Rückblick & Einblick … Januar 2020

 

Hallo Ihr Lieben,

in diesem Jahr wird es ein paar kleine Änderungen geben. Wie bei vielen von euch, ist auch meine Lese- und Lebenszeit sehr begrenzt. Deshalb werde ich mich nicht mehr mit Büchern aufhalten, die mich nach ca. 100 Seiten nicht packen. Sie werden rigoros abgebrochen, nicht besprochen, weder kurz noch lang, vielleicht gibt es eine kurze Erwähnung. Somit fällt die Kategorie „Kurz & Knapp“ weg. Unter der neuen Rubrik „Rückblick & Einblick“ erzähle ich euch von meinen gelesenen Büchern und dem was ich ansonsten so gemacht habe.

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Rückblick

Der Januar ist ein ruhiger Monat im Buchhandel. Nachdem das Weihnachtssortiment eingelagert wurde, die Silvesterdeko ebenfalls, ist Anfang Januar das große Räumen und putzen angesagt. Aber damit ist man in so einer „kleinen“ Buchhandlung schnell durch. Somit bleibt viel Zeit für Bücher. Ich habe im Januar 8 Bücher gelesen. Zwei davon waren schon echte Highlights in diesem Monat, zwei totale Flops und der Rest war unterhaltsam.

Highlight waren das neue Buch von Isabelle Autissier „Klara vergessen“  aus dem Mare Verlag (erscheint am 04.02.2020) und das Debüt von Katya Apekina „Je tiefer das Wasser“ aus dem Suhrkamp Verlag (erscheint am 17.02.2020). Zu beiden Büchern wird es eine ausführliche Rezension geben. Hier nur kurz warum die beiden ein Highlight waren.

Auf den neuen Autissier habe ich mich sehr gefreut, hatte jedoch Angst, dass meine Erwartungen viel zu hoch sind, nachdem mich „Herz auf Eis“ so begeistert hatte. In „Klara vergessen“ geht es um eine Familiengeschichte die in der Zeit der ehemaligen UdSSR beginnt und in der Jetztzeit endet. Das Ganze ist so spannend, emotional, realistisch und brutal beschrieben. Sie schildert die Geschichte einer Frau, die zu KGB Zeiten inhaftiert wird, wie ihre Familien damit umgeht und welche Auswirkungen dies alles auf die weitere Generationen hat. Hier hat Autissier wieder einmal ihr ganzes Können gezeigt. Chapeau!

Das Debüt von Apekina hat mich echt umgehauen. Auch sie erzählt eine Familiengeschichte. Doch eine ganz andere. Die Mutter versucht sich umzubringen, landet in einer Klinik, die Kinder kommen zum Vater, den sie nie wirklich kennen gelernt haben, da er die Familie kurz nach der Geburt des zweiten Kindes verließ. Apekina erzählt eine Geschichte über die Suche nach Liebe und Anmerkung, und zeigt dabei ein Szenario auf, das mich erschüttert hat. Auch hier kann ich nur Chapeau sagen!

Zu den Flops gehören „Der Freund“ von Sigrid Nunez aus dem Aufbau Verlag und „Nix passiert“ von Kathrin Weißling aus dem Ullstein Verlag. Die beiden habe ich abgebrochen. Leute …. beide Bücher waren so zäh und langweilig, dass ich irgendwann einfach nicht mehr weiter lesen wollte. In „Nix passiert“ jammert ein junger Mann rum. Kann nicht verstehen warum seine Freundin ihn verlassen hat. Kehrt zu Mama zurück und jammert da weiter. Das war mir dann irgendwann zu viel. In „Der Freund“ verarbeitet eine Frau den Verlust ihres besten Freundes. Ich frage mich nur wo das auf all den Seiten statt gefunden hat. Auch hier passiert alles mögliche, nur nicht das was im Klappentext beschreiben steht. Nein danke …

Zu den restlichen Büchern gibt es Rezensionen, bis auf Alex Oetkers Buch. Hier habe ich keine geschrieben. Ich mag seine Krimis sehr, da sie nicht so blutig sind, und dennoch sehr spannend. Auch der neuste Fall um Luke Verlain war wieder mega spannend, begleitet von guten Weinen und ebenso gutem Essen. Am Ende gab es dann eine große Überraschung! Hier die Rezensionslinks zu „Die Kakerlake“ von Ian McEwan aud dem Diogenes Verlag, „Geteilt durch zwei“ von Barbara Kunrath erschienen bei Ullstein und „Goldkind“ von Claire Adam aus dem Hoffmann & Campe Verlag.

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Einblick

Die letzten Monate in 2019 waren ja nicht so wirklich meine. Ihr habt es ja gelesen. Im neuen Jahr möchte ich versuchen die Zeit intensiver zu nutzen, zu genießen, zu leben … Das ist erst einmal gar nicht so einfach, und ich werde sicherlich sehr oft in alte Muster zurück fallen, dennoch möchte ich es versuchen. Natürlich sind das nicht weltbewegende Dinge und für euch vielleicht völlig normal und alltäglich, und nicht alles was ich mach habe ich sonst nicht auch schon gemacht. Doch es ist mir bei all dem wichtig, das Ganze wirklich bewusst zu erleben und nicht mal eben zwischendurch oder weil man es halt so macht.

Ende des Monats haben wir uns eine kleine Auszeit gegönnt und waren in Bütgenbach. Das leigt kurz hinter der deutschen Grenze in Belgien. Von dort ist es nicht weit in das Hohe Venn. (Ja, es heißt das Hohe Venn). Auf der FB Seite von Angelika liest gibt es Bilder. Leute, da ist es soooo schön. Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann fahrt einmal dort hin. Obwohl wir Winter haben, ist die Landschaft im Hochmoor einfach unglaublich schön. Ich hänge euch noch ein paar Bilder unten dran.

Eure Angelika ♥♥♥

 

 

 

Kurz & Knapp … März 2018

Als ob man sich auf hoher See befände von Yara Lee

Laut Klappentext erwartet mich eine Geschichte über zwei Menschen, Marla und James, die sich durch Zufall treffen und lieben lernen. Auf einer Forschungsreise kommt es zu einem Zwischenfall. Parallel wird die Geschichte von Ulysses einem älteren Mann, der einen Platz sucht, an dem er sterben möchte. Es ist Marlas Vater, der seine Tochter nach dem Unfalltod der Mutter in ein Heim gegeben hat.

Die Geschichte ist von Anfang an ziemlich schwer zu lesen, da die Autorin viele Begriffe und deren verschieden Bedeutungen bis zum erbrechen beschreibt. Zum Beispiel geht es in einem Kapitel um das Wort „glatt“. Da lese ich Zeile um Zeile, dass etwas glatt sein kann (hier in Verbindung mit verschiedenen Oberflächen oder Strukturen) oder wie man glatt in verschiedenster Weise definieren kann oder wie man glatt steigern kann … Mal ganz ehrlich, wenn ich so etwas wissen möchte, dann schau ich im Duden oder sonst wo nach, dafür brauche ich kein Buch. Aber das ist nur ein Begriff von vielen, die Autorin bis zum erbrechen erklärt … definiert/ erklärt/ beschreibt. Das strengt an, und lenkt von der Geschichte ab.

Fazit: Mir scheint, die Autorin wollte zeigen wie toll „Sprachkunst“ sein kann, welche sie studiert hat. Mich hat es mega gestört und dem Buch jegliche Chance genommen eine tolle Geschichte zu erzählen.

(Residenz, ISBN: 9783701716876, Preis: 22,00 Euro)

 

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So enden wir von Daniel Galera

Duke ist tot. Opfer eines Raubüberfalls. Die Freunde von damals … Aurora, Antero und Emiliano … sind gekommen um Abschied zu nehmen. In Rückblenden erinnern sie sich an ihre gemeinsame Zeit kurz vor der Jahrtausendwende. Erinnerungen an Ziele, Hoffnungen, Ängste und Enttäuschungen.

In abwechselnden Kapitel erzählen die drei übrig gebliebenen Protagonisten von ihrem Leben früher und heute. Als Leserin erfahre ich, wie sich die vier kennen gelernt haben und wie sie gemeinsame Projekte voran getrieben haben. Zwischen den Zeilen liest man jedoch Galeras Kritik an der Welt und der Gesellschaft … Konsum, digitale Medien, Sex, Korruption und Chaos sind Bestandteil seiner Kritik.

Fazit: Mir war das ganze Buch/ die Geschichte zu viel. Dieses, ich nenn es mal Gejammer über unsere auch so schlimme Welt ging mir echt auf die Nerven. Jede Generation hatte/ hat mit ihren Problemen zu kämpfen. Aber diese Schwarzseherei in diesem Buch ist echt zu viel. Ich hoffe und glaube, das wir so (!!!) nicht enden werden!

(Suhrkamp, ISBN: 9783518428016, Preis: 22,00 Euro)

 

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Der restliche Sommer von Max Scharnigg

In diesem Buch geht es um einen Kolumnisten, der sich verleibt hat und mit seiner Freundin den Sommer am Meer verbringt. Zeitgleich entkommt ein junger Mann einem vermeintlichen Attentat und wird in ein Krankenhaus eingeliefert, in dem er eine junge Frau kennen lernt. In einer weiteren Geschichte erzählt Scharnigg von den längst vergessenen Träume einer Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde.

Hier gibt es wieder mehrere Erzählstränge, die, je weiter man in die Geschichte eintaucht irgendwie miteinander verwoben sind. Die Protagonisten kennen sich irgendwie alle, sind sich im Leben bereits begegnet, doch das wird erst nach und nach ersichtlich. Und je weiter ich lese, desto mehr faszinieren mich die einzelnen Geschichten und am Ende bin ich überrascht.

Fazit: Eine Geschichte die ich gerne gelesen habe. Sie lässt mich mit der Frage, wie ich mein restliches Leben verbringen möchte zurück.

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455404944, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das vergessene Fest von Lisa Kreißler

Nina, Arif und Ronda sind Freunde seit der Uni. Jetzt, nach 15 Jahren, sind Arif und Ronda auf dem Weg zu Nina, denn diese heiratet. Es ist eine ganz besondere Hochzeit auf einer Lichtung im Wald. Doch die Hochzeit nimmt kein glückliches Ende. Die Braut sagt nein und flieht mit ihren Freunden in den Wald.

Was als wirklich wunderschöne Geschichte anfängt, endet im Desaster. Auch für mich als Leserin. Bis etwa zur Mitte erzählt Kreißler eine schöne Geschichte von Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Doch nachdem die Braut nein gesagt hat und die drei vom Fest in den Wald fliegen wird es echt abgedreht. Zwischendurch habe ich mich gefragt haben die Protagonisten gekifft oder die Autorin? Denn das was die Protagonisten im Wald erleben ist echt konfus, durchgeknallt und chaotisch.

Fazit: Sprachlich sehr schön und wie gesagt, ab der Mitte einfach nur der Horror. Schade, schade … es hätte so schön werden können!

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446258556, Preis: 20,00 Euro)

 

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Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Tja, eigentlich wollte ich einen endlos Satz schreiben, wie Madame Nielsen, deren Buch die Geschichte eines Jungen ist, der eigentlich nicht weiß, ob er ein Junge ist oder vielleicht doch, sich wahrscheinlich verliebt in eine Frau, die verheiratet ist und Kinder hat, deren Mann eifersüchtig ist und den Liebhaber seiner Frau erschießen möchte, aber ehrlich gesägt weiß ich das nicht so ganz, denn „Der endlose Sommer“ fängt erst richtig auf Seite 82 an und ist dann auch schon fast vorbei, ohne das er richtig stattgefunden hat.

Ha …. vier Zeilen habe ich geschafft. Madame Nielsen schafft drei Seiten und mehr für einen einzigen Satz. Sie verliert sich dabei in Nebensächlichkeiten bis ins millionste Detail, ohne etwas wirklich wichtiges gesagt zu haben. Das ist für mich als Leserin echt anstrengend. Ich mag Bandwurmsätze. Aber bitte mit Aussage/ Inhalt und nicht nur angereihte Wörter, um der Länge willen. Die Geschichte vom endlosen Sommer wäre nämlich ohne diese Sätze sehr schnell zu ende gewesen, da es letztendlich nicht viel zu erzählen gab.

Fazit: Ich hätte gerne eine schöne Geschichte gehabt, von mir aus auch endlos, aber bitte keine endlosen Sätze, die nichts sagen!

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051025, Preis: 18,00 Euro)

 

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Von dieser Welt von James Baldwin

Der junge John Grimes wächst in einer autoritären und strenggläubigen Familie auf. Er kennt nichts anderes als Kirche und Schläge, die sein Vater mit Gottes Willen rechtfertigt. John hat nur einen Wunsch … er will raus aus diesem Dorf, diesem Leben …

Dieses Buch hat mich an manchen Stellen echt erschüttert. Ich wusste aus dem Vorwort, dass es autobiografische Züge enthält. Grimes Leben war ein Leben, geprägt von einen autoritären Vater, der eigentlich gar nicht sein Vater ist, und Gott. Überhaupt hat Gott und die Religion einen sehr großen Anteil in diesem Buch. Was mich persönlich sehr fasziniert hat, da viele Dinge, die im Leben der Protagonisten geschehen mit Gottes Willen deklariert werden. Die Religiosität in diesem Buch ist an manchen Stellen im Buch schon echt krass.

Fazit: Ein Buch, dass an manchen Stellen nicht einfach ist, weil es unter die Haut geht, lohnt sich aber auf jeden Fall.

(dtv, ISBN: 9783423281539, Preis: 22,00 Euro)

 

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Das geraubte Leben der Nordkoreaner

Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 11.03.2013
ISBN: 9783518465226
Preis: 10,99 €

Klappentext
Pak Jun Do hat noch nie einen Film gesehen, kaum je ein Werbeplakat, er findet es merkwürdig, dass woanders Leute Tiere im Haus halten, und wundert sich über Maschinen, die Geld auswerfen. Er kennt keine Ironie, keine Kunst, keine Mode und keine Magazine. Aufgewachsen im nordkoreanischen Waisenhaus „Frohe Zukunft“, ist er ein winziges Rädchen im großen Getriebe der absurd-grausamen Herrschaft des „Geliebten Führers“ Kim Jong Il. Nur ein falsches Wort kann jeden sofort ins Lager bringen. Doch mit der Zeit beginnt Jun Do an etwas zu glauben, was stärker ist als Staatstreue: Freundschaft und Liebe. Als er die Schauspielerin Sun Moon trifft, lernt er das bedingungslose Vertrauen in einen anderen Menschen kennen. Und nur dafür lohnt es sich zu überleben.

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Obwohl diese Geschichte eine „fiktive“ ist, steckt doch mehr Realität und Wahrheit über Nordkorea darin, als man als Leser wahr haben möchte. Dieses Buch ist keine einfache Lektüre, und es braucht eine Zeit, bis man sich darin zurecht findet. Denn das was man hier liest lässt einem den Atem stocken.

Menschen sind hier nicht Menschen. Sie sind Spielbälle des „Geliebten Führers“. Er allein bestimmt und manipuliert wie es ihm gefällt. Männer bekommen ihre Ehefrauen zugewiesen. Stirbt der Mann, wird ein Ersatzmann für die Frau gefunden. Hübsche junge Frauen werden verschleppt und müssen dort als Hostessen arbeiten. Denunzierte werden solange gefoltert bis sie gestehen und landen dann im Arbeitslager. Sterben sie dort, zapft man ihnen das Blut für Blutkonserven ab. Oder aber sie werden durch Elektroschocktherapie ihrer Vergangenheit beraubt. Menschen verschwinden einfach und keiner wagt es danach zu fragen, denn für alles hat der „Geliebte Führer“ eine Geschichte. Seine Geschichte.

Ihr denkt, dass kann und darf im 21. Jahrhundert nicht sein? Leider ist dem so. Ich habe mich schlau gemacht und im Netz gestöbert. Leider ist das der traurige Alltag in Nordkorea. Was die Menschen dort ertragen müssen ist einfach unfassbar, und die „mächtigen“ Staaten und Länder drum herum können nichts machen, um diesen Wahnsinn zu beenden.

Trotz alledem was ich lesen musste über Jun Do und sein Leben in Nordkorea, lässt mich dieses Buch nicht ganz so traurig zurück. Denn trotz aller widrigen Umstände lernt Jun Do Menschen kennen, denen er vertrauen kann, und die ihm zeigen, dass es sich lohnt zu kämpfen. Vielleicht schaffen andere Menschen in Nordkorea diesen Schritt auch, und vielleicht erhebt sich irgendwann ein ganzes Volk gegen den „Geliebten Führer“ … vielleicht … ich wünsche es mir sehr!!!

„(…) Als Buc weg war sagte er zu Jun Do:“Wo wir herkommen, sind Geschichten Realität. Wenn der Staat einen Bauern zum Musikvirtuosen erklärt, dann tun alle gut daran, ihn von da an Maestro zu nennen. Und er selbst täte gut daran, insgeheim Klavier zu üben. Für uns hat die Geschichte eine größere Bedeutung als die Person. Wenn ein Mann nicht zu seiner Geschichte passt, dann ist es der Mann der sich ändern muss.“ (…) (Seite 191/192)

Lewadskis letzte Reise

Suhrkamp Verlag Fester Einband 237 Seiten Erscheinungsdatum: 01.08.2012 Preis: 19,95 € ISBN: 9783518423158

Suhrkamp Verlag
Fester Einband
237 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.08.2012
Preis: 19,95 €
ISBN: 9783518423158

Klappentext
Wer Martha ist, wird hier nicht verraten, aber über Luka Lewadski kann folgendes berichtet werden: Ornithologe aus der Ukraine und Verfasser der bahnbrechenden Studie „Über die Rechenschwäche der Rabenvögel“. Über seinen Forschungen ist er in die Jahre gekommen und 96 geworden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, sagt der Arzt. Und die will gut genützt sein, sagt sich Lewadski. Also reist er nach Wien, steigt im noblen Hotel Imperial ab und lernt im Fahrstuhl einen Altersgenossen kennen, dem der Lebensfaden auch schon reichlich kurz geworden ist. Wie die beiden Alten aus der Muppet Show in ihrer Loge, sitzen die zwei beim Früchte-Wodka in der Hotelbar, kommentieren die Frisuren der Damen, rekapitulieren das mörderische vergangene Jahrhundert und träumen von der Revolution. Und langsam wird Lewadski das Geld zum Sterben knapp.

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Lewadski ist 96 und muss von seinem Arzt erfahren, das er Krebs hat und nicht mehr lange leben wird. Daraufhin beschließt er die restlichen Tage seines Lebens zu genießen und jeden Tag Schokotorte zu essen. Er macht sich auf zur letzten Reise seines Lebens.

Wundervoll geschrieben. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beschreibt die Autorin den nahenden Tod und was das Leben noch für einen bereit hält.

Lewadski ist mir sofort ans Herz gewachsen. Seine trockenen, aber humorvolle Art sich nicht kleinkriegen zu lassen ist einfach wundervoll beschrieben. Obwohl ein ernstes Thema, versteht es die Autorin der Geschichte um Lewadski eine Leichtigkeit zu geben, dass sie mir damit ein wenig die Furcht vor dem Ende genommen hat.

DANKE!!!

Ein Buch das man unbedingt gelesen haben sollte!!!

 

5 von 5 Sternen

Nachttrag

Dieses Buch habe ich 2012 gelesen und noch heute denke ich oft daran. Die Lebendigkeit Lewadskis trotz seines nahen Todes hat mich fasziniert. Heute denke ich, dass wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, der Tod irgendwie selbstverständlich ist. Er wird irgendwann zu einem „Begleiter“ … immer irgendwo auf der Lauer …  und wenn man ein erfülltes Leben hatte, darf er dann auch irgendwann kommen und einen mitnehmen.

 

… aus „Winters Garten“ von Valerie Fritsch

Suhrkamp Fester Einband 154 Seiten Erscheinungsdatum: 07.03.2015  Preis: 16,95 € ISBN: 9783518424711

Suhrkamp
Fester Einband
154 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.03.2015
Preis: 16,95 €
ISBN: 9783518424711

 

„Alles, was war, teilt sich die Welt mit all jenem, was sein würde.“ (Seite 16)

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„Man wartet viel, wenn man Kind ist, und: man erwartet viel. Als Kind besitzt man diese unsagbare Zeit, sich die Welt anzusehen. Man geht tastend durch die Welt und weckt die Gegenstände. Nie wieder weiß man so viel, und nie wieder verspricht man sich so viel von ihr. Nie wieder schaut man so uneitel auf all das, was anwesend ist um einen. Die Augäpfel sind Erdkugeln, auf denen eine Schwerkraft wirkt, die alle Bilder aus dem Äther zu ihnen herabzieht. Nie wieder sieht man in Kleinigkeiten so sehr Grund zu großen Hoffnungen.“ (Seite 20)

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„Noch heute liebte er so wie damals die Minuten nach dem Erwachen, in denen man ins Narrenkastel schaute und sich die Welt um einen herum erst langsam wieder herstellte, während der Körper noch eine Mumie, eine stille Hülle vom Schlaf war, in der sich nur die Augen bewegten. Diese Leere vor oder hinter der Welt, in die man hineinschaute. Auch wenn er heute gar nicht mehr weit schauen musste für diese Leere.“ (Seite 43)

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„Sie hat ihn so vermisst. (…) All die kleinen Gesten, die die beiden miteinander verbanden, haben ihr so sehr gefehlt, und sie hat gewusst, dass niemand Neues kommen wird, um sie zu ersetzen. Ich glaube es war nicht nur der Verlust, es war auch der Liebeskummer, den man noch im Alter spürt, wenn man sich nicht erinnern kann, wann einem jemand das letzte Mal die Hand gehalten hat.“ (Seite 116)

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„Es herrschte eine Ruhe, in der man sich den Atem verhalten mochte, jene Stille, wie sie in den atemlosen Sekunden am Ende eines Theaterstücks eintrat, in denen alles schon vorbei war und man noch nicht wusste, ob es gut oder schlecht gewesen war, bevor der schwarze Vorhang fiel und das Publikum sich für Gnade oder Empörung entschied.“ (Seite 143/144)

 

Und ein Funken Hoffnung bleibt bis zum Schluss

Suhrkamp Fester Einband 154 Seiten Erscheinungsdatum: 07.03.2015  Preis: 16,95 € ISBN: 9783518424711

Suhrkamp
Fester Einband
154 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.03.2015
Preis: 16,95 €
ISBN: 9783518424711

Klappentext
Winters Garten, so heißt die idyllische Kolonie jenseits der Stadt, in der alles üppig wächst und gedeiht, die Pflanzen wie die Tiere, in der die Alten abends Geige spielend auf der Veranda sitzen, die Eltern ihre Säuglinge wiegen und die Hofhunde den Kindern das Blut von den aufgeschlagenen Knien lecken.
Winters Garten, das ist der Sehnsuchtsort, an den der Vogelzüchter Anton mit seiner Frau Fredericke nach Jahren in der Stadt zurückkehrt, als alles in Bewegung gerät und sich wandelt: die Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere in die Vorgärten und Hinterhöfen eindringen und der Schlaf der Menschen schwer ist von Träumen, in denen das Leben, wie sie es bisher kannten, aufhört zu existieren.

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„Man wartet viel, wenn man Kind ist, und: man erwartet viel. Als Kind besitzt man diese unsagbare Zeit, sich die Welt anzusehen. Man geht tastend durch die Welt und weckt die Gegenstände. Nie wieder weiß man so viel, und nie wieder verspricht man sich so viel von ihr. Nie wieder schaut man so uneitel auf all das, was anwesend ist um einen. Die Augäpfel sind Erdkugeln, auf denen eine Schwerkraft wirkt, die alle Bilder aus dem Äther zu ihnen herabzieht. Nie wieder sieht man in Kleinigkeiten so sehr Grund zu großen Hoffnungen.“ (Seite 20)

Der Roman setzt in Anton Winters Kindheit ein. Sein Leben in Winterschen Garten, der gleichzeitig eine Kolonie ist. Dort tummeln sich Menschen aller Art. Alte und Junge gleichermaßen. Das Ganze hat für mich etwas von einer Hippiekommune. Für Anton ist es das Paradies. Als Anton alt genug ist, bringt ihm sein Vater das Geigen bauen bei. Als seine Großmutter, die er sehr liebt, stirbt, verschwindet Anton aus der Kolonie.

„Noch heute liebte er so wie damals die Minuten nach dem Erwachen, in denen man ins Narrenkastel schaute und sich die Welt um einen herum erst langsam wieder herstellte, während der Körper noch eine Mumie, eine stille Hülle vom Schlaf war, in der sich nur die Augen bewegten. Diese Leere vor oder hinter der Welt, in die man hineinschaute. Auch wenn er heute gar nicht mehr weit schauen musste für diese Leere.“ (Seite 43)

Jetzt lebt Anton in der Stadt. Diese ist nur 1 Stunde Fahrt von der Kolonie entfernt. Hier arbeitet er als Vogelzüchter und jetzt erfahre ich auch das erste Mal, dass die Welt untergehen wird. Warum und wieso wird nicht näher beschrieben. Allerdings ist das Leben in der Stadt unerträglich. Regelmäßig gibt es Massenselbstmordpartys, die Stadt zerfällt immer mehr und das Leben weicht langsam aus allem und jedem heraus.

„Immer noch war das Leben ein Warten. (…)Jeder war abgenabelt, von der Zukunft, die er sich ausgemalt hatte, von all ihren Verheißungen und Herausforderungen.“ (Seite 47)

Eines Tages treffen Anton und Fredericke aufeinander, und sie verlieben sich ineinander. Für Anton ist es die erste Liebe. Und obwohl das Leben ja bald vorbei ist, versuchen die beiden ihre Liebe zu leben. Kurz vor der endgültigen Apokalypse gehen sie zurück in den Winterschen Garten.

„Sie hat ihn so vermisst. (…) All die kleinen Gesten, die die beiden miteinander verbanden, haben ihr so sehr gefehlt, und sie hat gewusst, dass niemand Neues kommen wird, um sie zu ersetzen. Ich glaube es war nicht nur der Verlust, es war auch der Liebeskummer, den man noch im Alter spürt, wenn man sich nicht erinnern kann, wann einem jemand das letzte Mal die Hand gehalten hat.“ (Seite 116)

Ich bin immer noch sehr aufgewühlt, denn dieses Buch hat mich echt umgehauen. Obwohl durch die Thematik eine durchgehende Weltuntergangsstimmung herrscht, gelingt es der Autorin Valeri Fritsch mit ihrer bildhaften und poetischen Sprache eine Sehnsucht in mir zu wecken, welche mit jeder Seite mehr wird. Eine Sehnsucht nach dem Leben, dem Lieben und den Kleinigkeiten in meinem Leben. Ich spüre die Hoffnung und die Erwartungen der Protagonisten, dass es doch irgendwie weiter geht … nach der Apokalypse.

„Alles, was war, teilt sich die Welt mit all jenem, was sein würde.“ (Seite 16)

Ich habe noch lange über dieses Buch nachgedacht und möchte an dieser Stelle einmal eine sehr gewagte Interpretation meinerseits dazu geben.

Nach dem Ende des Buches war für mich irgendwie klar, dass es sich bei Winters Garten um das Paradies handeln muss. Anton und all Bewohner dieses Gartens sind dort glücklich. Als Anton dann in die Stadt geht, in meinen Augen die Vertreibung aus dem Paradies, fühlt er sich allein und einsam. Erst nachdem er mit Fredericke wieder zurück geht, wird er wieder glücklich. Und selbst nach dem Ende der Welt befindet er sich im Paradies …

„Es herrschte eine Ruhe, in der man sich den Atem verhalten mochte, jene Stille, wie sie in den atemlosen Sekunden am Ende eines Theaterstücks eintrat, in denen alles schon vorbei war und man noch nicht wusste, ob es gut oder schlecht gewesen war, bevor der schwarze Vorhang fiel und das Publikum sich für Gnade oder Empörung entschied.“ (Seite 143/144)

Für mich ist dieses Buch definitiv eines meiner Highlights in 2015.
Chapeau Valerie Fritsch!!!

 

5 von 5 Sternen

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

… aus „Judas“ von Amos Oz

Suhrkamp Fester Einband 335 Seiten Erscheinungsdatum: 08.03.2015 Preis: 22,95 € ISBN: 9783518424797

Suhrkamp
Fester Einband
335 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.03.2015
Preis: 22,95 €
ISBN: 9783518424797

 

„(…): Schließlich konnte nicht irgendein beliebiger Mensch morgens in aller Ruhe aufstehen, sich die Zähne putzen, eine Tasse Kaffee trinken und Gott umbringen! Um einen Gott umzubringen, muss der Mörder noch stärker sein als der Gott, und er muss auch unendlich bösartig sein. Jesus von Nazareth, eine göttliche Gestalt voller Wärme und Liebe, wer ihn absichtlich ermordet, war stärker als er und zugleich listig und abscheulich. (…) Wir alle sind Judas Ischariot. Auch nach achtzig Generationen sind wir Judas Ischariot.“ (Seite 48)

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„>Um über Jesus den Nazarener zu diskutieren<, sagte Wald bekümmert, >muss sich der Mensch erheben und sich nicht in der Kloake suhlen. Man darf über Jesus streiten, muss es sogar, zum Beispiel über die universale Liebe: Ist es tatsächlich möglich, dass wir alle, ohne Ausnahme, die ganze Zeit unseren Nächsten lieben, auch ohne Ausnahme? Hat Jesus selbst immer alle geliebt? (…)<“ (Seite 76)

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„Und Judas, dessen Lebensziel bei diesem Anblick zerbrach, Judas, der verstand, dass er mit eigenen Händen den Tod des Mannes herbeigeführt hatte, den er so sehr liebte und ehrte, verließ den Ort und erhängte sich.“ (Seite 170)

Wir alle haben etwas von einem Judas Ischariot in uns

Suhrkamp Fester Einband 335 Seiten Erscheinungsdatum: 08.03.2015 Preis: 22,95 € ISBN: 9783518424797

Suhrkamp
Fester Einband
335 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.03.2015
Preis: 22,95 €
ISBN: 9783518424797

Klappentext
Im Winter 1959/ 1960 beschließt Schmuel Asch, sein Studium in Jerusalem (Thema der geplanten Abschlussarbeit: Judas in der Perspektive der Juden) abzubrechen. Zum selben Zeitpunkt verlässt ihn seine Freundin, um einen früheren Freund zu heiraten. Dazu kommt, dass seine Eltern sich finanziell ruiniert haben und ihn nicht mehr unterstützen können. Daraufhin will Schmuel Jerusalem verlassen. Er entscheidet sich anders, als er eine Anzeige liest, die ihm ein Auskommen in Jerusalem erlaubt, auch wenn er sich verpflichten muss, von seinem Aufenthalt niemandem zu berichten. Die Anzeige führt ihn in das Haus eines eigentümlichen alten Mannes namens Gerschom Wald. Nachts liest er ihm vor und unterhält sich mit ihm – über die Ideale des Zionismus, über jüdisch-arabische Konflikte, kurz: über Gott und die Welt.
Und dort trifft er auf die geheimnisvolle Atalja Abrabanel, deren verstorbener Vater einer der Anführer der zionistischen Bewegung war. Sogleich ist Schmuel gefesselt von der Schönheit und Unnahbarkeit dieser Frau. Nach und nach gelingt es ihm, ihr Geheimnis zu enthüllen – und damit die menschliche Tragödie vor und nach der Gründung Israels im Jahr 1948.

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Schmuel steht vor den Scherben seines Lebens … seine Freundin hat ihn von heute auf morgen verlassen um einen anderen zu heiraten, seine Eltern sind pleite und können ihm sein Studium nicht weiter finanzieren und mit seiner Abschlussarbeit kommt er auch nicht weiter. Er steht kurz davor Jerusalem zu verlassen. Da liest er eine Anzeige, in der ein „Unterhalter“ gegen ein geringes Entgelt bei freier Kost und Logis gesucht wird. Er macht sich auf den Weg dorthin und triff auf einen eigenwilligen Kauz und einer Frau, von der man nicht so recht weiß wie sie dazu gehört. Schmuel nimmt die Stelle an. Die beiden Männer diskutieren Nacht für Nacht über Gott und die Welt, und mit jeder Nacht mehr verliebt Schmuel sich auch in die schöne Atalja.

„>Um über Jesus den Nazarener zu diskutieren<, sagte Wald bekümmert, >muss sich der Mensch erheben und sich nicht in der Kloake suhlen. Man darf über Jesus streiten, muss es sogar, zum Beispiel über die universale Liebe: Ist es tatsächlich möglich, dass wir alle, ohne Ausnahme, die ganze Zeit unseren Nächsten lieben, auch ohne Ausnahme? Hat Jesus selbst immer alle geliebt? (…)<“ (Seite 76)

Dies ist unter anderem eine der provokanten Thesen, die Amos Oz in seinem Buch aufstellt. Und ehrlich gesagt, auch ich als Christin habe mich das auch schon einmal gefragt. Diskutiert man diese These mit Theologen, Freunden oder dem Nachbar neben an, so wird man viele Antworten und Sichtweisen bekommen … und das ist gut so. Denn Glaube heißt nicht, dass man nicht hinterfragen darf. Amos Oz stellt in diesem Buch einige sehr gewagte und provokante Thesen rund um den Glauben und dessen Entstehung bis hin zum Verrat an Jesus den Nazarener auf. Es sind Thesen, die mich als Christin an manchen Stellen zum schmunzeln gebracht haben, an anderen Stellen zum grübeln.

Neben dem Verrat an Jesus, stellt Amos Oz sich aber auch der geschichtlichen Entstehung und Teilung Jerusalems. Einer Geschichte in der es Parallelen zum Verrat an Jesus gibt.

„(…): Schließlich konnte nicht irgendein beliebiger Mensch morgens in aller Ruhe aufstehen, sich die Zähne putzen, eine Tasse Kaffee trinken und Gott umbringen! Um einen Gott umzubringen, muss der Mörder noch stärker sein als der Gott, und er muss auch unendlich bösartig sein. Jesus von Nazareth, eine göttliche Gestalt voller Wärme und Liebe, wer ihn absichtlich ermordet, war stärker als er und zugleich listig und abscheulich. (…) Wir alle sind Judas Ischariot. Auch nach achtzig Generationen sind wir Judas Ischariot.“ (Seite 48)

Für mich ist dieses Buch eine einzige Offenbarung. Es ist in meinen Augen mit viel Hingabe und Liebe geschrieben worden. Was mich auch irgendwie ein wenig verwundert, da Amos Oz von sich selber behauptet er sei Agnostiker. Ich habe ein Interview mit ihm gelesen, dass mir noch einmal eine andere Sicht auf sein Buch gegeben hat. Aber vielleicht ist es genau das … man muss ein „Zweifler“ sein, um ein solches Buch schreiben zu können.

Was ich persönlich auch sehr interessant finde, ist der Erscheinungstermin (08. März 2015). Er fällt mitten in die Passionszeit. Also der Zeit, in der Jesus Leidensweg beginnt und endet.

„Und Judas, dessen Lebensziel bei diesem Anblick zerbrach, Judas, der verstand, dass er mit eigenen Händen den Tod des Mannes herbeigeführt hatte, den er so sehr liebte und ehrte, verließ den Ort und erhängte sich.“ (Seite 170)

Ich finde dieses Buch sollte jeder lesen, der einen Mehrwert erfahren möchte. Für all die, die nicht beim ersten lesen dieser Rezension denken … och ne ein Buch über Gott und Glaube … denn dieses Buch ist weitaus mehr als das. Es ist eine Geschichte über Israel und die Menschen. Ein Buch über Hoffnung und Verzweiflung.

5 von 5 Sternen