„Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina

Suhrkamp Verlag
Fester Einband
396 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2020
ISBN: 9783518429075
Preis: 24,00 Euro

Klappentext

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter geht alles ganz schnell. Edie und Mae müssen nach New York, zu Dennis Lomack: Er ist ihr unbekannter Vater und die Schriftstellerikone einer ganzen Generation. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.

∗∗∗∗∗

„Er fing mit seiner Beziehung zu Marianne an. In der Geschichte gibt es eine lange Tradition von Männern, die jüngere Frauen heiraten: schön und gut. Außerdem war es die Zeit der freien Liebe. Aber wäre Jackson McLean noch am Leben gewesen, wären Marianne und Dennis nie zusammengekommen! Marianne war ein Kind. Dennis protzte, er würde sich um sie kümmern, aber in Wirklichkeit plünderte er sie für sein eigenes Werk aus.“ (Seite 172)

Marianne hat versucht sich umzubringen. Nicht das erste Mal. Nun wird sie in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Ihre beiden Töchter Edie (16 Jahre) und Mae (14 Jahre) müssen zu ihrem Vater Dennis nach New York. Er hat die Familie vor 12 Jahren verlassen und den Kontakt vollkommen abgebrochen.

Dennis Lomack war ein erfolgreicher Schriftsteller und Marianne seine Muse. Solang sie an seiner Seite war, schrieb er Romane. Dennis lernte Marianne kennen als sie 9 Jahre alt war. Nach dem Tod von Mariannes Vater heiraten die beiden. Zu diesem Zeitpunkt ist Marianne 16 Jahre alt.

„In jenem Frühling war Dad das Einzige, was für mich zählte. Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren – und das waren sie oft – , dann wurde ich eben Marianne.

(…)

Ich hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dads Muse zu sein. Und ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzumachen, dass seine Gefühle für Mom mir galten, weil ich ihre Zweitbesetzung war.“ (Seite 221/222)

Mae sieht ihrer Mutter zu verwechseln ähnlich und Mae fühlt sich von ihrer Mutter eingeengt. Marianne schleppt ihre Tochter überall mit hin, was Mae Kindheit und Jugend sehr belastet. Deshalb genießt sie das neue Leben bei ihrem Vater, weit weg von ihrer einnehmenden Mutter.

Dennis sieht in seiner Tochter Mae die junge Marianne und findet in ihr die Muse aus früheren Zeiten. Und plötzlich fließen wieder die Worte aufs Papier …

„An diesem Nachmittag spürte ich zum ersten Mal … ich weiß nicht, wie ich es genau beschreiben soll. Als mein Kopf in Dads Schoß lag, ballte sich das ganze Glück, das mir gefehlt hatte, in diesem einen Augenblick zusammen. Ich sah zu ihm hoch und war nicht mehr ich selbst. Ich war Mom, aber nicht, wie ich sie kannte. Sie stülpte mir nicht ihre Dunkelheit wie eine Tüte über den Kopf. Nein, es war anders. Ich wurde die Mom, die sie vor vielen Jahren war. Auch Dad spürte es, das merkte ich. Vielleicht hätte der Moment länger gedauert, wenn Edie nicht ständig geredet und Druck gemacht hätte. Sie wollte mich wieder zu der anderen Mutter zurückbringen. Der in der Nervenklinik, die mich gefesselt und geviertelt als Opfer brauchte.“ (Seite 116)

Edie fühlt sich schuldig. Sie denkt, dass sie die Einweisung der Mutter in die Klinik hätte verhindern können. Edie möchte nicht bei ihrem Vater sein und versucht die Schwester zu überreden mit ihr gemeinsam die Mutter aus der Klinik zu holen. Doch Mae fühlt sich wohl beim Vater. Also macht sich Edie allein auf den Weg nach Hause. Doch Marianne will ihre Tochter nicht sehen, fragt mach Mae. Edies Eifersucht flammt wieder auf. Immer will Marianne nur Mae um sich haben und stößt Edie von sich.

„Was Mariannes Tochter allerdings nicht mitbekam und wahrscheinlich nie erfahren wird, was, dass Marianne nach ihrem Besuch immerzu weinte, leise, damit die Schwester es nicht mitkriegte. In diesem Moment begriff ich Mariannes Verhalten – sie folget einem Urinstinkt und wollte ihre Tochter von sich fernhalten und so für ihre Sicherheit sorgen, auch wenn sie dem Mädchen damit das Herz brach.“ (Seite 241)

WOW … was für ein DEBÜT!!! Ich bin immer noch hin und weg. Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich dieses Buch so sehr gefesselt, dass ich es an einem Tag gelesen habe. Die Geschichte hat einen unglaublichen Sog und das obwohl sich Abgründe auftun. Doch von Anfang an …

In kurzen Kapitel lässt die Autorin verschieden Menschen zu Wort kommen. Das sind neben Edie und Mae, Marianne und Dennis, auch Weggefährten der vier. Edie und Mae sind jedoch die Erzähler, die den größten Raum einnehmen. Apekina bedient sich verschiedener stilistischer Mittel, unter anderem Tagebucheinträge, medizinische Berichte etc., welche die Geschichte noch komplexe machen.

Mich hat die Geschichte sehr berührt, aber auch fassungslos gemacht. Da sind zwei Kinder, die um die Liebe der Eltern buhlen. Edie, um die ihrer Mutter und Mae um die ihres Vaters. Und beide werden nur für die eigenen Zwecke der Eltern benutzt. Das hat mich echt fassungslos und wütend gemacht. Was mich dann aber wirklich erschüttert hat, ist wie weit Kinder gehen würden, um die Liebe der Eltern zu bekommen.

Dies ist keine leichte Geschichte und an vielen Stellen tun sich Abgründe auf. Jeder einzelne Protagonist versucht gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen. Gegen Wut, Trauer, seelische Verletzungen und Selbstzweifeln … und keinem gelingt es wirklich aus dieser selbstzerstörerischen Spirale auszubrechen.

„Heute kann ich leicht sagen, das ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das noch nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht , und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte es mir nicht leisten, großzügig zu sein.“ (Seite 343)

Ein grandioses Debüt, das noch lange nachwirkt! Unbedingt lesen!!!

 

 

 

 

„Bleib bei mir“ von Ayòbámi Adébáyò

Piper Verlag
Fester Einband
352 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783492058902
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Yejide und Akin wünschen sich ein Kind. Doch selbst nach ein paar Jahren Ehe wird Yejide nicht schwanger. Sie hat alles versucht: medizinische Behandlungen, Pilgerreisen, Stoßgebete – ohne Erfolg. Da greift ihre Schwiegermutter Martha ein. Sie findet, ihr Sohn hat das Recht auf ein Kind. Und obwohl Akin und Yejide sich bewusst gegen die nigerianische Tradition entschieden haben, setzt Martha sich durch. Eines Tages trifft Yejide in ihrem Wohnzimmer auf Funmi, eine junge und schöne Frau. Yejide ist voller Wut und Trauer. Sie weiß: Der einzige Weg, ihre Ehe zu retten, ist schwanger zu werden. Aber um welchen Preis?

∗∗∗∗∗

„Ich war nicht dumm. Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis Moomi auftauchen und dafür sorgen würde, dass Funmi bei uns wohnte. Wenn ich mich mit Funmi anlegte, würde ich alles nur noch schlimmer machen. Moomi könnte mich auffordern zu gehen, obwohl Akin mir auch weiterhin sagte, wie sehr er mich liebe, glaubte ich ihm nicht mehr. Aber ich wollte ihm glauben. Ich hatte keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister. Akin war der einzige Mensch auf der Welt, der tatsächlich merken würde, wenn ich verschwinden sollte.“ (Seite 96/ 97)

Yejide und Akin sind ein modernes Paar in den 1980zigern in Nigeria. Sie leben ihr Leben und lassen sich von den Traditionen der Familien nicht vereinnahmen. Zu ihrem Glück fehlen nur noch Kinder. Doch auch als Yejide nach Jahren immer noch kein Kind bekommen hat, schleppt ihre Schwiegermutter eine Zweitfrau für ihren Sohn an. Denn sie ist der Meinung, dass es dem Ansehen der Familie schadet, wenn der Sohn nicht endlich ein Kind zeugt. Ferner habe ihr Sohn ein Recht auf ein Kind und wenn Yejide das nicht leisten kann, dann muss eben nach nigerianischer Tradition eine Zweitfrau her, die dem Sohn ein Kind schenken kann.

Yejide ist verzweifelt und versucht alles … und schließlich scheint sie schwanger zu sein. Doch es ist nur eine Scheinschwangerschaft. Alle erkennen dies, nur Yejide will dies nicht wahrhaben. Schließlich erkennt sie, dass sie durch ihren großen Wunsch ein Kind zu bekommen, in eine Scheinwelt geflohen ist.

„Die Gründe dafür, dass wir bestimmte Dinge tun, sind nicht immer die Gründe, an die andere sich später erinnern. Manchmal glaube ich, dass wir Kinder bekommen, damit jemand der Welt erklären kann, wer wir waren, wenn wir eines Tages fort sind.“ (Seite 163)

Nach einer Zeit der Aufarbeitung wird Yejide doch endlich schwanger. Beide freuen sich auf ihr erstes Kind. Die Zweitfrau ist kein Thema mehr innerhalb der Familie. Doch kurz nach der Geburt verliert Yejide ihr Kind. Später wird sie wieder schwanger, und auch dieses Kind verliert sie. Nur weiß man jetzt, dass sie beide Kinder auf Grund einer seltenen Krankheit, der Sichelzellenanämie, verloren hat. Als Yejide ein drittes Kind bekommt und dies auch wieder mit dem Tod ringt, verlässt sie die Familie, weil sie einen weiteren Verlust nicht verkraftet.

„Die Wahrheit kann man nicht verbergen. So wie kein Mensch mit bloßen Händen die Sonne verbergen kann, kann man auch die Wahrheit nicht verbergen.“ (Seite 268)

Dieses Buch ist wirklich sehr bewegend, ohne dabei kitschig zu sein. Es zeigt ein modernes Paar in einem sehr traditionellen Nigeria. Doch obwohl im ersten Augenblick eben diese Tradition im Mittelpunkt der Geschichte zu stehen scheint, bietet dieses Buch noch viel mehr.

Es zu einem der starke Kinderwunsch ein Thema. Yejide versucht alles, um schwanger zu werden. Beide lassen sich untersuchen ohne Ergebnis. Sie geht auf Pilgerreisen und lässt sich auf medizinische Experimente ein. Nichts bringt ihnen das ersehnte Kind. Schließlich flüchtet sich Yejide in ihrem Kummer in eine Scheinschwangerschaft, die letztendlich auch nur Kummer bringt. Gerade diesen Aspekt innerhalb der Geschichte fand ich sehr interessant, da ich bisher wenig darüber gelesen oder gehört habe. Ich habe gedacht, dass es dies eher nur bei Tieren gibt.

Und dann ist ein weiterer Themenpunkt die Sichelzellenanämie. Auch das war für mich sehr interessant dargestellt. Ich habe von dieser Krankheit gehört und hatte ein wenig Grundinformation dazu, doch hier bekomme ich noch einmal einen kleinen weiteren Einblick.

„Ich wusste, dass ich genauso in die Lüge verstrickt gewesen war wie er, vielleicht sogar noch mehr – denn wahrscheinlich hatte er zumindest sich selbst die Wahrheit eingestanden. Ich selbst hatte sie mir nicht eingestehen können, bis Donut sie ausgesprochen hatte. Akin war doch die Liebe meines Lebens. Bevor ich Kinder bekommen hatte, war er meine Rettung vor der Einsamkeit in der Welt; er durfte keine Fehler haben. (…) Ich hatte mir gesagt, ich würde meinen Mann respektieren. Hatte mir eingeredet, dass mich mein Schweigen zu einer guten Frau mache. Aber die größten Lügen sind oft die, die wir uns selbst erzählen.“ (Seite 307)

Mich hat dieses Debüt von Ayobami Adebayo sehr berührt. Diese Verzweiflung und Kampf Yejides ein Kind zu bekommen, der Verlust selbiger und der Hoffnung jemals ein gesundes Kind zu bekommen sind einfach unglaublich gut erzählt und nachvollziehbar. Was der Geschichte einen spannenden Touch verliehen hat, waren die Unglaublichen Wendungen, die die Geschichte immer wieder nimmt. Ich habe manches Mal sprachlos dagesessen, weil ich damit nicht gerechnet hatte.

Ich habe dieses Debüt sehr gerne gelesen und freue mich jetzt schon auf weitere Bücher dieser Autorin!

Tolles Debüt!!!

Hoffmann und Campe
Flexibler Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.03.2017
Preis: 16,00 €
ISBN: 9783455000092

 

Klappentext
Luc Verlain liebt gutes Essen, Frauen und sein sorgenfreies Leben in Paris. Doch als sein Vater schwer erkrankt und niemand weiß, wie lange der Austernfischer noch zu leben hat, lässt Luc sich versetzen. Ausgerechnet nach Bordeaux in die Regien Aquitaine, von wo er als junger Polizist geflohen war. Und schon kurz nach seiner Ankunft erschüttert ein Mord die Gegend: Ein Mädchen liegt erschlagen am Strand. Schnell wird ein Tatverdächtiger festgenommen, doch die Bewohner des Heimatdorfs der Toten vertrauen der Polizei nicht und nehmen die Sache selbst in die Hand. Lucs Ermittlungen führen an die Strände und in die Weinberge der Region und zurück nach Paris, immer an seiner Seite: seine Kollegin Anouk, deren Charme er nur schwer widerstehen kann …

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                                                                                                                                                    Ruppichteroth, 17.03.2017

Lieber Alexander,

vor ein paar Wochen zog ein Päckchen bei mir ein. Als ich es öffnete war ich erst einmal ein wenig sprachlos, dachte nur … och nö … ich lese doch keine Krimis. Als ich dann die beigelegte Karte aus der Aquitaine las war ich wirklich vollkommen sprachlos … was nicht so oft passiert 🙂

An dieser Stelle muss ich jetzt mal kurz die Mädels von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit  bei Hoffmann und Campe erwähnen. Ich bin immer wieder überrascht was ihr euch alles so einfallen lasst. Chapeau und merci  ♥♥♥

Zurück zur Postkarte. Sie war von keinem geringeren als Dir lieber Alexander. Mit ein paar lieben Grüßen in den Rhein-Sieg-Kreis und ein paar persönlichen Sätzen zur Erfüllung meines Traumes (wer hat Dir das denn geflüstert 🙂 )wünscht Du mir viel Spaß mit Comissaiere Luc.

Huch, jetzt war ich schon ein wenig „gebauchpinselt“. DER Alexander Oetker schreibt mir (!!!)  … und mindestens noch 100 anderen Leser*innen/ Blogger*innen  … eine Postkarte . Ich hab dann angefangen in Deinem Buch zu blättern. Als ich auf der letzten Seite Dein „Merci“ gelesen habe, war ich gerührt. Ich liebe Nachwörter in Büchern. Sie geben dem ganzen eine sehr persönliche Note. Natürlich bin ich dann sofort auf www.lucverlain.de gegangen. Die Seite von Luc und seinem Aquitaine  ist sehr schön und hat mich dann wirklich neugierig gemacht.

Tja, was soll ich sagen, ich habe angefangen, den ersten (!!!) Krimi meines Lebens (im zarten Alter von 53 Jahren) zu lesen.

Schon nach den ersten 50 Seiten war ich verliebt in die Aquitaine. Deine Beschreibungen von der Landschaft und dem Flair lässt mich glauben ich sei vor Ort. Luc mag ich von Anfang und ich kann ihn mir sehr gut vorstellen. Froh war ich, als Du sein kleines Geheimnis um Hélène am Ende auch lüftest. Ich hatte befürchtet, dass ich die Aufklärung erst im nächsten Buch bekomme.

Die Such nach dem Mörder war von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend. Ich hatte natürlich auch zwei „Hauptverdächtige“, doch leider war der Mörder ein anderer. Erst kurz vor Schluss ahnte ich wer es ist. Super gemacht. An manchen Stellen habe ich auch gelacht. Zum Beispiel als Luc das erste Mal auf Etexberria (wird x geschrieben aber sch gesprochen) *ggg* Ich muss dazu anmerken, ich habe das Buch abends im Bett gelesen und dann eben versucht den Namen laut auszusprechen. Mein Mann fragte mich nach dem zehnten Versuch was ich denn da mache …
Aus Deinem Lebenslauf und der Bemerkung auf der vorletzten Seite Deines Buches weiß ich, dass Frankreich Dein Herzensland ist, und Du sehr viel Anteil an den Dingen die dort geschehen nimmst. Die lässt Du auch ein wenig in die Geschichte um Luc einfließen, ohne dass es „aufdringlich“ wird. Dinge wie die Anschläge auf Charlie Hebdo und dem Rassismus in diesem Land.

So, nun werde ich diesen Brief langsam schließen … Ich bin keine Krimiexpertin, doch ich kann sagen, ich habe Dein Buch, die Geschichte um Luc sehr gerne gelesen. Mich hat das Land und das „Savoir-vivre“ sehr angesprochen und dank Deiner wundervollen Beschreibung konnte ich für eine kurze Zeit an diesem wunderbaren Ort verweilen.

Ein wirklich tolles Debüt!!!

Ich weiß, Du arbeitest bereist an einer Fortsetzung und darauf freue ich mich jetzt schon. Vielleicht verschlägt es Dich einmal in den Rhein-Sieg-Kreis zu einer Lesung im Büchergarten … wer weiß …

Nun ist es Zeit Abschied zu nehmen …
Merci pour tout …
Drück Dich …
Angelika

P.S.: Ich wünsche Deinem Buch gaaaaaanz viele Leser!!!

5 von 5 Sternen

„Früher oder später passiert es sowieso“

Nagel und Kimche Fester Einband  160 Seiten Erscheinungsdatum: 22.08.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783312009992

Nagel und Kimche
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.08.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783312009992

Klappentext
„Früher oder später passiert es sowieso.“ Mit dieser Einsicht in die Notwendigkeit plant Kehr im Pflegeheim das Leben, das ihm nach dem Tod seiner Frau noch bleibt. Zu seiner Tochter hat er keinen guten Draht, seine Enkelin Sophie liebt er, aber sie erwartet ein Kind, und er will sie nicht zu sehr beanspruchen. Im Pflegeheim hofft Kehr seine Ruhe zu finden. Aber so einfach ist es nicht. Er beobachtet die schrulligen, nicht selten aggressiven Mitbewohner und die Bemühungen der Pfleger. Seine vorgetäuschte Demenz nutz er um Desserts zu stehlen, Gehhilfen unliebsamer Nachbar zu verstecken und sich seine Freiheiten herauszunehmen. Bald aber wird seien Schauspielerei anspruchsvoller; je vertrauter ihm das Heim wird, desto größer ist die Gefahr der Enttarnung. Als zufällig seien Jugendliebe Annemarie auftaucht, flackert die alte Zuneigung erneut auf.

∗∗∗∗∗

„Ich habe lange zugeschaut. Als ich jung war, sah ich die Leute alt werden und verblassen. Sie entfernten sich scheinbar von mir, es war die Vergänglichkeit, die ich den Menschen ansah. Ich hatte alles vor mir. Mein Leben hatte noch gar nicht angefangen. Später sah ich die Menschen dann zu mir heranwachsen. Ich hatte sie überholt, und sie waren mir auf den Fersen. Und bald fühlte ich mich in die Enge getrieben. Den Weg nach vorne versperrte mir der Tod, der immer unverhohlener auf mich schielte, während er erst sporadisch, bald regelmäßig an die Türen meiner bekannten klopfte. Er war mir ein altbekannter und doch nicht minder unsympathischer Begleiter.
(…)
Letzter Akt: die letzte Sünde. Anstatt ihre verbleibende Zeit in die Hand zu nehmen, anstatt nach vorne zu schauen, wie sie es früher immer wollten, drehen sie sich um.“ (Seite 5/ 6)

Kehr ist 91 Jahre alt und beschließt seine letzten Tage in einem Pflegeheim zu verbringen. Und damit er dorthin gelangt, macht er einen auf „Dement“. Er macht dies, um der lieben Familie nicht zur Last zu fallen. Obwohl, eigentlich ist da nur noch seine geliebte Enkeltochter Sophie, denn zur Tochter hat er seit Jahren keinen Kontakt. Doch Sophie ist schwanger und Kehr möchte ihr auf keinen Fall eine Last sein, sollte er plötzlich erkranken. Darum sein Entschluss i

Ich war dem Winter stets dankbar, wenn viel Schnee fiel, der den Lärm dämpfte und viel Hässliches zudeckte.“ (Seite 38)

Die Geschichte kommt in kurzen und knappen Kapiteln mit eben solchen Sätzen daher. Für mich ein stilistische Mittel um zu zeigen, dass nicht mehr viel Zeit bliebt und es jetzt an der Zeit ist sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In allen Kapiteln geht es immer um Kehr. Mal wird etwas über ihn erzählt, mal erzählt er selber. Obwohl Kehr ein gesunder Mann ist, wird schnell klar warum und wie es sich auf seine Zeit als Demenzkranker vorbereitet hat.

An vielen Stellen muss ich inne halten, da sie mich sehr bewegen … Vor allem wenn seine Enkeltochter Sophie zu Besuch kommt und Kehr konsequent seine „Rolle“ durchzieht, obwohl er sieht wie sehr Sophie darunter leidet. Oder wenn er sich an sein Leben erinnert und  über den Verlust seines Sohnes spricht …

Dann gibt es Stellen, die mich laut auflachen lassen … dieses Buch ist ein Wechselbad der Gefühle.

„Früher konnte man noch rechtzeitig sterben. Irgendwann hat man das verlernt. Man hat keine Zeit mehr für den Tod, weil man noch Direktor, Millionärin oder vierfacher Ehemann werden wollte. Man hat angefangen, sich selbst so wichtig zu nehmen, dass man vergessen hat, nur das zu bedeuten, was man jenen bedeutet, die einem etwas bedeuten. Man hat den Tod in unserer Gesellschaft aus dem Leben vertrieben.“ (Seite 90)

Frédéric Zwickers Debüt hat mir inhaltlich als auch sprachlich sehr gut gefallen. Er zeichnet einen Mann auf, der mit 91 Jahren an einem Punkt angekommen ist, an dem er eine Rückschau auf sein Leben hält und einen Ausblick auf das was noch kommen kann. Dabei setzt er sich auch mit dem nahenden Tod auseinander. Zwickers Protagonist ist dabei manchmal zynisch und hart, manchmal liebevoll und weich.

Ein wirklich gelungenes Debüt, das noch lange nachwirkt!

4 von 5 Sternen