Arme einsame Herra!!!

Klett-Cotta, ISBN: 978-3-608-50130-8, Preis: 20,00 €

 

Klappentext
Es ist kalt in Island.
Sehr kalt.
Der Staat hat soeben Bankrott angemeldet.
Die 80-jährige Herbjörg María Björnson facebookt sich auf den Spuren ihres bewegten Lebens durch die Welt: Enkeltochter des ersten isländischen Staatspräsidenten, während des Zweiten Weltkriegs in Dänemark und Deutschland, dann Argentinien und Paris. Doch egal wo, immer musste sie sich mit Männern herumschlagen … Herbjörg ist die Frau des 20. Jahrhunderts, doch genauso steht sie auch für Island und dessen Streben nach Unabhängigkeit. Mit ihr gelingt Helgason eine der wunderbarsten und kratzbürstigsten Frauenfiguren der Gegenwartsliteratur.

„Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit meinem Laptop und einer Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.“

Dieses Zitat und auch die Aufmachung des Buches (das Cover ist schwarz/ aubergine. Man sieht darauf eine alte Dame … auf den ersten Blick könnte es auch ein Mann sein… mit Sonnenbrille und Zigarette) lässt zuerst einmal auf ein fröhliches und skurriles Buch schließen. Dem ist aber nicht so.

Es ist ein Buch der leisen Töne, die man durch die „Schnodderigkeit“ der Protagonistin herausliest. Herra hat eine Menge in ihrem Leben erlebt. Die vielen Vergewaltigungen in jungen Jahren während des Krieges haben sie geprägt. Sie baut eine Mauer um sich herum auf und versucht ihr Leben durch Sarkasmus und Lächerlichkeit zu leben. Zu überleben.

Alle haben sie immer nur benutzt. Selbst ihre Kinder machen dass noch als sie bereits alt und krank ist. Und so liegt sie alleine und einsam in ihrer Garage und schließt mit ihrem Leben ab.

Mich hat dieses Buch sehr berührt. Man kann es nicht so schnell weg lesen, da man sich mit den stillen und leisen Tönen auseinander setzen muss.

Ein sehr bewegendes Buch, das man gelesen haben sollte!!!

 

5 von 5 Sternen

Liebeskummer lohnt sich nicht …

Atlantik Verlag, ISBN: 978-3-455-60059-9, Preis: 20,00 €

Klappentext
Martha hat einen langweiligen Job, den sie von ihrer Schwester übernommen hat, und lebt in der Wohnung, die ihr Bruder ihr überlassen hat. Sogar ihre beste Freundin hat sie sozusagen geerbt. Mit Tom sollte alles besser werden. Tom, der ihr mit Kreide Botschaften vor die Haustür malt und die beste Marmelade aus selbst gepflückten Brombeeren kocht. Doch dann verschwindet Tom, und Martha weiß nicht mehr weiter – bis sie die schöne und geheimnisvolle Stella trifft, die mir ihren Söhnen auf der Suche nach einer Mary Poppins ist. Martha erliegt dem Zauber der Jungs, die ihr zeigen, worauf es wirklich ankommt im Leben.

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„Manchmal scheint die ganze Welt entvölkert zu sein, wenn ein einziger Mensch fehlt“ ( Alphonse de Lamartine)

Martha ist eine junge Frau, die auf den ersten Blick, nichts in ihrem Leben auf die Reihe bekommen hat. Sie hat den Job ihrer Schwester übernommen, trägt deren Kleider auf, lebt in der Wohnung ihres Bruders, die der nicht mehr nutzt. Doch da ist Tom. Der erste Junge, der nur ihr allein gehört. Sie zeigt ihn weder den Eltern noch den Freunden, aus Angst, dass Tom dann nicht mehr ihr allein gehört. Doch eines Tages ist Tom verschwunden und Martha hat keine Ahnung wie das passieren konnte.

„Ich hingegen war froh über all diese Orte, die ich mit den Jungs wiederentdeckte. Sie gaben mir das Gefühl zurück, dass man zwar erwachsen werden musste, aber dass es dennoch weiter diese unbeschwerten Momente im Leben geben konnte. Mich erleichterte es, dass sie mir zeigten, dass man sich irrt, wenn man denkt, man könne die Pommes nicht mehr essen, nur weil sie auf den Boden gefallen sind. Man musste einfach nur das bisschen Sand und die Grashalme abkratzen, und schon aß man die besten Pommes der Welt, besser als alle, die man je zuvor probiert hatte. Wen störte da noch ein kleines Knirschen beim Kauen. Sie zeigten mir, dass es weiter möglich war, auf dem Geländer zu balancieren, selbst wenn man sich dabei anfangs wie eine Witzfigur fühlte, weil man immer wieder unelegant ins Schwanken geriet und runter springen musste. Dass es dennoch Quatsch war, sich für so etwas zu schämen, dass man sich stattdessen amüsieren konnte und sollte,“ (Seite 85)

In ihrem Liebeskummer trifft sie auf Stella und ihre Jungs. Stella erwartet ihr viertes Kind und sucht dringend eine „Mary Poppins“ für ihre drei Jungs. Eigentlich so gar nicht Marthas Ding, doch hier sieht sie die Möglichkeit aus ihrem „alten Leben“ zu entfliehen. Tom zu vergessen. Die Kinder, voran der fünfjährige Oskar , mögen sie auf Anhieb und möchten sie als Nanny. Das Abenteuer „Ablenkung“ beginnt …

„Kinder wecken schlafende Inseln, die man in seiner eigenen Kindheit gebaut hat und die einen nun wieder dazu bringen, dass alles flirrt und sirrt und aufregender wird. Kinder bringen einen dazu, viele Fragen zu stellen, so lange, bis es nur noch ein „Warum ist die Banane krumm?“ als Antwort gibt. (…) Man erinnert sich an alle die guten Dinge, die das Leben ausmachen sollte.“ (Seite 183)

Dieses Buch ist so ganz anders als ich erwartet habe. Martha als Protagonistin ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Sie ist so vollkommen unselbstständig. Kein Wunder, dass sie immer alle „beerbt“. Den Job der Schwester, die Wohnung des Bruder … und dann hat sie endlich Tom, und den vergrault sie meiner Meinung nach durch ihr klammern. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich dieser Zeit, der Zeit des Liebeskummerhaben schon lange enteilt bin. 🙂 Obwohl, auch mit Anfang fünfzig kann man noch Liebeskummer haben. Wie dem auch sei.

Trotz alle dem hat mich die Geschichte unterhalten. Das liegt zum einen an der poetischen und philosophischen Art und Weise des Schreibens. Gerhild Stoltenberg hat mich an vielen Stellen verzaubert.  Ich habe ewig viele Stellen markiert, die ich einfach wunderschön finde.

Dann sind da noch die drei Jungs, die ich vom ersten Augenblick an mochte, ja liebte  … vor allem den fünfjährigen Oskar. Die Jungs mit ihrer Sicht auf die Welt sind so erfrischend und unschuldig, dass man selbst wieder fünf sein  möchte, damit man ungezwungen und frei in dieser Welt herumlaufen kann. Nippon sagt an einer Stelle im Buch …

„Wer mich nicht mag ist blöd“ (Seite 138)   

In diesem Sinne … lesen!

 

4 von 5 Sternen

 

aus … „Freedom Bar“ von David Bielmann

Riverfield Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 24,90 €
ISBN: 9783952452349

 

„Dabei war es doch gerade der Rückblick, der den Dingen Tiefe verlieh, der einem erlaubte, Ereignisse zu verstehen und einzuordnen. Erst der Rückblick machte eine bestimmte Zeit richtig interessant, machte aus dem Alltag Kultur, und erst die Fähigkeit zurückzublicken machte aus dem Menschen ein  intelligentes Wesen.“ (Seite 85)

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„Buchhändlerin? >Ist das nicht etwas … na ja, langweilig?<, fragte Bert vorsichtig. >Nicht, wenn man Buchhandlungen als Paradies betrachtet.< Ihre Augen begannen zu leuchten. > Hast du dir schon einmal überlegt, was sich so alles in einer kleinen Buchhandlung drin befindet? Wie viele Menschen da zusammen kommen, wie viel gedacht und gesagt und gefühlt wird, wie viele Reisen und Küsse und Morde stattfinden, wie viele Welten da erschaffen worden sind? Eine Buchhandlung ist ein Universum, in dem man sich frei durch Raum und Zeit bewegen kann. Gibt es etwas Schöneres?<“ (Seite 137)

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„Unter den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt lebten, gab es zu jeder Sekunde Tausende, die gerade enttäuscht worden waren, sich eine Träne von der Wange wischten und Trost beim Mond suchten. (.. .) Was immer man auch tat, was immer auch geschah, man war nicht allein, und vielleicht, dachte er weiter, während er in den Sternenhimmel sah, war die Sehnsucht sogar das einzige Gefühl, das man auf sämtlichen Planeten kannte.“ (S. 147)

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„Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?'“ (S. 184)

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Was alles war oder auch nicht oder so …

 

Knaus, ISBN: 9783813507553, Preis: 19,99 €

 

Klappentext
Dass sie adoptiert wurde, weiß Susa seit ihrer Kindheit. Es hat sie nie gestört – sie liebt ihre Eltern und wird von ihnen geliebt. Daran ändert sich auch nichts, als sie ihre leibliche Mutter kennenlernt, mit der sie nichts zu verbinden scheint. Und doch … Susa erfährt von Brüdern und verspürt eine irritierende Sehnsucht nach ihnen. Und ist der Wunsch, den biologischen Vater kennenzulernen, ein Verrat an ihrem im Sterben liegenden Adoptivvater? Als Susa sich in Hendryk verliebt, der zwei Töchter mit in die Ehe bringt, wird die Sache noch komplizierter. Was ist das überhaupt, eine Familie? Was begründet sie? Die Gene? Die Liebe?

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Sie sind großartig, sie sind loyal, sie machen mich manchmal verrückt, sagte ich, aber das gehört dazu, sie lieben mich, das ist vielleicht das Wichtigste, ich hatte nie den Eindruck, dass ich nicht ihr leibliches Kind bin.“ (Seite 43)

Anfangen, Lieben, Verlieren, Weitermachen, Finden heißen die fünf Kapitel in diesem Buch.

In „Anfangen“ erfahre ich etwas über Susa und ihr Leben. Sie ist eine junge Frau, Selbstbewusst und steht mit beiden Beinen in Leben. Das sie als Kind adoptiert wurde störte sie nicht und war/ ist für sie vollkommen in Ordnung. Doch eines Tages gerät diese Sichtweise ein wenig ins Wanken. Nämlich an dem Tag, an dem ein Brief ihrer Mutter Viola ins Haus flattert, in dem sie Susa um ein Treffen bittet. . Susa ist hin und hergerissen und trifft ihre Mutter.

Im zweiten Teil „Lieben“ trifft Susa Hendryk, Vater zweier Kinder und Witwer. Die beiden verlieben sich ineinander. Die Kinder von Hendryk mögen Susa, dennoch gibt es hier und da Probleme. Henry und Susa heiraten.

„Verlieren“ erzählt über den Verlust von Susas  Adoptivvater, der an Krebs stirbt. Dieser Abschnitte zeichnet die Zeit kurz vor dem Tod und eine kurze Zeit danach auf.

Nach dem Tod des Vaters heißt es „Weitermachen“. Susa ist an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sie ihr bisheriges Leben hinterfragt. Auch die Ehe mit Hendryk scheint an einem Wendepunkt.

Und dann kommt schließlich noch „Finden“. Hier sucht Susa unter anderem ihren leiblichen Vater und den weiteren Weg in ihrem Leben.

„Dass das alles von außen so nichtssagend und bedeutungsleer aussieht, muss ja nicht bedeute, dass es sich von innen auch so dumpf und besinnungslos anfühlt.“ (Seite 110)

Puh … dies ist wieder eines dieser Bücher, das in den Medien und unter Lesern gehypt wird. Es steht unter anderem auf der SWR Bestenliste für den Monat Juni. Irgendwie traue ich mich gar nicht etwas negatives zu schreiben. Doch ich wäre nicht ich, wenn ich mich hier verbiegen würde und nicht das schreibe, was ich denke.

Zuerst einmal hat mich das Cover und der Klappentext sehr angesprochen. Familie … was sie ist, sein kann und all das Drumherum finde ich ein spannendes Thema.
Zuerst einmal zu den Charakteren in diesem Buch …. sie alle sind mir fremd geblieben. Mit keinem einzigen Charakter konnte ich warm werden. Alle sind so farblos und nichtssagend, konnten keine Emotionen in mir wecken. Einzig Viola, die leibliche Mutter von Susa, hat mich mit ihrer Art das Leben zu betrachten, ein wenig auf die Palme gebracht.

Stil und Sprache haben mir dann den Rest gegeben. Eigentlich mag ich Bandwurmsätze. Annette Mingels verwendet davon viele … seeeeehr viele. Soweit so gut oder auch nicht, denn diese Sätze können sowohl plötzlich „wörtliche Rede“ haben (die nicht als solches gekennzeichnet ist) und in der Zeit springen. Das hat mich echt kirre gemacht. Manche Sätze musste ich mehrfach lesen, um zu verstehen was Mingels von mir will bzw. mir sagen will. Das hat das Buch/ die Geschichte mega anstrengend gemacht.

Schade! Sehr schade!!!  Ich hatte mir mehr von diesem Buch versprochen. Aber bitte macht Euch euer eigenes Bild davon, denn das ist nur meine Meinung.

 

3 von 5 Sternen

Spätes Glück

Diogenes Verlag, ISBN: 9783257069860, Preis: 20,00 €

Rückentext
Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

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„Nach einem leichten Abendessen, nur ein Sandwich und ein Glas Milch, damit er sich in ihrem Bett nicht zu voll und zu schwer fühlen würde, nahm er eine lange, heiße Dusche und schrubbte sich gründlich ab. Dann schnitt er Finger- und Fußnägel, und als es dunkel war, verließ er mit seinem Pyjama und der Zahnbürste in einer Papiertüte das Haus durch die Hintertür und folgte dem kleinen Seitenweg. (Seite 12)

Addie ist Witwe und einsam. Louis ist ebenfalls Witwer und auch ein wenig einsam. Eines Tages macht Addie Louis einen Vorschlag … er solle doch jeden Abend zu ihr rüber kommen, um bei ihr zu schlafen. Es geht jedoch nicht um Sex, sondern einfach darum das Gefühl der Einsamkeit in der Nacht zu überstehen. Louis ist zuerst skeptisch, ob das funktionieren kann. Doch schnell haben sich die beiden an ihr Arrangement gewöhnt und beide sind glücklich und zufrieden.

„Ich finde es wundervoll, sagt sie. Es ist besser, als ich es mir erhofft hatte. Es ist so etwas wie ein Geheimnis. Mir gefällt die Freundschaft. Die Zeit, die wir miteinander verbringen. Hier im Dunkel der Nacht zu liegen. Das Reden. Dich neben mir atmen zu hören, wenn ich wach werde.“ (Seite 104)

Was für ein wunder-wunder-wunderschöner sensibler Roman. Ich liebe dieses kleine feine Buch mit seiner Geschichte.  Es braucht nicht viel Brimbramborium, um diese feine Geschichte zu erzählen. Kent Haruf schafft mit kurzen und knappen Sätzen eine wunderschöne Stimmung. Die Geschichte zweier Menschen, die im Alter nicht alleine sein möchten. Die sich nach Geborgenheit und Wärme sehnen. Doch es geht nicht um Sex. Es geht um das Gefühl, dass das Leben noch Lebenswert ist. Man nicht allein ist, jemanden an seiner Seite hat, mit dem man noch vieles erleben kann. Die Hoffnung, dass das Leben noch lange nicht vorbei ist.

Doch es ist auch die Geschichte der Neider und Missgönner. Die Geschichte von Menschen, die anderen ihr Glück nicht gönnen können und dies torpedieren. Wie zum Beispiel Gene, Addies Sohn. Wie er mit seiner Mutter in dieser Geschichte umgeht ist einfach unmöglich. Boah, was hat der mich aufgeregt. Ich habe mich echt gefragt, wie kann man so mit einem Menschen umgehen und warum macht er das? Eifersucht? Angst sein Erbe zu verlieren? Lachhaft!!! Dennoch ist diese Situation für Addie und Louis belastend. Schaffen sie es, ihr Glück zu bewahren?

„Eines Nachts gingen sie im Dunklen hinüber zum Schulhof der Grundschule, und Louis gab Addie auf der großen Kettenschaukel Schwung. Sie schaukelte hin und her, und der Saum ihres Kleides flatterte bis über die Knie.“ (Seite 172)

Ein weiterer Roman zum Thema „Liebe im Alter“. Ein weiteres wundervolles Buch, um das Tabu der Liebe im Alter aufzubrechen.

Wir werden immer älter, und wir möchten auch im Alter lieben dürfen, egal auf welche Art und Weise … mit oder ohne Sex … einfach spüren, dass es einen Menschen an der Seite gibt, den man berühren kann, mit dem man Nächtelang erzählen und mit dem man auch noch Träume haben kann.

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen

Sophie und Alex

 

Heyne Verlag, ISBN 9783453271036, Preis: 14,99 €

Rückentext
Wenn Sophie es sich aussuchen könnte, wäre ihr Leben simpel. Aber das ist es nicht. Und das war es auch nie. Das fängt damit an, dass ihre Mutter sie direkt nach der  Geburt im Stich gelassen hat, und endet damit, dass Sophies Vater plötzlich beschließt, mit seiner Tochter zu seiner Freundin nach München zu ziehen. Alle sind glücklich. Bis auf Sophie.
Was hat es bloß mit dieser verdammten Liebe auf sich? Sophie selbst war noch nie verliebt. Klar gab es Jungs, einsam ist sie trotzdem. Bis sie in der neuen Stadt auf Alex trifft. Das Nachbarsmädchen mit der kleinen Lücke zwischen den Zähnen, den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen. Zum ersten Mal lässt sich Sophie voll und ganz auf einen anderen Menschen ein. Und plötzlich ist das Leben neu und aufregend. Bis ein Kuss alles verändert …

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„Weil es beschissen ist, jemandem so ähnlich zu sehen, den man hasst. Oder hassen sollte. Jemandem, den man eigentlich nicht kennt und trotzdem vermisst. Jemandem, der etwas ganz tief in einem drin kaputt gemacht hat und von dem man sich dennoch wünscht, dass er eines Tages zurückkommt und einem sagt, dass er einen lieb hat. Menschen gehen. Manchmal körperlich – Lukas -, manchmal emotional – Papa – und manchmal beides – meine Mutter.“ (Seite 21)

Sophie wächst bei ihrem Vater auf, denn ihre Mutter hat die Familie kurz nach Sophies Geburt verlassen. Vater und Tochter verstehen sich gut. Sophie hat einen besten Freund, Lukas. Alles scheint in bester Ordnung zu sein. Doch dann verliebt sich Sophies Vater in eine Kollegin und will zu ihr und ihren Kindern nach München ziehen. Sophie ist entsetzt. Ihr Leben ist schon kompliziert genug, und nun soll sie ihren besten Freund verlassen um in eine Stadt zu einer Familie zu ziehen, die sie gar nicht will. Doch leider hat Sophie keine andere Option.

In der neuen Stadt fühlt sich Sophie vollkommen allein. Die neue „Mutter“ und „Brüder“ geben sich alle Mühe, damit Sophie sich einlebt. Doch die sperrt sich dagegen. Dann trifft sie das Mädchen aus dem Nachbarshaus und fühlt sich von Alex angezogen. Vorsichtig nähren sich die beiden an …

„Ich hatte noch nie eine beste Freundin, und ich habe auch keine vermisst, aber nach diesem Abend mit Alex – zwanzig Meter Luftlinie voneinander entfernt, lachend jede in ihrem Bett – weiß ich, dass ich in ihr jemanden gefunden habe, den ich behalten will.“ (Seite 159)

„Den Mund voll ungesagter Dinge“ ist der zweite Jugendroman von Anne Freytag, den ich gelesen habe. Den ersten „Mein bester letzter Sommer“ habe ich verschlungen. Darum war ich auf das neue Buch sehr gespannt.

Was soll ich sagen, auch den habe ich verschlungen. Sophie ist eine Protagonistin, die mir von der ersten Seite an ans Herz gewachsen ist. Ihre Verletzlichkeit, durch den Weggang der Mutter ausgelöst, versteckt unter einer Coolness, die bei den kleinsten Verletzungen zusammenbricht, macht sie so real. Jede Seite habe ich das Gefühlschaos in ihr spüren können.

In dem neuen Roman von Anne Freytag geht es um das Suchen und Finden der eigenen Sexualität. Mit Sophie schafft sie eine Protagonistin, die am Anfang nicht in der Lage ist Gefühle zu zulassen. Der Verlust/ Weggang der Mutter hat in ihr eine Grundangst vor Verlusten aufgebaut. Also schütz sie sich, in dem sie keine Gefühle aufkommen lässt. Doch als Sophie auf Alex trifft ist plötzlich alles anders. Bei Alex kann Sophie sich geben wie sie ist. Doch ein Mädchen kann/ darf doch kein Mädchen lieben. Das stürzt Sophie und auch Alex, die einen Freund hat, in ein Gefühlschaos.

Anne Freytag schafft es mit einfühlsamen und sensiblen Worten dieses Gefühlschaos zu beschreiben. Als Leserin kann ich es förmlich spüren. Mit jeder Seite fiebere ich mit Sophie, wie es weiter geht. Schafft sie es? Kann sie endlich ihren Platz im Leben finden? Und Alex … wird sie an Sophies Seite sein?

„Ich wollte mich immer verlieben. Ich wollte das alles fühlen. Ich wollte überschwemmt werden von Emotionen, die ich nicht verstehe. Die ich nicht erklären kann. Ich wollte mich in jemandem verlieren und gleichzeitig in ihm wiederfinden. Ich wollte jemanden, der über mein Gesicht hinaussieht und mich auch dann noch liebt. wenn ich es am wenigsten verdient habe, weil ich es nämlich genau dann am meisten bräuchte. Ich wollte, dass jemand sich Schicht für Schicht bis zu meinem panischen Herzen vorarbeitet, weil ich es ihm nur dann schenken kann. Und ich wollte, dass es jemand ist, der es verdient hat. Jemand, der bleibt. Jemand, der mich so küsst, dass ich aufhöre zu denken. Dass ich nur noch aus Lippen und Hände bestehe. Jemand, mit dem der Film in meinem Kopf und die Realität endlich übereinstimmen. Mit dem ich ausnahmsweise mal wirklich komme und dem ich es nicht nur vorspiele. Jemand, mit dem ich reden kann. Und lachen. Und nackt sein. Einfach jemand, mit dem ich gerne ich bin. Wer auch immer das sein mag.“ (Seite 217)

Dieses Buch ist ein Coming-out Roman, der sehr gefühlvoll, sensibel und in meinen Augen real geschrieben ist. Ich wünsche mir viele Leser*innen für diese tolle Geschichte und kann nur sagen … unbedingt lesen!

Liebe Anne, vielen Dank für dieses wundervolle Buch und die tolle Zeit mit Sophie und Alex. Ich habe Sophie in mein Herz geschlossen und am Ende mit ihr geweint ♥♥♥

… aus „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ von Grégoire Delacourt

Atlantik Verlag, ISBN 9783455600414, Preis: 18,00 €

Ich warte darauf, dass sie größer wird, Mama. Ich warte darauf, dass sie den Kopf an meine Schulter lehnt. Ich warte darauf, dass ihr Mund zittert, wenn ich mich ihr nähere. Ich warte auf die betörenden Düfte, die sagen, du kannst dich jetzt in mich verlieren, in mir verbrennen. Ich warte darauf, ihr Worte zu sagen, die man nicht zurücknehmen kann. Die Worte, die die Weichen stellen für ein Leben zu zweit. Für das Glück. Und manchmal für eine Tragödie.“ (Seite 24)

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Einige Jahre später lernte ich einen Ehemann kennen. Lachen Sie nicht. Natürlich war er bezaubernd. Sogar schön. Von der Art Schönheit, die wir Frauen bei einem Mann wahrnehmen, wenn wir hungrig sind. Sein Blick, seine Stimme, seine Worte waren ungeschickt. Nach ein paar Liebesnächten, Fieber, Zärtlichkeit, Gewalt und Versöhnung wurde ich schwanger. Erst stürzt man sich aufeinander, und dann stürzt man ab.“ (Seite 57)

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„Morgen muss ich auch den perfekten Körpern entgegentreten. Den Körpern mit makellosen Brüsten, die sie der Jugend oder der Chirurgie verdanken. Den wunderbaren, herrlich gebräunten Körpern, die den Frauenmagazinen und den Hochglanzseiten entsprungen zu sein scheinen und denen man jetzt hier am Strand begegnet, sie sind ganz nah neben uns und unseren Männern. Den Körpern mit endlosen Beinen, die auf den Kaffeeterrassen unter kurzen Röckchen zur Schau gestellt werden, wie diese „Zirkel, die den Erdball in alle Himmelsrichtungen ausmessen.“ Diese Traumkörper, wie Ohrfeigen, die mich ständig daran erinnern, was man entbehrt, wenn man die fünfzig erreicht hat, was uns das Leben, die Geburten, die niederträchtige Zeit und der heimliche Kummer geraubt haben. Weil mein Mann mich nicht mehr anschaut …“ (Seite96/ 97)

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“Wir sind wunderbar verliebt – seit fünfunddreißig Jahren. Wir sind der Letzte des anderen, diese Gewissheit macht uns unendlich ruhig, glücklich und frei. Wir sind ewig schön füreinander.“ (Seite 179)

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