Kurz & Knapp … August 2018

Sechs Koffer von Maxim Biller

Maxim Biller erzählt in sechs Kapiteln die Geschichte seiner Familie, bzw. versucht er den Verrat an seinem Großvater aufzuklären. Dieser hatte Devisenschmuggel mit dem KGB betrieben.  Sechs Familienmitglieder kommen zu Wort, erzählt aus Billers Sicht. Dabei erfährt man einiges über die jüdische Familie Biller. Nicht alle können miteinander und so verdächtigt jeder jeden, den Großvater verraten zu haben.

Puh … wie soll ich es mal wieder sagen … Billers Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Aber muss man deswegen sein Buch mögen? Darf man etwas Negatives äußern und nicht mit allen ein Loblied anstimmen? Es gab Passagen, die ganz nett fand. Da kam ab und an ein bisschen dieser feine jüdische Humor zum Vorschein. Doch spätestens im letzten Kapitel war Biller bei mir unten durch.

Im letzten Kapitel kommt seine Schwester Elena Lappin zu Wort. Sie ist ebenfalls Autorin und lebt in England. Sie und ihre Bücher sind in Deutschland nicht so bekannt. Um so mehr hat es mich geärgert, dass Biller sein Buch als Werbeplattform für das Buch seiner Schwester benutzt. Im letzten Kapitel verweist Biller auf das Buch seiner Schwester, wenn man wissen möchte was wirklich mit dem Großvater geschah. Wer allerdings glaubt, dass er dort die Antwort findet, irrt sich. Beide Bücher sind übrigens bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Fazit: Ich mag es nicht, wenn ich als Leserin verdummkauft werde. Die Werbung für das Buch der Schwester hat mich echt geärgert. Marketingmäßig mag das ja schlau gedacht sein, aber für mich ein absolutes NoGo. Und noch etwas … wer das Buch aufmerksam liest, wird eine Lösung zum Verrat des Großvaters finden …

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462050868, Preis: 19,00 Euro)

 

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Opoe von Donat Blum

Blum erzählt die Geschichte seiner Großmutter Opoe, die ein sehr bewegtes Leben hatte. Sie war mit einem Schweizer verheiratet, verließ wegen ihm ihre Heimat Holland, bringt eine Tochter zur Welt, die dann ihre ersten Lebensjahre in Holland verbringt. Es entsteht eine Kluft zwischen Mutter und Tochter. Nach Opoes Tod hat der Enkel viele Fragen zu Opoe und ihrem Leben, doch keiner kann ihm da so richtig Auskunft geben. Also versucht er auf eigene Faust Opoes Leben zu rekonstruieren.

Parallel dazu wird die Geschichte des Ich-Erzähler erzählt. Ein junger Mann, auf der Suche … nach was scheint nicht wirklich so klar zu sein. Er ist mit einem Mann leiert, und sie leben eine offene Beziehung. Doch irgendwie fühlt sich der Ich-Erzähler mit diesem Arrangement nicht glücklich. Als sein Partner die Beziehung löst, begibt der Ich-Erzähler sich auf eine Reise.

Dieses dünne Büchlein erzählt wohl die autobiografische Geschichte von Blums Großmutter, wie auch sein eigenes Leben. Dabei vermischt Blum seine eigene mit die der Großmutter, so dass es mir als Leserin schwer fällt zu Unterscheiden, von wessen Leben gerade erzählt wird. Im zweiten Teil wird jedoch mehr über das Leben des Autors berichtet, als über das der Großmutter, was ich wirklich sehr schade fand.

Fazit: Ich hätte gern mehr über das Leben der Großmutter erfahren, denn das scheint ein sehr bewegtes gewesen zu sein.

(Ullstein fünf, ISBN: 9783961010127, Preis: 18,00 Euro)

 

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Nacht über Tanger von Christine Mangan

Es ist die Geschichte zweier Frauen, die sich auf einem College in Vermont kennen lernen. Alice Shipley ist eine sehr schüchterne und etwas psychisch labile junge Frau. Ihre Eltern kamen auf mysteriöse Weise ums Leben und sie wuchs bei ihrer Großmutter auf. Lucy Mason dagegen scheint eine junge sehr selbstbewusste Frau zu sein. Die beiden Frauen freunden sich an, doch dann kommt es zu einem Zwischenfall am College und Alice verlässt dieses. Nach Jahren treffen sich die beiden Frauen in Tanger wieder. Alice ist mittlerweile verheiratet und lebt in Tanger. Lucy überrascht die Freundin mit ihrem Besuch. Und plötzlich wird die Vergangenheit wieder lebendig …

Dieses Buch kommt so harmlos daher. Das Cover ziert eine junge Frau und der Titel kann für alle Arten von Story stehen. Doch schon der Epilog ist sehr geheimnisvoll. Aus wechselnden Perspektiven erzählen Alice und Lucy die Geschichte ihrer Freundschaft und wie es letztendlich zum Bruch kam. Doch während dieser Story tun sich Abgründe auf. Ich war mehr als einmal überrascht, wie sich die Geschichte wendet. Mangan erzählt die Geschichte einer sehr zerstörerischen Freundschaft.

Fazit: Ein Titel der so „harmlos“ daher kommt, aber eine Geschichte die es in sich hat … vor allem Spannung!

(Blessing, ISBN: 9783896676030, Preis: 22,00 Euro)

 

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Drei sind ein Dorf von Dina Nayeri

Im Alter von acht Jahren flieht Nilou mit ihrem Bruder und ihrer Mutter aus dem Iran. Ihr Vater Baba bleibt allein zurück. Heute ist sie eine erfolgreiche Ärztin, die jedoch nur zu Besuchen in der Heimat war. Sie lebt in Holland zu einer Zeit, in der viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Erst als sie sich einer Gruppe iranischer Exilanten anschießt, merkt sie, wie sehr ihr die Heimat fehlt.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die je älter sie wird die innere Zerrissenheit spürt. Auf der einen Seite sucht sie Anschluss in ihrer neuen Heimat. Sie versucht eine von denen zu sein. Doch auf der anderen Seite vermisst sie immer mehr die Heimat und die damit verbundenen familiären Beziehung. Parallel wird die Geschichte Babas, Nilious Vater erzählt. Von ihm erfahre ich, warum er im Iran bleibt, als seine Familie flieht. Seine Heimatverbundenheit ist eine andere als die seiner Tochter und dennoch lieben und vermissen ähnliches.

Fazit: Eine sehr berührende Geschichte zweier Menschen, auf der Suche nach Heimat und zugleich ein aktuelles Thema unserer Zeit.  

(mareverlag, ISBN: 9783866482869, Preis: 24,00 Euro)

 

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Geschwister

mareverlag
Fester Einband
144 Seiten
Erscheinungsdatum:
13.02.2018
ISBN: 9783866482609
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
Zeitlebens hat Olof im Schatten seines Selbstbewussten Bruders Carl gestanden. Carl war der Liebling der Mutter, fiel allerdings in Ungnade, als er mit seiner Frau Karla (mit der Olof seine eigene Geschichte hat) und den beiden Söhnen aus Karrieregründen in die USA auswanderte.
Viele Jahre später nun treffen die ungleichen Brüder am Sterbebett der Mutter wieder aufeinander, in ihrem Landhaus in den südfinnischen Schären – und mit ihnen ihre Familien, alte Rivalitäten und Träume, Fehler und Versäumnisse. Es dauert nicht lang, bis der Frieden des Spätsommers, der über der Insel liegt, brüchig wird. Gerade noch rechtzeitig erkennt Olof, dass der Moment gekommen ist, um aus dem Schatten seines Bruders herauszutreten.

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Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht? Es ist wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Einige Augenblicke lang befindet man sich im Zentrum der Ereignisse, der Wind saust einem um die Ohren, die Lungen wollen platzen, die Gegner keuchen, das Einzige, was existiert, ist das Zielband irgendwo vor einem.
Aber ist es das, was wirklich passiert?
Nachher erinnert man sich an den Lauf, und das Gedächtnis fängt sofort an, die Fakten zu sortieren; es redigiert, unterteilt, sortiert. Ich hätte die erste Kurve nicht so langsam angehen sollen. Auf der Gegengeraden hätte ich kürzere Schritte machen müssen. Im Endspurt bin ich gestolpert, das war alles entscheidend.
Nachher sieht alles gleich anders aus.“ (Seite 7)

Olof und Karl treffen nach Jahren am Sterbebett der Mutter wieder aufeinander. Sofort entbrennt der alte „Bruderkampf“ wieder. Wieder muss Olof mit ansehen, wie die sterbende Mutter Carl bevorzugt. Alte Konflikte brechen auf und der Ich-Erzähler Olof erinnert sich an seine Kindheit und Jugend, und dem schwierigen Verhältnis zu seinem Bruder und seiner Mutter. Nach und nach erfahre ich als Leserin wie es zu der zunehmenden Feindlichkeit zwischen den Brüder kommt und das es eigentlich keine Chance auf Frieden/ Vergebung geben kann.

„Ich gehe von einem Zimmer ins andere. Es fühlt sich an, als würde ich mich schon in einer vergangenen Zeit bewegen. In einem Jahr wird es all das nicht mehr geben.
Ich werde mich daran erinnern. Ich werde es nicht vermissen. Ich habe es bereits hinter mir gelassen, wie man die Kindheit hinter sich lässt, ein bisschen über ihre Unschuld staunend, aber ohne Trauer, weil man weiß, dass es kein Zurück gibt.“ (Seite 72)

Dieses kleine feine Büchlein hat mich vollkommen verzaubert. Auf den ersten Blick scheint es eine typische Bruder/ Geschwister Geschichte zu sein. Das Buhlen unter Geschwistern um die Gunst und Liebe der Eltern. Doch dieses Büchlein ist viel mehr. Es erzählt auch die Geschichte von Hoffnung und Verlust, von verpassten Chancen und Neuanfängen.

Bargum erzählt schnörkellos, doch mit einem enormen Sog, eine Geschichte die mich inne halten lässt … In vielen Familien gibt es ähnliche Konflikte, so auch in unserer Familie. Die Schwester wurde bevorzugt, war immer die, die alles besser in den Augen der Eltern machte. Und ich, ich war die, die immer und immer wieder um die Liebe der Eltern buhlte, alles macht und dennoch immer die war, die nicht gesehen wurde. Was hat das mit mir gemacht? Ganz viel und ich habe lange gebraucht, um die zu sein, die ich heute bin.

Unsere Eltern leben leider nicht mehr, doch ich habe meinen inneren Frieden gefunden, und meine Schwester … sie hat den Kontakt nach dem Tod unserer Mutter abgebrochen …

Sorry, aber dieses Büchlein hat mich ein wenig aufgewühlt … unbedingt lesen!!!