Ist das Leben die Mühe wert?

Atlantik Verlag
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783455003086

Klappentext
Als ihre Großmutter stirbt, bricht für Kim alles zusammen. Sie ist bei ihr aufgewachsen, die Großmutter war immer für sie da. Also flieht Kim von der bretonischen Insel Groix und ihrer großen Liebe Clovis. Sie braucht Zeit zum Nachdenken und reist gen Süden, um in Antibes an der Côte d’Azur eine dickköpfige alte Dame zu betreuen. Gilonne wird schnell zu ihrer Ersatzgroßmutter, mit der sie Madison tanzt, am Meer Pommes frites isst und das Leben genießt. Außer Kim kümmert sich auch Gilonnes Sohn rührend um sie. Umso überraschter ist Kim, als sie herausfindet, dass er angeblich längst verstorben ist. Ist die alte Damen einem Hochstapler aufgesessen? Kim will Gilonne beschützen und macht sich daran, lang gehütete Familiengeheimnisse zu lüften …

∗∗∗∗∗

„Heute ist mein Kopf weiß wie ein Klatschmohnfeld im Winter. Aber ich bleibe eine Rothaarige, solange ich lebe. Wir sind eine Elite, Kim. Unsere Haarfarbe rührt von einer Mutation auf dem Chromosom sechzehn her. Ramses II. war rothaarig, genau wie König David und Judas. Wir sind anfälliger für Allergien und Sonnenbrände, reagieren empfindlicher auf Narkosemittel, sind streitsüchtiger und leidenschaftlicher. Wir ernten mehr Spott in der Schule, müssen früh lernen, uns zu verteidigen, lieben heftiger, leben intensiver.“ (Seite 33)

Kim lebt schon ihr ganzes Leben auf Groix. Sie wuchs nach dem Tod der Mutter, diese kam bei Kims Geburt ums Leben, bei der Großmutter auf. Ihren Vater kennt Kim nicht, denn dieser hat die Familie vor ihrer Geburt verlassen. Auf Groix betreibt sie mit ihrem Freund Clovis den Zeitschriftenladen ihrer Großmutter. Eines Morgens ist die Großmutter verschwunden. In einem Brief teilt sie Kim mit, dass sie in Schweiz reist, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Kim ist am Boden zerstört. Sie kann nicht verstehen, warum ihre Großmutter dies gemacht hat. Um zu verstehen, verlässt sie ihre Heimat um auf dem Festland Antworten zu finden. Sie findet eine Anstellung als Gesellschafterin der alten Madame Gilonne-Kerjeant an der Côte d’Azur. Die alte Dame war früher eine berühmte Schauspielerin und so führt sie sich auch auf. Dich die beiden Frauen haben eine Gemeinsamkeit … rote Haare. Und das ist der Schlüssel mit dem Kim das Vertrauen der alten Dame gewinnt.

Parallel wird die Geschichte eines Kindes, einem Jungen erzählt, dessen Vater versucht die Mutter umzubringen. In verschiedenen Zeitabständen wird die Entwicklung und das Leben des jungen Manns geschildert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er ins Leben von Gilonne und Kim tritt.

In der Realität hat Gilonne einen Sohn gebraucht und ich eine Mutter. Wie die Heldin im Film hat sie Farbe in mein Leben gebracht. Ich bin durch sie wiedergeboren, ein neuer Mensch. Sie ist durch mich aufgelebt.“ (Seite 194)

Fouchet hat es wieder einmal geschafft ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mit „Die Farben des Lebens“ gibt sie eigentlich schon das Grundthema vor … das Leben … und zwar in all seinen Facetten. Das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß … nein es ist bunt.

Für Kim ist das Leben nach dem Tod der Großmutter zunächst schwarz. Sie kann nicht verstehen warum die Großmutter sich das Leben genommen hat. Also fängt sie an, eine Liste mit Pro und Kontras zu führen, um zu sehen, warum sich zu leben lohnt oder auch nicht.

Dann lernt sie die lebensfrohe und etwas durchgeknallte Gilonne kennen. Eine Frau, die sich im Leben fast alles genommen hat was sie will. Auch wenn ihr Leben nicht immer gerade und schön verlaufen ist.

Und dann ist da noch der Junge, dessen Leben nun wirklich nicht gut verläuft. Dessen Mutter vom Vater angeschossen wird. Die Mutter ringt um ihr Leben, der Vater kommt ins Gefängnis, und der Junge wächst erst einmal bei den Großeltern auf. Doch eines Tages holt die Mutter ihn wieder zu sich und lässt den Jungen jeden Tag seines Lebens spüren, dass sie ihn hasst, weil er seinem Vater so ähnlich sieht.

Drei verschiedene Figuren, drei Schicksale/ Leben. Sie alle sind im Buch miteinander verwoben zu einer Geschichte, zu einer Geschichte über das Leben und was es lebenswert macht.

„Das Leben ist ein Édith-Piaf-Schmettern und Bergamottes-Lutschen. Ein Nizza-Salat- und Apfel-Andouille-Galette-Schlemmen. Ein In-Mitgefühl-und-Liebe-Baden. Jeder Schluck, jeder Bissen, jede Umarmung, jeder Ton, jedes Kinderlachen, jedes Schnurren, jedes Kläffen ist die Mühe wert. (Seite 243)

Mich hat die Geschichte um Gilonne und Kim berührt. Ich mochte die beiden sehr. Gilonne, weil sie so unbefangen und lebenshungrig war, und Kim, weil sie vorsichtig und zaghaft ja beinah ängstlich war.

Dieses Buch ist eine Hommage an das Leben, egal wie schlimm es manchmal auch verläuft, es gibt immer wieder diese besonderen Momente, die Leben sich lohnen. Kim hatte ihre ganz eigenen Pro und Kontra Liste, die ich am Ende des Buches noch einmal komplett lesen kann. Und auch Fouchet hat eine Pro und Kontra Liste hinzugefügt.

Vielleicht sollte man ab und an für sich selbst eine Pro und Kontra Liste erstellen, um sich in schwarzen Momenten an die bunten Farben des Lebens zu erinnern, zu sehen und zu spüren … ja, das Leben ist die Mühe wert!

„Altwerden ist ein Privileg, das man akzeptieren oder auch ablehnen kann. Man entscheidet sich jede Sekunde, da zu sein, im Hier und Jetzt, die Welt zu umarmen.“ (Seite 297)

So laut und so leise

Heyne
Fester Einband
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.03.2018
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 9783453271593

Klappentext
Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher. Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Vorher war sie ein unscheinbares Mädchen, jetzt ist sie allein. Sie rasiert sich die Haare ab und errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist still und misstrauisch – und fasziniert von ihr.
Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester -, macht sie einen Schritt auf Jacob zu. Und so entsteht ganz langsam und zart zwischen Abschied und Loslassen etwas vollkommen Neues.

∗∗∗∗∗

„Mein Bruder war die finstere Nacht und das hellste Licht. Ein Vakuum und drei Tage später wieder euphorisch und voller Tatendrang. Früher dachte ich alle Menschen wären so. Aber nur er war so. So laut und so leise.“ (Seite 32)

Kristopher ist tot. Luises Bruder hat sich das Leben genommen. Luise fühlt sich allein gelassen. Kristopher war ihr Universum. Ihr bester Freund, ihr Vertrauter. Und jetzt ist sie allein und weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, ihrem Verlust. In ihrer Wut und Trauer rasiert sie sich ihre Haare ab und baut eine Mauer des Schweigens um sich herum auf.

Ihre Mutter, die in ihrer eigenen Trauer verhaftet ist, findet immer wieder und wieder Gründe keine Zeit mit Luise zu verbringen. Sie kann in ihrem eigenen Schmerz nicht den von Luise auch noch ertragen. Und somit ist Luise vollkommen auf sich gestellt.

Auch der Psychologe zu dem sie wöchentlich geht kommt nicht an Luise heran. Nach einer Sitzung bricht sie im Treppenhaus zusammen. Dort trifft sie das erste Mal auf Jacob.

„Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, endet nicht nur seines. Er zerstört das gesamte Gefüge. Die Ordnung . Das Gleichgewicht. Wie eine Druckwelle, nachdem eine Bombe detoniert. Was bleibt, ist emotionale Verwüstung. Alle sagen, man soll reden. Aber das ändert nichts. Über den Tod zu sprechen kann ihn nicht rückgängig machen. Man versucht nur, Worte zu finden, wo sie einem fehlen.“ (Seite 163)

Jacob lebt mit seinem Halbbruder in dem Haus, in dem Luises Psychotherapeut seine Praxis hat. Jacob ist ein sehr stiller und in sich gekehrter junger Mann. Auch Jacob hat als Kind jemanden verloren. Als er auf Luise im Treppenhaus trifft fühlt er sich von diesem Mädchen angezogen. Er hat das Gefühl sie beschützen zu müssen. Doch Luise stößt ihn immer wieder weg. Will niemanden an sich heranlassen.

Dann kommt an Luises Geburtstag plötzlich eine E-Mail von Kristopher aus der Zwischenwelt. In dieser Mail kündigt er weiter an und Aufgaben, die Luise für ihn erledigen muss, damit er diese Zwischenwelt verlassen kann.

Luise bittet Jacob ihr zu helfen, da sie das nicht alleine schafft. Und so ganz langsam reißt die Mauer um Luise ein …

„Ich glaube an Zufälle. An den freien Willen. An Kettenreaktionen. Wenn es mir nach geht, ist das Schicksal was für Leute, die zu viel Angst davor haben, die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. So ist immer jemand anders schuld. Alles sollte so kommen. Sie sind den Launen der Vorsehung hilflos ausgeliefert. Ich halte das für Blödsinn.“ (Seite 70)

WAHNSINN!!! Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen und bin immer wieder fasziniert wie sensibel und einfühlsam Anne Freytag mit schwierigen Themen umgeht. Selbstmord, Tod, Verlust, Trauer … sind die Themen in diesem Buch. Ich weiß nicht wie die Autorin es schafft, aber ich als Leserin kann mich in den Gefühlen von Luise und Jacob wiederfinden. Kann den Schmerz, die Wut, die Fassungslosigkeit und die Ängste die Luise nach dem Freitod ihres Bruders hat, beim Lesen spüren.

Mir hat auch die Mischung sehr gut gefallen. Das Thema Tod/ Trauer ist durchweg das Hauptthema im Buch bis zum Endo. Doch die Annäherung von Luise und Jacob ist auch ein wichtiger Teil im Buch, der zeigt, dass aus einem Verlust auch immer etwas Neues wachsen kann.

„Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Zeit nicht wiederkommt. Dass eine Minute nach der anderen unerbittlich aus unserem Leben stirbt und dass wir jeden Moment aufs Neue entscheiden müssen, ob wir sie verschwenden oder nutzen.
Das Jetzt sollte gut sein. Denn uns bleibt nur das Jetzt. Und mein Jetzt ist gut. Diese Minute riecht nach geschmolzener Butter und nach Erdbeeren.
Und ein bisschen nach Jacob.“ (Seite 187)

Dies ist das dritte Buch von Anne Freytag, das ich gelesen habe. Das erste hieß „Mein bester letzter Sommer“ und das zweite „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Alle drei haben mein Herz sehr berührt!!!

Ich frage mich ernsthaft wie macht diese Frau das? Wie schafft sie es immer und immer wieder sehr sensible Themen in so wundervolle, einfühlsame und realistische Geschichten zu verpacken?

Chapeau Anne Freytag und DANKE für diese wundervollen Bücher. ♥♥♥

„Denk immer daran, Lise, man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.“ (Seite 220)

Liebeskummer lohnt sich nicht …

Atlantik Verlag, ISBN: 978-3-455-60059-9, Preis: 20,00 €

Klappentext
Martha hat einen langweiligen Job, den sie von ihrer Schwester übernommen hat, und lebt in der Wohnung, die ihr Bruder ihr überlassen hat. Sogar ihre beste Freundin hat sie sozusagen geerbt. Mit Tom sollte alles besser werden. Tom, der ihr mit Kreide Botschaften vor die Haustür malt und die beste Marmelade aus selbst gepflückten Brombeeren kocht. Doch dann verschwindet Tom, und Martha weiß nicht mehr weiter – bis sie die schöne und geheimnisvolle Stella trifft, die mir ihren Söhnen auf der Suche nach einer Mary Poppins ist. Martha erliegt dem Zauber der Jungs, die ihr zeigen, worauf es wirklich ankommt im Leben.

∗∗∗∗∗

„Manchmal scheint die ganze Welt entvölkert zu sein, wenn ein einziger Mensch fehlt“ ( Alphonse de Lamartine)

Martha ist eine junge Frau, die auf den ersten Blick, nichts in ihrem Leben auf die Reihe bekommen hat. Sie hat den Job ihrer Schwester übernommen, trägt deren Kleider auf, lebt in der Wohnung ihres Bruders, die der nicht mehr nutzt. Doch da ist Tom. Der erste Junge, der nur ihr allein gehört. Sie zeigt ihn weder den Eltern noch den Freunden, aus Angst, dass Tom dann nicht mehr ihr allein gehört. Doch eines Tages ist Tom verschwunden und Martha hat keine Ahnung wie das passieren konnte.

„Ich hingegen war froh über all diese Orte, die ich mit den Jungs wiederentdeckte. Sie gaben mir das Gefühl zurück, dass man zwar erwachsen werden musste, aber dass es dennoch weiter diese unbeschwerten Momente im Leben geben konnte. Mich erleichterte es, dass sie mir zeigten, dass man sich irrt, wenn man denkt, man könne die Pommes nicht mehr essen, nur weil sie auf den Boden gefallen sind. Man musste einfach nur das bisschen Sand und die Grashalme abkratzen, und schon aß man die besten Pommes der Welt, besser als alle, die man je zuvor probiert hatte. Wen störte da noch ein kleines Knirschen beim Kauen. Sie zeigten mir, dass es weiter möglich war, auf dem Geländer zu balancieren, selbst wenn man sich dabei anfangs wie eine Witzfigur fühlte, weil man immer wieder unelegant ins Schwanken geriet und runter springen musste. Dass es dennoch Quatsch war, sich für so etwas zu schämen, dass man sich stattdessen amüsieren konnte und sollte,“ (Seite 85)

In ihrem Liebeskummer trifft sie auf Stella und ihre Jungs. Stella erwartet ihr viertes Kind und sucht dringend eine „Mary Poppins“ für ihre drei Jungs. Eigentlich so gar nicht Marthas Ding, doch hier sieht sie die Möglichkeit aus ihrem „alten Leben“ zu entfliehen. Tom zu vergessen. Die Kinder, voran der fünfjährige Oskar , mögen sie auf Anhieb und möchten sie als Nanny. Das Abenteuer „Ablenkung“ beginnt …

„Kinder wecken schlafende Inseln, die man in seiner eigenen Kindheit gebaut hat und die einen nun wieder dazu bringen, dass alles flirrt und sirrt und aufregender wird. Kinder bringen einen dazu, viele Fragen zu stellen, so lange, bis es nur noch ein „Warum ist die Banane krumm?“ als Antwort gibt. (…) Man erinnert sich an alle die guten Dinge, die das Leben ausmachen sollte.“ (Seite 183)

Dieses Buch ist so ganz anders als ich erwartet habe. Martha als Protagonistin ist mir ganz schön auf die Nerven gegangen. Sie ist so vollkommen unselbstständig. Kein Wunder, dass sie immer alle „beerbt“. Den Job der Schwester, die Wohnung des Bruder … und dann hat sie endlich Tom, und den vergrault sie meiner Meinung nach durch ihr klammern. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich dieser Zeit, der Zeit des Liebeskummerhaben schon lange enteilt bin. 🙂 Obwohl, auch mit Anfang fünfzig kann man noch Liebeskummer haben. Wie dem auch sei.

Trotz alle dem hat mich die Geschichte unterhalten. Das liegt zum einen an der poetischen und philosophischen Art und Weise des Schreibens. Gerhild Stoltenberg hat mich an vielen Stellen verzaubert.  Ich habe ewig viele Stellen markiert, die ich einfach wunderschön finde.

Dann sind da noch die drei Jungs, die ich vom ersten Augenblick an mochte, ja liebte  … vor allem den fünfjährigen Oskar. Die Jungs mit ihrer Sicht auf die Welt sind so erfrischend und unschuldig, dass man selbst wieder fünf sein  möchte, damit man ungezwungen und frei in dieser Welt herumlaufen kann. Nippon sagt an einer Stelle im Buch …

„Wer mich nicht mag ist blöd“ (Seite 138)   

In diesem Sinne … lesen!

 

4 von 5 Sternen

 

Spätes Glück

Diogenes Verlag, ISBN: 9783257069860, Preis: 20,00 €

Rückentext
Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

∗∗∗∗∗

„Nach einem leichten Abendessen, nur ein Sandwich und ein Glas Milch, damit er sich in ihrem Bett nicht zu voll und zu schwer fühlen würde, nahm er eine lange, heiße Dusche und schrubbte sich gründlich ab. Dann schnitt er Finger- und Fußnägel, und als es dunkel war, verließ er mit seinem Pyjama und der Zahnbürste in einer Papiertüte das Haus durch die Hintertür und folgte dem kleinen Seitenweg. (Seite 12)

Addie ist Witwe und einsam. Louis ist ebenfalls Witwer und auch ein wenig einsam. Eines Tages macht Addie Louis einen Vorschlag … er solle doch jeden Abend zu ihr rüber kommen, um bei ihr zu schlafen. Es geht jedoch nicht um Sex, sondern einfach darum das Gefühl der Einsamkeit in der Nacht zu überstehen. Louis ist zuerst skeptisch, ob das funktionieren kann. Doch schnell haben sich die beiden an ihr Arrangement gewöhnt und beide sind glücklich und zufrieden.

„Ich finde es wundervoll, sagt sie. Es ist besser, als ich es mir erhofft hatte. Es ist so etwas wie ein Geheimnis. Mir gefällt die Freundschaft. Die Zeit, die wir miteinander verbringen. Hier im Dunkel der Nacht zu liegen. Das Reden. Dich neben mir atmen zu hören, wenn ich wach werde.“ (Seite 104)

Was für ein wunder-wunder-wunderschöner sensibler Roman. Ich liebe dieses kleine feine Buch mit seiner Geschichte.  Es braucht nicht viel Brimbramborium, um diese feine Geschichte zu erzählen. Kent Haruf schafft mit kurzen und knappen Sätzen eine wunderschöne Stimmung. Die Geschichte zweier Menschen, die im Alter nicht alleine sein möchten. Die sich nach Geborgenheit und Wärme sehnen. Doch es geht nicht um Sex. Es geht um das Gefühl, dass das Leben noch Lebenswert ist. Man nicht allein ist, jemanden an seiner Seite hat, mit dem man noch vieles erleben kann. Die Hoffnung, dass das Leben noch lange nicht vorbei ist.

Doch es ist auch die Geschichte der Neider und Missgönner. Die Geschichte von Menschen, die anderen ihr Glück nicht gönnen können und dies torpedieren. Wie zum Beispiel Gene, Addies Sohn. Wie er mit seiner Mutter in dieser Geschichte umgeht ist einfach unmöglich. Boah, was hat der mich aufgeregt. Ich habe mich echt gefragt, wie kann man so mit einem Menschen umgehen und warum macht er das? Eifersucht? Angst sein Erbe zu verlieren? Lachhaft!!! Dennoch ist diese Situation für Addie und Louis belastend. Schaffen sie es, ihr Glück zu bewahren?

„Eines Nachts gingen sie im Dunklen hinüber zum Schulhof der Grundschule, und Louis gab Addie auf der großen Kettenschaukel Schwung. Sie schaukelte hin und her, und der Saum ihres Kleides flatterte bis über die Knie.“ (Seite 172)

Ein weiterer Roman zum Thema „Liebe im Alter“. Ein weiteres wundervolles Buch, um das Tabu der Liebe im Alter aufzubrechen.

Wir werden immer älter, und wir möchten auch im Alter lieben dürfen, egal auf welche Art und Weise … mit oder ohne Sex … einfach spüren, dass es einen Menschen an der Seite gibt, den man berühren kann, mit dem man Nächtelang erzählen und mit dem man auch noch Träume haben kann.

Unbedingt lesen!!!

 

5 von 5 Sternen

Ende und Anfang

Atlantik Verlag, ISBN: 9783455600568, Preis: 20,00 €

Klappentext
„Wer auf meiner Beerdigung weint, mit dem rede ich kein Wort mehr“, hat Lou oft gewitzelt. Auf der kleinen bretonischen Insel mochte sie jeder: Lou war eine verständnisvolle Mutter, eine lustige Großmutter, eine verlässliche Freundin und Nachbarin. Sie kochte miserabel, aber voller Liebe, hatte das lauteste Lachen und trank am liebsten Champagner.
Doch nun ist Lou tot – und die Familie droht auseinanderzubrechen. Jo war zwar ein liebevoller Ehemann, doch seine erwachsenen Kinder Sarah und Cyrian kennt er kaum. In ihrem Testament bittet ihn Lou, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen: Er soll das zerrüttete Verhältnis zu Sarah und Cyrian kitten und die beiden glücklich machen. Erst dann darf er ihren letzten Brief lesen – der versiegelt, natürlich in einer Champagnerflasche, auf ihn wartet.
Eine folgenschwere Flaschenpost und eine schwierige Mission. Doch zum Glück steht Jo seine patente Enkeltochter Pomme zur Seite, die Schicksal spielt. Und bald ist in Lous und Jos Familie nichts mehr, wie es war …

∗∗∗∗∗

„Der Notar geht unsere Kinder holen. Das wird ein Gemetzel. Du hast mir gerade die nächsten zwei Monate versaut meine Liebe. was bleibt mir noch, ohne dich? Die zweistellige Zahl unserer gemeinsamen Jahre und die hundertstellige unserer gemeinsamen Lachanfälle?“ (Seite 45)

Lou ist tot und hinterlässt viele traurige Menschen, die Jo auf den richtigen Weg bringen soll.

Sarah die Tochter der  beiden. Sie wurde nach einer schweren Erkrankung von ihrem Freund und zukünftigen Mann verlassen. Seither versucht sie der Liebe aus dem Weg zu gehen.

Cyrian der Sohn von Lou und Jo. Lou wusste Bescheid. Wusste von Dany, seiner Freundin, mit der er seine Frau Albane betrügt. Die beiden haben eine Tochter … Charlotte. Außerdem hat Cyrian noch eine Tochter, Pomme. Doch der Kontakt zu ihr ist sehr sporadisch. Lous Sohn hat kurz vor Pommes Geburt die Insel Groix verlassen und lebt seitdem in Paris.

Albane ist eine strenge Mutter, die Charlotte ständig unter Kontrolle hält.

Pomme liebt ihre Mutter und die Großeltern. Denn obwohl sie kaum Kontakt zu ihrem Vater hat, hat sie einen sehr engen Kontakt zur ihren Großeltern.

Und dann ist da noch Jo. Die Beiden haben sich unendlich geliebt. Seinetwegen ist Lou mit auf die Insel Groix gezogen und hatte dort ein schönes Leben.

„Wir sind eine sonderbare Familie. Du warst der Mörtel, Lou. Ohne dich bröckelt das Gebäude, wankt, um mit großem Getöse einzustürzen.“ (Seite 64)
„Du warst die Schönste. Du hast mir beigebracht, glücklich zu sein und mich überall wohlzufühlen. Ohne dich bin ich ein Trottel.“ (Seite 87)

Auf den ersten Blick sind die vielen Namen und Protagonisten verwirrend. Doch innerhalb der Geschichte haben alle ihren eigenen Platz. Abwechselnd erzählen sie aus ihrem Leben und dem Leben mit Lou. Sie lassen mich an ihrem Schmerz über den Verlust von Lou teilhaben. Dabei erfahre ich viele Details, die zuerst einen Blick in jedes einzelne Leben zulassen und später alle zu einem großen Geflecht innerhalb der Familie werden.

Mir hat das sehr gut gefallen. Diese kleinen Einblicke, die mich an manchen Stellen zuerst einmal verwundert, manchmal auch wütend gemacht haben. Doch dann, im Großen Ganzen konnte ich jeden einzelnen Protagonisten in seinem Handeln und Leben verstehen.

Fouchet gelingt es mit leisen und warmen Worten die Trauer und den Verlust  jedes einzelnen herauszuarbeiten, Ich fühlte mich allen sehr nah, doch Jo und Pomme waren die, die mein Herz am meisten berührt haben. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass sie den größten Part in der Geschichte haben.

„Nicht die Kinder oder Enkel machen uns glücklich, sondern die Liebe, die sie hervorrufen, mit der man sie umgibt, die uns durchdringt.“
(…)
„Man kann nicht wissen, woran man einmal sterben wird, aber man kann entscheiden, wie man leben will.“ (Seite 358)

Ein zauberhafter Familienroman mit Charakteren, die von Fouchet liebevoll dargestellt werden, mit all ihren Ecken und Kanten, in einer Kulisse mit französischem Charme.

Unbedingt lesen ♥♥♥

 

4 von 5 Sternen

Chaos trifft auf Struktur und Ordnung

Goldmann Verlag (HC)  Fester Einband  288 Seiten Erscheinungsdatum: 21.09.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783442313211

Goldmann Verlag (HC)
Fester Einband
288 Seiten
Erscheinungsdatum:
21.09.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783442313211

Klappentext
Korbinian Gerhard ist Lehrer und seit dem Tod seiner Frau allein lebend. Er ist kauzig, pedantisch und legt Wert darauf, die Dinge unter Kontrolle zu haben. Billa ist siebzehn, freiheitsliebend und rebellisch – und ohne Dach über dem Kopf, denn sie ist von zu Hause abgehauen. Als Korbinian sie an einem kalten Winterabend hungrig und krank auffindet, nimmt er sie widerwillig mit zu sich nach Hause.
Dass seine sorgsam gehütete Ordnung damit bedrohlich ins Wanken gerät, bekommt er bald zu spüren: Billa fegt – nebst ihrer Entourage – wie ein Gewitter durch sein Leben und scheut sich nicht, alle vermeintlichen Gewissheiten auf den Kopf zu stellen. Und Korbinian staunt nicht wenig, als er sich plötzlich wiederfindet in dem großen Abenteuer, das man Freundschaft nennt …

∗∗∗∗∗

Er fühlt sich nur dann wohl, wenn alles um ihn herum verlässlich strukturiert war, wenn die Welt ihre Ordnung hatte, und sei es nur in Form perfekt positionierter Filzpantoffel in der Morgenfrühe.“ (Seite 17)

„Nachdem seine Frau so völlig unerwartet gestorben war, hatte er sich das Alleinsein wie einen Mantel umgelegt (…)“ (Seite 18)

Korbinian lebt seit dem frühen Tod seiner Frau allein. Er hat sich nie die Zeit genommen wirklich um sie zu trauern. Im Gegenteil … er ist nach der Beerdigung direkt zur Tagesordnung übergegangen. Sein Tagesablauf ist strukturiert und durchgeplant. Kleineste Abweichungen bringen ihn aus dem Trott bzw. werden erst gar nicht zugelassen. So wird er unweigerlich zu einem Menschen, der mit der Gesellschaft anderer Menschen nichts mehr anzufangen weiß. Er mag es allein zu sein … mit sich und seinen Gedanken. Andere Menschen zerstören nur seine Struktur.

„Alleinsein und Ordnung, das waren die beiden Pfeiler, auf denen Korbinians Existenz als Witwer bis zu diesem vierzehnten November aufgestellt war, Alleinsein und Ordnung hielten ihn beieinander, und genauso wäre es bis an sein Lebensende geblieben, wenn er selbst zu bestimmen gehabt hätte.“ (Seite 18/19)

Doch eines Tages stürzt Billa in sein Leben, und die bringt es mehr als nur durcheinander. Sie bringt das pure Chaos. Billa lebt auf der Straße, sie ist auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Vater. In einer kalten Nacht gewährt Korbinian der kranken Billa Unterschlupf in der Nähe seiner Wohnung. Doch im Laufe der Nacht geht es Billa immer schlechter und Korbinian ruft in seiner Hilflosigkeit seiner Schwester an. Emilia und Korbinian haben sich auch schon Jahre nicht mehr gesehen, obwohl sie nur ein paar Straßen auseinander wohnen.  Doch Emilia kommt sofort und bringt einen Arzt mit. Dieser stellt eine schwere Grippe bei Billa fest und verordnet Bettruhe. Nun muss Korbinian sein Gästezimmer für Billa opfern und sein Schlafzimmer für Emilia, die auch über Nacht bleiben will. Das Chaos nimmt seinen Lauf und Korbinians gewohntes Leben droht aus den Fugen zu geraten …

„Hier war etwas im Gang, das ihm die Kontrolle über sein eigenes Leben zu entreißen drohte. Dagegen musste dringend etwas unternommen werden, bevor vollständig entmachtet war. Korbinian hatte jedoch nicht die geringste Idee, was das sein könnte. (Seite 78)

Ich habe schon einige Bücher von Veronika Peters gelesen. Bücher die manchmal voller Leichtigkeit daher kamen oder eine Sehnsucht auslösten. Doch dieses Buch ist anders. Ich kann es eigentlich nicht wirklich beschreiben. Es ist ein stilles und manchmal auch nachdenkliches Buch. Die Geschichte von Korbinian und seinem Verlust macht mich traurig. Er lässt seine Trauer um seine Frau nicht zu und flüchtet sich in Ordnung und Struktur. Alles muss nach einem bestimmten Schema ablaufen. Tagein und Tagaus. Gefühle haben keinen Raum, keinen Platz. Selbst die Beziehung zu seiner Schwester kappte er, aus Angst vor Gefühlen. Denn Gefühle jeglicher Art könnten dazu führen, dass er sich der Trauer und dem Verlust seiner Frau stellen muss.

„Für einen Bruchteil einer Sekunde dachte Korbinian daran, Emilia spontan in den Arme zu nehmen. Weil das aber genau die Art von Gefühlsregung freisetzen konnte, die ihn womöglich die Fassung kostete, ließ er es bleiben und ging in den Flur, um Schuhe und Mantel anzuziehen.“ (Seite 172)

Billa ist eine Jugendliche, die kein schönes Elternhaus hat. Sie lebt auf der Straße, weil der Vater trinkt und sie prügelt. Eine Jugendliche, die sich nach Liebe und Geborgenheit eines Elternhauses sehnt. Nun treffen diese beiden Charaktere aufeinander. Die eine sucht die Liebe/ Nähe/ Geborgenheit, der andere möchte nichts damit zu tun haben. Und dennoch nähern sich beide immer mehr an.

Sie sah ihn mit großen Augen an, voller Unschuld, Zuneigung und Vertrauen. Schockiert stellte Korbinian fest, dass er anscheinend irgendwann damit begonnen hatte, dieses kleine durchtrieben Biest gern zu haben.“ (Seite 192)

Mir gefällt dieser wunderschöne ruhige und leise Roman sehr gut. Ich denke jeder Mensch verarbeitet seine Trauer anders. Korbinian war nicht in der Lage seine zuzulassen um sie dann verarbeiten zu können. Es bedurfte erst einer Billa, die wie ein Wirbelwind in sein Leben rauscht und es auf den Kopf stellt. Durch sie lernt er wieder mit Menschen und Gefühlen zu leben. Aber auch Billa lernt, nämlich dass es sich lohnt den Menschen zu vertrauen.

Ein wundervolles Buch über die Trauer, den Verlust und einem Neubeginn!

Danke liebe Veronika!

5 von 5 Sternen

It goes on and on and on

Blessing Verlag Fester Einband 432 Seiten Erscheinungsdatum: 30.03.2015  Preis: 21,99 € ISBN: 9783896675262

Blessing Verlag
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum:
30.03.2015
Preis: 21,99 €
ISBN: 9783896675262

Klappentext
Amerikanischer Mittelwesten, Anfang der 1950er-Jahre: Chic Waldbeeser hat gerade seine High-School-Liebe Diane geheiratet und sieht hoffnungsfroh in eine Zukunft als Familienvater und Eigenheimbesitzer. Sein Bruder Buddy ist ein ruheloser Geist, dem es schwerfällt seinen Platz im Leben zu finden und sesshaft zu werden, und der nicht weiß, dass seine Frau Lijy ihr eigenes Geheimnis hütet. Über fünfzig Jahre hinweg werden die beiden Brüder versuchen, trotz aller Schicksalsschläge und Niederlagen immer weiter zu machen. Und Chic wird im Alter noch eine letzte Chance bekommen, sein Glück zu finden.

∗∗∗∗∗

„Sein Wunsch nach einer Verbindung zu einem Menschen oder einer Sache war so stark, dass er sich fühlte, als würde in seinem Inneren ein Mixer rotieren und ständig seine Sehnsucht umrühren.“ (Seite 281)

Die beiden Brüder Chic und Buddy sind die „eigentlichen“ Hauptprotagonisten. Sie müssen schon früh den Selbstmord ihres Vater erleben und die Flucht ihrer Mutter mit einem anderen Mann. Auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit heiraten die beiden, jeder in der Hoffnung es besser zu machen als die Eltern. Doch die traumatische Erfahrung und erlernten Muster  in der Kindheit prägt ihr Handeln in der eigenen Familie.

Aber auch die anderen Protagonisten, und das sind in meinen Augen all die Menschen, die das Leben der beiden Brüder streifen oder teilen, haben ihr Päckchen zu tragen. Alle träumen von einem besseren Leben, eines das nicht so sein soll, wie dass der Eltern oder Menschen die ihnen nahe stehen.

„Aber sie wusste es besser. Denken blieb immer Denken, unabhängig von den Gedanken. Die Frage war, ob das Problem vom Denken kam oder von den Gedanken. Sie war nicht so von sich eingenommen zu glauben, dass die anderen bessere Gedanken hatten. Sie waren alle nicht schlecht dran, jeder Einzelne, die ganze Welt. Alle dachten nach, also musste es am Denken liegen, nicht an den Gedanken. Mit dieser Denkerei musste endlich Schluss sein.“ (Seite 244)

Jeder einzelne von ihnen versucht sich immer und immer wieder in einem Neuanfang, glaubt, wenn er es anders macht, könnte es klappen. Ein neuer Partner oder ein andere Wohnort. Andere Menschen und andere Städte. Doch schnell wird mir und auch den Protagonisten klar, sie fallen immer wieder in ihre alten und erlernten Muster zurück. Irgendwie ist kein wirkliches Entkommen möglich. Das lässt sie irgendwann erstarren. Sie glauben nicht daran, dass sie einen Neuanfang schaffen können, dass sie das Leben leben können, dass sie sich erträumen. Als Leser möchte ich sie rütteln und schütteln, und sie aus ihrer Erstarrung herausholen, denn diese Monotonie, die alle erleben macht mich kirre.

„Jeden zu kennen bedeutete, dass das Leben seine Überraschung verlor, und das kann Chic entgegen, weil er es nicht leiden konnte, wenn ihn das Leben aus dem Hinterhalt ansprang.“ (Seite 33)

Diese Monotonie bringt der Autor Ryan Bartelmay sprachlich sehr gut rüber. Die ganze Geschichte ist eher traurig und melancholisch geschrieben. Der Autor schafft es damit, dass ich die Verzweiflung der Protagonisten förmlich spüren kann. Ihr Bestreben etwas zu ändern, ihr Scheitern, ihren erneuten Versuch es zu wagen, ihre Resignation und letztendlich die Erkenntnis …

„Das Leben hat seine eigene Dynamik. Voran, voran, immer weiter voran.“ (Seite 297)

Dieses Buch spaltet wieder einmal die Leser. Viele halten es für langweilig und unaufgeregt. Mir persönlich hat dieses Buch sehr gut gefallen. Ein Buch, das man hinterfragen sollte, und nicht einfach runter lesen. Hier geht es in meinen Augen um Menschen, die erstarrt sind. In ihren Mustern festhängen. Aber sie sind auch Suchende … nach einem Ausweg aus diesen Mustern auszubrechen, es anders zu machen. Ob es ihnen gelingt? Lest selbst!
„Jeder Idiot kann eine Krise meistern;
es ist der Alltag, der uns zermürbt.“
-Anton Tschechow

Diese Textzeile steht am Anfang des Buches. Hätte man jedoch die erste Zeile an den Anfang des Buches gesetzt du die zweite Zeile an das Ende des Buches, wäre diese Geschichte die Mitte gewesen, und die Aussage dieser Textzeile gibt den Inhalt des Buches wieder.

Eigentlich ist dieser Roman eine Geschichte über uns Menschen. Eine Geschichte in der es darum geht unseren Alltag zu meistern, unser Leben auf die Reihe zu bekommen … tagein, tagaus … die einen schaffen das spielend, die anderen tun sich schwer, verzweifeln sogar daran. Es geht darum erlernte Muster zu durchbrechen und etwas zu wagen, vielleicht sogar einen Neuanfang, egal wie alt man ist … denn …

„Some will win, some will lose. Some were born to sing the blues. It goes on and on and on.” (Textzeile aus “Don’t stop believing” von Journey; Seite 394)

4 von 5 Sternen

Die Kraft der Phantasie

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

Klappentext
Chiara stammt aus Castelnuovo in Italien. Warum sie nach Deutschland gekommen ist, geht niemanden etwas an. Jetzt ist sie da und führt das Leben, das ihre Freundin Leonie ihr hinterlassen hat: Chiara wohnt in Leonies Haus auf dem Hügel und hat sogar deren Job übernommen – sie putzt Wohnungen fremder Menschen. Für den Übergang, sagt sie sich, aber dieses Leben gefällt ihr, sie mag es, in das Leben anderer zu schauen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die Wohnung des Herrn Vorden übt dabei eine besondere Anziehung auf sie aus. Und auch Vorden scheint eine tiefe Verbindung zu ihr zu haben – denn jede Woche, wenn Chiara seine Räume betritt, findet sie auf seinem Schreibtisch einen Stapel Blätter mit einer Geschichte. Und jede Woche fragt sie sich, ob der Mann, von dem sie nicht einmal den Vornamen kennt, ihre Gedanken lesen kann. Denn seine Geschichten haben sehr viel mehr mit ihr zu tun, als Vorden eigentlich wissen kann.

∗∗∗∗∗

„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

Chiara verlässt Hals über Kopf ihre Heimat. Es gab einen Vorfall, der sie veranlasst das Land zu verlassen. Da kommt es ihr gerade gelegen, dass auch ihre Freundin Leonie das Land Hals über Kopf verlassen hat. Chiara schlüpft in das Leben ihrer Freundin – lebt in Leonies Haus und übernimmt ihren Job. Das ist ganz einfach, da Leonie als Putzfrau arbeitet. Per Mail informiert sie ihre Kunden, dass ihre Freundin Chiara bis auf weiteres ihre Aufgaben übernimmt.

Zuerst findet Chiara es merkwürdig in den Wohnungen und Häusern fremder Menschen zu putzen. Doch mehr und mehr macht ihr diese Arbeit Spaß. Vor allem stellt sie sich vor wie die Menschen dort leben und was es für Menschen sein könnten.

„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

Von einer Wohnung ist sie ganz besonders angetan. Es ist die Wohnung eines Schriftstellers. In ihr fühlt sich Chiara am wohlsten. Schnell entwickelt sich eine Art von Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich nie persönlich treffen. Immer wenn sie kommt stehen Pralinen, Schokolade und/ oder Obst auf der Anrichte des Kühlschranks. Nach und nach fängt Chiara an und zelebriert ihren Aufenthalt dort. Erst putzt sie die Wohnung, bis auf das Badezimmer und hört dabei die Musik, die gerade im CD-Player liegt. Dann lässt sie sich Badewasser ein, nimmt ein gemütliches Bad, zieht sich Vordens Hemd an, und genießt einen Espresso im Sessel. Danach reinigt sie das Badezimmer, die Kaffeemaschine und verlässt das Haus.

Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

Eines Tages liegen ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch. Neugierig nimmt sie die Blatter nach ihrem Bad und fängt an zu lesen. Chiara glaubt nicht was sie liest und fragt sich woher Vorden das wissen kann … denn sie liest ihre eigene Geschichte …

„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

In wunderschönen, oftmals verschachtelten Sätzen erzählt Thommie Bayer sehr sensibel und poetisch die Geschichte einer Frau, die gezwungen ist einen Neuanfang zu wagen und noch nicht weiß wie er aussehen kann. In Rückblicken erfahre ich, was Chiara dazu bewogen hat alles hinter sich zu lassen. Und je tiefer ich in Chiaras Leben eintauche, desto mehr fasziniert es mich. Aber nicht nur Chiaras Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in Vordens Haus, und vor allen die Geschichten die Vorden schreibt, lassen mein Herz klopfen und regen meine Phantasie an. Woher kann er das wissen, wenn er Chiara nicht kennt? Beobachtet er sie? Was hat Vorden vor? Was passiert als nächstes?

„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

Dies ist ein Buch der Phantasie, es lädt zum Träumen und Verweilen ein … über das Leben, von Neuanfängen,  das Hinter- sich-lassen …

„Weißer Zug nach Süden“  ist wieder eines dieser Bücher die man durch Zufall entdeckt und die sich als wahrer Schatz entpuppen. Es hat mich verzaubert ♥

Unbedingt lesen!!!

Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

 

5 von 5 Sternen

Man spielt nicht mit der Liebe

 

Hanser Literaturverlag Fester Einband 188 Seiten Erscheinungsdatum: 28.07.2014  Preis: 18,90 € ISBN: 9783446245952

Hanser Literaturverlag
Fester Einband
188 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.07.2014
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783446245952

Klappentext
Sie heißt Billie, weil ihre Mutter für Michael Jacksons „Billie Jean“ schwärmte, er heißt Franck, denn seine Mutter vergötterte Frank Alamo. Sie wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf, bei den Asozialen, er lag im ständigen Clinch mit seinem bürgerlich-reaktionären Vater. Nichts scheint diese beiden Außenseiter zu verbinden, bis eine Lehrerin ihnen die Hauptrollen im Schultheater gibt. Die Aufführung mit Billie, der Unterschichtengöre, und Franck, dem kleinen Schwulen, wird ein überraschender Erfolg. Trotzdem spricht alles gegen ein Happy End: Sie bleibt sitzen, er muss ins Internat, es folgen Abstürze und Schicksalsschläge. Aber Billie und Franck haben gelernt, den Mut nicht zu verlieren und sich jedes Mal wieder aufzurichten. In Paris werden sie einander wiederfinden – zusammen ist man weniger allein. Wenn man Billie (wie Billie Holiday) heißt, stellt man sein Leben mit zweiundzwanzig einfach auf Reset.

∗∗∗∗∗
„Meine Worte richteten sich nicht an ihn, sondern an mich. An meine Dummheit. Meine Schmach. Meine mangelnde Vorstellungskraft. Niemals würde er mich im Stich lassen, und wenn er jetzt schwieg, dann allein deshalb, weil er nicht mehr bei Bewusstsein war.“ (S. 13)

Die Geschichte setzt ein, kurz nachdem Billie und Franck in den Bergen verunglückt sind. Während Billie denkt, dass Franck im Koma liegt, lässt sie ihr und Franck Leben Revue passieren. Sie erzählt einem einzelnen Stern, wie sie sich kennen gelernt haben, und wie ihr Leben verlaufen ist. Es ist ein trauriges Leben. Billie wächst in der Unterschicht auf. Ihr Vater hat nach der Flucht der Mutter wieder geheiratet. Die Stiefmutter trinkt und Billie führt ein einsames Leben. Sie bettelt, klaut und später arbeitet sie zum Teil auch als Prostituierte. Aber es gibt Momente in ihrem Leben, in denen sie so etwas wie Glück empfindet. Nämlich die, in denen sie mit Franck zusammen sein kann.

„Wenn ich einmal sterbe, wird keine Spur von mir bleiben. Außer Franck hat ja kein Mensch mein Licht gesehen, und wenn er vor mir stirbt, ist es vorbei. Dann  erlösche ich auch.“ (S. 92)

Aber auch Franck ist ein Außenseiter. Allerdings anders als Billie, gehört er mehr der Oberschicht an. Dennoch lebt er eine Lüge. Schon früh ist ihm klar, dass er Jungen/ Männer liebt. Doch das kann er seinem Vater niemals anvertrauen. Daher lebt er ein Leben, das ihm sein Vater diktiert. Er studiert Jura, obwohl er eigentlich Juwelier werden möchte. Erst als Franck zusammen mit Billie in Paris lebt, schafft er seine Träume zu verwirklichen.

„Wir wussten, dass das zwischen uns nicht Verachtung oder Gleichgültigkeit war, sondern Vorsicht und dass wir, auch wenn wir es einander nicht mehr zeigen konnten, immer noch Freunde waren.“ (S. 81)

Dieser Roman geht unter die Haut und noch viel tiefer, nämlich mitten ins Herz. Obwohl diese Geschichte sehrt traurig, und auch melancholisch ist, macht sie dennoch auch Mut. Sie zeigt, dass es im Leben immer die Möglichkeit sein eigenes Tun und Handeln zu überdenken. Es muss nicht zwangsläufig ein schlechtes Leben werden, nur weil die Voraussetzungen bei der Geburt und in der Kindheit/ Jugend ungünstig waren, denn jeder ist seines eigen Glückes Schmied.

„Irgendwann und ohne dass es seine Absicht gewesen wäre, meinte mein Vater es endlich einmal gut mit mir und starb.“ (S. 107)

Ein wunderschönes Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte ♥♥♥

5 von 5 Sternen

Ein Buch, dass die Leser spaltet …

 

Aufbau Verlag  Flexibler Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 05.12.2014 Preis: 9,99 € ISBN: 9783746630908

Aufbau Verlag
Flexibler Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.12.2014
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783746630908

Klappentext
Marie fliegt mit ihren beiden Kindern übers Wochenende nach Paris. Dort findet eine Feier zu Ehren ihres Vaters statt, der einige Monate zuvor überraschend verstorben ist. Alte Wunden brechen auf, Marie provoziert eine Aussprache mit ihrer Mutter, in der es um Jahrzehnte totgeschwiegene Konflikte und Verletzungen geht. In dieser aufgewühlten Atmosphäre begegnet sie Serge. Es passiert nichts zwischen ihnen, aber es liegt etwas in der Luft. Obwohl sie ihren Mann Johannes liebt und mit ihm und ihren beiden Kindern ein glückliches Leben führt, schleicht sich eine Sehnsucht in ihre Gedanken, die sie nicht mehr loslässt. Auch wenn sie es sich zunächst nicht eingestehen will, eines ist schnell gewiss: Sie muss Serge wiedersehen. Immer tiefer taucht Marie in den Strudel ihrer Gefühle ein und läuft schließlich Gefahr, sich selbst zu verlieren.

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Dies ist das Debüt der Autorin Natascha Rodrigues, und was soll ich sagen … es beinhaltet eine Geschichte, die die Leser spaltet. Es gibt die, die ganz klar sagen, dass sie Marie verstehen, und die anderen, so wie ich, finden sie einfach nur egoistisch und kalt. Aber wie kommt es dazu?

Nun, Marie ist eine junge Frau. Sie hat einen tollen Mann, der sie auf Händen trägt und auch der Sex mit ihm stimmt. Die Kinder sind wohlerzogen und artig. Die Familie lebt in einem tollen Haus, hat Freunde, Marie einen Job, der ihr Spaß macht. Also alles, was sich der Mensch wünscht, um glücklich zu sein. Und dann passiert das, was ich einfach nicht verstehen kann. Sie trifft einen Mann, fühlt sich ihm nahe, weil sie ihn an ihre Kindheit und Jugend erinnert. Etwas Vertrautes ist zwischen ihnen, was aber nicht benannt werden kann. Maries körperliche Sehnsucht zu Serge wird immer größer, bis die beiden endlich im Bett landen. Von dem Zeitpunkt an verletzt Marie alle Menschen um sich herum und denkt nur noch an sich und ihr Leben. Sie versucht zwar ihr Leben mit Johannes wieder in den Griff zu bekommen, doch meiner Meinung nach nicht genug. Ich frage mich nach wie vor, was veranlasst eine Frau, die alles hat, dies aufzugeben und mit Füßen zu treten. Sie weiß doch gar nicht was sie mit Serge erwartet. Nur weil sie sich ihm irgendwie verbundener fühlt? Weil Verletzungen in der Kindheit und Jugend plötzlich aufbrechen? Dafür gibt es Therapien und Therapeuten. Wie auch immer … Marie geht ihren Weg, ob er mir gefällt oder nicht …

Wie ihr seht, ein Buch, das viele Fragen aufwirft. Eines ist jedoch klar … diese Geschichte ist sehr spannend geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite habe ich gespannt geschaut was passiert, auch wenn mir die Protagonisten bis zum Schluss nicht ans Herzen gewachsen ist, ich sie einfach nur egoistisch fand. Aber macht euch euer eigenes Bild.

4 von 5 Sternen