„Ursprung“ von Eva Tind

Mare Verlag, Fester Einband, ISBN: 9783866486478, Preis: 25,00 €, Hier kaufen:

Kai liebt Miriam über alles. Miriam liebt Kai, doch ihre Kunst liebt sie mehr. Die beiden bekommen ein Kind und kurz nach der Geburt geht Miriam, um nur noch für ihre Kunst zu leben. Kai zieht Sui, so heißt die gemeinsame Tochter, alleine groß. Als Sui flügge wird und zu Hause auszieht, stürzt das Kai in eine Krise. Er reist nach Indien um Kraft und neuen Sinn zu finden.

Da Sui ihre Mutter kaum kennt, reist sie zu ihr. Miriam lebt schon seit Jahren in einem einsamen Waldgebiet, um dort an einem großen Kunstprojekt zu arbeiten. Doch die Begegnung mit ihrer Mutter verläuft anders als sich Sui das erhofft hat. Sie reist weiter auf die koreanische Insel Marado und hofft dort Antworten zu ihren Wurzeln zu finden.

Am Anfang hat mich das Buch ein wenig traurig und wütend zugleich gemacht. Miriam und ihr Egoismus sind mir so auf die Nerven gegangen. Doch je weiter ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto mehr hat mich die ganze Geschichte fasziniert. Sie wird aus der Perspektive jedes einzelnen erzählt.

Kais Suchen und Finden, nach neuen Ansätzen für sein Leben ohne Sui; Miriams Kunstprojekt, welches ein Lebensprojekt wird für das sie bis zum Tod alles gibt; und schließlich Suis Suche nach ihren Wurzeln/ Identität machen das Buch zu etwas besonderem.

Jede Geschichte für sich ist einzigartig und alle zusammen ein wundervolles Buch über das Suchen und Finden der eigenen Identität in verschiedenen Lebensphasen.

Einfach grandios!!!

Piper
Fester Einband
736 Seiten
Erscheinungsdatum:
02.05.2018
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 9783492058537

Klappentext
Wer bin ich? Diese Frage ist es, auf die Cyril seit jeher eine Antwort sucht. Denn er ist kein „echter“ Avery, wie seine verschrobenen Adoptiveltern Maude und Charles immer wieder betonen. Und auch sonst fällt es ihm schwer, seinen Platz in der konservativen Gesellschaft Irlands der 1940er Jahre zu finden. Doch dann lernt er Julian Woodbead kennen. Die innige Freundschaft, die zwischen ihm und dem glamourösen Lebemann entsteht, wird Ausgangspunkt einer abenteuerlichen Reise, die ihn schließlich zu den Dingen führt, nach denen er sich immer gesehnt hat.

∗∗∗∗∗

„So verließ sie Goleen, den Ort ihrer Geburt, den sie mehr als sechzig Jahre nicht wiedersehen sollte, bis sie mit mir über ebenjenen Friedhof ging und unter den Grabsteinen nach den Resten der Familie sucht, die sie verstoßen hatte.“ (Seite 20)

Die Geschichte beginnt 1945 in dem kleinen Ort Goleen in Irland. Die 16jährige Catherine wird vor versammelter Kirchengemeinde an den Pranger gestellt, weil sie schwanger ist und den Namen des Kindsvater nicht nennen will. Schließlich wird sie vom Pfarrer aus der Gemeinde und dem Ort verbannt. Die junge Frau flieht nach Dublin, wo sie bei zwei Männern unterkommt, die befreundet sind. Schnell findet sie eine Anstellung. Nach der Geburt Cyrils gibt sie diesen zur Adoption frei, da sie weiß, dass ein Leben als allein erziehende Mutter im Irland der 1945er nicht möglich ist.

Cyril wächst bei Maude und Charles Avery auf. Einem sehr exzentrischen Ehepaar. Jeder geht seine eigenen Wege und Charles betont Cyril gegenüber immer und immer wieder, dass er kein „echter“ Avery sei. Auch Freunden und Fremden gegenüber betonen die Averys immer wieder, das Cyril nicht ihr leibliches Kind sei, sondern adoptiert. Cyril kommt scheinbar ganz gut mit der Lieblosigkeit seiner Zieheltern klar.

Im Alter von sieben Jahren trifft er das erste Mal auf Julian Woodbeat, dem Sohn von Charles Averys Anwalt. Und von dieser Zeit an ahnt Cyril, dass er anders ist als andere Jungs.

„“Zunächst einmal“, sagt Dr. Dourish, „dürfen Sie nicht denken, dass Sie mit dieser Heimsuchung allein sind. Es gibt viele junge Männer, die über die Jahre von ähnlichen Gefühlen geplagt wurden, von den alten Griechen bis in unsere Tage. Seit allem Anbeginn gibt es Perverse, Degenerierte und Gestörte, also sollten Sie niemals glauben, Sie wären etwas Besonderes. Es gibt sogar Orte, wo man damit durchkommt und sich niemand daran stört. Das Wichtigste für Sie jedoch, Tristan, ist es, niemals zu vergessen, dass Sie diesen ekelhaften Trieben nicht nachgeben dürfen. Sie sind ein guter, anständiger, irischer, katholischer junger Mann und … Sie sind doch katholisch?“
(…)
„Es stimmt schon“, fuhr er fort, „in der ganzen Welt gibt es Homosexuelle. (…) Aber in Irland, Tristan, in Irland gibt es keine Homosexuellen, dass dürfen Sie nie vergessen.““ (Seite 269)

Im weiteren Verlauf des Buches, in Zyklen von jeweils sieben Jahren, erfahre ich, wie Cyrils Leben verläuft. Es ist ein schwieriges Leben … als Homosexueller in einer Zeit aufzuwachsen, in der diese unter Strafe steht auf der einen Seiten und auf der anderen Seite in einem erzkatholischen Land wie Irland aufzuwachsen. Cyril versucht seine Neigung zu vertuschen, in dem er eine Beziehung zu einer Frau beginnt, die letztendlich in einem Desaster endet. Cyril flieht nach Holland, wo er endlich eine Liebe findet, doch auch diese endet desaströs. Kann Cyril jemals glücklich werden …

„“Seht ihr“, sagte ich. „Das Land ändert sich nie. In Irland wird lieber alles vertuscht, als dass man den Wahrheiten des Lebens ins Auge sieht.““ (Seite 470)

Dies war mein erster Boyne. Und dieses Buch ist eines dieser Bücher in die man eintaucht und nie wieder auftauchen möchte. Boyne skizziert seinen Protagonisten und die Lebenssituation so real, dass man das Gefühl hat sie schon ewig zu kennen bzw. mit ihnen durch diese Zeit zu gehen. Über 700 Seiten ist mir Cyril sehr ans Herz gewachsen und irgendwie wollte ich ihn nach der letzten Seite nicht gehen lassen …

Cyrils Geschichte ist eine Geschichte, die mich oft wütend gemacht hat. Wütend auf Menschen und Land, die eine so unglaublich Doppelmoral haben, die so bigott und homophob sind, dass ich das Buch am liebsten gegen die Wand geschmissen hätte. Doch wem hätte es genutzt? Hier wird nur Cyrils Geschichte erzählt, doch sie steht stellvertretend für alle homosexuellen Menschen, die in einigen Teilen der Welt bis heute noch strafrechtlich verfolgt werden. Allein dies Vorstellung macht mich gerade wieder sehr wütend.

Am allerschlimmsten fand ich die Abschnitte, in denen immer wieder betont wurde, dass es keine Homosexuelle in Irland gebe, und dass man diese „Perverslinge“ ausrotten müsste. Und die, die das sagten waren dann oft die, die verheiratet waren und nachts loszogen um ihre homosexuellen Neigungen auslebten. Echt zum kotzen diese Doppelmoral!!!

Natürlich gibt es im Buch und somit auch in Cyrils Leben andere Menschen. Menschen die Cyril lieben und akzeptieren so wie er ist. Die ihn durch diese Zeit und den Kampf nach Akzeptanz begleiten. Und am Ende des Buch kann ich dann folgende Worte von Cyril lesen:

„Und zum Schluss, als alle applaudierten, da begriff ich, dass ich endlich glücklich war.“ (Seite 733)

Cyrils Geschichte hat mein Herz bewegt … ich habe mit ihm gelitten und geliebt.

Unbedingt lesen ♥♥♥

Die Macht der Sprache

Hanser Berlin
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783446256828

Klappentext
Sie stand unter dem besonderen Schutz ihrer Großmutter Paula. Wenn nachts die Angst kam, kroch sie zu ihr ins Bett. Doch hätte es diese Angst ohne die Großmutter überhaupt gegeben?
Sandra Hoffmanns Memoir Paula liest sich wie ein Familienroman. Mit Aufrichtigkeit und großer Einfühlung erschließt sie das Leben dieser Frau, die ihr erdrückend nahe war und von der sie so wenig weiß. Einer Frau, die einmal glücklich gewesen sein muss, deren junger Bräutigam im Krieg stirbt. Einer Frau, die irgendwann aus Angst und Scham zu schweigen beginnt, nie preisgibt, von welchem Mann das Kind stammt, das sie alleine großzieht, bis der Schutzraum des Schweigens zum Gefängnis wird, in dem Liebe und Empathie verkümmern.

∗∗∗∗∗

„Ein Grab ist ein Ort, an dem die Chronologie sich aufhebt. Was heute ist und was gestern war, als jene noch lebte, die darin liegt, wird egal. Jemand liegt darin und ist nahe wie eh. Aber tot. Aus dem Grab heraus kommen keine Antworten. Das Grab spricht nicht.“ (Seite 151)

Die Großmutter ist tot. Was bleibt ist ein Karton mit Bildern und viele offene Fragen. An Hand der Fotos und der Erinnerung versucht die Enkelin Antworten auf Fragen zu finden. Wer ist sie, wer ist ihr Großvater und welches Leben hat ihre Großmutter geführt.

In vielen Rückblicken versucht Sandra Hoffmann das Leben ihrer Großmutter zu rekonstruieren. Obwohl Sandra Hoffmann viel Zeit mit der Großmutter verbracht hat, weiß sie doch sehr wenig von deren Leben. Irgendetwas ist während des Krieges passiert, dass die einstmals fröhliche Paula hat verstummen lassen. Vieles ist nur eine reine Vermutung weniger Wissen, denn die Großmutter hat immer nur geschwiegen, vielleicht mal eine Andeutung gemacht.

Sandra Hoffmann hat aus vielen Bruchstücken versucht ein Bild vom Leben ihrer Großmutter aufzuzeigen. Ein Leben, das vom Krieg und den Geschehnissen geprägt wurde. Paula wird zu einer Frau, die sich und ihre Familie eigentlich durch ihr Schweigen schützen möchte. Sie hat Angst, dass ihre Verletzungen die Verletzungen der Familie werden könnten. Für sie gibt es nicht die Option, dass Gespräche über das Erlebte helfen könnten zu heilen. Somit wird das Trauma der Großmutter zum Trauma der ganzen Familie.

Sie Autorin versucht mit diesem Buch eben dieses Trauma zu durchbrechen. Sie will darüber sprechen/ schreiben. Über all das was geschehen ist. Sie weiß, dass Sprache die Macht haben kann Ängste zu vertreiben.

Als Leserin hat mich dieses Buch an vielen Stellen sehr berührt. Sandra Hoffmann hat eine wundervolle Art zu schreiben. Ihre Worte sind leise, sensibel und einfühlsam, sie gehen unter die Haut und lassen so viele Gefühle zurück … und die Erkenntnis …sprecht miteinander. Immer und überall, egal wie schlimm die Dinge sind/ waren, denn wenn man seine Ängste, Zweifel … in Worte fasst, sind sie nicht mehr die Dämonen die man fürchtet.

„Aber das verschwiegene Leben von Paula ist verschwiegen geblieben, wie ein Virus hat sich das Schweigen in das Leben unserer Familie geschlichen, wie ein Virus, das sich von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation überträgt.“ (Seite 17)

Was wäre wenn …

Blumenbar, ISBN: 9783351050412, Preis: 16,00 €

Klappentext
Ein junger Mann steht an der Schwelle. Die Prüfung der Jugend hat er gemeistert. Vor dem Erwachsenenlenben fürchtet er sich. Er ist bereit, alles aufzubringen, um sich Gewohnheit und Tristesse zu verwehren, der Ausweglosigkeit des Lebens zu entkommen.
In einer Spätsommernacht besiegelt er einen Pakt mit einem entfernten Bekannten: An sieben Nächten um sieben Uhr wird er losgeschickt in die Nacht, auf dass er eine der sieben Todsünden begegne. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Er wird sich von einem Hochhaus stürzen, Unmengen Fleisch essen, zum absoluten Nichtstun verdammt und zu Polyamorie verführt.
Und bis zum Morgen muss er schreiben, alles erzählen, ohne Zensur, ohne Beschönigung. Denn die sieben Todsünden sind vielleicht seine letzte Rettung.

∗∗∗∗∗

Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
-ob Sin, ob Sucht, ob Sage_
Dein fernbestimmtes: Du mußt

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

(Gottfried Benn)

Ihr alle kennt sicherlich dieses Gefühl, wenn man ein Buch in den Händen hält und weiß, dieses Buch ist etwas ganz besonderes. So erging es mir gestern mit diesem kleinen Buch von Simon Strauss. Auf dem Cover ein zerzauster junger Mann, der einen fragenden/ suchenden Ausdruck auf dem Gesicht hat. Beim Lesen des Klappentextes bekomme ich Gänsehaut und weiß … hier erwartet mich etwas ganz Großartiges. Dann auf den ersten beiden Seiten zwei Gedichte. Unter anderem das von Benn. Schon jetzt bin ich dem Buch hoffnungslos verfallen. Und es geht weiter so. Die Sprache ist der Hammer. Nachdem ich in den letzten beiden Wochen echt „schlechte“ Bücher gelesen habe dacht ich nur …. Endlich, es gibt sie noch die Bücher mit toller Sprache und Poesie … und mit voller Leidenschaft geschrieben!

Doch jetzt erst einmal genug geschwärmt …

Das Debüt von Simon Strauss befasst sich mit einem jungen Mann der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag steht. Er hat Angst diese Schwelle zu übertreten. Angst davor dass das Leben dann monoton und langweilig wird. Der Ich Erzähler schließt mit einem Bekannten einen Packt. In sieben Nächten muss er jeweils eine Todsünde begehen und anschließend darüber schreiben. In einzelnen Kapiteln wird jede Todsünde und die damit verbundenen Erfahrungen und Emotionen beschrieben.

Beim Lesen der einzelnen Kapitel kommt mir das Ganze wie ein Manifest auf die alten Zeiten vor. An Hand der Todsünden spiegelt Strauss  die Zeiten heute und damals. Auf der einen Seite vermisst der Ich Erzähler die Zeit, in der es noch Menschen gab, die Träume hatten, die sich zusammen setzten um Pläne zu schmieden oder Aufstände zu führen. Er beklagt, dass heute jeder nur noch für sich alleine ist und sein Ding macht. Junge Menschen die immer auf der Suche nach neuen Abenteuern sind. Alles muss immer schneller, aufregender, riskanter und moderner sein. In unserer schnelllebigen Zeit hat nichts mehr Bestand. Heute freut man sich auf etwas, morgen macht man es und übermorgen hat man es schon wieder vergessen … ohne Rücksicht auf Verluste. Die Wertigkeit eines Lebens ist scheinbar nur noch davon abhängig ob man mithalten kann oder nicht. Daher ist es gar nicht verwunderlich, dass der Ich Erzähler Angst hat, zum „alten Eisen“ zu gehören. Plötzlich nicht mehr hipp zu sein. Verantwortung übernehmen zu müssen für sich und für eine eventuelle Familie. Angepasstheit ist ihm zuwider. Doch ist dem wirklich so?

Dieses Buch ist so viel mehr als eine banale Geschichte. Es ist ein Suchen und Finden der Identität … nach einer Spur, die man im Sand hinterlassen kann.

„Aber vorher lasst mich noch einmal in den Sand zeichnen. Eine Spur hinterlassen für alle, die noch erschütterbar sind. Für sie ist das hier geschrieben. Ein Text aus Angst. Aus Angst vor dem Übergang. Aber vor allem aus Hoffnung. Aus Hoffnung, dass doch noch etwas kommt.“ (Seite 129)

Ein grandioses Debüt!!! Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich sowohl Sprache als auch Inhalt gefesselt!!! Unbedingt lesen!!!

P.S.: Der Autor fordert an einer Stelle im Buch mehr Ausrufezeichen. Dieser Aufforderung komme ich gerne nach. 🙂

5 von 5 Sterne

Einer, der Dinge liebte

Atlantik Verlag Fester Einband 192 Seiten Erscheinungsdatum : 14.10.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783455650457

Atlantik Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum : 14.10.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455650457

Klappentext
Ob Briefbeschwerer, Vasen, Silberbecher oder Porzellanfiguren – Pierre-François Chaumonts größte Leidenschaft gilt dem Sammeln. Als er eines Tages wie so oft das Pariser Auktionshaus Drouot durchstöbert, entdeckt er ein Porträt aus dem 18. Jahrhundert und traut seinen Augen nicht: Das Gemälde zeigt ihn selbst. Für Pierre-François ist klar, dass er dieses Bild ersteigern und der Ähnlichkeit auf den Grund gehen muss. Seine Recherche führt den Anwalt in ein Dorf in Burgund, wo er zunächst mit ungläubigen Staunen, dann mit großer Freude begrüßt wird: Die Menschen halten ihn für den vor Jahren verschwundenen Grafen von Mandragore und schicken ihn sogleich zum Schloss, wo die Gräfin seit seinem Verschwinden auf seine Rückkehr hofft.

∗∗∗∗∗

„>Wenn du ein echter Sammler werden willst, musst du eines verstehen: Die Dinge, die echten Dinge<, hatte er mit gehobenem Zeigefinger betont, >bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben.<“ (Seite 27)

Pierre-François sammelt seit seiner Kindheit Dinge. Angefangen hat alles mit grünen Radiergummis. Doch eines Tages stellt er fest, dass es nicht allein um das Sammeln von Dingen geht, sondern um deren Besonderheiten. Fortan sammelt er hochwertige Dinge, solche mit Vergangenheit und solche mit Wert.

Eines Tages steht er wieder einmal in seinem Lieblings Auktionshaus, als er ein Porträt sieht, das ihn einfach umhaut. Für Pierre-François ist klar, er muss dieses Bild haben. Ihm gelingt es dieses Bild für eine Unsumme zu ersteigern. Zu Hause verschweigt er erst einmal das Bild. Doch lange kann er es nicht für sich behalten und zeigt es seiner Frau. Doch ihre Reaktion erschüttert ihn. Sie sieht einfach nicht die frappierende Ähnlichkeit zwischen dem Mann auf dem Bild und Pierre-François. Auch Freunde und Bekannt sehen keine Ähnlichkeit.

Pierre-François, fassungslos, traurig und enttäuscht , macht sich daran heraus zu bekommen wo dieses Bild entstanden ist und fährt an den Ort, wo es entstand. Dort angekommen erwartet ihn eine Überraschung, die sein bisheriges Leben auf den Kopf stellt …

„Dieses Porträt von mir, das zweieinhalb Jahrhunderte zuvor angefertigt worden war und nun in meinem sechsundvierzigsten Lebensjahr auftauchte, war der Wendepunkt eines vor langer Zeit begonnenen Anhäufens von Dingen. Jahr um Jahr, Gegenstand um Gegenstand, Rechnung um Rechnung, bis zu diesem späten Vormittag im Saal 8 des Auktionshauses Drouot.“ (Seite 19)

Antoine Laurains dritter Roman zieht mich wieder in den Bann. Schon die ersten Seiten ziehen mich in eine Geschichte, die wie ein Gemälde daher kommt. Mit feinen Pinselstrichen kreiert Laurrain das Leben von Pierre-François, einem Mann, der eigentlich in seinem Leben mehr oder weniger unglücklich ist. Dem nur noch seine Sammelleidenschaft Freude bringt. Und ausgerechnet diese Leidenschaft bringt ihm auch ein neues Leben.

Auch wenn es manchmal den Anschein hat, dass die Geschichte doch etwas abgedreht ist, so bietet sie mir als Leserin die Möglichkeit zu sehen wie es wäre wenn man sein bisheriges Leben einfach so hinter sich lassen könnte, um ein neues zu beginnen. Sicherlich gestaltet es sich nicht so einfach wie in Laurains Roman, doch warum soll man an etwas festhalten, dass einen unglücklich macht? Warum nicht ein neues Leben beginnen, wenn das alte eingefahren ist oder nur noch unglücklich macht oder bevor das Ich verschwindet …

„Ohne es zu wissen, verschwand ich bereits.“ (Seite 94)

Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen

Lebensfragen

Mare Verlag Fester Einband 288 Seiten Erscheinungsdatum: 09.02.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783866482456

Mare Verlag
Fester Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.02.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783866482456

Klappentext
Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont-Saint-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Wattenmeer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf: Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch er vermisst das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinterlassen – und Nachkommen, die seine Arbeit später schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinnerungen an seinen Großvater Jakob Fiedler – den damaligen Absender der Karte vom Mont-Saint-Michel – wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und seine Familie ernährt hatte. Die Flut der Fragen, die sich dem Enkel mit einem Mal aufdrängen, entfaltet eine ungeahnte Wucht … Bis ihm die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen die Augen öffnet für eine ganz neue Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.

∗∗∗

„Es war, wie wenn nach einem bewegenden Film das Licht angeht und man sich in einem Kinosaal wiederfindet. Es war eine Desillusionierung. Ich deutete sie als Mahnung, mich beim Blick auf die Vergangenheit nicht der Nostalgie hinzugeben, sondern das Erinnern unter Berücksichtigung der größeren Zusammenhänge strategisch anzugehen.“  (Seite 30)

Der Protagonist in dieser Geschichte hat keinen Namen. Er ist gerade fünfzig geworden und zieht eine Bilanz seines Lebens. Dabei stellt er fest, dass er zwar sehr erfolgreich in seinem Beruf ist, doch dass er niemanden hat, mit dem er dies teilen kann. Keine Frau und keine Kinder. Niemand ist da, dem er etwas hinterlassen kann. Doch darauf folgt die weitere Frage … was wenn er jemanden hätte dem er etwas hinterlassen könnte … was wäre es dann. Aus seiner Sicht hat er nicht geschaffen in seinem Leben, was erwähnen wert wäre.
Anders sieht es mit seinem Großvater aus. Durch eine kurze Sequenz in einem Kinofilm erinnert er sich an seinen Gr0ßvater und dem was er großartiges geleistet hat. Kurzerhand beschließt er sich auf die Spuren seines Großvater zu begeben, in der Hoffnung darüber mehr über sich zu erfahren. Und während dieser „Reise“ begegnet er Neringa, die eine andere Sich auf die Dinge des Lebens hat als er.

„Sie kennen keine Schwere, wenn sie tanzen, antwortet sie. Wenn ein Mensch tanzt, wirkt die Trägheit der Materie als Gegenkraft. Die Figuren wissen davon nichts. Die Kraft, die sie emporhebt, ist größer als die Kraft, dies sie an die Erde fesselt. Sie streifen die Erde nur. Und sie müssen sich auch nicht auf festen Boden von den Anstrengungen des Tanzen erholen.
Sie brauchen kein solides Pflaster unter den Füßen, sagte ich.“ (Seite 170)

Ehrlich gesagt reißt mich dieses Buch hin und her. Ich bin fasziniert von der Sprache und der Sprachgewalt dieses Buches. Stefan Moster erzählt seine Geschichte um den namenlosen Protagonisten klar und strukturiert, dennoch schwingt eine gewisse Melancholie zwischen den Zeilen, eine Sehnsucht nach Antworten. Antworten auf die Fragen des Lebens, die sich (auch ich) viele Menschen in der Mitte des Lebens stellen. Wer bin ich, was habe ich erreicht im Leben, wie wird mein Leben weiter gehen. Und jeder geht damit anders um. Die einen suchen immer weiter ohne jemals eine Antwort zu finden, die anderen finden eine  Antwort und wiederum andere brauchen irgendwann keine Antwort, weil sie plötzlich wissen und fühlen was wichtig ist im Leben.

Auf der Suche nach Antworten wird aber auch klar, wie sehr sich Realität und Erinnerungen miteinander vermischen, und dass diese nicht immer übereinstimmen. Das es vorkommen kann, dass man Menschen oder Begebenheiten auf einen „Sockel“ stellt, aber die Realität vollkommen anders war/ ist.

Ich habe mich lange gefragt, warum Mosters Protagonist keinen Namen hat. Vielleicht hat er deshalb keinen Namen, weil es einfach symbolisieren soll, dass er noch nicht seine wahre Identität im Leben gefunden hat, dass er noch auf der Suche ist. Im Pendant dazu schafft Moster eine Frau die Neringa heißt. Neringa ist eine Stadt in der Gemeinde Neringa, in Litauen. Symbolisiert also Heimat/ zu Hause sein. Und in der Tat scheint es so, als würde der namenlose Protagonist am Ende eine Art Heimat bei Neringa finden.

„Ihre Art zu lieben kannte keine Eile, keine Ungeduld, keinen Vorgriff auf die Zukunft und keine Bedingungen. Sie brauchte weder Losungsworte noch Bekenntnisse. Sie liebte, was vorhanden war, den gemeinsam erlebten Moment, den man nicht in Worte fassen musste.“ (Seite 197)

Ich habe dieses Buch gerne gelesen und es hat mir eines wieder einmal klar gemacht … es bringt nichts Vergangenem nachzutrauern … es bringt vielleicht bedingt etwas sich zu grübeln  wie das Leben weiter gehen kann und was ich der Nachwelt hinterlasse … aber da erinnere ich mich an ein Zitat, das ich erst vor ein paar Tagen gelesen habe …

„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“ (Sören Kierkegaard)

 

4 von 5 Sternen

 

Wunderschöne Geschichte in einer tollen Kulisse ♥

Insel Verlag Flexibler Einband  350 Seiten Erscheinungsdatum: 09.05.2015  Preis: 9,99 € ISBN: 9783458360773

Insel Verlag
Flexibler Einband
350 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.05.2015
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783458360773

Klappentext
Stow-on-the-Wold ist ein kleines idyllisches Städtchen in den Cotswolds im Herzen Englands. Hierher verschlägt es die dreißigjährige Annett aus Berlin: Völlig überraschend hat sie ein kleines Hotel geerbt, das ihrer Großmutter gehört. Beim Anblick der sanft geschwungenen Hügel fühlt sie sich sofort heimisch und beschließt, Berlin hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen: beruflich und auch in der Liebe. Schon bald lernt sie den charmanten Landschaftsarchitekten Edward kennen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, doch Edward scheint zu zögern …

∗∗∗∗∗

„Eine Liebe bliebt eine Liebe. Selbst wenn sie zerbricht.“ (Seite 61)
„Wahre Liebe erwartet nichts, deshalb zerbricht sie auch nicht.“ ( Seite 84/85)

Annett hat ihr Leben in Berlin. Sie arbeitet als Mediatorin und langsam fasst sie damit Fuß. Mit Ingo glaubt sie den perfekten Partner an ihrer Seite zu haben. Doch an einem einzigen Tag bricht ihre Welt zusammen. Statt des erhofften Heiratsantrags verkündet Ingo, dass er für ein Jahr nach Amerika gehen wird. Annett trennt sich von Ingo. Am gleichen Abend erfährt sie, dass ihre geliebte Großmutter Jetta plötzlich verstorben ist. Sie macht sich sofort auf den Weg nach England.

„Jettas Tod erinnert mich daran, dass ich etwas Wichtiges versäumt habe. Jemandem nahe zu sein und dadurch mich selbst zu erkennen.“ (Seite 128)

In Stow-on-the-Wold angekommen, kümmert sie sich erst einmal um die Beerdigung ihrer Großmutter und das kleine Hotel, welches der Großmutter gehörte. Bei den Vorbereitungen für die Beerdigung trifft sie auf Edward, der ihre Großmutter Jetta gekannt hat. Beide fühlen sich voneinander angezogen. Doch Edward hat mit seinen eigenen Familienverhältnissen zu kämpfen.

„Er spürte, dass er im Begriff war, sich auf eine völlig neue Weise zu verlieben. Nicht nur mit Herz und jeder Faser seines Körpers, wie er es kannte. Diesmal war es, als würde er an einen warmen, sicheren Ort schlüpfen, wo es nur noch die Liebe gab.“ (Seite 212)

Annett fühlt sich wohl in diesem Hotel und auch in den Cotswolds. Bei der Testamentseröffnung wird schnell klar, dass Annett und nicht ihre Mutter das Hotel geerbt hat. Doch wird Annett das Erbe annehmen? Und wie reagiert ihre Mutter auf das Testament?

„Ich habe mich verliebt, weil ich das Leben, das wir damals führten, nicht mehr ertragen konnte. Wir hatten das Wunder des Lebens verloren. Wir haben nur noch existiert. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als emotional auszuweichen.“ (Seite 254)

Ein wundervoller Roman, den ich an einem Sommertag gelesen habe. Man taucht ein, und mag gar nicht mehr wieder zurück kommen. Mit jeder Seite fühlte ich mich Annett verbunden. Konnte die Cotswolds riechen und bildliche vor mir sehen. Die wundervollen Garten und Cottages weckten eine Sehnsucht in mir, sofort hinzureisen. Diese Sehnsucht wurde noch größer, als die Autorin Gabriele Diechler Bilder dieser Gegend auf Facebook postete. Sie hatte sie bei einer Recherchereise dort aufgenommen.

Der Roman gliedert sich zu Anfang in zwei Erzählstränge. Später fällt einer weg, dafür gibt es dann hin und wieder Rückblicke, sowie Tagebucheinträge. Der Stil lässt sich flüssig lesen.

Thematisch befasst sich Gabriele Diechlers Roman … mit den gestohlenen Biografien der Kinder der Widerstandskämpfer …  dem Verlust und Suche der eigenen Identität … dem Verzeihen und Loslassen …

„Eine kluge Frau hat einmal zu mir gesagt, Verzeihen sei, als würde man zum ersten Mal auf ein Fahrrad steigen und losfahren. Der Entschluss, es zu versuchen und fest in die Pedale zu treten, reiche aus.“ (Seite 343)

An dieser Stelle möchte ich auch einmal das Nachwort erwähnen. Ich liebe Nachworte. Gabrieles Nachwort hat mich sehr berührt. Es zeigt wie engagiert sie ist. Wie sehr ihr das Schreiben, aber auch die Leser*innen am Herzen liegen. Keine an sie gestellten Fragen bleiben unbeantwortet und wie schon erwähnt, gibt sie auch Details, wie die Bilder auf Facebook, preis.

„Die Liebe ist seit langem mein Leitmotiv, und das Leben bietet mir immer wieder Gelegenheiten, mich noch eingehender damit zu befassen. Besonders in schwierigen Momenten durfte ich entdecken, dass die Liebe nie vergeht, sie ist sogar im Schatten zu finden – wenn wir selbst das Licht sind, Traurigkeit annehmen und sie so irgendwann in Zuversicht wandeln.“ (Seite 362)

Liebe Gabriele, mit den nachfolgenden Worten aus Deinem Nachwort sprichst Du mir aus der Seele. Ich freue mich, dass ich Dein Buch lesen durfte. Es hat mir viel geschenkt. Dafür danke ich Dir sehr ♥♥♥

„Große Freude empfinde ich, wenn ich an die Menschen denke, die Bücher lieben, kaufen, lesen, weiterempfehlen, besprechen, die ohne die Geschichten, die wir Autorinnen und Autoren uns ausdenken, nicht sein wollen.
Die Liebe zu Büchern, zum Wort, zu Geschichten eint uns!!!“ (Seite 263)

Unbedingt lesen, denn …

„Tu alles, was du kannst, in der Zeit, die du hast, an dem Ort, wo du bist!“ (Nikosi Johnson)

 

5 von 5 Sternen