„Scham“ von Inès Bayard

Zsolnay Paul
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2020
ISBN: 9783552059764
Preis: 22,00 Euro

Klappentext

Maries Leben ist perfekt. Sie ist jung und erfolgreich, ihr Mann ist Anwalt, jetzt wollen die beiden ein Kind. Da passiert das Unfassbare. Marie wird von ihrem Chef auf dem Heimweg brutal vergewaltigt. Und er setzt sie so unter Druck, dass sie niemandem, nicht einmal ihrem Mann, davon erzählt.

Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt/ Vergewaltigung!

 Marie ist jung und genießt das Leben. Ihr macht der Beruf Spaß und auch ihre läuft super. Das Paar beschließt einen Schritt weiter zu gehen, und möchte eine Kind. In dieser Lebensphase wird Marie eines Tages auf dem Weg nach Hause von ihrem Chef brutal vergewaltigt. Mit letzter Kraft schleppt sie sich nach Hause und versucht mit dieser Tat klar zu kommen. Sie verschweigt sie, sagt ihrem Mann nichts davon, zeigt ihren Peiniger nicht an. Dann ist Marie plötzlich schwanger und es stellt sich die Frage von wem ist dieses Kind und wie kann das Leben von Marie mit dieser Scham weiter gehen …

Direkt zu Anfang erfahre ich, wie das Buch enden wird. Daher verrate ich nicht zu viel, wenn ich schreibe, dass Marie das Kind, ihren Mann und sich tötet. Doch wie kommt es dazu? Das erarbeitet Inès Bayard schrittweise. Angefangen bei der brutalen Vergewaltigung durch den Chef, Maries Scham und dem Nichterzählen. Weder ihrem Mann noch einer Freundin vertraut sie sich an. Auch als sie erfährt das sie schwanger ist, hat sie immer noch die Möglichkeit es dem Frauenarzt zu sagen, doch Marie schweigt. Ihr Umfeld bekommt nicht mit, was ihr passiert ist. Und das ist ein Punkt, den ich einfach nicht glauben und verstehen konnte, obwohl Bayard es sehr plausibel darstellt. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, das ihr Mann nichts bemerkt hat. Ehrlich, mein Partner muss der spüren, dass irgendetwas nicht stimmt. Oder mein Umfeld. So wie Marie sich verhalten hat, hätte jemand etwas merken müssen!

Diese Buch hat mich an so vielen Stellen wütend gemacht, traurig und fassungslos. Mir hat Marie so leid getan, weil sie so sehr in ihrer Scham gefangen war. Schlimm fand ich, als sie dann vom Opfer zur Täterin wurde. Aber sie sah einfach keinen anderen Ausweg, als alle zu töten.

Das ist keine leichte Lektüre, weil sie wirklich teilweise sehr brutal und detailliert ist. Bayard zwingt mich als Leserin, all das zu durchleiden, was Marie erleiden muss . An vielen Stellen musste ich das Buch weg legen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte, was Marie passiert, weil ich mit ihr gelitten habe. Und doch muss man hinschauen! Denn sexuelle Gewalt, egal ob Vergewaltigung oder in einer anderen Form, geschieht tagtäglich in dieser Welt. Darum ist es wichtig hinzuschauen, hinzuhören und zu helfen. Auch wenn es erst einmal vielleicht nur eine Vermutung ist, aber vielleicht hilft es dem Gegenüber seine Scham zu überwinden!

 

 

 

 

 

Unwetter von Marijke Schermer

Kampa Verlag
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
11.03.2019
ISBN: 9783311100102
Preis: 20,00 Euro

Rückentext
Emilia ist glücklich – mit ihrem Job, mit ihrem Ehemann und ihren Kindern, mit ihrem Haus im Grünen vor den Toren Amsterdams. Doch plötzlich wird sie von ihren Erinnerungen eingeholt. Zwölf Jahre lang hat sie ein Geheimnis gehütet, kann sie es weiter verbergen? Würde ihr Mann verstehen, dass sie so lange geschwiegen hat? Während Emilias Welt zunehmend aus den Fugen gerät, zieht das Misstrauen ein in ihre Ehe. Und der Himmel über der ländlichen Idylle verfinstert sich …

∗∗∗∗∗

„Was passiert ist, macht mich nicht aus, rechtfertigte sie das sich selbst gegenüber, im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das? Kann man das als Standpunkt gelten lassen, oder ist das eine Ausflucht? Kann sie das zurück nehmen? Kann man Jahre, nachdem eine Frage gestellt wurde, noch eine Antwort darauf geben?“ (Seite 24)

Emilia und Bruch leben mit ihren beiden Kinder in einem wunderschönen Haus im Deichvorland bei Amsterdam. Beide sind erfolgreich im Beruf und lieben das Leben in der Abgeschiedenheit. Allerdings erfordert dieses Leben Planung bei der Gestaltung der Freizeit, da man nicht mal eben in die nächstgrößere Stadt fahren kann.

Eines Abends fahren Emilia und Bruch zu einer Theateraufführung, in der es unter anderem um eine Vergewaltigung geht. Die Szenen lösen bei Emilia Erinnerungen aus, die sie eigentlich für immer vergessen wollte. In der Zeit, kurz nachdem sie Bruch kennen lernte wurde sie in ihrer Wohnung überfallen, geschlagen und vergewaltigt. Sie hat Bruch nie davon erzählt, weil sie kein Opfer sein wollte. Doch jetzt erinnert sie sich an jede Einzelheit und die Erinnerung macht ihr das Leben zur Hölle. Vor allem die Angst wie Bruch reagieren könnte, sollte er es je erfahren. Oder sollte sie ihm davon erzählen?

„Natürlich spielte sie mit dem Gedanken, es ihm zu erzählen. Aber danach schlief sie ein. Eine Stunde später wurde sie wach, weil Bruch ihr Tee und Erdbeeren brachte. Über den Vorfall wurde nicht mehr gesprochen. Emilia vergaß, dass er stattgefunden hatte. Wie sie auch vergaß, dass die Vergewaltigung stattgefunden hatte. Vergaß, weil sie glücklich war. Glücklich war, weil sie vergaß. Oder dachte sie nur, dass sie glücklich war?“ (Seite 132)

Als Leserin erfahre ich schon ziemlich zu Anfang was Emilia passiert ist. Ich spüre förmlich, wie dieses Ereignis, welches Emilia verdrängt bzw. verdrängen wollte, immer mehr in den Vordergrund gerät. Es bestimmt plötzlich ihren Alltag. Sie hat Angst vor allem und jenen. Und doch schafft sie es nicht Bruch, ihrem Mann davon zu erzählen. Und so wie das Unwetter im Deichvorland aufzieht, so zieht auch das Unwetter innerhalb der Beziehung von Emilia und Bruch auf.

Schermer schafft mit diesem aufziehenden Unwetter eine Atmosphäre, die spürbar ist. Ich merke beim Lesen die Verzweiflung von Emilia … die seelischen Verletzungen … das nicht vergessen können. Auf der einen Seite möchte sie Bruch davon erzählen. Möchte endlich jemandem erzählen was damals passiert ist. Doch auf der anderen Seite hat sie Angst davor, dass Bruch ihr das lange Schweigen nicht verzeihen könnte.

Schermer spricht hier verschiedene Bereiche an …. Ehrlichkeit und Offenheit, sowie Vertrauen in einer Beziehung/ Ehe …. Physische und Psychische Verletzungen nach einem Traumata …

Ein dünnes Buch mit einer großen Geschichte … unbedingt lesen!

Das Leben ist doch voller Scherben und Schönheitsfehler, voller Kratzer im Lack. Dass Aufrichtigkeit so wichtig sein soll, wichtiger als alles andere, dass man mit seinem Partner verschmelzen soll, dass man seine ganze Geschichte, das ganze Reservoir an Gefühlen teilen soll, dass ein Fehler, eine verpasste Chance oder schlechter Stil ist, seinem Liebsten nicht zu erzählen, was einen irgendwann mal verletzte hat, dass man die eigene Erzählung des Lebens aufgeben soll, um in der gleichen gemeinsamen Geschichte zu enden …“ (Seite 165/166)

Vorsicht Suchtgefahr!!!

Luchterhand
Fester Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
05.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783630875385

Klappentext
Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind?

Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem neuen Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden, und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

∗∗∗∗∗

„Katharina sah die Frau an und die Frau sah Katharina an. Katharina begann zu weinen. Sie weinte, weil die Geschichte der Zeugin ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mehr.“ (Seite 22)

Ich muss gestehen, ich habe noch nie ein Buch von Schirach gelesen. Es hat sich einfach nicht ergeben. Umso gespannter war ich, was mich erwartet.

Dieses Buch habe ich an einem Abend verschlungen. Zwölf mehr oder weniger kurze Geschichten um das Wort Strafe, welches ja vielfältig interpretierbar ist. Ich war an manchen Stellen überrascht über die Wendung der Geschichte, an anderen Stellen gab es für mich von Anfang an nur eine Konsequenz/ Ende/ Sichtweise und bei anderen konnte ich durch Anregung des Textes meine Sichtweise erweitern.

Mich haben alle Geschichten bewegt. In jeder einzelnen Geschichte konnte man spüren wie wichtig Schirach dieses Thema ist. Mich hat es berührt, wie er mit seinen Protagonisten mitfühlt, egal ob schuldig oder unschuldig … Täter oder Opfer, und dabei doch so sachlich bleibt. Schirach hat eine ganz eigene Art zu erzählen, die mich als Leserin in einen Bann zieht. Ich glaub ich bin jetzt Schirachsüchtig und werde mir gleich die anderen Bände auch holen.

Bitte mehr davon!!!
Unbedingt lesen!!!

„Dann hatte er einen Mann verteidigt, dem vorgeworfen wurde, seine Kinder zu quälen. Er wurde freigesprochen, die Indizien reichten für eine Verurteilung nicht. Der Mann fuhr nach Hause, stopfte seinen zweijährigen Sohn in die Waschmaschine und stellte sie an.“ (Seite 26)

Opfer oder Täter?

DVA  Fester Einband 336 Seiten Buchdetails  Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 19,99 € ISBN: 9783421046390

DVA
Fester Einband
336 Seiten
Buchdetails
Erscheinungsdatum: 09.03.2015
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783421046390

Klappentext
Marko Kindler sitzt allein in einem Verhörraum der Polizei. Er wartet auf den Psychologen und versucht zu begreifen, was in der kurzen Zeit zwischen der Geburt seines Sohnes Ray und der Flucht geschehen ist:
Da war die Nachricht vom Tod seiner engen Freundin, der New Yorker Malerin Nele Black. Ihre Krankengeschichte voller diffuser Symptome war, vom Zittern bis zur Schlaflosigkeit, seiner eigenen so ähnlich und fügte sich nahtlos in ihre Erzählungen über Missbrauch und familiärer Gewalt.
Jetzt hat Marko sein eigenes Leben vor Augen:
wie die Mutter ihn mied und der Adoptivschwester so nah war, wie der Alltag mit seiner Jugendliebe zu einem Korsett der Erwartungen und er ganz krank wurde. Dann die Gesundung und die große Freude über ein neues Leben mit Lycile und Ray.
Aber nach der Trauerfeier für Nele Black übermannt ihn die Angst, dass er keine Erfüllung finden wird, auch nicht in dieser Vaterschaft. Es kommt zu einem Kurzschluss.

∗∗∗∗∗

„>Man sieht nur<, sagt sie beim Einbiegen in unserer Straße, >was man weiß<.“ (Seite 25)
„Sehen lernen bedeutet, die eine richtige Verbindung zu trainieren und alle anderen zu kappen.“ (Seite 28)

Marko ist glücklich. Seine Freundin Lycile erwartet in wenigen Tagen ihr erstes gemeinsames Kind. Endlich verläuft sein Leben, wie er sich immer erträumt hat. Nach der Entbindung wieder zu Hause, erfährt Marko, dass seine Freundin Nelly Black verstorben ist. Ihr Kontakt war einmal sehr eng, doch in den letzten Monaten nur noch sporadisch. Marko macht sich auf den Weg nach New York, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Nach seiner Rückkehr ist allerdings nichts mehr wie es war. Etwas hat ihn verändert und lässt ihn eine Tat begehen, die er sich niemals hätte vorstellen können.

„Eng war unser Kontakt aber schon da nicht mehr gewesen, denn ich erzählte ihr nicht mehr alles, ließ das Wichtige weg, und wenn man das Wichtige weglässt, erzählt man sich gar nichts mehr.“ (Seite 35)

Im Verhörraum erinnert er sich an seine Vergangenheit. An sein Leben vor Lycile und vor Ray. Er erinnert sich an seine Zeit mit Nelly in New York und das er in ihr endlich eine Seelenverwandte gefunden hatte. Beide haben keine einfache Kindheit. Nelly wurde von ihrem Vater missbraucht und Markos Mutter vernachlässigte ihn, gab ihm nicht die Liebe und Zuwendung die er gebraucht hätte. Nelly und Marko scheinen sich so nah zu sein und dann doch wieder nicht.

Während Nelly einen Mann kennen und lieben lernt, der allerdings die Muster der Vergangenheit wiederholt, trennt sich Marko von seiner großen Jugendliebe. Er wird krank und steigert sich immer mehr in diese Krankheiten hinein bis hin zur Tablettensucht und Wahnvorstellungen. Doch im Gegensatz zu Nelly schafft Marko den Absprung und wird wieder gesund. Er lernt Lycile kennen, die beiden bekommen ein Kind … alles scheint perfekt … bis zu jenem Tag …

„Sie hätte mich krank gemacht, paranoid, hätte mich mit ihrem Denken wieder angesteckt, sie hätte mich nur noch mal in Dunkelheit getaucht, diese Kraft hatte sie, es fiel ihr ganz leicht. Satt mit ihr darüber zu reden, wie wir einen Sommer und einen Winter und noch einen Sommer lang über alles geredet und dabei zu oft das Elend erkannt hatten, das zwischen den Menschen blühte wie Löwenzahn auf einer Brache, hatte ich lieber geschwiegen.“ (Seite 39)

Ralf Bönt Roman über „Das kurze Leben des Ray Müller“ lässt mich von der ersten Seite an nicht mehr los. Als Leserin weiß ich, dass eine schreckliche Tat geschehen wird. Wann sie sein wird und auch wie sie sein wird erfahre ich erst so ziemlich am Ende des Buches. Doch bis dahin geht mir das Leben des Marko Kindler unter die Haut. Vor allem konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass Marko seinem Sohn etwas antun könnte. Wenn man liest wie liebevoll er mit dem kleinen Kerl umgeht, geht einem das Herz auf und man denkt nur … was mag passiert sein, dass alle so eskaliert …

Eigentlich möchte Marko alles richtig machen. Wie alle Menschen dieser Welt. Doch irgendwie schafft er das nicht und je mehr er es versucht, desto mehr verstrickt er sich. Immer schaut irgendwer verächtlich auf ihn herab … die Mutter, die große Jugendliebe, Lycile und selbst der Polizeipsychologe.

„Je mehr Hände ich sah, desto besser ging es mir an der Hand meiner Mutter, denn der Augenblick, in dem ich unüberlegt und getrieben von dem Wissen, das Richtige zu tun, eine greife und weg sein würde, kam näher. Dachte ich. Wahrscheinlich erwartete ich, dass meine Mutter mich doch finden würde und an sich drücken, bebend vor Glück, mich wiederzusehen. Ich wäre nicht so distanziert durch mein Leben gelaufen, wenn das geschehen wäre, ich hätte die Welt und meinen Körper als Freund sehen können, hätte mehr zu geben gehabt. Wenn sie mich einmal so gehalten hätte, hätte ich das weiter geben können, statt nur unsicher nach der nächsten Falle im Leben zu schielen und mich dafür zu entschuldigen, dass ich da war. Was andere nervt. Aber ich ließ ihre Hand nicht los und wartete auf den richtigen Moment, bis sie es war, die zuerst meine Hand losließ, indem sie starb. Satt die richtige Hand zu finden, hatte ich die falsche verloren.“ (Seite 92/ 93)

Ralf Bönt greift ein Thema auf, das in meinen Augen aktueller ist denn je. In Zeiten, in denen Frauen immer gleichberechtigter werden/ sind, bleiben viele Männer auf der Strecke. Sie fühlen sich unzulänglich und minderwertig. Manche stürzen dann vielleicht auch so ab wie Marko.

Die Opfer–Täter–Sicht spielt hier für mich auch eine große Rolle. Ist Marko ein Täter weil sein Sohn ums Leben kommt oder ist er ein Opfer? Ein Opfer weil die Gesellschaft immer mehr von ihm verlangte? Er sollte/ wollte der perfekte Vater sein, der perfekte Mann, der perfekte Geldverdiener … doch nichts von dem ist ihm gelungen und alle schauen auf ihn herab …

Ein Buch das mich nachdenklich zurück lässt  … und eine Frage bleibt … sind wir nicht alle täglich Opfer und Täter zugleich?

4 von 5 Sternen

 

Ich danke dem DVA Verlag  für das Leseexemplar.

 

Wenn Täter zum Opfer und Opfer zum Täter werden

Kein & Aber Fester Einband 432 Seiten Erscheinungsdatum: 01.02.2015  Preis: 22,90 € ISBN: 9783036957142

Kein & Aber
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2015
Preis: 22,90 €
ISBN: 9783036957142

Klappentext
„Und er dachte sich gerade, dies ist der schönste Mond, den er gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr.“
Es ist ein einziger Moment, der das Leben des Neurochirurgen Etan Grien von Grund auf verändert: der Moment, in dem er nachts auf einer einsamen Straße einen illegalen Einwanderer überfährt. Um Karriere und Familie zu schützen, entscheidet sich Etan, den Mann nach dem tödlichen Aufprall liegen zu lassen und den Unfall nicht zu melden. Doch dann kontaktiert ihn plötzlich die Ehefrau des Opfers: Sie habe den Unfall beobachtet, und für ihr Schweigen soll er ab sofort Nacht für Nacht den übrigen Einwanderern medizinische Hilfe leisten. Etan geht darauf ein, doch der gravierenden Auswirkungen dieses Paktes auf sein Leben wird er sich erst bewusst, als er wirklich alles zu verlieren droht.

∗∗∗∗∗

„Ihre Füße graben im Sand, und der Sand ist warm und glatt. Der Wind hat ihn angeweht, und der Wind wird ihn auch wieder wegwehen, und das ist völlig in Ordnung, denn der Sand erinnert sich nicht. Der Sand weiß nicht, wo er gestern war und wo er morgen sein wird. Wenn es anders wäre, wenn der Sand alle Orte behalten würde, an denen er mal war, würde ihn das so schwer machen, dass kein Wind ihn irgendwohin tragen könnte.“ (Seite 135)

Etan Grien, ein renommierter aber gelangweilter Arzt überfährt einen Eritreer. Dieser ist sofort tot. Und obwohl Etan eine sehr hohe Moralvorstellung hat, lässt er den Eritreer liegen und macht sich aus dem Staub, weil er Angst vor der Strafe und ihren Folgen hat. Und jetzt beginnt das wirklich große Drama. Sirkit, die Ehefrau des Getöteten hat alles gesehen und erpresst Etan. Er soll fortan alle kranken illegalen Einwanderer ärztlich versorgen. Etan lässt sich darauf ein, doch schon schnell verstrickt er sich in seinem Lügengeflecht und alles droht aufzufliegen.

„Für ein solches Geheimnis braucht es zwei. Einen, der nicht erzählen, und einen der nicht wirklich hören möchte.“ (Seite 355)

Ehrlich gesagt spaltet mich dieser Roman. „Löwen wecken“ ist ein komplexer Roman, der sehr spannend ist, aber an manchen Stellen etwas langatmig. Wenn ich den Roman unter dem Aspekt betrachte, dass die Autorin Ayelet Gundar-Goshen  unter anderem Psychologie in Tel Aviv studiert hat, verstehe ich, was sie mit dem Roman bewirken möchte.

Sie skizziert hier zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Etan, der reiche Weiße, der einen Job und Familie hat und Sirkit, die illegale Einwanderin, immer auf der Flucht. Zwei Charaktere, die kurzfristig ihre Rollen tauschen. Denn durch ihre Erpressung Etan gegenüber merkt Sirkit wie es ist Macht zu haben. Die Menschen in ihrer Umgebung behandelt sie mit Respekt. Und Etan … und wird zu einem duckmäuserischen Mann, der alles macht was Sirkit ihm sagt, nur damit sie ihn nicht verrät. Beide fühlen sich in dieser Zeit auch voneinander angezogen und als Leser denke ich dabei sofort an das „Stockholm Syndrom“.

„In den nächsten Tagen sahen ihre Mitmenschen sie anders an. Und als sie sie anders ansahen, wurde sie auch anders. Im Gehen. Im Stehen. Sogar ihr Körpergeruch änderte sich. Das Geh und Stehen konnte man sehen. Aber seit der Arzt Assum überfahren hatte, kam ihr niemand mehr nahe genug, um ihren veränderten Geruch wahrzunehmen. Und überhaupt, seit der Arzt Assum überfahren hatte, kam ihr niemand zu nahe. Sie beobachteten sie von fern. Sprachen über sie von fern. Dieser Abstand hatte einen Namen – Respekt.“ (Seite 378)

Menschen können unter bestimmten Umständen zu etwas werden/ machen, was sie im „normalen“ Situationen nicht machen würden. Etan wird durch seien Tat zu einen „schwächlichen Menschen, weil er sich schuldig fühlt. ist aber nicht im Stande sich seiner Schuld zu stellen. Sirkit wird durch ihrem Auftreten gegenüber Etan selbstbewusster und spürt fort an, welche „Macht“ sie ausüben kann. Beide sind also in Situationen, die sie eigentlich nicht kennen, können sich aber zum einen nicht daraus befreien bzw. genießen es. Das macht beide immer unberechenbarerer. Erst durch ein Eingreifen von außen bekommen beide mehr oder weniger ihr Leben zurück.

„Wie bei dem Spiel, wenn man immer wieder dasselbe Wort sagt, bis es auf der Zunge zerfließt. Ende an Anfang an Ende schließt. Zum Beispiel: Eiweißeiweißeiweißeiweißeiweiß, bis man nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist, das Weiße mit dem Dotter verfließt und sogar der vertraute Klang des Wortes plötzlich seltsam, außerirdisch klingt. Die Wörter zerfließen in Silben und die Silben in Töne, und wo Töne zerfließen, gibt es nur tiefes Wasser, tausend blaue Strömungen, in die kein Licht eindringt. Wenn man lange genug irgendwohin starrt, wird alles seltsam. Deine Worte. Deine Gesichtszüge. Dein Mann.“ (Seite 157)

Sprache und Stil sind etwas eigenwillig. Die poetische Sprache wird ab und an durch eine vulgäre Sprache sowie philosophischen Einschüben unterbrochen. Alles in allem ist dieses Buch für all die etwas, die nicht davor zurückschrecken Gelesenes zu hinterfragen und zu reflektieren. Gerade das hat mir an diesem Buch sehr gut gefallen.

4 von 5 Sternen