… aus „Das Leuchten in mir“ von Grégoire Delacourt

Atlantik Verlag
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.10.2018
ISBN: 9783455002737
Preis: 20,00 Euro

 

“ Meine bisherigen Tage waren wie die kleinen Kieselsteine eines wohlgeordneten Lebens gewesen, eines alten Versprechens, vorgezeichneten Bahnen zu folgen, vorgezeichnet von anderen, die an perfekte Wege oder wenigstens an tugendhafte Lügen glaubten. Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“ (Seite 13)

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„Ich war die Fröhlichkeit. Ich war die Melancholie. Ich war das Schmachten, eine Hauptpore und der Äther. Ich war die Lust. Ich war die Liebe. Ich war ohne Ende.“ (Seite 98)

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„Ich weiß jetzt, dass die Trauer eine Liebe ist, die keinen Ort mehr hat.“ (Seite 118)

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„An manchen Tagen saß ich im Sand und weinte. Dann rannte ich ins Meer, um meine Tränen zu ertränken. Seitdem weiß ich, warum das Meer salzig ist.“ (Seite 128)

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„Unser Treiben auf Erden ist so kurz, von so vernichtender Kürze, dass es nicht verdient, durch falsche Liebe, Wutausbrüche oder Schrecken zusätzlich verkürzt zu werde: Weil man keine Zeit hat, muss man lieben, so sehr man kann. Und man muss vergeben und Vergebung erfahren, wenn man leben will.“ (Seite 163)

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„Das Fenster ist einen Spalt geöffnet. Die Vorhänge rascheln. Du atmest laut. Bedrohlich. Wir liegen lange still und schweigen. Aus Aberglauben. Dann, als der Abend kommt, als der Himmel sich rot färbt, suchen sich unsere Finger. Berühren sich. Dann unsere Hände. Unsere Arme. Mein Mund legt sich auf deine Schulter. Streift deinen Oberkörper. Spürt die verlorene Wärme. Das Salz. Kostet das Eisen deines Blutes. Findet das verbogenen Gitter deiner Rippen. Deine Finger entdecken meine Brüste neu. Meine kühle, zitternde Haut. Meinen Rücken. Meine Hüften. Jede Bewegung ist sehr sanft und unser Verlangen voller Müdigkeit. Später nehme ich deinen Penis in den Mund, weil du es so gerne hast und obwohl ich es nie mochte. Dein Glied ist allzu entkräftet, schwillt kaum an. Du stößt nur einen langen Seufzer aus. Die Traurigkeit der Saiten in einem Quartett von Dvorak. Später lege ich den Kopf an deinen Hals. Finde ein letztes Mal meine Mulde. Unsere Körper verabschieden sich voneinander. Sie trennen sich, wie am Ende die Tänzer in der Verklärten Nacht, weil es nichts auf dieser Welt gibt, das nicht entsteht und in einem Schmerz zu Ende geht.“ (Seite 209)

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„Wir sind Träume geworden. Ich bin ein Stein am Ufer, aber ich kenne die unsichtbare Tiefe der Flüsse. Wenn einer mich aufhebt, hebt er auch meine Geschichte auf. Wenn er meine Worte verschlingt, verschlingt er auch mich“ (Seite 229)

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„Die, die uns lieben, verlassen uns, aber andere kommen.“ (Seite 254)

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Das Leuchten in mir von Grégoire Delacourt

Atlantik Verlag
Fester Einband
272 Seiten
Erscheinungsdatum:
04.10.2018
ISBN: 9783455002737
Preis: 20,00 Euro

Rückentext
Emma ist vierzig und seit achtzehn Jahren glücklich mit Olivier verheiratet. Sie haben drei Kinder, das Leben könnte nicht besser sein. Doch dann trifft Emmas Blick auf den von Alexandre. Sie weiß sofort Bescheid. Für ihn wird sie alles riskieren, alles aufgeben, koste es, was es wolle.

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“ Meine bisherigen Tage waren wie die kleinen Kieselsteine eines wohlgeordneten Lebens gewesen, eines alten Versprechens, vorgezeichneten Bahnen zu folgen, vorgezeichnet von anderen, die an perfekte Wege oder wenigstens an tugendhafte Lügen glaubten. Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“ (Seite 13)

Emma ist vierzig und schon sehr lange mit Olivier verheiratet. Die Beiden haben schon viel erlebt. Doch eines Tages sieht Emma Alexandre. Die beiden wechseln kaum Worte, doch schnell ist ihnen klar, dass sie ihre jeweiligen Partner verlassen werden, um zusammen glücklich zu werden. Am Tag als sie zusammen weggehen wollen geschieht ein Unglück …

„Ich war die Fröhlichkeit. Ich war die Melancholie. Ich war das Schmachten, eine Hauptpore und der Äther. Ich war die Lust. Ich war die Liebe. Ich war ohne Ende.“ (Seite 98)

„Ich weiß jetzt, dass die Trauer eine Liebe ist, die keinen Ort mehr hat.“ (Seite 118)

„An manchen Tagen saß ich im Sand und weinte. Dann rannte ich ins Meer, um meine Tränen zu ertränken. Seitdem weiß ich, warum das Meer salzig ist.“ (Seite 128)

Was für eine dramatische und hinreißende Liebesgeschichte. Mir hat vor allem die Erzählweise sehr gut gefallen. Sie ist so sinnlich, erotisch und zärtlich, dass ich gar nicht glauben konnte das hier ein Mann schreibt. Dieses Buch ist irgendwie, wie ein Rausch von dem man nicht genug bekommen kann.

Ich habe bisher zwei Bücher von Delacourt gelesen. Die mir sehr gut gefallen haben. Doch dieses Buch übertrifft alles. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ein Mann so zärtlich über eine Frau schreibt, und über das Leben und die Liebe sinniert.

Unbedingt lesen!

„Unser Treiben auf Erden ist so kurz, von so vernichtender Kürze, dass es nicht verdient, durch falsche Liebe, Wutausbrüche oder Schrecken zusätzlich verkürzt zu werde: Weil man keine Zeit hat, muss man lieben, so sehr man kann. Und man muss vergeben und Vergebung erfahren, wenn man leben will.“ (Seite 163)

Orchis von Verena Stauffer

Kremayr & Scheriau
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.03.2018
ISBN: 9783218011044
Preis: 22,90 Euro

Klappentext
Anselm ist Botaniker und leidenschaftlicher Orchideenforscher. Mitte des 19. Jahrhunderts begibt er sich auf eine Expedition nach Madagaskar. Dort findet er nicht nur die schönste Orchidee der Welt, sondern Erfüllung, die aber nur von kurzer Dauer ist. Auf dem Schiff zurück in die Heimat verrückt sich etwas in Anselm: Aus seiner Schulter wächst eine Orchidee. Zu Hause angekommen, bringen ihn seine Eltern in eine Nervenheilanstalt, wo er sich bald wieder erholt. Seiner wissenschaftlichen Laufbahn scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Doch die Zeit arbeitet gegen ihn: Die politischen Umbrüche verändern sein Umfeld. Die wissenschaftlichen Neuerungen durch Darwin stellen seine Theorien auf den Kopf. Und die überstürzte Reise nach China bringt Ungeahntes zutage.

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„Regen. Gleichmäßig und flächendeckend rieselten Millionen gläserner Fallschirme vom Himmel zur Erde, Wolkentröpfchen, welche den Taupunkt erreicht hatten und in hoher Fallgeschwindigkeit hervorbrachen, um das Land zu tränken.“(Seite 45)

Anselm ist leidenschaftlicher Botaniker und Orchideensammler. Er befindet sich gerade in Madagaskar, um dort eine neue Orchidee zu finden. Er ist überwältig von Land und Leute. Kurz bevor das Schiff Richtung Heimat ablegt, findet er seine einzigartige Orchidee. Anselm ist beseelt von ihrer Schönheit. Auf der Heimfahrt erkrankt der junge Botaniker so schwer, dass er sich immer mehr in Halluzinationen verirrt. Schließlich glaubt er, dass ihm eine Orchidee auf der Schulter wäschst. In der Heimat angekommen, lassen seine Eltern ihn in eine Nervenheilanstalt einweisen. Dort kann Anselm auch wieder genesen. Er nimmt seine Arbeit als Botaniker wieder auf. Nicht nur die politische Lage hat sich während seiner Krankheit verändert, nein, er muss jetzt auch noch gegen Darwins Theorien kämpfen, um selbst gefeiert und gepriesen zu werden. Doch dann bricht er übereilt nach China auf …

„Und dann wieder die Geiger, die ihre Bögen an den Saiten schwangen, diese Säbel, von Papier diktierten Maschinen! Die Übersetzer waren, Übersetzer der Noten in Töne. Höchste Genauigkeit lag in jeder ihrer Bewegungen, in mathematischen Winkeln verliefen ihre Armsensen, ihre Hebel von Nähmaschinen und draußen schien der Mond weiß, während in der Oper übersetzt wurde, versucht wurde zu spielen, was einer sich lange ausdachte.
Die Bläser gegen die Streicher. Fleisch gegen Geist, Zärtlichkeit gegen Wildheit, Vertrauen gegen Lust.“ (Seite 129)

Die Geschichte um Anselm und seine Orchideen ist jetzt keine mega Story, in der es auf und ab geht. Sie liest sich dennoch spannend. Vor allem die vielen Details über die Orchideen fand ich interessant und spannend.

Was an diesem Buch fasziniert und mich echt umgehauen hat ist die Sprache. Oh mein Gott … was für eine Sprache! Ich habe selten ein so sprachgewaltiges Buch erlebt. Stauffers Beschreibungen ließen mir manches Mal mein Herz schneller schlagen. Oft hatte ich das Gefühl, ich stehe mit Anselm in diesen Orchideenfelder und rieche sie ebenso intensiv wie er.

Ich bin verzaubert und hätte noch stundenlang weiter lesen können. Bitte mehr davon.
Chapeau Verena Stauffer.

Unbedingt lesen!!!

„Oh, schaukelnde Blätter! Als suchten sie neue Äste und fänden nur den erdigen Boden, der sie mit dem nächsten Regen mürbe werden ließ und zurücknahm. Oh, letzte Ameisen! Als hätten sie es eilig, aber kein Ziel, als würden sie sich umdrehen, um zu sehen, woher sie gekommen waren, damit sie sich erinnern, wohin sie wollten. Auf den Feldern stand noch das Getreide, Roggen wogte, zeichnete weiche Pölster auf die Gründe, auch der Hafer warf flauschige Bauschen über das Land und in der Ferne leuchtete ein Lavendelfeld. Ein Teppich war die Landschaft, an dem die Jahreszeiten woben und stickten, ein Gobelin.“ (Seite 168)

Die Exilantin

Blumenbar
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.05.2018
ISBN: 9783351050504
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
In diesem autobiografischen Debüt erzählt Maryam Madjidi von ihrer Kindheit im Iran, vom Kampf der Eltern für den Kommunismus und davon, wie sie ihr Spielzeug an die Kinder im Viertel verschenken muss. Heimlich vergrub sie die Lieblingssachen im Garten und steckte sie später in den Koffer für Frankreich. Hier sollte das neue Leben anfangen – ohne Kampf, ohne Gefängnis. Aber die kleine Maryam fühlt sich fremd, weil alles fehlt: die eigene Sprache, echte Freunde, die geliebte Großmutter. In Paris sind die Hände des Vaters plötzlich nutzlos, die Augen der Mutter müde. Als junge Frau fährt Maryam nach Teheran zurück, verliebt sich und bricht mit allem.

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Da dies nur ein kleines Büchlein ist, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da sonst zu viel verraten wird.

„Wir sind farbige Sternschnuppen auf einer grauen Leinwand.“ (Seite 207)

Was für ein ungewöhnliches Debüt. Maryam Madjidi beschreibt auf sehr poetische und im Aufbau des Buches sehr ungewöhnliche Art ihr Geschichte. Eine Geschichte von Flucht mit den Eltern ins Exil nach Frankreich. Von ihrer schwierigen Zeit der Eingewöhnung und der Verweigerung die neue Sprache zu lernen. Dann der Umschwung. Sie will mit ihren Wurzeln brechen. Will nicht mehr das persische, nur noch das französische. Doch in beiden ist sie nicht wirklich zu Hause.

Ich konnte Madjidis innere Zerrissenheit spüren, die Suche nach Heimat und Identität, nicht zu wissen wohin man gehört …

Das ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass Maryam Madjidi auch verschiedenen Dingen, wie Sprache oder Gegenständen ein Wort gibt. Es ist eine Mischung aus Phantasie und Realität, gepaart mit einer wundervollen poetischen Sprache, die diese Autobiografie zu etwas besonderem machen.

Wenn ich all die schönen Textstellen rausgeschnitten hätte, wäre vom Buch nichts mehr übrig geblieben. Vor allem die Gedichte, ganz besonders „Es war einmal“ auf den letzten beiden Seiten, sind einfach wundervoll.

Unbedingt lesen!!!

„Eine Girlande aus Wörtern in einem Baum bin ich, auf die ein Kind zeigt.“ (Seite 221)

Poetisch, Philosophisch, Phantastisch ♥

Aufbau  Fester Einband 607 Seiten Erscheinungsdatum: 01.03.2013  Preis: 19,99 € ISBN: 9783351050009

Aufbau
Fester Einband
607 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.03.2013
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783351050009

Rückentext
Frisch getrennt von seiner Frau, tourt der Pianist Tom Holler mit seiner Berliner Band durch Italien. In Neapel hofft er, seine große Liebe Betty Morgenthal wiederzutreffen und endlich zu begreifen, warum er seinen besten Freund verlieren musste. Seine Erinnerung weiß von verpasstem und verspieltem Glück. Aber nur wenn er zum Kern vordringt, zu jener Nacht in Como, als das Dreigestirn der Freunde auseinanderbrach, hat sein Leben – und vielleicht auch die Liebe – eine zweite Chance.
Berlin, Italien, Schwermut und Leichtsinn, die lauten und leisen Töne – dieser Roman ist voller Musik.

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Ich weiß gar nicht wie und wo ich anfangen soll, um diesem Buch gerecht zu werden.

Monika Zeiner hat mit diesem Debütroman ein Meisterwerk geschaffen. Die Sprache ist so bildhaft, gewaltig und poetisch. Die vielen einzelnen Lebensthemen, die die Geschichte rund um Tom, Marc und Betty anspricht, sind voller philosophischer Ansätze.

Immer hatte ich als Leserin den Eindruck ich bin mittendrin. Zum Beispiel das Kapitel „Das Konzert“ …Nach diesem Kapitel war ich fertig. Das ist mit so einer Intensität geschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich würde dieses Konzert spielen. WAHNSINN!!! Noch im Nachhinein spürte ich die Geigen und Bässe in mir, horchte aufs Klavier und spürte die Kraft und den Klang der einzelnen Instrumente.

Ich möchte gerne eine Stelle aus dem Buch zitieren, die zeigt wie sprachgewaltig und philosophisch Monika Zeiner schreibt. Es ist aus dem Kapitel „Der ganz allgemeine Tod“ (S. 75)
„Der Tod ist das letzte Blatt im Bilderbuch eines uralten Kindes. Ein dünner Pfad, der durch gemaltes Märchengelände führt. Er geht an Berge geschmiegt, halb verborgen von hängenden Pflanzen, für jedes Jahr der Menschheitsgeschichte eine: Waldefeu, Lianen, unendliche Dornenbüsche. (…) Die Lebenden finden ihn nicht. Zu laut sind die Schritte, zu fordernd ist ihr Suchen. Er durchwandert ein Gebiet, von dem niemand ahnt, wo es liegt, von dem niemand ahnt, was darin geschieht. (…)“

So möchte ich mir den Tod vorstellen und empfinde keine Angst mehr.

DANKE liebe Monika Zeiner für diesen phantastischen Lesegenuss!!!

Ein Buch das mich tief berührt hat … es ist poetisch, philosophisch, phantastisch!!!

5 von 5 Sternen

Die Kraft der Phantasie

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

Klappentext
Chiara stammt aus Castelnuovo in Italien. Warum sie nach Deutschland gekommen ist, geht niemanden etwas an. Jetzt ist sie da und führt das Leben, das ihre Freundin Leonie ihr hinterlassen hat: Chiara wohnt in Leonies Haus auf dem Hügel und hat sogar deren Job übernommen – sie putzt Wohnungen fremder Menschen. Für den Übergang, sagt sie sich, aber dieses Leben gefällt ihr, sie mag es, in das Leben anderer zu schauen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die Wohnung des Herrn Vorden übt dabei eine besondere Anziehung auf sie aus. Und auch Vorden scheint eine tiefe Verbindung zu ihr zu haben – denn jede Woche, wenn Chiara seine Räume betritt, findet sie auf seinem Schreibtisch einen Stapel Blätter mit einer Geschichte. Und jede Woche fragt sie sich, ob der Mann, von dem sie nicht einmal den Vornamen kennt, ihre Gedanken lesen kann. Denn seine Geschichten haben sehr viel mehr mit ihr zu tun, als Vorden eigentlich wissen kann.

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„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

Chiara verlässt Hals über Kopf ihre Heimat. Es gab einen Vorfall, der sie veranlasst das Land zu verlassen. Da kommt es ihr gerade gelegen, dass auch ihre Freundin Leonie das Land Hals über Kopf verlassen hat. Chiara schlüpft in das Leben ihrer Freundin – lebt in Leonies Haus und übernimmt ihren Job. Das ist ganz einfach, da Leonie als Putzfrau arbeitet. Per Mail informiert sie ihre Kunden, dass ihre Freundin Chiara bis auf weiteres ihre Aufgaben übernimmt.

Zuerst findet Chiara es merkwürdig in den Wohnungen und Häusern fremder Menschen zu putzen. Doch mehr und mehr macht ihr diese Arbeit Spaß. Vor allem stellt sie sich vor wie die Menschen dort leben und was es für Menschen sein könnten.

„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

Von einer Wohnung ist sie ganz besonders angetan. Es ist die Wohnung eines Schriftstellers. In ihr fühlt sich Chiara am wohlsten. Schnell entwickelt sich eine Art von Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich nie persönlich treffen. Immer wenn sie kommt stehen Pralinen, Schokolade und/ oder Obst auf der Anrichte des Kühlschranks. Nach und nach fängt Chiara an und zelebriert ihren Aufenthalt dort. Erst putzt sie die Wohnung, bis auf das Badezimmer und hört dabei die Musik, die gerade im CD-Player liegt. Dann lässt sie sich Badewasser ein, nimmt ein gemütliches Bad, zieht sich Vordens Hemd an, und genießt einen Espresso im Sessel. Danach reinigt sie das Badezimmer, die Kaffeemaschine und verlässt das Haus.

Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

Eines Tages liegen ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch. Neugierig nimmt sie die Blatter nach ihrem Bad und fängt an zu lesen. Chiara glaubt nicht was sie liest und fragt sich woher Vorden das wissen kann … denn sie liest ihre eigene Geschichte …

„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

In wunderschönen, oftmals verschachtelten Sätzen erzählt Thommie Bayer sehr sensibel und poetisch die Geschichte einer Frau, die gezwungen ist einen Neuanfang zu wagen und noch nicht weiß wie er aussehen kann. In Rückblicken erfahre ich, was Chiara dazu bewogen hat alles hinter sich zu lassen. Und je tiefer ich in Chiaras Leben eintauche, desto mehr fasziniert es mich. Aber nicht nur Chiaras Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in Vordens Haus, und vor allen die Geschichten die Vorden schreibt, lassen mein Herz klopfen und regen meine Phantasie an. Woher kann er das wissen, wenn er Chiara nicht kennt? Beobachtet er sie? Was hat Vorden vor? Was passiert als nächstes?

„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

Dies ist ein Buch der Phantasie, es lädt zum Träumen und Verweilen ein … über das Leben, von Neuanfängen,  das Hinter- sich-lassen …

„Weißer Zug nach Süden“  ist wieder eines dieser Bücher die man durch Zufall entdeckt und die sich als wahrer Schatz entpuppen. Es hat mich verzaubert ♥

Unbedingt lesen!!!

Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

 

5 von 5 Sternen