„Klara vergessen“ von Isabelle Autissier

mare
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.02.2020
ISBN: 9783866486270
Preis: 24,00 Euro

Klappentext

Murmansk, nördlich des Polarkreises. Zum ersten Mal kehrt Juri, der längst als Ornithologe in Nordamerika lebt, in seine Heimat zurück. Sein Vater Rubin liegt im Sterben, lediglich das Rätsel um Juris Großmutter Klara – eine Wissenschaftlerin zur Zeit Stalins, die vor den Augen des damals vierjährigen Rubin verhaftet wurde – hält ihn am Leben. Klaras Verschwinden und eine Jugend voller Entbehrungen haben aus Rubin einen unerbittlichen Fischer und hartherzigen Vater gemacht, der seinen ungeliebten Sohn nun in einem letzten Aufeinandertreffen um Hilfe bittet: Er soll herausfinden, was mit Klara passiert ist. Und schließlich stößt Juri auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle drei Schicksale – sein eigenes, Klaras und Rubins – miteinander verknüpft sind …

∗∗∗∗∗

„Behaupte dich, schlag zu, geh drauflos! Das waren seine immer gleichen Worte, als er jung war. Juri konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater ihn um Frieden bat, einen letzten Segen.“ (Seite 19)

 „An guten Tagen war es mit dem Training ausgestanden. An schlechten zerrte Rubin, wenn er mitten in der Nacht mit glasigem Blick und lallend nach Hause kam, den Jungen aus dem Bett, weil er vergessen hatte, dass der die Prüfung schon hinter sich hatte. Diese zusätzliche Lektion artete in Geschrei und Gürtelschläge aus. Am nächsten Tag würde das ganze Haus wissen, dass Juri gezüchtigt worden war, und darüber lachen, wie unsicher er auf seinen schmerzenden Beinen stand.“ (Seite 66)

 Juri ist 46 Jahre alt, Ornithologe und lebt seit 26 Jahren in New York. Damals ist er geflohen … aus seinem Land, der UdSSR und vor seiner Familie bzw. seinem Vater. Er hat ein gutes Leben in New York. Und jetzt ist da plötzlich dieser Brief der ehemaligen Nachbarin, die ihn bittet in die Heimat zurück zu kommen, da sein Vater im Sterben liegt und den Sohn noch einmal sehen möchte. Juri ist hin und her gerissen. Was will sein Vater von ihm? Absolution für das was er Juri angetan hat?

Er ringt sich durch und reist in seine alte Heimat, nach Murmansk. Am Sterbebett des Vaters hört er vom letzten Wunsch seines Vater … Juri soll die Wahrheit über das Verschwinden von Klara heraus finden. Klara, eine renommierte Wissenschaftlerin, ist Juris Großmutter und Rubins Mutter. Als Rubin 6 Jahre alt war, wurde die Mutter vor seinen Augen wegen Spionage verhaftet und man hörte nie wieder etwas von ihr.

Nur widerwillig erklärt sich Juri bereit nach Klara und der Wahrheit zu forschen, in der Hoffnung so mehr über die geheime Familiengeschichte zu erfahren. Einer Geschichte, die das Leben der Protagonisten nach Klaras Verhaftung drastisch verändert hat…

„Sie setzte die Tasse ab und rieb nervös die Hände aneinander. Sie senkte den Kopf, um zu vermeiden, die Akte anzusehen, als sei sie verhext. Siebzig Jahre später war die Angst immer noch da. Das MGB gab es nicht mehr, ebenso wenig den KGB, aber die Schatten lagen noch immer bedrohlich über allem.“ (Seite 145)

In wechselnden Kapitel erzählen Juri und Rubin aus ihrem Leben. Ich erfahre wie es Rubin ergeht, nachdem die Mutter fort ist. Er wächst bei einem schwachen Vater auf und findet später Stärke und Halt in seiner Arbeit als Kapitän eines sowjetischen Fischtrawlers. Als sein Sohn Juri geboren wird, will er seinem Sohn von Anfang an zu einem starken Mann heranziehen, anders als sein Vater. Doch Juri ist eher der weiche Typ. Irgendwann flieht Juri vor seinem Vater und seiner Heimat. Beide leben in einer Zeit und in einem Land, in der man vorsichtig sein muss mit dem was man sagt und tut. Überall wird man denunziert, verraten, angeklagt und/ oder verschwindet im Nirgendwo.

Das Buch erzählt aber nicht nur die Lebensgeschichte der beiden, nein, sie erzählt auch von Suche nach Klara, und das dies nicht einfach ist, weil Akten verschwunden sind oder Teile davon geschwärzt wurden. Und deshalb ist es um so spannender, als im letzten Drittel dann Klara zu Wort kommt und ihre Geschichte erzählt, wie es zu all dem gekommen ist und was aus ihr wurde …

„Binnen weniger Stunden war Juri zum Sohn eines Mörders und Enkel eines Verräters geworden. Obwohl er wusste, dass dies keine vererbbaren Charaktereigenschaften waren, fragte er sich, welche Rolle die Abstammung spielte. Hatte auch Klara ein Verbrechen begannen, oder war sie eine echte Spionin gewesen? (Seite 155)

Ich habe mich sehr auf den neuen Autissier gefreut und doch hatte ich auch gleichzeitig Angst. Wird der neue Roman genauso gut sein wie „Herz auf Eis“, ein Roman, der mir die Füße unter dem Boden weggerissen hat, weil er so intensiv war, so unglaublich anders … Aber meine Angst war unbegründet. Schon nach wenigen Seiten hat mich Autissiers Erzählweise gepackt. Was sie über Juris und Rubins Leben erzählt, von der Zeit Stalins, dem Gulag … einfach unglaublich packend, zuweilen aber auch wie in ihrem ersten Buch sehr intensiv und erschütternd.

„Klara vergessen“ ist ein Roman der Genrationen. Er zeigt was mit einer Familie passieren kann, wenn das Gefüge aus dem Gleichgewicht gerät. Mit der Verhaftung Klaras wegen Spionage , wird aus Rubin der Sohn einer Volksverräterin und brutaler Vater, was auch Auswirkungen auf Juris Leben hat.

Neben der Geschichte um Juris Familie habe ich aber auch sehr viel über die stalinistische Zeit erfahren. Unter anderem auch wie mit Menschen umgegangen wurde, die sich nicht dem Regime unterworfen haben und im Gulag gelandet sind.

„Wie die meisten seiner Landsleute hatte Juri sich nie Näher mit dem Gulag beschäftigt. Jetzt wo seine eigene Familie einen Platz in der Geschichte einnahm, wurde er zum Spezialisten. Die Faszination, die für ihn von der erbarmungslosen Maschinerie ausging, war ebenso groß wie sein Entsetzen über das erschütternde Schicksal seiner Großmutter. Beim Durchforsten der Vergangenheit suchte er auch ein wenig sich selbst, denjenigen, der ebenso Antons Zaghaftigkeit wie Klaras Aufsässigkeit geerbt hatte. Hätten diese beiden Menschen nicht zu jener Zeit gelebt, wäre Rubin und auch sein eigenes Leben anders verlaufen. Dieser Gedanke quälte ihn.“ (Seite 241)

Wieder hat Autissier einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Anders als „Herz auf Eis“, aber genauso intensiv und zärtlich wie auch erschütternd und brutal. Unbedingt lesen!

Danke Isabelle Autissier für diese außergewöhnliche Art zu schreiben, die jedes Leserherz höher schlagen lässt. ♥♥♥

Rückblick & Einblick … Januar 2020

 

Hallo Ihr Lieben,

in diesem Jahr wird es ein paar kleine Änderungen geben. Wie bei vielen von euch, ist auch meine Lese- und Lebenszeit sehr begrenzt. Deshalb werde ich mich nicht mehr mit Büchern aufhalten, die mich nach ca. 100 Seiten nicht packen. Sie werden rigoros abgebrochen, nicht besprochen, weder kurz noch lang, vielleicht gibt es eine kurze Erwähnung. Somit fällt die Kategorie „Kurz & Knapp“ weg. Unter der neuen Rubrik „Rückblick & Einblick“ erzähle ich euch von meinen gelesenen Büchern und dem was ich ansonsten so gemacht habe.

∗∗∗

Rückblick

Der Januar ist ein ruhiger Monat im Buchhandel. Nachdem das Weihnachtssortiment eingelagert wurde, die Silvesterdeko ebenfalls, ist Anfang Januar das große Räumen und putzen angesagt. Aber damit ist man in so einer „kleinen“ Buchhandlung schnell durch. Somit bleibt viel Zeit für Bücher. Ich habe im Januar 8 Bücher gelesen. Zwei davon waren schon echte Highlights in diesem Monat, zwei totale Flops und der Rest war unterhaltsam.

Highlight waren das neue Buch von Isabelle Autissier „Klara vergessen“  aus dem Mare Verlag (erscheint am 04.02.2020) und das Debüt von Katya Apekina „Je tiefer das Wasser“ aus dem Suhrkamp Verlag (erscheint am 17.02.2020). Zu beiden Büchern wird es eine ausführliche Rezension geben. Hier nur kurz warum die beiden ein Highlight waren.

Auf den neuen Autissier habe ich mich sehr gefreut, hatte jedoch Angst, dass meine Erwartungen viel zu hoch sind, nachdem mich „Herz auf Eis“ so begeistert hatte. In „Klara vergessen“ geht es um eine Familiengeschichte die in der Zeit der ehemaligen UdSSR beginnt und in der Jetztzeit endet. Das Ganze ist so spannend, emotional, realistisch und brutal beschrieben. Sie schildert die Geschichte einer Frau, die zu KGB Zeiten inhaftiert wird, wie ihre Familien damit umgeht und welche Auswirkungen dies alles auf die weitere Generationen hat. Hier hat Autissier wieder einmal ihr ganzes Können gezeigt. Chapeau!

Das Debüt von Apekina hat mich echt umgehauen. Auch sie erzählt eine Familiengeschichte. Doch eine ganz andere. Die Mutter versucht sich umzubringen, landet in einer Klinik, die Kinder kommen zum Vater, den sie nie wirklich kennen gelernt haben, da er die Familie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes verließ. Apekina erzählt eine Geschichte über die Suche nach Liebe und Anmerkung, und zeigt dabei ein Szenario auf, das mich erschüttert hat. Auch hier kann ich nur Chapeau sagen!

Zu den Flops gehören „Der Freund“ von Sigrid Nunez aus dem Aufbau Verlag und „Nix passiert“ von Kathrin Weißling aus dem Ullstein Verlag. Die beiden habe ich abgebrochen. Leute …. beide Bücher waren so zäh und langweilig, dass ich irgendwann einfach nicht mehr weiter lesen wollte. In „Nix passiert“ jammert ein junger Mann rum. Kann nicht verstehen warum seine Freundin ihn verlassen hat. Kehrt zu Mama zurück und jammert da weiter. Das war mir dann irgendwann zu viel. In „Der Freund“ verarbeitet eine Frau den Verlust ihres besten Freundes. Ich frage mich nur wo das auf all den Seiten statt gefunden hat. Auch hier passiert alles mögliche, nur nicht das was im Klappentext beschreiben steht. Nein danke …

Zu den restlichen Büchern gibt es Rezensionen, bis auf Alex Oetkers Buch. Hier habe ich keine geschrieben. Ich mag seine Krimis sehr, da sie nicht so blutig sind, und dennoch sehr spannend. Auch der neuste Fall um Luke Verlain war wieder mega spannend, begleitet von guten Weinen und ebenso gutem Essen. Am Ende gab es dann eine große Überraschung! Hier die Rezensionslinks zu „Die Kakerlake“ von Ian McEwan aud dem Diogenes Verlag, „Geteilt durch zwei“ von Barbara Kunrath erschienen bei Ullstein und „Goldkind“ von Claire Adam aus dem Hoffmann & Campe Verlag.

∗∗∗

Einblick

Die letzten Monate in 2019 waren ja nicht so wirklich meine. Ihr habt es ja gelesen. Im neuen Jahr möchte ich versuchen die Zeit intensiver zu nutzen, zu genießen, zu leben … Das ist erst einmal gar nicht so einfach, und ich werde sicherlich sehr oft in alte Muster zurück fallen, dennoch möchte ich es versuchen. Natürlich sind das nicht weltbewegende Dinge und für euch vielleicht völlig normal und alltäglich, und nicht alles was ich mach habe ich sonst nicht auch schon gemacht. Doch es ist mir bei all dem wichtig, das Ganze wirklich bewusst zu erleben und nicht mal eben zwischendurch oder weil man es halt so macht.

Ende des Monats haben wir uns eine kleine Auszeit gegönnt und waren in Bütgenbach. Das leigt kurz hinter der deutschen Grenze in Belgien. Von dort ist es nicht weit in das Hohe Venn. (Ja, es heißt das Hohe Venn). Auf der FB Seite von Angelika liest gibt es Bilder. Leute, da ist es soooo schön. Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann fahrt einmal dort hin. Obwohl wir Winter haben, ist die Landschaft im Hochmoor einfach unglaublich schön. Ich hänge euch noch ein paar Bilder unten dran.

Eure Angelika ♥♥♥

 

 

 

Psychothriller der Emotionen

Mare Verlag
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
07.03.2017
Preis: 22,00
ISBN: 9783866482562

Klappentext
Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie. Also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn reißt ein Sturm ihre Jacht und damit jegliche Verbindung zur Außenwelt mit sich fort. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltag moderner Großstädter gedacht war, wird zum existenziellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Nicht weniger aufreibend ist das psychologische Drama, das sich zwischen den Partnern entspinnt. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht?

∗∗∗∗∗

„Ludovic versucht, nicht ungeduldig zu klingen, aber sie geht ihm auf die Nerven mit ihren ständigen Sorgen. Hätte er auf sie gehört, wären sie jetzt nicht hier, majestätisch, vollkommen allein am Ende der Welt. Sie hätten das Schiff nicht gekauft und diese grandiose Reise gar nicht angetreten.“ (Seite 8)

Ludovic ist ein hipper Typ mit einem betuchten Elternhaus. Er liebt Partys, Frauen und das Leben.

Louise ist das genaue Gegenteil. Unscheinbar, die Tochter eines einfachen Kaufmannes und interessiert sich nur fürs Bergsteigen.

Eines Tages treffen die Beiden aufeinander und verlieben sich ineinander. Nach einem halben Jahr ziehen sie zusammen. Aber Ludovic ist ein unruhiger Typ, der das Leben spüren muss. Er hat das Leben in der Stadt satt, will die Welt umsegeln, will etwas erleben. Nach viele Gesprächen und unterschiedlichsten Argumenten schafft Ludovic es, dass Louise zustimmt und mit ihm ein Sabbatjahr einlegt, um die Welt zu umsegeln.

„Keiner kommentiert die Situation. Sie bewegen sich, das wissen beide, auf vermintem Gebiet, wo sie leicht in Streit geraten können: sie, die Vorsichtige, er, der Impulsive.“ (Seite 16)

Ein Freund hatte ihnen von dieser Insel und den tollen Gletschern erzählt. Obwohl diese unter Naturschutz steht und nicht betreten werden darf, machen sie auf ihrer Reise einen Abstecher dort hin. Während sie auf einem Berg rumkraxeln verschlechtert sich das Wetter und Louise mahnt zur Rückkehr. Doch wieder einmal gelingt es Ludovic Louises Bedenken zu zerstreuen. Plötzlich kippt das Wetter und ihnen bleibt nur eine Höhle, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Als das Unwetter vorbei ist, bemerken sie, dass ihr Boot nicht mehr da ist. Sie sind auf der Insel gestrandet. Was jetzt? Der pure Überlebenskampf beginnt …

„Die Stille ist ein Nicht-Geräusch, wie Nicht-Existenz, die sie leben. Wie ein Albtraum, in dem alles verschwunden ist.“ (Seite 111)

Was für ein Hammer Buch!!! Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.

Schon nach den ersten Seiten hat die Geschichte mich gepackt, denn man ist von Anfang an mitten im Geschehen. Louise und Ludovic sind auf diese Insel gestrandet. Es geht ums Überleben. Und dieses Überleben schildert Autissier in einer Art und Weise, die mich zeitweise an meine emotionale Grenze gebracht hat. Ich bin schockiert, betroffen, angeekelt  und kann dennoch nicht aufhören zu lesen. Autissiers Stil ist klar, ohne Schnörkel. Sie verschont mich nicht, beschönigt nichts und dramatisiert nichts … und damit zieht sich mich in den Bann des Buches. Mit jeder Seite hoffe ich auf Rettung und denke schlimmer kann es nicht mehr kommen, doch es kommt noch schlimmer. Denn es geht um zwei Menschen, die um ihr Überleben kämpfen. Es geht um die Frage, wie weit geht der einzelne, um zu überleben?

„Die Angst hat das Allerwichtigste zerstört: ihre Gefühle, ihre Menschlichkeit.“ (Seite 113)

Dieses Buch ist definitiv eines der intensivsten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Ich bin immer noch voller Emotionen, wenn ich an die Geschichte denke.

„Herz auf Eis“ ein ganz außergewöhnliches und intensives Buch.

Chapeau Isabelle Autissier!

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus