„Ursprung“ von Eva Tind

Mare Verlag, Fester Einband, ISBN: 9783866486478, Preis: 25,00 €, Hier kaufen:

Kai liebt Miriam über alles. Miriam liebt Kai, doch ihre Kunst liebt sie mehr. Die beiden bekommen ein Kind und kurz nach der Geburt geht Miriam, um nur noch für ihre Kunst zu leben. Kai zieht Sui, so heißt die gemeinsame Tochter, alleine groß. Als Sui flügge wird und zu Hause auszieht, stürzt das Kai in eine Krise. Er reist nach Indien um Kraft und neuen Sinn zu finden.

Da Sui ihre Mutter kaum kennt, reist sie zu ihr. Miriam lebt schon seit Jahren in einem einsamen Waldgebiet, um dort an einem großen Kunstprojekt zu arbeiten. Doch die Begegnung mit ihrer Mutter verläuft anders als sich Sui das erhofft hat. Sie reist weiter auf die koreanische Insel Marado und hofft dort Antworten zu ihren Wurzeln zu finden.

Am Anfang hat mich das Buch ein wenig traurig und wütend zugleich gemacht. Miriam und ihr Egoismus sind mir so auf die Nerven gegangen. Doch je weiter ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto mehr hat mich die ganze Geschichte fasziniert. Sie wird aus der Perspektive jedes einzelnen erzählt.

Kais Suchen und Finden, nach neuen Ansätzen für sein Leben ohne Sui; Miriams Kunstprojekt, welches ein Lebensprojekt wird für das sie bis zum Tod alles gibt; und schließlich Suis Suche nach ihren Wurzeln/ Identität machen das Buch zu etwas besonderem.

Jede Geschichte für sich ist einzigartig und alle zusammen ein wundervolles Buch über das Suchen und Finden der eigenen Identität in verschiedenen Lebensphasen.

„Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina

Suhrkamp Verlag
Fester Einband
396 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2020
ISBN: 9783518429075
Preis: 24,00 Euro

Klappentext

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter geht alles ganz schnell. Edie und Mae müssen nach New York, zu Dennis Lomack: Er ist ihr unbekannter Vater und die Schriftstellerikone einer ganzen Generation. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.

∗∗∗∗∗

„Er fing mit seiner Beziehung zu Marianne an. In der Geschichte gibt es eine lange Tradition von Männern, die jüngere Frauen heiraten: schön und gut. Außerdem war es die Zeit der freien Liebe. Aber wäre Jackson McLean noch am Leben gewesen, wären Marianne und Dennis nie zusammengekommen! Marianne war ein Kind. Dennis protzte, er würde sich um sie kümmern, aber in Wirklichkeit plünderte er sie für sein eigenes Werk aus.“ (Seite 172)

Marianne hat versucht sich umzubringen. Nicht das erste Mal. Nun wird sie in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Ihre beiden Töchter Edie (16 Jahre) und Mae (14 Jahre) müssen zu ihrem Vater Dennis nach New York. Er hat die Familie vor 12 Jahren verlassen und den Kontakt vollkommen abgebrochen.

Dennis Lomack war ein erfolgreicher Schriftsteller und Marianne seine Muse. Solang sie an seiner Seite war, schrieb er Romane. Dennis lernte Marianne kennen als sie 9 Jahre alt war. Nach dem Tod von Mariannes Vater heiraten die beiden. Zu diesem Zeitpunkt ist Marianne 16 Jahre alt.

„In jenem Frühling war Dad das Einzige, was für mich zählte. Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren – und das waren sie oft – , dann wurde ich eben Marianne.

(…)

Ich hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dads Muse zu sein. Und ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzumachen, dass seine Gefühle für Mom mir galten, weil ich ihre Zweitbesetzung war.“ (Seite 221/222)

Mae sieht ihrer Mutter zu verwechseln ähnlich und Mae fühlt sich von ihrer Mutter eingeengt. Marianne schleppt ihre Tochter überall mit hin, was Mae Kindheit und Jugend sehr belastet. Deshalb genießt sie das neue Leben bei ihrem Vater, weit weg von ihrer einnehmenden Mutter.

Dennis sieht in seiner Tochter Mae die junge Marianne und findet in ihr die Muse aus früheren Zeiten. Und plötzlich fließen wieder die Worte aufs Papier …

„An diesem Nachmittag spürte ich zum ersten Mal … ich weiß nicht, wie ich es genau beschreiben soll. Als mein Kopf in Dads Schoß lag, ballte sich das ganze Glück, das mir gefehlt hatte, in diesem einen Augenblick zusammen. Ich sah zu ihm hoch und war nicht mehr ich selbst. Ich war Mom, aber nicht, wie ich sie kannte. Sie stülpte mir nicht ihre Dunkelheit wie eine Tüte über den Kopf. Nein, es war anders. Ich wurde die Mom, die sie vor vielen Jahren war. Auch Dad spürte es, das merkte ich. Vielleicht hätte der Moment länger gedauert, wenn Edie nicht ständig geredet und Druck gemacht hätte. Sie wollte mich wieder zu der anderen Mutter zurückbringen. Der in der Nervenklinik, die mich gefesselt und geviertelt als Opfer brauchte.“ (Seite 116)

Edie fühlt sich schuldig. Sie denkt, dass sie die Einweisung der Mutter in die Klinik hätte verhindern können. Edie möchte nicht bei ihrem Vater sein und versucht die Schwester zu überreden mit ihr gemeinsam die Mutter aus der Klinik zu holen. Doch Mae fühlt sich wohl beim Vater. Also macht sich Edie allein auf den Weg nach Hause. Doch Marianne will ihre Tochter nicht sehen, fragt mach Mae. Edies Eifersucht flammt wieder auf. Immer will Marianne nur Mae um sich haben und stößt Edie von sich.

„Was Mariannes Tochter allerdings nicht mitbekam und wahrscheinlich nie erfahren wird, was, dass Marianne nach ihrem Besuch immerzu weinte, leise, damit die Schwester es nicht mitkriegte. In diesem Moment begriff ich Mariannes Verhalten – sie folget einem Urinstinkt und wollte ihre Tochter von sich fernhalten und so für ihre Sicherheit sorgen, auch wenn sie dem Mädchen damit das Herz brach.“ (Seite 241)

WOW … was für ein DEBÜT!!! Ich bin immer noch hin und weg. Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich dieses Buch so sehr gefesselt, dass ich es an einem Tag gelesen habe. Die Geschichte hat einen unglaublichen Sog und das obwohl sich Abgründe auftun. Doch von Anfang an …

In kurzen Kapitel lässt die Autorin verschieden Menschen zu Wort kommen. Das sind neben Edie und Mae, Marianne und Dennis, auch Weggefährten der vier. Edie und Mae sind jedoch die Erzähler, die den größten Raum einnehmen. Apekina bedient sich verschiedener stilistischer Mittel, unter anderem Tagebucheinträge, medizinische Berichte etc., welche die Geschichte noch komplexe machen.

Mich hat die Geschichte sehr berührt, aber auch fassungslos gemacht. Da sind zwei Kinder, die um die Liebe der Eltern buhlen. Edie, um die ihrer Mutter und Mae um die ihres Vaters. Und beide werden nur für die eigenen Zwecke der Eltern benutzt. Das hat mich echt fassungslos und wütend gemacht. Was mich dann aber wirklich erschüttert hat, ist wie weit Kinder gehen würden, um die Liebe der Eltern zu bekommen.

Dies ist keine leichte Geschichte und an vielen Stellen tun sich Abgründe auf. Jeder einzelne Protagonist versucht gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen. Gegen Wut, Trauer, seelische Verletzungen und Selbstzweifeln … und keinem gelingt es wirklich aus dieser selbstzerstörerischen Spirale auszubrechen.

„Heute kann ich leicht sagen, das ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das noch nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht , und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte es mir nicht leisten, großzügig zu sein.“ (Seite 343)

Ein grandioses Debüt, das noch lange nachwirkt! Unbedingt lesen!!!

 

 

 

 

Neulich in der Buchhandlung … #20

 

Hallo Ihr Lieben,

es ist schon fast einen Monat her, aber ich möchte Euch dennoch ein paar Eindrücke vom 10. Bröltaler Familiensonntag zeigen. Alle zwei Jahre findet der sogenannte Brötaler Familiensonntag statt. An diesem Tag wird die komplette Brölstraße in Ruppichteroth gesperrt. An diesem Tag steht die Familie im Fokus. Unternehmer aus Ruppichteroth präsentieren ihre Unternehmen und machen tolle kostenfreie Aktionen an ihren Ständen. So auch wieder in diesem Jahr.

Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal mitgemacht und da alles noch sehr neu war, hatten wir den ganzen Tag Malaktionen für die Kids und eine Verlosung mit Simack Büchel, einem Kinderbuchautor aus Ruppichteroth. In diesem Jahr hatten wir den Kleinen Drachen Kokosnuss als Walk Act da. Das Kostüm kann man sich beim Verlag leihen, man muss nur jemanden finden, der dann da rein klettert. In unserem Fall war das mein Mann und später auch ich für eine Stunde. Ich kann Euch sagen, das Kostüm ist echt schwer und das Sichtfeld sehr begrenzt. Man kann auf gar keinen Fall alleine gehen.

Der Kleine Drache Kokosnuss ist zuerst auf der gesamten Fläche gelaufen. Dann konnte man sich von 13.00 Uhr bis 15.00 Uhr mit dem Drachen vor der Buchhandlung fotografieren lassen. Ich sag Euch, das war ein Andrang. 🙂 Der Drache ist sehr begehrt gewesen. Wir hatten mega viel Spaß, auch wenn das Kostüm schwer war. Gott sei Dank war es nicht so heiß wie vor zwei Jahren.

Es war mal wieder ein toller Tag! Danke Ihr Lieben aus, in und um Ruppichteroth.

Eure Angelika ♥♥♥

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abendrot von Kent Haruf

Diogenes
Fester Einband
480 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.01.2019
ISBN: 9783257070453
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
Das Leben ist rau in Holt, Colorado. Es gehorcht den Rhythmen der Natur und den ungeschriebenen Gesetzen einen Kleinstadt. Hier kann man sich nicht aus dem Weg gehen, hier gibt es aber auch eine Gemeinschaft, die einen nicht im Stich lässt, wenn man einsam oder verzweifelt ist. Und jederzeit ist die Begegnung möglich, die alles verändert.
Betty und Luther versuchen am Existenzminimum, ihre Familie zusammenzuhalten. DJ und Dena, elf Jahre alt, schaffen sich in einem verlassenen Haus ein Ersatzzuhause. Und die großartigen McPheron-Brüder samt ihrer Ziehtochter Victoria treten wieder auf. Ein paar einsame Seelen, die trotz aller Unterschiede zueinanderfinden. Das ist der Zauber von Holt, Colorado.

∗∗∗∗∗

Vor ca. zwei Jahren habe ich mein erstes Buch von Kent Haruf gelesen. Es war „Unsere Seelen bei Nacht“ Was für ein wunderschönes Buch. Ich war sofort schockverliebt in die Sprache, die Atmosphäre und die Geschichte. Dieses Buch ist ein Buch für alle Fälle … wenn man traurig ist … um Mut zu machen … eine Liebesgeschichte …. eine Familiengeschichte … einfach etwas fürs Herz. Ich verkaufe dieses Buch sehr oft im Büchergarten und die Rückmeldungen waren bisher immer (!!!) nur positiv.

Danach kam, ein Jahr später Harufs zweites Buch „Lied der Weite“ heraus. Auf den ersten Blick ein ganz anderes Buch. Einzige Ausnahme … es spielt ebenfalls in Holt. Und das ist eine Art „Markenzeichen“ von Haruf … seine Bücher spielen alle in Holt, einer Kleinstadt in Colorado. Er hat in seinen Büchern einen kleinen Kosmos innerhalb seiner fiktiven Stadt Hold erschaffen. In Lied der Weite lerne ich ganz viele Menschen kennen. Die Brüder McPhereon und deren spätere Ziehtochter Victoria, die Lehrerin Maggie und ihren Kollegen Guthrie mit seinen beiden Kindern, und noch einigen mehr. Es geht in diesem Buch um den Zusammenhalt, den Sinn der Gemeinschaft und das Familie nicht immer Blutsverwandte sein müssen.

Und jetzt erschien „Abendrot“ … oh wie sehr habe ich mich darauf gefreut. Und was soll ich sagen …. es war wie bei einem Wiedersehen mit alten Freunden. Denn genau das passiert in diesem Buch. Ich treffe in Holt auf die Brüder McPherson … auf Victoria und ihre kleine Tochter … auf Maggie und Gutherie. Ich treffe aber auch auf ein paar neue Figuren, wie zum Beispiel Luther und seine Familie. Eine Familie, die am Existenzminimum lebt und versucht mit dem Leben und seinen Herausforderungen klar zu kommen. Da ist DJ, der sich rührend um seinen Gro0vater kümmert und ohne den er längst in einem Waisenhaus wäre. Und da ist Rose, die Sozialarbeiterin, die sich um eben diese Menschen kümmert. Auch in diesem Buch geht es um Menschlichkeit, die Fähigkeit sich für andere einzusetzen, auch wenn man dabei an seine eigenen Grenzen stößt.

In Harufs Büchern zu lesen ist wie nach Hause kommen. Man schlägt das Buch auf und taucht sofort ein, in diesen kleinen besonderen Kosmos von Holt. Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass ich Teil davon bin. Und das bin ich … irgendwie, denn die Schicksale eines jeden einzelnen gehen mir ans Herz. Gerade in „Abendrot“ habe ich sehr geweint, als ein mir Vertrauter stirbt.

In meiner Recherche habe ich gesehen, das diese drei Bücher aus einer Reihe sind. Das „Unsere Seelen bei Nacht“ der fünfte und letzte Band ist. „Lied der Weite“ der erste und „Abendrot“ der zweite. Jetzt wünsche ich mir natürlich sehr, dass die anderen beiden Bände auch noch übersetzt und veröffentlicht werden. Es wäre so schön wieder nach Holt zu reisen, in diesen ganz besonderen Kosmos der Menschlichkeit und der Liebe … oder ganz einfach … nach Haus zu kommen. ♥♥♥

Die Macht der Sprache

Hanser Berlin
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783446256828

Klappentext
Sie stand unter dem besonderen Schutz ihrer Großmutter Paula. Wenn nachts die Angst kam, kroch sie zu ihr ins Bett. Doch hätte es diese Angst ohne die Großmutter überhaupt gegeben?
Sandra Hoffmanns Memoir Paula liest sich wie ein Familienroman. Mit Aufrichtigkeit und großer Einfühlung erschließt sie das Leben dieser Frau, die ihr erdrückend nahe war und von der sie so wenig weiß. Einer Frau, die einmal glücklich gewesen sein muss, deren junger Bräutigam im Krieg stirbt. Einer Frau, die irgendwann aus Angst und Scham zu schweigen beginnt, nie preisgibt, von welchem Mann das Kind stammt, das sie alleine großzieht, bis der Schutzraum des Schweigens zum Gefängnis wird, in dem Liebe und Empathie verkümmern.

∗∗∗∗∗

„Ein Grab ist ein Ort, an dem die Chronologie sich aufhebt. Was heute ist und was gestern war, als jene noch lebte, die darin liegt, wird egal. Jemand liegt darin und ist nahe wie eh. Aber tot. Aus dem Grab heraus kommen keine Antworten. Das Grab spricht nicht.“ (Seite 151)

Die Großmutter ist tot. Was bleibt ist ein Karton mit Bildern und viele offene Fragen. An Hand der Fotos und der Erinnerung versucht die Enkelin Antworten auf Fragen zu finden. Wer ist sie, wer ist ihr Großvater und welches Leben hat ihre Großmutter geführt.

In vielen Rückblicken versucht Sandra Hoffmann das Leben ihrer Großmutter zu rekonstruieren. Obwohl Sandra Hoffmann viel Zeit mit der Großmutter verbracht hat, weiß sie doch sehr wenig von deren Leben. Irgendetwas ist während des Krieges passiert, dass die einstmals fröhliche Paula hat verstummen lassen. Vieles ist nur eine reine Vermutung weniger Wissen, denn die Großmutter hat immer nur geschwiegen, vielleicht mal eine Andeutung gemacht.

Sandra Hoffmann hat aus vielen Bruchstücken versucht ein Bild vom Leben ihrer Großmutter aufzuzeigen. Ein Leben, das vom Krieg und den Geschehnissen geprägt wurde. Paula wird zu einer Frau, die sich und ihre Familie eigentlich durch ihr Schweigen schützen möchte. Sie hat Angst, dass ihre Verletzungen die Verletzungen der Familie werden könnten. Für sie gibt es nicht die Option, dass Gespräche über das Erlebte helfen könnten zu heilen. Somit wird das Trauma der Großmutter zum Trauma der ganzen Familie.

Sie Autorin versucht mit diesem Buch eben dieses Trauma zu durchbrechen. Sie will darüber sprechen/ schreiben. Über all das was geschehen ist. Sie weiß, dass Sprache die Macht haben kann Ängste zu vertreiben.

Als Leserin hat mich dieses Buch an vielen Stellen sehr berührt. Sandra Hoffmann hat eine wundervolle Art zu schreiben. Ihre Worte sind leise, sensibel und einfühlsam, sie gehen unter die Haut und lassen so viele Gefühle zurück … und die Erkenntnis …sprecht miteinander. Immer und überall, egal wie schlimm die Dinge sind/ waren, denn wenn man seine Ängste, Zweifel … in Worte fasst, sind sie nicht mehr die Dämonen die man fürchtet.

„Aber das verschwiegene Leben von Paula ist verschwiegen geblieben, wie ein Virus hat sich das Schweigen in das Leben unserer Familie geschlichen, wie ein Virus, das sich von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation überträgt.“ (Seite 17)

Eine Familie

Atlantik Verlag, ISBN: 9783455404685, Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Als der kleine Édouard sein erstes Gedicht schreibt, ist seine Familie gerührt und begeistert von dem talentierten Jungen. Von jetzt an steht fest: Édouard ist der Dichter der Familie. Doch für ihn beginnt in diesem Moment der unaufhaltsame Abstieg: Die Jahre vergehen, und vergebens versucht er diesen einen Moment reiner Liebe und Bewunderung wiederauferstehen zu lassen. Nichts will ihm gelingen: Er wählt die falsche Frau und muss machtlos zusehen, wie seine Familie zerbricht. Statt Schriftsteller wird er Werbetexter, trotz seiner Erfolge fühlt er sich als Versager. >Schreiben heilt<, hat sein Vater immer gesagt – wird Édouard schließlich die Worte finden, die ihn und seine Liebsten zu heilen vermögen?

∗∗∗∗∗

„Wann weiß man, dass man liebt? Am Abend oder am Morgen? Wenn es noch Zeit ist oder schon zu spät?
(…)
Geliebt werden, bevorzugt werden, derselbe Kampf. Dieselbe Feigheit. Wir weiden uns alle an dem Verlangen des anderen nach uns. Keine Liebe dabei. Bloß das Verlangen nach dem Verlangen des anderen.“ (Seite 60)

Als Kind schreibt Édouard einen einfachen Reim. Und schon ist die komplette Familie aus dem Häuschen und sieht in ihm einen potentiellen Dichter. Doch die Familie hat keine Ahnung welchen Druck sie damit auf Édouard ausüben. Immer auf der Such nach den richtigen Worten für einen Roman oder ein Gedicht findet er alles Mögliche, nur nicht den Erfolg den seine Familie sich für ihn erhofft. Er in seinen Augen ständig falsche Entscheidungen, obwohl er als Werbetexter sehr erfolgreich ist. Doch er glaubt den Ansprüchen seiner Familie nicht zu genügen.

Dies ist nicht, wie ich zuerst glaubte ein neuer Roman von Delacourt. Nein, dieser Roman erschien bereits 2011. Mit diesem Roman hat er debütiert  und in Frankreich dafür einige Preise bekommen.

„Der Dichter der Familie“ ist wieder ein Buch, das die Leserschaft spaltet. Viele finde es nicht gut, da es nicht an „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ heranreicht. Ich sehe das ein bisschen anders, nämlich unter dem Aspekt des Debüts. Delacourt hat mit diesem Buch ein sehr schönes Debüt geschrieben. Eines, welches man tiefer betrachten muss und sollte.

Da ist der in meinen Augen sehr schüchterne Édouard. Er lebt in einer Familie, die Probleme hat. Die Eltern lieben sich nicht mehr und stehen kurz vor der  Trennung. Sein Bruder ist krank und landet später in der Psychiatrie. Und seine Schwester hängt irgendwie dazwischen. Dann schreibt Édouard ein paar Zeilen, die sich reimen und schon feiert ihn die Familie als großen Schriftsteller, nichtsahnend, dass sie ihn damit unter Druck setzen, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Édouard scheint an diesem Druck zu zerbrechen. Letztendlich zerbricht die ganze Familie.

Delacourt zeigt mit einer sehr weichen und melancholischen Art auf, was die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder anrichten können. Was mit Kindern und späteren Erwachsenen geschieht, die ihr Leben lang nach Anerkennung und Liebe der Eltern/ Familie lechzen …

In meinen Augen ein wundervolles Buch, dass die Strukturen einer Familie aufzeigt.  Sicherlich ein anderes Buch als „Die vier Jahreszeiten des Sommers“, aber auf jeden Fall ein Delacourt, wenn auch früher,  und  lesenswert.

„Man muss gesehen haben, wie seine Eltern sich prügeln, um zu begreifen, dass ein Kind den Wunsch entwickeln kann zu sterben.“ (Seite 32/ 33)

 

 

4 von 5 Sternen

Ende und Anfang

Atlantik Verlag, ISBN: 9783455600568, Preis: 20,00 €

Klappentext
„Wer auf meiner Beerdigung weint, mit dem rede ich kein Wort mehr“, hat Lou oft gewitzelt. Auf der kleinen bretonischen Insel mochte sie jeder: Lou war eine verständnisvolle Mutter, eine lustige Großmutter, eine verlässliche Freundin und Nachbarin. Sie kochte miserabel, aber voller Liebe, hatte das lauteste Lachen und trank am liebsten Champagner.
Doch nun ist Lou tot – und die Familie droht auseinanderzubrechen. Jo war zwar ein liebevoller Ehemann, doch seine erwachsenen Kinder Sarah und Cyrian kennt er kaum. In ihrem Testament bittet ihn Lou, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen: Er soll das zerrüttete Verhältnis zu Sarah und Cyrian kitten und die beiden glücklich machen. Erst dann darf er ihren letzten Brief lesen – der versiegelt, natürlich in einer Champagnerflasche, auf ihn wartet.
Eine folgenschwere Flaschenpost und eine schwierige Mission. Doch zum Glück steht Jo seine patente Enkeltochter Pomme zur Seite, die Schicksal spielt. Und bald ist in Lous und Jos Familie nichts mehr, wie es war …

∗∗∗∗∗

„Der Notar geht unsere Kinder holen. Das wird ein Gemetzel. Du hast mir gerade die nächsten zwei Monate versaut meine Liebe. was bleibt mir noch, ohne dich? Die zweistellige Zahl unserer gemeinsamen Jahre und die hundertstellige unserer gemeinsamen Lachanfälle?“ (Seite 45)

Lou ist tot und hinterlässt viele traurige Menschen, die Jo auf den richtigen Weg bringen soll.

Sarah die Tochter der  beiden. Sie wurde nach einer schweren Erkrankung von ihrem Freund und zukünftigen Mann verlassen. Seither versucht sie der Liebe aus dem Weg zu gehen.

Cyrian der Sohn von Lou und Jo. Lou wusste Bescheid. Wusste von Dany, seiner Freundin, mit der er seine Frau Albane betrügt. Die beiden haben eine Tochter … Charlotte. Außerdem hat Cyrian noch eine Tochter, Pomme. Doch der Kontakt zu ihr ist sehr sporadisch. Lous Sohn hat kurz vor Pommes Geburt die Insel Groix verlassen und lebt seitdem in Paris.

Albane ist eine strenge Mutter, die Charlotte ständig unter Kontrolle hält.

Pomme liebt ihre Mutter und die Großeltern. Denn obwohl sie kaum Kontakt zu ihrem Vater hat, hat sie einen sehr engen Kontakt zur ihren Großeltern.

Und dann ist da noch Jo. Die Beiden haben sich unendlich geliebt. Seinetwegen ist Lou mit auf die Insel Groix gezogen und hatte dort ein schönes Leben.

„Wir sind eine sonderbare Familie. Du warst der Mörtel, Lou. Ohne dich bröckelt das Gebäude, wankt, um mit großem Getöse einzustürzen.“ (Seite 64)
„Du warst die Schönste. Du hast mir beigebracht, glücklich zu sein und mich überall wohlzufühlen. Ohne dich bin ich ein Trottel.“ (Seite 87)

Auf den ersten Blick sind die vielen Namen und Protagonisten verwirrend. Doch innerhalb der Geschichte haben alle ihren eigenen Platz. Abwechselnd erzählen sie aus ihrem Leben und dem Leben mit Lou. Sie lassen mich an ihrem Schmerz über den Verlust von Lou teilhaben. Dabei erfahre ich viele Details, die zuerst einen Blick in jedes einzelne Leben zulassen und später alle zu einem großen Geflecht innerhalb der Familie werden.

Mir hat das sehr gut gefallen. Diese kleinen Einblicke, die mich an manchen Stellen zuerst einmal verwundert, manchmal auch wütend gemacht haben. Doch dann, im Großen Ganzen konnte ich jeden einzelnen Protagonisten in seinem Handeln und Leben verstehen.

Fouchet gelingt es mit leisen und warmen Worten die Trauer und den Verlust  jedes einzelnen herauszuarbeiten, Ich fühlte mich allen sehr nah, doch Jo und Pomme waren die, die mein Herz am meisten berührt haben. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass sie den größten Part in der Geschichte haben.

„Nicht die Kinder oder Enkel machen uns glücklich, sondern die Liebe, die sie hervorrufen, mit der man sie umgibt, die uns durchdringt.“
(…)
„Man kann nicht wissen, woran man einmal sterben wird, aber man kann entscheiden, wie man leben will.“ (Seite 358)

Ein zauberhafter Familienroman mit Charakteren, die von Fouchet liebevoll dargestellt werden, mit all ihren Ecken und Kanten, in einer Kulisse mit französischem Charme.

Unbedingt lesen ♥♥♥

 

4 von 5 Sternen

„Familie. Ein Puzzel aus Menschen“

Tropen bei Klett-Cotta Fester Einband 314 Seiten Erscheinungsdatum: 21.02.2015  Preis: 19,95 € ISBN: 9783608501483

Tropen bei Klett-Cotta
Fester Einband
314 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2015
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783608501483

Klappentext
Bobby Nusku fristet seine Tage damit, Haare, Kleidungsstücke und weitere Spuren seiner verschwundenen Mutter zu sammeln und zu archivieren. Er fühlt sich im Haus seines grobschlächtigen Vaters und dessen wasserstoffblonder Freundin ziemlich einsam, besonders nachdem sein einziger Freund Sunny eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Freundschaft zwischen Nachbarsmädchen Rosa und ihrer Mutter Val, die Putzfrau in einem Bücherbus ist, gibt ihm Hoffnung und macht ihm Mut, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Als alles drunter und drüber geht, machen sich Val, Rosa und Bobby gemeinsam mit dem sympathischen Outlaw Joe auf eine verrückte Reise mit Vals Bücherbus quer durch England. Im Gepäck haben sie nur das nötigste: ihre Freundschaft und eine Menge guter Bücher.

∗∗∗∗∗

„Das waren der Moment, in dem Bobby die schwindelerregende Übelkeit kennenlernte, die auf einen eben erst begangenen Fehler folgt. Fehler sind jene Momente, während derer wir die Zukunft so fest umklammern, dass sie uns zwischen den Fingern zerbirst, und wir erkennen, dass wir aus den verbleibenden Bruchstücken eine vollkommen andere Zukunft bauen müssen, eine, die nie wieder so gut sein wird wie vorher. Bobby fragt sich, wie viele Bruchstücke es  wohl geben würde und ob einige von ihnen so klein sein würden, dass er sie nicht mehr aufheben konnte.“ (Seite 35)

Bobby Nusku ist ein einsames und trauriges Kerlchen. Seine Mutter hat die Familie verlassen und er lebt bei seinem Vater und dessen neuer Freundin. Beide leben so, als wäre Bobby überhaupt nicht da. Auch in der Schule wird er gemobbt und sein einziger Freund ist Sunny. Der will sich unbedingt in einen Cyborg verwandeln, damit er Bobby vor den großen und bösen Jungs beschützen kann. Doch eines Tages ist Sunny fort und Bobby vollkommen alleine. Dann trifft er auf Rosa und deren Mutter Val.

„Die Wärme, die seine Gegenwart ihr schenkte, klang noch lange fort, verweilte wie der Abdruck eines Kissen auf der Haut nach einer wohlig durchschlafenden Nacht.“ (Seite 63)

Rosa trifft Bobby durch Zufall hinter der Schule und schleppt ihn mit nach Hause. Ihre Mutter ist zunächst etwas skeptisch was die Freundschaft zwischen den beiden betrifft. Doch auch sie hat Bobby schnell in ihr Herz geschlossen. Gemeinsam verbringen die drei viel Zeit miteinander. Eines Tages beschließen die drei eine Tour mit dem Bücherbus zu machen, in dem Val als Putzfrau arbeitet.

„>In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben<, sagt sie. >Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest, und dann wirst du das, was darin passiert, auch selbst erleben. <“ (Seite 73)

Auf ihrer Reise treffen sie auf den Joe. Ein Mann in Vals Alter. Er wuchs ohne Familie auf. Schnell wird allen klar, Joe muss mit auf die Reise. Und so beschließen sie nach Schottland zu fahren, um Joes geheimnisvolles Schloss zu finden. Mit dabei sind die vielen Geschichten aus den Büchern im Bücherbus. Ist eine Geschichte gelesen, so wirft Bobby das Buch aus dem Bus, um eine Spur der gelesenen Bücher zu hinterlassen. Doch der Schein trügt, denn das Unheil ist näher als alle denken …

„Immer wenn er hörte, wie Leute – meistens Lehrer – von Hoffnung sprachen, dann klang es so, als sei das etwas, was man nur in Zeiten der Verzweiflung haben konnte. Bobby glaubte nicht, dass das stimmte. Er wusste zum Beispiel ganz genau, dass seine Mutter zurückkommen würde. Das war Hoffnung. Hoffnung ist eine Konstante, ein Seelenlotsenlicht. Es flackert nie. Es geht nie aus. Und auch wenn sie es vielleicht nicht wissen, so wärmen sich die Menschen doch jeden Tag ihre Hände daran. Es hilft ihnen dabei, morgens aufzustehen. Es bringt sie dazu, das Haus zu verlassen. Es gibt ihnen Kraft, ihr Leben zu meistern.“ (Seite 101)

Was für eine wundervolle Geschichte. Alle Protagonisten sind auf ihre Art und Weise besonders. Bobby hat seit dem Tod seiner Mutter autistische Züge. Rosa rastet auf Grund ihres Down-Syndrom oft aus, aber Val liebt ihre Tochter über alle Maßen. Ihr Mann ging, als nach der Geburt diese Diagnose gestellt wurde. Und auch Joe ist ein Einzelgänger und –kämpfer. Aber alle haben eines gemeinsam … sie suchen Liebe und Geborgenheit. Die Liebe und Geborgenheit, die ihnen ihre Familien nicht bieten oder geben konnten, finden die vier in ihrer kleinen Gemeinschaft. Und das ist das phantastische an diesem Buch … obwohl es so viel Traurigkeit in dieser Geschichte gibt, wird mir beim Lesen ganz warm ums Herz. Ich spüre, wie die vier sich gegenseitig Mut, Hoffnung und Liebe geben. Sie brauchen ihre „Familien“ nicht. Sie brauchen sich, denn …

„Familie ist dort, wo man sie findet.
Eine Familie muss nicht aus einem Vater, einer Mutter, einem Sohn und einer Tochter bestehen. Familie ist dort, wo es genug Liebe gibt. Und für diese vier war es eben jene ungleiche und außergewöhnliche Gruppe von Menschen … Der Junge, die Königin, die Prinzessin und der Höhlenmensch.“ (Seite 282)

Unbedingt lesen, aber Vorsicht … Suchtgefahr!!!

5 von 5 Sternen

„Das Gründliche, Wahre, Endgültige Vergessen.“ (Seite 99)

Aufbau Verlag Fester Einband 284 Seiten Erscheinungsdatum: 19.08.2013  Preis: 19,99 € ISBN: 9783351035372

Aufbau Verlag
Fester Einband
284 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.08.2013
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783351035372

Klappentext
Nach Jahren treffen sich die beiden ungleichen Schwestern Maria Inês und Clarice wieder, um das Unerklärliche zu klären, das ihr Leben geprägt hat.
Die beiden Mädchen wachsen in einem wohlhabenden Elternhaus auf einer Fazenda im Landesinneren des Bundesstaates Rio de Janeiro auf. Ihre Kindheit verläuft scheinbar harmonisch und behütet, tatsächlich ist ihre Welt bestimmt von den „verbotenen Dingen“, die man nicht aussprechen darf. Und so teilen Clarice und Maria Inês dunkle Geheimnisse, die jeden ihrer Schritte begleiten. Mit den Jahren verlieren sie sich aus den Augen, die eine lebt als Ärztin in Rio, die andere auf der heimatlichen Fazenda. Erst nach dem Tod der Eltern treffen die Schwestern in einer schicksalshaften Nacht wieder aufeinander und bringen all die unausgesprochenen Wahrheiten endlich ans Licht.

∗∗∗∗∗

„An dem Morgen, an dem Maria Inês im Landesinneren des Bundesstaates Rio de Janeiro geboren wurde, fiel ein feiner, trüber Regen. Vielleicht mochte sie es deshalb seit jeher, wenn es leise regnete, als wäre dieses Weinen der Natur ihrem Gedächtnis eingeschrieben, wie die dunkle Farbe ihrer Augen und Haare ihrem genetischen Code. Maria Inês wurde ins Leben gezerrt, während Gott ihrer Eltern sanfte Tränen über das Land vergoss, und irgendwo wurde noch etwas anderes geboren, eine Knospe, die stumm austrieb. Mit dem Ernst der höheren Dinge.“ (Seite 42)

Clarice und Maria Inês sind zwei Schwertern, die so unterschiedlich sind, wie Geschwistern sein können. Dennoch verbindet sie eine sehr innige schwesterliche Liebe Sie wachsen behütet auf der Fazenda der Familie auf. Aber innerhalb dieser Familie, die der damaligen Zeit entsprechend ein Clan ist, gibt es viele Geheimnisse. Vieles darf nicht ausgesprochen werden, alles wird verheimlicht oder unter den Teppich gekehrt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass erst Clarice, die Ältere zu einer Tante nach Rio geschickt wird, und ein paar Jahre später auch Maria Inês. In Rio erfahren die Mädchen eine Ausbildung und werden aufs Leben vorbereitet. Clarice wie auch Maria Inês heiraten. Die beiden Schwestern haben kaum noch Kontakt. Jede geht ihren Weg. Und dennoch verbindet sie ein Geheimnis. An einem Sommer, Jahre nach dem Tod der Eltern treffen sie sich wieder und all die unausgesprochenen Dinge werden endlich ausgesprochen.

„Der Himmel ist so hoch, dass man bei seinem Anblick eine genaue Vorstellung vom Unendlichen bekommt. Doch das Unendliche kann innerhalb einer Sekunde sterben.
Das Unendliche kann auch innerhalb einer Sekunde sterben, die gefriert und für immer fortdauert. Das ist das Gegenteil des Unendlichen, die absolute Endlichkeit. Ein Moment, der mit seiner quälenden, tragischen Wahrheit all die einzigartigen Momente auszulöschen vermag. Ein Moment, der die Kindheit am Hals packt, sie mit einem Würgegriff zu Boden wirft und ihr die Luft abdrückt, bis sie erstickt. Ein Moment, der die Wurzeln der Zypressen verdorren lässt und den mit gehackten Gänseblümchen bestreuten Sandkuchen zertritt.“ (Seite 68/ 69)

In immer wechselnden Abschnitten erfahre ich als Leserin, wie es den beiden Mädchen im Leben ergangen ist. Das wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Schnell spüre ich als Leserin, dass irgendetwas mit dieser Familie nicht stimmt. Diese Harmonie ist trügerisch. Erst sind es Kleinigkeiten, die mich misstrauisch stimmen und je mehr ich in diese Familie und ihre Geschichte eintauchen, desto mehr zieht sich mein Herz zusammen. Die Autorin baut mit jeder Seite mehr eine Spannung auf, die kaum auszuhalten ist. Denn ich als Leserin habe jetzt eine Vermutung, die ich nicht bestätigt haben möchte.

„Die Dinge wirken weniger verheerend, wenn man sie aus der Nähe gesehen hat. Sie verlieren ihren Heiligenschein, werden gewöhnlich, alltäglich, und es verringert sich auch die Distanz zwischen ihnen selbst und der Vorstellung, die man sich von ihnen macht.“ (Seite 266)

Für mich war das nicht der Fall, denn dieses Buch hat es in sich und mich nach dem Lesen die halbe Nacht wach gehalten.  Die Sprache ist eine sehr poetische, die Stimmung von der ersten Seite an bedrückend. Zum Ende hin hat sich eine enorme Spannung aufgebaut, die dann mit einem Ende daher kommt, wie ich es nie im Leben erwartet hätte und mich vollkommen aus der Bahn geworfen hat. Ich habe geweint, weil das was ich da gelesen habe, mein Herz so sehr berührt hat. Niemals hätte ich hinter diesem Titel ein solches Drama erwartet.

„Alles mündet in diesem Ort und in diesem Moment. All die gelebten Jahre. Alles, was in diesen Jahren gefehlt hatte, und alles, was in ihnen zu viel gewesen war. Die Gefahren und die Versprechen. Die Liebe, die unbemerkt gereift war, und das Grundmuster, das unverändert überdauert hatte.“ (Seite 267)

5 von 5 Sternen

 

Auf der Suche nach Antworten

 

Aufbau Verlag Flexibler Einband 288 Seiten Erscheinungsdatum: 12.09.2014  Preis: 9,99 € ISBN: 9783746630854

Aufbau Verlag
Flexibler Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.09.2014
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746630854

Klappentext
Fragen nach ihren indischen Wurzeln waren für die neununddreißigjährige Priyanka immer ein Tabu. Von ihrer Mutter Asha erfährt sie nur, dass ihre Verwandtschaft schon viele Jahre vor ihrer Geburt gestorben ist. Doch dann bekommt sie von ihrem Mann ein Flugticket nach Indien geschenkt. Zunächst zögert sie, macht sich aber schließlich auf, um in der exotischen Heimat ihrer Mutter nach ihren Wurzeln zu suchen. Ihr Aufenthalt in Delhi wird zu einer Reise in die Vergangenheit, die nicht nur ihr Leben verändert.

∗∗∗∗∗

Priyanka wird seit der Schulzeit Bianca genannt. Einer Lehrerin wollte nur Kinder mit deutschen Namen und benannte daher alle „ausländische“ Namen um. Aber nicht nur das veranlasst Priyanka immer und immer wieder nach ihrer Vergangenheit, ihren Wurzeln zu fragen. Auch die strikte Weigerung ihrer Mutter macht sie nur neugieriger. Sie will wissen wer ihre Verwandten waren, wie und wo sie gelebt haben. An ihrem Geburtstag schenkt ihr Mann Marc eine Reise nach Indien, damit sie all ihre Fragen beantwortet bekommt. Doch plötzlich zögert Priyanka, hat Angst Dinge zu erfahren, die vielleicht unschön sind. Aber letztendlich macht sie sich auf den Weg. In Delhi angekommen taucht sie in eine andere Welt. Eine ihr eigentlich fremde Welt, die ihr aber auch irgendwie vertraut ist. Die Menschen dort erkennen in ihr die Inderin. Bei ihrer Erkundung des Landes erfährt sie dann, dass nichts so ist, wie sie all die Jahre geglaubt hat …

Dieser Debütroman ist sehr schön. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, was die Geschichte sehr spannend macht. Mit viel Liebe zum Detail erzählt die Autorin die bewegende Geschichte von Mutter und Tochter. Die eine sucht nach ihren Wurzeln und die andere muss endlich die Dämonen der Vergangenheit besiegen. Dabei greift die Autorin Beate Rösler auch Themen wie Kinderhandel, Kinderarbeit, die Teilung des Landes, Sitten und Kultur auf. Dies aber alles so spannend verpackt, dass ich gar nicht aufhören konnte zu lesen. Man taucht in eine fremde Welt ein, riecht die Gewürze und sieht die vielen tollen Farben des Landes.

Absolut lesenswert!

5 von 5 Sternen