Wenn Worte fehlen …

Hallo Ihr Lieben,

seit einiger Zeit beschäftigt mich ein Thema immer und immer wieder … Rezensionsstau. Wie einige von Euch wissen versuche ich ein Buch pro Woche zu lesen. Manchmal schaffe ich auch zwei. Aber mir fehlt dann oft einfach neben all den anderen Dingen, die ich täglich/ wöchentlich mache/ machen muss einfach die Zeit für eine Rezension. So stapeln sich die gelesenen Bücher neben den ungelesenen Büchern.

Ich habe mir heute frei genommen und  so mit Brückentag fünf Tage frei. Hurra! Eigentlich wollte ich für alle zehn Bücher Rezensionen schreiben. Doch als ich mich heute morgen an den Computer gesetzt habe, war mein Kopf plötzlich leer, und ich wusste nicht wie ich das gelesene und empfundene in Worte packen sollte. Das macht mich echt fertig und ich suche schon den ganzen Tag nach einer Lösung.

Vor einiger Zeit habe ich die Kategorie „Kurz und knapp“ eingeführt. Für mich eine durchaus tolle Sache. Schnell mal über ein Buch ein paar Worte. Das sollte aber eigentlich nur für Bücher sein, die schon oft auf anderen Blogs besprochen wurden und/ oder mir nicht wirklich gefallen haben. Doch was mache ich mit all den tollen Büchern, die, die mir besonders viel gegeben haben und denen ich viele Leser*innen wünsche?

Im Büchergarten fällt es mir nicht schwer über die gelesenen Bücher zu erzählen, doch zu Hause fehlen mir die Worte, um meine Gefühle nieder zu schreiben. Falls Ihr jetzt meint, ich sollte es einmal mit YouTube versuchen … nein, dass ist definitiv nicht meine Welt.

Manchmal frage ich mich auch, muss ich zu jedem gelesenen Buch eine Rezension schreiben? Nicht alle Bücher die ich lese sind Rezensionsexemplare der Verlage.

Wie macht Ihr das? Schreibt Ihr immer nach dem Lesen sofort eine Rezension? Besprecht Ihr alle gelesenen Bücher? Ich würde mich sehr über Tipps freuen, denn im Moment weiß ich echt nicht weiter.

Mein Kopf ist leer …

 

Eure Angelika ♥♥♥

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Sind wir nicht alle irgendwie die Hoffnungsträger dieser Welt?

Arche Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.08.2017
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783716027646

Klappentext
Philipp hat gerade eine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen und ist aus seiner WG rausgeflogen, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten. Als er sich an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren vertreibt, wird Uwe auf ihn aufmerksam. Uwe ist Leiter des städtischen Recyclinghofs und sieht in Philipp sofort einen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofs gehörig ins Wanken gerät.

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„Doch wann, frage ich mich, sind die Dinge nicht mehr die Dinge, die sie mal waren? Irgendwann sind sie etwas anderes geworden, aber an welchem Punkt haben sie angefangen, dieses Andere zu werden?“ (Seite 31)

Philipp hat seine lehr geschmissen und wurde aus seiner WG rausgeworfen … weil Philipp anders ist als andere. Er ist nicht einer dieser Jugendlichen oder Menschen, bei denen es um höher, schneller, besser oder wie auch immer geht. Philipp ist eigen manchmal auch seltsam. Das sieht auch Uwe, der Chef vom Recyclinghof sofort, als er Philipp beim Sammeln von Stanniolpapier beobachtet. Uwe weiß sofort das ist sein Mann, sein Hoffnungsträger für den Recyclinghof. Er bietet Philipp einen Job dort an. Dieser ist skeptisch, geht aber dennoch hin. Hier sieht er schnell, dass dieser Recyclinghof einen eigenen Kosmos hat. Seine eigenen Spielregen und Spieler. Doch was meint Uwe, als er von Hoffnungsträger spricht? Und kann Philipp seine Hoffnung erfüllen?

„Ein Ding sei also nur auf Zeit dieses Ding. Und auch in dieser Zeit sei es immer nur zum Teil dieses Ding. >Das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, nur mal als Beispiel, lieber Philipp, das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, aber es bleibt dennoch ein Schräubchen, da sind wir uns doch einig. Denn wenn es als Teil der Lampe kein Schräubchen mehr wäre, würde die Lampe augenblicklich in Stücke gehen und wäre keine Lampe mehr. Anders ausgedrückt: Die Lampe ist nur deshalb eine Lampe, weil sein Schräubchen ein Schräubchen bleibt, verstehst du? <“ (Seite 32)

Philipp der Hoffnungsträger … für welche Hoffnung? Für welchen Träger? Für eine Generation „Null Bock“?

Das waren die Fragen, die mir als erstes in den Sinn kamen, als ich anfing zu lesen. Doch je weiter man in dieses Buch eintaucht und sich von den vielen kleinen und feinen Sätzen zum nachdenken anregen lässt, war für mich irgendwann klar, es geht um uns.

Wir stecken immer Hoffnungen in irgendetwas oder irgendwen, z.B. wenn ich das und das mache, dann wird alles gut oder wenn ich das und das mache, dann werde ich oder wenn ich mir das kaufe dann … Unser tägliches Leben ist mit Hoffnungen auf etwas gespickt, somit stellen Menschen und Dinge „Hoffnungsträger“ dar. Erfüllen sie unsere Hoffnungen nicht, ob sofort oder später, dann werden sie aussortiert. Ab auf den Müll damit …

Aber Müll ist nicht gleich Müll und so landet eben vieles auf dem Recyclinghof, wo Dinge recycelt werden. So wird aus meinem „Müll“ vielleicht der Hoffnungsträger für jemanden anderen.

Es geht aber nicht nur um Konsumgüter, sondern auch um die Randgruppen unserer Gesellschaft. Menschen die sich bewusst aus unserer Gesellschaft verabschiedet haben um ihr eigenes hoffnungsvolles Leben zu leben. Ein Leben als Lebenskünstler, Aussteiger … Hoffnungsträger für eine bessere Welt.

„All die Sofas, Bücherregale und Lampen waren auch einmal Hoffnungsträger, waren Teil eines Teams, des Team Eigenheim, des Teams Jungfirma, des Teams Wohngemeinschaft. Jetzt sind sie hier gelandet, vergessen von der Welt und den Menschen, die sie los werden wollten.“ (Seite 93)

Jens Steiner hat mit diesem Buch etwas ganz besonderes geschaffen. Dieses Buch hat einen ganz eigenen Kosmos. Ich mag die Sprache, die obwohl sie einfach ist, doch fantastisch die Situationen und Gedanken wieder gibt. Hat irgendwie etwas von einem „Märchenerzähler“. Ich hätte ewig weiterlesen können. ♥

Es gibt so viele wunderbare philosophische Stellen in diesem Buch, die mich inne halten lassen, über die ich nachdenke …

Vielen lieben Dank Jens Steiner für dieses besondere Buch und den mir bescherten Lesegenuss. ♥♥♥

„Das Schicksal hobelt und hobelt an jedem von uns und am Schluss sind wir alle gleich. Sagt zumindest unser João. Am Anfang tut jeder, als sei er ein Unikum, am Ende sind wir ein einziger Brei. Und weil wir sowieso nichts dagegen tun können, sollten wir uns davon die Laune nicht verderben lassen.“ (Seite 188/ 189)

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus

… aus „Hier können Sie im Kreis gehen“ von Frédéric Zwicker

Nagel und Kimche
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.08.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783312009992

 

„Ich habe lange zugeschaut. Als ich jung war, sah ich die Leute alt werden und verblassen. Sie entfernten sich scheinbar von mir, es war die Vergänglichkeit, die ich den Menschen ansah. Ich hatte alles vor mir. Mein Leben hatte noch gar nicht angefangen. Später sah ich die Menschen dann zu mir heranwachsen. Ich hatte sie überholt, und sie waren mir auf den Fersen. Und bald fühlte ich mich in die Enge getrieben. Den Weg nach vorne versperrte mir der Tod, der immer unverhohlener auf mich schielte, während er erst sporadisch, bald regelmäßig an die Türen meiner bekannten klopfte. Er war mir ein altbekannter und doch nicht minder unsympathischer Begleiter.
(…)
Letzter Akt: die letzte Sünde. Anstatt ihre verbleibende Zeit in die Hand zu nehmen, anstatt nach vorne zu schauen, wie sie es früher immer wollten, drehen sie sich um.“ (Seite 5/ 6)

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Ich war dem Winter stets dankbar, wenn viel Schnee fiel, der den Lärm dämpfte und viel Hässliches zudeckte.“ (Seite 38)

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„Früher konnte man noch rechtzeitig sterben. Irgendwann hat man das verlernt. Man hat keine Zeit mehr für den Tod, weil man noch Direktor, Millionärin oder vierfacher Ehemann werden wollte. Man hat angefangen, sich selbst so wichtig zu nehmen, dass man vergessen hat, nur das zu bedeuten, was man jenen bedeutet, die einem etwas bedeuten. Man hat den Tod in unserer Gesellschaft aus dem Leben vertrieben.“ (Seite 90)

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Kurz und knapp #3 … „Frühstück mit Meerblick“ von Debbie Johnson

Heyne Taschenbuch
Flexibler Einband
429 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.05.2017
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783453421981

Der Ehemann einer jungen Frau stirbt. Sie hat zwei Kinder. Sie versinkt in Trauer. Irgendwann merkt sie das Leben muss weiter gehen und vor allem muss sie für den Unterhalt ihrer Kinder sorgen. Sie nimmt einen Job in einem Café am Meer an. Dort angekommen wissen alle irgendwie über ihr Schicksal Bescheid und sind alle ganz lieb zu ihr.

Ehrlich gesagt lese ich zwischendurch auch mal ganz gerne Bücher, die man ruck zuck lesen kann. Die etwas fürs Herz sind, über die man nicht viel nachdenken muss. Dennoch erwarte ich auch von solchen Büchern ein bisschen, ein klitzekleines bisschen Inhalt … Anspruch oder wie immer man es nennen will.

Fazit
Dieses Buch habe ich abgebrochen, weil es einfach zu flach und konstruiert war, vom wirklichen Leben weit  entfernt. Bestsellerautorin hin oder her!

 

2 von 5 Sternen

Neulich in der Buchhandlung … #11

 

Hallo Ihr Lieben,

die Schule hat letzte Woche wieder begonnen und mit diesem Tag auch die I-Dötzchen-Zeit. In der Gemeinde Ruppichteroth gibt es bei ca. 10.461 Einwohner (Stand 31.12.2015) 3 Grundschulen … Winterscheid, Schönenberg und Ruppichteroth. Das finde ich für unsere kleine Gemeinde schon ganz schön viel. Und jedes Jahr werden so um die 80-90 Kinder eingeschult. Die Grundschule in Ruppichteroth ist sogar zweizügig.

Dieses Jahr durfte ich seit der Eröffnung von Angelikas Büchergarten im September 2015 das zweite Mal Lesetüten in den Schulen an die I-Dötzchen verteilen. In Winterscheid und Schönenberg machen es die Schulleiterinnen am Einschulungstag und in Ruppichteroth darf ich es immer ein paar Tage später selber machen. Für mich ist es immer wieder schön, zu sehen, wie die Kurzen mit strahlenden Augen da sitzen und ich versuche zu erklären welch tolle Welt sich ihnen durch das Lesen von Büchern eröffnet.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Schulleiterinnen Frau Löbach, Frau Schreiber und Frau Schellberg bedanken, dass Sie mir die Möglichkeit geben, den Kids mit der Lesetüte einen Anreiz zu bieten in die Welt der Buchstaben einzutauchen.

Danke ♥

Eure Angelika

I-Dötzchen 2017 Schönenberg

I-Dötzchen Ruppichteroth

Phantastischer Wahnsinn!!!

S. Fischer Verlag, ISBN: 9783103972825, Preis: 22,00 Euro

 

Rückentext
Mit einem Eisblock im Kofferraum fährt Eva in ihr Heimatdorf. Jahrelang ist sie nicht dort gewesen. Und sie hat nie zurückgeblickt – bis eine Einladung ihrer beiden ältesten Freunde alles zurückholt: den Sommer, in dem zwei Freunde zu Evas dunkelsten Dämonen werden; den Sommer, den Eva seit dreizehn Jahren zu vergessen versucht.

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„Ich denke nach, doch mir fällt nur anderer Leute Kummer ein. Leid, dessen Zeugin ich war, das ich mir ansah, bis es auch mein Leid wurde. Durch Teilen nimmt die Intensität ab, wird es für beide erträglicher.“ (Seite 88)

Eine junge Frau, Eva, packt sich einen Eisblock in den Kofferraum ihres Autos und fährt los, um einer Einladung eines alten Freundes Folge zu leisten. Dieser Satz, das Cover und der Titel haben mich mega neugierig auf dieses Buch gemacht. Als ich es dann in Händen hielt war ich immer noch fasziniert vom Cover, hatte aber keine Ahnung was mich für eine Geschichte erwartet.

Nach den ersten gelesenen Seiten habe ich ein ungutes Gefühl. Mir ist kalt beim Lesen, und je weiter ich in dies Geschichte eintauche, desto größer wird mein mulmiges Gefühl. Ich ahne, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann.

In Rückblicken erlebe ich Evas Sommer 2002. Ein Sommer mit ihren Freunden Laurens und Pim. Eigentlich kann man ihre Beziehung nicht als Freundschaft bezeichnen.  Pim muss immer im Mittelpunkt stehen, Laurens sieht zu ihm auf und Eva … Eva möchte eigentlich nur Teil von irgendetwas sein und ist froh, dass die beiden Jungs sie in ihrer Mitte aufnehmen, nichtsahnend, dass die Beiden einen Plan für den Sommer haben. Die Jungs haben  sich ein Spiel ausgedacht. Ein Spiel, das das Leben der drei verändert.

In einem zweiten Erzählstrang lerne ich Evas Familie kennen. Die Eltern beide Alkoholabhängig, ihre Schwester Tess  Verhaltensauffällig und Jordan der Bruder voller Gleichgültigkeit. Dazwischen Eva, die versucht ihren Weg zu finden.

Ein dritter Erzählstrang erzählt die Jetztzeit, die Reise von Eva in ihre Heimat, das Wiedersehen mit ihrer Familie und das was sie dort vorhat.

„Jedes Leben ist lediglich eine Summe aus Zahlen, doch nur wenige schaffen es, Buch zu führen, rechtzeitig mit Zählen anzufangen. Diejenigen, die es versuchen, werden krank oder verrückt, legen von vornherein fest, wie oft sie kauen müssen, damit das schon mal klar ist, und ziehen dann jede Bewegung, die sie machen, davon ab. Ihr Leben ist keine Summe, sondern eine Differenz, sie bringen sich selbst auf null.“ (Seite 247)

Beim Lesen dieser Geschichte komme ich mir wie ein Voyeur vor. Ich lese es und kann nicht aufhören, weil ich wissen will wie es weiter geht; und gleichzeitig möchte ich aufhören zu lesen, weil es so abstoßend, brutal und unendlich zerstörerisch ist … aber ich kann nicht … ich muss weiter lesen.

Und so wie der Eisblock im Buch schmilzt, so schmelzen die Seiten des Buches dahin. Am Anfang blickt man wenig durchs Eis, noch durch die Geschichte. Doch je dünner das Eis wird und die Seiten weniger werden, desto mehr erahnt man was passieren wird, und kurz vor dem Ende, man kann schon fast durchs Eis schauen, trifft es den Leser wie ein Faustschlag in den Magen … man ist einfach nur noch schockiert …

Mit diesem Buch hat Lize Spit kein einfaches Buch geschrieben. Es ist im eigentlichen Sinne kein schönes Buch. Und doch ist es ein großartigeres Buch, weil Lize Spit hier eine Geschichte erzählt die keinen Leser unberührt lässt. Nicht während des Lesens und schon gar nicht am Ende. Sprachlich einfach gehalten, schafft sie trotzdem eine Atmosphäre, die der Geschichte voll und ganz entspricht. Mit jeder Seite mehr die ich lese, wird mir kälter und kälter.

„Und es schmilzt“  ist für mich eines mit der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es ist  mit einer solchen Intensität  geschrieben, dass ich jetzt noch dieses mulmige und beklemmende Gefühl in den Bauch bekomme, wenn ich darüber schreibe.

„Es gibt keinen Weg zurück. Ich bin ohne Bremsen den Abhang hinuntergeschickt worden.“ (Seite 496)

 

5 von 5 Sternen

William James Sidis – ein Wunderkind, das keins sein wollte

Diogenes, ISBN: 9783257069983, Preis: 25,00 Euro

Rückentext
Boston, 1910. Der elfjährige William Sidis wird von der amerikanischen Presse als „Wunderjunge von Harvard“ gefeiert. Sein Vater, Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen überragenden Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

„Boris war ein Idealist gewesen, ein Weltverbesserer, mit jeder Faser seines Herzen. Er wollte die Menschheit von ihrer schlimmsten Seuche befreien, der Dummheit, und somit zugleich vom verrohten Sohn der Dummheit, dem Krieg. Dafür hatte er gelebt. Und als er glaubte, den universalen Impfstoff gegen Dummheit entdeckt zu haben, nämlich seine Erziehungsmethode (…)“ (Seite 488)

Als 18jähriger kommt der Urkrainer Boris Sidis 1886 in New York an. Ohne einen Cent betritt er das neue Land, von dem er sich eine Zukunft erhofft. Boris spricht über 20 Sprachen, doch kein Englisch. Er bekommt einen Job, und dank seiner „Sucht“ nach Bildung, lernt er schnell die Sprache und gibt später sogar anderen Einwanderern Sprachunterricht. Boris ist davon überzeugt, dass jeder noch so unbedeutende Mensch etwas ganz großes werden kann, wenn er bereit ist zu lernen. Alles aus sich herauszuholen. Boris selbst entscheidet sich irgendwann Psychologe zu werden, weil ihn das Gehirn und die damit Verbundenen Fähigkeiten fasziniert. Boris Sidis ist davon überzeugt, dass ein spezielles Programm die Leistungsfähigkeit des Gehirns schon im Säuglingsalter geschult werden kann. Er entwickelt die Sidis-Methode.

„In Sarahs Vorstellung war Bildung genau das: sich Fertigkeiten aneignen, die das Leben erleichtern. Und weil ihr Leben so schwer war, sehnte sie sich nach Erleichterung, also nach Bildung. Mit Liebe zum Wissen, mit Freude an der Erkenntnis, mit Lernen um des Lernen willen hatte ihr Bildungsdrang nichts zu tun.“ (Seite 64)

Sarah wächst in einer großen Familie auf und muss sich immer um die Kleinsten kümmern. Schon früh lernt sie für die Familie zu sorgen. Sarah ist wie Boris aus der Ukraine emigriert und hat keine Schulausbildung. Eines Tages trifft Sarah auf Boris, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Und Boris sieht in ihr das perfekte Versuchskaninchen. Er nimmt sich vor, Sarah so zu fördern und zu unterrichten, dass sie Medizin studieren kann. Und was  eigentlich sehr unwahrscheinlich scheint, gelingt. Außerdem verliebt sich Sarah in Boris. Sie heiraten und kurz darauf kommt William zur Welt.

„Nein. Erziehung ist die Hilfe, die Kinder von Erwachsenen bekommen müssen, um ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Alle Eltern wissen, dass ihr Kind körperlich zurückbleib, wenn sie ihm nicht genug Nahrung geben. Um die Ernährung seines Gehirns kümmern sie sich seltsamerweise viel weniger. Die Folgen kann man überall beobachten. Es gibt jede Menge kleinwüchsige, körperlich unterentwickelte Menschen, die als Kind zu wenig zu essen hatten. Aber was es noch viel häufiger gibt, das sind geistige Krüppel. Es sind so viele, dass es kaum jemandem auffällt, wie schlecht ihr Kopf funktioniert, weil die allermeisten anderen genauso verkrüppelt sind. Ist das nicht ein Jammer? Kein Organ, kein Muskel, kein einziger Teil des Körpers wird so schlecht trainiert wie ausgerechnet das Gehirn. Da hat die Natur dem Menschen ihr größtes Wunderwerk geschenkt, und was macht er damit? Er lässt es verfaulen und verrotten.“ (Seite 157/ 158)

William wird vom ersten Tag seiner Geburt an von seinen Eltern Boris und Sarah unterrichtet. Das fängt im Kleinen an … Boris läuft ums Bett mit einem Glöckchen, damit William schon früh seine Aufmerksamkeit fokussiert. Und so geht es weiter und weiter … William überspringt Schulklassen, studiert früh und wird als „Wunderkind von Harvard“ gefeiert. Kein einfacher Weg, auch nicht für seinen Vater Boris, der sich immer und immer wieder mit einem sperrigen Schulsystem auseinander setzen muss. Irgendwann hat William genug und flieht aus seinem Leben. Er will nicht immer von allen Menschen „gebraucht“ werden. Er möchte sein Leben leben, auch wenn er am Anfang keine Ahnung hat, wie es aussehen soll. Er weiß nur ein, er will nicht mehr dieses Wunderkind sein. Er will William sein, ein junger Mann, der ein selbstbestimmtes Leben führen möchte. Doch kann er da schaffen?

Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“ (Seite 473)

Was für grandioses Debüt!!! Ich bin hin und weg. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich keine „dicken“ Wälzer lese. Doch dieses Buch hatte mich von der ersten bis zur letzten Seite im Griff. Klaus Cäsar Zehrer schafft es mit einer unendlichen Leichtigkeit die Familiengeschichte der Sidis zu erzählen. Einer Familie, der Bildung unendlich wichtig war. Ich bekam einen Einblick über die Möglichkeiten der Manipulation und des Gehirntrainings.

Schon im ersten Kapitel, dem Kapitel in dem Boris in Amerika ankommt und wie er sich dann bildet und immer weiter bildet, mit welcher Verbissenheit er gegen die „Verdummung“ der Menschen kämpft ist schon echt krass. Ich habe ihn irgendwie für seinen Ehrgeiz bewundert. Und vieles scheint auch schlüssig und nachvollziehbar zu sein.

Als dann William geboren wird, bekomme ich das erste Mal ein beklemmendes Gefühl. Und eine Frage taucht in meinem Kopf auf … wie kann man einen so kleinen Wurm schon so triezen. Statt Gefühle werden Sprachen und Formen, Zahlen und Wörter dem kleinen Jungen eingetrichtert. Jetzt fällt mir beim Lesen etwas auf … Boris fehlt es an Empathie … jeglicher Empathie. Und William? Auch ihm scheint sie zu fehlen.

An vielen Stellen im Buch habe ich mich gefragt, darf man seinem Kind so etwas  machen?  Darf mein ein Kind/ einen Säugling mit solch einer Methode „fördern“? Nie wird William gefragt, ob er das möchte. Der Ehrgeiz seines Vaters ist so groß, und die kindliche Stimme so klein. Aber auch in unserer heutigen Welt ist es oft der Ehrgeiz der Eltern, der das Leben der Kinder bestimmt.

Irgendwann verlässt William seine Familie und das Leben des Genies. Ich habe so sehr gehofft, dass er nun ein „normales“ Leben führen kann. Doch leider holt ihn „das Genie“ immer und immer wieder ein. Mir hat William einfach nur noch leid getan. Was für ein armer Mensch. Er wollte einfach nur leben, ein einfaches Leben, doch die Menschheit hat ihn bis zur letzten Sekunde nicht in Frieden gelassen.

„Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist.“ (Seite 590)“

Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Familiengeschichte, eine Geschichte über Bildung,  sehr anschaulich, leicht und überaus spannenden sowie informativ. Da fliegen 650 Seiten nur so davon …

Unbedingt lesen!!!

Chapeau Klaus Cäsar Zehrer!!!

 

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus!