„Ich, Antoine“ von Julie Estève

dtv Verlagsgesellschaft, Fester Einband, 160 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783423282710, Hier kaufen

Klappentext

Ein Dorf in den Bergen Korsikas, Mitte der 1980er-Jahre. Als die 16-jährige Florence tot im Pinienwald gefunden wird, ist ein Schuldiger schnell ausgemacht: Antoine Orsini, der Dorftrottel, dem die Walnussbäume näher sind als die Menschen und der ein Diktiergerät seinen besten Freund nennt. Jahre später hat er seine Haftstrafe abgesessen und kehrt zurück. Noch immer spricht im Dorf niemand mit ihm, und so streift Antoine allein umher und berichtet einem Plastikstuhl davon, was damals wirklich geschehen ist.

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„Irgendwann werde ich kein Spasti mehr sein! Irgendwann werde ich für die anderen Antoine Orsini sein. Ich werd n cooles Image haben, man wird mich beneiden, wie 1983, als ich für alle noch der Glücksbringer war!“ (Seite 27)

Antoine ist mittlerweile in die Jahre gekommen, und er ist immer noch der Dorftrottel. Doch jetzt will er erzählen wie es damals wirklich war, die Sache mit Florence und so … Er erzählt seine Geschichte einem Plastikstuhl und seinem bestem Freund Magic, einem Diktiergerät. Die Menschen im Dorf meiden ihn, machen ihn immer mehr zum Außenseiter und letztendlich hat das seine Folgen …

„Florence war n Mädchen, das einen komplett um den Verstand bringen konnt. Wenn die Jungs sich mit ihr unterhalten haben, waren sie immer wahnsinnig lieb und haben dabei so ausgesehen, als ob sie irgendwie Hunger hätten. Haben dauernd an ihr rumgefingert, haben ihre Schulter angetatscht, sie um die Hüften gefasst, ihre Hand genommen und ihr Küsschen auf die Backe gegeben.“ (Seite 31)

Dies ist wieder eins dieser Bücher, das nicht wirklich schön ist. Die Geschichte/ das Leben von Antoine hat mich traurig zurückgelassen. Von niemandem geliebt, immer nur der Spasti, muss er viel einstecken im Leben. Wenn irgendetwas im Dorf passiert ist, war es Antoine. Immer war alles und jedes Antoine. Er ist ja der Spasti, der ist ja dumm und kann sich nicht wehren. Wie denn auch. Der stinkt, hat Läuse, bepisst sich und noch vieles mehr … eben ein Spasti. Und dabei hätte es nur ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit gebraucht, denn Antoine ist schlau, hat viel mehr auf dem Kasten, als die Leute im Dorf ahnen.

Julie Estève bedient sich einer einfachen teilweisen sehr vulgären Sprache, die mich aber nicht abgeschreckt hat, sondern mir Antoine viel näher gebracht hat. Ich habe diesen kleinen Kerl, später Mann sehr gemocht.  Viele Passagen haben mich erschüttert, was dieser kleine Kerl alles aushalten musste und dennoch immer wieder versucht hat sich nicht unterkriegen zu lassen, aber eine Dorfgemeinschaft, die immer wieder Antoine zum Sündenbock macht, bricht ihn schließlich ganz.

„Im Anschluss wollten sie, das ich die Steine fress, weil Spastis nun mal Steine fressen, haben sie gesagt. Waren ne Zehnerbande, haben mich aufn Boden gedrückt, in den Schlamm, haben sich auf meine Hände und meine Beine gekniet und mir die Nase zugehalten, weil ich n Mund nich aufmachen wollt. Wie ich ihn dann aufgemacht hab, haben sie mir ne Handvoll Kieselsteine reingeschüttet! Haben mich in den Schwitzkasten genommen und mir wieder die Nase zugehalten, damit ich schlucken muss!“ (Seite 87/ 88)

Wie bereits gesagt, kein leichtes und schönes Buch, aber eins, dass uns einen Blick auf uns werfen lässt, um sich zu fragen, wie es mit den eigenen Vorurteilen gegenüber bestimmten Menschengruppen aussieht … und was das mit diesen Menschen macht!

Bitte lesen!

 

 

 

„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker

Piper Verlag, Fester Einband, 624 Seiten, Preis: 25,00 Euro, ISBN: 9783492070904, Hier kaufen

Klappentext

Im Frühsommer des Jahres 2018 packt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Koffer. Er reist von Genf in die Schweizer Alpen, um dort im Palace de Verbier die Ferien zu verbringen. Suite 623 ist beriet für ihn vorbereitet. Gleich am ersten Tag seines Aufenthalts macht er die Bekanntschaft einer charmanten Engländerin. Scarlett Leonas. Angeregt unterhält er sich mit ihr über die Kunst des Schreibens und ahnt nicht, dass er wenig später mit ihr tief in ein ungelöstes Verbrechen hineingezogen werden wird. Denn in Zimmer 622 geschah einige Jahre zuvor ein Mord, der  Täter wurde nie gefasst. Merkwürdigerweise existiert das Zimmer gar nicht – Joël Dicker beginnt zu recherchieren und stößt auf die abgründigen Machenschaften einer alten Genfer Bankiersfamilie …

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Nachdem ich im letzten Jahr meinen ersten Dicker gelesen habe (Das Verschwinden der Stephanie Mailer), war ich auf den neuen Roman mehr als gespannt. Und was soll ich sagen? Der Mann kann schreiben. Ich bin ab sofort ein Dicker Fan Girl ♥

Worum geht es … Dicker muss gerade den Verlust seines Agenten verarbeiten, und beschließt eine kleine Auszeit zu nehmen. Er fährt in die Schweizer Alpen. Sein Zimmer ist die Suite 623. Am Abend lernt er die charmante Scarlett kennen, die ihn als den Autor erkennt. Im Laufe des Abends bringt Scarlett das Gespräch auf das fehlende Zimmer 622 und überredet Dicker gemeinsam mit ihr herauszufinden was es damit auf sich hat. Als sie den Portier dazu befragen wollen, rückt dieser nicht so wirklich mit der Sprache raus. Die Beiden beschließen weiter nachzuforschen und stoßen auf eine unglaubliche Geschichte des Bankhauses Ebezner, welches eine 300jährige Geschichte aufweist. Der Präsidentensitz der Bank wird immer an den Nachfolger vererbt. Doch Abel Ebezner entscheidet sich gegen seinen Sohn und somit nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Mehr möchte ich zu diesem sehr komplexen, aber gut zu lesenden Geschichte nicht verraten.

Das was dann auf 624 Seiten passiert ist einfach unglaublich. Dicker schafft es immer wieder eine neue Spannung aufzubauen, in dem er Wendungen(Geheimnisse, Intrigen, Schicksale) einbaut, mit  denen ich nie und nimmer gerechnet habe. Und das Ende ist dann noch einmal mega gemacht, weil dann alles langsam aufgelöst wird und zwar wieder vollkommen anders als ich geglaubt habe.

Ich sag nur … unbedingt lesen!!!

„Scham“ von Inès Bayard

Zsolnay Paul
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2020
ISBN: 9783552059764
Preis: 22,00 Euro

Klappentext

Maries Leben ist perfekt. Sie ist jung und erfolgreich, ihr Mann ist Anwalt, jetzt wollen die beiden ein Kind. Da passiert das Unfassbare. Marie wird von ihrem Chef auf dem Heimweg brutal vergewaltigt. Und er setzt sie so unter Druck, dass sie niemandem, nicht einmal ihrem Mann, davon erzählt.

Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt/ Vergewaltigung!

 Marie ist jung und genießt das Leben. Ihr macht der Beruf Spaß und auch ihre läuft super. Das Paar beschließt einen Schritt weiter zu gehen, und möchte eine Kind. In dieser Lebensphase wird Marie eines Tages auf dem Weg nach Hause von ihrem Chef brutal vergewaltigt. Mit letzter Kraft schleppt sie sich nach Hause und versucht mit dieser Tat klar zu kommen. Sie verschweigt sie, sagt ihrem Mann nichts davon, zeigt ihren Peiniger nicht an. Dann ist Marie plötzlich schwanger und es stellt sich die Frage von wem ist dieses Kind und wie kann das Leben von Marie mit dieser Scham weiter gehen …

Direkt zu Anfang erfahre ich, wie das Buch enden wird. Daher verrate ich nicht zu viel, wenn ich schreibe, dass Marie das Kind, ihren Mann und sich tötet. Doch wie kommt es dazu? Das erarbeitet Inès Bayard schrittweise. Angefangen bei der brutalen Vergewaltigung durch den Chef, Maries Scham und dem Nichterzählen. Weder ihrem Mann noch einer Freundin vertraut sie sich an. Auch als sie erfährt das sie schwanger ist, hat sie immer noch die Möglichkeit es dem Frauenarzt zu sagen, doch Marie schweigt. Ihr Umfeld bekommt nicht mit, was ihr passiert ist. Und das ist ein Punkt, den ich einfach nicht glauben und verstehen konnte, obwohl Bayard es sehr plausibel darstellt. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, das ihr Mann nichts bemerkt hat. Ehrlich, mein Partner muss der spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Oder mein Umfeld. So wie Marie sich verhalten hat, hätte jemand etwas merken müssen!

Diese Buch hat mich an so vielen Stellen wütend gemacht, traurig und fassungslos. Mir hat Marie so leid getan, weil sie so sehr in ihrer Scham gefangen war. Schlimm fand ich, als sie dann vom Opfer zur Täterin wurde. Aber sie sah einfach keinen anderen Ausweg, als alle zu töten.

Das ist keine leichte Lektüre, weil sie wirklich teilweise sehr brutal und detailliert ist. Bayard zwingt mich als Leserin, all das zu durchleiden, was Marie erleiden muss . An vielen Stellen musste ich das Buch weg legen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte, was Marie passiert, weil ich mit ihr gelitten habe. Und doch muss man hinschauen! Denn sexuelle Gewalt, egal ob Vergewaltigung oder in einer anderen Form, geschieht tagtäglich in dieser Welt. Darum ist es wichtig hinzuschauen, hinzuhören und zu helfen. Auch wenn es erst einmal vielleicht nur eine Vermutung ist, aber vielleicht hilft es dem Gegenüber seine Scham zu überwinden!

 

 

 

 

 

Die Tragödie von Idaho

Hanser Berlin
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
19.02.2018
ISBN: 9783446258532
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
An einem einzigen Tag hat Wade alles verloren, was er liebte. May, die kleine Tochter ist tot, ihre ältere Schwester June verschollen, seine Frau Jenny zu lebenslanger Haft verurteilt im Gefängnis. Und nun raubt eine früh einsetzende Demenz ihm auch die Erinnerung. Bald wird er nicht mehr wissen, welche Tragödie sich an jenem Augusttag im Wald abgespielt hat, wie seine Töchter hießen und seine Frau. Auch Ann, deren Liebe groß und wahrhaftig genug ist, um zu Wade in das schrecklich leere Haus im Bergland von Idaho zu ziehen, wird nie den Hergang der Tat erfahren. Aber mit jedem Tag, den sie mit Wade teilt, begibt sie sich tiefer in die Erkundung dessen, was damals geschehen ist, fügt Bruchstücke und Splitter zusammen, und nimmt schließlich Kontakt zu Jenny auf.

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„Sie lernte, mit seinen Aussetzern umzugehen. Manchmal spürte sie auch ohne ein Wort von ihm, dass es wieder so weit war. An einem sonnigen Herbsttag lag sie neben ihm auf der Wiese, und während er döste, spürte sie förmlich, wie sein altes Leben und seine Erinnerungen von seiner Haut abstrahlten und ihn verließen. Alles außer ihr. Auch sie streifte ihr altes Leben ab, um sein Gegenstück zu werden.“ (Seite 28/ 29)

An einem sonnigen Tag arbeiten Wade, seine Frau Jenny und die beiden Töchter May und June im Wald. Sie machen Holz im Wald und stapeln dieses auf dem PickUp. Doch plötzlich ist nichts mehr wie es war, denn Jenny hat May mit der Axt erschlagen und June ist verschwunden. Was ist passiert?

Ein Jahr später ist Wade mit Ann verheiratet. Sie haben sich im Klavierunterricht kennen und lieben gelernt. Ann stellt bei Wade eine beginnende Demenz fest. Doch bevor er alles vergisst, versucht sie Licht in das Drama zu bringen. Warum brachte Jenny ihre Tochter um? Wo ist June?

„Eine liebende Mutter, praktisch verschmolzen mit ihrem Kind (…). Hass und Liebe, vollkommen vermischt in jenen Augenblicken eines Flüsterns, wenn es auf die Worte nicht mehr ankommt, das Baby schon halb schläft und man es auf dem Klang der eigenen Stimme die letzten Meter ins Traumland tragen kann. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Man kann es singen, so sanft man will, die Worte fletschen trotzdem die Zähne. Gott will nicht immer.“ (Seite 101)

Als ich anfing zu lesen, wusste ich nicht so recht, was mich erwartet. Ich war verwirrt, weil die Autorin ziemlich in der Zeit und der Geschichte springt, da sie nicht chronologisch erzählt. Eine echte Herausforderung. Ich habe mir sogar teilweise am Anfang Zeitabfolgen aufgeschrieben. Doch je weiter ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto besser/ interessanter fand ich diese Art der Erzählung. Warum? Weil sie mir immer wieder andere Aspekte/ Blickwinkel zeigte.

Die Tragödie wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Jede*r Protagonist*in erinnert sich an andere Dinge und somit setzt sich nach und nach das Puzzel zusammen.

Ruskovich hat hier einen ganz besonderen Roman geschrieben. Wade verliert nach und nach durch seine Demenz die Erinnerung an die Tragödie, obwohl er sich immer an sie bzw. an seine Kinder erinnern möchte. Und Jenny, seine erste Frau, die die Tochter umbrachte, möchte vergessen und wird tagein tagaus im Gefängnis daran erinnert, welche Tat sie begangen hat.

„Sie denkt an Wade. Er hat seine Töchter verloren, aber auch die Erinnerung daran, sie zu verlieren. Nur seinen Verlust, den hat er nicht verloren. Der Schmerz lebt in seinem Körper weiter wie seine Unterschrift in seiner Hand.“ (Seite 240)

Die Demenz und das Vergessen an sich stehen in diesem Buch im Vordergrund. Ein für mich sehr gelungenes Debüt der Autorin Emily Ruskovich.

Auch wenn man sehr konzentriert lesen muss, lohnt sich dieses Buch auf jeden Fall!!!

Der Fall der Lizzie Borden

Pendo Verlag
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.02.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783866124356

Klappentext
Zutiefst verstört starrt Lizzie Borden auf ihren Vater, der blutbefleckt auf dem Sofa liegt. Auch ihre Stiefmutter ist tot – ebenfalls hingerichtet mit einer Axt. Weitere eindeutige Spuren sind an jenem schicksalhaften Morgen des 4. August 1892 kaum auszumachen, dafür häufen sich die Fragen. Denn während die Nachbarn in Fall River, Massachusetts, nicht begreifen, wie einer so angesehenen Familie etwas derart Grausames zustoßen kann, erzählen diejenigen, die den Bordens wirklich nahestehen, eine ganz andere Geschichte: von einem jähzornigen Vater, einer boshaften Stiefmutter und zwei vereinsamten Schwestern. Schnell erklärt die Polizei Lizzie zur Hauptverdächtigen, deren Erinnerung an den Morgen jedoch lückenhaft ist.

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„Ich dachte daran, wie Lizzie zwei Monate zuvor im Morgengrauen in mein Bett geschlüpft war und geflüstert hatte:> Ich will nur, dass er leidet …< Die Art, wie sie gelacht hatte. >Stell dir vor, er würde die Treppe hinunterstürzen! Was glaubst du, welche Geräusche er machen würde?<“ (Seite 51)

Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte der Lizzie Borden, die 1892 ihre Stiefmutter und ihren Vater auf brutalste Weise mit der Axt erschlagen haben soll. Aus vier verschiedenen Blickwinkeln versucht die Autorin Sarah Schmidt den Tathergang zu rekonstruieren bzw. aufzuzeigen. Die einzelnen Stimmen erzählen ihre Erlebnisse und ihre Sicht auf die Tat und das Verhältnis zu den Getöteten.

Lizzie Borden
Die jüngste der Borden Schwestern und in meinen Augen ganz schön verzogen. Sie bekommt fast alles was sie will und wenn nicht, versucht sie ihr Gegenüber zu erpressen um doch noch zu bekommen was sie haben möchte. Unter anderem setzt sie so ihre Schwester unter Druck bei ihr zu bleiben und nicht zu heiraten. Am Tag der Tat bringt ihr Vater ihre geliebten Tauben um.

Emma Borden
Die älteste der Borden Schwestern. Am Tattag ist sie bei einer Freundin. Sie wird ständig von ihrer Schwester Lizzie unter Druck gesetzt Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht will. Sie verlässt den Mann, den sie liebt, weil Lizzie ihr droht dem Vater zu sagen, dass dieser sie „entehrt“ hat, was zu einem Skandal führt. Nur, weil Lizzie nicht will, dass ihre Schwester sie verlässt.

Bridget
Sie ist das Hausmädchen der Bordens. Am Tag der Ermordung hat sie einen Disput mit Lizzies Mutter, denn Bridget hat genügend Geld gespart, um die Familie zu verlassen. Sie hat genug von dieser lieblosen und zu Gewalttaten neigenden Familie. Doch Mrs. Borden will sie auf keinen Fall gehen lassen und nimmt Bridget das ersparte Geld ab.

Benjamin
Er ist der mysteriöse Unbekannt. Angeheuert vom Onkel der Borden Schwestern, um „eine“ Sache für den Onkel zu erledigen. Er hält sich während des Mordtages im Ort auf.

„Als die zwölf Männer entschieden, dass Lizzie unschuldig war, weil >… wir davon ausgehen, dass Frauen ein derartiges Verbrechen nicht begehen würden<, brach im Gerichtssaal lauter Jubel aus (…)“ (Seite 316)

Ich habe dieses Buch verschlungen, konnte es kaum weglegen, weil es mich einfach fasziniert hat. Ich war in einem ständigen hin und her, wer denn der Mörder/ die Mörderin gewesen sein könnte. Fakt ist, jeder einzelne der vier Stimmen hätte einen Grund gehabt, die Bordens zu töten. Und das zeigt mir, wie schnell ein Opfer zu einem Täter werden kann bzw. ein Täter zu einem Opfer. Sarah Schmidt schafft es, die kalte und lieblose Atmosphäre innerhalb der Familie brillant mit Worten zu erfassen. An vielen Stellen hat es mich echt gegruselt, wie die Familie drauf ist. Wie schnell Glück in Unglück umschlagen kann, Liebe in Hass und Gewalt.

Ich mochte es sehr, dass mir die Autorin eine gewisse „Freiheit“ gelassen hat, selbst zu entscheiden, wem ich glaube oder nicht …

Dieses Buch ist faszinierend, packend, grandios und zugleich verstörend, grausam und kaltblütig.
Für mich ein erstes Highlight in diesem Lesejahr und daher unbedingt lesen!!!

Eine Tragödie

Luchterhand
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.08.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783630875545

Klappentext
Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.

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Myriam und Paul sind ein junges Paar, das in Paris lebt. Ihnen geht es finanziell gut. Sie haben eine kleine Tochter und einen kleinen Sohn. Myriam vermisst ihren Job, möchte wieder unter Menschen. Für einen staatlichen Krippenplatz verdienen sie zu viel, also denken sie über eine Nanny nach. Sie finden schließlich die 50jährige Louise. Am Anfang macht sich Myriam Sorgen und fühlt sich schuldig, dass sie ihre Kinder bei der Nanny lässt. Doch der Alltag und ihre eigenen Befindlichkeiten führen dazu, dass Louise sich immer mehr in ihrem Leben ausbreiten kann. Paul und auch Myriam sehen nicht, dass das Unheil auf sie zurast. Und dann passiert es …. Beide Kinder sind tot …

„Und es stimmt. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, zugleich unsichtbar und unverzichtbar zu sein. (…) Louise ist da und hält diese fragile Konstruktion aufrecht. Myriam lässt sich bereitwillig bemuttern. Jeden Tag überlässt sie einer dankbaren Louise weitere Aufgaben. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunklen das Bühnenbild umbauen. (…) Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig.“ (Seite 55)

Die Geschichte fängt eigentlich mit dem Ende an. Direkt auf den ersten Seiten erfahre ich, dass die beiden Kinder Mia und Adam tot sind. Adam war sofort tot, hat nicht gelitten und Mia erlag später ihren schweren Verletzungen. Ich weiß auch wer die mutmaßliche Täterin war/ ist … Louise, die Nanny. Nach diesen ersten Seiten bin ich erst einmal geschockt.

In einem Rückblick, bis hin zur Tragödie erzählt Leila Slimani die Geschichte von Paul, Myriam, Mia und Adam. Und die von Louise. Wie sich alle das erste Mal begegnen, und wie begeistert die Familie von der Nanny ist. Wie Louise zu einem unentbehrlichen Familienmitglied wird. Aber nicht alles ist so wie es scheint.

Myriam wollte unbedingt Mutter sein. Bekommt das erste Kind und schnell danach das zweite. Doch das Muttersein füllt sie irgendwann nicht mehr aus, ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie will wieder zurück in ihren Beruf.

Paul ist rund um die Uhr damit beschäftigt Geld ran zu schaffen. Erst für Myriam und sich, später für Myriam und die Kids und zu guter Letzt, um eine Nanny beschäftigen zu können.

Louise ist eine Frau, die sehr einsam ist und eigentlich nur ein Heim/ Heimat sucht. Menschen mit und bei denen sie sich heimisch fühlt. Sie möchte geliebt werden.

„Sie würde sie gern unter eine Glasglocke bannen, wie zwei lächelnde, erstarrte Tänzer auf dem Sockel einer Spieluhr. Sie sagt sich, dass sie sie stundenlang betrachten könnte, ohne es je leid zu werden. Dass sie sich damit begnügen würde, ihnen beim Leben zuzusehen, im Hintergrund zu wirken, damit alles perfekt ist, damit der Mechanismus nicht in Stocken gerät. Tief in ihrem Inneren ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören.“ (Seite 77)

Obwohl dieses Buch nicht einfach ist, ist es hervorragend geschrieben. Jede Seite offenbart einen neuen Abgrund. Da ich ja bereits das Ende kannte, habe ich mich beim Lesen oft gefragt wer hat eigentlich Schuld am Tod der Kinder. Mal war es für mich Myriam, mal Paul, mal die Kids selbst und auch Louise gehörte dazu. Leila Slimani lässt mir als Leserin diesen Spielraum und das hat mir sehr gut gefallen.

Ich denke letztendlich haben wir alle, die Gesellschaft, Anteil an dieser Tragödie. Eine Tragödie die tagein und tagaus überall auf dieser Welt geschehen kann. Für mich ist dies ein Buch, das noch lange nachwirkt und mich hoffentlich dazu bringt das ein oder andere Mal genauer hinzuhören und zu sehen.

Unbedingt lesen!

 

5 von 5 Sternen

 

Das Kind im Bauch

Diogenes Fester Einband  208 Seiten  Erscheinungsdatum: 26.10.2016  Preis: 22,00 € ISBN: 9783257069822

Diogenes
Fester Einband
208 Seiten
Erscheinungsdatum:
26.10.2016
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783257069822

Klappentext
Trudy betrügt ihren Ehemann. Sie wohnt nach wie vor in seinem Haus – einem heruntergekommenen Einfamilienhaus in London, das ein Vermögen wert ist -, aber ohne ihren Gatten, den Dichter und Verleger John. Stattdessen geht dort sein Bruder ein und aus, der zutiefst banale Bauunternehmer Claude. Trudy und Claude haben einen Plan. Doch ihre Intrige hat einen Zeugen: das wissbegierige, knapp neun Monate alte, ungeborene Kind in Trudys Bauch.

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Ich habe mich sehr gefreut als ich im Herbst  in der Verlagsvorschau von Diogenes den neuen Roman von Ian McEwan entdeckte. Der Klappentext sprach mich sofort an. Doch im Weihnachtstrubel war es mir nicht möglich das Buch zu lesen, denn ich wollte mir Zeit dafür nehmen um darin abzutauchen. Daher war ich dann doch sehr überrascht, als ich mit dem Buch anfing. Ich wusste, dass es um eine Intrige ging und dass es einen Zeugen dafür gibt, nämlich das Baby im Bauch. Doch was mich echt überraschte war die Tatsache, dass die gesamte Geschichte von dem Kind im Bauch erzählt wird. Am Anfang fand ich das sehr befremdlich und ich stellte mir an vielen Stellen die Frage, kann ein Kind im Bauch der Mutter wirklich so viel mitbekommen von seiner „Umwelt“ wie es in dieser Geschichte den Anschein hat? Kann ein Kind im Bauch Einfluss auf Handlungen nehmen? Im Laufe der Geschichte habe ich diese Gedanken auf Seite geschoben und mich ins Buch fallen lassen. Die Spannung, was denn da passiert, war zu weilen nicht auszuhalten und ich konnte nicht aufhören zu lesen. Irgendwie hoffte ich immer, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Irgendwie hat es dann ja auch … je nachdem wie man es betrachtet.

McEwan hat mit diesem Buch einen ungewöhnlichen Weg des Schreibens eingeschlagen. Das Kind im Bauch erzählt die Geschichte. Die Geschichte seiner Mutter, seines Vaters und dem Liebhaber seiner Mutter. Und das in einer Art und Weise, die mich als Leser neugierig macht, abstößt aber auch fasziniert. Manchmal denke ich ach das arme Kind und dann wieder bin ich total angenervt  von diesem altklugen Geschwafel welches das Kind im Mutterleib von sich gibt. Was mir noch auffällt, ist das McEwan mit Sprache nur so um sich haut. Er benutzt Wörter die manchmal erst nachschlagen muss, da ich sie noch nie gelesen habe.

Trotz allem hat mich dieses Buch mehr fasziniert als das es mich  genervt hat. Ich finde ein gewagtes und mutiges schriftstellerisches Experiment, aber ein sehr gelungenes!!!

 

4 von 5 Sternen