beziehung irgendwann in Routinen. Als Aldo dann die jüngere Lidia kennenlernt, scheint die Ehe endgültig zerbrochen. Doch die neue Liebe kann die Bande, die die Kinder geknüpft haben, nicht lösen, und so kehrt Aldo nach Hause zurück. Inzwischen sind seit dem Bruch Jahrzehnte vergangen, und die Wunden der einstigen Verletzungen scheinen geheilt – bis zu jenem Tag, als die alte Narbe plötzlich schmerzhaft aufbricht …

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„Weil es für mich einfach unvorstellbar war, dass dir eine andere gefällt. Habe ich dir einmal gefallen, werde ich dir immer gefallen, davon war ich aufrichtig überzeugt. Ich war der festen Meinung, dass sich wahre Gefühle nicht ändern – erst recht nicht, wenn man verheiratet ist.“ (Seite 12)

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil kommt Vanda zu Wort. Sie schreibt und fragt in Briefen Aldo, warum er sie verlassen hat. Verlassen nach zwölf gemeinsamen Jahren wegen einer jüngeren Frau. Natürlich typisch Frau sucht sie die Fehler bei sich. Denkt und hinterfragt sich und ihr Leben. In ihrer sich steigernden Wut bezichtigt sie Aldo letztendlich als einen Versager, der nie an die Familie dachte sonder nur an sich und sein Vergnügen.

„Vielleicht war das ja mein Fehler, und ich musste mich neu erfinden, mehr sein als nur eine gute Ehefrau und vorbildliche Mutter.“ (Seite 12)

Im zweiten Teil kommt dann Aldo zu Wort. Allerdings sind mittlerweile vierzig Jahre ins Land gezogen und Aldo ist zu Vanda zurück gekehrt. Wenn man es denn so nennen kann. Denn eigentlich ist es so, das Lidia seine junge Geliebte ihn verlassen hat. Aldo hatte Vanda damals verlassen, weil er die Intuition Ehe für altmodisch erachtete. Er fand die freie Liebe á la 68ziger faszinierender und zeitgemäßer. In Rückblicken erfahre ich als Leserin wie sehr Aldo Lidia vermisst und eigentlich mit ihr zusammen sein möchte, und nicht mit der Despotin Vanda.

„Das sich die Intuition der Ehe in einer Krise befand, dass die >Familie< dem Untergang geweiht war und Treue bloß was für Spießer, war ihr egal.“ (Seite 73)

Im dritten und letzten Teil kommen die beiden Kinder zu Wort. Die sind mittlerweile erwachsen und haben das Scheitern der Ehe hautnah mitbekommen. Und sie hassen ihre Eltern dafür was sie sich selbst und den Kindern angetan haben. Es kommt zu einem großen Showdown in der Wohnung der Eltern, die die Kinder komplett verwüsten. Sie lassen ihrer Wut freien Lauf.

„>Sich verlieben< klang damals fast schon lächerlich, nach einem Überbleibsel aus dem neunzehnten Jahrhundert, und stand für die gefährliche Neigung, aneinander zu kleben.“ (Seite 76)

Mich hat dieses kleine Buch sehr berührt und erschüttert. Ich habe oft nicht verstanden, wieso Aldo und auch Vanda versuchen an etwas festzuhalten, was nicht mehr funktioniert. Mal ganz davon abgesehen ob die Intuition Ehe noch zeitgemäß ist oder nicht. Aldo wollte ein „modernes offenes Liebesleben/ Leben“, Vanda ein klassische „Vater-Mutter-Kind“ Konstellation. Aber anstatt sich darüber auszutauschen … zu sprechen, verletzten sie sich in ihrem Handeln, ohne zu bemerken wie sie auch die Kinder verletzten. Letztendlich gibt es keine Familie mehr, sondern nur noch Menschen, die verletzte wurden und mit ihren Verletzung vollkommen allein dastehen. Die Verletzungen der Kinder eskaliert letztendlich in der Zerstörung der elterlichen Wohnung. Und diese Wut der Kinder auf die Eltern hat mich richtig erschüttert.

Ein Buch das nachwirkt und Fragen offen lässt … ist eine „Ehe“ immer schützenswert, nur um der Ehe willen? Wäre es nicht besser sich einvernehmlich zu trennen um der Kinder willen?

Eine kleine Zusatzinfo noch am Ende dieser Rezension zum Autor:
Domenico Starnone ist der Ehemann der Autorin Anita Raja, von der wir wissen, dass sie unter dem Pseudonym Elena Ferrante erfolgreich veröffentlicht hat.

Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)

… aus „Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier“ von Francesc Miralles und Care Santos

List Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.11.2016
Preis: 14,00 Euro
ISBN: 9783471351338

 

„Richtig. Denken bedeutet sich von der Gegenwart lösen, um in den Wassern der Vergangenheit oder der Zukunft zu fischen. Erleben dagegen ist immer etwas Gegenwärtiges. Das ist das ganze Geheimnis.
(…)
Das bezweifle ich. Schmecken ist zwar etwas Gegenwärtiges, aber wenn man das Essen als Gesamtheit betrachtet, gehören seine Zubereitung der Vergangenheit und seine Verdauung der Zukunft an.
(…)
Also muss man, um die Gegenwart zu spüren, etwas erleben, das so intensiv ist, dass man den Blick weder in die Zukunft noch in die Vergangenheit zu richten braucht.“ (Seite 85)

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„Lass die Vergangenheit hinter Dir, und die Gegenwart beginnt.“ (Seite 120)

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„Ein Engel ist jemand, der dich vor dem Fallen bewahrt, indem er dir das Fliegen beibringt.“ (Seite 134)

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„Traurig ist der Tod nur für den, der nicht gewagt hat zu leben.“(Seite 182)

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„Weine nicht, weil etwas zu Ende ist, lächle, weil es existiert hat.“ (Urheber unbekannt)

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Rezension zu „Am schönsten auf der Welt ist es gleich hier“ von Francesc Miralles und Care Santos

 

Vorsicht Suchtgefahr!!!

Luchterhand
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
05.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783630875385

Klappentext
Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind?

Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem neuen Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden, und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

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„Katharina sah die Frau an und die Frau sah Katharina an. Katharina begann zu weinen. Sie weinte, weil die Geschichte der Zeugin ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mehr.“ (Seite 22)

Ich muss gestehen, ich habe noch nie ein Buch von Schirach gelesen. Es hat sich einfach nicht ergeben. Umso gespannter war ich, was mich erwartet.

Dieses Buch habe ich an einem Abend verschlungen. Zwölf mehr oder weniger kurze Geschichten um das Wort Strafe, welches ja vielfältig interpretierbar ist. Ich war an manchen Stellen überrascht über die Wendung der Geschichte, an anderen Stellen gab es für mich von Anfang an nur eine Konsequenz/ Ende/ Sichtweise und bei anderen konnte ich durch Anregung des Textes meine Sichtweise erweitern.

Mich haben alle Geschichten bewegt. In jeder einzelnen Geschichte konnte man spüren wie wichtig Schirach dieses Thema ist. Mich hat es berührt, wie er mit seinen Protagonisten mitfühlt, egal ob schuldig oder unschuldig … Täter oder Opfer, und dabei doch so sachlich bleibt. Schirach hat eine ganz eigene Art zu erzählen, die mich als Leserin in einen Bann zieht. Ich glaub ich bin jetzt Schirachsüchtig und werde mir gleich die anderen Bände auch holen.

Bitte mehr davon!!!
Unbedingt lesen!!!

„Dann hatte er einen Mann verteidigt, dem vorgeworfen wurde, seine Kinder zu quälen. Er wurde freigesprochen, die Indizien reichten für eine Verurteilung nicht. Der Mann fuhr nach Hause, stopfte seinen zweijährigen Sohn in die Waschmaschine und stellte sie an.“ (Seite 26)

Kurz & Knapp … Februar 2018

Der Abfall der Herzen von Thorsten Nagelschmidt

Nagel schreibt Tagebücher so lange er denken kann, und dass sehr exzessiv. Er füllt Kladde um Kladde. Doch an den Sommer 1999 kann er sich nicht erinnern. Also liest er die Einträge von damals und versucht zu rekonstruieren was damals passierte. Zeitgleich versucht er mit den alten Freunden von damals in Kontakt zu treten, um zu hören was sie von Sommer ’99 noch in Erinnerung haben und ob ihre und seine Erinnerungen sich ähneln oder abweichen.

Mich hat dieses Buch sehr angestrengt. Ich musste ständig aufpassen, wo ich mich befinde, da die Gegenwart und die Tagebucheinträge nur durch kleine Absätze oder Sternchen markiert sind. An vielen Stellen habe ich mich gefragt, ob dieses Buch autobiografisch ist oder nicht. Fakt ist, es enthält biografische Elemente. An Hand des Klappentextes habe ich eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und Verrat erwartet. Bekommen habe ich ellenlangen Monologe aus Tagebüchern von 1999, und eine Geschichte im Jetzt, die sich nicht sehr von den Tagebucheinträgen unterscheidet.

Fazit: Tagebücher schreibt man für sich selber und da sollten sie auch bleiben. Die wenigsten Geschichten aus Tagebüchern taugen für Romane!

(S. Fischer, ISBN: 9783103973471, Preis: 22,00 Euro)

 

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Heiße Milch von Deborah Levy

Sofia Papastergiadis und ihre Mutter Rose sind auf dem Weg nach Spanien. Rose soll dort in einer Spezialklinik behandelt werden, da sie immer schlechter gehen kann. Die Ärzte in England konnten keine Diagnose stellen. In Spanien wird schnell klar, das Rose sich mit dieser Krankheit eingerichtet hat, um ihre Tochter an sich zu binden und sie zu schikanieren. Sofia scheint sich dessen bewusst zu sein, und lässt sich schikanieren. Doch während des Aufenthalts in Spanien wagt Sofia einen Versuch der Selbstständigkeit …

Eine Mutter/ Tochter Geschichte, die zeigt, wie sehr Menschen auf bestimmte Verhalten reagieren und „Krankheiten“ bilden, um den anderen an sich zu binden. Und wie eben jene sich dann auch binden lassen, weil sie Angst vor dem Verlust des einzigen Menschen im Leben haben.

Fazit: Sicherlich ein interessantes Thema, doch die Geschichte konnte mich nicht überzeugen. An vielen Stellen fand ich es zu langatmig und zu konstruiert.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049770, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Leben kostet viel Zeit von Jens Sparschuh

Titus Brose war einmal Chefredakteur beim Spandauer Bote. Heute schreibt er für die Firma LebensLauf. Er fährt regelmäßig ins Alte Fährhaus, einer Seniorenresidenz, um dort die Memoiren der alten Leute aufzunehmen. Diese bezahlen dafür, dass Brose diese für sie aufschreibt und drucken lässt. Bei einem seiner Aufenthalte dort, trifft Brose auf Dr. Einhorn, der ein großes Interesse an Adelbert von Chamisso und Eduard Hitzig, der die Biografie Chamissos schrieb. Von Einhorns Interesse angesteckt begibt sich Brose auf Chamissos Spuren.

Am Anfang bis ca. zur Mitte des Buches fand ich die Geschichte ja ganz nett und spannend. Aber irgendwann habe ich mich irgendwie über Brose und die Firma LebensLauf geärgert. Für mich war das, was die da machen einen Art von Abzocke. Wir quatschen die alten Leutchen mal in einen Vertrag, lassen uns deren Lebensgeschichte erzählen und drucken das dann eventuell, sofern die Alten dann noch leben. Das Leben und Wirken Chamissos läuft nur so am Rand mit.

Fazit: Die Grundidee, die Geschichten des Lebens festzuhalten finde ich gut und schön. Gerade ältere Menschen erinnern sich gerne und haben oftmals keine Zuhörer für ihre Geschichten. Da wäre es doch schön, wenn man Menschen finden könnte, die in solche Seniorenresidenzen oder Heime gehen, die den Alten freiwillig und unentgeltlich zuhöre würden.  

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049978, Preis: 20,00 Euro)

 

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Kind ohne Namen von Christoph Poschenrieder

Xenia kommt nach einem Jahr Studium in der Stadt zurück in ihre Heimat, zurück aufs Dorf. Ihre Mutter und ehemalige Bürgermeisterin nimmt freut sich, ihr Kind wieder bei sich zu haben. Xenia findet schnell wieder in den dörflichen Trott. Auch eine Anstellung in der örtlichen Kneipe ist schnell gefunden. Doch was niemand ahnt … Xenia ist schwanger. Das soll auch erst einmal so bleiben. Eines Tages ist das ganze Dorf in Aufruhr. Eine Gruppe Flüchtlinge soll im alten Schulhaus untergebracht werden. Nicht alle im Dorf freuen sich über die Ankunft der neuen Dorfbewohner. Und dann ist da noch dieser mysteriöse Burgherr …

Dieses Buch haben wir im Lesekreis gelesen und wir sind uns alle einig … bis zur Mitte des Buches ist es toll geschrieben und es macht Spaß der Geschichte zu folgen. Doch danach wird es sehr spukie und abgedreht. Erst einmal geht es um die Flüchtlinge, die in dieses Schulhaus ziehen, und ein Dorf verunsichert. Es geht um Menschen und ihre Ängste, und um ein Dorf was sich letztendlich radikalisiert. Soweit der wirklich interessante Teil. Doch dann geht es plötzlich um eine Novelle von Gotthelf (Die rote Spinne) und die christlich-humanitäre Sichtweise von Gut und Böse, die Poschenrieder mit viel Symbolistik in die Geschichte einbaut. Das ganze ist irgendwie so gewollt und frei nach dem Motto … ich bin der Autor und darf in meinem und mit meinem Roman machen was ich will. Sorry … ohne die Damen aus dem Lesekreis und mich!

Fazit: Ich mag überhaupt keine Bücher, die Bücher brauchen/ benutzen, um zu verstehen was der Autor erzählen will. Da ich am Ende des Buches echt nicht wusste was das Ganze sollte, habe ich mich im Web über das Buch von Gotthelf schlau gemacht. Erst danach konnte ich Ansatzweise verstehen, was Poschenrieder erzählen wollte. Ich war echt enttäuscht, da mir „Mauersegler“ sehr gut gefallen hat!

(Diogenes, ISBN: 9783257070002, Preis: 22,00 Euro)

 

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Memento Mori von Muriel Spark

Es ist die Geschichte von vier alten, wirklich alten Freunden, die ihren Lebensabend genießen möchte. Doch alle vier werden nach und nach von einem Anonymen angerufen, der ihnen mitteilt, dass sie bedenken sollen, das auch sie sterben werden. Davon aufgescheucht machen sich die betagten Leutchen auf die Suche nach dem mysteriösen Anrufer.

Am Anfang fiel es mir schwer die vielen zum Teil sehr kuriosen Namen der Protagonisten zu behalten bzw, sie nicht zu verwechseln. Doch nach dem ersten Drittel hab ich es dann geschafft, die einzelnen Personen auseinander zu halten. Die Protagonisten in diesem Buch sind alt … sehr alt. Ich glaube keiner/ keine ist jünger als 80 Jahre, folglich sind sie alle sehr eigenwillig. Und diese Eigenwilligkeit ihrer Protagonisten zeichnet Muriel Spark sprachlich wundervoll auf.

Fazit: Ein sehr eigenwilliger und skurriler Roman, der Spaß macht ihn zu lesen.

(Diogenes, ISBN: 9783257070040, Preis: 24,00 Euro)

 

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