„Ich, Antoine“ von Julie Estève

dtv Verlagsgesellschaft, Fester Einband, 160 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783423282710, Hier kaufen

Klappentext

Ein Dorf in den Bergen Korsikas, Mitte der 1980er-Jahre. Als die 16-jährige Florence tot im Pinienwald gefunden wird, ist ein Schuldiger schnell ausgemacht: Antoine Orsini, der Dorftrottel, dem die Walnussbäume näher sind als die Menschen und der ein Diktiergerät seinen besten Freund nennt. Jahre später hat er seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück. Noch immer spricht im Dorf niemand mit ihm, und so streift Antoine allein umher und berichtet einem Plastikstuhl davon, was damals wirklich geschehen ist.

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„Irgendwann werde ich kein Spasti mehr sein! Irgendwann werde ich für die anderen Antoine Orsini sein. Ich werd n cooles Image haben, man wird mich beneiden, wie 1983, als ich für alle noch der Glücksbringer war!“ (Seite 27)

Antoine ist mittlerweile in die Jahre gekommen, und er ist immer noch der Dorftrottel. Doch jetzt will er erzählen wie es damals wirklich war, die Sache mit Florence und so … Er erzählt seine Geschichte einem Plastikstuhl und seinem bestem Freund Magic, einem Diktiergerät. Die Menschen im Dorf meiden ihn, machen ihn immer mehr zum Außenseiter und letztendlich hat das seine Folgen …

„Florence war n Mädchen, das einen komplett um den Verstand bringen konnt. Wenn die Jungs sich mit ihr unterhalten haben, waren sie immer wahnsinnig lieb und haben dabei so ausgesehen, als ob sie irgendwie Hunger hätten. Haben dauernd an ihr rumgefingert, haben ihre Schulter angetatscht, sie um die Hüften gefasst, ihre Hand genommen und ihr Küsschen auf die Backe gegeben.“ (Seite 31)

Dies ist wieder eins dieser Bücher, das nicht wirklich schön ist. Die Geschichte/ das Leben von Antoine hat mich traurig zurückgelassen. Von niemandem geliebt, immer nur der Spasti, muss er viel einstecken im Leben. Wenn irgendetwas im Dorf passiert ist, war es Antoine. Immer war alles und jedes Antoine. Er ist ja der Spasti, der ist ja dumm und kann sich nicht wehren. Wie denn auch. Der stinkt, hat Läuse, bepisst sich und noch vieles mehr … eben ein Spasti. Und dabei hätte es nur ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit gebraucht, denn Antoine ist schlau, hat viel mehr auf dem Kasten, als die Leute im Dorf ahnen.

Julie Estève bedient sich einer einfachen teilweisen sehr vulgären Sprache, die mich aber nicht abgeschreckt hat, sondern mir Antoine viel näher gebracht hat. Ich habe diesen kleinen Kerl, später Mann sehr gemocht.  Viele Passagen haben mich erschüttert, was dieser kleine Kerl alles aushalten musste und dennoch immer wieder versucht hat sich nicht unterkriegen zu lassen, aber eine Dorfgemeinschaft, die immer wieder Antoine zum Sündenbock macht, bricht ihn schließlich ganz.

„Im Anschluss wollten sie, das ich die Steine fress, weil Spastis nun mal Steine fressen, haben sie gesagt. Waren ne Zehnerbande, haben mich aufn Boden gedrückt, in den Schlamm, haben sich auf meine Hände und meine Beine gekniet und mir die Nase zugehalten, weil ich n Mund nich aufmachen wollt. Wie ich ihn dann aufgemacht hab, haben sie mir ne Handvoll Kieselsteine reingeschüttet! Haben mich in den Schwitzkasten genommen und mir wieder die Nase zugehalten, damit ich schlucken muss!“ (Seite 87/ 88)

Wie bereits gesagt, kein leichtes und schönes Buch, aber eins, dass uns einen Blick auf uns werfen lässt, um sich zu fragen, wie es mit den eigenen Vorurteilen gegenüber bestimmten Menschengruppen aussieht … und was das mit diesen Menschen macht!

Bitte lesen!

 

 

 

„Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von Alena Schröder

DTV Verlag, Fester Einband, 368 Seiten, Preis: 22,00 Euro, ISBN: 9783423282734, Hier kaufen

Rückentext

In Berlin tobt das Leben, nur die 27-jährige Hannah spürt, dass ihres noch nicht angefangen hat. Ihre Großmutter Evelyn hingegen kann nach beinahe hundert Jahren das Ende kaum erwarten. Ein Brief aus Israel verändert alles. Darin wird Evelyn als Erbin eines geraubten und verschollenen Kunstvermögens ausgewiesen. Warum weiß Hannah nichts von der jüdischen Familie? Und weshalb weigert Evelyn sich so beharrlich, über die Vergangenheit und besonders über ihre Mutter zu sprechen? Die Spur der Bilder führt zurück in die 20er Jahre, zu einem eigensinnigen Mädchen namens Senta …

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Eine alte Dame sitzt in ihrer Wohnresidenz und wartet mehr oder weniger auf den Tod. Sie hat ihr Leben gelebt und alles war gut. Jetzt sitzt sie hier tagein, tagaus und das einzig was noch erhellend in ihrer Einsamkeit ist, sind die Besuche ihrer Enkelin. Als Hannah eines Tages sie wieder einmal wie gewohnt besucht, findet diese einen Brief. In diesem Brief geht es um ein Kunstvermögen, auf welches Evelyn wohl Anspruch hat. Doch sie will nichts damit zu tun haben. Neugierig wie Hannah ist, setzt sie sich mit dem Absender in Verbindung und ahnt nicht, was sie erfahren wird … über ihre Großmutter, Mutter und sich selbst …

„Ihre Urgroßmutter Senta Goldmann war verheiratet mit einem Herrn Julius Goldmann. Der Vater von Herrn Goldmann wiederum, also der Schwiegervater ihrer Frau Urgroßmutter, hatte einen Kunsthandel, hier in Berlin, am Lützowerplatz. Der Lützowerplatz war in den Zwanzigerjahren ein wichtiger Ort für die Kunst, dort gab es mehrere Galerien und Kunsthandlungen, sehr spannend das alles, Sie sollten sich ein bisschen einlesen in dieses Thema (…).“ (Seite 85)

Dieses Debüt von Alene Schröder ist zur Zeit in aller Munde. Zu Recht! Diese Geschichte hat einfach alles, um an einem verregnetem Wochenende die Seele baumeln zu lassen.

Durch die zwei Erzählstränge ist die Geschichte um Evelyn in der Vergangenheit und der Jetztzeit sehr spannend aufgebaut. Man möchte immer gerade da weiterlesen, wo man unterbrochen wird.

Im großen Ganzen geht es um zwei Themen … junge Mütter, die zu früh Mutterwurden und es schwer haben ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Und dann geht es um die Beschlagnahmung und Raub von Kunstgegenständen, die Juden gehörten, und um die Rückführung dieser an die heutigen Erben.

„Er hatte es kommen sehen. Menschen, die sein Vater für Freunde hielt, wenigstens für anständige Menschen mit Rückgrat und Manieren, wieselten aus seinem Leben, jetzt, da es nicht mehr opportun schien, mit >Leuten wie ihnen< zu verkehren.“ (Seite 180)

 Ich habe dieses Buch inhaliert, soll heißen an einem Tag am Wochenende weggelesen. Alina Schröder schreibt mit leichter Hand einen fesselnden Roman, den ich nicht eher weg legen konnte, bis ich wusste wie es für alle Protagonisten ausgeht. Dabei sind ihr die einzelnen Charaktere sehr gelungen und es macht einfach Spaß der Geschichte zu folgen.

Also … hopp … hopp, ab in die Buchhandlung und diesen tollen Roman für das nächste verregnete Wochenende auf dem Sofa holen, oder für den nächsten sonnigen Sonntag auf der Terrasse.  

„Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné

Klappentext

Eine Reihenhaussiedlung, wie es viele gibt. Am Waldrand wohnt eine vierköpfige Familie, im schönsten und hellsten Haus. Ein Stück heile Welt, könnte man meinen. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters: Neben TV und Whisky liebt er den Rausch der Jagd. Da er für eine Großwildsafari aber selten das Geld hat, befriedigt er seine Gier nach Macht meistens in den eignen vier Wänden. In einer solchen Atmosphäre aufzuwachsen ist nicht leicht. Darum tut das Mädchen alles, damit sich ihr kleiner Bruder zumindest sein Lachen bewahrt. Tagsüber geht sie mit ihm zum Autofriedhof spielen und abends zum Eiswagen, der mit Tschaikowskis „Blumenwalzer“ sein Kommen ankündigt. Bis eines Tages vor ihren Augen eine Tragödie passiert …

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„<Zu gewissen Menschen hält man besser Abstand. Das werdet ihr noch lernen>, erklärte sie . <Es gibt Leute, die verdüstern euch den Himmel, stehlen euer Lachen oder setzen sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eure Schultern, um euch am fliegen zu hindern.>“ (Seite 19)

 Dieses Buch hatte ich so gar nicht auf dem Schirm. Erst als es vermehrt in der Buchhandlung nachgefragt wurde und mir Kunden*innen erzählten dass dies ein Wahnsinns Buch sei. Ich hab dann ein paar Exemplare für die Buchhandlung eingekauft und als geliefert wurde mir sofort eins geschnappt und rein gelesen.

Die Protagonisten, hier immer nur das Mädchen genannt, ist sehr beeindruckend. Die Geschichte beginnt als das Mädchen 10 Jahre alt ist. An einem Sommertag geschieht ein Unglück, dass ihrem 6jährigen Bruder das Lachen nimmt. Fortan möchte das Mädchen unbedingt eine Zeitmaschine bauen, um die Zeit vor diesem Unglück zurück zu holen und somit das Lachen ihres Bruders, dass sie so sehr geliebt hat. Da sie schon immer Interesse an Physik hatte informiert sie sich jetzt noch mehr, nimmt sogar zusätzlichen Unterricht bei einem Professor. Doch die Zeit rennt und mit jedem Tag mehr muss sie zusehen wie ihr Bruder sich in seine eigene Welt zurück zieht. In eine Welt in der es um Tierquälerei und Bösartigkeit geht.

Parallel dazu muss sie immer wieder mit ansehen wie der Vater die Mutter schlägt und sogar eines Tages das Leben seiner Kinder aufs Spiel setzt. Doch eines Tages, ein paar Jahre später passiert ein weiteres Unglück …

Dieses Buch macht atemlos. Man fängt an zu lesen und gerät in einen Strudel aus Unglück, Horror, Tierquälerei und körperlicher sowie häuslicher Gewalt. An vielen Stellen konnte ich nicht weiter lesen, weil ich schockiert war, und wollte doch weiter lesen, weil ich wissen musste was mit dem Mädchen und ihrem Bruder geschieht. Dieudonné erzählt mit eine bildhaften Sprachgewalt, die mich als Leserin  ganz nah an das Geschehen heran holt.

Und dann ist da noch dieses Mädchen, ein Kind am Anfang, dass nicht zulassen will, dass ein Ereignis das weitere Leben beherrscht. Ein Mädchen dass alles daran setzt um endlich aus der Opferrolle heraus zu kommen um ein Leben zu leben, in dem sie sich die Dinge bewahren kann die sie sich bewahren möchte.

Absolute Leseempfehlung jedoch mit dem Hinweis, dass es an manchen Stellen echt sehr brutal und blutig sind.

 „Wenn das Gebrüll dazu nicht reichte, nahm mein Vater noch die Hände zu Hilfe. Bis auch das letzte bisschen Wut aus ihm heraus war. Am Ende fand sich meine Mutter immer am Boden wieder, reglos und schlaff wie ein leerer Kissenbezug. Danach wussten wir, hatten wir wieder ein paar Wochen Ruhe.“ (Seite 34/35)


dtv Verlagsgesellschaft * Fester Einband * 240 Seiten * Erscheinungsdatum: 24.04.2020 * ISBN: 9783423282130 * Preis: 18,00 Euro * Hier kaufen *

 

Kurz & Knapp … April 2018

Letzte Runde von Graham Swift

Jack ist tot. Seine Freunde Ray, Vic, Lenny und der angenommene Sohn Vince sind mit Jacks Asche auf dem Weg nach Margate, um dort Jacks Asche ins Meer zu streuen. Auf der Fahrt dorthin erinnern sich die Freunde an ihre Zeit und Ereignisse mit Jack. Da ist zum Beispiel Ray, der immer Jockey werden wollte und eine Affäre mit Jacks Frau hatte. Alle Freunde erzählen in einzelnen Kapiteln aus ihrem Leben mit Jack. Dabei geht es um verpasste Chancen, Lügen und Verrat.

Wir haben dieses Buch im Lesekreis auf Empfehlung einer Dame aus eben diesem. Allerdings hatte sie den Roman seinerzeit auf Englisch gelesen, und machte uns diesen schmackhaft mit den Worten … lustig und skurril. Tja, ich empfand dieses Buch weder lustig noch skurril. Es hat mich mächtig genervt. Die Sprache war/ ist einfach grauenvoll. Oft genug war ich nahe dran das Buch in die Ecke zu pfeffern. Am Abend der Besprechung gab die Leserin dann zu, dass sie die deutsche Übersetzung in die Ecke gepfeffert hätte und das Buch auf Englisch weiter gelesen hat. In unserer Diskussion wurde dann schnell klar, dass die Sprache die ich so grauenvoll fand, eigentlich im englischen ein Stilmittel für die verschiedenen Schichten der Männer benutzt wurde. Einfachste Sprache für unterer Bildungsstand. Leider kommt das im deutschen nicht so rüber. Auch der englische „Humor“ kommt in der Übersetzung nicht gut weg.

Fazit: Wäre mein Englisch besser, würde ich das Buch vielleicht noch einmal lesen, aber so war dies mein erster und letzter Swift.

(dtv, ISBN 9783423143806, Preis: 10,00 Euro)

 

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Vier Schwestern von Joana King

Vier Schwestern treffen sich nach Jahren an der italienischen Küste um gemeinsam einen Sommerurlaub zu verbringen. Zuerst verläuft auch alles harmonisch, doch dann verschwindet eine von ihnen. Alle sind verunsichert und suchen nach Rose. Was ist passiert, braucht sie Hilfe oder hat sie sich aus irgendeinem Grund absichtlich abgesetzt? Fragen, die die Harmonie der anderen durcheinander wirbelt und die drei verbliebenen Schwestern erinnern sich an ihre Kindheit in Neuseeland.

Dieser Roman lässt mich ein bisschen zwiespältig zurück. Auf der einen Seite habe ich ihn super gerne gelesen. Ich mochte die Mädels, die Charaktere waren echt super beschrieben, und auch ihre Lebensgeschichten. Es geht um Themen wie Verlustängste, Trennung der Eltern und Verletzungen.

Fazit: Da ich wissen wollte was mit Rose passiert ist, habe ich dieses Buch ziemlich zügig gelesen. Das Geheimnis um Rose gibt der Geschichte um die Mädels noch einmal einen besonderen Kick. Ich mochte das Buch gerne lesen und kann es empfehlen.

(mare, ISBN: 9783866482685, Preis: 20,00 Euro)

 

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Fliegende Hunde von Wlada Kolosowa

Oksana und Lena sind Freundinnen und teilen alles … Träume, Sehnsüchte, Ängste … Die beiden wachsen in einem ärmlichen Vorort von St. Petersburg auf. Eines Tages ergreift Lena die Möglichkeit als Model nach China zu gehen. Oksana, fühlt sich allein gelassen und stürzt sich zunächst in eine obskure Diät, um ebenfalls Model zu werden, rutscht dann aber in die Magersucht ab.

Noch ein Buch, bei dem ich hin und her gerissen bin. Das was Lena in China erlebt hat mich teilweise echt erschrocken. Anderseits sind die Methoden (Zwangsprostitution, Drogen …) bekannt. Ich habe mich echt gefragt, warum machen Mädchen/ Frauen das? Klar, Lena möchte aus den ärmlichen Verhältnissen raus, doch ist das der richtige Weg?

Und dann Oksana … ihre Rolle in dem Buch hat mich echt sauer gemacht. Sie will abnehmen und landet in einer Online Community, in der Magersüchtige die Belagerung von Leningrad nachahmen und Rezepte für Ledergürtelsuppe und Erdkaffee austauschen. Die Abschnitte die über die Belagerung erzählen sind wirklich interessant und informativ geschrieben. Aber was Oksana macht ist einfach widerlich und von der Autorin pietätlos!!!

Das Ende des Buches hat mich dann ein wenig versöhnt.

Fazit: Die Beschreibungen der Leningrader Belagerung sind sehr interessant und ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, aber die Geschichte um Oksana und Lena einfach unnötig!

(Ullstein Fünf, ISBN: 9783961010066, Preis: 20,00 Euro)

 

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Kenia Valley von Kat Gordon

In den 1920er Jahren zieht die Familie Miller von Schottland nach Afrika, denn dort ist Theos Vater für den Ausbau der Eisenbahnstrecke zuständig. Theo ist fünfzehn und lernt in seiner neuen Heimat den viel älteren Freddie und dessen Geliebte Sylvie kennen. Die drei freunden sich an, und Theo verbringt fortan viel Zeit im sogenannten Happy Valley Set. Für Theo ein magische andere Welt als seine gewohnte. Als er nach seinem Studium aus England zurück kehrt ist jedoch alles anders. Die Unbeschwertheit des Happy Valley Set ist verschwunden, die Freundschaften habe feine Risse bekommen und das Unheil steht vor der Tür …

Ich habe dieses Buch an einem warmen Sommertag im Garten gelesen. Ja, das komplette Buch an einem Tag. Ich fand die Geschichte die in den 1920er und 1930er spielt mega spannend und unterhaltsam. Diese Unbeschwertheit der Menschen … diese Lebenslust … war mit jeder Seite spürbar. Die Geschichte hatte ihren ganz eigenen Sog.

Fazit: Eine tolle und mitreißende Geschichte, in der die Charaktere toll dargestellt sind und einem politisch/ historischem Hintergrund, der überhaupt nicht trocken daher kommt. Unbedingt lesen!!!

(Atlantik, ISBN: 9783455002775, Preis: 20,00 Euro)

 

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Kurz & Knapp … März 2018

Als ob man sich auf hoher See befände von Yara Lee

Laut Klappentext erwartet mich eine Geschichte über zwei Menschen, Marla und James, die sich durch Zufall treffen und lieben lernen. Auf einer Forschungsreise kommt es zu einem Zwischenfall. Parallel wird die Geschichte von Ulysses einem älteren Mann, der einen Platz sucht, an dem er sterben möchte. Es ist Marlas Vater, der seine Tochter nach dem Unfalltod der Mutter in ein Heim gegeben hat.

Die Geschichte ist von Anfang an ziemlich schwer zu lesen, da die Autorin viele Begriffe und deren verschieden Bedeutungen bis zum erbrechen beschreibt. Zum Beispiel geht es in einem Kapitel um das Wort „glatt“. Da lese ich Zeile um Zeile, dass etwas glatt sein kann (hier in Verbindung mit verschiedenen Oberflächen oder Strukturen) oder wie man glatt in verschiedenster Weise definieren kann oder wie man glatt steigern kann … Mal ganz ehrlich, wenn ich so etwas wissen möchte, dann schau ich im Duden oder sonst wo nach, dafür brauche ich kein Buch. Aber das ist nur ein Begriff von vielen, die Autorin bis zum erbrechen erklärt … definiert/ erklärt/ beschreibt. Das strengt an, und lenkt von der Geschichte ab.

Fazit: Mir scheint, die Autorin wollte zeigen wie toll „Sprachkunst“ sein kann, welche sie studiert hat. Mich hat es mega gestört und dem Buch jegliche Chance genommen eine tolle Geschichte zu erzählen.

(Residenz, ISBN: 9783701716876, Preis: 22,00 Euro)

 

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So enden wir von Daniel Galera

Duke ist tot. Opfer eines Raubüberfalls. Die Freunde von damals … Aurora, Antero und Emiliano … sind gekommen um Abschied zu nehmen. In Rückblenden erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit kurz vor der Jahrtausendwende. Erinnerungen an Ziele, Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen.

In abwechselnden Kapitel erzählen die drei übrig gebliebenen Protagonisten von ihrem Leben früher und heute. Als Leserin erfahre ich, wie sich die vier kennen gelernt haben und wie sie gemeinsame Projekte voran getrieben haben. Zwischen den Zeilen liest man jedoch Galeras Kritik an der Welt und der Gesellschaft … Konsum, digitale Medien, Sex, Korruption und Chaos sind Bestandteil seiner Kritik.

Fazit: Mir war das ganze Buch/ die Geschichte zu viel. Dieses, ich nenn es mal Gejammer über unsere auch so schlimme Welt ging mir echt auf die Nerven. Jede Generation hatte/ hat mit ihren Problemen zu kämpfen. Aber diese Schwarzseherei in diesem Buch ist echt zu viel. Ich hoffe und glaube, das wir so (!!!) nicht enden werden!

(Suhrkamp, ISBN: 9783518428016, Preis: 22,00 Euro)

 

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Der restliche Sommer von Max Scharnigg

In diesem Buch geht es um einen Kolumnisten, der sich verleibt hat und mit seiner Freundin den Sommer am Meer verbringt. Zeitgleich entkommt ein junger Mann einem vermeintlichen Attentat und wird in ein Krankenhaus eingeliefert, in dem er eine junge Frau kennen lernt. In einer weiteren Geschichte erzählt Scharnigg von den längst vergessenen Träume einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Hier gibt es wieder mehrere Erzählstränge, die, je weiter man in die Geschichte eintaucht irgendwie miteinander verwoben sind. Die Protagonisten kennen sich irgendwie alle, sind sich im Leben bereits begegnet, doch das wird erst nach und nach ersichtlich. Und je weiter ich lese, desto mehr faszinieren mich die einzelnen Geschichten und am Ende bin ich überrascht.

Fazit: Eine Geschichte die ich gerne gelesen habe. Sie lässt mich mit der Frage, wie ich mein restliches Leben verbringen möchte zurück.

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455404944, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das vergessene Fest von Lisa Kreißler

Nina, Arif und Ronda sind Freunde seit der Uni. Jetzt, nach 15 Jahren, sind Arif und Ronda auf dem Weg zu Nina, denn diese heiratet. Es ist eine ganz besondere Hochzeit auf einer Lichtung im Wald. Doch die Hochzeit nimmt kein glückliches Ende. Die Braut sagt nein und flieht mit ihren Freunden in den Wald.

Was als wirklich wunderschöne Geschichte anfängt, endet im Desaster. Auch für mich als Leserin. Bis etwa zur Mitte erzählt Kreißler eine schöne Geschichte von Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Doch nachdem die Braut nein gesagt hat und die drei vom Fest in den Wald fliegen wird es echt abgedreht. Zwischendurch habe ich mich gefragt haben die Protagonisten gekifft oder die Autorin? Denn das was die Protagonisten im Wald erleben ist echt konfus, durchgeknallt und chaotisch.

Fazit: Sprachlich sehr schön und wie gesagt, ab der Mitte einfach nur der Horror. Schade, schade … es hätte so schön werden können!

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446258556, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Tja, eigentlich wollte ich einen endlos Satz schreiben, wie Madame Nielsen, deren Buch die Geschichte eines Jungen ist, der eigentlich nicht weiß, ob er ein Junge ist oder vielleicht doch, sich wahrscheinlich verliebt in eine Frau, die verheiratet ist und Kinder hat, deren Mann eifersüchtig ist und den Liebhaber seiner Frau erschießen möchte, aber ehrlich gesägt weiß ich das nicht so ganz, denn „Der endlose Sommer“ fängt erst richtig auf Seite 82 an und ist dann auch schon fast vorbei, ohne das er richtig stattgefunden hat.

Ha …. vier Zeilen habe ich geschafft. Madame Nielsen schafft drei Seiten und mehr für einen einzigen Satz. Sie verliert sich dabei in Nebensächlichkeiten bis ins millionste Detail, ohne etwas wirklich wichtiges gesagt zu haben. Das ist für mich als Leserin echt anstrengend. Ich mag Bandwurmsätze. Aber bitte mit Aussage/ Inhalt und nicht nur angereihte Wörter, um der Länge willen. Die Geschichte vom endlosen Sommer wäre nämlich ohne diese Sätze sehr schnell zu ende gewesen, da es letztendlich nicht viel zu erzählen gab.

Fazit: Ich hätte gerne eine schöne Geschichte gehabt, von mir aus auch endlos, aber bitte keine endlosen Sätze, die nichts sagen!

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051025, Preis: 18,00 Euro)

 

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Von dieser Welt von James Baldwin

Der junge John Grimes wächst in einer autoritären und strenggläubigen Familie auf. Er kennt nichts anderes als Kirche und Schläge, die sein Vater mit Gottes Willen rechtfertigt. John hat nur einen Wunsch … er will raus aus diesem Dorf, diesem Leben …

Dieses Buch hat mich an manchen Stellen echt erschüttert. Ich wusste aus dem Vorwort, dass es autobiografische Züge enthält. Grimes Leben war ein Leben, geprägt von einen autoritären Vater, der eigentlich gar nicht sein Vater ist, und Gott. Überhaupt hat Gott und die Religion einen sehr großen Anteil in diesem Buch. Was mich persönlich sehr fasziniert hat, da viele Dinge, die im Leben der Protagonisten geschehen mit Gottes Willen deklariert werden. Die Religiosität in diesem Buch ist an manchen Stellen im Buch schon echt krass.

Fazit: Ein Buch, dass an manchen Stellen nicht einfach ist, weil es unter die Haut geht, lohnt sich aber auf jeden Fall.

(dtv, ISBN: 9783423281539, Preis: 22,00 Euro)

 

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… aus „Teo“ von Lorenza Gentile

DTV Fester Einband 200 Seiten Erscheinungsdatum: 01.05.2015 Preis: 18,90 €  ISBN: 9783423280518

DTV
Fester Einband
200 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.05.2015
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783423280518

 

Es sind nicht einmal fünfzig Stunden bis zu meinem Tod. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Aber ich bin nicht dumm.
Ich heiße Teo und überlege seit elf Tagen, wie ich mein Ziel erreichen kann.“ (Seite 12)

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„Die entscheidende Frage war jetzt: Gut oder böse sein, was bedeutet das genau? Wenn man andere nicht abschreiben ließ, wie Giulia, war man dann gut, weil man befolgte, was die Lehrerin sagte, oder böse, weil man seinen Freunden nicht half? Wenn man sich um die Kinder anderer Leute kümmerte statt um die eigenen, wie Susu, war man gut, weil man Geld nach Hause schickte, oder böse, weil man weit weg von seiner Familie lebte? Und Napoleon? War der gut oder böse gewesen?“ (Seite 34/ 35)

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„Er mustert mich so genau, als wäre ich die Landkarte, die in unserer Klasse an der Wand hängt, dann sagt er:>Das Geheimnis ist, dass man niemals glauben darf, man wäre zu klein.<“ (Seite 193)

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„Ich muss mir nur vorstellen, dass mein Leben ein Buch ist und jeder Tag eine Seite, und wenn ich die von heute umblättere, steht da geschrieben: NOCH DAS GANZE LEBEN.“ (Seite 195)

Ein kleiner Junge, von dem die Großen lernen können

DTV Fester Einband 200 Seiten Erscheinungsdatum: 01.05.2015 Preis: 18,90 €  ISBN: 9783423280518

DTV
Fester Einband
200 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.05.2015
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783423280518

Klappentext
Teo ist acht Jahre alt und hat vor allem einen Wunsch: Er möchte, dass seine Eltern endlich aufhören zu streiten. Ob Kaiser Napoleon ihm erzählen kann, wie der Krieg zu Hause zu gewinnen ist? Erstmals seit langem haben ihm die Eltern zum Geburtstag etwas geschenkt, das ihm wirklich gefällt – einen Comic über den großen Franzosen. Napoleon habe einst alle Schlachten gewonnen, liest er da. Teo möchte ihn unbedingt persönlich kennenlernen, doch Napoleon ist tot. Eine außergewöhnliche Situation erfordert eben außergewöhnliche Schritte, sagt sich Teo. Während die Stimmung zu Hause auf Phase drei zusteuert (Scheidung), macht Teo sich unbeirrt auf die Suche nach ihm und damit nach Antworten auf große Fragen: Wo ist eigentlich das Jenseits? Oder: Sind Träume vielleicht wirklicher als die Wirklichkeit? Er fragt in der Schule nach, bei den zerstrittenen verzweifelten Eltern, bei Susu, dem Kindermädchen, bei einem französischen Maler, der Mama porträtiert. Und so entsteht ein gefährlicher Plan, der ihn schließlich zu Napoleon führen soll. Ausgerechnet Luigi jedoch, der nach ein paar Tiefschlägen im Leben unten in der U-Bahn immer Passanten anbettelt, scheint das Geheimnis zu kennen, durch das Teo seine Schlacht vielleicht doch noch gewinnt …

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Es sind nicht einmal fünfzig Stunden bis zu meinem Tod. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Aber ich bin nicht dumm.
Ich heiße Teo und überlege seit elf Tagen, wie ich mein Ziel erreichen kann.“ (Seite 12)

Das sind die letzten Worte des ersten Kapitels und mir als Leserin bleibt das Herz fast stehen. Fragen schießen wie wild durch meinen Kopf. Was veranlasst einen achtjährigen Jungen sich das Leben zu nehmen? Und warum hat er dafür nur noch 50 Stunden Zeit? Doch schon auf den nächsten Seiten bekomme ich meine Antworten. Teo ist unglücklich. Seine Eltern streiten nur noch und seine Schwester flüchtet vor den Eltern und den Streitigkeiten. Teo ist mit dieser Situation vollkommen allein. Seine Eltern sehen gar nicht, was sie mit ihren offenen Streitereien vor Teo anrichten. Als dieser zu seinem Geburtstag ein Comic Buch über Napoleon geschenkt bekommt, ist dieses Buch sein einziger Trost. Napoleon wird zu Teos Held. Hat er doch jede Schlacht gewonnen in die er gezogen ist. Plötzlich wird dem kleinen Jungen klar, nur Napoleon kann ihm helfen, denn nur er weiß wie man die großen Schlachten gewinnen kann. Doch die Sache hat einen Haken. Napoleon ist tot. Wie kann Teo  trotz alledem mit Napoleon in Kontakt treten? Auch hier findet er schnell die Lösung. Er muss ebenfalls tot sein. Doch wie soll er das anstellen? Fragen über Fragen stellen sich ihm und so macht er sich auf die Suche nach den Antworten, denn sein Ziel ist diese eine große Schlacht (eine glückliche Familie zu sein) zu gewinnen.

„Die entscheidende Frage war jetzt: Gut oder böse sein, was bedeutet das genau? Wenn man andere nicht abschreiben ließ, wie Giulia, war man dann gut, weil man befolgte, was die Lehrerin sagte, oder böse, weil man seinen Freunden nicht half? Wenn man sich um die Kinder anderer Leute kümmerte statt um die eigenen, wie Susu, war man gut, weil man Geld nach Hause schickte, oder böse, weil man weit weg von seiner Familie lebte? Und Napoleon? War der gut oder böse gewesen?“ (Seite 34/ 35)

Die Autorin hat hier ein wundervolles Buch geschaffen. Sie zeigt mit einer sehr leisen und poetischen Sprache die Welt eines achtjährigen Jungen, eine Welt die dabei ist zu zerbrechen. Lorenza Gentile schafft es mit Teo als Ich-Erzähler mich zu berühren. Teos naive Sicht der Dinge, seine Fragen und philosophischen Ansätze bewegt mein Herz. Manche Sätze lese ich immer und immer wieder, weil von ihnen eine Kraft ausgeht, wie ich sie selten finde. Ich liebe diesen kleinen Jungen und meine Sorge wächst von Seite zu Seite … wird er sich wirklich umbringen, um Napoleon zu treffen?

„Er mustert mich so genau, als wäre ich die Landkarte, die in unserer Klasse an der Wand hängt, dann sagt er:>Das Geheimnis ist, dass man niemals glauben darf, man wäre zu klein.<“ (Seite 193)

Dieses Buch ist etwas ganz besonderes. Teo stiehlt sich mit der ersten Seite bereits in mein Herz. Ich möchte diesen kleinen Jungen in den Arm nehmen und trösten. Doch Teo ist viel stärker als ich denke und sein Mut und sein Wille für die Familie zu kämpfen zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.

Teo muss man nicht nur lesen, sondern jedem Menschen in die Hand drücken, denn es ist eine Bereicherung fürs Leben. Danke Lorenza Gentile für dieses wundervolle Buch ♥

Für mich ist Teo „Der Kleine Prinz“ des 21. Jahrhundert. Ein kleiner Junge, von dem die Großen lernen können …

„Ich muss mir nur vorstellen, dass mein Leben ein Buch ist und jeder Tag eine Seite, und wenn ich die von heute umblättere, steht da geschrieben: NOCH DAS GANZE LEBEN.“ (Seite 195)

5 von 5 Sternen