Der Gott am Ende der Straße von Louise Erdrich

Aufbau Verlag
Fester Einband
360 Seiten
Erscheinungsdatum:
15.03.2019
ISBN: 9783351037567
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Auf rätselhafte Weise hat sich die Evolution verkehrt, und immer mehr Kinder, die zu Welt kommen, scheinen einer primitiven neuen Spezies anzugehören. Die junge Cedar betrifft diese apokalyptische Wende der Menschheitsgeschichte auch persönlich, sie ist schwanger. Gerüchte kommen auf: der Ausnahmezustand sei verhängt worden, die Regierung fahnde nach schwangeren Frauen und inhaftiere sie – doch niemand hat gesicherte Informationen. Cedars Schicksal steht nun auf dem Spiel. Es ist das Schicksal aller.

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„Wenn es wahr ist, dass jedes Materieteilchen, das ich sehe oder auch nicht, dass alles Lebendige und vielleicht auch alles Unlebendige die Segel streicht und beidreht und Kurs auf den Heimathafen nimmt, was bedeutet das dann? Wo treibt es uns hin? Ist das Ziel wirklich ein anderes als jenes, das wir schon immer hatten? Vielleicht ist die gesamte Schöpfung von der Wicklermotte bis zum Elefanten bloß ein extrem detaillierter Gedanke, dem nachzuhängen Gott eine Weile gefallen hat, nur das ER dann plötzlich eingeschlummert ist. Dann wären wir also eine Vorstellung. Vielleicht hat Gott beschlossen, dass die Vorstellung von uns das Nachdenken nicht mehr lohnt.“ (Seite 25)

Es scheint als hätte sich die Welt verdreht und die Zeit läuft rückwärts. Tiere wie Menschen entwickeln sich zurück. Ländergrenzen schließen, andre Länder und Staaten existieren nicht mehr oder unter einem anderen Namen. Nahrungsmittel die heute zum täglichen Gebrauch gehören sind morgen unter Umständen schon Luxusartikel. Und in all dem Chaos lebt Cedar, eine junge Frau, die im fünften Monat schwanger ist. Aber Kinder zu gebären und zu behalten gehört zu den kriminellsten Dingen die es gibt. Cedar muss um das Leben ihres ungeborenen Kindes und ihr eigenes fürchten. Sie weiß nicht mehr wem sie noch vertrauen kann.

Cedar wird verraten, inhaftiert, flieht und wird wieder verhaftet, wird befreit … doch wie kann dieses irre Leben weiter gehen?

„Phil schaut mich überrascht an.
„Weißt du es etwa nicht?“
„Was denn?“
Er schweigt, und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Aber nach einer Weile gebe ich ihm doch zu verstehen:
Sag’s mir.
„Du bist wahrscheinlich mit einem der Originale schwanger“, sagt er. „Davon gibt es nicht viele, deshalb werdet ihr in Hochsicherheitskliniken untergebracht.““ (Seite 328)

Was für ein irres Buch. Ich habe ja schon einige Bücher von Erdrich gelesen, aber dieses ist so ganz anders. Gleich zu Anfang schlittere ich als Leserin mit Cedar von einer Katastrophe in die nächste. Wir wissen beide nicht , was passiert hier eigentlich. Tiere entwickeln sich zurück, Staaten hören auf zu existieren, Grenzen werden gezogen … und in all dem Chaos bewahrt Cedar eine Ruhe, die mich manches Mal sehr verwundert hat. Sie schreibt alle Veränderungen die passieren in ein kleines Buch. Ein Buch, das sich an ihr ungeborenes Kind richtet. Ein Buch, in denen sie sich auch Gedanken über das Weiterleben auf dieser Welt macht.

Dieses Buch bietet viele Interpretationsmöglichkeiten. Für mich war die „göttliche“ irgendwie die signifikanteste. Da ist zum Beispiel ganz am Anfang, als Cedar ihre leibliche Mutter das erste Mal trifft, die Rede von Maria und ihrer Empfängnis. Später erinnert mich die Verfolgung und Inhaftierung der schwangeren Frauen an Herodes und seine Tötung der Knaben in Bethlehem. Die Frauen im Buch dürfen nur die Kinder zur Welt bringen, die ein Original sind. Doch die meisten kommen bei der Geburt um. Und dann zum Ende die Geburt des Jungen, der das Licht der Welt ist …

Was wäre wenn … Gott beschlossen hätte, dass es sich nicht mehr lohnt über uns hier unten nachzudenken?

Was wäre wenn … Gott müde ist und nicht mehr an unserer Weiterentwicklung interessiert ist?

Was wäre wenn … wir in dieser Welt, die scheinbar dem Untergang geweiht ist … wieder einen Jesus brauchen, der diese unsere Welt rettet?

„Und ich denke, natürlich wirst du glücklich sein, wenn du mein Kind siehst, überglücklich sogar. Er ist das Licht der Welt.“ (Seite 282)

Unbedingt lesen!!!

„Das Weiße Schloss“ von Christian Dittloff

Berlin Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783827013859
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter die Kinder zur Welt bringen und großziehen. Elternschaft ist hier Beruf und folgt einem alles bedenkendem Konzept unter den Vorzeichen Bio und Fare Trade. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf ihrem Weg zum Elternwerden, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung.

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„Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.“ (Seite 29)

Ada und Yves sind ein Paar. Sie führen eine offene Beziehung, und möchten ein gemeinsames Kind. Sie möchten jedoch nicht auf ein ungezwungenes Leben verzichten. Sie möchten Karriere machen, Partys, zu jeder Zeit spontane Reisen oder dergleichen. Deshalb haben sie sich entscheiden am Prestigeobjekt des Weißen Schlosses teilzunehmen. Ein Projekt, an dem nur die wohlhalbende Bevölkerung dran teilnehmen kann. Eine sogenannte Tragemutter empfängt das Kind, natürlich oder assistiert, trägt es aus und im besten Fall kümmer sie sich in den ersten sechs Lebensjahren um das Kind. Die „Eltern“ kommen nur hin und wieder zu Besuch. Somit haben Ada und Yves Zeit für ihr Leben.

„Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch die Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. Für mich ist dies eine Chance, die wir vorsichtig ergreifen wollen. Es ist eine Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.“ (Seite 61)

Soweit, so gut oder auch nicht … Im weiteren Verlauf der Geschichte erfahre ich wie Ada und Yves sich kennen gelernt haben. Er war „privilegierter“ Flüchtling und Ada bearbeitete seine Einreise. Sie verliebte sich in diesen Künstler und beide wurden ein Paar in einer offenen Beziehung. Nachdem sie beschlossen haben ein Kind zu bekommen begleite ich als Leserin die beiden zu ihrer Tragemuttter, erlebe die Empfängnis und in Briefen von der Tragemutter an Ada und Yves die Schwangerschaft.

Ada bleibt immer in einer distanzierten Rolle. Yves dagegen setzt sich mit der Schwangerschaft und dem werdenden Leben mehr auseinander, könnte sich sogar eine „nahe“ Vaterolle vorstellen. Doch dann kommt es zu einer Tragödie, die alles in Frage stellt …

„Nach ausführlichen Überlegungen hatten sich Ada und Yves sogar für eine Zusatzoption entschieden: Für die nächste Befruchtungsperiode würde ihre Tragemutter Marie nicht zur Verfügung stehen, damit ihr Kind die ersten sechs Jahre ganz im Mittelpunkt ihrer Zuwendung stehen konnte. Diese Freiheit ließen die Richtlinien des Weißen Schlosses zu. Sie beide würden das Kind monatlich besuchen kommen, nicht öfter. Sie wollten sich schließlich auch selbst leben.“ (Seite 64)

Auf den ersten ca. hundert Seiten habe ich mich über dieses Buch nur aufgeregt. Der „egoistische“ Wunsch Adas und Yves nach einem Kind, ohne sich letztendlich darum kümmer zu müssen fand ich unerträglich. Das ungeborene Kind wurde wie eine Ware dargestellt, die man mal eben so einkaufen kann. Gefühle gleich null. Auch die vielen negativen und abfälligen Passagen über Kinder und über Mütter, die ihrer Kinder wegen zu Hause bleiben, die „in Familie“ machen, fand ich unerträglich und haben mich auf die Palme gebracht.

„Kleinkinder konnte ich schon nicht leiden, als ich selbst noch ein Kind war. Sie sind egozentrisch und manipulativ und unlogisch!“ (Seite 125)

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt was Dittloff mit diesem Buch bezwecken wollte bzw., was will er mir, dem Leser damit sagen. Er will provozieren. Das ist mir klar. Doch womit genau?

Ist es unser gesellschaftliches Bild? Unsere Wertevorstellung in einer Gesellschaft voller Konsum? Wird ein Kind zu einem „Konsumgut“, Bio und Fare Trade, frei nach dem Motto „Ich will das aber jetzt haben“?

Ada und Yves leben in einem großen Haus, reisen, sind erfolgreich im Job, machen was immer sie wollen, wann immer sie wollen. Da scheint ein Kind gar keinen Platz zu haben. Und dennoch wollen sie eines. Da frage ich mich als Leserin doch warum? Weil das dazu gehört? Vater-Mutter-Kind.

Dittloff versucht aufzuzeigen wo Elternschaft anfängt und wo sie wohlmöglich aufhört. Dürfen Menschen sich Eltern nennen, die nur einmal im Monat ihr Kind besuchen kommen, oder ist nicht eher die Frau, die das befruchtete Ei über neun Monate ausgetragen hat, die „wahre“ Mutter?

„Waren diese Momente, in denen man allein war und die Hände über den Halbmond aus Fleisch und Blut gleiten ließ, nicht genau die Art von Reflexion, die eine Mutter sich in ihre Rolle fügen ließ? So eine Einkehr hatte er an Ada nicht erlebt in den letzten Monaten und an sich natürlich auch nicht. Über neun Monate hinweg erzählen der wachsende Bauch und dessen Innenwelt von diesem Wunder, das ja im Grunde gar kein Wunder ist, sondern ein einfacher biologischer Vorgang. Aber als schwangere Person erlebt man über zweihundertfünfzig Tage nichts anderes als eine mit jeder Zelle in sich hineinwachsende Liebe zu sich selbst.“ (Seite 242)

Ein Buch, das viel Diskussionsstoff bietet und mich auch jetzt noch nicht zur Ruhe kommen lässt. Zu gerne würde ich mit dem Autor darüber diskutieren.

Ungewöhnlich, provokant und somit absolut lesenswert!