Eine Tragödie

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783630875545

Klappentext
Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

∗∗∗∗∗

Myriam und Paul sind ein junges Paar, das in Paris lebt. Ihnen geht es finanziell gut. Sie haben eine kleine Tochter und einen kleinen Sohn. Myriam vermisst ihren Job, möchte wieder unter Menschen. Für einen staatlichen Krippenplatz verdienen sie zu viel, also denken sie über eine Nanny nach. Sie finden schließlich die 50jährige Louise. Am Anfang macht sich Myriam Sorgen und fühlt sich schuldig, dass sie ihre Kinder bei der Nanny lässt. Doch der Alltag und ihre eigenen Befindlichkeiten führen dazu, dass Louise sich immer mehr in ihrem Leben ausbreiten kann. Paul und auch Myriam sehen nicht, dass das Unheil auf sie zurast. Und dann passiert es …. Beide Kinder sind tot …

„Und es stimmt. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. (…) Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden Tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunklen das Bühnenbild umbauen. (…) Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig.“ (Seite 55)

Die Geschichte fängt eigentlich mit dem Ende an. Direkt auf den ersten Seiten erfahre ich, dass die beiden Kinder Mia und Adam tot sind. Adam war sofort tot, hat nicht gelitten und Mia erlag später ihren schweren Verletzungen. Ich weiß auch wer die mutmaßliche Täterin war/ ist … Louise, die Nanny. Nach diesen ersten Seiten bin ich erst einmal geschockt.

In einem Rückblick, bis hin zur Tragödie erzählt Leila Slimani die Geschichte von Paul, Myriam, Mia und Adam. Und die von Louise. Wie sich alle das erste Mal begegnen, und wie begeistert die Familie von der Nanny ist. Wie Louise zu einem unentbehrlichen Familienmitglied wird. Aber nicht alles ist so wie es scheint.

Myriam wollte unbedingt Mutter sein. Bekommt das erste Kind und schnell danach das zweite. Doch das Muttersein füllt sie irgendwann nicht mehr aus, ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie will wieder zurück in ihren Beruf.

Paul ist rund um die Uhr damit beschäftigt Geld ran zu schaffen. Erst für Myriam und sich, später für Myriam und die Kids und zu guter Letzt, um eine Nanny beschäftigen zu können.

Louise ist eine Frau, die sehr einsam ist und eigentlich nur ein Heim/ Heimat sucht. Menschen mit und bei denen sie sich heimisch fühlt. Sie möchte geliebt werden.

„Sie würde sie gern unter eine Glasglocke bannen, wie zwei lächelnde, erstarrte Tänzer auf dem Sockel einer Spieluhr. Sie sagt sich, dass sie sie stundenlang betrachten könnte, ohne es je leid zu werden. Dass sie sich damit begnügen würde, ihnen beim Leben zuzusehen, im Hintergrund zu wirken, damit alles perfekt ist, damit der Mechanismus nicht in Stocken gerät. Tief in ihrem Inneren ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören.“ (Seite 77)

Obwohl dieses Buch nicht einfach ist, ist es hervorragend geschrieben. Jede Seite offenbart einen neuen Abgrund. Da ich ja bereits das Ende kannte, habe ich mich beim Lesen oft gefragt wer hat eigentlich Schuld am Tod der Kinder. Mal war es für mich Myriam, mal Paul, mal die Kids selbst und auch Louise gehörte dazu. Leila Slimani lässt mir als Leserin diesen Spielraum und das hat mir sehr gut gefallen.

Ich denke letztendlich haben wir alle, die Gesellschaft, Anteil an dieser Tragödie. Eine Tragödie die tagein und tagaus überall auf dieser Welt geschehen kann. Für mich ist dies ein Buch, das noch lange nachwirkt und mich hoffentlich dazu bringt das ein oder andere Mal genauer hinzuhören und zu sehen.

Unbedingt lesen!

 

5 von 5 Sternen

 

Emotionale Familiengeschichte

Hoffmann & Campe Fester Einband  304 Seiten Erscheinungsdatum: 17.02.2017  Preis: 20,00 € ISBN: 9783455000016

Hoffmann & Campe
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455000016

Klappentext
Ipanema, im Sommer 1985: Als Andrés Mutter bei einem Autounfall stirbt, findet der Sechzehnjährige Trost bei dem Dienstmädchen der Familie – und ihrer Tochter Luana, mit der er aufgewachsen ist, wenn ihre Leben auch kaum unterschiedlicher sein könnten: André wird wie sein Vater Medizin studieren, Luana wird das Dienstmädchen einer wohlhabenden Familie werden. Allen Widrigkeiten zum Trotz verlieben sich die Teenager, bis die jugendliche Unbeschwertheit an der Wirklichkeit zerbricht. Dreißig Jahre später bekommt André, der mit seiner Frau und zwei Töchtern in London lebt einen Brief von Luana …

∗∗∗∗∗

„Das Papier roch holzig, feucht, leicht tropisch. Die Vergangenheit besitzt einen bestimmten Geruch, nicht wahr? Für mich riecht sie nach Brasilien. Ich hielt mir den Brief vors Gesicht, atmete ein und spürte, wie dein Jahre dahinschmolzen. Mit einem Mal war ich wieder siebzehn, noch ein Junge. Seit fast dreißig Jahren hatte ich Luana nicht mehr gesehen.“ (Seite 6)

André bekommt nach dreißig Jahren einen Brief von Luana. In diesem ersten Brief erzählt sie ihm davon, dass sie ihn bewusst im Internet gesucht hat und genau weiß, was er in den letzten dreißig Jahren so gemacht hat. Sie erzählt auch ein wenig von sich und kündigt an, ihm weitere Briefe zu schreiben, in denen sie André von ihrem Leben erzählen wird.

Zunächst ist André verwirrt und erinnert sich dann an das Jahr 1985. Seine Mutter war gerade gestorben. Rita, die empregada der Familie wird schnell zum Mutterersatz. Rita holt ihre Tochter Luana ins Haus und André ist von diesem Mädchen fasziniert. Die beiden freunden sich an, doch schon bald wird mehr daraus … die beiden verlieben sich ineinander. Aber die Liebe steht unter keinem guten Stern, denn man verliebt sich nicht in eine empregada. Zunächst kämpfen die beiden für ihre Liebe, doch dann geschieht etwas unvorhergesehenes und André flieht in die Welt und landet schließlich irgendwann in London, heiratet und vergisst sein altes Leben in Ipanema. Dreißig Jahre später reist er nach Brasilien, um Luana wieder zu sehen und um sich seiner  Vergangenheit zu stellen.

Wenn man jung ist, begreift man die Dinge noch nicht in dem Moment, in dem sie geschehen; erst wenn die Bilder erneut im Geist abgespielt werden, lange nachdem das Haar ergraut und der Bauch erschlafft ist, wird einem ihre Bedeutung bewusst.“ (Seite 41)

Die Geschichte fängt mit Luanas Brief an, und macht sofort neugierig. Es gibt Andeutungen auf ein Ereignis, welches auch für André neu zu sein schein. In Zeitsprüngen nimmt mich die Autorin Luiza Sauma in Andrés  und Luanas Leben mit. Einmal bin ich im hier und jetzt, dann wieder in Ipanema 1985. In einer wunderschönen und leisen Sprache erzählt Sauma von der ersten Liebe der Teenager, von einer Liebe, die so nicht sein darf, da André ein Junge aus reichem Haus ist, und Luana nur eine empregada (Dienstmädchen). Nebenbei erfahre ich auch einiges über Brasilien, den Menschen  und ihr Leben im Jahr 1985. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und André verlässt Brasilien. Ich erfahre von seinem Leben in London. Spüre seine innere Zerrissenheit und seine Sehnsucht nach der Heimat.

„Meinen Vater scherten Regeln nicht, abgesehen von denen, die er selbst aufstellte. Was das anging, war er keine Ausnahme. Das Land – genau genommen der ganze Kontinent – wurde von Männern wie ihm regiert. Regeln waren für die Bedienstete und arme Leute da und für die glücklichen Gringos, die in zivilisierten Ländern lebten.“ (Seite 112)

Durch die Zeitsprünge und den wechselnden Perspektiven schafft es die Autorin eine Spannung zu halten, der ich mich nicht entziehen konnte und so habe  das Buch in einem Rutsch gelesen. An manchen Stellen war ich über die Entwicklung der Geschichte überrascht.

Ich habe die Geschichte von André und Luana sehr gern gelesen. Immer hatte ich die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet. Doch was wäre gut gewesen? Hätten André und Luana in der brasilianischen Gesellschaft eine Chance gehabt?  Ich denke die beiden hatten nie eine wirkliche Chance, auch wenn sie es sich noch so sehr gewünscht haben. Außerdem wird auch klar, dass manche Versäumnisse im Leben unwiederbringlich sind.

„Ich habe den gleichen Fehler begangen, den Menschen seit Anbeginn der Zeit machen: zu denken, man könnte sich ändern, indem man einfach woandershin geht.“ (Seite 294)

 

4 von 5 Sternen

Die Wahrheit

duotincta Flexibler Einband  300 Seiten  Erscheinungsdatum: 07.03.2016  Preis: 14,95 € ISBN: 9783946086079

duotincta
Flexibler Einband
300 Seiten
Erscheinungsdatum:
07.03.2016
Preis: 14,95 €
ISBN: 9783946086079

Rückentext
Da liegt einer. Es ist ein Krankenhaus. Er weiß etwas. Darum ist er hier. Die Insel hat ihn entwurzelt. Ich mag ihn küssen. Ich hab mich verliebt.
Er ist vom Meer gekommen. Ich war noch nie am Meer. Ich werde ihm meine Geschichte erzählen, und er mir die seine. Dann werden wir aus unseren Geschichten ausbrechen. Wir werden Abenteuer wagen. Das Abenteuer trägt den Namen Liebe und Leben.
Noch glaubt er daran nicht. Er ist neu hier. Er muss noch schlafen. Er muss sich erholen. Ich lausche seinen Atemzügen. Wenn er mir das Meer zeigt, werde ich ihn heiraten. Er wird mir ganz sicher das Meer zeigen. Das Meer ist nämlich schön, wunderschön.
Ob ich mich ein wenig zu ihm legen kann?
Achtung, da kommt die Schwester!

∗∗∗∗∗

„Stellt euch vor: In all diesen Fabriken scheinbar hirnkranker Idioten lagert nichts anderes als die Wahrheit, die im Stande ist, die ganze Welt in die Luft zu sprengen! Und das nur, weil sie sich nicht das Leben nehmen konnten und keinen anderen Weg mehr wussten als hierher! Genau wie ich!“ (Seite 13)

Ein junger Mann wird in eine Klinik eingeliefert. Es kann nicht mehr. Seine einzigen Gedanken sind, dass er sich umbringen muss, um die Wahrheit zu schützen. Doch er kann sich nicht umbringen. Er schafft es nicht den letzten Schritt zu tun. Und doch muss er es tun, um die Wahrheit zu schützen, denn er ist der Besitzer der Wahrheit.

In Gesprächen versucht der Arzt herauszubekommen was passiert ist. Doch der junge Mann verschließt sich dem Arzt gegenüber. Einzig einer jungen Frau, die ebenfalls in der Klinik ist erzählt er Fragmente aus seinem Leben, aber nicht, warum er sich umbringen muss, aber nicht kann.

Bis vor kurzem war er auf den Meeren unterwegs und hat den Traum seines verstorbenen Vaters gelebt … die Meere zu besegeln. Auf seinem letzten Törn hat er sie dann gefunden die Wahrheit, die niemand erfahren darf.

„Liebe ist die Unmöglichkeit, das Leben mit sich selbst zu führen.“ (Seite 22)

Da ist die junge Frau, Sabine. Sie ist in der Klinik, weil sie schon mehrfach versucht hat sich umzubringen. Sie hört sich die Geschichte des jungen Mannes an und erzählt ihm irgendwann ihr. Ihr Vater ist ein berühmter Anwalt und hatte nie Zeit für sie. Die Mutter das Gegenteil … überfürsorglich. Sabine versucht dem zu entfliehen, in dem sie mehrere Selbstmordversuche unternimmt.

Er hat die Meere besegelt, sie war noch nie am Meer. Eines Tages brechen die beiden auf, weil er ihr das Meer zeigen möchte.

„Es gibt viele magische Plätze auf dieser Welt. Das sind Orte, die Kraft geben. Das vorher mühsame Leben wird wieder einfacher. Jede Stadt, jedes Dorf, jeder Ort, wo Menschen wohnen, besitzt solche Plätze. Man muss sie nur suchen, und wird sie finden.“ (Seite 158)

Dieser Roman von Wolfgang Eicher ist nicht leicht zu lesen, er hat mich echt gefordert. Ich war an manchen Stellen soweit, dass ich abbrechen wollte. Doch ich habe nicht und bin auch froh darüber. Warum war es nicht einfach …

Am Anfang habe ich gedacht, was ist das für ein Spinner … hat der seinen Verstand verloren, weil er zu lange auf dem Meer und der Sonne ausgesetzt war? Hat er Wahnvorstellungen? Was hat er erlebt, was so „furchtbar“ war, dass er dieses „Wahrheit“ für sich behalten muss, weil es die Menschheit sonst in den Abgrund stürzen würde? Für mich war nie so richtig klar, ist es Wahrheit oder Wahn, was der Protagonist erlebt und/ oder erzählt. Im weiteren Verlauf erfahre ich natürlich was passiert ist und bin selbst sprachlos. Wolfgang Eicher hat sich an diesem Punkt der Geschichte unter anderem mit einem Thema beschäftigt, was im Moment sehr aktuell ist … die Religionen und ihr Ausmaß in unserer Welt.

Aber das ist nicht das einzige Thema des Buches. Hier sind zwei Menschen, die ein wenig unserer Gesellschaft widerspiegeln. Im Überangebot und dem ständigen alles machen und haben zu wollen, scheinen die beiden überfordert zu sein. Sind somit auf der Suche nach dem Sinn ihres des Lebens. Und dann passiert etwas, das mir persönlich sehr gut gefallen hat … die, die sich mehrfach umbringen wollte holt ihn zurück ins Leben, macht ihm Mut sich der „Wahrheit“ zu stellen.

„Die Insel“ von Wolfgang Eicher ist ein Appell an das Leben und die Liebe … das jedes Leben seine eigene Wahrheit um den Sinn des Lebens hat …

„Unser Ziel, die Tiefen des Schwarzen Meeres.
Mit an Bord, die Wahrheit um den Sinn des Lebens.
Sie hat sich nicht verändert.
Sie wird immer da sein.
Sie wird Krisen verursachen.
Immer wieder.
Sie wird mich erzittern lassen.
Es ist eine schreckliche Geschichte.
Dennoch werde ich leben können.

 

4 von 5 Sternen

Die ewige Geliebte

Langen-Müller Fester Einband  320 Seiten  Erscheinungsdatum: 04.02.2016  Preis: 20,00 € ISBN: 9783784433929

Langen-Müller
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.02.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783784433929

Klappentext
Conny Hertz und Vico van Loon wurden vom Schicksal füreinander bestimmt. Doch da er angehender Arzt aus gutem Haus ist, sie hingegen einer Familie mit kriminellen Tendenzen entstammt und auch sonst so gar nicht standesgemäß ist, bleibt ihnen nur der Ausweg einer Affäre. Über Jahrzehnte findet die Liebe für sie immer mittwochs statt.
Vico ist der Mann, den Conny will. Eines Tages wird er sie doch noch heiraten. Ganz bestimmt. Wenn endlich nicht mehr im Weg steht. Doch was passiert, wenn es tatsächlich so weit ist?

∗∗∗

„Mitte der Sechziger war Abitur noch was für Menschen, die studieren wollten. Die Intelligenteren und Begabteren gönnten sich (wenn sie’s nicht nötig hatten, möglichst schnell Geld zu verdienen) die „mittlere Reife“. Und wer immer noch ganz plietsch war, aber praktisch veranlagt, der machte eben nur den Volksschulabschluss. Das war auch etwas.“ (Seite 75)

Es ist die Neujahrsnacht 1954/ 1955. In einem Krankenhaus in Hamburg Niendorf werden zwei Mädchen geboren. Beide heißen Cornelia.

Nelli ist die dritte Tochter des vermögenden Ehepaars Schnoor. Ihnen gehört eine Gärtnerei. Doch anders als ihre Schwestern ist Nelli eher nach dem Vater geraten und somit keine wirkliche Schönheit.

Conny wir als uneheliches Kind geboren, was seinerzeit noch eine echte Schande war. Sie wächst bei ihrer Mutter und ihren beiden Onkeln auf. Der eine entdeckt eines Tages ihr „Talent“ und nimmt sie mit auf Diebes- und Einbruchstour.

Beide Mädchen treffen erstmalig wiederbei der Einschulung aufeinander. Sie werden Freundinnen fürs Leben.

Nelli verliebt sich schnell in den ebenfalls wohlhabenden und begabten Damian. Die beiden heiraten heimlich, da Damians Mutter nicht mit Nelli einverstanden ist, da sich diese eine hübschere Schwiegertochter für ihren Sohn gewünscht hat.

„Ein bisschen Schnee fiel immer noch, träge, zusammenpappende, große Flocken aus gelblich grauem Himmel. Hinter Conny und Christian wartete ein dunkelblonder junger Mann mit einem kleinen Mädchen, sieben- oder achtjährig. Conn warf einen Blick über die Schulter und dann noch einen und noch einen: Was für ein Traumprinz war das!“ (Seite 93)

Conny trifft auf den jungen van Loon und ist ihm vom ersten Augenblick an verfallen. Van Loon kommt aus wirklich reichem Haus. Die Eltern sind gegen eine Beziehung mit Conny. Doch die beiden treffen sich heimlich und Vico macht ihr eines Tages das Versprechen sie zu heiraten. Doch die Jahre vergehen, und immer ist irgendetwas anders, was Vico daran hindert Conny zu heiraten. Schließlich heiratet er seine Cousine, und Conny wird seine Geliebte. Immer mittwochs treffen sie sich in einem gemieteten Apartment. Und das über Jahre … und dann, dann ist Vico plötzlich ein freier Mann … Werden sie jetzt endlich heiraten?

„Romantik. Das Wort klingt so nett, weich und gekringelt. Positiv. Ist es aber nicht. Es hat mit Sehnsucht zu tun. Alle romantischen Geschichten beinhalten Sehnsucht. In Wahrheit ist das nichts weiter als Sentimentalität. Eine vorrübergehende pompöse Gemütserfassung, wie unser guter Romeo sie ständig hatte. Ein Hineinsteigern in Rührung und Kitsch. Connymädchen, sieh dich bitte vor. Wenn du süchtig danach wirst, dann willst du immer mehr davon naschen. Dann erträgst du alle möglichen unangenehmen Situationen, die du eigentlich energisch ändern müsstest, bloß weil der Schmerz und die Melancholie so schön sind. Vico von Loon ist genau der Junge, der dir eine lebenslange Sucht dieser Art verpassen könnte. Bitte versprich mir, dass du ihn sehr skeptisch betrachtest, ja? Ohne Romantik …“ (Seite 128)

Diese Geschichte zieht sich über einen Zeitraum von gut sechzig Jahren. Dabei gehe ich als Leserin auch auf eine Zeitreise. Ich erfahre und erinnere mich an die gesellschaftlichen Dünkel Anfang/ Mitte der sechziger Jahre, den Schwierigkeiten für Kinder aus der „Unterschicht“ auf eine weiterführende Schule zu gehen … Dies und noch einiges mehr bindet Dagmar Seifert in die Geschichte um Conny und Vico ein.

Schnell bin ich in die Geschichte eingetaucht und habe das Leben von Conny verfolgt. Was mir dabei besonders gut gefallen hat, sind die kleinen Hinweise unter den Kapiteleinteilungen. Da wusste ich schon, was mich im Kapitel erwarte und das hat neugierig gemacht.

Natürlich versteht man als Frau von heute Conny an manchen Stellen überhaupt nicht. Warum habe ich mich oft gefragt, bleibt sie bei Vico, der sie ganz offensichtlich nur hinhält? Warum schafft sie es nicht sich von ihm loszusagen und um mit einem anderen Mann glücklich zu werden? Ich denke, nur eine Frau, die selbst schon einmal die Geliebte eines Mannes war, kann sich in etwa vorstellen, wie es Conny in all den Jahren ergangen ist. Manchmal gerät man in eine „Abhängigkeit“, aus der man nur schwerlich wieder heraus kommt. Es bedarf Jahre, bis man dies erkennt. Und wenn man es dann erkennt, kann es vielleicht schon zu spät für ein erfüllteres Leben sein …

„Nein. Ich meine, wir hatten unser Leben lang eine romantische Liebesgeschichte, und irgendwie hat sie es nicht überlebt. Legalisierung bekommt ihr nicht. Vielleicht ist sie sogar vorher schon gestorben und wir haben es nicht gemerkt.“ (Seite 313)

Ein wundervolles Buch für einen verregneten Sonntag, in das man eintaucht und erst am Ende mit einem Seufzer wieder auftaucht …

 

4 von 5 Sternen

Fragmente des Glücks

Luchterhand Fester Einband 320 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783630874531

Luchterhand
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783630874531

Rückentext
In der Dunkelheit wächst ein Monster heran, im Takt ihres Herzklopfens, das Herz wummert, als hätte sie einen schnellen Gang durch den Park hinter sich, dabei bewegt sie unter der Decke nicht einmal den kleinen Zeh. Hier, im schwarzen Zimmer, versammelt sich die Wirklichkeit, ein geschlossener Cellokasten, ein Kronleuchter im Treppenhaus, Kinder und sorglose Mütter auf dem Spielplatz, Plakate einer Musicalpremiere, die nichts mehr mit ihr zu tun hat, fremde Leute, die diese Wohnungstür aufschließen und sich dieses Zuhause redlich verdient haben, das Lachen der Gäste an den Tischen des Bistros, sie haben keine Zeit für Schwächlinge, die Straßen ihres Viertels sind nichts für Versager, die Nacht schärft die Konturen dieser Wirklichkeit, und sie sehnt sich nach Schlaf, vereint mit Matti, so möchte sie einschlafen und nicht mehr zurückkehren in diese Wirklichkeit. Sie zieht die Knie an den Körper und rutscht näher an den Atem ihres Kindes; verwerflich ist diese Sehnsucht, gemeinsam unterzugehen. Es ist ein gefährlich funkelndes Körnchen Traurigkeit, das sie in sich trägt.

∗∗∗∗∗

„Wenn sie für sich spielt, hat sie ihre Hände unter Kontrolle, nein, dann braucht sie keine Kontrolle. Sie löst sich in der Musik auf und wird eins mit dem Cello. Das Zittern ist ihre Schwäche, ihre Schuld, sie entfacht es durch ihre Gedanken, sie bemüht sich nicht genug, ein zuversichtlicher Mensch zu werden. Ein zuversichtlicher Mensch würde nicht mit den Händen zittern.“ (Seite 212)

Isabell und Georg sind ein glückliche Paar, das sich alles leisten kann. Beide haben eine gesicherte Existenz, lieben ihr Leben im Wohlstand und können sich nicht vorstellen, dass es einmal anders sein könnte.

Doch mit der Geburt ihres Sohnes Matti wächst der Druck. Glücklich über die Geburt des Sohnes, stellen sich doch bald existenzielle Fragen ein. Können sie ihren Wohlstand so halten? Ihre Verunsicherung wächst.

Als Isabell wieder in ihren Beruf als Cellistin zurückkehrt, gelingt ihr dies nicht. Abend für Abend zittern ihre Hände beim Spiel und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es jemand merkt und sie feuert. Um dies Vorzubeugen lässt sie sich krankschreiben. So kann sie mehr Zeit mit Mattie verbringen. Doch auch dies kann sie nicht ungetrübt genießen. Dann verliert sie ihren Job.

„Denn sie hat es doch selbst schon in den Händen gespürt, wollte zugreifen und packen, wenn Matti sie nicht eine Stunde schlafen ließ, Nacht für Nacht, wenn Georg auf reisen war und ihr nicht helfen konnte, Schlafentzug öffnet dunkle, unbekannte Gebiete. Sie ließ den Druck an Gegenständen aus, Tritte gegen den Sessel, die dumpf ins Leder stießen, oder gegen den Wäscheständer, der krachend zusammenbrach, wie dumm, einen Wäscheständer zu treten, wie ergiebig auch, weil es Lärm macht.“ (Seite 60)

Georg und Isabell haben ihre Jobs so gelegt, dass Georg abends zu Hause ist, wenn Isabell Cello spielt. Er arbeitet in einer Redaktion. Aber es mehren sich die Gerüchte, dass die Arbeitsplätze der Redaktion in Gefahr sind. Georg ist fassungslos, da er nichts davon mitbekommen hat. Kollegen haben sich schon lange vorher nach einem neuen Job umgeschaut. Doch Georg hat irgendwie den Anschluss verpasst.

„>Gibt es etwas, das du vermisst, seitdem du hier lebst?< Björn schaut ihn geradewegs an, >Freunde nicht. Die Arbeit nicht. Das Nachtleben auch nicht.< Er überlegt weiter. >Du merkst, ich kann dir nur sagen, was ich nicht vermisse. Im Prinzip vor allem – dieses allgegenwärtige Vergleichen Mich mit den anderen, und umgekehrt. Das bin ich los. Und daraus ergibt sich der Rest.<
>Was meinst du mit Rest?<
>Daraus ergibt sich, dass ich mir nichts mehr kaufen muss. Um dem Vergleich standzuhalten.<“ (Seite 94)

Ein ehemaliger Kollege ist „ausgestiegen“ und hat alles hinter sich gelassen. Georg selbst denkt auch immer mehr darüber nach alles stehen und liegen zu lassen. Auszubrechen, der Verantwortung für Isabell und Matti zu entfliehen, denn er weiß, dass Isabell niemals ihre geliebt Wohnung verlassen würde.

„Er möchte Fotos sehen von hellen Zimmern sehen, anregende Bilder, die nicht nach Problemen und Hindernissen aussehen. Eine Villa aus dem Jahr 1902, weiß verputzt, efeubewachsen, mit altem Baumbestand im Garten. Das Grundstück umfasst über fünftausend Quadratmeter. Sieben Zimmer, Diele, zwei Salons mit Verbindungstür und Kachelöfen, eine große Küche, Terrassentür in den Garten und Kuhweide dahinter. Er stellt sich das vor: früh aufstehen, Teewasser aufsetzen, ins Grün schauen, Frühstück decken, die Räume mit einer großen, lauten Familie füllen, kein Geld für Wegwerfspielzeug ausgeben, die Natur ist der Spielplatz, Solaranlage aufs Dach, Kartoffeln setzen, Kartoffeln ernten.“ (Seite 30)

Nachdem beide ihren Job verloren haben schwiegen sie sich aus. Im Stillen gibt jeder dem anderen die Schuld und gleichzeitig fühlt sich jeder für sich als Versager. Sie reden nicht miteinander. Ihr Frust wird immer größer. Jede Kleinigkeit bringt die beiden weiter auseinander, doch sie schaffen es einfach nicht ein klärendes Gespräch zu führen.

„Isabell spricht kaum mit ihm, verschließt sich ihm vorwurfsvoll, weil er ein Versager ist. Er hat das Glücksversprechen gebrochen. Er bringt ihr keine Lösung auf dem Silbertablett, er hat nicht den rettenden Job gefunden, der sie befreien würde, von ihrem Phlegma, ihrer Neurose, oder was sie da mit sich rumträgt. Fragen darf er nicht, nein, auf keinen Fall fragen, es wäre eine Verletzung die sensible Cellistin zu fragen. Selbstverständlich ist er zu blöd oder unsensibel, sie zu verstehen. Er hat es  nicht verdient, dass mit ihm geredet wird.“ (Seite 239)

Dieses sehr eindrucksvolle Debüt von Kristine Bilkau erzählt sehr nüchtern und dennoch so nah am Geschehen die Geschichte zweier Menschen in der heutigen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die davon geprägt ist alles besser, schöner, teurer … zu machen als die anderen. Voll nach dem Motto … mein Auto … mein Haus … meine Jacht … Doch ich frage mich, warum ist das so? Warum kann man nicht mit dem glücklich sein, was man hat? Warum muss es immer mehr sein?

Natürlich kann sich keiner davon frei sprechen nicht mal neidvoll auf das Auto, das Haus oder was auch immer des besten Freundes, des Nachbarn zu schauen. Doch mal ganz ehrlich muss ich das dann auch unbedingt haben? Was bringt mir das? Seelenfrieden? Glück? Doch eher nur Schulden, Sorgen wie ich es finanzieren kann etc. Ist es das wert? Nur damit man noch mehr auftrumpfen kann?

„Ihn durchströmt ein Hochgefühl. Ja, es fühlt sich gut an, diesen Satz auszusprechen. Wir schaffen es nicht! Vier Wörter, die zu einem Tabu geworden sind. Sie auszusprechen ist verboten, streng, streng, streng verboten. Aber jetzt ist es auch egal. Er kann sich endlich locker machen. Wir schaffen es nicht! Warum mussten sie immer so tun, als wäre es nicht so?“ (Seite 197)

Es ist schwer in einer Gesellschaft mitzuhalten, in der die Werte heute anders angeordnet sind. In einer Gesellschaft, in der Konsum weit oben steht. Und kann man nicht mithalten ist man eben draußen. Viele können möchten aber dabei sein und verschulden sich dafür immer mehr und mehr. Es gehört heute Mut dazu, sich einzugestehen, dass man es nicht schafft … dass man sich kein i-Phone, keinen Mercedes, keine Restaurantbesuch … leisten kann. Doch macht das einen Menschen zu einem schlechteren Menschen? Nein!!!

Manchmal denke ich, wir sollten unseren Blick auf das wesentlich konzentrieren. Auf die kleinen Dinge im Leben, denn das bedeutet Glück. Nicht das neue Auto, nicht das neue Haus oder das neue Kleidungsstück.

„Dann würde sie sich an diesen Nachmittag erinnern, alles noch einmal vor sich sehen, genau hinsehen, wer Georg, Matti und Isabell am heutigen Tag gewesen sind. Sie wird ihr junges Ich neben Georg und dem Kind sehen, dort auf der Decke unter dem Baum, und die Vollkommenheit des Moments erkennen, denn wie vollkommen etwas war, lässt sich oft erst viel später verstehen. Mit der Zeit reifen Momente zu etwas heran, erst dann kristallisiert sich heraus, das war es, das Glück.“ (Seite 300)

Mein Fazit: Beklemmend und wirklichkeitsnah wird die Geschichte eines Paares erzählt, das dem sozialen Druck der Gesellschaft ausgeliefert ist … Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen