Kurz & Knapp … März 2019

Ich bleibe hier von Cathrine Ryan Hyde

Grace ist neun Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einem sozialen Brennpunkt. Die Mutter ist Drogenabhängig und so sitzt Grace oft vor der Haustür, weil ihre Mutter „schläft“. Eines Tages lernt sie Billy kennen, ein Nachbar, der schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat, weil er an einer Zwangsstörung leidet. Durch ihre offene Art, hat Grace schnell Kontakt zu weiteren Hausbewohnern. Als sich das Jugendamt einschaltet und Grace in Obhut nehmen will, bis die Mutter clean ist, schließt sich die Gruppe zusammen, um Grace vor dem Heim zu bewahren. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und jeder Bewohner kommt an seine persönlichen Grenze …

Wir haben dieses Buch innerhalb des Lesekreis gelesen. In der Besprechung hinterher haben wir für uns beschlossen, dass man diese Geschichte als modernes Märchen sehen muss, da viele unschöne Dinge und Abläufe einfach zu sehr geschönt wurden. Allein die Tatsache, dass eine Gruppe von Menschen, die alle ihre eigenen sozialen wie auch krankhaften Probleme haben, es schaffen Grace vor dem Heim zu bewahren. Die Story hat ziemlich viele gute Ansätze und Themen, aber in der Umsetzung fehlt es an Substanz.

Fazit: Gut geschrieben, aber inhaltlich hätte man mehr machen können.

(Ullstein, ISBN: 9783548288932, Preis: 9,99 Euro)

 

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Die einzige Geschichte von Julian Barnes

Ein junger Mann, der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe zu einer älteren Frau. Aufgeteilt in der Kapitel erzählt das erste die Zeit des Kennenlernen, das zweite die Zeit in der das Paar zusammen in eine andere Stadt zieht und im dritten Kapitel wirft der Ich-Erzähler im reifen Alter ein Rückblick auf sein Leben.

Ehrlich gesagt, kann ich überhaupt nicht verstehen, warum dieses Buch so gehypt wird. Mich hat die Geschichte dermaßen angeödet, dass ich immer wieder kurz davor stand sie abzubrechen. Hey, da erzählt einer die Geschichte seiner ersten großen Liebe, aber leider so emotionslos wie ein Stück Brot. Ich hätte mir so manches Mal mehr Leidenschaft bei der Erzählung gewünscht. Ich hab mir so sehr eine wahnsinnig tolle Liebesgeschichte gewünscht. Nö, gibt es nicht. Leider. Seufz.

Fazit: Von mir gibt es an dieser Stelle keine Empfehlung. Es sei denn, ihr möchtet euch zu Tode langweilen. Ja dann solltet ihr dieses Buch unbedingt lesen.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051544, Preis: 22,00 Euro)

 

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Lubotschka von Luba Goldberg-Kuznetsova

Eine junge Frau lebt in Russland zur Jahrtausendwende. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und träumt von einem glamourösen Leben. Doch sie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Doch auf ihrem Abschlussball möchte sie glänzen … strahlen … denn danach wird sie mit der Mutter nach Deutschland gehen.

Die Geschichte um die Wünsche und Sehnsüchte dieser jungen Frau ziehen sich wie Kaugummi durchs Buch. Mich hat es irgendwann nur noch angenervt. Es geht um die richtige Klamotte für den Abschlussball, um Jungs und was man sich alles kaufen könnte. Materielle Dinge stehen sehr im Fokus der jungen Dame. Ihre Weltanschauung spiegelt das Russland der Nullerjahre.

Fazit: Auch hier leider keine Leseempfehlung von mir. Leider.

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037635, Preis: 22,00 Euro)

 

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hell/ dunkel von Julia Rothenburg

Zwei Geschwister so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel, erfahren, dass die Mutter sterben wird. Bald. Die beiden Kinder müssen sich nun um alles kümmern.

Eine tolle Geschichte, die mich beim Lesen fesselt. Da sind Valerie und Robert, zwei Geschwister, die eine gemeinsame Mutter haben aber verschiedene Väter. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht innig, genauso wenig wie das zur Mutter. Valerie lebt bei der Mutter, Robert in einer anderen Stadt. Nun ist die Mutter krank, und die Kinder müssen Abschied nehmen, stehen kurz davor einen Verlust zu erleiden. All dies erzählt die Autorin sehr gefühlvoll bis zu einem bestimmten Punkt und an dem war ich dann raus. Die beiden sind in ihrer Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit immer näher gerückt, was dann soweit ging, dass sie Sex miteinander hatten. Und das nicht nur 1x. Nennt mich spießig oder sonst was, aber da bin ich raus. Blutverwandt und Sex geht gar nicht. Vor allem fehlt mir an dieser Stelle eine Triggerwarnung. Während der Erzählung deutete nichts darauf hin, dass dies passieren würde.  Um so überraschter war ich. Im zweiten Teil steht diese Beziehung dann auch etwas mehr im Fokus der Geschichte.

Fazit: Es hätte eine tolle Geschichte werden können, eine Geschichte über den Umgang mit Trauer, Verlust und den daraus entstehenden Ängsten. Aber die sexuelle Komponente zwischen den Geschwistern haben dem Buch einen unangenehmen Beigeschmack gegeben. Schade.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002596, Preis: 20,00 Euro)

 

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So laut und so leise

Heyne
Fester Einband
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.03.2018
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 9783453271593

Klappentext
Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher. Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Vorher war sie ein unscheinbares Mädchen, jetzt ist sie allein. Sie rasiert sich die Haare ab und errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist still und misstrauisch – und fasziniert von ihr.
Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester -, macht sie einen Schritt auf Jacob zu. Und so entsteht ganz langsam und zart zwischen Abschied und Loslassen etwas vollkommen Neues.

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„Mein Bruder war die finstere Nacht und das hellste Licht. Ein Vakuum und drei Tage später wieder euphorisch und voller Tatendrang. Früher dachte ich alle Menschen wären so. Aber nur er war so. So laut und so leise.“ (Seite 32)

Kristopher ist tot. Luises Bruder hat sich das Leben genommen. Luise fühlt sich allein gelassen. Kristopher war ihr Universum. Ihr bester Freund, ihr Vertrauter. Und jetzt ist sie allein und weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, ihrem Verlust. In ihrer Wut und Trauer rasiert sie sich ihre Haare ab und baut eine Mauer des Schweigens um sich herum auf.

Ihre Mutter, die in ihrer eigenen Trauer verhaftet ist, findet immer wieder und wieder Gründe keine Zeit mit Luise zu verbringen. Sie kann in ihrem eigenen Schmerz nicht den von Luise auch noch ertragen. Und somit ist Luise vollkommen auf sich gestellt.

Auch der Psychologe zu dem sie wöchentlich geht kommt nicht an Luise heran. Nach einer Sitzung bricht sie im Treppenhaus zusammen. Dort trifft sie das erste Mal auf Jacob.

„Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, endet nicht nur seines. Er zerstört das gesamte Gefüge. Die Ordnung . Das Gleichgewicht. Wie eine Druckwelle, nachdem eine Bombe detoniert. Was bleibt, ist emotionale Verwüstung. Alle sagen, man soll reden. Aber das ändert nichts. Über den Tod zu sprechen kann ihn nicht rückgängig machen. Man versucht nur, Worte zu finden, wo sie einem fehlen.“ (Seite 163)

Jacob lebt mit seinem Halbbruder in dem Haus, in dem Luises Psychotherapeut seine Praxis hat. Jacob ist ein sehr stiller und in sich gekehrter junger Mann. Auch Jacob hat als Kind jemanden verloren. Als er auf Luise im Treppenhaus trifft fühlt er sich von diesem Mädchen angezogen. Er hat das Gefühl sie beschützen zu müssen. Doch Luise stößt ihn immer wieder weg. Will niemanden an sich heranlassen.

Dann kommt an Luises Geburtstag plötzlich eine E-Mail von Kristopher aus der Zwischenwelt. In dieser Mail kündigt er weiter an und Aufgaben, die Luise für ihn erledigen muss, damit er diese Zwischenwelt verlassen kann.

Luise bittet Jacob ihr zu helfen, da sie das nicht alleine schafft. Und so ganz langsam reißt die Mauer um Luise ein …

„Ich glaube an Zufälle. An den freien Willen. An Kettenreaktionen. Wenn es mir nach geht, ist das Schicksal was für Leute, die zu viel Angst davor haben, die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. So ist immer jemand anders schuld. Alles sollte so kommen. Sie sind den Launen der Vorsehung hilflos ausgeliefert. Ich halte das für Blödsinn.“ (Seite 70)

WAHNSINN!!! Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen und bin immer wieder fasziniert wie sensibel und einfühlsam Anne Freytag mit schwierigen Themen umgeht. Selbstmord, Tod, Verlust, Trauer … sind die Themen in diesem Buch. Ich weiß nicht wie die Autorin es schafft, aber ich als Leserin kann mich in den Gefühlen von Luise und Jacob wiederfinden. Kann den Schmerz, die Wut, die Fassungslosigkeit und die Ängste die Luise nach dem Freitod ihres Bruders hat, beim Lesen spüren.

Mir hat auch die Mischung sehr gut gefallen. Das Thema Tod/ Trauer ist durchweg das Hauptthema im Buch bis zum Endo. Doch die Annäherung von Luise und Jacob ist auch ein wichtiger Teil im Buch, der zeigt, dass aus einem Verlust auch immer etwas Neues wachsen kann.

„Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Zeit nicht wiederkommt. Dass eine Minute nach der anderen unerbittlich aus unserem Leben stirbt und dass wir jeden Moment aufs Neue entscheiden müssen, ob wir sie verschwenden oder nutzen.
Das Jetzt sollte gut sein. Denn uns bleibt nur das Jetzt. Und mein Jetzt ist gut. Diese Minute riecht nach geschmolzener Butter und nach Erdbeeren.
Und ein bisschen nach Jacob.“ (Seite 187)

Dies ist das dritte Buch von Anne Freytag, das ich gelesen habe. Das erste hieß „Mein bester letzter Sommer“ und das zweite „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Alle drei haben mein Herz sehr berührt!!!

Ich frage mich ernsthaft wie macht diese Frau das? Wie schafft sie es immer und immer wieder sehr sensible Themen in so wundervolle, einfühlsame und realistische Geschichten zu verpacken?

Chapeau Anne Freytag und DANKE für diese wundervollen Bücher. ♥♥♥

„Denk immer daran, Lise, man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.“ (Seite 220)

Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)

Wie ein 10jähriger versucht den „Schein“ zu wahren

Piper Flexibler Einband  192 Seiten Erscheinungsdatum: 16.04.2013  Preis: 7,99 € ISBN: 9783492305013

Piper
Flexibler Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
16.04.2013
Preis: 8,99 €
ISBN: 9783492305013

Klappentext

Luca ist kaum zehn Jahre alt, aber was er von Waisenhäusern zu halten hat, weiß er genau – die kennt er aus dem Fernsehen, und da will er auf keinen Fall hin. Deshalb beschließt er, niemanden zu sagen, dass im Schlafzimmer seine Mutter tot im Bett liegt. Er wird schon zurechtkommen. Schließlich ist er es gewohnt, sich um das meiste selbst zu kümmern, denn Mama war gelegentlich ein bisschen komisch, und einen Vater hat er nicht. So gut es geht versucht er, regelmäßig zu essen und einigermaßen sauber und ordentlich in der Schule zu erscheinen. Eine Zeit lang läuft alles glatt, aber dann gibt es ein Problem …

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Ich möchte nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da man sonst zu viel verrät. Dieses Buch ist eins von der Sorte, die einen lange nachhaltig beschäftigen. Da ist dieser kleine Kerl, keine zehn Jahre alt, und er muss von heute auf morgen ohne seine Mutter auskommen. Er denkt immer nur daran, dass er den „Schein“ wahren muss, hofft, dass seine Mutter wie Jesus vielleicht am dritten Tage aufersteht und muss dann erfahren, dass er an seine Grenzen kommt.

Während des Lesens habe ich immer nur Gedacht … oh je, der arme kleine Kerl. Ich wollte ihn in den Arm nehmen, trösten und ihm sagen, dass er nicht Schuld ist am Tod seiner Mutter, denn das denkt er unentwegt. Aber auch frage ich mich ständig … merkt das wirklich niemand? Riecht keiner den süßlichen Geruch der verwesenden Leiche? Schließlich leben sie in einem Mehrparteienhaushalt. Vermisst niemand die Mutter? Fragen, die mich wütend werden lassen und mir wieder einmal zeigen, dass wir in einer Gesellschaft leben in der weggeschaut wird. Man will mit den Problemen der anderen nichts zu tun haben.

Die Autorin versteht es, diese „Spurenhinterlassende“ Geschichte einfühlsam zu erzählen. Ein Buch das noch lange nachwirken wird!!!

 

4 von 5 Sternen