… aus „Aron und der König der Kinder“ von Jim Shepard

C. H. Beck Fester Einband  272 Seiten Erscheinungsdatum: 21.01.2016 Preis: 19,95 € ISBN: 9783406689598

C. H. Beck
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.01.2016
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783406689598

 

„Allzu oft funktionierte meine Zunge, doch nicht mein Kopf, oder mein Kopf funktionierte, aber nicht mein Herz.“( Seite 8)

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„Aber wegen der Läuse konnte ich nicht schlafen. Schließlich kochte meine Mutter meinen Pullover, der so vor Läusen wimmelte, dass wir sehen konnten, wie er sich bewegte. Doch die Nissen überlebten das Kochen und konnten nur mit dem Bügeleisen entfernt werden. Wenn sie sich unter dem Eisen auflösten, hinterließen sie graue Ölflecken, und nach einer Weile war wieder alles voll mit ihnen, denn was wir auch desinfizierten, es wurde sofort wieder befallen. (…) Morgens fuhr ich mit den Fingernägeln über die Kopfhaut und ließ, was ich abgekratzt hatte, auf den heißen Ofendeckel fallen, wo es gebrutzelte.“ (Seite 57/ 58)

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„Er ermahnte die Erwachsenen, Kindern liebevoll zu begegnen, weil sie bereits Persönlichkeiten seinen, und Achtung davor zu haben, wer sie in Zukunft sein würden. Er sagte zu uns Kindern, wir sollten daran denken, dass wir die Welt nicht so verlassen könnten, wie wir sie vorgefunden hätten.“  (Seite94/ 95)

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„Ein Kind hat das Recht zu sein, wie es ist. Ein Kind hat das Recht auf Trauer. Ein Kind hat das Recht zu lernen. Und ein Kind hat das Recht, Fehler zu machen.“ (Seite 265)

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Sch’maja und der Pan Doktor

C. H. Beck Fester Einband  272 Seiten Erscheinungsdatum: 21.01.2016 Preis: 19,95 € ISBN: 9783406689598

C. H. Beck
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.01.2016
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783406689598

Klappentext
Aron, ein kleiner polnisch-jüdischer Junge, ist in seiner nicht geraden kleinen, armen Familie so etwas wie eine Katastrophe auf zwei Beinen. Nichts will ihm so recht glücken und alles macht er kaputt. Doch halb Tom Sawyer, halb Simplicius – er ist ein guter Kerl.
Aron hat leider keine Zeit, ein vernünftiger Erwachsener zu werden. Denn seine Familie zieht nach Warschau, die Deutschen überfallen Polen und die Juden werden ins Ghetto gepfercht. Er freundet sich mit einer Gruppe Jugendlicher an, die für sich und ihre Familien ums Überleben kämpfen, arbeiten, schmuggeln und stehlen und sich immer fragen müssen, wieviel Freundschaft und Liebe sie sich noch leisten können. Verrat und Tod lauern jederzeit. Als der König der Kinder, der berühmte Arzt und Pädagoge Janusz Korczak, Aron in sein Waisenhaus aufnimmt, beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft, die den Jungen verändert und beide über sich hinaus wachsen lässt.

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„Ein Kind hat das Recht zu sein, wie es ist. Ein Kind hat das Recht auf Trauer. Ein Kind hat das Recht zu lernen. Und ein Kind hat das Recht, Fehler zu machen.“ (Seite 265)

Dies sind die letzten Worte, die Korczak zu Aron sagt. Korczaks Waisenhaus wird in ein Lager nach Treblinka deportiert, mit dabei Korczak und Aron. Wie eine Viehherde werden die Kinder und Korczak durch das Ghetto Richtung Treblinka getrieben. Die Menschen, die an den Straßenrändern stehen wissen genau um das Schicksal der Kinder und Korczak, und dennoch stehen sie dort und gaffen.

„Allzu oft funktionierte meine Zunge, doch nicht mein Kopf, oder mein Kopf funktionierte, aber nicht mein Herz.“( Seite 8)

Doch bis es zu diesem Ende kommt, erzählt Jim Shepard die Geschichte eines Jungen, der eigentlich gar keine Chance hat erwachsen zu werden. Sein Schicksal ist mehr oder weniger vorhersehbar/ vorherbestimmt. Als polnisch-jüdischer Junge geboren, landet er mit seiner Familie in Warschau. Doch bereits kurz nach deren Ankunft dort, werden die ersten Mauern gezogen und das Warschauer Ghetto entsteht. Mitten drin Aron und seine Familie. Jeder Tag in diesem Ghetto wird schlimmer und schlimmer. Die Familien, wie auch die Kinder kämpfen ums tägliche Überleben. Väter und Brüder kehren plötzlich nicht mehr nach Hause zurück, keiner weiß so genau wo sie geblieben sind. Einige haben Vermutungen. So ist auch Aron plötzlich alleine. Seine Familie nach und nach verschwunden oder am Fleckfieber verstorben. Eines Tages trifft er auf Korczak und dieser nimmt ihn mit in sein Waisenhaus. Schnell hat Korczak an diesem ungewöhnlichen Jungen einen Narren gefressen.

Korczak selbst ist am Ende seiner Kräfte. Der ständige Kampf für die Kinder zehrt an seinen Körper und seinem Geist. Dennoch stellt er das Leben der Kinder über sein eigenes und geht am Ende mit ihnen nach Treblinka, damit seine Kinder nicht alleine sind!

„Aber wegen der Läuse konnte ich nicht schlafen. Schließlich kochte meine Mutter meinen Pullover, der so vor Läusen wimmelte, dass wir sehen konnten, wie er sich bewegte. Doch die Nissen überlebten das Kochen und konnten nur mit dem Bügeleisen entfernt werden. Wenn sie sich unter dem Eisen auflösten, hinterließen sie graue Ölflecken, und nach einer Weile war wieder alles voll mit ihnen, denn was wir auch desinfizierten, es wurde sofort wieder befallen. (…) Morgens fuhr ich mit den Fingernägeln über die Kopfhaut und ließ, was ich abgekratzt hatte, auf den heißen Ofendeckel fallen, wo es gebrutzelte.“ (Seite 57/ 58)

Dieses Buch hat mich an meine emotionalen Grenzen gebracht. Vom Stil und Sprache her ist es sehr einfach geschrieben. Shepard lässt Aron erzählen und so ist auch die Sprache … kindlich, kurze Sätze und manchmal auch springend, wie Kinder eben in ihren Gedanken springen. Doch das was Aron erzählt hat es in sich.

Jim Shepard Geschichte um Aron und Korczak macht mich wütend, fassungslos und traurig. Doch für mich ein wichtiges Buch, das zeigt, dass es selbst in der Ausweglosesten Situation immer noch ein Funken Menschlichkeit und Liebe gibt.

„Er ermahnte die Erwachsenen, Kindern liebevoll zu begegnen, weil sie bereits Persönlichkeiten seinen, und Achtung davor zu haben, wer sie in Zukunft sein würden. Er sagte zu uns Kindern, wir sollten daran denken, dass wir die Welt nicht so verlassen könnten, wie wir sie vorgefunden hätten.“  (Seite94/ 95)

Dies ist wirklich kein einfaches Buch, kein Buch für Zwischendurch oder mal eben so. Dieses Buch verlangt vom Leser alles … aber es ist für mich eines der wertvollsten Bücher der letzten Zeit.

Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen

… aus „Blaue Blumen“ von Carola Saavedra

C. H. Beck Fester Einband  224 Seiten Erscheinungsdatum: 10.03.2015  Preis: 18,95 € ISBN: 9783406675676

C. H. Beck
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.03.2015
Preis: 18,95 €
ISBN: 9783406675676

 

„Gibt es denn wirklich etwas Wichtiges zu sagen?, wirst du dich fragen. Eine Enthüllung, ein Geheimnis? Ich antworte dir, ja, es gibt Dinge, die du nicht weißt; es gibt immer Dinge, die wir nicht wissen, ganz egal wie durchschaubar der andere auch sein mag. Ganz  egal, wie ergeben er auch ist, es gibt immer etwas Unerwartetes, etwas, das einen vielleicht überrascht, einem ein Lächeln entlockt oder Leid zufügt.“ (Seite 31)

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„Ich schreibe dir, damit du mich liest. Ganz einfach. Damit du mich liest und zurückblickst, damit du mich liest und denkst, dass es etwas verblüffendes Schönes in mir gibt, etwas, das du nicht gesehen hast, etwas, das unbemerkt an uns vorbeigegangen ist. Also, um es noch klarer auszudrücken, vorausgesetzt, das ist überhaupt möglich: Ich schreibe dir, damit du mich liest und liebst.“ (Seite 51)

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„Gestern habe ich lange darüber nachgedacht, über die Liebe, über diese Beharrlichkeit in der Liebe, als könne die Liebe uns vor allem bewahren oder zumindest vor irgendetwas, als könne die Liebe uns vor Hass bewahren, vor dem Wahnsinn und sogar vor dem Verlangen.“ (Seite 52)

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Ich erinnere mich an alles, vom ersten Blick an. Irgendjemand hat mir mal gesagt, in diesem ersten Blick wäre schon alles enthalten, die Liebe, die erste Begegnung, die Wiederbegegnung, die Trennung, der Genuss, der Schmerz, das Leben und der Hass, alles, was folgt, existiert schon in diesem ersten Blick und wird dann nur noch abgespult.“ (Seite 77)

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Über die Wirkung von Briefen

C. H. Beck Fester Einband  224 Seiten Erscheinungsdatum: 10.03.2015  Preis: 18,95 € ISBN: 9783406675676

C. H. Beck
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.03.2015
Preis: 18,95 €
ISBN: 9783406675676

Klappentext
Eine Frau schreibt Briefe an einen Mann, der sie verlassen hat, aber der Mann, der sie erhält und liest, der von ihnen gepackt und ergriffen wird, so sehr, dass er nicht mehr zur Arbeit geht, ist gar nicht der richtige Adressat. Er selbst lebt in Trennung von seiner Frau und seinem Kind und so wechselt sich seine eigene Geschichte ab mit den Briefen. Die offenbar irrtümlich bei ihm landen und auf die er zu warten beginnt. Welche Wirkung werden diese Briefe über Liebe und Lust, Abhängigkeit und Verrat, über Nähe und Gewalt am Ende haben? Und wer ist ihr wahrer Adressat?

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„Gibt es denn wirklich etwas Wichtiges zu sagen?, wirst du dich fragen. Eine Enthüllung, ein Geheimnis? Ich antworte dir, ja, es gibt Dinge, die du nicht weißt; es gibt immer Dinge, die wir nicht wissen, ganz egal wie durchschaubar der andere auch sein mag. Ganz  egal, wie ergeben er auch ist, es gibt immer etwas Unerwartetes, etwas, das einen vielleicht überrascht, einem ein Lächeln entlockt oder Leid zufügt.“ (Seite 31)

Eine Unbekannte (sie nennt sich A.), schreibt täglich Briefe an ihren Geliebten, der sie verlassen hat. Sie erzählt ihm in diesen Briefen von ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrer Verletzlichkeit. A. erinnert sich an die Zeit mit dem Geliebten … das Kennenlernen, das Lieben, den Sex, die Streitigkeiten und den Hass bis hin zur Trennung … in der Hoffnung, dass ihr Geliebter zu ihr zurück kehrt.

„Ich schreibe dir, damit du mich liest. Ganz einfach. Damit du mich liest und zurückblickst, damit du mich liest und denkst, dass es etwas verblüffendes Schönes in mir gibt, etwas, das du nicht gesehen hast, etwas, das unbemerkt an uns vorbeigegangen ist. Also, um es noch klarer auszudrücken, vorausgesetzt, das ist überhaupt möglich: Ich schreibe dir, damit du mich liest und liebst.“ (Seite 51)

Marco lebt getrennt von seiner Frau und von seiner Tochter. Er findet sein Leben trostlos und hat Affären, doch nichts bedeutet ihm etwas. Dann liegt eines Tages ein blauer Brief in seinem Kasten. Obwohl er ahnt, dass dieser Brief nicht für ihn bestimmt ist, liest er ihn. Marco ist fasziniert von dem Inhalt und fragt sich wer diese Frau ist, die sich so voller Liebe nach ihrem geliebten sehnt, der sie verlassen hat. Als am nächsten Tag wieder ein Brief im Kasten liegt, liest er ihn wieder, da seine Neugier zu groß ist. Skrupel hat er ein klein wenig, doch seine Faszination überwiegt. Mit jedem Tag mehr, an dem ein Brief in seinem Kasten liegt, verfällt Marco der Briefschreiberin. Er verliebt sich in die Frau, ohne dass er sie kennt. Und erst, als sie ihren letzten Brief ankündigt, macht er sich auf den Weg und versucht heraus zu bekommen wer die Schreiberin ist. Doch nichts ist so wie es scheint …

„Gestern habe ich lange darüber nachgedacht, über die Liebe, über diese Beharrlichkeit in der Liebe, als könne die Liebe uns vor allem bewahren oder zumindest vor irgendetwas, als könne die Liebe uns vor Hass bewahren, vor dem Wahnsinn und sogar vor dem Verlangen.“ (Seite 52)

Das Buch fängt mit einem Brief an und wechselt sich dann immer mit der Geschichte des Empfängers ab. Die Briefe sind in einer wundervollen poetischen Sprache geschrieben und haben mich einfach umgehauen. Auch wenn die Briefe immer exzentrischer und gewagter werden. Sie enthüllen eine Liebesbeziehung die von Liebe, Hass und Gewalt geprägt ist. Ich möchte sogar behaupten, dass hier eine gewisse Hörigkeit seitens der Briefeschreiberin vorliegt. Sie kann nicht ohne ihren Geliebten, selbst nach der Trennung bittet und bettelt sie, dass er zurückkommt.

Die Kapitel mit Marco zeigen auf, dass er ein trostloses Leben führt. Nichts scheint ihm zu gelingen und alles ist ihm gleichgültig. Alle stellen in seinen Augen immer nur Forderungen. Vor allem die Frauen. Sie wollen immer nur, dass er sich kümmert, Geld verdient usw. Erst als er die Briefe liest, spürt er was ihm fehlt … eine Frau, die ihn bedingungslos liebt. Eine, der er sich anvertrauen kann, eine die ihn nimmt wie er ist. Marco macht in der Geschichte eine Wandlung durch. Aufgerüttelt von den Briefen, weiß er plötzlich was er im Leben will.

„Ich erinnere mich an alles, vom ersten Blick an. Irgendjemand hat mir mal gesagt, in diesem ersten Blick wäre schon alles enthalten, die Liebe, die erste Begegnung, die Wiederbegegnung, die Trennung, der Genuss, der Schmerz, das Leben und der Hass, alles, was folgt, existiert schon in diesem ersten Blick und wird dann nur noch abgespult.“ (Seite 77)

Wer eine Liebesgeschichte erwartet wird enttäuscht werden. Dieses Buch ist eher ein poetisches Verwirrspiel mit der Frage im Hinterkopf ist es die Wahrheit oder ist es Phantasie. Die verschachtelten Sätze erschweren das Lesen an manchen Stellen, doch die poetische Sprache der Briefe macht das wieder wett. Alles in allem ein lesenswertes Buch, das ungewöhnlich anders ist,  aber mich nicht vom Hocker gerissen hat.

3 von 5 Sternen

Daphnes Welt

C. H. Beck Fester Einband 286 Seiten Aktuelle Ausgabe : 09.02.2012 Preis: 19,95 € ISBN 9783406630019

C. H. Beck
Fester Einband
286 Seiten
Aktuelle Ausgabe :
09.02.2012
Preis: 19,95 €
ISBN 9783406630019

Klappentext „Die Familie des Eisenbahners Bob Withers in der neuseeländischen Kleinstadt Waimaru wird von Unglück und Krankheit geplagt: Eine Tochter, Francie, stirbt durch einen tragischen Unfall, eine andere Daphne, erkrankt psychisch so schwer, dass sie in eine Heilanstalt eingewiesen werden muss, ihr Bruder Toby hat epileptische Anfälle. Hinter dem Drama der Familie werden aber auch gesellschaftliche Konflikte sichtbar: Kann man im ganz anders gearteten Kosmos Neuseelands einfach die Werte und Bildungsstandards des weißen Europas vermitteln, ohne Rücksicht auf die angestammt Kultur?

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Dieses Buch hat eine sehr traurige Grundstimmung. Durch die vielen Tragödien und Schicksale der Familie Withers kommt kein Glücksgefühl auf. Obwohl alle Kinder versuchen ihr Glück zu finden, jedes auf seine Weise, ist es ihnen letztendlich nicht wirklich möglich es zu finden. Nicht das von dem jeder Einzelne der Familie träumt.

Das Buch ist in mehrere Kapitel gegliedert. In jedem Kapitel geht es um die Geschichte eines Familienmitglieds und wie seine Geschichte sich auf die anderen auswirkt. Für mich am schlimmsten war es zu lesen, wie Daphne in der Heilanstalt dahinvegetiert. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Hier entdecke ich auch autobiographische Züge, denn Janet Frame selber hat Jahre zu Unrecht wegen Schizophrenie in einer Heilanstalt verbracht. Unter anderem hat man sie mit Elektroschocks behandelt.

Dies ein einzigartiges Buch. Ein Buch, das mit einer poetischen Sprache das Schicksal und das Unglück von Menschen beschreibt, dass es einem unter die Haut geht. Es erscheint dem Leser surreal, dass man mit solch einer schönen Sprache solch eine Tragödie beschreiben kann.

Einzigartig … Wundervoll …

5 von 5 Sternen

 

Nachtrag (29.05.2015)

Dieses Buch habe ich 2012 durch Zufall entdeckt, da einiger ihrer autobiografischen Werke in einer Neuauflage bei C.H. Beck erschienen sind.

Janet Frame, deren richtiger Name Nene Janet Paterson Clutha ist, wurde 1924 in Neuseeland als drittes von fünf Kindern eines Eisenbahnarbeiters geboren. Hier findet man die ersten Parallelen zum Buch. Ihre Familiengeschichte ist irgendwie tragisch … der Bruder hatte Epilepsie und zwei Schwestern ertranken. Sie selber hat Jahre irrtümlicherweise wegen Schizophrenie in einer Nervenheilanstalt verbracht. Auch hier wieder Parallelen zum Buch. Die drei Bänden „Wenn Eulen schreien“ , „Dem neuen Sommer entgegen“ und „Ein Engel an meiner Tafel“ enthalten autobiografische Züge. „Dem neuen Sommer entgegen wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht, weil Janet Frame dieser Roman zu persönlich erschien, um ihn zu Lebzeiten zu publizieren.

Janet Frame verstarb 2004.

Für mich eine Autorin, deren einzigartigen Werke man lesen sollte!!!

… aus „Die Unberührten“ von Pamela Erens

C. H. Beck Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 21.01.2015  Preis: 19,95 € ISBN: 9783406675430

C. H. Beck
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.01.2015
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783406675430

 

„Es klingt lachhaft dramatisch, aber man sollte die metaphysischen Sehnsüchte eines Siebzehnjährigen nicht unterschätzen. Das ist das Geheimnis von Teenagersex, glaube ich. Für keinen von uns ging es wirklich um Ärsche und Genitalien, ums Schwanzlutschen oder Muschilecken. Es sind Erwachsene, die so oft in diesen Begrifflichkeiten denken, mit einem solchen Mangel an Phantasie. Wir Anfänger erleben Sex mehr als Psyche denn als Körper, als Verletzlichkeit und Macht, Ausgesetztheit und Flucht, fühlten uns dadurch gesalbt, gerettet, verklärt. Dabei zu versagen, es falsch zu machen hieß (und grinsen Sie jetzt bitte nicht; versuchen sie sich zu erinnern, wie es einmal war, damals), den Tod der eigenen Idealseele zu erleben.“ (Seite 49)

∗∗∗

„Aviva, behauptet sie, war es nie vorbestimmt, glücklich zu sein. (…). Sie war immer schon verspannt und ängstlich. Ängstlich? Wovor hatte sie Angst? Vor so vielem. Vor Süßigkeiten und Alkohol, davor, die Kontrolle zu verlieren. Carlyle hatte oft mitbekommen, wie Aviva sich im Spiegel anguckte, ganz dicht herantrat und dann ein Stück zurückwich, immer und immer wieder, als hätte sie irgendwie Schwierigkeiten, sich erscheinen zu lassen.“ (Seite 60)

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„Mehr und mehr möchte sie diese Sache hinter sich bringen, diese Jungfräulichkeit loswerden, die sie von dem ultimativen Vergnügen fernhält, von dem ultimativen Wissen, der ultimativen Macht.“ (Seite 63)

 

 

Himmel und Hölle

C. H. Beck Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 21.01.2015  Preis: 19,95 € ISBN: 9783406675430

C. H. Beck
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.01.2015
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783406675430

Klappentext
Beinahe harmlos beginnt Bruce Bennett-Jones die Geschichte einer Dreiecksliebe in einem vornehmen Internat 1979 an der Ostküste der USA zu erzählen, eine Geschichte von erster Liebe und Entdeckungen der Sexualität. Bis auf einen anfänglichen Übergriff ist er der ausgeschlossenen Beobachter, der die Liebe zwischen der Jüdin Aviva und dem Koreaner Seung so aufmerksam, neidvoll und beinahe fassungslos verfolgt wie das ganze Internat. Mit ihrer überschäumenden Körperlichkeit bringen sie Schüler und Kollegium fast an den Rand. Aber in Wahrheit sind Aviva und Seung auf tragische Weise gleichsam festgefroren an der Schwelle zur Initiation und Bruce hat gute Gründe, sich im Nachhinein vorzustellen, was wohl genau zwischen ihnen abgelaufen ist. Denn er ist weit mehr als ein neutraler Beobachter.

∗∗∗∗∗

„Aviva, behauptet sie, war es nie vorbestimmt, glücklich zu sein. (…). Sie war immer schon verspannt und ängstlich. Ängstlich? Wovor hatte sie Angst? Vor so vielem. Vor Süßigkeiten und Alkohol, davor, die Kontrolle zu verlieren. Carlyle hatte oft mitbekommen, wie Aviva sich im Spiegel anguckte, ganz dicht herantrat und dann ein Stück zurückwich, immer und immer wieder, als hätte sie irgendwie Schwierigkeiten, sich erscheinen zu lassen.“ (Seite 60)

Aviva ist ein jüdisches Mädchen, welches dabei ist sich selbst zu finden. Einst eine graue Maus beschließt sie eines Tages sich fortan gut zu kleiden und zu stylen. Äußerlichkeiten werden für sie zum Sinnbild von Sexappeal und Sinnlichkeit. Dabei verliert sie sich immer mehr und steht sogar am Rande einer Magersucht.

Zwei Jungen sind in dieses Mädchen verliebt. Bruce trifft als erstes auf Aviva, als diese im Internat eintrifft. Sofort ist er von ihr hin und her gerissen. Doch seine Chancen bei ihr zu landen sind eher gering. Voller Neid beobachtet er wie Seung es gelingt Aviva für sich einzunehmen. Die beiden, Aviva und Seung, zeigen ihre Liebe und sexuelle Anziehung ganz offen. Alle tuscheln und können nicht verstehen, was Aviva an Seung findet. Auch Bruce ist missgünstig und spinnt schließlich eine Intrige, deren Ausgang das Leben aller verändert.

„Mehr und mehr möchte sie diese Sache hinter sich bringen, diese Jungfräulichkeit loswerden, die sie von dem ultimativen Vergnügen fernhält, von dem ultimativen Wissen, der ultimativen Macht.“ (Seite 63)

Dieses Buch ist ungewöhnlich und dann doch wiederum nicht. Die Autorin erzählt mit aller Macht und Ausdrücklichkeit von der ersten Liebe und von der Sexualität in der Jugend. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Sie schildert von jugendlichen Phantasien und Wünschen, von Träumereien und ihren Verwirklichungen. Sie benutzt dazu Bruce als Erzähler, und oftmals erzählt er Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann. Nicht zu diesem Zeitpunkt der Geschichte, und da ist es fraglich was entspringt aus Bruce Phantasie und was ist die Wirklichkeit. Nichts scheint so wie es ist …

Mich hat das fasziniert, obwohl ich mich sehr auf die Geschichte konzentrieren musste. Aber sie hat mich auch zurück geführt in meine Jugend. Meine erste Liebe und meine ersten Erfahrungen. Und dabei ist mir klar geworden, dass wir alle unserer Phantasien in diesem Stadium der Entwicklung haben. Phantasien, die so schön und perfekt sind, aber der Realität selten nahe kommen. Es macht mir bewusst, wie schwierig es war/ ist den Prozess der Kindheit hinter sich zu lassen und ein junger Mensch zu werden.

„Es klingt lachhaft dramatisch, aber man sollte die metaphysischen Sehnsüchte eines Siebzehnjährigen nicht unterschätzen. Das ist das Geheimnis von Teenagersex, glaube ich. Für keinen von uns ging es wirklich um Ärsche und Genitalien, ums Schwanzlutschen oder Muschilecken. Es sind Erwachsene, die so oft in diesen Begrifflichkeiten denken, mit einem solchen Mangel an Phantasie. Wir Anfänger erleben Sex mehr als Psyche denn als Körper, als Verletzlichkeit und Macht, Ausgesetztheit und Flucht, fühlten uns dadurch gesalbt, gerettet, verklärt. Dabei zu versagen, es falsch zu machen hieß (und grinsen Sie jetzt bitte nicht; versuchen sie sich zu erinnern, wie es einmal war, damals), den Tod der eigenen Idealseele zu erleben.“ (Seite 49)

Pamela Erens schafft mit es mit diesem Debüt die Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte des Erwachsenwerdens aufzuzeichnen. Sie zeigt, welche Macht und Tragik die erste Liebe haben kann.

4 von 5 Sternen