Goldkind von Claire Adam

Hoffmann und Campe
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.01.2020
ISBN: 9783455005981
Preis: 23,00 Euro

Klappentext

Der Alltag der Deyalsinghs ist nicht immer leicht – so kehrt Clyde, der Vater oft erschöpft von seiner Arbeit in der Ölfabrik zurück, während die beiden Söhne jeden Tag weite Wege in die Hauptstadt fahren, um eine Eliteschule zu besuchen. Zwar wurde nur der hochbegabte Peter angenommen, doch sollte der verträumte Paul nicht von seinem Zwillingsbruder getrennt werden. Eines Abends kehrt Paul nicht von seinem Streifzug durch den Busch zurück, der direkt hinter dem Haus der Familie beginnt. – dabei bleibt man auf Trinidad zu Hause, sobald die Sonne untergeht. Die Sorge ist groß, geschehen in der Stadt doch jeden Tag schreckliche Verbrechen – erst kürzlich wurde die Familie selbst zu Hause von Räubern überfallen. Als klar wird, dass Paul entführt worden ist, erkennt Clyde, dass die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft für seine Kinder einen unvorstellbaren Preis haben.

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Clyde und Joy leben mit ihren Zwillingen Peter und Paul auf Trinidad, eine kleine Insel im Karibischen Meer nahe Venezuela. Obwohl Clyde eine gut bezahlte Arbeit in einer Ölfirma hat, wächst ihm vieles über den Kopf und so nimmt er Dankbar die kleinen Geldschenke von Onkel Vishnu an. Der ist es auch, der bei der Geburt der Zwillinge feststellt, dass Paul durch Sauerstoffmangel „zurück“ bleiben wird. Peter gleitet durchs Leben, ihm gelingt alles, doch Paul hat es von Anfang an schwer und mogelt sich mit Peters Hilfe und der Nachsicht vieler durch. Dann verunfallt der Onkel und hinterlässt der Familie ein kleines Vermögen für Peters Zukunft. Als Peter von einem Ausflug nicht zurück kommt, wird irgendwann klar, dass es entführt wurde. Wenig später kommt eine Lösegeldforderung. Doch soll Clyde das Geld, welches für Peters Zukunft gedacht war, den Entführern geben um Paul zu retten?

Die Geschichte ist in drei Teile aufgeteilt. Im ersten erfahre ich von Paul und seiner Entführung. Ich mochte Paul sehr und habe mich immer wieder gefragt, warum alle immer behaupten er sei zurück geblieben. Er ist sicherlich ein ruhiges und verträumtes Kind. Paul hat von sich selbst eine sehr geringe Meinung und betrachtet sich als Anhängsel von Peter. Er versucht seinen Entführern zu entkommen und sucht immer und immer wieder nach einem Ausweg aus seiner Misere.

Der zweite Teil erzählt von der Geburt der Zwillinge, dem Leben der Familie auf Trinidad bis hin zur Entführung. Ich erfahre ein wenig über die hohe Kriminalität und Mafiavorgänge auf der Insel. Von den Träumen der Bewohner ein besseres Leben zu führen und endlich dieser Armut zu entfliehen. Peter ist ein begabter Schüler, was die Lehrer schnell feststellen. Er hat die Möglichkeit in der Stadt eine gute Schule zu besuchen. Paul darf ihn begleiten und bekommt durch einen Lehrer Nachhilfe.

Im dritten und letzten Teil schildert die Autorin den inneren Konflikt des Vaters, ob er das Lösegeld zahlen soll oder nicht, und über die Zeit nach der Entführung.

Mir hat die Geschichte gut gefallen. Sie hat allerdings ein paar Schwächen. So hat es mich zum Beispiel echt geärgert, dass Paul immer als dumm dargestellt wurde bzw. wie diese „Dummheit“ argumentiert wurde. Ja, er war langsam in dem was er tat. Doch wenn man als Kind immer und immer wieder zu hören bekommt dass man dumm sei macht das etwas mit einem Kind. Es denkt dann irgendwann es sei wirklich dumm und verhält sich auch so. Und was ich echt ein bisschen schade fand, war das der dritte Teil so kurz abgehandelt wurde. In den ersten beiden Teilen erzählt die Autorin sehr ausführlich von den Familie, dem Land, dem Leben, dem Umstand der Entführung usw. Doch als es darum geht, welche Entscheidung die Eltern treffen und warum, hatte ich den Eindruck die Autorin hatte entweder keine Zeit mehr oder aber sie hatte keine Seiten mehr zur Verfügung. Mich hätte die Auseinandersetzung des Vater und der Mutter mit der Entscheidung ob sie das Lösegeld zahlen oder nicht, sehr interessiert. Doch darauf wird nur mit wenigen Worten eingegangen. Schade!

Alles in allem dennoch lesenswert!

Kurz & Knapp … Juni 2018

Miss Gladys und ihr Astronaut von David M. Barnett

Gladys ist um die siebzig und sollte für ihre Enkel, Ellie und James sorgen, da die Mutter verstorben ist und der Vater im Knast sitzt. Doch das Ganze ist nicht so einfach, da Gladys immer öfter erste Anzeichen einer Demenz zeigt. Ellie kümmert sich um alles, und versucht auf biegen und brechen die Stellung zu halten, damit niemand etwas bemerkt da die Kids sonst im Heim landen.

Tom Major hat die Schnauze voll, von allem und jedem. Da trifft es sich gut, dass der Astronaut, der zum Mars fliegen soll, plötzlich umkippt und tot ist. Kurzerhand springt Tom ein und befindet sich plötzlich auf dem Weg zum Mars. Auf dem langen Weg dorthin befällt ihn Langeweile und er versucht seine Exfreundin anzurufen und landet aber bei Gladys. Die beiden unterhalten sich, nichtsahnend, dass Tom bald zum Retter der ganzen Familie wird.

Zuerst einmal muss ich etwas zum Cover loswerden. Das ist das schlimmste Cover ever und schreckt den/ die Leser ab. Ich frage mich was der Verlag sich da gedacht hat. Das Cover entspricht in keinster Weise dem Inhalt des Buches. Es vermittelt den Eindruck von Kitsch und seichtem Inhalt. Das ist es aber nicht.

Es geht in dieser Geschichte um den verzweifelten Kampf einer Familie ums Überleben und den Zusammenhalt. Gladys spürt von Tag zu Tag mehr, dass sie ihr Gedächtnis verliert. Sie muss aber ihre Sinne beieinander halten, damit die Kids nicht ins Heim kommen. Ellie arbeite neben der Schule in verschiedenen Jobs, und das, obwohl sie erst fünfzehn ist. Und James fühlt sich einfach nur verloren ohne Vater und Mutter. Und als plötzlich alles aufzufliegen droht, hilft Major Tom aus dem All.

Fazit: Eine unterhaltsame Geschichte mit unerwarteten Wendungen und am Ende hab ich sogar ein Tranchen im Auge gehabt. Bitte nicht vom Cover und Titel abschrecken lassen!!!

(Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN: 9783548289540, Preis: 15,00 Euro)

 

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Lavendelträume von Gabriele Diechler

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter findet Julia in einem geheimen Postfach ein sehr kostbares Parfum und einen Liebesbrief. Julia ist im ersten Moment irritiert, da sie die Ehe ihrer Eltern immer als perfekt gesehen hat. Welches Geheimnis hatte ihre Mutter und wer ist Antoine? Ihre Recherche ergibt, dass es sich um einen Parfümeur in Frankreich handelt. Sie nimmt Kontakt auf und reist kurzerhand nach Frankreich. Dort angekommen trifft sie auf Nicolas, dem Sohn von Antoine, und muss von ihm erfahren, dass Antoine verstorben ist. Julia zeigt ihm das Parfum und die Botschaft an ihre Mutter, und sie versuchen gemeinsam hinter das Geheimnis zu kommen.

Was für eine schöne Geschichte. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen. Gabriele Diechler schafft es wieder einmal mich mit ihrer Geschichte um Julia und Nicolas in den Bann zu ziehen. Ich konnte den Flair der Provence spüren und den Duft des Lavendels riechen. Ich erfahre einiges über die Herstellung von Parfüm, was ich sehr interessant fand.

Fazit: Ein sehr schöner Sommerroman, der perfekt in die jetzige Lavendelblüte passt. ♥♥♥

(Insel Verlag, ISBN: 9783458363507, Preis: 9,95 Euro)

 

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Wir müssen reden von Sibylle Luithlen

„Wir müssen reden“ ist der Anfang eines Satzes, den kein Paar gerne hört. Doch genau diese Worte spricht Lars zu Feline. Er bittet sie um eine Beziehungspause, da er eine andere Frau kennen gelernt hat. Feline ist schockiert und versucht zunächst wie immer weiter zu machen. Sie bricht ihr Referendariat als Deutschlehrern ab und flüchtet.

In Rückblenden erzählt die Autorin von dem ersten Treffen zwischen Lars und Feline, von ihren Ängsten Gefühle zuzulassen, da beide in ihrer Kindheit erlebt haben, wie es enden kann, wenn man zu viel Gefühle zeigt. Die Geschichte zeigt weiterhin das Beziehungsgeflecht der beiden auf. Feline ist „eifersüchtig“ auf Lars angebliche Unabhängigkeit, da er sich kaum um die Tochter und den Haushalt kümmert. Feline ist dauergestresst, weil sie sich neben ihrem Beruf noch um alles andere kümmern muss. Das allerdings ist Felines Empfinden und sieht in der Wirklichkeit des Buches etwas anders aus.

Fazit: Ich fand das Buch mega anstrengend und Felines Gejammer ging mir echt auf die Nerven. So was von „weinerlich“ und immer sind die anderen schuld … An dieser Stelle wie immer, das ist meine Meinung, macht Euch bitte Eure eigene zu diesem Buch.

(DVA, ISBN: 9783421047953, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Feld von Robert Seethaler

Ein alter Mann sitzt auf einer Bank auf dem Friedhof und lauscht den Geschichten der Menschen in ihren Gräbern. Es sind Geschichten von Menschen, die alle im Ort Paulstadt gelebt haben, und deren Leben sich auf irgendeine Art und Weise mehr oder weniger gekreuzt haben. Mehr möchte ich zum Inhalt nicht sagen, da es ein dünnes Büchlein ist, und sonst zu viel verraten wird.

Dies war mein erster Seethaler und ich hatte mich echt darauf gefreut, da ich immer wieder von anderen gehört und gelesen habe, das Seethaler ein toller Autor sei. Leider wurde ich sehr enttäuscht. Vielleicht liegt es daran, dass ich etwas vollkommen anderes erwartet habe. Ich wusste, es geht um den Tod. Erwartet habe ich eine leicht angehauchte philosophische Geschichte über den Tod und seine Auswirkung auf die Hinterbliebenen. Bekommen habe ich eine „Tratschgeschichte“. Ihr wisst schon, so von wegen der hat dies und jene hat das. Nur hier tratschen nicht die Lebenden sondern die Toten.

Fazit: Sehr schade, aber ich werde es sicherlich noch mit einem anderen Seethaler versuchen. Auch hier gilt, es ist meine Meinung. Bitte macht Euch Eure eigene zu diesem Buch, das es viele gibt, die dieses Buch toll fanden.

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446260382, Preis: 22,00 Euro)

 

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Häuser aus Sand von Hala Alyan

Die palästinensisch-amerikanische Autorin erzählt in ihrem Romandebüt die Geschichte einer Familie über vier Generationen während des Nahostkonflikts, beginnend in den Sechzigern bis in die heutige Zeit. Die Geschichte verläuft chronologisch und wird immer aus der Perspektive eines Familienmitglieds erzählt. Ein Stammbaum der Familie zu Beginn des Buches macht es mir als Leserin einfacher, zu sehen wer ist wer.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich ein wenig Probleme mit der Hintergrundgeschichte, dem Nahostkonflikt hatte. Mir ist dieser Krieg und den damit verbundenen Geschehnissen nicht so präsent. Daher war für mich eher die Familiengeschichte im Vordergrund. Die Suche nach Heimat und Wurzeln. Da die Familien immer und immer wieder aus ihren Heimatdörfern vertreiben wurden, war es für dies nicht möglich. Den Titel fand ich daher sehr passend. Die Heimat verrinnt immer und immer wieder wie Sand zwischen den Fingern. Wurzeln zu schlagen ist einfach unmöglich. Trotz der multikulturellen Familie, die sie zum Schluss ist, ist es für die Familie immer noch schwer im Nahen Osten Heimat zu finden.

Fazit: Ein sehr gelungenes Debüt!

(DuMont Buchverlag, ISBN: 9783832198558, Preis: 24,00 Euro)

 

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Über mir die Sonne von Alessio Torino

Tina, ihre Mutter und ihre Schwester Bea verbringen den Urlaub auf einer kleinen Insel. Es ist der erste Urlaub ohne den Vater. Der hat die Familie verlassen und lebt mit seiner Musikschülerin zusammen. Für Tina ist die Trennung nicht so schmerzvoll, wie für den Rest der Familie. Sie hat genug mit sich und ihrem Erwachsenwerden zu tun, den Tina steckt mitten in der Pubertät und erfährt das erste Mal die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts. Neben den dreien gibt es noch andere Urlauber, die mir mehr als suspekt waren. Irgendwie alle ein bisschen kaputt und somit kein guter Umgang für Tina.

Ehrlich gesagt habe ich die Botschaft des Autors nicht wirklich verstanden. Laut Klappentext geht es um den Verlust des Vaters und dem damit verbundenen Ende einer Familie. Ich habe erwartet, das Torino den Verlust und die Trauer aufarbeitet, doch ich erlebe Tina, Bea und die Mutter als vergnügte Urlauber auf einer Insel unter leicht durchgeknallten Leutchen. Vieles wird angedeutet, aber nicht wirklich ausgesprochen und das Ende hat mir nur eine großes Fragezeichen im Kopf hinterlassen.

Fazit: Das war nix! Wie schon heute zwei Mal erwähnt … meine Meinung usw. …

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455001471, Preis: 18,00 Euro)

 

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Kurz & Knapp … März 2018

Als ob man sich auf hoher See befände von Yara Lee

Laut Klappentext erwartet mich eine Geschichte über zwei Menschen, Marla und James, die sich durch Zufall treffen und lieben lernen. Auf einer Forschungsreise kommt es zu einem Zwischenfall. Parallel wird die Geschichte von Ulysses einem älteren Mann, der einen Platz sucht, an dem er sterben möchte. Es ist Marlas Vater, der seine Tochter nach dem Unfalltod der Mutter in ein Heim gegeben hat.

Die Geschichte ist von Anfang an ziemlich schwer zu lesen, da die Autorin viele Begriffe und deren verschieden Bedeutungen bis zum erbrechen beschreibt. Zum Beispiel geht es in einem Kapitel um das Wort „glatt“. Da lese ich Zeile um Zeile, dass etwas glatt sein kann (hier in Verbindung mit verschiedenen Oberflächen oder Strukturen) oder wie man glatt in verschiedenster Weise definieren kann oder wie man glatt steigern kann … Mal ganz ehrlich, wenn ich so etwas wissen möchte, dann schau ich im Duden oder sonst wo nach, dafür brauche ich kein Buch. Aber das ist nur ein Begriff von vielen, die Autorin bis zum erbrechen erklärt … definiert/ erklärt/ beschreibt. Das strengt an, und lenkt von der Geschichte ab.

Fazit: Mir scheint, die Autorin wollte zeigen wie toll „Sprachkunst“ sein kann, welche sie studiert hat. Mich hat es mega gestört und dem Buch jegliche Chance genommen eine tolle Geschichte zu erzählen.

(Residenz, ISBN: 9783701716876, Preis: 22,00 Euro)

 

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So enden wir von Daniel Galera

Duke ist tot. Opfer eines Raubüberfalls. Die Freunde von damals … Aurora, Antero und Emiliano … sind gekommen um Abschied zu nehmen. In Rückblenden erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit kurz vor der Jahrtausendwende. Erinnerungen an Ziele, Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen.

In abwechselnden Kapitel erzählen die drei übrig gebliebenen Protagonisten von ihrem Leben früher und heute. Als Leserin erfahre ich, wie sich die vier kennen gelernt haben und wie sie gemeinsame Projekte voran getrieben haben. Zwischen den Zeilen liest man jedoch Galeras Kritik an der Welt und der Gesellschaft … Konsum, digitale Medien, Sex, Korruption und Chaos sind Bestandteil seiner Kritik.

Fazit: Mir war das ganze Buch/ die Geschichte zu viel. Dieses, ich nenn es mal Gejammer über unsere auch so schlimme Welt ging mir echt auf die Nerven. Jede Generation hatte/ hat mit ihren Problemen zu kämpfen. Aber diese Schwarzseherei in diesem Buch ist echt zu viel. Ich hoffe und glaube, das wir so (!!!) nicht enden werden!

(Suhrkamp, ISBN: 9783518428016, Preis: 22,00 Euro)

 

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Der restliche Sommer von Max Scharnigg

In diesem Buch geht es um einen Kolumnisten, der sich verleibt hat und mit seiner Freundin den Sommer am Meer verbringt. Zeitgleich entkommt ein junger Mann einem vermeintlichen Attentat und wird in ein Krankenhaus eingeliefert, in dem er eine junge Frau kennen lernt. In einer weiteren Geschichte erzählt Scharnigg von den längst vergessenen Träume einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Hier gibt es wieder mehrere Erzählstränge, die, je weiter man in die Geschichte eintaucht irgendwie miteinander verwoben sind. Die Protagonisten kennen sich irgendwie alle, sind sich im Leben bereits begegnet, doch das wird erst nach und nach ersichtlich. Und je weiter ich lese, desto mehr faszinieren mich die einzelnen Geschichten und am Ende bin ich überrascht.

Fazit: Eine Geschichte die ich gerne gelesen habe. Sie lässt mich mit der Frage, wie ich mein restliches Leben verbringen möchte zurück.

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455404944, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das vergessene Fest von Lisa Kreißler

Nina, Arif und Ronda sind Freunde seit der Uni. Jetzt, nach 15 Jahren, sind Arif und Ronda auf dem Weg zu Nina, denn diese heiratet. Es ist eine ganz besondere Hochzeit auf einer Lichtung im Wald. Doch die Hochzeit nimmt kein glückliches Ende. Die Braut sagt nein und flieht mit ihren Freunden in den Wald.

Was als wirklich wunderschöne Geschichte anfängt, endet im Desaster. Auch für mich als Leserin. Bis etwa zur Mitte erzählt Kreißler eine schöne Geschichte von Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Doch nachdem die Braut nein gesagt hat und die drei vom Fest in den Wald fliegen wird es echt abgedreht. Zwischendurch habe ich mich gefragt haben die Protagonisten gekifft oder die Autorin? Denn das was die Protagonisten im Wald erleben ist echt konfus, durchgeknallt und chaotisch.

Fazit: Sprachlich sehr schön und wie gesagt, ab der Mitte einfach nur der Horror. Schade, schade … es hätte so schön werden können!

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446258556, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Tja, eigentlich wollte ich einen endlos Satz schreiben, wie Madame Nielsen, deren Buch die Geschichte eines Jungen ist, der eigentlich nicht weiß, ob er ein Junge ist oder vielleicht doch, sich wahrscheinlich verliebt in eine Frau, die verheiratet ist und Kinder hat, deren Mann eifersüchtig ist und den Liebhaber seiner Frau erschießen möchte, aber ehrlich gesägt weiß ich das nicht so ganz, denn „Der endlose Sommer“ fängt erst richtig auf Seite 82 an und ist dann auch schon fast vorbei, ohne das er richtig stattgefunden hat.

Ha …. vier Zeilen habe ich geschafft. Madame Nielsen schafft drei Seiten und mehr für einen einzigen Satz. Sie verliert sich dabei in Nebensächlichkeiten bis ins millionste Detail, ohne etwas wirklich wichtiges gesagt zu haben. Das ist für mich als Leserin echt anstrengend. Ich mag Bandwurmsätze. Aber bitte mit Aussage/ Inhalt und nicht nur angereihte Wörter, um der Länge willen. Die Geschichte vom endlosen Sommer wäre nämlich ohne diese Sätze sehr schnell zu ende gewesen, da es letztendlich nicht viel zu erzählen gab.

Fazit: Ich hätte gerne eine schöne Geschichte gehabt, von mir aus auch endlos, aber bitte keine endlosen Sätze, die nichts sagen!

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051025, Preis: 18,00 Euro)

 

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Von dieser Welt von James Baldwin

Der junge John Grimes wächst in einer autoritären und strenggläubigen Familie auf. Er kennt nichts anderes als Kirche und Schläge, die sein Vater mit Gottes Willen rechtfertigt. John hat nur einen Wunsch … er will raus aus diesem Dorf, diesem Leben …

Dieses Buch hat mich an manchen Stellen echt erschüttert. Ich wusste aus dem Vorwort, dass es autobiografische Züge enthält. Grimes Leben war ein Leben, geprägt von einen autoritären Vater, der eigentlich gar nicht sein Vater ist, und Gott. Überhaupt hat Gott und die Religion einen sehr großen Anteil in diesem Buch. Was mich persönlich sehr fasziniert hat, da viele Dinge, die im Leben der Protagonisten geschehen mit Gottes Willen deklariert werden. Die Religiosität in diesem Buch ist an manchen Stellen im Buch schon echt krass.

Fazit: Ein Buch, dass an manchen Stellen nicht einfach ist, weil es unter die Haut geht, lohnt sich aber auf jeden Fall.

(dtv, ISBN: 9783423281539, Preis: 22,00 Euro)

 

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Tolles Debüt!!!

Hoffmann und Campe
Flexibler Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.03.2017
Preis: 16,00 €
ISBN: 9783455000092

 

Klappentext
Luc Verlain liebt gutes Essen, Frauen und sein sorgenfreies Leben in Paris. Doch als sein Vater schwer erkrankt und niemand weiß, wie lange der Austernfischer noch zu leben hat, lässt Luc sich versetzen. Ausgerechnet nach Bordeaux in die Regien Aquitaine, von wo er als junger Polizist geflohen war. Und schon kurz nach seiner Ankunft erschüttert ein Mord die Gegend: Ein Mädchen liegt erschlagen am Strand. Schnell wird ein Tatverdächtiger festgenommen, doch die Bewohner des Heimatdorfs der Toten vertrauen der Polizei nicht und nehmen die Sache selbst in die Hand. Lucs Ermittlungen führen an die Strände und in die Weinberge der Region und zurück nach Paris, immer an seiner Seite: seine Kollegin Anouk, deren Charme er nur schwer widerstehen kann …

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                                                                                                                                                    Ruppichteroth, 17.03.2017

Lieber Alexander,

vor ein paar Wochen zog ein Päckchen bei mir ein. Als ich es öffnete war ich erst einmal ein wenig sprachlos, dachte nur … och nö … ich lese doch keine Krimis. Als ich dann die beigelegte Karte aus der Aquitaine las war ich wirklich vollkommen sprachlos … was nicht so oft passiert 🙂

An dieser Stelle muss ich jetzt mal kurz die Mädels von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit  bei Hoffmann und Campe erwähnen. Ich bin immer wieder überrascht was ihr euch alles so einfallen lasst. Chapeau und merci  ♥♥♥

Zurück zur Postkarte. Sie war von keinem geringeren als Dir lieber Alexander. Mit ein paar lieben Grüßen in den Rhein-Sieg-Kreis und ein paar persönlichen Sätzen zur Erfüllung meines Traumes (wer hat Dir das denn geflüstert 🙂 )wünscht Du mir viel Spaß mit Comissaiere Luc.

Huch, jetzt war ich schon ein wenig „gebauchpinselt“. DER Alexander Oetker schreibt mir (!!!)  … und mindestens noch 100 anderen Leser*innen/ Blogger*innen  … eine Postkarte . Ich hab dann angefangen in Deinem Buch zu blättern. Als ich auf der letzten Seite Dein „Merci“ gelesen habe, war ich gerührt. Ich liebe Nachwörter in Büchern. Sie geben dem ganzen eine sehr persönliche Note. Natürlich bin ich dann sofort auf www.lucverlain.de gegangen. Die Seite von Luc und seinem Aquitaine  ist sehr schön und hat mich dann wirklich neugierig gemacht.

Tja, was soll ich sagen, ich habe angefangen, den ersten (!!!) Krimi meines Lebens (im zarten Alter von 53 Jahren) zu lesen.

Schon nach den ersten 50 Seiten war ich verliebt in die Aquitaine. Deine Beschreibungen von der Landschaft und dem Flair lässt mich glauben ich sei vor Ort. Luc mag ich von Anfang und ich kann ihn mir sehr gut vorstellen. Froh war ich, als Du sein kleines Geheimnis um Hélène am Ende auch lüftest. Ich hatte befürchtet, dass ich die Aufklärung erst im nächsten Buch bekomme.

Die Such nach dem Mörder war von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend. Ich hatte natürlich auch zwei „Hauptverdächtige“, doch leider war der Mörder ein anderer. Erst kurz vor Schluss ahnte ich wer es ist. Super gemacht. An manchen Stellen habe ich auch gelacht. Zum Beispiel als Luc das erste Mal auf Etexberria (wird x geschrieben aber sch gesprochen) *ggg* Ich muss dazu anmerken, ich habe das Buch abends im Bett gelesen und dann eben versucht den Namen laut auszusprechen. Mein Mann fragte mich nach dem zehnten Versuch was ich denn da mache …
Aus Deinem Lebenslauf und der Bemerkung auf der vorletzten Seite Deines Buches weiß ich, dass Frankreich Dein Herzensland ist, und Du sehr viel Anteil an den Dingen die dort geschehen nimmst. Die lässt Du auch ein wenig in die Geschichte um Luc einfließen, ohne dass es „aufdringlich“ wird. Dinge wie die Anschläge auf Charlie Hebdo und dem Rassismus in diesem Land.

So, nun werde ich diesen Brief langsam schließen … Ich bin keine Krimiexpertin, doch ich kann sagen, ich habe Dein Buch, die Geschichte um Luc sehr gerne gelesen. Mich hat das Land und das „Savoir-vivre“ sehr angesprochen und dank Deiner wundervollen Beschreibung konnte ich für eine kurze Zeit an diesem wunderbaren Ort verweilen.

Ein wirklich tolles Debüt!!!

Ich weiß, Du arbeitest bereist an einer Fortsetzung und darauf freue ich mich jetzt schon. Vielleicht verschlägt es Dich einmal in den Rhein-Sieg-Kreis zu einer Lesung im Büchergarten … wer weiß …

Nun ist es Zeit Abschied zu nehmen …
Merci pour tout …
Drück Dich …
Angelika

P.S.: Ich wünsche Deinem Buch gaaaaaanz viele Leser!!!

5 von 5 Sternen

Wie viel Wahrheit verkraftet eine Liebe?

Hoffmann und Campe Fester Einband  384 Seiten Erscheinungsdatum: 10.03.2016 Preis: 16,99 € ISBN: 9783455403824

Hoffmann und Campe
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.03.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783455403824

Klappentext
Regensburg – Shanghai – Brooklyn: Verfolgung, Existenzangst und Neuanfänge in fremden Ländern, das sind Carls Erfahrungen, als er 1950 in Brooklyn Emmi kennenlernt, die so wie er aus Bayern stammt. Bei ihr findet er Zuflucht, Geborgenheit und eine Liebe, die ein Leben lang tragen soll. Über die Vergangenheit reden beide nicht, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an das, was war. Aber Jahrzehnte später bittet eine Freundin Carl, die Briefe und Dokumente ihres verstorbenen Ehemannes, eines Holocaust-Überlebenden, durchzusehen. Nur widerwillig macht sich Carl an die Arbeit – und findet in den Unterlagen aus dem KZ Dachau auch Hinweise auf Emmis Vergangenheit …

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„Ihm kam es so vor, als würden die Bücher, die er tagsüber las, die Geschichten der Matrosen und seine eigene Phantasie zu einem großen Ganzen vermengen. Alles war so phantastisch und einzigartig. Eine Welt der Wunder, in der Geschichten Wirklichkeit wurden. Alles war hier möglich, so schien es ihm. Alles.“ (Seite 106)

Regensburg-Shanghai (März 1938 – Mai 1938)
Carl ist zu Beginn der Geschichte gerade zwölf Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern und seiner neunjährigen Schwester Ida  in Regensburg. Die neuen Gesetze und die Verdeutschung machen sich schleichend bemerkbar. Viele Juden gehen in den freiwilligen Tod, weil man ihnen ihr Hab und Gut nimmt. Carls Vater hat jüdische Wurzeln, die Mutter und die Kinder sind jedoch katholische. Dennoch legt man der Familie nahe das Land zu verlassen, bevor man sie arisiert. Sie bekommen Tickets für die „Conte Biancamano“ um von Genua aus nach Shanghai überzusetzen, da Shanghai ein Land ist, in dem man kein Visum braucht.

An Bord angekommen, dreht Carls Vater um. Er kann sein Land nicht verlassen/ verraten. Er ist fest davon überzeugt, dass er sicher ist. Doch Greta glaubt nicht daran und will ihre Kinder in Sicherheit bringen. Also fährt die Familie ohne den Vater los.

„Mag sein, Sie haben recht damit, dass wir uns zu häufig im Wind gebogen haben, aber wer sich nicht beigt, bricht.“ (Seite 71)

München (November 1938 – Dezember 1943)
In diesem Abschnitt lerne ich Erna kennen. Ein junges Mädchen, das sich ganz gerne mit Jungs vergnügt. Eines Tages hat die Mutter genug davon und schickt die Tochter zur Tante nach München. Dort soll Erna ihrer Tante Marga helfen. Erna ist zuerst nicht wirklich davon begeistert, doch schon bald findet sie das was ihre Tante macht interessant.

Marga hat in München ein sogenanntes „Institut für Lebensberatung“. Bei ihr treffen sich die reichen Frauen von Hitlers Soldaten um über ihre Wehwechen zu klagen. Und Marga hilft wo immer sie kann … sei es bei einer Abtreibung, bei der Beschaffung von Kindern oder sonstigen, was unbedingtes Stillschweigen erfordert. Dies geht bis zum Dezember 1943 gut. Dann fliegt alles auf und Erna muss fliehen …

So ist das im Leben, manche Menschen lieben die Hand, die sie schlägt, mehr als die, die ihnen Gutes tut.“ (Seite 90)

Shanghai (Juni 1938 – Juli 1947)
Carl, seine Schwester und seine Mutter sind in Shanghai angekommen. In diesem Kapitel werden die nächsten Jahre der Familie erzählt. Von ihrer Eingewöhnung, ihrer Arbeit und der Schule. Sie lernen viele Menschen kennen und freunden sich an. Aber ich erfahre auch etwas über den Vater in Deutschland. Sein Leben läuft nicht so wie er erwartet hat. Er landet in Dachau.

Dann irgendwann ist der Krieg zu Ende und die Familie Schwarz kann nach Deutschland zurück kehren. Doch Karl kehrt nicht nach Deutschland zurück. Er geht mit einem befreundeten Paar nach Amerika.

Jedes Kapitel endet in der Gegenwart, nämlich 2010 in Larchmont. Dort lebt Carl … mit Emmi

„Wie konnte ein gütiges Gotteswesen all das Unglück, Krankheiten, Hunger, kurz die Ungerechtigkeit der Welt dulden? Müsste Gott nicht eingreifen, anstatt zuzusehen, wie sie hier sein Werk langsam, aber sicher zerstörten? Und warum ein Gott? Warum sollte es nur einen wahren Gott geben, die Existenz eines einzigen Gottes war genauso wenig bewiesen wie die Existenz vieler. War es nicht Arroganz und wahnsinnige Überheblichkeit zu glauben, nur monotheistische Religionen lägen richtig und Polytheisten falsch?“ (Seite 240)

Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen. Der Aufbau des Buches in die unterschiedlichen Zeiten und Leben bis hin zu den dazwischen geschobenen Kapiteln in der Gegenwart haben mich an dieses Buch gefesselt. Ich wusste schon einiges über den Holocaust, aber dennoch habe ich wieder eine Menge dazu erfahren. Ich denke ein Thema, bei dem man immer wieder Neues erfährt und kennen lernt.

Mir persönlich hat das Kapitel „München“ am besten gefallen. Ich mochte Marga als Menschen sehr, obwohl sie sehr schlimme und auch verwerfliche Dinge getan hat. Sie hat Kinder abgetrieben und Kinder von Müttern die sie nicht wollten an andere, die sie wollten abgeben. Sicherlich schlimm, aber seien wir doch mal ehrlich … auch heute werden Kinder abgetrieben, und kein Mensch sagt etwas. Und auch heute werden Kinder weggegeben, und keiner sagt etwas. Sicherlich war es in Zeiten der Kriegswirren nicht alles legitim, aber wo kein Kläger auch kein Richter.

Doch in diesem Buch von Andrea Schenkel geht es nicht ausschließlich darum, was Recht und Unrecht ist, oder den Holocaust. Es geht auch darum, in wie weit man mit einer Lüge leben kann. Einer Lebenslüge … einer Lüge, die der Partner nicht weiß. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, würde mir mein Partner wichtige Dinge aus seinem Leben vorenthalten, und ich bekäme sie eines Tages heraus.

Ist dies dann ein Vertrauensbruch? Man lebt ein Leben zusammen und dann kommt eine Lüge ans Tageslicht, eine Wahrheit die alles verändert und die letztendlich die Liebe in Frage stellt …

Unbedingt lesen!!!

„Sie ging, wie sie in sein Leben gekommen war. Und so wie der letzte Sommer schon vergessen ist, wenn sich die ersten Blätter an den Bäumen verfärben und die Spinnen sich an langen Fäden durch die Lüfte tragen lassen, hatte auch er sie schon vergessen, als die ersten Stürme die Blätter der Bäume durch die Luft tanzen ließen.“ (Seite 9)

 

5 von 5 Sternen

Meine Nacht mit Jasper Gwyn ♥

Hoffmann und Campe Fester Einband  320 Seiten  Erscheinungsdatum: 27.02.2016 Preis: 22,00 € ISBN: 9783455405613

Hoffmann und Campe
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783455405613

Klappentext
Jasper Gwyn, ein berühmter englischer Schriftsteller Anfang vierzig, fasst eines Tages einen weitreichenden Entschluss. In einem Zeitungsartikel listet er die 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt, darunter auch: Bücherschreiben. Gwyns Literaturagent hält die Liste zunächst für einen genialen Werbecoup, bis er feststellen muss, dass es seinem Autor todernst ist. Der beschließt, in seinem neuen Leben als „Kopist“ zu arbeiten und Porträts anzufertigen – dies allerdings nicht mit Pinsel und Palette, sondern in geschriebener Form. Er mietet ein Atelier an, wo ihm fortan Menschen Modell sitzen, die sich später in seinen Porträts gänzlich wiederfinden werden. Bis eine junge Frau auftaucht, die sich den strengen Regeln des Kopisten entzieht ….

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Jasper Gwyn, ein erfolgreicher Autor veröffentlicht eines Tages eine Liste von 52 Dingen, die er nicht mehr machen möchte. Auf dieser Liste steht unter anderem das Schreiben von Büchern. Alle Welt, voran sein Agent ist entsetzt. Wie kann es sein, dass ein erfolgreicher Autor nicht mehr schrieben möchte … Wer jetzt eine Geschichte über die Liste der 52 Dinge erwartet wird enttäuscht.

Es dauert zwei Jahre, drei Monate und zwölf Tage bis man wieder etwas von Jasper Gwyn hört… In dieser Zeit durchlebt er eine Art Entzug. Ein Entzug vom Schreiben. Er textet im Kopf Geschichten …  doch er schreibt sie nicht auf, da dies gegen seinen gefassten Entschluss seiner Liste wäre. Doch irgendwann ist ihm klar, wie er machen kann … das Schreiben und doch nicht Buch schreiben. Er will Kopist werden. Als ich dieses Wort „Kopist“ das erste Mal gelesen habe, konnte ich mir rein gar nichts darunter vorstellen. Doch hier fing für mich dann die stille Faszination der Geschichte an.

„Jasper Gwyn blieb zweiundsechzig Tage in dem kleinen spanischen Hotel, eine angenehme Zeit. Als es ans Bezahlen der Rechnung ging, waren unter den Extrakosten zweiundsechzig Tassen kalte Milch, zweiundsechzig Gläser Whisky, zwei Telefonate, eine gesalzene Rechnung der Wäscherei (hundertneunundzwanzig einzelne Posten) und der Kauf eines Transistorradios verzeichnet – was einen gewissen Eindruck von seinen Neigungen vermitteln mag.“ (Seite 13)

Der Autor Alessandro Baricco nimmt mich als Leserin mit in die Entwicklungsphase von Mr. Gwyn Idee des Kopisten. Er lässt mich teilhaben an Jasper Gwyns Vorstellungen dazu und wie er sich die Tätigkeit und das Umfeld dafür vorstellt.

Es fängt beim Haus an, der Einrichtung, der Musik, dem Licht … Es gibt zum Beispiel ein Kapitel über das Licht/ die Glühbirne, welches für Jasper Gwyn sehr wichtig ist. Und was soll ich sagen, ich habe nicht im Geringsten geglaubt, dass man so liebevoll und wunderschön über Licht/ Glühbirnen schreiben kann. ♥ Das Haus und die Einrichtung wirken am Ende wie eine einzige Komposition.

„Und er erklärte, was ihm gefallen würde, sei ein akustischer Hintergrund, der sich veränderte wie das Licht im Laufe des Tages, nämlich unmerklich und kontinuierlich. Vor allem aber: elegant. Das sei sehr wichtig. Er fügte hinzu, was ihm vorschwebe, dürfe nicht den geringsten Rhythmus haben, nichts sein als ein Werden, das die Zeit aufhebt und einfach die Leere einer ohne alle Koordinaten vergehenden Gegenwart füllt.“ (Seite 65)

Dann endlich porträtiert er das erste Mal. Es ist Rebecca, die Angestellte seines Agenten, die er um diesen Gefallen bittet, da er sich beim ersten Mal ausprobieren möchte. Es gibt bestimmte Regeln für die, die zu Jasper Gwyn kommen um sich porträtieren zu lassen. Die verrate ich an dieser Stelle aber nicht, einzig, dass die Sitzungen täglich von 16.00 Uhr bis 20.00 Uhr sind und das circa 30 Tage lang.

Diese ersten 30 Tage erlebe ich hautnah mit. Und in diesen Tagen geschieht etwas … mit dem der porträtiert, dem der sich porträtieren lässt und mit mir als Leser. Am Ende dieser Tage schreibt Jasper Gwyn dieses Porträt nieder. Auf besonderem Papier mit besonderem Schriftzug und Tinte … und übergibt diese Seiten an Rebecca.

„Jasper Gwyn hatte sich vorgestellt, dass die Leute die beschriebenen Blätter mitnehmen und bei sich zu Hause in einer Schublade aufbewahren oder auf einen Couchtisch legen würden. Wie sie ein Foto aufbewahren oder ein Bild an die Wand hängen konnten. Dies war ein Aspekt der Geschichte, der ihn wirklich begeisterte.“ (Seite 51)

Als Leserin erfahre ich nicht, was er dort geschrieben hat. Das hat mich echt fertig gemacht, wollte ich doch endlich wissen was er entdeckt hat, womit er Rebecca so verändert hat.

Jasper Gwyn porträtiert weitere 10 Menschen und dann passiert es … jemand hält sich nicht an die Vereinbarungen und Jasper Gwyn verschwindet von jetzt auf gleich von der Bildfläche. Rebecca, die nach ihrem Porträt Jasper Gwyns rechte Hand wurde sucht ihn verzweifelt, doch sie kann ihn nicht finden. Eines Tages bekommt sie per Brief Anweisungen das Haus und alles drum und dran aufzulösen.

Es vergehen wieder Jahre, Rebecca führt ihr eigenes Leben, als sie eines Tages auf einen alten Mann stößt, der ihr von einem Buch erzählt. Dieses Buch enthält, was Rebecca sehr irritiert, Ausschnitte aus ihrem Porträt. Doch schnell wird ihr klar, was dies zu bedeuten hat.

„Jasper Gwyn hat mir beigebracht, dass wir keine Figuren sind, sondern Geschichten. Wir begnügen uns immer mit der Vorstellung, eine Figur in wer weiß welcher Abenteuergeschichte zu sein, auch in einer ganz simplen, aber wir müssten einsehen, sagt er, dass wir die ganze Geschichte sind, nicht nur diese Figur. Wir sind der Wald, durch den sie wandert, der Bösewicht, der sie reinlegt, das Durcheinander um sie herum, wir sind alle Leute die vorbeigehen, die Farben von Dingen, die Geräusche.“ (Seite 226)

Und hier verblüfft mich Alessandro Baricco wieder … es gibt ein Buch im Buch, denn die Geschichte um Jasper Gwyn geht ein Stückchen weiter. Alessandro Baricco hatte, wie man im Nachwort lesen kann, Lust eine bestimmte Idee zu verfolgen und Mr. Gwyn eine spielerische nicht allzu gewichtige Fortsetzung geben. Und diese kleine kurze Geschichte wirft noch einmal einen anderen Aspekt auf die gesamte Geschichte.

„Sie erkannten sich in den Ereignissen, die passierten, in den Gegenständen, den Farben, im Tonfall, in einer gewissen Langsamkeit, im Licht und auch in den Figuren, natürlich, aber in allen, nicht nur in einer, in allen gleichzeitig – denn, wir sind eine Menge Dinge, und alle gleichzeitig.“ (Seite 228)

Ich habe eine Nacht mit Jasper Gwyn verbracht … und es war eine der schönsten Nächte in meinem Leben. Was für eine wahnsinnige Geschichte. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch … mir ein Porträt von Jasper Gwyn schreiben zu lassen. Dies ist eines der ungewöhnlichsten und besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe.

Chapeau Alessandro Baricco ♥♥♥

5 von 5 Sternen

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar!

Ein Buch der Gegensätze

Hoffmann und Campe Fester Einband 256 Seiten Erscheinungsdatum: 14.02.2015 Preis: 20,00 € ISBN: 9783455405194

Hoffmann und Campe
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
14.02.2015
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455405194

Klappentext
Der betuchte Frankfurter Großbürgersohn und der Seifensiedersprössling aus Greifswald, der Herr der Sprache und der Maler, der weder richtig reden noch richtig schreiben kann, der diplomatische Minister und der Habenichts ohne Manieren. Doch eines verbindet sie: Beide sind gebannt von der Erkundung der Wolken. Goethe als Forscher, der ein neues Terrain der Wissenschaft erobern möchte, Friedrich als ein Künstler, der in der Natur Gott sucht. Aber als Friedrich eines seiner Gedichte malt, sieht der Geheimrat nur Wolkengebirge, wo er das Klagelied eines Schäfers verdichtet hat. Luise Seidler, eine junge Porträtmalern, die beiden gefällt, arrangiert schließlich ein Treffen zwischen den Künstlern. Was geschieht, wenn zwei so unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen?

∗∗∗∗∗

„Tja, aber das Romantische ist nun mal das Kranke, sagte Goethe. Das Klassische das Gesunde.“ (Seite 148)

„Vor allem hatten sie keine Ahnung, dass sie sich an Strippen bewegten, die er in der Hand hielt.“ (Seite 102)

Zum Zeitpunkt der Geschichte ist Goethe schon weit über 60. Ein in die Jahre gekommener alter Mann, der an den Folgen von übermäßigen Essen und wenig Bewegung leidet. Beim kleinsten Zipperlein konsultiert er die Ärzte und hält sich ständig in irgendwelchen Kurbädern auf, um zu genesen. Doch eigentlich treibt es ihn nur von seiner Ehefrau weg, die er als Belastung empfindet. Er fühlt sich mehr von den jungen Frauen angezogen. Sein Einfluss und seine Macht in der Gesellschaft sind enorm. Wer etwas werden will, muss erst an ihm vorbei. Somit haben all die, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, kaum eine Chance in der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Wer brauchte ihn schon? Im Krieg keiner, in der Kunst keiner, in der eigenen Familie keiner, in Dresden keiner.
Friedrich war darauf gekommen, wer ihn brauchte: die Wolken. Die erzählten etwas, das nicht jeder verstand. Hoffnungsgeschichten. Waren jetzt nötig wie Wundärzte und Verbandsmaterial und gutes Essen. Wolken erzählten sich selber. Vom Glück zu wandern. Von Freiheit. Vom Recht auf Freiheit, das jeder hatte. Kam von Gott, nicht von den Menschen, das Recht. Gehörte auch das Recht dazu, nicht gefallen zu wollen aufteufelkommraus. Wolken brachten was sie wollten. Machten nicht auf Schönwetter, weil den Leuten Schönwetter besser passte. Er verstand, was sie erzählten. Er, der dumme Friedrich aus Greifswald.“ (Seite 181)

Friedrich ist das Gegenteil von Goethe. Arm wächst er auf, verliert schon früh die Mutter und sein Vater ist sehr streng. Als Friedrich später das Elternhaus verlässt schlägt er sich mehr schlecht als recht mit seiner Malerei durch. Doch irgendwie ist er glücklich dabei. Dann hat er die Möglichkeit den großen Goethe kennen zu lernen, verbunden mit der Hoffnung, dass dieser ihm zu großen Ruhm verhelfen kann. Doch als Friedrich ein Gedicht von Goethe malen soll, ist Goethe außer sich, als er das Ergebnis sieht.

„Die Seidler schlich sich leise hinten hinaus. Ihr war übler als je zuvor. Jetzt wusste sie wenigstens, warum. Reden hieß die Karriere aufs Spiel setzen. Schwiegen hieß Friedrich verraten.“ (Seite 158)

Zwischen den beiden großen Männern steht Luise Seidler. Sie mag beide Männer sehr. Tendenziell kann sie sich jedoch mehr mit Friedrich identifizieren. Doch schnell wird der Malerin klar, dass sie sich entscheiden muss … wenn sie weiterhin Goethes Gunst haben möchte, muss sie Friedrich verleugnen.

„Wenn Friedrich sich müde gesehen hatte an den Gesichtern der Menschen, verdorben vom Alleshaben, bis zu den Rändern voll mit Unddankbarkeit, dann wandte er seinen Blick zu den Wolken. Musste doch jeden dankbar machen, was die Wolken taten und tun würden in alle Ewigkeit. Regen spenden und Schatten. Der Phantasie neue Bilder schenken und den Gedanken Freiheit.“ (Seite 37)

Mir hat dieses Buch ganz gut gefallen. Der Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig, da ich ihn irgendwie als „unrund“ empfand. Manches war etwas zu abgeklärt und die Protagonisten nicht wirklich greifbar.

Goethe ist in meinen Augen und so wie er im Buch dargestellt wird ein selbstverliebter und notgeiler Kotzbrocken. Sorry … aber ehrlich … dieser Mann denkt wahrhaftig die Welt dreht sich nur um ihn. Das was er sagt ist Gesetz. Und somit haben Menschen wie Friedrich kaum eine Chance etwas zu werden. Mir war nie bewusst, welche Macht und welchen Einfluss Goethe hatte. Alle hofieren ihn und verehren ihn. Sicherlich hebt da manch einer bei ab, und wie mir scheint Goethe auch.

Mir ist Friedrich da schon näher. Er ist ein Träumer und Philosoph. Seine Gedanken berühren mein Herz und seine Bilder faszinieren mich. Friedrich ist ein Mensch, der mit dem wenigen was er hat auskommt und dennoch dabei glücklich ist. Er hat Visionen von seinen Bildern und daran hält er sich fest, und lässt sich nicht verbiegen. Er träumt sich ein Leben in den Wolken.

Vielleicht fühle ich mich Friedrich näher, weil auch ich gerne den Wolken zuschaue. Sie lassen mich zur Ruhe kommen, meine Gedanken können sich frei bewegen/ reisen …

Als Kind und auch heute noch, liege ich im Sommer oft auf dem Rücken und schaue in die Wolken … versuche zu erraten was für Wolkengebilde ich sehe …

„Verstand sie das nicht? Horizont war doch mehr als die Linie, die Himmel und Erde schied. Horizont war ein Schlüsselwort. Trennte Diesseits vom Jenseits, Menschliches und Göttliches, Beschränktes und Weises. Das, was er verheiraten wollte in jedem Bild.“ (Seite 32)

Lea Singer war mir bisher als Autorin unbekannt. Sie hat aber schon einige Bücher über große Künstler der Zeitgeschichte geschrieben.

„Anatomie der Wolken“ ist ein Buch der Gegensätze … der „große“ Goethe/ der „unbekannte“ Friedrich … Klassisch/ Romantisch … spannend/ langatmig …

4 von 5 Sternen