Die Tragödie von Idaho

Hanser Berlin
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
19.02.2018
ISBN: 9783446258532
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
An einem einzigen Tag hat Wade alles verloren, was er liebte. May, die kleine Tochter ist tot, ihre ältere Schwester June verschollen, seine Frau Jenny zu lebenslanger Haft verurteilt im Gefängnis. Und nun raubt eine früh einsetzende Demenz ihm auch die Erinnerung. Bald wird er nicht mehr wissen, welche Tragödie sich an jenem Augusttag im Wald abgespielt hat, wie seine Töchter hießen und seine Frau. Auch Ann, deren Liebe groß und wahrhaftig genug ist, um zu Wade in das schrecklich leere Haus im Bergland von Idaho zu ziehen, wird nie den Hergang der Tat erfahren. Aber mit jedem Tag, den sie mit Wade teilt, begibt sie sich tiefer in die Erkundung dessen, was damals geschehen ist, fügt Bruchstücke und Splitter zusammen, und nimmt schließlich Kontakt zu Jenny auf.

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„Sie lernte, mit seinen Aussetzern umzugehen. Manchmal spürte sie auch ohne ein Wort von ihm, dass es wieder so weit war. An einem sonnigen Herbsttag lag sie neben ihm auf der Wiese, und während er döste, spürte sie förmlich, wie sein altes Leben und seine Erinnerungen von seiner Haut abstrahlten und ihn verließen. Alles außer ihr. Auch sie streifte ihr altes Leben ab, um sein Gegenstück zu werden.“ (Seite 28/ 29)

An einem sonnigen Tag arbeiten Wade, seine Frau Jenny und die beiden Töchter May und June im Wald. Sie machen Holz im Wald und stapeln dieses auf dem PickUp. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war, denn Jenny hat May mit der Axt erschlagen und June ist verschwunden. Was ist passiert?

Ein Jahr später ist Wade mit Ann verheiratet. Sie haben sich im Klavierunterricht kennen und lieben gelernt. Ann stellt bei Wade eine beginnende Demenz fest. Doch bevor er alles vergisst, versucht sie Licht in das Drama zu bringen. Warum brachte Jenny ihre Tochter um? Wo ist June?

„Eine liebende Mutter, praktisch verschmolzen mit ihrem Kind (…). Hass und Liebe, vollkommen vermischt in jenen Augenblicken eines Flüsterns, wenn es auf die Worte nicht mehr ankommt, das Baby schon halb schläft und man es auf dem Klang der eigenen Stimme die letzten Meter ins Traumland tragen kann. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Man kann es singen, so sanft man will, die Worte fletschen trotzdem die Zähne. Gott will nicht immer.“ (Seite 101)

Als ich anfing zu lesen, wusste ich nicht so recht, was mich erwartet. Ich war verwirrt, weil die Autorin ziemlich in der Zeit und der Geschichte springt, da sie nicht chronologisch erzählt. Eine echte Herausforderung. Ich habe mir sogar teilweise am Anfang Zeitabfolgen aufgeschrieben. Doch je weiter ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto besser/ interessanter fand ich diese Art der Erzählung. Warum? Weil sie mir immer wieder andere Aspekte/ Blickwinkel zeigte.

Die Tragödie wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Jede*r Protagonist*in erinnert sich an andere Dinge und somit setzt sich nach und nach das Puzzel zusammen.

Ruskovich hat hier einen ganz besonderen Roman geschrieben. Wade verliert nach und nach durch seine Demenz die Erinnerung an die Tragödie, obwohl er sich immer an sie bzw. an seine Kinder erinnern möchte. Und Jenny, seine erste Frau, die die Tochter umbrachte, möchte vergessen und wird tagein tagaus im Gefängnis daran erinnert, welche Tat sie begangen hat.

„Sie denkt an Wade. Er hat seine Töchter verloren, aber auch die Erinnerung daran, sie zu verlieren. Nur seinen Verlust, den hat er nicht verloren. Der Schmerz lebt in seinem Körper weiter wie seine Unterschrift in seiner Hand.“ (Seite 240)

Die Demenz und das Vergessen an sich stehen in diesem Buch im Vordergrund. Ein für mich sehr gelungenes Debüt der Autorin Emily Ruskovich.

Auch wenn man sehr konzentriert lesen muss, lohnt sich dieses Buch auf jeden Fall!!!

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As soon as possible

Paul Zsolnay Verlag
Fester Einband
144 Seiten
Erscheinungsdatum:
14.05.2018
ISBN: 9783552063631
Preis: 16,00 Euro

Klappentext
Es ist ein ziemlich übler Tag im Leben von Anton, der jahraus, jahrein Schulkinder und andere Passagiere aus den Dörfern in die Stadt und wieder zurück bringt. Vor kurzem hat er sich verliebt: in Doris, seine Nachbarin. Doch letzte Nacht hat er auf ihrem Balkon einen Mann husten gehört. Dann steigt auch noch die krebskranke Carla in den Bus, die ein letztes Mal das Meer sehen möchte, und zwar: jetzt sofort. Es ist heiß, und die Gedanken rasen in Antons Kopf. Mut gehört nicht zu seinen Stärken, aber hatte Doris nicht gesagt, dass sie Männer mag, die sich etwas trauen? Wenig später hören die Fahrgäste im Linienbus eine Durchsage: „Wir fahren ans Meer.“

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“ (…), hatte Anton gerne alles unter Kontrolle. Beim Versuch, Schlaf zu finden, wirkte sich das allerdings nicht wahnsinnig positiv aus, denn das Wesen des Einschlafens ist Kontrollverlust. Man muss sich „Gehenlassen“ und „müssen“, das passt nicht zusammen.“ (Seite 17)

Busfahrer zu werden war Antons Kindheitstraum. Doch die Realität hat ihn eingeholt und er muss feststellen, dass ihn dieser Job nicht erfüllt. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst und so fährt er tagaus und tagein die Menschen vom Dorf in die Stadt. Er kennt seine „Pappenheimer“. Als nun eines Tages Carla, eine „Stammkundin“ die schwer krebskrank ist, ihn bittet sie ein letztes Mal ans Meer zu fahren, kommt Anton in eine Zwickmühle. Er kann doch nicht mit dem Bus von seiner täglichen Route abschweifen. Was wird sein Chef sagen? Und die anderen Fahrgäste? Anton beschließt einmal im Leben etwas Verrücktest zu machen, koste es was es wolle und wenn’s auch der Job ist. Eine abenteuerliche Fahrt ans Meer beginnt …

„“Zeitnah“, über das Wort hatte Anton schon öfter nachgedacht. Ist denn Zeit nicht immer nah? Ist sie nicht sogar so nah, dass sie schon wieder vorbei ist, wenn man gerade bei ihr ankommt?“ (Seite 23)

Ich hab schon einige Bücher von René Freund gelesen. Und auch dieses Buch hat mich wieder begeistert. Freund zeichnet seine Protagonisten mit so viel Wärme und Herzensgüte, dass man ihnen fast alles durchgehen lässt. Beim Lesen konnte ich Antons Zerrissenheit förmlich spüren. Als überrkorrekter Mensch soll er plötzlich „Regeln“ brechen, und dass ihm das nicht leicht fällt ist irgendwie nachvollziehbar. Doch Carla ihren letzten Wunsch zu erfüllen ist ihm letztendlich wichtiger als alles andere.

Mut zu zeigen, sich für andere einzusetzen wenn es nötig ist, auch über die eigenen Bedürfnisse hinaus, seinen Weg zu gehen und sich nicht immer alles gefallen lassen … das sind die Parameter in diesem Buch.

Auch wenn es jetzt auf den ersten Blick so aussieht …. dieses Buch ist keines von den „kitschigen alles ist schön Bücher“. Allein durch die zum Teil philosophischen Ansätze ist es ein MutMachBuch, eine TrostBuch, ein GuteLauneBuch … ein Buch für alle, die einmal etwas in ihrem Leben wagen möchten …

Unbedingt lesen!!!

Kurz & Knapp … Mai 2018

Dumplin‘ von Julie Murphy

Willowdean ist 16 und ein wenig Übergewichtig. Doch sie ist mit ihrem Leben und sich selbst im Reinen, wäre da nicht der alljährliche Schönheitswettbewerb. Das ist das jährliche Highlight von Wills Mutter. Sie hat ihn als junges Mädchen gewonnen und seit dieser Zeit wirkt sie jedes Jahr daran mit. Willowdean findet dieses ganze Brimbramborium um Schönheit, Gewicht und Kleider einfach nur furchtbar. Sie verweigert sich jedes Jahr daran teilzunehmen. Doch dann lernt sie den geheimnisvollen Bo kennen. Und plötzlich denkt sie darüber nach, was wäre wenn …

Mir hat dieses Jugendbuch gut gefallen. Am Anfang hatte ich ein wenig Bedenken, dass das jetzt so eine Geschichte wird, in der die „Dicke“ rumjammert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Willowdean kommt als sehr starker und selbstbewusster Teenager rüber. Ihr Gefühlschaos ist nachvollziehbar und auch ihre Aktionen und Reaktionen sind sehr real und authentisch.

Fazit: Ein starker Jugendroman über Themen wie Selbstwertgefühl, Freundschaft, Familie und dem Mut die Dinge zu ändern, mit denen man nicht zufrieden ist. Lesenswert! 

(Fischer FJB, ISBN: 9783841422422, Preis: 18,99 Euro)

 

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Mit Hanna nach Havanna von Theresia Graw

Katrin, ist Mitte dreißig und eine erfolgreiche Journalistin. Ihr TV Show ist eine Erfolg, doch sie träumt von größerem. Als ihr Chef sie eines Tages zu einem Gespräch einlädt, denkt sie, dass sie am Ziel ihrer Träume ist. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Ihre Show wird abgesetzt, und sie soll ab sofort ein Seniorenmagazin moderieren. Katrin ist total gefrustet. Dann flattert ein Brief der 78jährigen Johanna in die Redaktion. Sie ist auf der Suche nach ihrer großen Liebe, die sie auf Kuba vermutet. Katrin lässt sich widerwillig überreden mit Johanna nach Havanna zu reisen, um dort Julius zu finden, der einst in den 60zigern nach Kuba auswanderte.

Dies ist der vierte Roman, den ich von Theresia Graw gelesen habe. Ihre Romane sind alle (!!!) immer mega. Sie sind lustig, unterhaltsam, kurzweilig und haben immer eine unerwartete Wendung. So auch hier. Ich habe so oft gelacht und den Kopf geschüttelt über Katrin und Hanna. Katrin ist immer diejenige, bei der alles nach Plan und Struktur laufen muss. Hanna dagegen lässt alles auf sich zu kommen und genießt das Leben. Das ist für Katrin oft purer Nervenstress.

Außerdem lernt man im Buch ein wenig das Land kennen, da Theresia Graw selbst schon dort war und somit sehr authentisch darüber schreiben konnte. Ohne zu viel zu verraten … das wäre kein Land für mich. Da bin ich dann doch zu sehr Katrin. 🙂

Fazit: Sehr unterhaltsamer Roman mit verschiedenen Wendungen und bis zum Schluss mega spannend. Ein perfektes Buch für den Sommer und um Fernweh kurzfristig zu stillen!

(Blanvalet, ISBN: 9783734104404, Preis: 9,99 Euro)

 

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Das Kaff von Jan Böttcher

Der Architekt Michael Schürtz hat als Jugendlicher sein Heimatdorf verlassen um in der Großstadt sein Leben zu leben. Das macht er auch und zwar sehr erfolgreich. Doch jetzt kehrt er in seine Heimat zurück, um dort als Bauleiter eine Bauprojekt zu überwachen. Es ist eine Reise zurück zu seinen Wurzeln und seinem damaligen Leben, denn auch nach 20 Jahren hat sich wenig in dem Kaff verändert.

Das was Böttcher als Kaff bezeichnet, ist fast ein solcher Ort, in dem ich lebe. Und ganz ehrlich … mich nervt es langsam, dass es immer wieder Bücher gibt (Unterleuten von Juli Zeh war auch so eins), die das Leben auf dem Dorf als rückläufig, langweilig, spießig, unattraktiv usw. darstellen.  Wir erleben es im Moment hier bei uns, dass eben viele junge Familien wieder aufs Dorf/ Land ziehen, weil Häuser und das Leben bezahlbarer sind, als in der Stadt, es Gemeinschaft anstatt Anonymität gibt.

Fazit: Ich mag solche Bücher nicht mehr lesen!

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037161, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Geräusch des Lichts von Katharina Hagena

Fünf sehr unterschiedliche Menschen sitzen im Wartezimmer einer Arztpraxis. Fünf verschiedene Leben. Eine der Wartenden ist die Erzählerin. Sie ist als letztes gekommen und sie erzählt die Geschichte der anderen. Am Anfang scheinen es einzelne Schicksale zu sein. Doch schnell wird klar, das sie alle miteinander verwoben sind und zu den Nordlichtern Kanadas führen.

Eine sehr leise und poetische Geschichte, die viel Aufmerksamkeit braucht und sich nicht schnell runter lesen lässt. Die Geschichte selbst hat keinen großen Handlungsspielraum und ist somit vielleicht eher ein Buch, um sich selbst zu reflektieren.

Fazit: Anders als die Bücher die ich bereits von der Autorin kenne, dennoch lesenswert, wenn man nicht zu viel erwartet.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049329, Preis: 20,00 Euro)

 

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Die Frau nebenan von Yewande Omotoso

Hortensia ist schwarz. Marion ist weiß. Beide sind Nachbarinnen und leben in Katterjin bei Kapstadt, eine Siedlung für Reiche und Privilegierte. Jede der beiden Frauen ist Witwe und beide haben viel in ihrem Leben erreicht. Doch die beiden können sich nicht leiden, und bekriegen sich wo es nur geht. Dann passiert ein Zwischenfall ´mit Marions Haus, und Hortensia bietet ihr notgedrungen „Unterschlupf“. Die beiden Frauen kommen sich kurzfristig näher.

Auf den ersten Blick scheint es ein netter und komische Roman zu sein. Es ist einfach zu schön, wie sich die beiden Alten gegenseitig zickeln und schikanieren. Doch blickt man hinter die Fassade, erkennt man, dass es hier um mehr geht. Es geht um die Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika. Es geht darum, wann beginnt Rassismus und wie kann der Einzelne etwas im kleinen bewirken. Es geht um Freundschaft und Vertrauen, egal welche Hautfarbe und welchen Background der andere hat.

Fazit: Ein gelungener Roman, für den ich mir aber noch ein bisschen mehr Tiefgang gewünscht hätte.

(Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN: 9783548290539, Preis: 11,00 Euro)

 

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Neulich in der Buchhandlung … #13

Hallo Ihr Lieben,

ich hab schon lange nichts mehr aus meinem Leben als Buchhändlerin erzählt. Darum gibt es heute mal wieder eine kleine Geschichte. 🙂

Vor ein paar Tagen kam eine Mutter mit ihrer Tochter in die Buchhandlung. Beide gingen zielstrebig in die Kinderbuchecke. Ich fragte beide, ob ich ihnen weiter helfen könnte. Die Kurze schaute ihre Mutter an, und die sagte leise zu ihr: „Frag doch.“ Daraufhin fragt mich die Kurze: „Hast du Freundebücher? Mit Pferden?“ und strahlt mich mit einer mega Zahnlücke an. Ich antworte: „Leider nicht. Müssen wir bestellen. Sollen wir mal in den Computer gucken?“ Sie nickt. Also gehen wir Richtung Kasse zum Computer um zu schauen. Nun war die Kurze aber wirklich kurz, und sie schaute so gerade über den Tresen drüber und konnte kaum etwas im Computer erkennen. Da hab ich sie kurzerhand hochgehoben und auf die Theke gesetzt. Jetzt konnte sie schauen und grinste mich mit ihrer mega Zahnlücke an. Ich hab ihr dann verschiedene Freundebücher gezeigt und sie hat sich dann eines ausgesucht, welches ich bestellt habe.

Gestern kamen die beiden wieder in den Laden, um das Freundebuch abzuholen. Ich gab es ihr und die Kurze schaute sofort rein. „Na?“, fragte die Mutter, „ist es so wie du es dir vorgestellt hast?“ Die Kurze strahlt, zeigt ihre Zahnlücke und meint: „Das ist das schönste Freundebuch, dass ich je gesehen habe.“

Na, was will ich mehr … Kind glücklich, Mutter glücklich, Buchhändlerin glücklich … seufz

Eure Angelika ♥♥♥

Echt krasses und geniales Debüt

Frankfurter Verlagsanstalt
Fester Einband
480 Seiten
Erscheinungsdatum:
05.03.2018
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 9783627002480

Klappentext
Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert, Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht.

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„Das grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel. Moritz steht da und schaut und kann doch, was er sieht, nicht verstehen. Etwas ist passiert. Er weiß, dass Raffael nicht schläft. Er erkennt es an den aufleuchtenden Spritzern, die durch das Grün schießen.“ (Seite 39)

Moritz ist gerade mit seiner Mutter Marie und seiner kleinen Schwester Sophia in das kleine Bergdorf gezogen. Auf dem Spielplatz begegnen sich die beiden Jungs das erste Mal und Raffael nimmt Moritz sofort unter seine Fittiche. Denn Raffael ist ein sehr offenes, charismatisches und zugleich bösartiges Kind. Moritz eher scheu, zurückhaltend und ergeben. Marie ist nicht wirklich glücklich über die Freundschaft der Kinder, ahnt sie doch, dass Raffael Moritz nicht gut tut. Und als Moritz dann immer wieder mit Blessuren nach Hause kommt, versucht sie ihren Sohn zu überzeugen ihr zu erzählen, wie es dazu kam. Doch Moritz schweigt.

Als die beiden Teenager sind, kommt Johanna dazu. Ihre Eltern sind bei einem Unglück ums Leben gekommen und sie lebt nun bei ihrer Großmutter. Sie sucht Anschluss und die beiden Jungs nehmen sich ihrer an. Doch aus dieser Dreiecksbeziehung entspringt nichts Gutes. Kurz nach der Matura kommt es zu einem Bruch.

Sechszehn Jahre sind vergangen, Moritz wird in Kürze Vater, da schellt es eines Abends an Moritz Haustür. Er öffnet und Raffael steht vor der Tür. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder präsent und alles müssen sich ihr endlich stellen …

„Er sah zu, wie das Blut sich vermischte, seins und Rafs. Es brannte und tat weh. Raf schaute ihm in die Augen.
„Blutsbrüder“, sagte er, ohne zu lächeln.
„Was heißt das?“, fragt Motz.
„Dass wir jetzt mehr sind als Freunde. Wie verwandt“, sagte Raf und schaute ihn immer noch an. „Das du mir gehörst.““ (Seite 44)

Was für ein krasses und geniales Debüt!!! Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Zuerst ist mir diese echt tolle Sprache aufgefallen. Ich kann es gar nicht so genau fest machen. Es ist so eine schöne Erzählweise. So leise, manchmal fast poetisch … aber das was sie erzählt ist grausam, abstoßend und verletzend. Das bewirkte bei mir, dass ich in einen Sog geriet. Ich fing an zu lesen und konnte gar nicht mehr aufhören. Was mich fesselte war wie gesagt die Sprache einerseits und dann die Geschichte andererseits.

Die Geschichte wird in mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Sichtweisen erzählt. Es kommen Moritz, Raffael, Marie (Moritz Mutter) und Johanna zu Wort. Das trägt enorm zur Spannung bei, muss sich jedoch auch konzentrieren, um sich nicht zu verlieren.

Es ist wieder eines dieser Bücher, die mich auch emotional sehr gefordert haben. Ganz ehrlich … Raffael war/ ist ein echter Kotzbrocken. Ich mochte dieses Kind und später auch den Jugendlichen und Mann überhaupt nicht. Seine ganze besitzergreifende und manipulative Art hat mich abgestoßen. Ich konnte nicht verstehen, dass es solche Art von Menschen geben kann. Ja, ich weiß, es gibt sie … Ich habe mich oft gefragt, warum Raffael so ist, wie er ist. Sicherlich hat sein Umfeld/ Familie damit etwas zu tun. Doch entschuldigt ein kaputtes Elternhaus alles? Ich denke eher nicht.

Auch Johanna ist eine, dich ich nicht wirklich mochte. Sie hat die beiden Jungs gegeneinander ausgespielt und sich dabei letztendlich mehr geschadet als sie wollte. Irgendwie war ist sie eine sehr traurige Gestalt in diesem Buch.

Und Moritz hätte ich am liebsten stundenlang in den Hintern getreten um ihm klar zu machen, dass er sich von Raffael lösen muss. Irgendwie war er mir oft zu passiv, was wohl auch daran lag, dass er besonders harmoniebedürftig war, und Ärger eher aus dem Weg gegangen ist.

Ihr seht, für mich war es ein sehr emotionales Buch, welches mich noch lange im Anschluss beschäftigt hat. Wie weit darf man in einer Freundschaft gehen? Darf man das Vertrauen von Freunden auf eine zerstörerische Art und Weise missbrauchen? Wie viel Verrat erträgt eine Freundschaft? Und kann man das dann alles irgendwann verzeihen?

„Aber eins sag ich dir, Moritz: Irgendwann wirst du erkennen, dass manche Menschen nur leuchten, indem sie andere ins Dunkle schubsen.“ (Seite 302)

Chapeau Mareike Fallwickl für dieses Debüt. Eins meiner Lesehighlights in diesem Jahr. Ich freu mich schon auf weitere tolle Romane.

Einfach grandios!!!

Piper
Fester Einband
736 Seiten
Erscheinungsdatum:
02.05.2018
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 9783492058537

Klappentext
Wer bin ich? Diese Frage ist es, auf die Cyril seit jeher eine Antwort sucht. Denn er ist kein „echter“ Avery, wie seine verschrobenen Adoptiveltern Maude und Charles immer wieder betonen. Und auch sonst fällt es ihm schwer, seinen Platz in der konservativen Gesellschaft Irlands der 1940er Jahre zu finden. Doch dann lernt er Julian Woodbead kennen. Die innige Freundschaft, die zwischen ihm und dem glamourösen Lebemann entsteht, wird Ausgangspunkt einer abenteuerlichen Reise, die ihn schließlich zu den Dingen führt, nach denen er sich immer gesehnt hat.

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„So verließ sie Goleen, den Ort ihrer Geburt, den sie mehr als sechzig Jahre nicht wiedersehen sollte, bis sie mit mir über ebenjenen Friedhof ging und unter den Grabsteinen nach den Resten der Familie sucht, die sie verstoßen hatte.“ (Seite 20)

Die Geschichte beginnt 1945 in dem kleinen Ort Goleen in Irland. Die 16jährige Catherine wird vor versammelter Kirchengemeinde an den Pranger gestellt, weil sie schwanger ist und den Namen des Kindsvater nicht nennen will. Schließlich wird sie vom Pfarrer aus der Gemeinde und dem Ort verbannt. Die junge Frau flieht nach Dublin, wo sie bei zwei Männern unterkommt, die befreundet sind. Schnell findet sie eine Anstellung. Nach der Geburt Cyrils gibt sie diesen zur Adoption frei, da sie weiß, dass ein Leben als allein erziehende Mutter im Irland der 1945er nicht möglich ist.

Cyril wächst bei Maude und Charles Avery auf. Einem sehr exzentrischen Ehepaar. Jeder geht seine eigenen Wege und Charles betont Cyril gegenüber immer und immer wieder, dass er kein „echter“ Avery sei. Auch Freunden und Fremden gegenüber betonen die Averys immer wieder, das Cyril nicht ihr leibliches Kind sei, sondern adoptiert. Cyril kommt scheinbar ganz gut mit der Lieblosigkeit seiner Zieheltern klar.

Im Alter von sieben Jahren trifft er das erste Mal auf Julian Woodbeat, dem Sohn von Charles Averys Anwalt. Und von dieser Zeit an ahnt Cyril, dass er anders ist als andere Jungs.

„“Zunächst einmal“, sagt Dr. Dourish, „dürfen Sie nicht denken, dass Sie mit dieser Heimsuchung allein sind. Es gibt viele junge Männer, die über die Jahre von ähnlichen Gefühlen geplagt wurden, von den alten Griechen bis in unsere Tage. Seit allem Anbeginn gibt es Perverse, Degenerierte und Gestörte, also sollten Sie niemals glauben, Sie wären etwas Besonderes. Es gibt sogar Orte, wo man damit durchkommt und sich niemand daran stört. Das Wichtigste für Sie jedoch, Tristan, ist es, niemals zu vergessen, dass Sie diesen ekelhaften Trieben nicht nachgeben dürfen. Sie sind ein guter, anständiger, irischer, katholischer junger Mann und … Sie sind doch katholisch?“
(…)
„Es stimmt schon“, fuhr er fort, „in der ganzen Welt gibt es Homosexuelle. (…) Aber in Irland, Tristan, in Irland gibt es keine Homosexuellen, dass dürfen Sie nie vergessen.““ (Seite 269)

Im weiteren Verlauf des Buches, in Zyklen von jeweils sieben Jahren, erfahre ich, wie Cyrils Leben verläuft. Es ist ein schwieriges Leben … als Homosexueller in einer Zeit aufzuwachsen, in der diese unter Strafe steht auf der einen Seiten und auf der anderen Seite in einem erzkatholischen Land wie Irland aufzuwachsen. Cyril versucht seine Neigung zu vertuschen, in dem er eine Beziehung zu einer Frau beginnt, die letztendlich in einem Desaster endet. Cyril flieht nach Holland, wo er endlich eine Liebe findet, doch auch diese endet desaströs. Kann Cyril jemals glücklich werden …

„“Seht ihr“, sagte ich. „Das Land ändert sich nie. In Irland wird lieber alles vertuscht, als dass man den Wahrheiten des Lebens ins Auge sieht.““ (Seite 470)

Dies war mein erster Boyne. Und dieses Buch ist eines dieser Bücher in die man eintaucht und nie wieder auftauchen möchte. Boyne skizziert seinen Protagonisten und die Lebenssituation so real, dass man das Gefühl hat sie schon ewig zu kennen bzw. mit ihnen durch diese Zeit zu gehen. Über 700 Seiten ist mir Cyril sehr ans Herz gewachsen und irgendwie wollte ich ihn nach der letzten Seite nicht gehen lassen …

Cyrils Geschichte ist eine Geschichte, die mich oft wütend gemacht hat. Wütend auf Menschen und Land, die eine so unglaublich Doppelmoral haben, die so bigott und homophob sind, dass ich das Buch am liebsten gegen die Wand geschmissen hätte. Doch wem hätte es genutzt? Hier wird nur Cyrils Geschichte erzählt, doch sie steht stellvertretend für alle homosexuellen Menschen, die in einigen Teilen der Welt bis heute noch strafrechtlich verfolgt werden. Allein dies Vorstellung macht mich gerade wieder sehr wütend.

Am allerschlimmsten fand ich die Abschnitte, in denen immer wieder betont wurde, dass es keine Homosexuelle in Irland gebe, und dass man diese „Perverslinge“ ausrotten müsste. Und die, die das sagten waren dann oft die, die verheiratet waren und nachts loszogen um ihre homosexuellen Neigungen auslebten. Echt zum kotzen diese Doppelmoral!!!

Natürlich gibt es im Buch und somit auch in Cyrils Leben andere Menschen. Menschen die Cyril lieben und akzeptieren so wie er ist. Die ihn durch diese Zeit und den Kampf nach Akzeptanz begleiten. Und am Ende des Buch kann ich dann folgende Worte von Cyril lesen:

„Und zum Schluss, als alle applaudierten, da begriff ich, dass ich endlich glücklich war.“ (Seite 733)

Cyrils Geschichte hat mein Herz bewegt … ich habe mit ihm gelitten und geliebt.

Unbedingt lesen ♥♥♥

Reichtum der Gedanken

Luchterhand
Fester Einband
280 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783630875187

Klappentext
Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Sie teilen den Traum von einer Zukunft fern von ihrer Herkunft. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen sie sich entwickeln, die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben. Tonis und Edgars Leben entwickelt sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biografien. Toni lebt in dem Konflikt zwischen ihren Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und dem Wunsch, sich zu binden, um Edgar zu vergessen.
Fünfzig Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, fragt sich Tonis Tochter: War ihre Mutter gescheitert oder lebte sie, wie sie es sich gewünscht hat, selbstbestimmt und frei? Wer war dieser Mann, den sie nie vergessen konnte? Die Tochter will ihm begegnen, ein einziges Mal.

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„Beschränkt auf diese vier Wände zu sein, verfolgt von den Gedanken an das Leben da draußen, ich versuche, es mir vorzustellen. Gedanken an Spaziergänge am Strand, der mit dem Fahrrad in weniger als einer halben Stunde zu erreichen wäre; Gedanken an Autofahrten, um sich ein neues Buch zu kaufen, um ins Theater oder Kino zu gehen; Gedanken an Dinge, die selbstverständlich gewesen, doch zuletzt nicht mehr möglich gewesen waren, an Freundschaften, die deshalb schwerfällig geworden und schließlich verloren gegangen waren. Gedanken an das eigene Kind. Das Warten auf einen Anruf, das Warten auf eine Mail von diesem Kind. Gedanken an die Vergangenheit, an eine Frau Anfang zwanzig, die in einem Zimmer zur Untermiete gewohnt hat, ein neu gekauftes Cocktailset im Regal, einen Plattenspieler neben dem Sofa, einen Stapel Bücher neben dem Bett, die darauf wartet, dass ihr Besuch an der Tür klingelt.“ (Seite 43)

Antonia, Toni genannt, ist tot. Ihre Tochter, die Ich-Erzählerin räumt nach dem Tod der Mutter die Wohnung nach und nach aus. Dabei fallen ihr Fotos und Tagebucheinträge der Mutter in die Hand.

Toni war eine selbstbewusste Frau, die ihren Weg ging. In den 60er lernt sie Edgar kennen, ihre große Liebe. Die beiden sind voller Pläne für die Zukunft. Sie wollen reisen, leben … anders als ihre Eltern, die vom Krieg geprägt sind. Es scheint als könne die beiden nichts aufhalten. Doch dann geht Edgar nach Hongkong. Toni soll bald nachkommen. Doch dies geschieht nie. Toni löst ihre Verlobung und versucht ein Leben ohne Edgar zu leben. Sie heiratet mehrfach und bekommt eine Tochter. Doch ihre große Liebe Edgar kann sie nie vergessen. Sie trifft ihn sogar Jahre später noch einmal, doch dieses Treffen verläuft anders als Toni es sich vorgestellt hat.

Nun sitzt Tonis Tochter im Haus der Mutter und versucht das Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren. Was ist damals passiert? Wieso haben Toni und Edgar nie zueinander gefunden? Was hat diese Liebe auseinandergebracht?

„Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird.“ (Seite 140)

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn einem kalt ist, und man sich eine dicke Decke umlegt? Genau so erging es mir mit diesem Roman. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ich habe mich in diese Geschichte um Toni und Edgar fallen lassen. Bilkaus Sprache ist einfach grandios. Die Ich-Erzählerin erinnert und konstruiert das Leben ihrer Mutter mit so viel Liebe und Wärme, das ich gar nicht mehr daraus auftauchen wollte. Bilkau erzählt von einer großen Liebe, von den Ängsten und dem Verlust einer großen Liebe, von Neuanfängen die immer wieder irgendwie scheitern und der großen Frage … hatte Toni das Leben, das sie sich gewünscht hat?

Aber es ist nicht nur Tonis Leben, das hier reflektiert wird. Es geht auch um das Leben der Ich-Erzählerin, die selbst Mutter ist und der Auszug der Tochter steht kurz bevor, um Beziehungen, und das diese gepflegt werden müssen, egal ob Ehe oder Mutter-Tochter-Beziehung.

Irgendwann kommen wir alle an diesen Punkt, an dem wir uns fragen, haben wir das Leben gelebt, das wir leben wollten/ uns gewünscht haben? Das Leben ist sicherlich kein Wunschkonzert oder Ponyhof, aber wir haben jeden Tag die Chance das Beste aus unserem Leben zu machen und es ist nie zu spät unsere Träume zu leben.

„Eines unserer letzten langen Telefonate. Ich hatte auf dem Sofa gelegen, allein zu Hause, hatte mir Zeit genommen. Am Ende des Gesprächs sagte ich ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit raus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte.
„Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben“.“ (Seite 241)