„Der Tod in ihren Händen“ von Ottessa Moshfegh

Hanser Berlin, Fester Einband, 256 Seiten, Preis: 22,00 Euro, ISBN: 9783446269408, Hier kaufen

Klappentext

Bei Sonnenaufgang läuft Vesta mit ihrem Hund eine Runde durch den Wald – die tägliche Routine einer einsamen alten Frau – , als sie auf ihrem Weg einen Zettel findet: >Ihr Name war Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie getötet hat. Hier ist ihre Leiche.< Obwohl von der jede Spur fehlt, lässt Vesta der Gedanke an einen Mord nicht mehr los. Wer war Magda? Und wer könnte ihr Mörder sein? Die Aufklärung dieser Fragen wird zu Vestas Mission. Doch je tiefer sie sich in den Fall verstrickt, desto deutlicher treten ihre eigenen Abgründe und Widersprüche hervor. Denn Vesta Guhl ist nicht nur die unscheinbare Witwe, die sie zu sein vorgibt.

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„Ich wollte nicht auffallen. Ich spürte bereits eine gewisse Veränderung in der Atmosphäre. In einem kleinen Ort fällt es auf, wenn jemand seine Gewohnheiten verändert, und sei es auch noch so geringfügig.“ (Seite 97)

Nach dem Tod ihres Mannes zieht Vesta an den Po der Welt. In einem kleinen unscheinbaren Ort, bezieht sie ein baufälliges Haus im tiefsten Wald. Sie lebt dort mit ihrem Hund Charlie, den sie sich nach dem Tod ihres Mannes zugelegt hat. Die beiden verbringen jeden Tag  mehr oder weniger gleich. Lange Spaziergänge im Wald und stundenlanges Radiohören sind die Highlights in ihrem Alltag. Ab und an fährt sie ins Dorf, um einzukaufen. Doch sie meidet die Menschen dort und zieht sich in die Einsamkeit ihrer Welt zurück.

Eines Tages findet sie bei einem ihrer Spaziergänge einen Zettel. >Ihr Name war Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie getötet hat. Hier ist ihre Leiche.<  Sofort fragt sich Vesta wie der Zettel dorthin gekommen ist. Sie geht doch jeden Tag den gleichen Weg und gestern lag er noch nicht da. Doch anstatt zur Polizei zu gehen, oder zu schauen ob irgendwo eine Leiche liegt, geht Vesta nach Hause und macht sich Gedanken über Magda. Wer war sie, wer ihr Mörder und wie kam sie um?

„Aufgabe des Detektives war es, die möglichen Realitäten auf eine einzige Wahrheit einzugrenzen. Eine selektive Wahrheit. Das bedeutet nicht, dass es die einzige mögliche Wahrheit war. Die echte Wahrheit gab es nur in der Vergangenheit, davon war ich überzeugt. Schwierig wurden die Dinge erst in der Zukunft.“ (Seite 92)

Was für ein irrer Roman! So etwas habe ich echt noch nicht gelesen. Es ist kein Krimi oder Thriller, doch die Spannung kommt beiden sehr nah. Das Buch habe ich innerhalb kürzester Zeit gelesen, weil ich einfach wissen wollte wie Vesta den „Fall Magda“ löst. Auf den ersten Blick geht Vesta dabei sehr akribisch vor.

Vesta erdenkt sich eine Geschichte rund um Magda, wer sie war, wie sie lebte, welche Feinde sie gehabt haben könnte. Vesta wird zur Ermittlerin, die sich aber immer mehr in ihrer Gedankenwelt verstrickt, welche zu einem einziges Wirrwarr wird, und schon bald frage ich mich als Leserin, was ist noch Realität und was Wahn. Genau damit spielt die Autorin nämlich. Sie lässt mich als Leserin ständig im Ungewissen. Ist das was Magda denkt, macht, fühlt … die Wirklichkeit? Oder ist es eine Wahnvorstellung von Vesta? Wo beginnt das Abdriften von der Realität in den Wahnsinn?

„Walter hatte doch immer gesagt, die Welt sei zum größten Teil theoretisch, oder nicht? Wenn ein Baum umstürzt, tut er das wirklich? Woher weiß man das eigentlich genau? Man durfte seinen Augen nicht trauen. O Walter. War er wirklich tot? Ich hatte seine sterblichen Überreste nicht länger als ein paar Minuten gesehen. War es möglich, dass er alles nur vorgetäuscht hatte, um mich loszuwerden?“ (Seite 190)

Dieser Roman ist wirklich richtig spannend und dieses ganze Konstrukt hat mich sehr gefesselt. Die Autorin zeigt  auf was Einsamkeit mit Menschen anstellen kann und welche Macht auch Einsamkeit hat. Wie schnell sich Realität und Fiktion mischen, man nicht mehr auseinander halten kann, was Wirklichkeit ist und was Wahn … selbst für mich als Leserin war das sehr schwer!

Für all die, die mal etwas anderes lesen möchte, kann ich dieses Buch empfehlen. Ich möchte es sehr, weil es mich als Leserin gefordert hat.

Auf dem Wasser treiben von Theresa Prammer

List Verlag
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.02.2019
ISBN: 9783471351680
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
Stefan kommt mit seiner Forschung nicht weiter. Zwar konnte er beweisen, dass die Wassermoleküle im menschlichen Körper nach inniger Verbindung streben. Doch wenn seine Theorie gültig ist, wieso stimmt sie dann bei ihm nicht? Natürlich hat er Beziehungen, doch sie bleiben oberflächlich.
Keine seiner Freundinnen hielt es lange mit ihm aus, seine Geschwister sind ihm fremd, sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen. Mit nichts und niemandem hat Stefan eine richtige Verbindung. Er selbst ist also das beste Beispiel, dass seine Wassertheorie falsch ist. Bis nach einer Familienfeier seine Mutter verschwindet und unauffindbar bleibt. Die Suche nach ihr zwingt Stefan und seine Geschwister zu einer Bestandsaufnahme, durch die sich alles ändert.

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„Wasser ist ein mysteriöses Material. Es ist ein einfaches Molekül. Aber es verhält sich auf sehr überraschende Weise.“ (Dr. Adam Wexler, 2018)

„Jeder Mensch besteht zu drei Viertel aus Wasser. Im Prinzip ist also jeder von uns nichts anderes als eine lebende Wassermelone.“ (Seite 14)

Stefan wäre im Alter von 8 Jahren fast ertrunken. Dieses Erlebnis hat den Jungen so geprägt, dass er sich in seinem Beruf mit Wasser beschäftig. Ihn fasziniert dieses Molekül.

Stefan ist auch 8 Jahre alt, als sein Vater von einem auf den anderen Tag spurlos verschwindet. Zuerst hofft die Familie, Stefan hat noch einen älteren Bruder Fred und eine ältere Schwester Emma, dass der Vater zurück kommt. Doch irgendwann ist sämtliche Hoffnung dahin. Die Familie muss ohne den Vater auskommen, er bleibt verschollen.

Stefans Mutter Hannah wird 55 und es ist eine Überraschungsparty geplant. Als Stefan sie abholt um zur Party zu bringen, merkt er, dass seine Mutter irgendwie anders ist wie sonst. Am selben Abend verschwindet auch sie zunächst spurlos. Die Kinder machen sich auf die Suche nach Hannah und die Spur führt in die Vergangenheit, zum Verschwinden des Vaters …

„Wir wachsen alle aus unserer Kindheit heraus. Aber unsere Kindheit nie aus uns. Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, Erwachsene sind nichts anderes als in die Länge gezogenen Kinder.“ (Seite 194)

Am Anfang nimmt mich die Autorin mit in die Vergangenheit, zu dem Tag an dem Stefan fast ertrinkt und dem Tag, an dem der Vater verschwindet. Beides ist sehr geheimnisvoll und am Ende erst werde ich erfahren, was es damit auf sich hat. Im mittleren Teil erfahre ich etwas über Stefans Familie. Der Verlust des Vaters hat die Kinder geprägt. Stefan hat sich dem Studiums des Wassers verschrieben. Er findet heraus, das Wassermoleküle immer eine Verbindung suchen. So wie er. Doch sowohl die Verbindungen des Wassers, wie auch seine eigenen halten nie lange. Und so forscht er weiter, bis er eine Lösung findet. Auch seiner Schwester Emma fällt es schwer Bindungen einzugehen. Sie leidet unter großer Verlustangst und sobald jemand mehr von ihr möchte flieht sie. Und der große Bruder Fred… er übernimmt irgendwie nach den Verschwinden des Vaters die Vaterolle für die beiden Geschwister und eckt mit seinem Verhalten bei den Beiden immer wieder an. Sie sind genervt von seiner bevormunderei.

Und dann ist da ja auch noch Hannah, die Mutter der drei. Sie begleite ich auf der Suche nach John, ihrem verschollenen Mann. Denn John lebt noch, auch wenn sie den Kindern erzählt hat, dass er tot ist. Nach all den Jahren der Trauer und des Verlust, will sie jetzt reinen Tisch machen …

„Wasser ist zwar lose, aber doch verbunden. Wassermolekül mit Wassermolekül. Ohne diese Verbindung könnten gar keine Protonen durch elektrische Spannung entstehen. Und ohne Protonen gäbe es keine magnetische Kraft. Es ist überall, im Meer, in den Wolken, im Boden, in jedem Körper. Es ist – ach, ich weiß auch nicht.(…) Als würde Wasser die Einsamkeit überwinden.“ (Seite 243)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Theresa Prammer erzählt die Tragödie dieser Familie mit viel Gefühl und Spannung, ohne dabei ins kitschige abzurutschen. Hinzu kommen noch diese Informationen über das Wasser und seine Moleküle, die sie sehr geschickt in die Geschichte einbettet und welche mich sehr fasziniert haben.

Für mich eine sehr berührende Familiengeschichte mit den Themen Trauer, Verlust, Einsamkeit und Lügen … und der Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Unbedingt lesen!!!

„Das innere Ausland“ von Thommie Bayer

Piper
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2018
ISBN: 9783492057271
Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren als Bahnschaffner auf internationalen Zügen lebt er mit seiner Schwester Nina in einem idyllischen Haus im Süden Frankreichs, wo er die Tage in bukolischer Abgeschiedenheit verbringt. Bis Nina sehr plötzlich stirbt – und Andreas sich seiner inneren Einsamkeit bewusste wird. Es ist kein Zufall, dass wenig später eine fremde Frau vor seinem Haus steht – sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, von der Andreas noch nie etwas gehört hat. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm eine zweite Chance bietet. Doch er muss sie auch ergreifen.

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„Nachdem sie ins Bett gegangen war, saß ich noch eine Zeit lang und sah dem Feuer beim Herunterbrennen zu. Ich ertappte mich dabei, dass ich dachte, so soll es bleiben, aber ich erschrak zugleich, weil ich wusste, dass es nie so bleibt und man keine Wahl hat, als die guten Momente zu würdigen und die unausweichlich folgenden schlechten zu überstehen.“ (Seite 94)

Andreas lebt allein in einem Haus in Südfrankreich. Er hat keine Partnerin und keine Kinder. Bis vor kurzem hat er mit seiner Schwester in diesem Haus gemeinsam gelebt. Die beiden haben früh ihrer Eltern verloren und hatten deshalb eine sehr enge und innige Beziehung. Doch nun ist Nina plötzlich verstorben und Andreas vollkommen allein.

Eines Tages, kurz nach Ninas Tod, steht plötzlich eine junge Frau vor der Tür. Es ist Malin und sie ist Ninas Tochter. Eine Überraschung für Andreas, der nichts davon wusste, aber auch eine Überraschung für Nina, die erst vor kurzem erfahren hat, das Nina ihre Mutter ist und sie bisher bei Pflegeeltern aufgewachsen ist.

Die beiden versuchen gegenseitig das Puzzel über Nina und ihr Leben zusammen zu setzen, von dem sie beide nichts wussten. Und dabei nähern sich Andreas und Nina an, spüren, dass sie ihre innere Einsamkeit überwinden müssen, um gemeinsam den weiteren Weg zu gehen …

„Ich habe zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wie weh es tun muss, einsam zu sein. Ich kannte das nicht. Ich war nie einsam. Ich war immer verbunden mit der Familie, den Freunden, Markus, den Kollegen, und jetzt sind die alle auf einmal wie aus Glas.“ (Seite 110)

Ich habe mich sehr auf diese neue Buch von Thommie Bayer gefreut und wurde nicht enttäuscht. In seiner bekannten ruhigen und unaufgeregten Art erzählt Bayer melancholisch eine Geschichte, in der es um die selbstgewählte „Einsamkeit“ geht. Um einen Menschen, der sich bewusst vom Trubel der Zeit und den Menschen zurück zieht. Die Gründe scheinen vielfältig, doch ich glaube es liegt am Verlust der Eltern und der damit eingehenden Angst wieder einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch dann steht da plötzlich Malin vor der Tür, eine junge Frau, die einen ähnlichen Verlust erlitten hat, nämlich den, dass sie ihre leibliche Mutter, Nina, nie wirkliche kennen lernen durfte. Und diese beiden Menschen haben nun die Möglichkeit sich anzunähern, aus ihrer selbstgewählten Einsamkeit eine Zweisamkeit zu machen. Sicherlich nicht einfach, aber Thommie Bayer schafft eine Basis für beide in dieser Geschichte, die einfach wundervoll geschrieben ist.

Einfach grandios. Danke!
Unbedingt lesen!

Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)

Eine Tragödie

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783630875545

Klappentext
Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

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Myriam und Paul sind ein junges Paar, das in Paris lebt. Ihnen geht es finanziell gut. Sie haben eine kleine Tochter und einen kleinen Sohn. Myriam vermisst ihren Job, möchte wieder unter Menschen. Für einen staatlichen Krippenplatz verdienen sie zu viel, also denken sie über eine Nanny nach. Sie finden schließlich die 50jährige Louise. Am Anfang macht sich Myriam Sorgen und fühlt sich schuldig, dass sie ihre Kinder bei der Nanny lässt. Doch der Alltag und ihre eigenen Befindlichkeiten führen dazu, dass Louise sich immer mehr in ihrem Leben ausbreiten kann. Paul und auch Myriam sehen nicht, dass das Unheil auf sie zurast. Und dann passiert es …. Beide Kinder sind tot …

„Und es stimmt. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. (…) Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden Tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunklen das Bühnenbild umbauen. (…) Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig.“ (Seite 55)

Die Geschichte fängt eigentlich mit dem Ende an. Direkt auf den ersten Seiten erfahre ich, dass die beiden Kinder Mia und Adam tot sind. Adam war sofort tot, hat nicht gelitten und Mia erlag später ihren schweren Verletzungen. Ich weiß auch wer die mutmaßliche Täterin war/ ist … Louise, die Nanny. Nach diesen ersten Seiten bin ich erst einmal geschockt.

In einem Rückblick, bis hin zur Tragödie erzählt Leila Slimani die Geschichte von Paul, Myriam, Mia und Adam. Und die von Louise. Wie sich alle das erste Mal begegnen, und wie begeistert die Familie von der Nanny ist. Wie Louise zu einem unentbehrlichen Familienmitglied wird. Aber nicht alles ist so wie es scheint.

Myriam wollte unbedingt Mutter sein. Bekommt das erste Kind und schnell danach das zweite. Doch das Muttersein füllt sie irgendwann nicht mehr aus, ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie will wieder zurück in ihren Beruf.

Paul ist rund um die Uhr damit beschäftigt Geld ran zu schaffen. Erst für Myriam und sich, später für Myriam und die Kids und zu guter Letzt, um eine Nanny beschäftigen zu können.

Louise ist eine Frau, die sehr einsam ist und eigentlich nur ein Heim/ Heimat sucht. Menschen mit und bei denen sie sich heimisch fühlt. Sie möchte geliebt werden.

„Sie würde sie gern unter eine Glasglocke bannen, wie zwei lächelnde, erstarrte Tänzer auf dem Sockel einer Spieluhr. Sie sagt sich, dass sie sie stundenlang betrachten könnte, ohne es je leid zu werden. Dass sie sich damit begnügen würde, ihnen beim Leben zuzusehen, im Hintergrund zu wirken, damit alles perfekt ist, damit der Mechanismus nicht in Stocken gerät. Tief in ihrem Inneren ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören.“ (Seite 77)

Obwohl dieses Buch nicht einfach ist, ist es hervorragend geschrieben. Jede Seite offenbart einen neuen Abgrund. Da ich ja bereits das Ende kannte, habe ich mich beim Lesen oft gefragt wer hat eigentlich Schuld am Tod der Kinder. Mal war es für mich Myriam, mal Paul, mal die Kids selbst und auch Louise gehörte dazu. Leila Slimani lässt mir als Leserin diesen Spielraum und das hat mir sehr gut gefallen.

Ich denke letztendlich haben wir alle, die Gesellschaft, Anteil an dieser Tragödie. Eine Tragödie die tagein und tagaus überall auf dieser Welt geschehen kann. Für mich ist dies ein Buch, das noch lange nachwirkt und mich hoffentlich dazu bringt das ein oder andere Mal genauer hinzuhören und zu sehen.

Unbedingt lesen!

 

5 von 5 Sternen