Was wäre wenn …

Blumenbar, ISBN: 9783351050412, Preis: 16,00 €

Klappentext
Ein junger Mann steht an der Schwelle. Die Prüfung der Jugend hat er gemeistert. Vor dem Erwachsenenlenben fürchtet er sich. Er ist bereit, alles aufzubringen, um sich Gewohnheit und Tristesse zu verwehren, der Ausweglosigkeit des Lebens zu entkommen.
In einer Spätsommernacht besiegelt er einen Pakt mit einem entfernten Bekannten: An sieben Nächten um sieben Uhr wird er losgeschickt in die Nacht, auf dass er eine der sieben Todsünden begegne. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Er wird sich von einem Hochhaus stürzen, Unmengen Fleisch essen, zum absoluten Nichtstun verdammt und zu Polyamorie verführt.
Und bis zum Morgen muss er schreiben, alles erzählen, ohne Zensur, ohne Beschönigung. Denn die sieben Todsünden sind vielleicht seine letzte Rettung.

∗∗∗∗∗

Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
-ob Sin, ob Sucht, ob Sage_
Dein fernbestimmtes: Du mußt

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

(Gottfried Benn)

Ihr alle kennt sicherlich dieses Gefühl, wenn man ein Buch in den Händen hält und weiß, dieses Buch ist etwas ganz besonderes. So erging es mir gestern mit diesem kleinen Buch von Simon Strauss. Auf dem Cover ein zerzauster junger Mann, der einen fragenden/ suchenden Ausdruck auf dem Gesicht hat. Beim Lesen des Klappentextes bekomme ich Gänsehaut und weiß … hier erwartet mich etwas ganz Großartiges. Dann auf den ersten beiden Seiten zwei Gedichte. Unter anderem das von Benn. Schon jetzt bin ich dem Buch hoffnungslos verfallen. Und es geht weiter so. Die Sprache ist der Hammer. Nachdem ich in den letzten beiden Wochen echt „schlechte“ Bücher gelesen habe dacht ich nur …. Endlich, es gibt sie noch die Bücher mit toller Sprache und Poesie … und mit voller Leidenschaft geschrieben!

Doch jetzt erst einmal genug geschwärmt …

Das Debüt von Simon Strauss befasst sich mit einem jungen Mann der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag steht. Er hat Angst diese Schwelle zu übertreten. Angst davor dass das Leben dann monoton und langweilig wird. Der Ich Erzähler schließt mit einem Bekannten einen Packt. In sieben Nächten muss er jeweils eine Todsünde begehen und anschließend darüber schreiben. In einzelnen Kapiteln wird jede Todsünde und die damit verbundenen Erfahrungen und Emotionen beschrieben.

Beim Lesen der einzelnen Kapitel kommt mir das Ganze wie ein Manifest auf die alten Zeiten vor. An Hand der Todsünden spiegelt Strauss  die Zeiten heute und damals. Auf der einen Seite vermisst der Ich Erzähler die Zeit, in der es noch Menschen gab, die Träume hatten, die sich zusammen setzten um Pläne zu schmieden oder Aufstände zu führen. Er beklagt, dass heute jeder nur noch für sich alleine ist und sein Ding macht. Junge Menschen die immer auf der Suche nach neuen Abenteuern sind. Alles muss immer schneller, aufregender, riskanter und moderner sein. In unserer schnelllebigen Zeit hat nichts mehr Bestand. Heute freut man sich auf etwas, morgen macht man es und übermorgen hat man es schon wieder vergessen … ohne Rücksicht auf Verluste. Die Wertigkeit eines Lebens ist scheinbar nur noch davon abhängig ob man mithalten kann oder nicht. Daher ist es gar nicht verwunderlich, dass der Ich Erzähler Angst hat, zum „alten Eisen“ zu gehören. Plötzlich nicht mehr hipp zu sein. Verantwortung übernehmen zu müssen für sich und für eine eventuelle Familie. Angepasstheit ist ihm zuwider. Doch ist dem wirklich so?

Dieses Buch ist so viel mehr als eine banale Geschichte. Es ist ein Suchen und Finden der Identität … nach einer Spur, die man im Sand hinterlassen kann.

„Aber vorher lasst mich noch einmal in den Sand zeichnen. Eine Spur hinterlassen für alle, die noch erschütterbar sind. Für sie ist das hier geschrieben. Ein Text aus Angst. Aus Angst vor dem Übergang. Aber vor allem aus Hoffnung. Aus Hoffnung, dass doch noch etwas kommt.“ (Seite 129)

Ein grandioses Debüt!!! Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich sowohl Sprache als auch Inhalt gefesselt!!! Unbedingt lesen!!!

P.S.: Der Autor fordert an einer Stelle im Buch mehr Ausrufezeichen. Dieser Aufforderung komme ich gerne nach. 🙂

5 von 5 Sterne

Fragmente des Glücks

Luchterhand Fester Einband 320 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783630874531

Luchterhand
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783630874531

Rückentext
In der Dunkelheit wächst ein Monster heran, im Takt ihres Herzklopfens, das Herz wummert, als hätte sie einen schnellen Gang durch den Park hinter sich, dabei bewegt sie unter der Decke nicht einmal den kleinen Zeh. Hier, im schwarzen Zimmer, versammelt sich die Wirklichkeit, ein geschlossener Cellokasten, ein Kronleuchter im Treppenhaus, Kinder und sorglose Mütter auf dem Spielplatz, Plakate einer Musicalpremiere, die nichts mehr mit ihr zu tun hat, fremde Leute, die diese Wohnungstür aufschließen und sich dieses Zuhause redlich verdient haben, das Lachen der Gäste an den Tischen des Bistros, sie haben keine Zeit für Schwächlinge, die Straßen ihres Viertels sind nichts für Versager, die Nacht schärft die Konturen dieser Wirklichkeit, und sie sehnt sich nach Schlaf, vereint mit Matti, so möchte sie einschlafen und nicht mehr zurückkehren in diese Wirklichkeit. Sie zieht die Knie an den Körper und rutscht näher an den Atem ihres Kindes; verwerflich ist diese Sehnsucht, gemeinsam unterzugehen. Es ist ein gefährlich funkelndes Körnchen Traurigkeit, das sie in sich trägt.

∗∗∗∗∗

„Wenn sie für sich spielt, hat sie ihre Hände unter Kontrolle, nein, dann braucht sie keine Kontrolle. Sie löst sich in der Musik auf und wird eins mit dem Cello. Das Zittern ist ihre Schwäche, ihre Schuld, sie entfacht es durch ihre Gedanken, sie bemüht sich nicht genug, ein zuversichtlicher Mensch zu werden. Ein zuversichtlicher Mensch würde nicht mit den Händen zittern.“ (Seite 212)

Isabell und Georg sind ein glückliche Paar, das sich alles leisten kann. Beide haben eine gesicherte Existenz, lieben ihr Leben im Wohlstand und können sich nicht vorstellen, dass es einmal anders sein könnte.

Doch mit der Geburt ihres Sohnes Matti wächst der Druck. Glücklich über die Geburt des Sohnes, stellen sich doch bald existenzielle Fragen ein. Können sie ihren Wohlstand so halten? Ihre Verunsicherung wächst.

Als Isabell wieder in ihren Beruf als Cellistin zurückkehrt, gelingt ihr dies nicht. Abend für Abend zittern ihre Hände beim Spiel und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es jemand merkt und sie feuert. Um dies Vorzubeugen lässt sie sich krankschreiben. So kann sie mehr Zeit mit Mattie verbringen. Doch auch dies kann sie nicht ungetrübt genießen. Dann verliert sie ihren Job.

„Denn sie hat es doch selbst schon in den Händen gespürt, wollte zugreifen und packen, wenn Matti sie nicht eine Stunde schlafen ließ, Nacht für Nacht, wenn Georg auf reisen war und ihr nicht helfen konnte, Schlafentzug öffnet dunkle, unbekannte Gebiete. Sie ließ den Druck an Gegenständen aus, Tritte gegen den Sessel, die dumpf ins Leder stießen, oder gegen den Wäscheständer, der krachend zusammenbrach, wie dumm, einen Wäscheständer zu treten, wie ergiebig auch, weil es Lärm macht.“ (Seite 60)

Georg und Isabell haben ihre Jobs so gelegt, dass Georg abends zu Hause ist, wenn Isabell Cello spielt. Er arbeitet in einer Redaktion. Aber es mehren sich die Gerüchte, dass die Arbeitsplätze der Redaktion in Gefahr sind. Georg ist fassungslos, da er nichts davon mitbekommen hat. Kollegen haben sich schon lange vorher nach einem neuen Job umgeschaut. Doch Georg hat irgendwie den Anschluss verpasst.

„>Gibt es etwas, das du vermisst, seitdem du hier lebst?< Björn schaut ihn geradewegs an, >Freunde nicht. Die Arbeit nicht. Das Nachtleben auch nicht.< Er überlegt weiter. >Du merkst, ich kann dir nur sagen, was ich nicht vermisse. Im Prinzip vor allem – dieses allgegenwärtige Vergleichen Mich mit den anderen, und umgekehrt. Das bin ich los. Und daraus ergibt sich der Rest.<
>Was meinst du mit Rest?<
>Daraus ergibt sich, dass ich mir nichts mehr kaufen muss. Um dem Vergleich standzuhalten.<“ (Seite 94)

Ein ehemaliger Kollege ist „ausgestiegen“ und hat alles hinter sich gelassen. Georg selbst denkt auch immer mehr darüber nach alles stehen und liegen zu lassen. Auszubrechen, der Verantwortung für Isabell und Matti zu entfliehen, denn er weiß, dass Isabell niemals ihre geliebt Wohnung verlassen würde.

„Er möchte Fotos sehen von hellen Zimmern sehen, anregende Bilder, die nicht nach Problemen und Hindernissen aussehen. Eine Villa aus dem Jahr 1902, weiß verputzt, efeubewachsen, mit altem Baumbestand im Garten. Das Grundstück umfasst über fünftausend Quadratmeter. Sieben Zimmer, Diele, zwei Salons mit Verbindungstür und Kachelöfen, eine große Küche, Terrassentür in den Garten und Kuhweide dahinter. Er stellt sich das vor: früh aufstehen, Teewasser aufsetzen, ins Grün schauen, Frühstück decken, die Räume mit einer großen, lauten Familie füllen, kein Geld für Wegwerfspielzeug ausgeben, die Natur ist der Spielplatz, Solaranlage aufs Dach, Kartoffeln setzen, Kartoffeln ernten.“ (Seite 30)

Nachdem beide ihren Job verloren haben schwiegen sie sich aus. Im Stillen gibt jeder dem anderen die Schuld und gleichzeitig fühlt sich jeder für sich als Versager. Sie reden nicht miteinander. Ihr Frust wird immer größer. Jede Kleinigkeit bringt die beiden weiter auseinander, doch sie schaffen es einfach nicht ein klärendes Gespräch zu führen.

„Isabell spricht kaum mit ihm, verschließt sich ihm vorwurfsvoll, weil er ein Versager ist. Er hat das Glücksversprechen gebrochen. Er bringt ihr keine Lösung auf dem Silbertablett, er hat nicht den rettenden Job gefunden, der sie befreien würde, von ihrem Phlegma, ihrer Neurose, oder was sie da mit sich rumträgt. Fragen darf er nicht, nein, auf keinen Fall fragen, es wäre eine Verletzung die sensible Cellistin zu fragen. Selbstverständlich ist er zu blöd oder unsensibel, sie zu verstehen. Er hat es  nicht verdient, dass mit ihm geredet wird.“ (Seite 239)

Dieses sehr eindrucksvolle Debüt von Kristine Bilkau erzählt sehr nüchtern und dennoch so nah am Geschehen die Geschichte zweier Menschen in der heutigen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die davon geprägt ist alles besser, schöner, teurer … zu machen als die anderen. Voll nach dem Motto … mein Auto … mein Haus … meine Jacht … Doch ich frage mich, warum ist das so? Warum kann man nicht mit dem glücklich sein, was man hat? Warum muss es immer mehr sein?

Natürlich kann sich keiner davon frei sprechen nicht mal neidvoll auf das Auto, das Haus oder was auch immer des besten Freundes, des Nachbarn zu schauen. Doch mal ganz ehrlich muss ich das dann auch unbedingt haben? Was bringt mir das? Seelenfrieden? Glück? Doch eher nur Schulden, Sorgen wie ich es finanzieren kann etc. Ist es das wert? Nur damit man noch mehr auftrumpfen kann?

„Ihn durchströmt ein Hochgefühl. Ja, es fühlt sich gut an, diesen Satz auszusprechen. Wir schaffen es nicht! Vier Wörter, die zu einem Tabu geworden sind. Sie auszusprechen ist verboten, streng, streng, streng verboten. Aber jetzt ist es auch egal. Er kann sich endlich locker machen. Wir schaffen es nicht! Warum mussten sie immer so tun, als wäre es nicht so?“ (Seite 197)

Es ist schwer in einer Gesellschaft mitzuhalten, in der die Werte heute anders angeordnet sind. In einer Gesellschaft, in der Konsum weit oben steht. Und kann man nicht mithalten ist man eben draußen. Viele können möchten aber dabei sein und verschulden sich dafür immer mehr und mehr. Es gehört heute Mut dazu, sich einzugestehen, dass man es nicht schafft … dass man sich kein i-Phone, keinen Mercedes, keine Restaurantbesuch … leisten kann. Doch macht das einen Menschen zu einem schlechteren Menschen? Nein!!!

Manchmal denke ich, wir sollten unseren Blick auf das wesentlich konzentrieren. Auf die kleinen Dinge im Leben, denn das bedeutet Glück. Nicht das neue Auto, nicht das neue Haus oder das neue Kleidungsstück.

„Dann würde sie sich an diesen Nachmittag erinnern, alles noch einmal vor sich sehen, genau hinsehen, wer Georg, Matti und Isabell am heutigen Tag gewesen sind. Sie wird ihr junges Ich neben Georg und dem Kind sehen, dort auf der Decke unter dem Baum, und die Vollkommenheit des Moments erkennen, denn wie vollkommen etwas war, lässt sich oft erst viel später verstehen. Mit der Zeit reifen Momente zu etwas heran, erst dann kristallisiert sich heraus, das war es, das Glück.“ (Seite 300)

Mein Fazit: Beklemmend und wirklichkeitsnah wird die Geschichte eines Paares erzählt, das dem sozialen Druck der Gesellschaft ausgeliefert ist … Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen