„Früher oder später passiert es sowieso“

Nagel und Kimche Fester Einband  160 Seiten Erscheinungsdatum: 22.08.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783312009992

Nagel und Kimche
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.08.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783312009992

Klappentext
„Früher oder später passiert es sowieso.“ Mit dieser Einsicht in die Notwendigkeit plant Kehr im Pflegeheim das Leben, das ihm nach dem Tod seiner Frau noch bleibt. Zu seiner Tochter hat er keinen guten Draht, seine Enkelin Sophie liebt er, aber sie erwartet ein Kind, und er will sie nicht zu sehr beanspruchen. Im Pflegeheim hofft Kehr seine Ruhe zu finden. Aber so einfach ist es nicht. Er beobachtet die schrulligen, nicht selten aggressiven Mitbewohner und die Bemühungen der Pfleger. Seine vorgetäuschte Demenz nutz er um Desserts zu stehlen, Gehhilfen unliebsamer Nachbar zu verstecken und sich seine Freiheiten herauszunehmen. Bald aber wird seien Schauspielerei anspruchsvoller; je vertrauter ihm das Heim wird, desto größer ist die Gefahr der Enttarnung. Als zufällig seien Jugendliebe Annemarie auftaucht, flackert die alte Zuneigung erneut auf.

∗∗∗∗∗

„Ich habe lange zugeschaut. Als ich jung war, sah ich die Leute alt werden und verblassen. Sie entfernten sich scheinbar von mir, es war die Vergänglichkeit, die ich den Menschen ansah. Ich hatte alles vor mir. Mein Leben hatte noch gar nicht angefangen. Später sah ich die Menschen dann zu mir heranwachsen. Ich hatte sie überholt, und sie waren mir auf den Fersen. Und bald fühlte ich mich in die Enge getrieben. Den Weg nach vorne versperrte mir der Tod, der immer unverhohlener auf mich schielte, während er erst sporadisch, bald regelmäßig an die Türen meiner bekannten klopfte. Er war mir ein altbekannter und doch nicht minder unsympathischer Begleiter.
(…)
Letzter Akt: die letzte Sünde. Anstatt ihre verbleibende Zeit in die Hand zu nehmen, anstatt nach vorne zu schauen, wie sie es früher immer wollten, drehen sie sich um.“ (Seite 5/ 6)

Kehr ist 91 Jahre alt und beschließt seine letzten Tage in einem Pflegeheim zu verbringen. Und damit er dorthin gelangt, macht er einen auf „Dement“. Er macht dies, um der lieben Familie nicht zur Last zu fallen. Obwohl, eigentlich ist da nur noch seine geliebte Enkeltochter Sophie, denn zur Tochter hat er seit Jahren keinen Kontakt. Doch Sophie ist schwanger und Kehr möchte ihr auf keinen Fall eine Last sein, sollte er plötzlich erkranken. Darum sein Entschluss i

Ich war dem Winter stets dankbar, wenn viel Schnee fiel, der den Lärm dämpfte und viel Hässliches zudeckte.“ (Seite 38)

Die Geschichte kommt in kurzen und knappen Kapiteln mit eben solchen Sätzen daher. Für mich ein stilistische Mittel um zu zeigen, dass nicht mehr viel Zeit bliebt und es jetzt an der Zeit ist sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In allen Kapiteln geht es immer um Kehr. Mal wird etwas über ihn erzählt, mal erzählt er selber. Obwohl Kehr ein gesunder Mann ist, wird schnell klar warum und wie es sich auf seine Zeit als Demenzkranker vorbereitet hat.

An vielen Stellen muss ich inne halten, da sie mich sehr bewegen … Vor allem wenn seine Enkeltochter Sophie zu Besuch kommt und Kehr konsequent seine „Rolle“ durchzieht, obwohl er sieht wie sehr Sophie darunter leidet. Oder wenn er sich an sein Leben erinnert und  über den Verlust seines Sohnes spricht …

Dann gibt es Stellen, die mich laut auflachen lassen … dieses Buch ist ein Wechselbad der Gefühle.

„Früher konnte man noch rechtzeitig sterben. Irgendwann hat man das verlernt. Man hat keine Zeit mehr für den Tod, weil man noch Direktor, Millionärin oder vierfacher Ehemann werden wollte. Man hat angefangen, sich selbst so wichtig zu nehmen, dass man vergessen hat, nur das zu bedeuten, was man jenen bedeutet, die einem etwas bedeuten. Man hat den Tod in unserer Gesellschaft aus dem Leben vertrieben.“ (Seite 90)

Frédéric Zwickers Debüt hat mir inhaltlich als auch sprachlich sehr gut gefallen. Er zeichnet einen Mann auf, der mit 91 Jahren an einem Punkt angekommen ist, an dem er eine Rückschau auf sein Leben hält und einen Ausblick auf das was noch kommen kann. Dabei setzt er sich auch mit dem nahenden Tod auseinander. Zwickers Protagonist ist dabei manchmal zynisch und hart, manchmal liebevoll und weich.

Ein wirklich gelungenes Debüt, das noch lange nachwirkt!

4 von 5 Sternen

… aus „Das Glück sieht immer anders aus“ von Milena Moser

Nagel & Kimche Fester Einband 224 Seiten Erscheinungsdatum: 23.02.2015  Preis: 18,90 € ISBN: 9783312006533

Nagel & Kimche
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.02.2015
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783312006533

„Sie schüttelt den Kopf. Dann schüttelt sie mich:>Was willst DU?< fragt sie. >Du, nur du!< Verwirrt schaute ich sie an. >Nur mich< gab es nicht. Konnte es nicht geben. Und das war auch richtig so. Das Leben mit kleinen Kindern, mit Familie und im Berufsleben ist kompliziert genug, auch ohne dass die eigene Stimme immer dazwischenplärrt: >Und ich, und ich, und ich?< Aber irgendwann braucht man sie wieder, diese Stimme. Stellt sich heraus, sie ist verkümmert, wie ein Muskel, der zu lange untätig war.“ (Seite 8/9)

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„Vielleicht bin ich zu alt, um noch einmal ein neues Leben zu beginnen, denke ich. Vielleicht muss man jung sein, wie Little Kate, ungebunden, um dieser inneren Stimme einfach folgen zu können.“ (Seite 82)

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Ich drehe den Ring an meinem Finger und schaue in die graue Landschaft hinaus. Der Ring passt zu mir, aber passt er auch zu meinem Leben? Passe ich noch zu meinem Leben?“ (Seite 178)

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„>Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann< – dieser Satz stammt auch von einem alten Mann: Francis Picabia“ (Seite 193)

Die Zeit des „Wechsels“

Nagel & Kimche Fester Einband 224 Seiten Erscheinungsdatum: 23.02.2015  Preis: 18,90 € ISBN: 9783312006533

Nagel & Kimche
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.02.2015
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783312006533

Klappentext
Pünktlich zu ihrem fünfzigsten Geburtstag unternimmt Milena Moser eine Tour quer durch die USA. Auf ihren Stationen New York, Maine, New Orleans und weiter gegen Westen will sie sich selbst, die Liebe und das Glück finden. Sie will glückliche Paare beobachten und jeden Tag ihr Leben ganz von vorne beginnen. Und so sieht sie, wie andere Lebensmodelle funktionieren und scheitern, wie Leidenschaft selbst bei jahrzehntealten Beziehungen tatsächlich überlebt hat und wie unheimlich Wahrsagungen sein können.
Nur über eins ist sich Milena Moser von Anfang an sicher: Der Weg zum Glück führt über die Freilegung der inneren Stimme, die sie in all den Jahren zuvor eingeklemmt in Alltagspflichten, nicht mehr gehört hat. Aber was, wenn diese Stimme ganz anders klingt als gedacht? Kann man mit seiner inneren Stimme streiten?

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„Vielleicht bin ich zu alt, um noch einmal ein neues Leben zu beginnen, denke ich. Vielleicht muss man jung sein, wie Little Kate, ungebunden, um dieser inneren Stimme einfach folgen zu können.“ (Seite 82)

Milena Moser steht kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag. Ihre Ehe ist gerade in die Brüche gegangen und sie fragt sich, was das Leben noch für sie bereit hält. Schon immer wollte sie einen Trip durch die USA machen.  Sie besucht alte Freunde, verliebt sich erst in ein Haus und dann in einen Mann, erlebt Höhen und Tiefen …. Doch bei all dem hat sie ein Ziel vor Augen … sie will das Glück finden!

„Sie schüttelt den Kopf. Dann schüttelt sie mich:>Was willst DU?< fragt sie. >Du, nur du!< Verwirrt schaute ich sie an. >Nur mich< gab es nicht. Konnte es nicht geben. Und das war auch richtig so. Das Leben mit kleinen Kindern, mit Familie und im Berufsleben ist kompliziert genug, auch ohne dass die eigene Stimme immer dazwischenplärrt: >Und ich, und ich, und ich?< Aber irgendwann braucht man sie wieder, diese Stimme. Stellt sich heraus, sie ist verkümmert, wie ein Muskel, der zu lange untätig war.“ (Seite 8/9)

Dies ist der autobiografische Roman der Autorin Milena Moser. Kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag steckt sie in einer „Lebenskrise“. Sie stellt für sich fest, dass sie in den vergangen Jahren ihre Bedürfnisse hinten angestellt hat, und es jetzt an der Zeit ist sie zu verwirklichen.

Ihr ergeht es wie vielen Frauen, die um die fünfzig sind. Es ist die Zeit des „Wechsel“. Man lässt das Leben Revue passieren und stellt sich den Fragen des Lebens … War das schon alles? … Was kommt jetzt noch? … Was für Wünsche und Träume habe ich noch? Oftmals stellen die Frauen fest, dass sie dieses Leben nicht mehr wollen. Sie steigen aus ihrem Leben aus und fangen noch einmal von vorne an.

„Ich drehe den Ring an meinem Finger und schaue in die graue Landschaft hinaus. Der Ring passt zu mir, aber passt er auch zu meinem Leben? Passe ich noch zu meinem Leben?“ (Seite 178)

Da ich selbst auch in einem solchen „Wechsel“ stecke, war ich sehr gespannt auf dieses Buch. Erwartet habe ich ein Buch, in dem eine Frau offen und ehrlich schreibt, wie schwierig ein solcher „Wechsel“ sein kann. Bekommen habe ich einen Reisebericht bzw. das chronologische erzählen eines neuen Lebensabschnitt. Und hier liegt die Krux.

Milena Moser beschreibt ihre Reise durch die USA sehr gefühlvoll und auch die Begegnungen mit den Menschen haben mir gut gefallen. Allerdings gab es Situationen und Begebenheiten, in denen ich Milena Moser als sehr naiv und blauäugig empfunden habe. Situationen, in denen eine Frau von fünfzig Jahren eigentlich bedachter handeln müsste.

Die inneren Konflikte wurden mir zu oberflächlich abgehandelt, bzw. oftmals nur kurz angesprochen und einige einfach zu pauschalisiert.

„>Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtig ändern kann< – dieser Satz stammt auch von einem alten Mann: Francis Picabia (Seite 193)

In diesem Sinne kann ich nur sagen … macht euch euer eigenes Bild …

3 von 5 Sternen