Dem Tod so nahe

Piper
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.06.2018
ISBN: 9783492058896
Preis: 22,00 Euro

Klappentext
Von Anfang an bestimmt der Tod ihr Leben: als Maggie O’Farrell im Alter von acht Jahren beinah an einer unbekannten Virusinfektion stirbt, als sie mit 15 aus Übermut und Freiheitsdrang einen törichten Fehler begeht; als sie in der Idylle des Lake District eine zutiefst verstörende Begegnung hat. Oder als sie in einer unterbesetzten Klinik mit inkompetenten Personal bei der Geburt ihrer ersten Tochter fast stirbt. An den unterschiedlichsten Orten, zu unterschiedlichsten Zeiten lenkt der Tod das Leben der Schriftstellerin Maggie O’Farrell. Ihre tiefgründige, außergewöhnliche Geschichte stellt existenzielle Fragen: Wie handle ich, wenn ich in tödliche Gefahr gerate? Was steht für mich auf dem Spiel? Und, nicht zuletzt, wer werde ich danach sein?

∗∗∗∗∗

In siebzehn kurzen Geschichten, die in der Zeit hin und her springen, aber immer einem Körperteil gewidmet sind, erzählt O’Farrell von ihren Begegnungen mit dem Tod. Manche Geschichten sind sehr intim, wie zum Beispiel die fast Vergewaltigung und der Ermordung durch den Täter. Andere Geschichten wirken eher distanziert. Zu Anfang fand ich die Geschichten so lala. Eine Anreihung von Ereignissen, in denen die Autorin von Situationen schreibt, in denen sie dem Tod knapp entgangen ist. Für mich waren das jedoch zuerst einmal „normale“ Alltagssituationen. Doch mit jeder Seite mehr, verfiel ich dem Sog der Geschichte und plötzlich war da nichts banales mehr. Fast jede sogenannte Begegnung mit dem Tod haben O’Farrell weiteres Leben geprägt. Mal mehr, mal weniger.

„Fast gestorben zu sein ist nichts Einmaliges oder Besonderes. Der Tod begegnet uns ständig; wohl jeder, wage ich zu vermuten, war ihm schon einmal nahe, vielleicht ohne es zu merken. Der Luftzug des Lasters, der zu dicht an einem Fahrrad vorbei fegt, der übermüdete Arzt, der die Dosis in letzter Sekunde noch einmal überprüft (…)Wir gehen, alle miteinander, mehr oder weniger blind durchs Leben, entkommen, ohne es zu ahnen, immer wieder durch die Hintertür, entrinnen unserem Schicksal von einem unserer gezählten Tage auf den anderen und sehen die Axt nicht, die über uns schwebt. (…) Wenn wir diese Momente in unser Bewusstsein einlassen, dann verändern sie uns. Wir können versuchen, sie zu vergessen, sie abzutun, sie auf die leichte Schulter zu nehmen, aber sie sind schon Teil von uns, ob wir wollen oder nicht.“ (Seite 35/36)

Ich habe diese eine Passage aus dem Buch ausgewählt, weil sie alles sagt. Nachdem ich das Buch weggelegt habe, habe ich mein Leben reflektiert, und ja …. auch ich hab die ein oder andere „Todesnahe Erfahrung“ gemacht, und ja … die ein oder andere hat mich geprägt. Ich denke wenn man jung ist, dann ist es so, wie oben beschrieben … es ist nichts Besonderes, wir nehmen es auf die leichte Schulter, bemerken es nicht einmal. Doch ich glaube, je älter man wird, desto mehr realisiert man solche Begebenheiten und lässt sie mehr in sein Bewusstsein ein. Und wenn dann, wie bei O’Farrell ein Kind betroffen ist, dann ist man sensibilisiert und achtet auf solche Vorfälle.

Als ich das erste Mal von einer Wespe gestochen wurde, war ich zwanzig. Ich reagierte mit einem anaphylaktischem Schock (was ich nicht wusste, da ich die Symptome nicht kannte) und ich hatte das große Glück, dass gleich nebenan eine Ärztin wohnte. Sie gab mir mehrere Spritzen und sagte fünf Minuten später und ich wäre tot gewesen. Damals habe ich darüber gelacht, mich schnell erholt und das Ganze vergessen. Im weiteren Verlauf meines Lebens bin ich noch zwei Mal wegen einem anaphylaktischem Schock durch Wespenstiche im Krankenhaus gelandet. Beide Male hatte ich Glück. Und jede Erfahrung hat mich ein Stück nachdenklicher gemacht. Hat mir gezeigt wie schnell ein Leben enden kann.

O’Farrells Geschichte ist eine Geschichte, die mich daran erinnert wie kostbar unser Leben ist, und das wir jeden Tag so leben und genießen sollten, als wäre er der letzte.

Unbedingt lesen!!!

Einfach grandios!!!

Piper
Fester Einband
736 Seiten
Erscheinungsdatum:
02.05.2018
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 9783492058537

Klappentext
Wer bin ich? Diese Frage ist es, auf die Cyril seit jeher eine Antwort sucht. Denn er ist kein „echter“ Avery, wie seine verschrobenen Adoptiveltern Maude und Charles immer wieder betonen. Und auch sonst fällt es ihm schwer, seinen Platz in der konservativen Gesellschaft Irlands der 1940er Jahre zu finden. Doch dann lernt er Julian Woodbead kennen. Die innige Freundschaft, die zwischen ihm und dem glamourösen Lebemann entsteht, wird Ausgangspunkt einer abenteuerlichen Reise, die ihn schließlich zu den Dingen führt, nach denen er sich immer gesehnt hat.

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„So verließ sie Goleen, den Ort ihrer Geburt, den sie mehr als sechzig Jahre nicht wiedersehen sollte, bis sie mit mir über ebenjenen Friedhof ging und unter den Grabsteinen nach den Resten der Familie sucht, die sie verstoßen hatte.“ (Seite 20)

Die Geschichte beginnt 1945 in dem kleinen Ort Goleen in Irland. Die 16jährige Catherine wird vor versammelter Kirchengemeinde an den Pranger gestellt, weil sie schwanger ist und den Namen des Kindsvater nicht nennen will. Schließlich wird sie vom Pfarrer aus der Gemeinde und dem Ort verbannt. Die junge Frau flieht nach Dublin, wo sie bei zwei Männern unterkommt, die befreundet sind. Schnell findet sie eine Anstellung. Nach der Geburt Cyrils gibt sie diesen zur Adoption frei, da sie weiß, dass ein Leben als allein erziehende Mutter im Irland der 1945er nicht möglich ist.

Cyril wächst bei Maude und Charles Avery auf. Einem sehr exzentrischen Ehepaar. Jeder geht seine eigenen Wege und Charles betont Cyril gegenüber immer und immer wieder, dass er kein „echter“ Avery sei. Auch Freunden und Fremden gegenüber betonen die Averys immer wieder, das Cyril nicht ihr leibliches Kind sei, sondern adoptiert. Cyril kommt scheinbar ganz gut mit der Lieblosigkeit seiner Zieheltern klar.

Im Alter von sieben Jahren trifft er das erste Mal auf Julian Woodbeat, dem Sohn von Charles Averys Anwalt. Und von dieser Zeit an ahnt Cyril, dass er anders ist als andere Jungs.

„“Zunächst einmal“, sagt Dr. Dourish, „dürfen Sie nicht denken, dass Sie mit dieser Heimsuchung allein sind. Es gibt viele junge Männer, die über die Jahre von ähnlichen Gefühlen geplagt wurden, von den alten Griechen bis in unsere Tage. Seit allem Anbeginn gibt es Perverse, Degenerierte und Gestörte, also sollten Sie niemals glauben, Sie wären etwas Besonderes. Es gibt sogar Orte, wo man damit durchkommt und sich niemand daran stört. Das Wichtigste für Sie jedoch, Tristan, ist es, niemals zu vergessen, dass Sie diesen ekelhaften Trieben nicht nachgeben dürfen. Sie sind ein guter, anständiger, irischer, katholischer junger Mann und … Sie sind doch katholisch?“
(…)
„Es stimmt schon“, fuhr er fort, „in der ganzen Welt gibt es Homosexuelle. (…) Aber in Irland, Tristan, in Irland gibt es keine Homosexuellen, dass dürfen Sie nie vergessen.““ (Seite 269)

Im weiteren Verlauf des Buches, in Zyklen von jeweils sieben Jahren, erfahre ich, wie Cyrils Leben verläuft. Es ist ein schwieriges Leben … als Homosexueller in einer Zeit aufzuwachsen, in der diese unter Strafe steht auf der einen Seiten und auf der anderen Seite in einem erzkatholischen Land wie Irland aufzuwachsen. Cyril versucht seine Neigung zu vertuschen, in dem er eine Beziehung zu einer Frau beginnt, die letztendlich in einem Desaster endet. Cyril flieht nach Holland, wo er endlich eine Liebe findet, doch auch diese endet desaströs. Kann Cyril jemals glücklich werden …

„“Seht ihr“, sagte ich. „Das Land ändert sich nie. In Irland wird lieber alles vertuscht, als dass man den Wahrheiten des Lebens ins Auge sieht.““ (Seite 470)

Dies war mein erster Boyne. Und dieses Buch ist eines dieser Bücher in die man eintaucht und nie wieder auftauchen möchte. Boyne skizziert seinen Protagonisten und die Lebenssituation so real, dass man das Gefühl hat sie schon ewig zu kennen bzw. mit ihnen durch diese Zeit zu gehen. Über 700 Seiten ist mir Cyril sehr ans Herz gewachsen und irgendwie wollte ich ihn nach der letzten Seite nicht gehen lassen …

Cyrils Geschichte ist eine Geschichte, die mich oft wütend gemacht hat. Wütend auf Menschen und Land, die eine so unglaublich Doppelmoral haben, die so bigott und homophob sind, dass ich das Buch am liebsten gegen die Wand geschmissen hätte. Doch wem hätte es genutzt? Hier wird nur Cyrils Geschichte erzählt, doch sie steht stellvertretend für alle homosexuellen Menschen, die in einigen Teilen der Welt bis heute noch strafrechtlich verfolgt werden. Allein dies Vorstellung macht mich gerade wieder sehr wütend.

Am allerschlimmsten fand ich die Abschnitte, in denen immer wieder betont wurde, dass es keine Homosexuelle in Irland gebe, und dass man diese „Perverslinge“ ausrotten müsste. Und die, die das sagten waren dann oft die, die verheiratet waren und nachts loszogen um ihre homosexuellen Neigungen auslebten. Echt zum kotzen diese Doppelmoral!!!

Natürlich gibt es im Buch und somit auch in Cyrils Leben andere Menschen. Menschen die Cyril lieben und akzeptieren so wie er ist. Die ihn durch diese Zeit und den Kampf nach Akzeptanz begleiten. Und am Ende des Buch kann ich dann folgende Worte von Cyril lesen:

„Und zum Schluss, als alle applaudierten, da begriff ich, dass ich endlich glücklich war.“ (Seite 733)

Cyrils Geschichte hat mein Herz bewegt … ich habe mit ihm gelitten und geliebt.

Unbedingt lesen ♥♥♥

Der Fall der Lizzie Borden

Pendo Verlag
Fester Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.02.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783866124356

Klappentext
Zutiefst verstört starrt Lizzie Borden auf ihren Vater, der blutbefleckt auf dem Sofa liegt. Auch ihre Stiefmutter ist tot – ebenfalls hingerichtet mit einer Axt. Weitere eindeutige Spuren sind an jenem schicksalhaften Morgen des 4. August 1892 kaum auszumachen, dafür häufen sich die Fragen. Denn während die Nachbarn in Fall River, Massachusetts, nicht begreifen, wie einer so angesehenen Familie etwas derart Grausames zustoßen kann, erzählen diejenigen, die den Bordens wirklich nahestehen, eine ganz andere Geschichte: von einem jähzornigen Vater, einer boshaften Stiefmutter und zwei vereinsamten Schwestern. Schnell erklärt die Polizei Lizzie zur Hauptverdächtigen, deren Erinnerung an den Morgen jedoch lückenhaft ist.

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„Ich dachte daran, wie Lizzie zwei Monate zuvor im Morgengrauen in mein Bett geschlüpft war und geflüstert hatte:> Ich will nur, dass er leidet …< Die Art, wie sie gelacht hatte. >Stell dir vor, er würde die Treppe hinunterstürzen! Was glaubst du, welche Geräusche er machen würde?<“ (Seite 51)

Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte der Lizzie Borden, die 1892 ihre Stiefmutter und ihren Vater auf brutalste Weise mit der Axt erschlagen haben soll. Aus vier verschiedenen Blickwinkeln versucht die Autorin Sarah Schmidt den Tathergang zu rekonstruieren bzw. aufzuzeigen. Die einzelnen Stimmen erzählen ihre Erlebnisse und ihre Sicht auf die Tat und das Verhältnis zu den Getöteten.

Lizzie Borden
Die jüngste der Borden Schwestern und in meinen Augen ganz schön verzogen. Sie bekommt fast alles was sie will und wenn nicht, versucht sie ihr Gegenüber zu erpressen um doch noch zu bekommen was sie haben möchte. Unter anderem setzt sie so ihre Schwester unter Druck bei ihr zu bleiben und nicht zu heiraten. Am Tag der Tat bringt ihr Vater ihre geliebten Tauben um.

Emma Borden
Die älteste der Borden Schwestern. Am Tattag ist sie bei einer Freundin. Sie wird ständig von ihrer Schwester Lizzie unter Druck gesetzt Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht will. Sie verlässt den Mann, den sie liebt, weil Lizzie ihr droht dem Vater zu sagen, dass dieser sie „entehrt“ hat, was zu einem Skandal führt. Nur, weil Lizzie nicht will, dass ihre Schwester sie verlässt.

Bridget
Sie ist das Hausmädchen der Bordens. Am Tag der Ermordung hat sie einen Disput mit Lizzies Mutter, denn Bridget hat genügend Geld gespart, um die Familie zu verlassen. Sie hat genug von dieser lieblosen und zu Gewalttaten neigenden Familie. Doch Mrs. Borden will sie auf keinen Fall gehen lassen und nimmt Bridget das ersparte Geld ab.

Benjamin
Er ist der mysteriöse Unbekannt. Angeheuert vom Onkel der Borden Schwestern, um „eine“ Sache für den Onkel zu erledigen. Er hält sich während des Mordtages im Ort auf.

„Als die zwölf Männer entschieden, dass Lizzie unschuldig war, weil >… wir davon ausgehen, dass Frauen ein derartiges Verbrechen nicht begehen würden<, brach im Gerichtssaal lauter Jubel aus (…)“ (Seite 316)

Ich habe dieses Buch verschlungen, konnte es kaum weglegen, weil es mich einfach fasziniert hat. Ich war in einem ständigen hin und her, wer denn der Mörder/ die Mörderin gewesen sein könnte. Fakt ist, jeder einzelne der vier Stimmen hätte einen Grund gehabt, die Bordens zu töten. Und das zeigt mir, wie schnell ein Opfer zu einem Täter werden kann bzw. ein Täter zu einem Opfer. Sarah Schmidt schafft es, die kalte und lieblose Atmosphäre innerhalb der Familie brillant mit Worten zu erfassen. An vielen Stellen hat es mich echt gegruselt, wie die Familie drauf ist. Wie schnell Glück in Unglück umschlagen kann, Liebe in Hass und Gewalt.

Ich mochte es sehr, dass mir die Autorin eine gewisse „Freiheit“ gelassen hat, selbst zu entscheiden, wem ich glaube oder nicht …

Dieses Buch ist faszinierend, packend, grandios und zugleich verstörend, grausam und kaltblütig.
Für mich ein erstes Highlight in diesem Lesejahr und daher unbedingt lesen!!!

Wie ein 10jähriger versucht den „Schein“ zu wahren

Piper Flexibler Einband  192 Seiten Erscheinungsdatum: 16.04.2013  Preis: 7,99 € ISBN: 9783492305013

Piper
Flexibler Einband
192 Seiten
Erscheinungsdatum:
16.04.2013
Preis: 8,99 €
ISBN: 9783492305013

Klappentext

Luca ist kaum zehn Jahre alt, aber was er von Waisenhäusern zu halten hat, weiß er genau – die kennt er aus dem Fernsehen, und da will er auf keinen Fall hin. Deshalb beschließt er, niemanden zu sagen, dass im Schlafzimmer seine Mutter tot im Bett liegt. Er wird schon zurechtkommen. Schließlich ist er es gewohnt, sich um das meiste selbst zu kümmern, denn Mama war gelegentlich ein bisschen komisch, und einen Vater hat er nicht. So gut es geht versucht er, regelmäßig zu essen und einigermaßen sauber und ordentlich in der Schule zu erscheinen. Eine Zeit lang läuft alles glatt, aber dann gibt es ein Problem …

∗∗∗∗∗

Ich möchte nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da man sonst zu viel verrät. Dieses Buch ist eins von der Sorte, die einen lange nachhaltig beschäftigen. Da ist dieser kleine Kerl, keine zehn Jahre alt, und er muss von heute auf morgen ohne seine Mutter auskommen. Er denkt immer nur daran, dass er den „Schein“ wahren muss, hofft, dass seine Mutter wie Jesus vielleicht am dritten Tage aufersteht und muss dann erfahren, dass er an seine Grenzen kommt.

Während des Lesens habe ich immer nur Gedacht … oh je, der arme kleine Kerl. Ich wollte ihn in den Arm nehmen, trösten und ihm sagen, dass er nicht Schuld ist am Tod seiner Mutter, denn das denkt er unentwegt. Aber auch frage ich mich ständig … merkt das wirklich niemand? Riecht keiner den süßlichen Geruch der verwesenden Leiche? Schließlich leben sie in einem Mehrparteienhaushalt. Vermisst niemand die Mutter? Fragen, die mich wütend werden lassen und mir wieder einmal zeigen, dass wir in einer Gesellschaft leben in der weggeschaut wird. Man will mit den Problemen der anderen nichts zu tun haben.

Die Autorin versteht es, diese „Spurenhinterlassende“ Geschichte einfühlsam zu erzählen. Ein Buch das noch lange nachwirken wird!!!

 

4 von 5 Sternen

… aus „Weißer Zug nach Süden“ von Thommie Bayer

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

 

„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

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„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

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Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

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„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

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„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

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Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

Die Kraft der Phantasie

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

Klappentext
Chiara stammt aus Castelnuovo in Italien. Warum sie nach Deutschland gekommen ist, geht niemanden etwas an. Jetzt ist sie da und führt das Leben, das ihre Freundin Leonie ihr hinterlassen hat: Chiara wohnt in Leonies Haus auf dem Hügel und hat sogar deren Job übernommen – sie putzt Wohnungen fremder Menschen. Für den Übergang, sagt sie sich, aber dieses Leben gefällt ihr, sie mag es, in das Leben anderer zu schauen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die Wohnung des Herrn Vorden übt dabei eine besondere Anziehung auf sie aus. Und auch Vorden scheint eine tiefe Verbindung zu ihr zu haben – denn jede Woche, wenn Chiara seine Räume betritt, findet sie auf seinem Schreibtisch einen Stapel Blätter mit einer Geschichte. Und jede Woche fragt sie sich, ob der Mann, von dem sie nicht einmal den Vornamen kennt, ihre Gedanken lesen kann. Denn seine Geschichten haben sehr viel mehr mit ihr zu tun, als Vorden eigentlich wissen kann.

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„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

Chiara verlässt Hals über Kopf ihre Heimat. Es gab einen Vorfall, der sie veranlasst das Land zu verlassen. Da kommt es ihr gerade gelegen, dass auch ihre Freundin Leonie das Land Hals über Kopf verlassen hat. Chiara schlüpft in das Leben ihrer Freundin – lebt in Leonies Haus und übernimmt ihren Job. Das ist ganz einfach, da Leonie als Putzfrau arbeitet. Per Mail informiert sie ihre Kunden, dass ihre Freundin Chiara bis auf weiteres ihre Aufgaben übernimmt.

Zuerst findet Chiara es merkwürdig in den Wohnungen und Häusern fremder Menschen zu putzen. Doch mehr und mehr macht ihr diese Arbeit Spaß. Vor allem stellt sie sich vor wie die Menschen dort leben und was es für Menschen sein könnten.

„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

Von einer Wohnung ist sie ganz besonders angetan. Es ist die Wohnung eines Schriftstellers. In ihr fühlt sich Chiara am wohlsten. Schnell entwickelt sich eine Art von Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich nie persönlich treffen. Immer wenn sie kommt stehen Pralinen, Schokolade und/ oder Obst auf der Anrichte des Kühlschranks. Nach und nach fängt Chiara an und zelebriert ihren Aufenthalt dort. Erst putzt sie die Wohnung, bis auf das Badezimmer und hört dabei die Musik, die gerade im CD-Player liegt. Dann lässt sie sich Badewasser ein, nimmt ein gemütliches Bad, zieht sich Vordens Hemd an, und genießt einen Espresso im Sessel. Danach reinigt sie das Badezimmer, die Kaffeemaschine und verlässt das Haus.

Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

Eines Tages liegen ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch. Neugierig nimmt sie die Blatter nach ihrem Bad und fängt an zu lesen. Chiara glaubt nicht was sie liest und fragt sich woher Vorden das wissen kann … denn sie liest ihre eigene Geschichte …

„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

In wunderschönen, oftmals verschachtelten Sätzen erzählt Thommie Bayer sehr sensibel und poetisch die Geschichte einer Frau, die gezwungen ist einen Neuanfang zu wagen und noch nicht weiß wie er aussehen kann. In Rückblicken erfahre ich, was Chiara dazu bewogen hat alles hinter sich zu lassen. Und je tiefer ich in Chiaras Leben eintauche, desto mehr fasziniert es mich. Aber nicht nur Chiaras Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in Vordens Haus, und vor allen die Geschichten die Vorden schreibt, lassen mein Herz klopfen und regen meine Phantasie an. Woher kann er das wissen, wenn er Chiara nicht kennt? Beobachtet er sie? Was hat Vorden vor? Was passiert als nächstes?

„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

Dies ist ein Buch der Phantasie, es lädt zum Träumen und Verweilen ein … über das Leben, von Neuanfängen,  das Hinter- sich-lassen …

„Weißer Zug nach Süden“  ist wieder eines dieser Bücher die man durch Zufall entdeckt und die sich als wahrer Schatz entpuppen. Es hat mich verzaubert ♥

Unbedingt lesen!!!

Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

 

5 von 5 Sternen