„Der große Sommer“ von Ewald Arenz

DuMont Buchverlag, Fester Einband, 320 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783832181536, Hier kaufen -> Klick aufs Bild

Klappentext

Als erwachsener Mann läuft Frieder über einen Friedhof. Während er nach einem bestimmten Grab sucht, erinnert er den Sommer, der ihn für immer geprägt hat. Die Aussicht, sich bei seinem unnahbaren Großvater auf die Nachprüfungen vorbereiten zu müssen, findet Frieder niederschmetternd. Doch dann kommt alles anders als erwartet: Er verbringt die Wochen nicht eingesperrt in einer Lernstube. Vielmehr erlebt Frieder mit Beate die erste große Liebe, mit all den aufregenden und verunsichernden Momenten, die dazugehören. Er erfährt von der komplizierten und dennoch beglückenden Liebe seine Großeltern. Er genießt unbeschwerte Tage im Schwimmbad, die tiefe Verbundenheit mit seiner Schwester Alma und seinem besten Freund Johann. Zugleich gerät er in Situationen, in denen er lernt, was es heißt, wahrhaftig ein Freund zu sein – und das nicht zuletzt durch den Großvater. Frieder ahnt, dass es ein Sommer ist, wie es vermutlich keinen zweiten mehr für ihn geben wird.

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Kurz vor den Ferien lernt Frieder Beate kennen. Er findet sie auf Anhieb toll. Doch die Ferien stehen vor der Tür und mit ihr die Gewissheit, dass er seine Ferien bei seinen Großeltern verbringen muss, um dort mit seinem Großvater für die Nachprüfung zu lernen. Frieder ist alles andere als begeistert. Doch dann passiert das Unwahrscheinliche … das Lernen mit dem Großvater ist gar nicht so öde und er hat mehr Freiheiten als gedacht … und so erlebt Frieder einen Sommer, den er nie vergessen wird …

„Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles verändert. Ja. Vielleicht ist es nicht Trauer allein, sondern vor allem eine Sehnsucht nach diesem Sommer – nach diesem unwiederbringlichen, zitternd schönen Zauber der ersten Male.“ (Seite 11)

Zuerst habe ich gedacht, noch so ein „Coming-out-of-Age Roman, doch schnell wurde mir klar, der hier ist anders. Bei Wells habe ich mich ja beim Lesen zu Tode gelangweilt, vielleicht weil ich nicht die sogenannte Zielgruppe war. Anders bei diesem Buch. Vielleicht liegt es daran, dass sich Frieder als „alter Mann“ an diesen Sommer erinnert und es auch ein paar Einschübe aus seinem jetzigen Leben gibt. Ich habe Frieders Geschichte sozusagen inhaliert, so als wäre ich ein Teil der Geschichte.

Ich bin jetzt noch ganz beseelt von diesem Buch. Was für eine schöne Sprache, was für tolle Sätze. Mit jedem Wort merkt man, das es Ewald Arenz Spaß gemacht hat, dieses Buch zu schreiben. Selten habe ich es erlebt, dass ein Autor seine Figuren „liebt“. Jede einzelne ist bis ins kleinste hervorragend definiert, so real. Dieses Buch/ diese Geschichte lässt mich mit ganz viel Wärme und Liebe zurück.

Danke Ewald Arenz für diesen Lesegenuss ♥

„Heute ist so ein Tag. Ein Tag, an dem ich mich frage, ob aus dem Jungen von damals, dieser Mann werden musste, der zu früh aufwacht und überlegt, ob er sein Leben noch richtig lebt.(…) Da kommen sie alle, so jung, wie wir es damals waren: Alma. Johann. Beate. Und Nana. Immer wieder denke ich an den Sommer, aus dem für mich alles hervorgegangen ist: mein Leben, wie es heute ist.“ (Seite 40)

„Das Glück meiner Mutter“ von Thommie Bayer

Piper Verlag, Fester Einband, 224 Seiten, Preis: 22,00 Euro, ISBN: 9783492057264, Hier kaufen -> Klick aufs Bild

Klappentext

Phillip Dorn hat nach Monaten harter Arbeit Ferien verdient. Allein bricht er auf nach Italien, um in der Ruhe eines Ferienhauses seine Gedanken zu ordnen. Phillip genießt die Pasta und den Rotwein, macht Ausflüge in die toskanische Umgebung und lauscht nachts dem Konzert der Zikaden. Während alldem stellt er sich seinen großen Fragen: warum die Beziehung zu Brigitte zerbrochen ist und welchen Anteil er am Unglück seiner Mutter hat. In seiner willkommenen Einsamkeit wird er eines Nachts jäh gestört, als sich eine junge Frau in seinen Garten stiehlt und ihn mit der selbstverständlichen Art, in einem fremden Pool zu baden, in ihren Bann schlägt. Bis sie auf seiner Terrasse steht und sich als seine Nachbarin Livia vorstellt. Auf einen Wein und eine späte Zigarette kommen die beiden von nun an jede Nacht zusammen, und Phillip beginnt sich der faszinierenden Fremden immer näher zu fühlen. Und auch Livia zieht ihn immer mehr ins Vertrauen über ihr eigenes Leben.

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„Meine Altersgenossen, zumindest die Großstadtbewohner unter ihnen, landen über kurz oder lang beim Alleinsein. Ob wir nun bindungsunfähig oder -unwillig sind, ob wir Familien gegründet und später auseinandergerissen oder gar nicht erst haben zustande kommen lassen, ob wir erträgliches oder eher prekäres Auskommen, wirkliche Freunde oder nur Kollegen haben – die meisten von uns müssen damit zurechtkommen, dass ein Leben ohne Kompromisse auch ein Leben ohne Partner ist.“ (Seite 88)

Phillip Dorn, erfolgreicher Drehbuchautor beschließt sich endlich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen … mit seinem Traumauto, ein Cabriolet, eine Reise in die Toskana zu machen. Es ist eine Reise, die er gedanklich mit seiner Mutter macht. Einer Frau, die immer für ihn da war, die sogar dem Son zuliebe,  auf ein glückliches Leben mit einem Mann verzichtet hat. Dorn erinnert sich auf der Fahrt in die Toskana und später auch an seinem Urlaubsziel an seine Mutter, an ihre Warmherzigkeit und Güte. Er reflektiert aber auch sein eigenes Leben. Seine zerbrochene Beziehung, seiner Einsamkeit, gewollt oder ungewollt und stellt sich letztendlich auch die Frage, wie wäre beider Leben verlaufen, wenn die Mutter mit dem Sohn das andere Leben gelebt hätte …

„Das muss das Alter sein, dachte ich, wenn dir auf einmal klar wird, dass das Beste, was dir passieren kann, die Aussicht ist, dass alles so bleibt, wie es ist, dass dich keine Krankheit niederwirft, niemand an dir ein Verbrechen verübt, Siechtum und Tod dich möglichst lange nicht erwischen – wird Zeit, zu begreifen, dass du glücklich bist. (…)Die Abwesenheit von Glück merkt jeder, die Anwesenheit nicht unbedingt.“ (Seite 157/158)

 Dieses kleine, aber feine Buch hat mich berührt. Auf zweierlei Weise … da ist diese Mutter, die für ihren Sohn auf ein „besseres“ Leben verzichtet, und die dennoch so voller Liebe, Güte und Warmherzigkeit ist, und diese ihrem Sohn gibt. Und dann ist da Phillip, der Sohn, der sich fragt, ob seine Mutter ein besseres und glücklicheres Leben gehabt hätte, wenn er ihr nicht im Weg „gestanden“ hätte.

Auf dieser Reise ist Phillip seiner Mutter nahe und wird ihr durch eine besondere Begegnung noch näher kommen …

Behutsam erzählt Thommie Bayer diese Geschichte und lässt mir als Leserin den Platz, mir meine eigenen Gedanken zu diesen Themen zu machen. Wie wirkt sich mein Leben, meine Entscheidungen auf das Leben andere in meinem Umfeld aus?

„Als Kind konsumierst du Liebe und Fürsorge wie Atemluft, sie ist einfach da und wird nicht knapp oder giftig, als Erwachsener fällt es dir unter Umständen nicht ein, ebenso oder wenigstens ähnlich fürsorglich und liebevoll mit deinen Eltern umzugehen, wie sie es damals mit dir taten.“ (Seite 199)

 

 

All das zu verlieren von Leila Slimani

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum 13.05.2019
ISBN: 9783630875538
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Siearbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen , sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch stellt Adèle dieses Leben nicht zufrieden. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel.

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„Adèle hat Lucien aus demselben Grund bekommen, aus dem sie geheiratet hat. Um dazuzugehören und wie die anderen zu sein. Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben, die ihr keiner mehr nehmen kann. Sie hat sich einen Zufluchtsort für die angsterfüllten Abende geschaffen, einen bequemen Schlupfwinkel für die Tage der Ausschweifung.“ (Seite 34)

Adèle hat eigentlich alles … einen tollen Mann und einen Sohn den sie sich gewünscht hat. Sie lebt in einem schicken Pariser Vorort, ist frei Journalistin und unabhängig. Und doch fehlt ihr der gewisse Kick im Leben. Diesen Kick holt Adèle, in dem sie mit wildfremdem Männern harten Sex hat. Immer und immer wieder. Härter und härter. Aber auch das erfüllt sie nicht wirklich. Sie will mehr …

Als ihr Mann dahinter kommt, bringt er sie aufs Land, weit weg von Paris und ihren Affären. Er sperrt sie in einen goldenen Käfig, will sie ganz allein für sich. Doch eines Tages ergibt sich für Adèle die Möglichkeit nach Paris zu reisen. Kann sie sich dem Sog vergangener Zeiten wirklich entziehen?

„Sie hatte sich eingeredet, dass ein Kind sie heilen würde. Dass die Mutterschaft der einzige Ausweg aus ihrem Überdruss wäre, die einzige Lösung, um ihr die ewige Flucht nach vorne endgültig abzuschneiden. Sie hatte sich in die Schwangerschaft gestürzt, wie ein Patient in eine zwingend erforderliche Behandlung eingewilligt. Sie hatte dieses Kind gemacht oder besser, es wurde ihr gemacht, ohne dass sie Widerstand leistete, in der verrückten Hoffnung, es würde ihr Linderung bringen.“ (Seite 35/36)

Ach je … was für eine arme Gestalt. Adèle hat mir von Anfang an nur leid getan. Beim Lesen konnte ich ihrer innere Zerrissenheit spüren. Auf der einen Seite will sie das bürgerliche und spießige Leben. Will verheiratet sein und Kinder haben. Will auf dem Land leben und für einen Job in die Stadt fahren. Aber warum? Weil das Leben es so „vorschreibt“? Weil das so ist?

Doch in diesem ach so bürgerlichen Leben fehlt ihr der Kick, das gewisse Etwas … Liebe, Begehrt werden, aber auch Kontrolle und Macht. Das holt sie sich bei ihren Abenteuern, dem harten Sex mit den fremden Männern. Und wenn sie dann nach einer solchen Nacht, voller blauen Flecke und Blutergüsse nach Hause zurück kehrt, fühlt sie sich schmutzig und verlogen. Schwört sich selber damit aufzuhören und doch zieht sie am selben Tag wieder los, um die Männer zu treffen.

„Sie hat es immer gemocht Hunger zu haben. Zu spüren, wie man schwächer wird, schwankt, zu fühlen, wie der Magen sich zusammenzieht, und dann zu siegen, kein Verlangen mehr zu haben, darüberzustehen. Sie hatte ihrer Magerkeit kultiviert wie eine Lebenskunst.“ (Seite 72)

Slimanis hat mich schon mit ihrem ersten Roman „Dann schlaf auch du“ ans Buch gefesselt und begeistert. Mit ihrem neuen Roman gelingt dies wieder. Viele Szenen im Buch sind echt grenzwertig, verdeutlichen aber wie sehr Adèle in ihrer Sucht, ja man muss es wirklich Sucht nennen, gefangen ist. Mit jedem Satz mehr tut mir diese Frau einfach nur leid. Ich möchte ihr eine Hand reichen und sagen, es wird alles gut. Doch wird es das? Kann es das?

Was für ein gewaltiges Buch. Slimani erzählt schonungslos und sprachgewaltig. Sie traut sich an Tabuthemen heran und das mit einer wahnsinnigen Intensität. Ein Buch das berührt und bleibt …

Bitte mehr davon.

Chapeau ♥♥♥

Dem Tod so nahe

Piper
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.06.2018
ISBN: 9783492058896
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Von Anfang an bestimmt der Tod ihr Leben: als Maggie O’Farrell im Alter von acht Jahren beinah an einer unbekannten Virusinfektion stirbt, als sie mit 15 aus Übermut und Freiheitsdrang einen törichten Fehler begeht; als sie in der Idylle des Lake District eine zutiefst verstörende Begegnung hat. Oder als sie in einer unterbesetzten Klinik mit inkompetenten Personal bei der Geburt ihrer ersten Tochter fast stirbt. An den unterschiedlichsten Orten, zu unterschiedlichsten Zeiten lenkt der Tod das Leben der Schriftstellerin Maggie O’Farrell. Ihre tiefgründige, außergewöhnliche Geschichte stellt existenzielle Fragen: Wie handle ich, wenn ich in tödliche Gefahr gerate? Was steht für mich auf dem Spiel? Und, nicht zuletzt, wer werde ich danach sein?

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In siebzehn kurzen Geschichten, die in der Zeit hin und her springen, aber immer einem Körperteil gewidmet sind, erzählt O’Farrell von ihren Begegnungen mit dem Tod. Manche Geschichten sind sehr intim, wie zum Beispiel die fast Vergewaltigung und der Ermordung durch den Täter. Andere Geschichten wirken eher distanziert. Zu Anfang fand ich die Geschichten so lala. Eine Anreihung von Ereignissen, in denen die Autorin von Situationen schreibt, in denen sie dem Tod knapp entgangen ist. Für mich waren das jedoch zuerst einmal „normale“ Alltagssituationen. Doch mit jeder Seite mehr, verfiel ich dem Sog der Geschichte und plötzlich war da nichts banales mehr. Fast jede sogenannte Begegnung mit dem Tod haben O’Farrell weiteres Leben geprägt. Mal mehr, mal weniger.

„Fast gestorben zu sein ist nichts Einmaliges oder Besonderes. Der Tod begegnet uns ständig; wohl jeder, wage ich zu vermuten, war ihm schon einmal nahe, vielleicht ohne es zu merken. Der Luftzug des Lasters, der zu dicht an einem Fahrrad vorbei fegt, der übermüdete Arzt, der die Dosis in letzter Sekunde noch einmal überprüft (…)Wir gehen, alle miteinander, mehr oder weniger blind durchs Leben, entkommen, ohne es zu ahnen, immer wieder durch die Hintertür, entrinnen unserem Schicksal von einem unserer gezählten Tage auf den anderen und sehen die Axt nicht, die über uns schwebt. (…) Wenn wir diese Momente in unser Bewusstsein einlassen, dann verändern sie uns. Wir können versuchen, sie zu vergessen, sie abzutun, sie auf die leichte Schulter zu nehmen, aber sie sind schon Teil von uns, ob wir wollen oder nicht.“ (Seite 35/36)

Ich habe diese eine Passage aus dem Buch ausgewählt, weil sie alles sagt. Nachdem ich das Buch weggelegt habe, habe ich mein Leben reflektiert, und ja …. auch ich hab die ein oder andere „Todesnahe Erfahrung“ gemacht, und ja … die ein oder andere hat mich geprägt. Ich denke wenn man jung ist, dann ist es so, wie oben beschrieben … es ist nichts Besonderes, wir nehmen es auf die leichte Schulter, bemerken es nicht einmal. Doch ich glaube, je älter man wird, desto mehr realisiert man solche Begebenheiten und lässt sie mehr in sein Bewusstsein ein. Und wenn dann, wie bei O’Farrell ein Kind betroffen ist, dann ist man sensibilisiert und achtet auf solche Vorfälle.

Als ich das erste Mal von einer Wespe gestochen wurde, war ich zwanzig. Ich reagierte mit einem anaphylaktischem Schock (was ich nicht wusste, da ich die Symptome nicht kannte) und ich hatte das große Glück, dass gleich nebenan eine Ärztin wohnte. Sie gab mir mehrere Spritzen und sagte fünf Minuten später und ich wäre tot gewesen. Damals habe ich darüber gelacht, mich schnell erholt und das Ganze vergessen. Im weiteren Verlauf meines Lebens bin ich noch zwei Mal wegen einem anaphylaktischem Schock durch Wespenstiche im Krankenhaus gelandet. Beide Male hatte ich Glück. Und jede Erfahrung hat mich ein Stück nachdenklicher gemacht. Hat mir gezeigt wie schnell ein Leben enden kann.

O’Farrells Geschichte ist eine Geschichte, die mich daran erinnert wie kostbar unser Leben ist, und das wir jeden Tag so leben und genießen sollten, als wäre er der letzte.

Unbedingt lesen!!!

Ist das Leben die Mühe wert?

Atlantik Verlag
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783455003086

Klappentext
Als ihre Großmutter stirbt, bricht für Kim alles zusammen. Sie ist bei ihr aufgewachsen, die Großmutter war immer für sie da. Also flieht Kim von der bretonischen Insel Groix und ihrer großen Liebe Clovis. Sie braucht Zeit zum Nachdenken und reist gen Süden, um in Antibes an der Côte d’Azur eine dickköpfige alte Dame zu betreuen. Gilonne wird schnell zu ihrer Ersatzgroßmutter, mit der sie Madison tanzt, am Meer Pommes frites isst und das Leben genießt. Außer Kim kümmert sich auch Gilonnes Sohn rührend um sie. Umso überraschter ist Kim, als sie herausfindet, dass er angeblich längst verstorben ist. Ist die alte Damen einem Hochstapler aufgesessen? Kim will Gilonne beschützen und macht sich daran, lang gehütete Familiengeheimnisse zu lüften …

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„Heute ist mein Kopf weiß wie ein Klatschmohnfeld im Winter. Aber ich bleibe eine Rothaarige, solange ich lebe. Wir sind eine Elite, Kim. Unsere Haarfarbe rührt von einer Mutation auf dem Chromosom sechzehn her. Ramses II. war rothaarig, genau wie König David und Judas. Wir sind anfälliger für Allergien und Sonnenbrände, reagieren empfindlicher auf Narkosemittel, sind streitsüchtiger und leidenschaftlicher. Wir ernten mehr Spott in der Schule, müssen früh lernen, uns zu verteidigen, lieben heftiger, leben intensiver.“ (Seite 33)

Kim lebt schon ihr ganzes Leben auf Groix. Sie wuchs nach dem Tod der Mutter, diese kam bei Kims Geburt ums Leben, bei der Großmutter auf. Ihren Vater kennt Kim nicht, denn dieser hat die Familie vor ihrer Geburt verlassen. Auf Groix betreibt sie mit ihrem Freund Clovis den Zeitschriftenladen ihrer Großmutter. Eines Morgens ist die Großmutter verschwunden. In einem Brief teilt sie Kim mit, dass sie in Schweiz reist, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Kim ist am Boden zerstört. Sie kann nicht verstehen, warum ihre Großmutter dies gemacht hat. Um zu verstehen, verlässt sie ihre Heimat um auf dem Festland Antworten zu finden. Sie findet eine Anstellung als Gesellschafterin der alten Madame Gilonne-Kerjeant an der Côte d’Azur. Die alte Dame war früher eine berühmte Schauspielerin und so führt sie sich auch auf. Dich die beiden Frauen haben eine Gemeinsamkeit … rote Haare. Und das ist der Schlüssel mit dem Kim das Vertrauen der alten Dame gewinnt.

Parallel wird die Geschichte eines Kindes, einem Jungen erzählt, dessen Vater versucht die Mutter umzubringen. In verschiedenen Zeitabständen wird die Entwicklung und das Leben des jungen Manns geschildert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er ins Leben von Gilonne und Kim tritt.

In der Realität hat Gilonne einen Sohn gebraucht und ich eine Mutter. Wie die Heldin im Film hat sie Farbe in mein Leben gebracht. Ich bin durch sie wiedergeboren, ein neuer Mensch. Sie ist durch mich aufgelebt.“ (Seite 194)

Fouchet hat es wieder einmal geschafft ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mit „Die Farben des Lebens“ gibt sie eigentlich schon das Grundthema vor … das Leben … und zwar in all seinen Facetten. Das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß … nein es ist bunt.

Für Kim ist das Leben nach dem Tod der Großmutter zunächst schwarz. Sie kann nicht verstehen warum die Großmutter sich das Leben genommen hat. Also fängt sie an, eine Liste mit Pro und Kontras zu führen, um zu sehen, warum sich zu leben lohnt oder auch nicht.

Dann lernt sie die lebensfrohe und etwas durchgeknallte Gilonne kennen. Eine Frau, die sich im Leben fast alles genommen hat was sie will. Auch wenn ihr Leben nicht immer gerade und schön verlaufen ist.

Und dann ist da noch der Junge, dessen Leben nun wirklich nicht gut verläuft. Dessen Mutter vom Vater angeschossen wird. Die Mutter ringt um ihr Leben, der Vater kommt ins Gefängnis, und der Junge wächst erst einmal bei den Großeltern auf. Doch eines Tages holt die Mutter ihn wieder zu sich und lässt den Jungen jeden Tag seines Lebens spüren, dass sie ihn hasst, weil er seinem Vater so ähnlich sieht.

Drei verschiedene Figuren, drei Schicksale/ Leben. Sie alle sind im Buch miteinander verwoben zu einer Geschichte, zu einer Geschichte über das Leben und was es lebenswert macht.

„Das Leben ist ein Édith-Piaf-Schmettern und Bergamottes-Lutschen. Ein Nizza-Salat- und Apfel-Andouille-Galette-Schlemmen. Ein In-Mitgefühl-und-Liebe-Baden. Jeder Schluck, jeder Bissen, jede Umarmung, jeder Ton, jedes Kinderlachen, jedes Schnurren, jedes Kläffen ist die Mühe wert. (Seite 243)

Mich hat die Geschichte um Gilonne und Kim berührt. Ich mochte die beiden sehr. Gilonne, weil sie so unbefangen und lebenshungrig war, und Kim, weil sie vorsichtig und zaghaft ja beinah ängstlich war.

Dieses Buch ist eine Hommage an das Leben, egal wie schlimm es manchmal auch verläuft, es gibt immer wieder diese besonderen Momente, die Leben sich lohnen. Kim hatte ihre ganz eigenen Pro und Kontra Liste, die ich am Ende des Buches noch einmal komplett lesen kann. Und auch Fouchet hat eine Pro und Kontra Liste hinzugefügt.

Vielleicht sollte man ab und an für sich selbst eine Pro und Kontra Liste erstellen, um sich in schwarzen Momenten an die bunten Farben des Lebens zu erinnern, zu sehen und zu spüren … ja, das Leben ist die Mühe wert!

„Altwerden ist ein Privileg, das man akzeptieren oder auch ablehnen kann. Man entscheidet sich jede Sekunde, da zu sein, im Hier und Jetzt, die Welt zu umarmen.“ (Seite 297)

Sind wir nicht alle irgendwie die Hoffnungsträger dieser Welt?

Arche Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.08.2017
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783716027646

Klappentext
Philipp hat gerade eine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen und ist aus seiner WG rausgeflogen, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten. Als er sich an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren vertreibt, wird Uwe auf ihn aufmerksam. Uwe ist Leiter des städtischen Recyclinghofs und sieht in Philipp sofort einen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofs gehörig ins Wanken gerät.

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„Doch wann, frage ich mich, sind die Dinge nicht mehr die Dinge, die sie mal waren? Irgendwann sind sie etwas anderes geworden, aber an welchem Punkt haben sie angefangen, dieses Andere zu werden?“ (Seite 31)

Philipp hat seine lehr geschmissen und wurde aus seiner WG rausgeworfen … weil Philipp anders ist als andere. Er ist nicht einer dieser Jugendlichen oder Menschen, bei denen es um höher, schneller, besser oder wie auch immer geht. Philipp ist eigen manchmal auch seltsam. Das sieht auch Uwe, der Chef vom Recyclinghof sofort, als er Philipp beim Sammeln von Stanniolpapier beobachtet. Uwe weiß sofort das ist sein Mann, sein Hoffnungsträger für den Recyclinghof. Er bietet Philipp einen Job dort an. Dieser ist skeptisch, geht aber dennoch hin. Hier sieht er schnell, dass dieser Recyclinghof einen eigenen Kosmos hat. Seine eigenen Spielregen und Spieler. Doch was meint Uwe, als er von Hoffnungsträger spricht? Und kann Philipp seine Hoffnung erfüllen?

„Ein Ding sei also nur auf Zeit dieses Ding. Und auch in dieser Zeit sei es immer nur zum Teil dieses Ding. >Das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, nur mal als Beispiel, lieber Philipp, das Schräubchen ist zwar Teil der Lampe, aber es bleibt dennoch ein Schräubchen, da sind wir uns doch einig. Denn wenn es als Teil der Lampe kein Schräubchen mehr wäre, würde die Lampe augenblicklich in Stücke gehen und wäre keine Lampe mehr. Anders ausgedrückt: Die Lampe ist nur deshalb eine Lampe, weil sein Schräubchen ein Schräubchen bleibt, verstehst du? <“ (Seite 32)

Philipp der Hoffnungsträger … für welche Hoffnung? Für welchen Träger? Für eine Generation „Null Bock“?

Das waren die Fragen, die mir als erstes in den Sinn kamen, als ich anfing zu lesen. Doch je weiter man in dieses Buch eintaucht und sich von den vielen kleinen und feinen Sätzen zum nachdenken anregen lässt, war für mich irgendwann klar, es geht um uns.

Wir stecken immer Hoffnungen in irgendetwas oder irgendwen, z.B. wenn ich das und das mache, dann wird alles gut oder wenn ich das und das mache, dann werde ich oder wenn ich mir das kaufe dann … Unser tägliches Leben ist mit Hoffnungen auf etwas gespickt, somit stellen Menschen und Dinge „Hoffnungsträger“ dar. Erfüllen sie unsere Hoffnungen nicht, ob sofort oder später, dann werden sie aussortiert. Ab auf den Müll damit …

Aber Müll ist nicht gleich Müll und so landet eben vieles auf dem Recyclinghof, wo Dinge recycelt werden. So wird aus meinem „Müll“ vielleicht der Hoffnungsträger für jemanden anderen.

Es geht aber nicht nur um Konsumgüter, sondern auch um die Randgruppen unserer Gesellschaft. Menschen die sich bewusst aus unserer Gesellschaft verabschiedet haben um ihr eigenes hoffnungsvolles Leben zu leben. Ein Leben als Lebenskünstler, Aussteiger … Hoffnungsträger für eine bessere Welt.

„All die Sofas, Bücherregale und Lampen waren auch einmal Hoffnungsträger, waren Teil eines Teams, des Team Eigenheim, des Teams Jungfirma, des Teams Wohngemeinschaft. Jetzt sind sie hier gelandet, vergessen von der Welt und den Menschen, die sie los werden wollten.“ (Seite 93)

Jens Steiner hat mit diesem Buch etwas ganz besonderes geschaffen. Dieses Buch hat einen ganz eigenen Kosmos. Ich mag die Sprache, die obwohl sie einfach ist, doch fantastisch die Situationen und Gedanken wieder gibt. Hat irgendwie etwas von einem „Märchenerzähler“. Ich hätte ewig weiterlesen können. ♥

Es gibt so viele wunderbare philosophische Stellen in diesem Buch, die mich inne halten lassen, über die ich nachdenke …

Vielen lieben Dank Jens Steiner für dieses besondere Buch und den mir bescherten Lesegenuss. ♥♥♥

„Das Schicksal hobelt und hobelt an jedem von uns und am Schluss sind wir alle gleich. Sagt zumindest unser João. Am Anfang tut jeder, als sei er ein Unikum, am Ende sind wir ein einziger Brei. Und weil wir sowieso nichts dagegen tun können, sollten wir uns davon die Laune nicht verderben lassen.“ (Seite 188/ 189)

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus

Manchmal …

Mare Verlag Fester Einband  208 Seiten  Erscheinungsdatum: 14.02.2017  Preis: 20,00 € ISBN: 9783866482425

Mare Verlag
Fester Einband
208 Seiten
Erscheinungsdatum:
14.02.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783866482425

Klappentext
Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Einen Eisbrocken etwa, der mitten im Sommer vom Himmel stürzt und der achtjährigen Saara auf tragische Weise die Mutter nimmt. Schweren Herzens muss das Mädchen mit ihrem Vater das geliebte Sägemehlhaus verlassen und zu ihrer Tanta Annu ziehen. Doch auch dieser widerfährt wenig später Unglaubliches, als sie zum zweiten Mal im Lotto gewinnt – und vor Schreck in einen dreiwöchigen Dornröschenschlaf fällt. Und während Saara ihren einzigen Vertrauten Hercule Poirot um Hilfe anfleht, schreibt Annu auf der Suche nach Antworten Briefe an einen Fischer in Schottland, der bereits zum vierten Mal vom Blitz getroffen wurde und sein Schicksal dennoch jeden Tag aufs Neue herausfordert.

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„Ich denke viel über die Zeit nach. Ich habe graue Zellen im Gehirn, wie Hercule Poirot. Mit denen denke ich darüber nach, wie die Zeit vergeht und Wunden heilen. Die Erwachsenen sagen, die Zeit heilt alle Wunden, und damit ist gemeint, dass die Zeit vergeht und sich deswegen alles, was passiert in Gedanken verwandelt und man sich immer schlechter daran erinnern kann. Wenn man sich dann nur noch ganz schlecht erinnert, ist die Wunde verheilt.
(…)
Also sitze ich auf der Rückbank und sage „Nichts“ und denke an die heilende Kraft der Zeit und beschließe, mich sicherheitshalber jeden Tag an meine Mutter zu erinnern, bevor die Zeit zu viel heilt.“ (Seite 10/ 11)

Die Geschichte ist in vier Kapitel unterteilt. Im ersten lerne ich Saara kennen, die gerade auf tragische Weise ihre Mutter verloren hat. Wie, dass erfahre ich zunächst nicht, sondern ich lerne Saara mit all ihrer Trauer und auch Wut kennen. Sie kann nicht verstehen, was passiert ist, denn sie ist erst acht Jahre alt. Ihr Vater ist keine wirkliche Hilfe, da er in seiner eigenen Trauer gefangen ist.  Saara stellt sich viele Fragen, sucht nach einem Warum, einem Halt, irgendetwas das den Verlust der Mutter erklären kann. Doch sie findet nur die Märchen, die ihre Mutter ihr immer erzählt hat. Die bieten ihr Trost und Halt.

Im zweiten Abschnitt geht es um Annu. Saaras Tante, bei der Saara und ihr Vater nach dem Tod der Mutter vorrübergehend leben. Und auch ihr passieren merkwürdige Dinge. Nachdem sie das zweite Mal im Lotto gewonnen hat, fällt sie in einen mehrwöchigen Schlaf. Aber als anders als Saara ist Annu in der Lage sich mit dem Geschehenen auseinander zu setzen, da  sie die Erfahrung eines Erwachsenen hat. Annu findet im Internet einen Mann, dem auch seltsame Dinge zugestoßen sind und schreibt ihm. Es entsteht ein reger Briefwechsel, in dem ich viele kuriose Dinge und Zufälle erfahre.

Dann erzählt die Geschichte Pekkas Leben. Von seiner Liebe zu Saaras Mutter, dem ersten Kennenlernen bis hin zu Saaras Geburt. Doch anders als bei Saara ist er scheinbar schnell über den Tod der Mutter hinweg und heiratet eine andere Frau, die ein Kind von ihm bekommt. Doch auch diese Ehe steht unter keinem guten Stern …

Im letzten Teil geht es wieder um Saara und die Geburt ihrer kleinen Schwester. Es sind ein paar Jahre seit dem Tod der Mutter vergangen. Die „neue“ Familie lebt wieder im „alten“ Haus. Saara stellt sich dem Tod der Mutter in ihren Träumen und scheint langsam deren Tod zu verarbeiten. Und die kleine Schwester wird geboren. Ein Kind das keine große Lebenserwartung hat.

„Mal kommt der Weltuntergang, mal bricht schlagartig das Paradies aus. Mal stirbt jemand so unbemerkt, dass man es gar nicht kapiert. Vielleicht versucht so eine Person dann, als Gespenst wiederzukehren und seine unfertigen Geschichten weiterzuerzählen. Obwohl sie eigentlich einfach nur fortgehen sollte. Am Straßenrand und das Auto davonfahren lassen. Sich in Schwarz-Weiß verwandeln. Kleiner werden und die Zeitform ändern.“ (Seite 202)

Dies ist mein zweites Buch von Ahava, das ich gelesen habe. Daher wusste ich vom sprachlichen Stil her, was mich erwartet. Ahava hat einen ganz eigenen Stil zu schreiben. Trotz anspruchsvollem Thema (Sterben, Tod, Trauer) fühlt man sich beim Lesen auf einer Wolke. Einer Wolke der Leichtigkeit. Ahava greift  immer wieder zu Bildnissen aus Märchen, um  diese schweren Themen „abzuarbeiten“ und lässt so Saara verstehen, was passiert ist.

Auch mag ich wieder die vielen philosophischen Ansätze über das Leben, den Tod und all die Dinge die wir so selbstverständlich nehmen. Aber nichts sollet in unserem Leben selbstverständlich sein. Wir sollten vielmehr die Augenblicke des Lebens genießen, jeden einzelnen, denn das Leben ist nicht berechenbar, es ist nicht endlos, auch wenn es uns manchmal so vorkommt.

Dieses Buch ist anders, dieses Buch ist skurril, dieses Buch ist irre und lässt den einen oder anderen verwirrt zurück. Doch dieses Buch muss man wie das Leben betrachten … neugierig, offen, ehrlich, schonungslos, sentimental, traurig, märchenhaft … einfach wunderschön!

„Die Welt geht weiter. Nichts ist klar, aber die Zeit heilt alle Wunden, und der Mensch vergisst. (…) Dinge passieren. Gleichzeitig, zur falschen Zeit, zu verschiedenen Zeiten, an den falschen Orten.“ (Seite 203)

 

4 von 5 Sternen 

… aus „Romeo & Romy“ von Andreas Izquierdo

Insel Verlag Flexibler Einband  491 Seiten Erscheinungsdatum:711.04.2016  Preis: 14,99 € ISBN: 9783458361411

Insel Verlag
Flexibler Einband
491 Seiten
Erscheinungsdatum:711.04.2016
Preis: 14,99 €
ISBN: 9783458361411

 

„Es war nicht nur die klare, frische Luft, die so vertraut die Haut streichelte, es war, als spürte sie neben den Häuschen, Sträßchen und Gärten auch die, die hier schon immer gewohnt hatten. Sie hörte ihre Stimmen, ihr Gelächter, ihr Gemecker und ihr Seufzen wie ein immerwährendes Flüstern alter Geschichten, die das Laub rascheln ließen oder wie Pollen im Sonnenlicht tanzten. Erinnerungen. Wie die Farbe, die auf den Fassaden langsam verblasste.
Heimat war nicht das was man sah, sondern das, was andere niemals sehen würden.“ (Seite 35)

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„Das Leben verbraucht den Geist, das ist wahr, aber es kann ihn auch mit neuer Kraft befeuern.“ (Seite 297)

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„Menschen verändern sich. Manche verlassen ihre Heimat und finden woanders eine neue. Es gibt nicht die eine Liebe, die alles festlegt. Die Welt hat viel zu bieten. Und manchmal muss man länger suchen, bis man findet, was das Herz berührt.“ (Seite 392)

∗∗∗

„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben (…)“ (Seite 399)

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Das Alter ist nur eine Zahl

Blanvalet Flexibler Einband  416 Seiten Erscheinungsdatum: 21.11.2016  Preis: 9,99 Euro ISBN: 9783734102462

Blanvalet
Flexibler Einband
416 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.11.2016
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 9783734102462

Klappentext
Franziska ist glücklich, verheiratet mit Daniel, Biologieprofessor und Experte für Amöbenforschung, die beiden haben zwei Kinder und wohnen in einem schönen Haus mit Garten in München. Eigentlich gibt es an ihrem Leben nichts auszusetzen. Doch dann landen plötzlich Briefe an eine gewisse Laura Caspari in Franziskas Briefkasten. Niemand der Nachbarn kennt sie, und als Absender steht nur der Name Alex auf dem Umschlägen. Nach langem Zögern öffnet Franzi die Briefe in der Hoffnung, einen Hinweis auf den mysteriösen Absender zu entdecken. Doch stattdessen findet sie die Erinnerungen eines Mannes an seine frühere große Liebe Laura. Mit Alex‘ flammendem Liebesbekenntnis kann ihre eigene, ein wenig langweilig gewordene Ehe es nicht aufnehmen – erst jetzt wird Franzi bewusst, dass zwischen ihr und Daniel schon seit Längerem keine Funken mehr sprühen. Als ihr Mann kurz darauf zu einer Dienstreise aufbricht, beschließt Franzi: Sie wird einmal im Leben etwas Verrücktes tun, sich auf die Suche nach Alex machen und ihm die Briefe zurückgeben. Noch ahnt sie nicht, dass diese Entscheidung bald für mehr Wirbel sorgen wird, als ihr lieb ist …

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Franziska hat eigentlich alles was sich eine Frau wünscht … sie sieht gut aus, hat zwei tolle Kinder (auch wenn diese gerade ihre pubertäre Phase haben), einen gutaussehenden erfolgreichen Ehemann, ein wunderschönes Haus mit Garten in einem angesagten Wohnviertel  in München. Und doch ist sie irgendwie unzufrieden. Ob es an dem kurz bevorstehenden Geburtstag liegen mag? Sie wird fünfzig Jahre alt. Plötzlich stellt sie alles in Frage. Da kommen die geheimnisvollen Briefe an eine Laura gerade Recht. Sie „verliebt“ sich in die romantischen Worte des Briefeschreibers. Sie denkt, dass irgendetwas in ihrem Leben fehlt und macht sich auf die Suche nach dem Briefeschreiber, ohne zu ahnen, was sie alles aufs Spiel setzt.

„>Ich befürchte<, sagte Helen, als ich sie am nächsten Morgen anrief und alles berichtete, >mit Ehen ist das wie mit Telefonen. Früher hatte man eines ein Leben lang – und jetzt ist es ganz normal, dass man sich jedes Jahr ein neues Handy besorgt. (…)<“ (Seite 285)

Eine Frau, in diesem Fall Franziska wird fünfzig. Sie nullt. Und wie bei vielen Millionen anderen Frauen, in Büchern oder der Realität sind manche Geburtslage, zumeist die mit einer Null ein Horror. Plötzlich wird das ganze Leben in Frage gestellt. Alles was man bisher gemacht hat ist plötzlich nichts mehr „wert“. Alles wird in Frage gestellt. Da ist Frau, in diesem Fall wieder Franziska, anfällig für schöne Worte auf Papier, denn wann hat sie das letzte Mal einen solchen Liebesbrief bekommen? Scheinbar vor gefühlten hundert Jahren.

Theresia Graw beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit dem Thema „Alter“ bzw. „älter werden“. Sie erzählt Franziskas Geschichte, eine Frau, die in der Mitte ihres Lebens scheinbar vor Umbrüchen steht.  Als Leserin wird mir schnell klar, dass könnte mit einigen kleinen Abweichungen auch meine eigene sein. Natürlich habe auch ich schon ein paar Nullen hinter mir. Und gerade bei der fünften fragt man sich, war das schon alles? Was hält das Leben noch für mich bereit? Aber hey … das Alter ist nur eine Zahl und das Leben hat mehr zu bieten als eine  Zahl mit einer Null dran.

Die Geschichte rund um Franziska und ihre Nöte ist bezaubernd geschrieben und beschrieben. An einigen Stellen erkennt Frau sich wieder. Es ist das dritte Buch der Autorin und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass ihr Schreibstil sich etwas verändert hat. Die ersten beiden Bücher waren etwas ungezwungener … heiterer … leichter. „Wenn das Leben Loopings dreht“ hat ein wenig die Leichtigkeit verloren. Das heißt nicht, dass es mir nicht gefallen hat. Im Gegenteil … ich denke, dies ist ein Buch, das zeigt, dass auch Autoren*innen wachsen bzw. reifer werden und sich anderen Themen zuwenden.

Ich freue mich, dass ich dieses Buch lesen durfte, und noch mehr freue ich mich, dass Theresia Graw im März mein Gast in „Angelikas Büchergarten“ sein wird, um aus diesem Buch zu lesen.

Danke liebe Theresia … bis März

 

4 von 5 Sternen

Alltagshelden und ihre Sehnsüchte

Riverfield Verlag Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 27.02.2016 Preis: 24,90 € ISBN: 9783952452349

Riverfield Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 24,90 €
ISBN: 9783952452349

Klappentext
Der junge Bert Bucher sieht sich als künftiger Rockstar. Da kommt ihm der Tod seiner Großmutter gerade gelegen, so kann er in ihre leer stehende Wohnung n Freiburg ziehen und seine Karriere vorantreiben. Ein Vorhaben, das bald von der schönen Studentin Lana gestört wird.
Johann B. Grab ist Inhaber einer Buchhandlung und sehnt sich zurück in die Welt ohne Internet. Seine griechische Frau hingegen wünscht sich ein Kind, und der zeugungsunfähige Johann ist bereit, zu diesem Zweck einen Mann für sie zu suchen.
Henry Schweizer wohnt in seiner Bar, die er zu seinem persönlichen Sehnsuchtsort gemacht hat. Hier verwässern sich Sorgen im Rausch, abstruse Ideen reifen zu Taten heran und Verliere werden zu Gewinnern.

∗∗∗∗∗

„Dabei war es doch gerade der Rückblick, der den Dingen Tiefe verlieh, der einem erlaubte, Ereignisse zu verstehen und einzuordnen. Erst der Rückblick machte eine bestimmte Zeit richtig interessant, machte aus dem Alltag Kultur, und erst die Fähigkeit zurückzublicken machte aus dem Menschen ein  intelligentes Wesen.“ (Seite 85)

Das Debüt von David Bielmann „Freedom Bar“ hat mich verzaubert. Zuerst dachte ich, ach ja ein paar Leutchen, die sich in einer Bar treffen und sich ihren Frust von der Seele reden. Doch dieses Buch kann viel mehr.

Es verzaubert mit einer Geschichte über Menschen, die alle in einem Haus in Freiburg leben. Im Keller ist eine Bar, darüber ein Buchhandlung und darüber wiederum Wohnungen. Die Menschen, die dort leben sind Menschen wie Du und ich. Menschen mit Problemen, Sehnsüchten , Hoffnungen und Träumen. Sie alle sind auf der Suche, die einen finden … die anderen nicht. Aber das ist noch nicht alles was diese Buch ausmacht. Es ist diese Feinfühligkeit, diese Sensibilität, dieses kleine bisschen  Melancholie, mit denen David Bielmann seine Protagonisten und ihre Geschichte zeichnet … das macht das Buch zu etwas besonderem.

„Unter den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt lebten, gab es zu jeder Sekunde Tausende, die gerade enttäuscht worden waren, sich eine Träne von der Wange wischten und Trost beim Mond suchten. (.. .) Was immer man auch tat, was immer auch geschah, man war nicht allein, und vielleicht, dachte er weiter, während er in den Sternenhimmel sah, war die Sehnsucht sogar das einzige Gefühl, das man auf sämtlichen Planeten kannte.“ (S. 147)

An einer Stelle im Buch ist mein Herz besonders aufgegangen, da sie mir aus dem Herzen spricht und vielleicht auch eine kleine Ode an uns Buchhändler*innen ist  …

„Buchhändlerin? >Ist das nicht etwas … na ja, langweilig?<, fragte Bert vorsichtig. >Nicht, wenn man Buchhandlungen als Paradies betrachtet.< Ihre Augen begannen zu leuchten. > Hast du dir schon einmal überlegt, was sich so alles in einer kleinen Buchhandlung drin befindet? Wie viele Menschen da zusammen kommen, wie viel gedacht und gesagt und gefühlt wird, wie viele Reisen und Küsse und Morde stattfinden, wie viele Welten da erschaffen worden sind? Eine Buchhandlung ist ein Universum, in dem man sich frei durch Raum und Zeit bewegen kann. Gibt es etwas Schöneres?<“ (Seite 137)

… für mich ist dies kein Beruf, sondern die Erfüllung meines Traums. Und damit sind wir wieder bei den Protogonisten des Buches.

„Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?'“ (S. 184)

Vielen Dank lieber David Bielmann für dieses wundervolle Debüt, dem ich ganz viele Leser*innen wünsche.

Unbedingt lesen!!!

 

4 von 5 Sternen