Rückblick & Einblick … Januar 2020

 

Hallo Ihr Lieben,

in diesem Jahr wird es ein paar kleine Änderungen geben. Wie bei vielen von euch, ist auch meine Lese- und Lebenszeit sehr begrenzt. Deshalb werde ich mich nicht mehr mit Büchern aufhalten, die mich nach ca. 100 Seiten nicht packen. Sie werden rigoros abgebrochen, nicht besprochen, weder kurz noch lang, vielleicht gibt es eine kurze Erwähnung. Somit fällt die Kategorie „Kurz & Knapp“ weg. Unter der neuen Rubrik „Rückblick & Einblick“ erzähle ich euch von meinen gelesenen Büchern und dem was ich ansonsten so gemacht habe.

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Rückblick

Der Januar ist ein ruhiger Monat im Buchhandel. Nachdem das Weihnachtssortiment eingelagert wurde, die Silvesterdeko ebenfalls, ist Anfang Januar das große Räumen und putzen angesagt. Aber damit ist man in so einer „kleinen“ Buchhandlung schnell durch. Somit bleibt viel Zeit für Bücher. Ich habe im Januar 8 Bücher gelesen. Zwei davon waren schon echte Highlights in diesem Monat, zwei totale Flops und der Rest war unterhaltsam.

Highlight waren das neue Buch von Isabelle Autissier „Klara vergessen“  aus dem Mare Verlag (erscheint am 04.02.2020) und das Debüt von Katya Apekina „Je tiefer das Wasser“ aus dem Suhrkamp Verlag (erscheint am 17.02.2020). Zu beiden Büchern wird es eine ausführliche Rezension geben. Hier nur kurz warum die beiden ein Highlight waren.

Auf den neuen Autissier habe ich mich sehr gefreut, hatte jedoch Angst, dass meine Erwartungen viel zu hoch sind, nachdem mich „Herz auf Eis“ so begeistert hatte. In „Klara vergessen“ geht es um eine Familiengeschichte die in der Zeit der ehemaligen UdSSR beginnt und in der Jetztzeit endet. Das Ganze ist so spannend, emotional, realistisch und brutal beschrieben. Sie schildert die Geschichte einer Frau, die zu KGB Zeiten inhaftiert wird, wie ihre Familien damit umgeht und welche Auswirkungen dies alles auf die weitere Generationen hat. Hier hat Autissier wieder einmal ihr ganzes Können gezeigt. Chapeau!

Das Debüt von Apekina hat mich echt umgehauen. Auch sie erzählt eine Familiengeschichte. Doch eine ganz andere. Die Mutter versucht sich umzubringen, landet in einer Klinik, die Kinder kommen zum Vater, den sie nie wirklich kennen gelernt haben, da er die Familie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes verließ. Apekina erzählt eine Geschichte über die Suche nach Liebe und Anmerkung, und zeigt dabei ein Szenario auf, das mich erschüttert hat. Auch hier kann ich nur Chapeau sagen!

Zu den Flops gehören „Der Freund“ von Sigrid Nunez aus dem Aufbau Verlag und „Nix passiert“ von Kathrin Weißling aus dem Ullstein Verlag. Die beiden habe ich abgebrochen. Leute …. beide Bücher waren so zäh und langweilig, dass ich irgendwann einfach nicht mehr weiter lesen wollte. In „Nix passiert“ jammert ein junger Mann rum. Kann nicht verstehen warum seine Freundin ihn verlassen hat. Kehrt zu Mama zurück und jammert da weiter. Das war mir dann irgendwann zu viel. In „Der Freund“ verarbeitet eine Frau den Verlust ihres besten Freundes. Ich frage mich nur wo das auf all den Seiten statt gefunden hat. Auch hier passiert alles mögliche, nur nicht das was im Klappentext beschreiben steht. Nein danke …

Zu den restlichen Büchern gibt es Rezensionen, bis auf Alex Oetkers Buch. Hier habe ich keine geschrieben. Ich mag seine Krimis sehr, da sie nicht so blutig sind, und dennoch sehr spannend. Auch der neuste Fall um Luke Verlain war wieder mega spannend, begleitet von guten Weinen und ebenso gutem Essen. Am Ende gab es dann eine große Überraschung! Hier die Rezensionslinks zu „Die Kakerlake“ von Ian McEwan aud dem Diogenes Verlag, „Geteilt durch zwei“ von Barbara Kunrath erschienen bei Ullstein und „Goldkind“ von Claire Adam aus dem Hoffmann & Campe Verlag.

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Einblick

Die letzten Monate in 2019 waren ja nicht so wirklich meine. Ihr habt es ja gelesen. Im neuen Jahr möchte ich versuchen die Zeit intensiver zu nutzen, zu genießen, zu leben … Das ist erst einmal gar nicht so einfach, und ich werde sicherlich sehr oft in alte Muster zurück fallen, dennoch möchte ich es versuchen. Natürlich sind das nicht weltbewegende Dinge und für euch vielleicht völlig normal und alltäglich, und nicht alles was ich mach habe ich sonst nicht auch schon gemacht. Doch es ist mir bei all dem wichtig, das Ganze wirklich bewusst zu erleben und nicht mal eben zwischendurch oder weil man es halt so macht.

Ende des Monats haben wir uns eine kleine Auszeit gegönnt und waren in Bütgenbach. Das leigt kurz hinter der deutschen Grenze in Belgien. Von dort ist es nicht weit in das Hohe Venn. (Ja, es heißt das Hohe Venn). Auf der FB Seite von Angelika liest gibt es Bilder. Leute, da ist es soooo schön. Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann fahrt einmal dort hin. Obwohl wir Winter haben, ist die Landschaft im Hochmoor einfach unglaublich schön. Ich hänge euch noch ein paar Bilder unten dran.

Eure Angelika ♥♥♥

 

 

 

Der Gott am Ende der Straße von Louise Erdrich

Aufbau Verlag
Fester Einband
360 Seiten
Erscheinungsdatum:
15.03.2019
ISBN: 9783351037567
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Auf rätselhafte Weise hat sich die Evolution verkehrt, und immer mehr Kinder, die zu Welt kommen, scheinen einer primitiven neuen Spezies anzugehören. Die junge Cedar betrifft diese apokalyptische Wende der Menschheitsgeschichte auch persönlich, sie ist schwanger. Gerüchte kommen auf: der Ausnahmezustand sei verhängt worden, die Regierung fahnde nach schwangeren Frauen und inhaftiere sie – doch niemand hat gesicherte Informationen. Cedars Schicksal steht nun auf dem Spiel. Es ist das Schicksal aller.

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„Wenn es wahr ist, dass jedes Materieteilchen, das ich sehe oder auch nicht, dass alles Lebendige und vielleicht auch alles Unlebendige die Segel streicht und beidreht und Kurs auf den Heimathafen nimmt, was bedeutet das dann? Wo treibt es uns hin? Ist das Ziel wirklich ein anderes als jenes, das wir schon immer hatten? Vielleicht ist die gesamte Schöpfung von der Wicklermotte bis zum Elefanten bloß ein extrem detaillierter Gedanke, dem nachzuhängen Gott eine Weile gefallen hat, nur das ER dann plötzlich eingeschlummert ist. Dann wären wir also eine Vorstellung. Vielleicht hat Gott beschlossen, dass die Vorstellung von uns das Nachdenken nicht mehr lohnt.“ (Seite 25)

Es scheint als hätte sich die Welt verdreht und die Zeit läuft rückwärts. Tiere wie Menschen entwickeln sich zurück. Ländergrenzen schließen, andre Länder und Staaten existieren nicht mehr oder unter einem anderen Namen. Nahrungsmittel die heute zum täglichen Gebrauch gehören sind morgen unter Umständen schon Luxusartikel. Und in all dem Chaos lebt Cedar, eine junge Frau, die im fünften Monat schwanger ist. Aber Kinder zu gebären und zu behalten gehört zu den kriminellsten Dingen die es gibt. Cedar muss um das Leben ihres ungeborenen Kindes und ihr eigenes fürchten. Sie weiß nicht mehr wem sie noch vertrauen kann.

Cedar wird verraten, inhaftiert, flieht und wird wieder verhaftet, wird befreit … doch wie kann dieses irre Leben weiter gehen?

„Phil schaut mich überrascht an.
„Weißt du es etwa nicht?“
„Was denn?“
Er schweigt, und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Aber nach einer Weile gebe ich ihm doch zu verstehen:
Sag’s mir.
„Du bist wahrscheinlich mit einem der Originale schwanger“, sagt er. „Davon gibt es nicht viele, deshalb werdet ihr in Hochsicherheitskliniken untergebracht.““ (Seite 328)

Was für ein irres Buch. Ich habe ja schon einige Bücher von Erdrich gelesen, aber dieses ist so ganz anders. Gleich zu Anfang schlittere ich als Leserin mit Cedar von einer Katastrophe in die nächste. Wir wissen beide nicht , was passiert hier eigentlich. Tiere entwickeln sich zurück, Staaten hören auf zu existieren, Grenzen werden gezogen … und in all dem Chaos bewahrt Cedar eine Ruhe, die mich manches Mal sehr verwundert hat. Sie schreibt alle Veränderungen die passieren in ein kleines Buch. Ein Buch, das sich an ihr ungeborenes Kind richtet. Ein Buch, in denen sie sich auch Gedanken über das Weiterleben auf dieser Welt macht.

Dieses Buch bietet viele Interpretationsmöglichkeiten. Für mich war die „göttliche“ irgendwie die signifikanteste. Da ist zum Beispiel ganz am Anfang, als Cedar ihre leibliche Mutter das erste Mal trifft, die Rede von Maria und ihrer Empfängnis. Später erinnert mich die Verfolgung und Inhaftierung der schwangeren Frauen an Herodes und seine Tötung der Knaben in Bethlehem. Die Frauen im Buch dürfen nur die Kinder zur Welt bringen, die ein Original sind. Doch die meisten kommen bei der Geburt um. Und dann zum Ende die Geburt des Jungen, der das Licht der Welt ist …

Was wäre wenn … Gott beschlossen hätte, dass es sich nicht mehr lohnt über uns hier unten nachzudenken?

Was wäre wenn … Gott müde ist und nicht mehr an unserer Weiterentwicklung interessiert ist?

Was wäre wenn … wir in dieser Welt, die scheinbar dem Untergang geweiht ist … wieder einen Jesus brauchen, der diese unsere Welt rettet?

„Und ich denke, natürlich wirst du glücklich sein, wenn du mein Kind siehst, überglücklich sogar. Er ist das Licht der Welt.“ (Seite 282)

Unbedingt lesen!!!

Kurz & Knapp … März 2019

Ich bleibe hier von Cathrine Ryan Hyde

Grace ist neun Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einem sozialen Brennpunkt. Die Mutter ist Drogenabhängig und so sitzt Grace oft vor der Haustür, weil ihre Mutter „schläft“. Eines Tages lernt sie Billy kennen, ein Nachbar, der schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat, weil er an einer Zwangsstörung leidet. Durch ihre offene Art, hat Grace schnell Kontakt zu weiteren Hausbewohnern. Als sich das Jugendamt einschaltet und Grace in Obhut nehmen will, bis die Mutter clean ist, schließt sich die Gruppe zusammen, um Grace vor dem Heim zu bewahren. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und jeder Bewohner kommt an seine persönlichen Grenze …

Wir haben dieses Buch innerhalb des Lesekreis gelesen. In der Besprechung hinterher haben wir für uns beschlossen, dass man diese Geschichte als modernes Märchen sehen muss, da viele unschöne Dinge und Abläufe einfach zu sehr geschönt wurden. Allein die Tatsache, dass eine Gruppe von Menschen, die alle ihre eigenen sozialen wie auch krankhaften Probleme haben, es schaffen Grace vor dem Heim zu bewahren. Die Story hat ziemlich viele gute Ansätze und Themen, aber in der Umsetzung fehlt es an Substanz.

Fazit: Gut geschrieben, aber inhaltlich hätte man mehr machen können.

(Ullstein, ISBN: 9783548288932, Preis: 9,99 Euro)

 

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Die einzige Geschichte von Julian Barnes

Ein junger Mann, der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe zu einer älteren Frau. Aufgeteilt in der Kapitel erzählt das erste die Zeit des Kennenlernen, das zweite die Zeit in der das Paar zusammen in eine andere Stadt zieht und im dritten Kapitel wirft der Ich-Erzähler im reifen Alter ein Rückblick auf sein Leben.

Ehrlich gesagt, kann ich überhaupt nicht verstehen, warum dieses Buch so gehypt wird. Mich hat die Geschichte dermaßen angeödet, dass ich immer wieder kurz davor stand sie abzubrechen. Hey, da erzählt einer die Geschichte seiner ersten großen Liebe, aber leider so emotionslos wie ein Stück Brot. Ich hätte mir so manches Mal mehr Leidenschaft bei der Erzählung gewünscht. Ich hab mir so sehr eine wahnsinnig tolle Liebesgeschichte gewünscht. Nö, gibt es nicht. Leider. Seufz.

Fazit: Von mir gibt es an dieser Stelle keine Empfehlung. Es sei denn, ihr möchtet euch zu Tode langweilen. Ja dann solltet ihr dieses Buch unbedingt lesen.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051544, Preis: 22,00 Euro)

 

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Lubotschka von Luba Goldberg-Kuznetsova

Eine junge Frau lebt in Russland zur Jahrtausendwende. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und träumt von einem glamourösen Leben. Doch sie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Doch auf ihrem Abschlussball möchte sie glänzen … strahlen … denn danach wird sie mit der Mutter nach Deutschland gehen.

Die Geschichte um die Wünsche und Sehnsüchte dieser jungen Frau ziehen sich wie Kaugummi durchs Buch. Mich hat es irgendwann nur noch angenervt. Es geht um die richtige Klamotte für den Abschlussball, um Jungs und was man sich alles kaufen könnte. Materielle Dinge stehen sehr im Fokus der jungen Dame. Ihre Weltanschauung spiegelt das Russland der Nullerjahre.

Fazit: Auch hier leider keine Leseempfehlung von mir. Leider.

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037635, Preis: 22,00 Euro)

 

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hell/ dunkel von Julia Rothenburg

Zwei Geschwister so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel, erfahren, dass die Mutter sterben wird. Bald. Die beiden Kinder müssen sich nun um alles kümmern.

Eine tolle Geschichte, die mich beim Lesen fesselt. Da sind Valerie und Robert, zwei Geschwister, die eine gemeinsame Mutter haben aber verschiedene Väter. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht innig, genauso wenig wie das zur Mutter. Valerie lebt bei der Mutter, Robert in einer anderen Stadt. Nun ist die Mutter krank, und die Kinder müssen Abschied nehmen, stehen kurz davor einen Verlust zu erleiden. All dies erzählt die Autorin sehr gefühlvoll bis zu einem bestimmten Punkt und an dem war ich dann raus. Die beiden sind in ihrer Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit immer näher gerückt, was dann soweit ging, dass sie Sex miteinander hatten. Und das nicht nur 1x. Nennt mich spießig oder sonst was, aber da bin ich raus. Blutverwandt und Sex geht gar nicht. Vor allem fehlt mir an dieser Stelle eine Triggerwarnung. Während der Erzählung deutete nichts darauf hin, dass dies passieren würde.  Um so überraschter war ich. Im zweiten Teil steht diese Beziehung dann auch etwas mehr im Fokus der Geschichte.

Fazit: Es hätte eine tolle Geschichte werden können, eine Geschichte über den Umgang mit Trauer, Verlust und den daraus entstehenden Ängsten. Aber die sexuelle Komponente zwischen den Geschwistern haben dem Buch einen unangenehmen Beigeschmack gegeben. Schade.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002596, Preis: 20,00 Euro)

 

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Kurz & Knapp … Mai 2018

Dumplin‘ von Julie Murphy

Willowdean ist 16 und ein wenig Übergewichtig. Doch sie ist mit ihrem Leben und sich selbst im Reinen, wäre da nicht der alljährliche Schönheitswettbewerb. Das ist das jährliche Highlight von Wills Mutter. Sie hat ihn als junges Mädchen gewonnen und seit dieser Zeit wirkt sie jedes Jahr daran mit. Willowdean findet dieses ganze Brimbramborium um Schönheit, Gewicht und Kleider einfach nur furchtbar. Sie verweigert sich jedes Jahr daran teilzunehmen. Doch dann lernt sie den geheimnisvollen Bo kennen. Und plötzlich denkt sie darüber nach, was wäre wenn …

Mir hat dieses Jugendbuch gut gefallen. Am Anfang hatte ich ein wenig Bedenken, dass das jetzt so eine Geschichte wird, in der die „Dicke“ rumjammert. Doch das Gegenteil ist der Fall. Willowdean kommt als sehr starker und selbstbewusster Teenager rüber. Ihr Gefühlschaos ist nachvollziehbar und auch ihre Aktionen und Reaktionen sind sehr real und authentisch.

Fazit: Ein starker Jugendroman über Themen wie Selbstwertgefühl, Freundschaft, Familie und dem Mut die Dinge zu ändern, mit denen man nicht zufrieden ist. Lesenswert! 

(Fischer FJB, ISBN: 9783841422422, Preis: 18,99 Euro)

 

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Mit Hanna nach Havanna von Theresia Graw

Katrin, ist Mitte dreißig und eine erfolgreiche Journalistin. Ihr TV Show ist eine Erfolg, doch sie träumt von größerem. Als ihr Chef sie eines Tages zu einem Gespräch einlädt, denkt sie, dass sie am Ziel ihrer Träume ist. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Ihre Show wird abgesetzt, und sie soll ab sofort ein Seniorenmagazin moderieren. Katrin ist total gefrustet. Dann flattert ein Brief der 78jährigen Johanna in die Redaktion. Sie ist auf der Suche nach ihrer großen Liebe, die sie auf Kuba vermutet. Katrin lässt sich widerwillig überreden mit Johanna nach Havanna zu reisen, um dort Julius zu finden, der einst in den 60zigern nach Kuba auswanderte.

Dies ist der vierte Roman, den ich von Theresia Graw gelesen habe. Ihre Romane sind alle (!!!) immer mega. Sie sind lustig, unterhaltsam, kurzweilig und haben immer eine unerwartete Wendung. So auch hier. Ich habe so oft gelacht und den Kopf geschüttelt über Katrin und Hanna. Katrin ist immer diejenige, bei der alles nach Plan und Struktur laufen muss. Hanna dagegen lässt alles auf sich zu kommen und genießt das Leben. Das ist für Katrin oft purer Nervenstress.

Außerdem lernt man im Buch ein wenig das Land kennen, da Theresia Graw selbst schon dort war und somit sehr authentisch darüber schreiben konnte. Ohne zu viel zu verraten … das wäre kein Land für mich. Da bin ich dann doch zu sehr Katrin. 🙂

Fazit: Sehr unterhaltsamer Roman mit verschiedenen Wendungen und bis zum Schluss mega spannend. Ein perfektes Buch für den Sommer und um Fernweh kurzfristig zu stillen!

(Blanvalet, ISBN: 9783734104404, Preis: 9,99 Euro)

 

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Das Kaff von Jan Böttcher

Der Architekt Michael Schürtz hat als Jugendlicher sein Heimatdorf verlassen um in der Großstadt sein Leben zu leben. Das macht er auch und zwar sehr erfolgreich. Doch jetzt kehrt er in seine Heimat zurück, um dort als Bauleiter eine Bauprojekt zu überwachen. Es ist eine Reise zurück zu seinen Wurzeln und seinem damaligen Leben, denn auch nach 20 Jahren hat sich wenig in dem Kaff verändert.

Das was Böttcher als Kaff bezeichnet, ist fast ein solcher Ort, in dem ich lebe. Und ganz ehrlich … mich nervt es langsam, dass es immer wieder Bücher gibt (Unterleuten von Juli Zeh war auch so eins), die das Leben auf dem Dorf als rückläufig, langweilig, spießig, unattraktiv usw. darstellen.  Wir erleben es im Moment hier bei uns, dass eben viele junge Familien wieder aufs Dorf/ Land ziehen, weil Häuser und das Leben bezahlbarer sind, als in der Stadt, es Gemeinschaft anstatt Anonymität gibt.

Fazit: Ich mag solche Bücher nicht mehr lesen!

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037161, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Geräusch des Lichts von Katharina Hagena

Fünf sehr unterschiedliche Menschen sitzen im Wartezimmer einer Arztpraxis. Fünf verschiedene Leben. Eine der Wartenden ist die Erzählerin. Sie ist als letztes gekommen und sie erzählt die Geschichte der anderen. Am Anfang scheinen es einzelne Schicksale zu sein. Doch schnell wird klar, das sie alle miteinander verwoben sind und zu den Nordlichtern Kanadas führen.

Eine sehr leise und poetische Geschichte, die viel Aufmerksamkeit braucht und sich nicht schnell runter lesen lässt. Die Geschichte selbst hat keinen großen Handlungsspielraum und ist somit vielleicht eher ein Buch, um sich selbst zu reflektieren.

Fazit: Anders als die Bücher die ich bereits von der Autorin kenne, dennoch lesenswert, wenn man nicht zu viel erwartet.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462049329, Preis: 20,00 Euro)

 

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Die Frau nebenan von Yewande Omotoso

Hortensia ist schwarz. Marion ist weiß. Beide sind Nachbarinnen und leben in Katterjin bei Kapstadt, eine Siedlung für Reiche und Privilegierte. Jede der beiden Frauen ist Witwe und beide haben viel in ihrem Leben erreicht. Doch die beiden können sich nicht leiden, und bekriegen sich wo es nur geht. Dann passiert ein Zwischenfall ´mit Marions Haus, und Hortensia bietet ihr notgedrungen „Unterschlupf“. Die beiden Frauen kommen sich kurzfristig näher.

Auf den ersten Blick scheint es ein netter und komische Roman zu sein. Es ist einfach zu schön, wie sich die beiden Alten gegenseitig zickeln und schikanieren. Doch blickt man hinter die Fassade, erkennt man, dass es hier um mehr geht. Es geht um die Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika. Es geht darum, wann beginnt Rassismus und wie kann der Einzelne etwas im kleinen bewirken. Es geht um Freundschaft und Vertrauen, egal welche Hautfarbe und welchen Background der andere hat.

Fazit: Ein gelungener Roman, für den ich mir aber noch ein bisschen mehr Tiefgang gewünscht hätte.

(Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN: 9783548290539, Preis: 11,00 Euro)

 

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Genuss pur

Aufbau Verlag, ISBN: 9783351036720, Preis: 21,95 €

Klappentext
„Sagen wir es so: Ich wurde geboren, als ich auf der anderen Seite der George Washington Bridge ankam.“
So lernen wir die unvergessliche Tess kennen, die auf der Flucht vor ihrer provinziellen Herkunft nach New York kommt, um endlich jemand zu werden, um endlich ihren Platz auf der Welt zu finden.
Wie so viele beschließt Tess, erst einmal einen Job als Kellnerin anzunehmen, um etwas Geld zu verdienen. Doch das Restaurant, in dem sie anheuert, ist alles andere als gewöhnlich. Es ist der große Tempel des Genusses, in dem nichts der Willkür überlassen wird – ein Paralleluniversum mit ganz eigenen Regeln und Gesetzen, Affären und Allianzen, Intrigen und Freundschaften, Exzessen und Freuden. Tess kann nur überleben, wenn sie schnell lernt. Und die Lektion, die sie hier bekommt, wird ihr Leben verändern.

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Tess ist eine junge Frau, entflieht nach dem College der Provinz in der sie aufgewachsen ist. Sie möchte das Leben spüren, erfahren wo ihr Platz im Leben ist. Sie strandet in New York und muss schnell feststellen, dass das Leben dort teuer ist. Sie nimmt erst einmal einen Job als Kellnerin an.

Das Restaurant in dem sie arbeitet ist ein Edelrestaurant, die Menschen die dorthin kommen Persönlichkeiten. Die Arbeit ist hart, dennoch hat Tess eine gewisse Freude daran und sie lernt sich schnell in die Abläufe ein. Schnell freundet sie sich mit ihren Kollegen an, sofern man dies Freundschaft nennen kann.

„BEI GESCHMACK, sagt der Chef, geht es immer um Ausgewogenheit. Das Saure, das Salzige, das Süße, das Bittere. Deine Zunge verfügt jetzt über die entsprechenden Codes. Ein Zeugnis von Geschmack, ein eindeutiger Hinweis darauf, wie du der Welt begegnest, ist die Fähigkeit, das Bittere zu schätzen, ja, danach ebenso zu gieren wie nach dem Süßen.“ (Seite 25)

Dieses Buch spaltet die Leserschaft. Vielen finden, dass zu leichtfertig über Alkohol, Drogen und Sex gesprochen wird. Ich habe dies als nicht so schlimm empfunden, weil ich versucht habe den Kontext dahinter zu sehen.

Jobs in der Gastronomie sind echte Knochenjobs. Nicht nur, dass die Arbeitszeiten einfach unmenschlich sind, haben es Frauen noch einmal um ein vielfaches schwerer dort zu bestehen. Sie werden oftmals, wie auch im Buch, sexuell genötigt/ belästigt. Um nicht den Job zu verlieren schweigen viele.

Hinzu kommt bei Tess noch, dass sie dazu gehören möchte. Folgedessen macht sie bei diesen Exzessen mit. Das will ich nun wirklich nicht schön reden oder gutheißen, aber sie hat niemanden in New York außer den Menschen die im Lokal arbeiten und sie möchte nicht in eine Außenseiterposition rutschen. Tess sucht noch nach ihrem Platz im Leben und die Liebe.

Auch Danler weißt in Nebensätzen und kleinen Botschaften auf die Folgen des Missbrauchs von Alkohol und Drogen hin.

Aber in diesem Buch geht es nicht nur um Alkohol, Drogen und Sex. Es geht auch um den Genuss, um gutes Essen und Weine. Ich persönliche liebe auch gutes Essen und Weine, dass in einer entsprechend Lokalität …. phantastisch. Für mich ist diese Art des Genusses eine Entschleunigung vom Alltag. Ich setze mich mit einer Speise auseinander, versuche Geschmack und Bestandteile zu differenzieren. Daher war dieses Buch für mich auch ein Erlebnis. Ich konnte mal „hinter“ die Kulissen schauen und erfahren wie die täglichen Abläufe in einem guten Restaurant sind.

Zusammengefasst:
SWEET … die Sehnsüchte, das Leben und die Liebe … BITTER die Abstürze und Exzesse … was für ein Wahnsinnsbuch!!!

 

 

4 von 5 Sternen

… aus „Ist das jetzt schon Liebe?“ von Christina Beuther

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

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Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

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„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

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„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

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Von Traditionen und Mythen

Aufbau Verlag Fester Einband  444 Seiten  Erscheinungsdatum: 17.10.2016  Preis: 21,95 Euro ISBN: 9783351036461

Aufbau Verlag
Fester Einband
444 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.10.2016
Preis: 21,95 Euro
ISBN: 9783351036461

Klappentext
1999 in North Dakota. Ein goldener Herbstnachmittag, ein Hirsch, ein Schuss, ein toter Junge. Nichts wird je wieder so sein, wie es einmal war.
Nachdem Landreaux und Emmaline in einer Schwitzhüttenzeremonie ihre Vorfahren befragt haben, bringen sie ihren jüngsten Sohn LaRose zu Dustys Familie: dem verschlossenen Vater Peter, der seit Dustys Tod völlig vernachlässigten 9-jährigen Maggie und der psychisch labilen Mutter Nola. Tatsächlich gelingt es dem sanften Jungen, die in Trauer, Zorn und Verzweiflung erstarrten Herzen zu öffnen und die beiden einst befreundeten Familien einander wieder anzunähern. Indes schmiedet der verschrobene Einzelgänger Romeo, der mit Landreaux eine uralte Rechnung offen hat, einen irrwitzigen Racheplan.

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Das Gerüst der Geschichte ist schnell erzählt. Bei einem Unfall kommt der 5-jährige Dusty ums Leben. Landreaux, sein Onkel, hat ihn aus Versehen erschossen. Dustys Eltern Peter und Nola, so wie die Schwester Maggie erstarren vor Trauer. Landreaux und seine Frau Emmaline beschließen einer alten Tradition zu folgen und geben ihren 6-jährigen Sohn LaRose der trauernden Familie. Er soll dafür sorgen, dass Dustys Familie ihren Schmerz überwinden kann.

„Er hatte von solchen Adoptionen in den alten Zeiten gehört, als Krankheiten und Morde manche Familien zerstörten und andere verschonten. Es war eine uralte Form der Gerechtigkeit. Eine Geschichte, und Geschichten berührten ihn.“ (Seite 47)

Zu Anfang der Geschichte habe ich oft gedacht was für eine Tragödie. Der Onkel erschießt den Neffen und fühlt sich, obwohl es ein Unfall war, schuldig. Die Eltern von Dusty, Nola und Peter, verlieren sich in ihrer Trauer. Nola verzweifelt am Leben und Peter ist voller Hass. Als Landreaux und Emmaline dann beschließen ihr jüngstes Kind LaRose, zerbricht Emmaline  fast an dieser Entscheidung. Und LaRose … versteht am Anfang gar nicht, warum er nun bei einer fremden Familie leben soll. Doch je weiter man liest, desto klarer wird dieses Geflecht aus Wut, Trauer, Schuld und Sühne.

Vor allem LaRose hat eine besondere Rolle in dieser Geschichte. Er ist der fünfte, der den Namen LaRose trägt. Vor ihm haben jedoch nur Frauen diesen Namen getragen, doch allen LaRoses wird eine besondere Fähigkeit zugeordnet … sie können die Geister ihrer Urahnen sehen.
Als LaRose in die neue Familie kommt, kann er jedoch nicht verstehen, warum seine Mutter ihn weg gibt. Erst im Laufe der Zeit ahnt er, was seine Aufgabe ist. Er soll alle Beteiligten wieder zueinander führen.

„Dauernd sammelst du Steine. Was soll mir der bitte nützen? Sie ließ den Kiesel fallen. Wir müssen auf sie aufpassen. Wir müssen sie aufhalten!
Ich weiß, sagte LaRose. Er nahm ihre Hand, öffnete sie und legte den Stein wieder in ihre Handfläche. Das ist ein Aufpasserstein. Wenn ich aufpassen soll, gibst du ihn mir. Und wenn du aufpassen sollst, kriegst du ihn.“ (Seite 271)

Was auf den ersten Blick wie eine klar konstruierte Geschichte aussieht ist in Wahrheit ein Geflecht aus dem wahren Leben, Traditionen und Mythen. Und je weiter ich gelesen habe, um so mehr hat mich diese sehr eigene Welt der Indianer fasziniert. An manchen Stellen habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss mit solchen Traditionen und Mythen aufzuwachsen. Es verbindet die Menschen innerhalb einer Familie, aber die Menschen außerhalb haben für viele Entscheidungen kein Verständnis. So erging es mir ja auch … ich konnte überhaupt nicht verstehen, wie man ein kleines Kind, sein eigen Fleisch und Blut, in eine andere Familie geben kann. Was macht das mit einem Kind? Mit einem selbst? In Erdrichs Roman bekommt man einen Einblick in dieses Geflecht … und auch ein Gefühl dafür warum diese Menschen so handeln wie sie handeln …

„Maggie verbiss sich ihre Worte. Sie sagte nicht, dass es ihr leidtat, aber tat ihr ganz furchtbar leid. Es tat ihr leid, dass sie nie etwas richtig machte. Es tat ihr leid, dass sie ihrer Mutter nicht bieten konnte, was sie brauchte. Tat ihr leid, dass sie ihr nicht helfen konnte. Tat ihr manchmal auch leid, dass sie Nola in der Scheune überrumpelt hatte. Leid, leid, leid, dass sie so etwas denken konnte. Dass sie böse war. Dass sie nicht in jeder Sekunde für das Leben ihrer Mutter Dankbarkeit empfand. Es tat ihr leid, dass LaRose der Liebling ihrer Mutter war, dabei war er auch ihr eigener. Tat ihr leid, dass sie ständig daran dachte, wie leid es ihr tat, und dass sie all ihre Zeit mit diesem Gefühl verschwendete. Vor dieser Sache mit ihrer Mutter hatte Maggie nie irgendwas leidgetan. Sie sehnte sich so sehr danach zurück.“ (Seite 283/ 284)

Mich hat dieser Roman tief bewegt. Erdrich zeichnet ihre Charaktere mal sehr liebevoll, dann wieder sehr distanziert. Immer so, wie es die Situation gerade braucht. Jeder einzelne Charakter hat mich berührt. Ich konnte den Schmerz, die Wut und die Trauer von Dustys Eltern spüren. Landreaux Schuld lag auch mir schwer auf den Schultern. Emmalines Zerrissenheit ob es richtig ist LaRose der anderen Familie zu geben, hat auch mich zerrissen. Und LaRose … LaRose ist der Liebling aller, weil er etwas ganz besonderes ist …

Unbedingt lesen!

5 von 5 Sternen

Das Leben will riskiert werden

Aufbau TB Flexibler Einband 240 Seiten Erscheinungsdatum: 17.06.2016 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746632254

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Klappentext
Nach dem Tod ihrer Mutter Ria kehrt Juli aus den USA zurück in die westfälische Provinz, wo ein altes Haus und ein Brief ihrer Mutter Ria auf sie warten. Rias letzte Worte sind schonungslos, und Juli ist schockiert: Ihre Mutter urteilt über ihr Leben, obwohl sie sie doch gar nicht kannte. Es braucht viele Stunden, Begegnungen, Feste und Streits, bis Juli erkennt, dass ihre Mutter vielleicht Recht haben könnte. Aber was ist das Beste für Juli? Als sie schon ihre Entscheidung gefällt hat, trifft sie auf den Dorfarzt Jan, den sie bereits aus Kindertagen kennt und eigentlich unausstehlich fand.

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Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

Juli lebt in Amerika und bekommt eines Tages einen Anruf ihres Onkels, der ihr mitteilt, dass ihre Mutter Ria verstorben ist. Ria fliegt zurück in ihr Heimatdorf Beekelsen um die Beerdigung und den Nachlass der Mutter zu organisieren.

Julis und Rias Verhältnis war nicht das Beste. Juli ist eigentlich bei ihrer Großmutter aufgewachsen, da Ria kurz nach Julis Geburt in die weite Welt gezogen ist. Sie ist vor der Verantwortung mehr oder weniger geflohen. Ihren Vater kennt Juli nicht. Also wächst Juli bei ihrer Großmutter in Beekelsen auf. In einem kleinen westfälischen Ort, in dem jeder jeden kennt.

Aber auch Juli kehrt diesem Ort irgendwann den Rücken und kommt nur zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück. Ria lebt mittlerweile im Haus der Großmutter. Sie scheint angekommen zu sein … im Leben und in Beekelsen. Und nun ist Ria tot und Juli muss sich um alles kümmern. Was wird aus dem Haus? Kommt ein Leben in Beekelsen für sie in Frage?

Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

Dies ist der zweite Roman von Christina Beuther. Ihr Debüt „Aber so was von amore“ hatte mir sehr gut gefallen, umso gespannter war ich auf den neuen Roman. Der Titel „Ist das jetzt schon Liebe?“ hört sich erst einmal noch einem leichten Liebesroman an. Doch in der Geschichte um Juli steckt viel mehr drin.

Es ist die Geschichte von zwei Frauen … Ria und Juli … die jede zu ihrer Zeit aus dem kleinen westfälischen Dorf ausbricht. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt, und der den beiden Frauen irgendwann zu eng wird. Sie suchen in der Welt ihren Platz, ziehen dabei ruhe- und rastlos von einem Ort zum anderen, nicht in der Lage wirkliche Heimat zu finden. Beide sind nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen, harren manchmal in Beziehungen oder Orten aus, obwohl sie diese Gedanklich schon verlassen haben.

Eine zentrale Frage ist … was ist Heimat? Was bedeutet Heimat? Ist es ein Ort, ein Gebäude oder eher ein Gefühl?

„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

Ein weiterer zentraler Gedanke des Buches ist die Entscheidung. Die Entscheidung wie etwas weiter gehen kann. Die Angst sich falsch zu entscheiden hemmt viele Menschen sich überhaupt zu entscheiden. Sie überlegen ewig bis sie sich entscheiden und dann sind sie sich immer noch nicht sicher. Juli und Ria sind solche Menschen. Aus Angst vor falschen Entscheidungen verpassen sie das eigentliche Leben. Sie sind in sich selbst gefangen, unfähig den Augenblick zu genießen.

„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

Was für ein wunderschöner Roman. Beim Lesen bin ich oft in meine eigene Kindheit zurück katapultiert worden. Wörter wie „Ado mit der Goldkante“, „Genever“ oder „Saurer Apfel“ haben mich an meine eigene Jugend in einem kleinen „vermieften“ Dorf erinnert. Verzeiht mir diesen Ausdruck, aber so habe ich früher darüber gedacht. Die Enge des Dorfes, die Dorfgemeinschaften, dieses Jeder kennt Jeden und einmischen aller in persönliche Dinge, all diese Dinge die Juli in Beekelsen erlebt, kommen mir sooooo bekannt vor. Darum kann ich auch Ria und Juli verstehen. Kann verstehen, dass sie aus diesem „Mief“ raus wollten. Raus in die große weite Welt. Aber auch sie mussten lernen, dass da draußen nicht alles so toll ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Irgendwann bemerken sie, dass ihnen etwas fehlt … ein Stück Heimat. Und da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage … was ist Heimat?

Dieser neue Roman von Christa Beuther hat so viel mehr zu bieten als nur eine Liebesgeschichte. Es ist ein wundervolles Buch über die Such nach Heimat und Geborgenheit.

Übrigens, während man dieses Buch liest, sollte man unbedingt einen Zettel neben dem Buch liegen haben, denn Christian Beuther verrät uns in der Geschichte jede Menge köstliche Rezepte, die einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
kein Augenblick, kein Moment
kann sich je wiederholen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
wir können nicht zurück,
und warum sollten wir auch?“ (Bosse „Schöne Zeit“ Seite 6)

In diesem Sinne … Danke liebe Christina ♥♥♥

 

5 von 5 Sternen

 

… aus „Auch morgen werden Rosen blühen“ von Clara Sternberg

Aufbau TB Flexibler Einband 304 Seiten  Erscheinungsdatum : 14.01.2016  Preis: 9,99 € ISBN: 9783746631738

Aufbau TB
Flexibler Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum : 14.01.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746631738

 

„Sie hatte sich immer vorgestellt, dass Sterben bedeutet, dass man einfach ausgelöscht wurde. Dass der Mensch, der man gewesen war, mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Persönlichkeit, aufhörte zu existieren. Eben war man noch da und mit irgendetwas beschäftigt, dann legt der Tod den Schalter um und man ging aus wie ein Licht, versank in ewiger Dunkelheit. Das war beängstigend und sprengte den Horizont dessen, was man geistig und emotional erfassen und wirklich nachvollziehen konnte. Und doch machte es Sinn, denn es hatte eine Ordnung: Erst war man nicht da. Dann wurde man geboren, lebte, starb und verschwand wieder im Nichts.
Alma war gestorben, sie war mehrere Minuten tot gewesen, aber sie war keineswegs in Dunkelheit versunken, bevor ihr Herz wieder angefangen hatte zu schlagen. Was für einen Sinn, was für eine Ordnung hatte es, wenn man aus reiner Glückseligkeit zurückgeschleudert wurde in ein Leben, das sich seither wie eine triste Sackgasse anfühlte?“ (Seite 104/ 105)

∗∗∗

„Ich will spüren, dass ich lebe,
jeden Tag, den ich hab
ich will spüren, dass ich lebe
wissen, ich war gut genug.“ (Seite 232)

∗∗∗

„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“ (Sören Kierkegaard)

∗∗∗

„Wer liebt, vergisst nicht“

Aufbau TB Flexibler Einband  288 Seiten Erscheinungsdatum: 10.11.2012 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746629896

Aufbau TB
Flexibler Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.11.2012
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746629896

Klappentext

Helen ist an Alzheimer erkrankt. Doch an dem Tag, an dem das jährlich stattfindende Jugendfest beginnt, bricht sie plötzlich aus der Isolation aus. Sie tanzt mit einem unsichtbaren Geliebten über das verlassene Parkett. Ihr Sohn Mauro schöpft Verdacht, dass es im Leben seiner Mutter jemanden gab, von dem er nichts weiß. Die Geschichte einer verratenen Liebe, die eine letzte Chance erhält.

Dieses Buch beschreibt mit einer unbeschreiblichen Intensität die Gefühle und das Leben der Protagonisten. Ein Buch der leisen, zärtlichen und aber auch grausamen Töne.

Da ist Helen in ihrer Welt mit ihrer Krankheit. Es liest sich nicht leicht, da manche Sätze mittendrin aufhören, so wie die Gedanken bei Alzheimer Patienten springen. Man spürt die Verzweiflung, die Sehnsucht und die Fragen, die ihr nie jemand beantwortet hat.

Mauro, der nicht weiß wie er mit der Krankheit von Helen und Helen selber umgehen soll. Aber auch seine eigene Verzweiflung am Leben und der Suche nach der einen wahren Liebe.

Jakob, der Helen über alles liebt und sie auf schmerzlichste Weise verliert und dabei auch fast sein Leben.

Pius, auch er liebt Helen über alles. Doch er trägt ein Geheimnis mit durch sein Leben, das ihn am Leben zerbrechen lässt.

Lindita, die Pflegekraft von Helen. Eine Frau, die sich mit Hingabe ihrem Beruf widmet. Der Pflege von Demenzkranken Menschen.

Mit Urs Augstburger lese ich einen zweiten Autor, der eigentlich nur für Thriller und Krimis bekannt ist, die ich jedoch nicht gelesen habe. Aber auch ihm ist, wie Rita Falk ein ganz großer Spagat gelungen. Dieses Buch hat mich so berührt, weil es so zärtlich mit seinen Protagonisten umgeht. Die Beschreibungen und Szenen sind so wundervoll beschrieben, dass ich oft den Eindruck hatte, ich sitze daneben und mir erzählt jemand aus seinem Leben.

Ich bin erschüttert über die Dinge, die ich erfahre aus einer Zeit, in der Frauen/ Mädchen noch kein selbstbestimmtes Leben führen durften. In der die Regeln der Eltern „Gesetz“ waren.

Ich bin glücklich und auch ruhiger, wenn ich lese, wie Helen in ihrer Welt lebt. Sie ist glücklich. Sie vermisst nichts. Das nimmt mir irgendwie die Angst vor dieser Krankheit. Ich verstehe vieles besser.

Ich danke Herrn Augstburger für diesen großartigen Roman, für die liebevollen, zärtlichen und glücklichen Stunden mit Helen, Mauro, Jakob, Pius und Lindita.

Für mich persönlich hat das Buch ein offenes Ende, ein Ende, das mich träumen lässt, dass Helen irgendwann einen lichten Moment hat und erkennt, dass ihre große Liebe nach all der Zeit endlich bei ihr ist!!! ♥♥♥

 

5 von 5 Sternen