Kurz & Knapp … Juni 2018

Miss Gladys und ihr Astronaut von David M. Barnett

Gladys ist um die siebzig und sollte für ihre Enkel, Ellie und James sorgen, da die Mutter verstorben ist und der Vater im Knast sitzt. Doch das Ganze ist nicht so einfach, da Gladys immer öfter erste Anzeichen einer Demenz zeigt. Ellie kümmert sich um alles, und versucht auf biegen und brechen die Stellung zu halten, damit niemand etwas bemerkt da die Kids sonst im Heim landen.

Tom Major hat die Schnauze voll, von allem und jedem. Da trifft es sich gut, dass der Astronaut, der zum Mars fliegen soll, plötzlich umkippt und tot ist. Kurzerhand springt Tom ein und befindet sich plötzlich auf dem Weg zum Mars. Auf dem langen Weg dorthin befällt ihn Langeweile und er versucht seine Exfreundin anzurufen und landet aber bei Gladys. Die beiden unterhalten sich, nichtsahnend, dass Tom bald zum Retter der ganzen Familie wird.

Zuerst einmal muss ich etwas zum Cover loswerden. Das ist das schlimmste Cover ever und schreckt den/ die Leser ab. Ich frage mich was der Verlag sich da gedacht hat. Das Cover entspricht in keinster Weise dem Inhalt des Buches. Es vermittelt den Eindruck von Kitsch und seichtem Inhalt. Das ist es aber nicht.

Es geht in dieser Geschichte um den verzweifelten Kampf einer Familie ums Überleben und den Zusammenhalt. Gladys spürt von Tag zu Tag mehr, dass sie ihr Gedächtnis verliert. Sie muss aber ihre Sinne beieinander halten, damit die Kids nicht ins Heim kommen. Ellie arbeite neben der Schule in verschiedenen Jobs, und das, obwohl sie erst fünfzehn ist. Und James fühlt sich einfach nur verloren ohne Vater und Mutter. Und als plötzlich alles aufzufliegen droht, hilft Major Tom aus dem All.

Fazit: Eine unterhaltsame Geschichte mit unerwarteten Wendungen und am Ende hab ich sogar ein Tranchen im Auge gehabt. Bitte nicht vom Cover und Titel abschrecken lassen!!!

(Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN: 9783548289540, Preis: 15,00 Euro)

 

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Lavendelträume von Gabriele Diechler

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter findet Julia in einem geheimen Postfach ein sehr kostbares Parfum und einen Liebesbrief. Julia ist im ersten Moment irritiert, da sie die Ehe ihrer Eltern immer als perfekt gesehen hat. Welches Geheimnis hatte ihre Mutter und wer ist Antoine? Ihre Recherche ergibt, dass es sich um einen Parfümeur in Frankreich handelt. Sie nimmt Kontakt auf und reist kurzerhand nach Frankreich. Dort angekommen trifft sie auf Nicolas, dem Sohn von Antoine, und muss von ihm erfahren, dass Antoine verstorben ist. Julia zeigt ihm das Parfum und die Botschaft an ihre Mutter, und sie versuchen gemeinsam hinter das Geheimnis zu kommen.

Was für eine schöne Geschichte. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen. Gabriele Diechler schafft es wieder einmal mich mit ihrer Geschichte um Julia und Nicolas in den Bann zu ziehen. Ich konnte den Flair der Provence spüren und den Duft des Lavendels riechen. Ich erfahre einiges über die Herstellung von Parfüm, was ich sehr interessant fand.

Fazit: Ein sehr schöner Sommerroman, der perfekt in die jetzige Lavendelblüte passt. ♥♥♥

(Insel Verlag, ISBN: 9783458363507, Preis: 9,95 Euro)

 

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Wir müssen reden von Sibylle Luithlen

„Wir müssen reden“ ist der Anfang eines Satzes, den kein Paar gerne hört. Doch genau diese Worte spricht Lars zu Feline. Er bittet sie um eine Beziehungspause, da er eine andere Frau kennen gelernt hat. Feline ist schockiert und versucht zunächst wie immer weiter zu machen. Sie bricht ihr Referendariat als Deutschlehrern ab und flüchtet.

In Rückblenden erzählt die Autorin von dem ersten Treffen zwischen Lars und Feline, von ihren Ängsten Gefühle zuzulassen, da beide in ihrer Kindheit erlebt haben, wie es enden kann, wenn man zu viel Gefühle zeigt. Die Geschichte zeigt weiterhin das Beziehungsgeflecht der beiden auf. Feline ist „eifersüchtig“ auf Lars angebliche Unabhängigkeit, da er sich kaum um die Tochter und den Haushalt kümmert. Feline ist dauergestresst, weil sie sich neben ihrem Beruf noch um alles andere kümmern muss. Das allerdings ist Felines Empfinden und sieht in der Wirklichkeit des Buches etwas anders aus.

Fazit: Ich fand das Buch mega anstrengend und Felines Gejammer ging mir echt auf die Nerven. So was von „weinerlich“ und immer sind die anderen schuld … An dieser Stelle wie immer, das ist meine Meinung, macht Euch bitte Eure eigene zu diesem Buch.

(DVA, ISBN: 9783421047953, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Feld von Robert Seethaler

Ein alter Mann sitzt auf einer Bank auf dem Friedhof und lauscht den Geschichten der Menschen in ihren Gräbern. Es sind Geschichten von Menschen, die alle im Ort Paulstadt gelebt haben, und deren Leben sich auf irgendeine Art und Weise mehr oder weniger gekreuzt haben. Mehr möchte ich zum Inhalt nicht sagen, da es ein dünnes Büchlein ist, und sonst zu viel verraten wird.

Dies war mein erster Seethaler und ich hatte mich echt darauf gefreut, da ich immer wieder von anderen gehört und gelesen habe, das Seethaler ein toller Autor sei. Leider wurde ich sehr enttäuscht. Vielleicht liegt es daran, dass ich etwas vollkommen anderes erwartet habe. Ich wusste, es geht um den Tod. Erwartet habe ich eine leicht angehauchte philosophische Geschichte über den Tod und seine Auswirkung auf die Hinterbliebenen. Bekommen habe ich eine „Tratschgeschichte“. Ihr wisst schon, so von wegen der hat dies und jene hat das. Nur hier tratschen nicht die Lebenden sondern die Toten.

Fazit: Sehr schade, aber ich werde es sicherlich noch mit einem anderen Seethaler versuchen. Auch hier gilt, es ist meine Meinung. Bitte macht Euch Eure eigene zu diesem Buch, das es viele gibt, die dieses Buch toll fanden.

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446260382, Preis: 22,00 Euro)

 

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Häuser aus Sand von Hala Alyan

Die palästinensisch-amerikanische Autorin erzählt in ihrem Romandebüt die Geschichte einer Familie über vier Generationen während des Nahostkonflikts, beginnend in den Sechzigern bis in die heutige Zeit. Die Geschichte verläuft chronologisch und wird immer aus der Perspektive eines Familienmitglieds erzählt. Ein Stammbaum der Familie zu Beginn des Buches macht es mir als Leserin einfacher, zu sehen wer ist wer.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich ein wenig Probleme mit der Hintergrundgeschichte, dem Nahostkonflikt hatte. Mir ist dieser Krieg und den damit verbundenen Geschehnissen nicht so präsent. Daher war für mich eher die Familiengeschichte im Vordergrund. Die Suche nach Heimat und Wurzeln. Da die Familien immer und immer wieder aus ihren Heimatdörfern vertreiben wurden, war es für dies nicht möglich. Den Titel fand ich daher sehr passend. Die Heimat verrinnt immer und immer wieder wie Sand zwischen den Fingern. Wurzeln zu schlagen ist einfach unmöglich. Trotz der multikulturellen Familie, die sie zum Schluss ist, ist es für die Familie immer noch schwer im Nahen Osten Heimat zu finden.

Fazit: Ein sehr gelungenes Debüt!

(DuMont Buchverlag, ISBN: 9783832198558, Preis: 24,00 Euro)

 

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Über mir die Sonne von Alessio Torino

Tina, ihre Mutter und ihre Schwester Bea verbringen den Urlaub auf einer kleinen Insel. Es ist der erste Urlaub ohne den Vater. Der hat die Familie verlassen und lebt mit seiner Musikschülerin zusammen. Für Tina ist die Trennung nicht so schmerzvoll, wie für den Rest der Familie. Sie hat genug mit sich und ihrem Erwachsenwerden zu tun, den Tina steckt mitten in der Pubertät und erfährt das erste Mal die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts. Neben den dreien gibt es noch andere Urlauber, die mir mehr als suspekt waren. Irgendwie alle ein bisschen kaputt und somit kein guter Umgang für Tina.

Ehrlich gesagt habe ich die Botschaft des Autors nicht wirklich verstanden. Laut Klappentext geht es um den Verlust des Vaters und dem damit verbundenen Ende einer Familie. Ich habe erwartet, das Torino den Verlust und die Trauer aufarbeitet, doch ich erlebe Tina, Bea und die Mutter als vergnügte Urlauber auf einer Insel unter leicht durchgeknallten Leutchen. Vieles wird angedeutet, aber nicht wirklich ausgesprochen und das Ende hat mir nur eine großes Fragezeichen im Kopf hinterlassen.

Fazit: Das war nix! Wie schon heute zwei Mal erwähnt … meine Meinung usw. …

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455001471, Preis: 18,00 Euro)

 

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Die Exilantin

Blumenbar
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.05.2018
ISBN: 9783351050504
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
In diesem autobiografischen Debüt erzählt Maryam Madjidi von ihrer Kindheit im Iran, vom Kampf der Eltern für den Kommunismus und davon, wie sie ihr Spielzeug an die Kinder im Viertel verschenken muss. Heimlich vergrub sie die Lieblingssachen im Garten und steckte sie später in den Koffer für Frankreich. Hier sollte das neue Leben anfangen – ohne Kampf, ohne Gefängnis. Aber die kleine Maryam fühlt sich fremd, weil alles fehlt: die eigene Sprache, echte Freunde, die geliebte Großmutter. In Paris sind die Hände des Vaters plötzlich nutzlos, die Augen der Mutter müde. Als junge Frau fährt Maryam nach Teheran zurück, verliebt sich und bricht mit allem.

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Da dies nur ein kleines Büchlein ist, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da sonst zu viel verraten wird.

„Wir sind farbige Sternschnuppen auf einer grauen Leinwand.“ (Seite 207)

Was für ein ungewöhnliches Debüt. Maryam Madjidi beschreibt auf sehr poetische und im Aufbau des Buches sehr ungewöhnliche Art ihr Geschichte. Eine Geschichte von Flucht mit den Eltern ins Exil nach Frankreich. Von ihrer schwierigen Zeit der Eingewöhnung und der Verweigerung die neue Sprache zu lernen. Dann der Umschwung. Sie will mit ihren Wurzeln brechen. Will nicht mehr das persische, nur noch das französische. Doch in beiden ist sie nicht wirklich zu Hause.

Ich konnte Madjidis innere Zerrissenheit spüren, die Suche nach Heimat und Identität, nicht zu wissen wohin man gehört …

Das ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass Maryam Madjidi auch verschiedenen Dingen, wie Sprache oder Gegenständen ein Wort gibt. Es ist eine Mischung aus Phantasie und Realität, gepaart mit einer wundervollen poetischen Sprache, die diese Autobiografie zu etwas besonderem machen.

Wenn ich all die schönen Textstellen rausgeschnitten hätte, wäre vom Buch nichts mehr übrig geblieben. Vor allem die Gedichte, ganz besonders „Es war einmal“ auf den letzten beiden Seiten, sind einfach wundervoll.

Unbedingt lesen!!!

„Eine Girlande aus Wörtern in einem Baum bin ich, auf die ein Kind zeigt.“ (Seite 221)

… aus „Ist das jetzt schon Liebe?“ von Christina Beuther

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

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Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

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„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

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„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

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Das Leben will riskiert werden

Aufbau TB Flexibler Einband 240 Seiten Erscheinungsdatum: 17.06.2016 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746632254

Aufbau TB
Flexibler Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.06.2016
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746632254

Klappentext
Nach dem Tod ihrer Mutter Ria kehrt Juli aus den USA zurück in die westfälische Provinz, wo ein altes Haus und ein Brief ihrer Mutter Ria auf sie warten. Rias letzte Worte sind schonungslos, und Juli ist schockiert: Ihre Mutter urteilt über ihr Leben, obwohl sie sie doch gar nicht kannte. Es braucht viele Stunden, Begegnungen, Feste und Streits, bis Juli erkennt, dass ihre Mutter vielleicht Recht haben könnte. Aber was ist das Beste für Juli? Als sie schon ihre Entscheidung gefällt hat, trifft sie auf den Dorfarzt Jan, den sie bereits aus Kindertagen kennt und eigentlich unausstehlich fand.

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Juli wusste inzwischen, dass Ria sie geliebt hatte. Sie empfand ihrer Mutter gegenüber keinen Groll mehr, und trotzdem spürte sie leise noch immer das schwere Gefühl, alleingelassen worden zu sein, selbst wenn sie Ria inzwischen verstand, denn auch sie hatte diese Weite des Horizont irgendwann nicht mehr als Freiheit empfunden, sondern als trügerisches Versprechen, als Leinwand einer Zukunft, die sie beklommen zurück ließ. Auch Juli war gegangen, als sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte.“ (Seite 10)

Juli lebt in Amerika und bekommt eines Tages einen Anruf ihres Onkels, der ihr mitteilt, dass ihre Mutter Ria verstorben ist. Ria fliegt zurück in ihr Heimatdorf Beekelsen um die Beerdigung und den Nachlass der Mutter zu organisieren.

Julis und Rias Verhältnis war nicht das Beste. Juli ist eigentlich bei ihrer Großmutter aufgewachsen, da Ria kurz nach Julis Geburt in die weite Welt gezogen ist. Sie ist vor der Verantwortung mehr oder weniger geflohen. Ihren Vater kennt Juli nicht. Also wächst Juli bei ihrer Großmutter in Beekelsen auf. In einem kleinen westfälischen Ort, in dem jeder jeden kennt.

Aber auch Juli kehrt diesem Ort irgendwann den Rücken und kommt nur zur Beerdigung ihrer Großmutter zurück. Ria lebt mittlerweile im Haus der Großmutter. Sie scheint angekommen zu sein … im Leben und in Beekelsen. Und nun ist Ria tot und Juli muss sich um alles kümmern. Was wird aus dem Haus? Kommt ein Leben in Beekelsen für sie in Frage?

Sollte sie das Haus also verkaufen müssen? Das Haus ihrer Urgroßeltern. Ihrer Großmutter. Ihrer Mutter. Ihr Haus? Als sie gestern das Haus betrat, hatte sie das Gefühl, es würde sich eine weiche Decke um sie legen, gewebt aus Momenten, Begebenheiten, Gefühlen und Geschichten, die sie beschützte und geborgen umschloss. Die Mauern des Hauses erzählten von der Vergangenheit. Die Wände atmeten gelebte Tage, und in den Fenstern spiegelten sich bunte Stunden. Das Haus war der Schauplatz ihrer aller Familiengeschichte, Was würde bleiben?“ (Seite 39)

Dies ist der zweite Roman von Christina Beuther. Ihr Debüt „Aber so was von amore“ hatte mir sehr gut gefallen, umso gespannter war ich auf den neuen Roman. Der Titel „Ist das jetzt schon Liebe?“ hört sich erst einmal noch einem leichten Liebesroman an. Doch in der Geschichte um Juli steckt viel mehr drin.

Es ist die Geschichte von zwei Frauen … Ria und Juli … die jede zu ihrer Zeit aus dem kleinen westfälischen Dorf ausbricht. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt, und der den beiden Frauen irgendwann zu eng wird. Sie suchen in der Welt ihren Platz, ziehen dabei ruhe- und rastlos von einem Ort zum anderen, nicht in der Lage wirkliche Heimat zu finden. Beide sind nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen, harren manchmal in Beziehungen oder Orten aus, obwohl sie diese Gedanklich schon verlassen haben.

Eine zentrale Frage ist … was ist Heimat? Was bedeutet Heimat? Ist es ein Ort, ein Gebäude oder eher ein Gefühl?

„Es ist gut, Flügel zu haben, die die eigenen Gedanken in die Welt tragen. Aber was sind wir letztendlich ohne unsere Wurzeln? Wir treiben orientierungslos im Wind, auf der Suche nach einem Ort, der uns aufnimmt und an dem wir wirklich zu Hause sind. Und doch scheinen wir unfähig, irgendwo anzukommen und uns zu verankern, denn unsere Flügel wollen weiterfliegen. Die eigene Herkunft, das, was man mit auf den Weg bekommen hat, glauben ignorieren zu müssen, um sich im Gegenwurf zu verwirklichen, ist vertane Zeit.“ (Seite 107)

Ein weiterer zentraler Gedanke des Buches ist die Entscheidung. Die Entscheidung wie etwas weiter gehen kann. Die Angst sich falsch zu entscheiden hemmt viele Menschen sich überhaupt zu entscheiden. Sie überlegen ewig bis sie sich entscheiden und dann sind sie sich immer noch nicht sicher. Juli und Ria sind solche Menschen. Aus Angst vor falschen Entscheidungen verpassen sie das eigentliche Leben. Sie sind in sich selbst gefangen, unfähig den Augenblick zu genießen.

„Das Leben will riskiert werden. Es ist ein Wunder, das sich ungeduldig und rastlos auf der Suche nach etwas Unbestimmten nicht entfalten kann, das jedoch, wenn man achtsam und bei sich ihm leise, geduldig und voller Vertrauen die Hand hinhält, sichtbar wird als all das, was man ist, was einen ausmacht und was man in sich trägt, und das Raum gibt, für die Menschen, die wir lieben und die uns lieben.“ (Seite 108/ 109)

Was für ein wunderschöner Roman. Beim Lesen bin ich oft in meine eigene Kindheit zurück katapultiert worden. Wörter wie „Ado mit der Goldkante“, „Genever“ oder „Saurer Apfel“ haben mich an meine eigene Jugend in einem kleinen „vermieften“ Dorf erinnert. Verzeiht mir diesen Ausdruck, aber so habe ich früher darüber gedacht. Die Enge des Dorfes, die Dorfgemeinschaften, dieses Jeder kennt Jeden und einmischen aller in persönliche Dinge, all diese Dinge die Juli in Beekelsen erlebt, kommen mir sooooo bekannt vor. Darum kann ich auch Ria und Juli verstehen. Kann verstehen, dass sie aus diesem „Mief“ raus wollten. Raus in die große weite Welt. Aber auch sie mussten lernen, dass da draußen nicht alles so toll ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Irgendwann bemerken sie, dass ihnen etwas fehlt … ein Stück Heimat. Und da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage … was ist Heimat?

Dieser neue Roman von Christa Beuther hat so viel mehr zu bieten als nur eine Liebesgeschichte. Es ist ein wundervolles Buch über die Such nach Heimat und Geborgenheit.

Übrigens, während man dieses Buch liest, sollte man unbedingt einen Zettel neben dem Buch liegen haben, denn Christian Beuther verrät uns in der Geschichte jede Menge köstliche Rezepte, die einem das Wasser im Mund zusammen laufen lassen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
kein Augenblick, kein Moment
kann sich je wiederholen.

Was wir nicht können,
ist irgendwas wiederholen,
wir können nicht zurück,
und warum sollten wir auch?“ (Bosse „Schöne Zeit“ Seite 6)

In diesem Sinne … Danke liebe Christina ♥♥♥

 

5 von 5 Sternen

 

Den Traum leben

Insel Verlag Flexibler Einband  491 Seiten Erscheinungsdatum:711.04.2016  Preis: 14,99 € ISBN: 9783458361411

Insel Verlag
Flexibler Einband
491 Seiten
Erscheinungsdatum:711.04.2016
Preis: 14,99 €
ISBN: 9783458361411

Klappentext
Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur eine Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit dem Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als „Frischedoktor“ in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.
Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten.
Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo & Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der „Frischedoktor“ soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt …

∗∗∗

„Es war nicht nur die klare, frische Luft, die so vertraut die Haut streichelte, es war, als spürte sie neben den Häuschen, Sträßchen und Gärten auch die, die hier schon immer gewohnt hatten. Sie hörte ihre Stimmen, ihr Gelächter, ihr Gemecker und ihr Seufzen wie ein immerwährendes Flüstern alter Geschichten, die das Laub rascheln ließen oder wie Pollen im Sonnenlicht tanzten. Erinnerungen. Wie die Farbe, die auf den Fassaden langsam verblasste.
Heimat war nicht das was man sah, sondern das, was andere niemals sehen würden.“ (Seite 35)

Romy möchte nichts anders in ihrem Leben als Theater spielen. Ihr größter Wunsch ist es einmal im Leben die Julia in Romeo & Julia zu spielen. Doch leider hat sie es bisher nicht auf die Bühne geschafft. Sie ist die, die keiner sieht, aber von der so viel abhängt … die Souffleuse. Am Tag der Premiere ereilt sie die Nachricht vom Tod ihrer geliebten Großmutter. Sie versemmelt die Premiere und bekommt die Kündigung.

Sie fährt in ihre Heimat, dem Ort an dem sie aufgewachsen ist, um die Beerdigung ihrer Großmutter zu organisieren. In dem kleinen Ort leben fast nur alte Menschen. Menschen, die einmal Romys Heimat waren. Doch unter ihnen ist ein Wettstreit ausgebrochen. Nach dem Tod von Romys Großmutter sind nur noch drei Plätze auf dem örtlichen Friedhof frei und alle Alten wollen einen dieser begehrten Plätze. Mehrere Bewohner des Dorfes versuchen per zufällige Unfälle eines der Gräber zu bekommen.

Romy beschließt dem ein Ende zu setzten und die Alten zu beschäftigen. Sie entschließt sich auf dem Hof der Großmutter ein elisabethanisches Theater zu bauen. Doch mit ihrer spontanen Idee stößt sie bald an verschiedene Grenzen … die des Geldes, der Baubehörde und der Besetzung für das Stück … Schafft sie es dennoch?

„Menschen verändern sich. Manche verlassen ihre Heimat und finden woanders eine neue. Es gibt nicht die eine Liebe, die alles festlegt. Die Welt hat viel zu bieten. Und manchmal muss man länger suchen, bis man findet, was das Herz berührt.“ (Seite 392)

Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Man konnte sich sehr gut in die Geschichte fallen lassen. Die Idylle des Dorfes mit all seinen Bewohnern hätte auch mein Dorf sein können. Wer auf dem Land lebt, weiß, dass man nicht alleine ist. Jeder kümmert sich um jeden bzw. einige würden es auch einmischen nennen. Wie auch immer. Diese Gemeinschaft in Romys Dorf ist die, wie es sie überall auf der Welt geben könnte. Mal ist man sich näher mal weniger.

Doch neben der lustigen Geschichte rund um Ben, Romy und dem Theater gab es aber auch viele nachdenkliche Themen … das Leben auf dem Land mit seinen Vor- und Nachteilen … Alterseinsamkeit … die Todessehnsucht der Alten und wie man es schafft ihnen neuen Lebensmut zu geben … das Aufwachsen ohne Eltern und die Sehnsucht zu erfahren wer der Vater ist … Heimatlosigkeit und das Heimat nicht unbedingt ein Ort sein muss, sondern auch Menschen sein können … Republikflucht …

All diese Themen streift der Autor nur, aber dennoch hat es mir sehr gut gefallen, wie er diese in sein Buch eingebaut hat. Dies ist eines der Bücher, mit dem man seine Emotionen ausleben kann … ich habe gelacht, geweint und vieles reflektiert …  Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen!

„Das Leben verbraucht den Geist, das ist wahr, aber es kann ihn auch mit neuer Kraft befeuern.“ (Seite 297)

„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben (…)“ (Seite 399)

4 von 5 Sternen

 

Lebensfragen

Mare Verlag Fester Einband 288 Seiten Erscheinungsdatum: 09.02.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783866482456

Mare Verlag
Fester Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.02.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783866482456

Klappentext
Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf: Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch er vermisst das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinterlassen – und Nachkommen, die seine Arbeit später schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Fiedler – den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel – wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und seine Familie ernährt hatte. Die Flut der Fragen, die sich dem Enkel mit einem Mal aufdrängen, entfaltet eine ungeahnte Wucht … Bis ihm die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen die Augen öffnet für eine ganz neue Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.

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„Es war, wie wenn nach einem bewegenden Film das Licht angeht und man sich in einem Kinosaal wiederfindet. Es war eine Desillusionierung. Ich deutete sie als Mahnung, mich beim Blick auf die Vergangenheit nicht der Nostalgie hinzugeben, sondern das Erinnern unter Berücksichtigung der größeren Zusammenhänge strategisch anzugehen.“  (Seite 30)

Der Protagonist in dieser Geschichte hat keinen Namen. Er ist gerade fünfzig geworden und zieht eine Bilanz seines Lebens. Dabei stellt er fest, dass er zwar sehr erfolgreich in seinem Beruf ist, doch dass er niemanden hat, mit dem er dies teilen kann. Keine Frau und keine Kinder. Niemand ist da, dem er etwas hinterlassen kann. Doch darauf folgt die weitere Frage … was wenn er jemanden hätte dem er etwas hinterlassen könnte … was wäre es dann. Aus seiner Sicht hat er nicht geschaffen in seinem Leben, was erwähnen wert wäre.
Anders sieht es mit seinem Großvater aus. Durch eine kurze Sequenz in einem Kinofilm erinnert er sich an seinen Gr0ßvater und dem was er großartiges geleistet hat. Kurzerhand beschließt er sich auf die Spuren seines Großvater zu begeben, in der Hoffnung darüber mehr über sich zu erfahren. Und während dieser „Reise“ begegnet er Neringa, die eine andere Sich auf die Dinge des Lebens hat als er.

„Sie kennen keine Schwere, wenn sie tanzen, antwortet sie. Wenn ein Mensch tanzt, wirkt die Trägheit der Materie als Gegenkraft. Die Figuren wissen davon nichts. Die Kraft, die sie emporhebt, ist größer als die Kraft, dies sie an die Erde fesselt. Sie streifen die Erde nur. Und sie müssen sich auch nicht auf festen Boden von den Anstrengungen des Tanzen erholen.
Sie brauchen kein solides Pflaster unter den Füßen, sagte ich.“ (Seite 170)

Ehrlich gesagt reißt mich dieses Buch hin und her. Ich bin fasziniert von der Sprache und der Sprachgewalt dieses Buches. Stefan Moster erzählt seine Geschichte um den namenlosen Protagonisten klar und strukturiert, dennoch schwingt eine gewisse Melancholie zwischen den Zeilen, eine Sehnsucht nach Antworten. Antworten auf die Fragen des Lebens, die sich (auch ich) viele Menschen in der Mitte des Lebens stellen. Wer bin ich, was habe ich erreicht im Leben, wie wird mein Leben weiter gehen. Und jeder geht damit anders um. Die einen suchen immer weiter ohne jemals eine Antwort zu finden, die anderen finden eine  Antwort und wiederum andere brauchen irgendwann keine Antwort, weil sie plötzlich wissen und fühlen was wichtig ist im Leben.

Auf der Suche nach Antworten wird aber auch klar, wie sehr sich Realität und Erinnerungen miteinander vermischen, und dass diese nicht immer übereinstimmen. Das es vorkommen kann, dass man Menschen oder Begebenheiten auf einen „Sockel“ stellt, aber die Realität vollkommen anders war/ ist.

Ich habe mich lange gefragt, warum Mosters Protagonist keinen Namen hat. Vielleicht hat er deshalb keinen Namen, weil es einfach symbolisieren soll, dass er noch nicht seine wahre Identität im Leben gefunden hat, dass er noch auf der Suche ist. Im Pendant dazu schafft Moster eine Frau die Neringa heißt. Neringa ist eine Stadt in der Gemeinde Neringa, in Litauen. Symbolisiert also Heimat/ zu Hause sein. Und in der Tat scheint es so, als würde der namenlose Protagonist am Ende eine Art Heimat bei Neringa finden.

„Ihre Art zu lieben kannte keine Eile, keine Ungeduld, keinen Vorgriff auf die Zukunft und keine Bedingungen. Sie brauchte weder Losungsworte noch Bekenntnisse. Sie liebte, was vorhanden war, den gemeinsam erlebten Moment, den man nicht in Worte fassen musste.“ (Seite 197)

Ich habe dieses Buch gerne gelesen und es hat mir eines wieder einmal klar gemacht … es bringt nichts Vergangenem nachzutrauern … es bringt vielleicht bedingt etwas sich zu grübeln  wie das Leben weiter gehen kann und was ich der Nachwelt hinterlasse … aber da erinnere ich mich an ein Zitat, das ich erst vor ein paar Tagen gelesen habe …

„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“ (Sören Kierkegaard)

 

4 von 5 Sternen

 

Den Bann brechen

Knaus Fester Einband 432 Seiten Erscheinungsdatum: 02.03.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783813506075

Knaus
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum:
02.03.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783813506075

Klappentext
In einem Land, in dem die Freiheit ein rares Gut ist, sind die beiden Liebenden Mu und Jian Teil einer subversiven jungen Künstlerszene. Mit Musik und Literatur kämpfen sie gegen die politische Unterdrückung und für das Recht ihrer Generation, frei zu leben. Bis sie die zerstörerische Kraft der chinesischen Staatsmacht zu spüren bekommen und Jian nach Europa fliehen muss. Dort beginnt für ihn eine Odyssee, beschrieben in seinen Briefen an Mu. Die Übersetzerin Ilona, der die Briefe in die Hände fallen, wird von der Geschichte der beiden in den Bann gezogen und beschließt ihnen zu helfen – doch die Zeit arbeitet gegen sie.

„Ich habe mich immer mehr mit diesen beiden Menschen und ihrer Geschichte identifiziert, mich ganz auf sie eingelassen. Sie haben sich mir geöffnet, als wollten sie der ganzen Welt ihr Innerstes Offenbaren. Und ich bin Teil dieser Offenbarung geworden.“ (Seite 404)

Iona Kirpatrick lebt allein in London und ist Übersetzerin. Vor einiger Zeit ist ein Verlag an sie herangetreten und bat sie eine Sammlung chinesischer Briefe und Tagebücher zu übersetzen. Die Sammlung ist ein ungeordneter Papierstapel. Und so beginnt sie einfach. Doch die Texte sind schwierig und ohne Hintergrundinformationen kommt sie nur schwerlich voran. Doch Tag für Tag erfährt sie mehr. Sie lernt Mu und Jian durch ihre Briefe und Tagebucheinträge kennen. Recherchiert im Internet und fragt beim Verlag nach. Und je mehr sie sie sich mit dem Leben der beiden beschäftigt, desto tiefer taucht sie in deren Leben ein und verfällt ihrer Geschichte.

„Schließlich begreift Jian, was Brandon ihm erklären will: Weil sein Visum er wieder gültig ist, wenn er als Flüchtling anerkannt wird, hat er gar keinen Status mehr. Er ist eine „Unperson“. Eine „Unperson“? „Sie gehören zu keinem Land mehr“, hatte der Einwanderungsbeamte gesagt.
Unperson. Das Wort klingt so absurd, dass es fast chinesisch sein könnte.“ (Seite 66)

Jian und Mu sind ein chinesisches Liebespaar. Sie lernen sich in der Künstlerszene kennen. Mu schreibt literarische Texte und Jian ist Sänger und Texter einer PunkRock Band. Beide kämpfen für Meinungsfreiheit und gegen politische Unterdrückung. Jian schreibt ein Manifest und verbreitet es auf einem seiner Gigs. Das führt dazu, dass er in Haft genommen wird. Jian wird gefoltert und verhört.

„In Amerika geben sie dir das Gefühl, dass du wichtig und mächtig werden kannst, wenn du nur dein Ziel fest im Auge behältst und dein ganzes Leben darauf ausrichtest. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu China: Wir ackern unser Leben lang wie die Büffel, und es wird trotzdem nichts aus uns.“ (Seite 167)

Mu sucht ihren Geliebten und kann ihn nicht finden. Es ist so, als habe Jian nie existiert. Allein, schließt sie sich einer Gruppe an und tritt fortan mit anderen Künstlern auf. Sie reist durch Amerika und ist immer auf der Suche nach Jian. Endlich erreichen sie eines Tages Briefe von ihm. Briefe, die traurig klingen und hoffnungslos.

„Wenn ich Woody Guthrie wäre, würde ich singen: „This land is not my land, this land is not for you or me.“ China ist weit weg. Du bist weit weg. Und mein Manifest sagt den Menschen in diesem Land nichts.(…) Ich vermisse meine Heimat. Es gibt für mich keinen Grund, hier Wurzeln zu schlagen, der Boden unter meinen Füßen ist mir fremd. Meine Wurzeln wurden ausgerissen und sind vertrocknet.“ (Seite 307)

Jian flieht schließlich von China nach England ins Exil. Dort sitze er zunächst in einer Psychiatrischen Klinik. Später kann er dann in das Schutzzentrum für Asylsuchende in die Schweiz einreisen. Aber egal wo Jian ist, er fühlt sich leer, allein und Heimatlos. Seine Sehnsucht nach Mu und seiner Heimat wir immer größer.

„Erinnerst Du Dich an den Satz aus „Frankenstein“, den wir immer zitiert haben? „Mein Mut ist groß und mein Entschluss steht fest; aber mein Selbstvertrauen hat oft gegen tiefste Entmutigung anzukämpfen.“ Damit ist meine Stimmung perfekt beschrieben.“ (Seite 88)

Dieses Buch ist etwas ganz besonders. Zuerst muss ich diesmal auch etwas zur Aufmachung sagen. Jedes Kapitel fängt mit chinesischen Schrift- und Lautzeichen an …

 

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… und immer wieder kommen Schriftstücke wie dieses darin vor …

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Für mich machen solche „Kleinigkeiten“ in einem Buch das Ganze zu etwas besonderem. Gerade in dieser Geschichte, in der Briefe und Tagebucheinträge übersetzt werden, finde ich es besonders schön. Das gibt mir als Leserin ein Gefühl von „nahe dran“ sein. Im Verlauf des Buches erfahre ich, dass das übersetzen von Texten gar nicht so einfach ist. Das es Fingerspitzengefühl braucht, um gerade aus dem chinesischen die richtigen Worte zu finden. Denn allein die Satzstellung ergibt unter Umständen einen vollkommen anderen Inhalt wieder. Für mich als Lai war das sehr faszinieren.

Dieses Buch lässt sich nicht sehr leicht lesen, will man die Komplexität der Geschichte verstehen. Will man Jian verstehen. Auf der einen Seite sprechen die jungen Menschen in China von Revolution und von der Freiheit auf Meinungsäußerung. Sie sind gegen die Regierung, deren Macht und Machtmissbrauch die diese ausübt. Und dann ist da aber auch Liebe zu einem Land, zur Heimat, die mich die innere Zerrissenheit von Mu und Jian spüren lässt.

Mir ergeht es ähnlich wie Iona. Auch ich werde von dieser Geschichte in den Bann gezogen. Mich berührt es, wie sehr die beiden für eine bessere Zukunft kämpfen, dabei ihr Leben und ihre Liebe riskieren. Jians Einsamkeit im Exil und seine Sehnsucht nach China, seiner Heimat gehen mir unter die Haut.

„Den Bann brechen
Ich bin China. Wir sind China. Das Volk. Nicht der Staat.“ (Seite 417)

Wer sich nicht scheut ein Buch zu lesen, dass einem ein Einblick in die Politik Chinas gibt und den Leser fordert, das Gelesene zu reflektieren, der sollte dieses Buch unbedingt lesen!

Sage es mir, und ich werde vergessen.
Zeige es mir, und ich werde mich erinnern.
Lass mich teilhaben, und ich werde verstehen.
Xun Zi (Philosoph, Zeit der Streitenden Reiche, 475-221 v. Chr.)

4 von 5 Sternen