Echt krasses und geniales Debüt

Frankfurter Verlagsanstalt
Fester Einband
480 Seiten
Erscheinungsdatum:
05.03.2018
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 9783627002480

Klappentext
Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert, Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht.

∗∗∗∗∗

„Das grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz. Einst war Raffael knospengrün, raupengrün, wie Zuckererbsen in ihrer frisch geöffneten Schote, an manchen Tagen limonenhell. Schwarze Flecken hat das Grün bekommen, wie Schimmel. Moritz steht da und schaut und kann doch, was er sieht, nicht verstehen. Etwas ist passiert. Er weiß, dass Raffael nicht schläft. Er erkennt es an den aufleuchtenden Spritzern, die durch das Grün schießen.“ (Seite 39)

Moritz ist gerade mit seiner Mutter Marie und seiner kleinen Schwester Sophia in das kleine Bergdorf gezogen. Auf dem Spielplatz begegnen sich die beiden Jungs das erste Mal und Raffael nimmt Moritz sofort unter seine Fittiche. Denn Raffael ist ein sehr offenes, charismatisches und zugleich bösartiges Kind. Moritz eher scheu, zurückhaltend und ergeben. Marie ist nicht wirklich glücklich über die Freundschaft der Kinder, ahnt sie doch, dass Raffael Moritz nicht gut tut. Und als Moritz dann immer wieder mit Blessuren nach Hause kommt, versucht sie ihren Sohn zu überzeugen ihr zu erzählen, wie es dazu kam. Doch Moritz schweigt.

Als die beiden Teenager sind, kommt Johanna dazu. Ihre Eltern sind bei einem Unglück ums Leben gekommen und sie lebt nun bei ihrer Großmutter. Sie sucht Anschluss und die beiden Jungs nehmen sich ihrer an. Doch aus dieser Dreiecksbeziehung entspringt nichts Gutes. Kurz nach der Matura kommt es zu einem Bruch.

Sechszehn Jahre sind vergangen, Moritz wird in Kürze Vater, da schellt es eines Abends an Moritz Haustür. Er öffnet und Raffael steht vor der Tür. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder präsent und alles müssen sich ihr endlich stellen …

„Er sah zu, wie das Blut sich vermischte, seins und Rafs. Es brannte und tat weh. Raf schaute ihm in die Augen.
„Blutsbrüder“, sagte er, ohne zu lächeln.
„Was heißt das?“, fragt Motz.
„Dass wir jetzt mehr sind als Freunde. Wie verwandt“, sagte Raf und schaute ihn immer noch an. „Das du mir gehörst.““ (Seite 44)

Was für ein krasses und geniales Debüt!!! Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Zuerst ist mir diese echt tolle Sprache aufgefallen. Ich kann es gar nicht so genau fest machen. Es ist so eine schöne Erzählweise. So leise, manchmal fast poetisch … aber das was sie erzählt ist grausam, abstoßend und verletzend. Das bewirkte bei mir, dass ich in einen Sog geriet. Ich fing an zu lesen und konnte gar nicht mehr aufhören. Was mich fesselte war wie gesagt die Sprache einerseits und dann die Geschichte andererseits.

Die Geschichte wird in mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Sichtweisen erzählt. Es kommen Moritz, Raffael, Marie (Moritz Mutter) und Johanna zu Wort. Das trägt enorm zur Spannung bei, muss sich jedoch auch konzentrieren, um sich nicht zu verlieren.

Es ist wieder eines dieser Bücher, die mich auch emotional sehr gefordert haben. Ganz ehrlich … Raffael war/ ist ein echter Kotzbrocken. Ich mochte dieses Kind und später auch den Jugendlichen und Mann überhaupt nicht. Seine ganze besitzergreifende und manipulative Art hat mich abgestoßen. Ich konnte nicht verstehen, dass es solche Art von Menschen geben kann. Ja, ich weiß, es gibt sie … Ich habe mich oft gefragt, warum Raffael so ist, wie er ist. Sicherlich hat sein Umfeld/ Familie damit etwas zu tun. Doch entschuldigt ein kaputtes Elternhaus alles? Ich denke eher nicht.

Auch Johanna ist eine, dich ich nicht wirklich mochte. Sie hat die beiden Jungs gegeneinander ausgespielt und sich dabei letztendlich mehr geschadet als sie wollte. Irgendwie war ist sie eine sehr traurige Gestalt in diesem Buch.

Und Moritz hätte ich am liebsten stundenlang in den Hintern getreten um ihm klar zu machen, dass er sich von Raffael lösen muss. Irgendwie war er mir oft zu passiv, was wohl auch daran lag, dass er besonders harmoniebedürftig war, und Ärger eher aus dem Weg gegangen ist.

Ihr seht, für mich war es ein sehr emotionales Buch, welches mich noch lange im Anschluss beschäftigt hat. Wie weit darf man in einer Freundschaft gehen? Darf man das Vertrauen von Freunden auf eine zerstörerische Art und Weise missbrauchen? Wie viel Verrat erträgt eine Freundschaft? Und kann man das dann alles irgendwann verzeihen?

„Aber eins sag ich dir, Moritz: Irgendwann wirst du erkennen, dass manche Menschen nur leuchten, indem sie andere ins Dunkle schubsen.“ (Seite 302)

Chapeau Mareike Fallwickl für dieses Debüt. Eins meiner Lesehighlights in diesem Jahr. Ich freu mich schon auf weitere tolle Romane.

Werbeanzeigen

Reichtum der Gedanken

Luchterhand
Fester Einband
280 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783630875187

Klappentext
Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Sie teilen den Traum von einer Zukunft fern von ihrer Herkunft. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen sie sich entwickeln, die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben. Tonis und Edgars Leben entwickelt sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biografien. Toni lebt in dem Konflikt zwischen ihren Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und dem Wunsch, sich zu binden, um Edgar zu vergessen.
Fünfzig Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, fragt sich Tonis Tochter: War ihre Mutter gescheitert oder lebte sie, wie sie es sich gewünscht hat, selbstbestimmt und frei? Wer war dieser Mann, den sie nie vergessen konnte? Die Tochter will ihm begegnen, ein einziges Mal.

∗∗∗∗∗

„Beschränkt auf diese vier Wände zu sein, verfolgt von den Gedanken an das Leben da draußen, ich versuche, es mir vorzustellen. Gedanken an Spaziergänge am Strand, der mit dem Fahrrad in weniger als einer halben Stunde zu erreichen wäre; Gedanken an Autofahrten, um sich ein neues Buch zu kaufen, um ins Theater oder Kino zu gehen; Gedanken an Dinge, die selbstverständlich gewesen, doch zuletzt nicht mehr möglich gewesen waren, an Freundschaften, die deshalb schwerfällig geworden und schließlich verloren gegangen waren. Gedanken an das eigene Kind. Das Warten auf einen Anruf, das Warten auf eine Mail von diesem Kind. Gedanken an die Vergangenheit, an eine Frau Anfang zwanzig, die in einem Zimmer zur Untermiete gewohnt hat, ein neu gekauftes Cocktailset im Regal, einen Plattenspieler neben dem Sofa, einen Stapel Bücher neben dem Bett, die darauf wartet, dass ihr Besuch an der Tür klingelt.“ (Seite 43)

Antonia, Toni genannt, ist tot. Ihre Tochter, die Ich-Erzählerin räumt nach dem Tod der Mutter die Wohnung nach und nach aus. Dabei fallen ihr Fotos und Tagebucheinträge der Mutter in die Hand.

Toni war eine selbstbewusste Frau, die ihren Weg ging. In den 60er lernt sie Edgar kennen, ihre große Liebe. Die beiden sind voller Pläne für die Zukunft. Sie wollen reisen, leben … anders als ihre Eltern, die vom Krieg geprägt sind. Es scheint als könne die beiden nichts aufhalten. Doch dann geht Edgar nach Hongkong. Toni soll bald nachkommen. Doch dies geschieht nie. Toni löst ihre Verlobung und versucht ein Leben ohne Edgar zu leben. Sie heiratet mehrfach und bekommt eine Tochter. Doch ihre große Liebe Edgar kann sie nie vergessen. Sie trifft ihn sogar Jahre später noch einmal, doch dieses Treffen verläuft anders als Toni es sich vorgestellt hat.

Nun sitzt Tonis Tochter im Haus der Mutter und versucht das Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren. Was ist damals passiert? Wieso haben Toni und Edgar nie zueinander gefunden? Was hat diese Liebe auseinandergebracht?

„Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird.“ (Seite 140)

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn einem kalt ist, und man sich eine dicke Decke umlegt? Genau so erging es mir mit diesem Roman. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ich habe mich in diese Geschichte um Toni und Edgar fallen lassen. Bilkaus Sprache ist einfach grandios. Die Ich-Erzählerin erinnert und konstruiert das Leben ihrer Mutter mit so viel Liebe und Wärme, das ich gar nicht mehr daraus auftauchen wollte. Bilkau erzählt von einer großen Liebe, von den Ängsten und dem Verlust einer großen Liebe, von Neuanfängen die immer wieder irgendwie scheitern und der großen Frage … hatte Toni das Leben, das sie sich gewünscht hat?

Aber es ist nicht nur Tonis Leben, das hier reflektiert wird. Es geht auch um das Leben der Ich-Erzählerin, die selbst Mutter ist und der Auszug der Tochter steht kurz bevor, um Beziehungen, und das diese gepflegt werden müssen, egal ob Ehe oder Mutter-Tochter-Beziehung.

Irgendwann kommen wir alle an diesen Punkt, an dem wir uns fragen, haben wir das Leben gelebt, das wir leben wollten/ uns gewünscht haben? Das Leben ist sicherlich kein Wunschkonzert oder Ponyhof, aber wir haben jeden Tag die Chance das Beste aus unserem Leben zu machen und es ist nie zu spät unsere Träume zu leben.

„Eines unserer letzten langen Telefonate. Ich hatte auf dem Sofa gelegen, allein zu Hause, hatte mir Zeit genommen. Am Ende des Gesprächs sagte ich ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit raus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte.
„Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben“.“ (Seite 241)

Kurz und knapp #5 … „Montagsnächte“ von Kathrin Wildenberger

duotincta
Flexibler Einband
290 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.10.2007
Preis: 14,95 Euro
ISBN: 973946086185

Es ist die Geschichte einer jungen Frau (Teenager) die die Zeit vor der Wende und den Mauerfall erlebt. Es geht um Menschen und ihre Wahrnehmung dieser Zeit. Jeder einzelne geht anders damit um. Die einen positiv weil voller Träume, andere stürzt es in Konflikte.

Ich war sehr neugierig auf dieses Buch, da ich ein großer Fan des duotincta Verlags bin. Alle bisher gelesenen Bücher habe ich mit Freude gelesen. Umso frustrierter war ich, als ich keinen wirklichen Einstieg in dieses Buch fand. Die Protagonistin und ihre Welt waren so weit weg und konnte mich überhaupt nicht erreichen. Mich persönlich hat das echt fertig gemacht. Doch es hat keinen Sinn etwas schön zu reden, wenn es für mich nicht schön war.

Fazit
Die Wendezeit ist ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft. Der Fall der Mauer einer der wichtigsten Tage in der Geschichte Deutschlands. Für viele wird dieses Buch ein weiteres tolles Buch über diese Zeit sein. Für mich leider nicht. Vielleicht weil ich schon zu viele Bücher darüber gelesen habe. Sorry liebe Kathrin Wildenberger!

Die Funktionsweise der Erinnerung

mare
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.08.2017
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 9783866482586

Klappentext
London, 1980: Robert Hendricks, erfolgreich als Psychiater und als Autor, privat ein „Stammgast der Einsamkeit“, steht vor einem Rätsel, als aus heiterem Himmel ein Brief aus Frankreich bei ihm eintrifft: Absender ist Alexander Pereira, ein 93-jähriger Neurologe, der Hendricks zu sich einlädt, weil er einen Nachlassverwalter sucht – und weil er meint, Hendricks Vater zu kennen. Die Reise führt Hendricks auf eine kleine, felsige Insel vor der französischen Mittelmeerküste und zugleich in das bisher unerforschte Terrain seiner Erinnerung: an seine vaterlose Kindheit in England, an Verletzungen aus den Kriegsjahren, vor allem aber an seine einzige große Liebe, die Italienerin „L“. Sie wurden ein Paar, das der Krieg zusammenführte und auseinanderriss. Wird Hendricks nun, ein halbes Leben später, den Mut aufbringen, sie wiederzusehen?


„Die Scheidewand zwischen Liebe und Zorn ist dünn. Ich vermute, es geschieht aus Selbstschutz und Angst vor noch mehr Verletzungen, dass wir diejenigen Menschen anschreien, die wir lieben.“ (Seite 30)

Hendricks ist ein Mann um die sechzig. Irgendwie auf den ersten Blick ein sehr einsamer Mensch, der Bindungsunfähig zu sein scheint. Er hat viele Liebschaften und sexuelle „Treffen“, doch geliebt hat er nur eine Frau in seinem Leben. Eines Tages wird er eingeladen Pereira zu besuchen, da dieser einen Nachlassverwalter sucht. Hendricks reist zu dem alten Mann auf die Insel und die beiden begeben sich auf eine Zeitreise. Pereira erzählt vom ersten Weltkrieg und Hendricks erinnert sich an seinen Einsatz im zweiten Weltkrieg. Dabei stellt sich heraus, dass Pereira Hendricks Vater kannte. Hendricks selbst kann sich nur schwach an seinen Vater erinnern. Und nach und nach vertrauen sich die beiden Männer ihr Leben an …

„Ich mag die Metaphern, mit denen wir Dinge umschreiben. Wie >räumt< man ins einen Gedanken >aufGedanken< zugleich der Schutt wie der Kehrbesen. Ich glaube, wir meinen vielmehr, dass wir aufhören sollten zu grübeln und stattdessen lieber >fühlen> sollten – was voraussetzt, dass das, was wir >fühlen<, wertvoller ist als alles, was wir denken …“ (Seite 98)

Dieses Buch ist kein einfacher Roman und schon gar nicht einfach zu lesen. Es werden Kriegerlebnisse aus dem ersten und zweiten Weltkrieg erzählt. Dabei springen die Protagonisten in ihren Erinnerungen ziemlich hin und her. Das machte es mir als Leserin oft nicht einfach der Geschichte zu folgen. Das Ganze wird dann noch mit Gedanken und Wissen rund um die Gedächtnisforschung/ Gehirnforschung gespickt.

Vieles davon hat mich gefesselt, manches gelangweilt. Vor allem die langen Passagen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg fand ich an manchen Stellen ermüdend. Spannend hingegen die Entwicklung der Freundschaft zwischen den beiden alten Menschen und vor allem Hendricks Entwicklung während der Aufarbeitung seines Lebens, die zeigt, dass uns unsere Erinnerungen manchmal einen Streich spielen können …

„Man kann nur glücklich werden, wenn man offen ist für die eigene Vergangenheit. Die Erfahrung, sich durch ein nasses Dickicht den Weg zu bahnen, muss sich an all die früheren Gelegenheiten, wo man das getan hat, tief verankert haben, wenn auch nicht unbedingt bewusst. Darin liegt der Reichtum. Aber wenn der Kopf irgendwie blockiert ist – wenn er den gegenwärtigen Augenblick zu starr festhalten möchte -, dann ist die Seele undurchlässig; die Vergangenheit kann nicht heilend in sie einsickern, und man hat umsonst gelebt.“ (Seite 33)

Ende und Anfang

Atlantik Verlag, ISBN: 9783455600568, Preis: 20,00 €

Klappentext
„Wer auf meiner Beerdigung weint, mit dem rede ich kein Wort mehr“, hat Lou oft gewitzelt. Auf der kleinen bretonischen Insel mochte sie jeder: Lou war eine verständnisvolle Mutter, eine lustige Großmutter, eine verlässliche Freundin und Nachbarin. Sie kochte miserabel, aber voller Liebe, hatte das lauteste Lachen und trank am liebsten Champagner.
Doch nun ist Lou tot – und die Familie droht auseinanderzubrechen. Jo war zwar ein liebevoller Ehemann, doch seine erwachsenen Kinder Sarah und Cyrian kennt er kaum. In ihrem Testament bittet ihn Lou, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen: Er soll das zerrüttete Verhältnis zu Sarah und Cyrian kitten und die beiden glücklich machen. Erst dann darf er ihren letzten Brief lesen – der versiegelt, natürlich in einer Champagnerflasche, auf ihn wartet.
Eine folgenschwere Flaschenpost und eine schwierige Mission. Doch zum Glück steht Jo seine patente Enkeltochter Pomme zur Seite, die Schicksal spielt. Und bald ist in Lous und Jos Familie nichts mehr, wie es war …

∗∗∗∗∗

„Der Notar geht unsere Kinder holen. Das wird ein Gemetzel. Du hast mir gerade die nächsten zwei Monate versaut meine Liebe. was bleibt mir noch, ohne dich? Die zweistellige Zahl unserer gemeinsamen Jahre und die hundertstellige unserer gemeinsamen Lachanfälle?“ (Seite 45)

Lou ist tot und hinterlässt viele traurige Menschen, die Jo auf den richtigen Weg bringen soll.

Sarah die Tochter der  beiden. Sie wurde nach einer schweren Erkrankung von ihrem Freund und zukünftigen Mann verlassen. Seither versucht sie der Liebe aus dem Weg zu gehen.

Cyrian der Sohn von Lou und Jo. Lou wusste Bescheid. Wusste von Dany, seiner Freundin, mit der er seine Frau Albane betrügt. Die beiden haben eine Tochter … Charlotte. Außerdem hat Cyrian noch eine Tochter, Pomme. Doch der Kontakt zu ihr ist sehr sporadisch. Lous Sohn hat kurz vor Pommes Geburt die Insel Groix verlassen und lebt seitdem in Paris.

Albane ist eine strenge Mutter, die Charlotte ständig unter Kontrolle hält.

Pomme liebt ihre Mutter und die Großeltern. Denn obwohl sie kaum Kontakt zu ihrem Vater hat, hat sie einen sehr engen Kontakt zur ihren Großeltern.

Und dann ist da noch Jo. Die Beiden haben sich unendlich geliebt. Seinetwegen ist Lou mit auf die Insel Groix gezogen und hatte dort ein schönes Leben.

„Wir sind eine sonderbare Familie. Du warst der Mörtel, Lou. Ohne dich bröckelt das Gebäude, wankt, um mit großem Getöse einzustürzen.“ (Seite 64)
„Du warst die Schönste. Du hast mir beigebracht, glücklich zu sein und mich überall wohlzufühlen. Ohne dich bin ich ein Trottel.“ (Seite 87)

Auf den ersten Blick sind die vielen Namen und Protagonisten verwirrend. Doch innerhalb der Geschichte haben alle ihren eigenen Platz. Abwechselnd erzählen sie aus ihrem Leben und dem Leben mit Lou. Sie lassen mich an ihrem Schmerz über den Verlust von Lou teilhaben. Dabei erfahre ich viele Details, die zuerst einen Blick in jedes einzelne Leben zulassen und später alle zu einem großen Geflecht innerhalb der Familie werden.

Mir hat das sehr gut gefallen. Diese kleinen Einblicke, die mich an manchen Stellen zuerst einmal verwundert, manchmal auch wütend gemacht haben. Doch dann, im Großen Ganzen konnte ich jeden einzelnen Protagonisten in seinem Handeln und Leben verstehen.

Fouchet gelingt es mit leisen und warmen Worten die Trauer und den Verlust  jedes einzelnen herauszuarbeiten, Ich fühlte mich allen sehr nah, doch Jo und Pomme waren die, die mein Herz am meisten berührt haben. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass sie den größten Part in der Geschichte haben.

„Nicht die Kinder oder Enkel machen uns glücklich, sondern die Liebe, die sie hervorrufen, mit der man sie umgibt, die uns durchdringt.“
(…)
„Man kann nicht wissen, woran man einmal sterben wird, aber man kann entscheiden, wie man leben will.“ (Seite 358)

Ein zauberhafter Familienroman mit Charakteren, die von Fouchet liebevoll dargestellt werden, mit all ihren Ecken und Kanten, in einer Kulisse mit französischem Charme.

Unbedingt lesen ♥♥♥

 

4 von 5 Sternen

Lebensfragen

Mare Verlag Fester Einband 288 Seiten Erscheinungsdatum: 09.02.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783866482456

Mare Verlag
Fester Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.02.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783866482456

Klappentext
Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf: Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch er vermisst das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinterlassen – und Nachkommen, die seine Arbeit später schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Fiedler – den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel – wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und seine Familie ernährt hatte. Die Flut der Fragen, die sich dem Enkel mit einem Mal aufdrängen, entfaltet eine ungeahnte Wucht … Bis ihm die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen die Augen öffnet für eine ganz neue Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.

∗∗∗

„Es war, wie wenn nach einem bewegenden Film das Licht angeht und man sich in einem Kinosaal wiederfindet. Es war eine Desillusionierung. Ich deutete sie als Mahnung, mich beim Blick auf die Vergangenheit nicht der Nostalgie hinzugeben, sondern das Erinnern unter Berücksichtigung der größeren Zusammenhänge strategisch anzugehen.“  (Seite 30)

Der Protagonist in dieser Geschichte hat keinen Namen. Er ist gerade fünfzig geworden und zieht eine Bilanz seines Lebens. Dabei stellt er fest, dass er zwar sehr erfolgreich in seinem Beruf ist, doch dass er niemanden hat, mit dem er dies teilen kann. Keine Frau und keine Kinder. Niemand ist da, dem er etwas hinterlassen kann. Doch darauf folgt die weitere Frage … was wenn er jemanden hätte dem er etwas hinterlassen könnte … was wäre es dann. Aus seiner Sicht hat er nicht geschaffen in seinem Leben, was erwähnen wert wäre.
Anders sieht es mit seinem Großvater aus. Durch eine kurze Sequenz in einem Kinofilm erinnert er sich an seinen Gr0ßvater und dem was er großartiges geleistet hat. Kurzerhand beschließt er sich auf die Spuren seines Großvater zu begeben, in der Hoffnung darüber mehr über sich zu erfahren. Und während dieser „Reise“ begegnet er Neringa, die eine andere Sich auf die Dinge des Lebens hat als er.

„Sie kennen keine Schwere, wenn sie tanzen, antwortet sie. Wenn ein Mensch tanzt, wirkt die Trägheit der Materie als Gegenkraft. Die Figuren wissen davon nichts. Die Kraft, die sie emporhebt, ist größer als die Kraft, dies sie an die Erde fesselt. Sie streifen die Erde nur. Und sie müssen sich auch nicht auf festen Boden von den Anstrengungen des Tanzen erholen.
Sie brauchen kein solides Pflaster unter den Füßen, sagte ich.“ (Seite 170)

Ehrlich gesagt reißt mich dieses Buch hin und her. Ich bin fasziniert von der Sprache und der Sprachgewalt dieses Buches. Stefan Moster erzählt seine Geschichte um den namenlosen Protagonisten klar und strukturiert, dennoch schwingt eine gewisse Melancholie zwischen den Zeilen, eine Sehnsucht nach Antworten. Antworten auf die Fragen des Lebens, die sich (auch ich) viele Menschen in der Mitte des Lebens stellen. Wer bin ich, was habe ich erreicht im Leben, wie wird mein Leben weiter gehen. Und jeder geht damit anders um. Die einen suchen immer weiter ohne jemals eine Antwort zu finden, die anderen finden eine  Antwort und wiederum andere brauchen irgendwann keine Antwort, weil sie plötzlich wissen und fühlen was wichtig ist im Leben.

Auf der Suche nach Antworten wird aber auch klar, wie sehr sich Realität und Erinnerungen miteinander vermischen, und dass diese nicht immer übereinstimmen. Das es vorkommen kann, dass man Menschen oder Begebenheiten auf einen „Sockel“ stellt, aber die Realität vollkommen anders war/ ist.

Ich habe mich lange gefragt, warum Mosters Protagonist keinen Namen hat. Vielleicht hat er deshalb keinen Namen, weil es einfach symbolisieren soll, dass er noch nicht seine wahre Identität im Leben gefunden hat, dass er noch auf der Suche ist. Im Pendant dazu schafft Moster eine Frau die Neringa heißt. Neringa ist eine Stadt in der Gemeinde Neringa, in Litauen. Symbolisiert also Heimat/ zu Hause sein. Und in der Tat scheint es so, als würde der namenlose Protagonist am Ende eine Art Heimat bei Neringa finden.

„Ihre Art zu lieben kannte keine Eile, keine Ungeduld, keinen Vorgriff auf die Zukunft und keine Bedingungen. Sie brauchte weder Losungsworte noch Bekenntnisse. Sie liebte, was vorhanden war, den gemeinsam erlebten Moment, den man nicht in Worte fassen musste.“ (Seite 197)

Ich habe dieses Buch gerne gelesen und es hat mir eines wieder einmal klar gemacht … es bringt nichts Vergangenem nachzutrauern … es bringt vielleicht bedingt etwas sich zu grübeln  wie das Leben weiter gehen kann und was ich der Nachwelt hinterlasse … aber da erinnere ich mich an ein Zitat, das ich erst vor ein paar Tagen gelesen habe …

„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“ (Sören Kierkegaard)

 

4 von 5 Sternen