„Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff

hanserblau, Fester Einband, 288 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783446269453, Hier kaufen

Klappentext

Inga und Sophie sind beste Freundinnen. Obwohl sie nicht unterschiedlicher aufgewachsen sein könnten: Sophie in einer schneeweißen Villa in Hamburg-Othmarschen und Inga als Tochter eines Fährmanns in Harlingerwedel. Sie wohnten während des Studiums zusammen, saßen auf den Anti-Atomkraft-Demonstrationen bei Gorleben nebeneinander und träumten von einer gerechten Zukunft.

Jetzt wohnen sie in bürgerlicher Idylle im Wendland. Doch während Inga und ihr Mann Bodo ihre vermeintlich perfekten Kinder zum Fußball und zur Chorprobe fahren, kämpft Sophie um ihre Ehe mit Thies. Seit ihr Sohn Aaron in der Elbe ertrank, vergiftet Misstrauen die Beziehung der beiden. Und als eine Fremde in den Ort kommt und die Wunden wieder aufreißt, müssen Sophie und Inga sich fragen, was aus ihrem Leben, ihrer Freundschaft und aus ihren Träumen geworden ist.

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Inga und Sophie sind beste Freundinnen. Kennen sich seit der Schulzeit, ziehen im Studium in eine Wohnung und auch, als die beiden schon verheiratet sind, verbindet die beiden Frauen viel. Sie leben nebeneinander auf einem Hof im Wendland. Doch die Freundschaft hat einen Riss bekommen. Denn Sophies und Thies Sohn ist vor 13 Monaten  auf tragische Weise ums Leben gekommen. Nun sieht Sophie tagein, tagaus die Familienidylle von Inga.

Inga und Bodo möchten die Freunde in ihrer Trauer auffangen, doch die beiden lassen keinen an sich ran, und so wird es für alle Beteiligten immer schwieriger weiterhin zusammen zu leben. Eines Tages tauch eine Unbekannte auf dem Hof auf und wirbelt alles durcheinander. Thies fühlt sich von der Unbekannten angezogen, flirtet mit ihr und fühlt sich seit Aarons Tod auf einmal wieder lebendig. Aber auch Inga und Sophie fühlen sich auf eine besondere Art und Weise von Mara, der Unbekannten, angezogen. Doch welches Geheimnis führt Mara ins Wendland?

„Sie dachte daran, wie alles begonnen hatte, in den Tagen, als Bodo und Inga ihnen ein Teil des Grundstücks abkauften und ihr Haus darauf bauten. Die besten Nachbarn der Welt: ihre Freunde. So viele Hoffnungen und Träume hatten sie geteilt. Für Inga hatten sie sich alle erfüllt, für Sophia nicht.“ (Seite 13)

Die Geschichte um die Familien wird in einzelnen Kapiteln immer aus der Sicht einer Person erzählt. Mal kommt Inga zu Wort, mal Sophie, Mara oder eines der anderen Familienmitglieder. Und dabei kommt so nach und nach ein Geheimnis, ach dem anderen an die Oberfläche, und die scheinbare Idylle ist gar nicht mehr so idyllisch.

Mich hat dieses Buch sehr bewegt. Jede Person in der Geschichte hat so sein Päckchen zu trage, hat seine Geheimnisse, die er für sich behält. Im Laufe der Geschichte sieht man aber, was diese „Geheimniskrämerei“  für Folgen haben kann. Vieles wäre vielleicht anders gelaufen, hätte einer der Protagonisten mal etwas gesagt bzw. gehandelt. Am meisten hat mich später Aaron  nicht mehr losgelassen. Was ich über ihn erfahren habe, hat mich sprachlos zurück gelassen. An dieser Stelle hätte ich gern mehr über ihn erfahren, um sein Handeln verstehen zu können.

„Sie hatte viel zu lange einfach nur still gehalten, hatte gedacht, dass Schuld und Scham sich irgendwann auflösen mussten, aber das war nicht geschehen. Sie hatte sich geschämt für ihre Gefühllosigkeit gegenüber Aaron. Erst jetzt fühlte sie etwas, wenn sie an ihn dachte. Diese brennende Wut.“ (Seite 132/ 133)

Den Roman von Kristina Hauff habe ich sehr gerne gelesen. Es ist ein Buch über Familie, Trauer, Lügen und Geheimnisse, das einen nachhaltig beschäftigt. Die Geschichte berührt, da man deutlich die Trauer und die Verzweiflung bei Thies und Sophie über den Verlust ihres Sohnes spürt.

 

 

„Pinguine bringen Glück“ von Lorraine Fouchet

Atlantik Verlag, Flexibler Einband, 256 Seiten, Preis: 16,00 Euro, ISBN: 9783455009866, Hier kaufen

Klappentext

Ein Pariser Wohnhaus, in dem alle Bewohner einer weitverzweigten bretonischen Familie angehören: Hier lebt Dom mit seinem Vater, die Mutter hat sie vor Jahren verlassen. Als sein Vater an einem Herzinfarkt stirbt, wird Dom nicht nur von Trauer überwältigt, sondern auch mit zahlreichen Rätseln konfrontiert. Wer war die blonde Frau, in deren Armen sein Vater laut Aussage des Notarztes gestorben ist? Und warum ist in einem Kondolenzbrief aus Argentinien von der Tochter seiner Eltern die Rede, wo Dom doch Einzelkind ist? Dom muss herausfinden, welche Geheimnisse seine Eltern vor ihm verborgen haben. Zum Glück ist da seine Tante, die ihn bis nach Patagonien begleitet. Dort wird Dom eine unerwartete Begegnung machen – und sich selbst besser kennenlernen als je zuvor.

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Der 15jährige Dom spielt heimlich seine heißgeliebten Computerspiele. Plötzlich  hört er Stimmen im Flur und wundert sich, wer sein Vater zu so später Stunde besucht. Als er nachschauen geht, sieht er Sanitäter und den Notarzt. Sie alle stehen im Flur bzw. im Schlafzimmer seines Vaters. Als er zu seinem Vater gehen möchte, halten ihn die Sanitäter auf und teilen ihm mit, dass sein Vater soeben an einem Herzinfarkt verstorben ist. Dom kann das gar nicht glauben. Fassungslos muss er mit anhören wie die Sanitäter seinem Onkel erzählen, dass eine blonde Frau den Notarzt gerufen hat und diesem auch die Tür geöffnet hat. Blonde Frau? Welche blonde Frau? Doms Vater hatte keine Freundin.

Im Haus lebt Doms gesamte Familie. Onkel und Tanten, Cousins. Schnell ist klar, dass der Onkel die Vormundschaft für Dom übernimmt und sich um alles kümmert. Als Dom dann aber nach dem ominösen Kondolenzbrief nach Patagonien reisen will, um herauszufinden wer seine Schwester sein soll, weigert sich sein Onkel mitzufliegen. Seine Tante, die Schwägerin von Doms Vater, erklärt sich bereit, mit Dom nach Patagonien zu fliegen. Dort angekommen hofft Dom Antworten zu finden. War/ ist seine Mutter hier? Hat er wirklich eine Schwester? Was ist die Wahrheit und wer die unbekannte Blonde?

Ich habe schon einige Bücher von Fouchet gelesen und sie haben mich immer sehr gut unterhalten. Vor allem weil sie immer irgendwie ein  bestimmtes Thema haben. In diesem Buch geht es darum, wie ein Jugendlicher mit seiner Trauer  und Wut umgeht. Trauer um den Vater und zugleich die Wut darüber, dass der Vater in im Stich gelassen hat. Und dann all die Geheimnisse, die der Vater mit ins Grab genommen hat. Geheimnisse, die Doms Leben grundlegen verändern werden.

Fouchet schafft es auf eine ganz besondere Art und Weise den Jugendlichen darzustellen, der seinen Vater verloren hat. Wut, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnung, Wandlung … als das durchlebt die Figur Dom sehr glaubhaft.

Allerdings habe ich auch zwei Kritikpunkte an den Verlag: Zu einem finde ich den Titel total daneben, da hätte man sicherlich etwas besseres finden können. Und dann das Cover … Leute, wie soll man so ein Buch verkaufen? Das ist echt gruselig!

Nun denn, bitte liebe Leser*innen lasst Euch vom Cover und vom Titel nicht beeinflussen, denn in dem Buch steckt eine sehr schöne Geschichte!

„Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina

Suhrkamp Verlag
Fester Einband
396 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.02.2020
ISBN: 9783518429075
Preis: 24,00 Euro

Klappentext

Nach dem Selbstmordversuch der Mutter geht alles ganz schnell. Edie und Mae müssen nach New York, zu Dennis Lomack: Er ist ihr unbekannter Vater und die Schriftstellerikone einer ganzen Generation. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.

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„Er fing mit seiner Beziehung zu Marianne an. In der Geschichte gibt es eine lange Tradition von Männern, die jüngere Frauen heiraten: schön und gut. Außerdem war es die Zeit der freien Liebe. Aber wäre Jackson McLean noch am Leben gewesen, wären Marianne und Dennis nie zusammengekommen! Marianne war ein Kind. Dennis protzte, er würde sich um sie kümmern, aber in Wirklichkeit plünderte er sie für sein eigenes Werk aus.“ (Seite 172)

Marianne hat versucht sich umzubringen. Nicht das erste Mal. Nun wird sie in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Ihre beiden Töchter Edie (16 Jahre) und Mae (14 Jahre) müssen zu ihrem Vater Dennis nach New York. Er hat die Familie vor 12 Jahren verlassen und den Kontakt vollkommen abgebrochen.

Dennis Lomack war ein erfolgreicher Schriftsteller und Marianne seine Muse. Solang sie an seiner Seite war, schrieb er Romane. Dennis lernte Marianne kennen als sie 9 Jahre alt war. Nach dem Tod von Mariannes Vater heiraten die beiden. Zu diesem Zeitpunkt ist Marianne 16 Jahre alt.

„In jenem Frühling war Dad das Einzige, was für mich zählte. Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren – und das waren sie oft – , dann wurde ich eben Marianne.

(…)

Ich hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dads Muse zu sein. Und ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzumachen, dass seine Gefühle für Mom mir galten, weil ich ihre Zweitbesetzung war.“ (Seite 221/222)

Mae sieht ihrer Mutter zu verwechseln ähnlich und Mae fühlt sich von ihrer Mutter eingeengt. Marianne schleppt ihre Tochter überall mit hin, was Mae Kindheit und Jugend sehr belastet. Deshalb genießt sie das neue Leben bei ihrem Vater, weit weg von ihrer einnehmenden Mutter.

Dennis sieht in seiner Tochter Mae die junge Marianne und findet in ihr die Muse aus früheren Zeiten. Und plötzlich fließen wieder die Worte aufs Papier …

„An diesem Nachmittag spürte ich zum ersten Mal … ich weiß nicht, wie ich es genau beschreiben soll. Als mein Kopf in Dads Schoß lag, ballte sich das ganze Glück, das mir gefehlt hatte, in diesem einen Augenblick zusammen. Ich sah zu ihm hoch und war nicht mehr ich selbst. Ich war Mom, aber nicht, wie ich sie kannte. Sie stülpte mir nicht ihre Dunkelheit wie eine Tüte über den Kopf. Nein, es war anders. Ich wurde die Mom, die sie vor vielen Jahren war. Auch Dad spürte es, das merkte ich. Vielleicht hätte der Moment länger gedauert, wenn Edie nicht ständig geredet und Druck gemacht hätte. Sie wollte mich wieder zu der anderen Mutter zurückbringen. Der in der Nervenklinik, die mich gefesselt und geviertelt als Opfer brauchte.“ (Seite 116)

Edie fühlt sich schuldig. Sie denkt, dass sie die Einweisung der Mutter in die Klinik hätte verhindern können. Edie möchte nicht bei ihrem Vater sein und versucht die Schwester zu überreden mit ihr gemeinsam die Mutter aus der Klinik zu holen. Doch Mae fühlt sich wohl beim Vater. Also macht sich Edie allein auf den Weg nach Hause. Doch Marianne will ihre Tochter nicht sehen, fragt mach Mae. Edies Eifersucht flammt wieder auf. Immer will Marianne nur Mae um sich haben und stößt Edie von sich.

„Was Mariannes Tochter allerdings nicht mitbekam und wahrscheinlich nie erfahren wird, was, dass Marianne nach ihrem Besuch immerzu weinte, leise, damit die Schwester es nicht mitkriegte. In diesem Moment begriff ich Mariannes Verhalten – sie folget einem Urinstinkt und wollte ihre Tochter von sich fernhalten und so für ihre Sicherheit sorgen, auch wenn sie dem Mädchen damit das Herz brach.“ (Seite 241)

WOW … was für ein DEBÜT!!! Ich bin immer noch hin und weg. Von der ersten bis zur letzten Seite hat mich dieses Buch so sehr gefesselt, dass ich es an einem Tag gelesen habe. Die Geschichte hat einen unglaublichen Sog und das obwohl sich Abgründe auftun. Doch von Anfang an …

In kurzen Kapitel lässt die Autorin verschieden Menschen zu Wort kommen. Das sind neben Edie und Mae, Marianne und Dennis, auch Weggefährten der vier. Edie und Mae sind jedoch die Erzähler, die den größten Raum einnehmen. Apekina bedient sich verschiedener stilistischer Mittel, unter anderem Tagebucheinträge, medizinische Berichte etc., welche die Geschichte noch komplexe machen.

Mich hat die Geschichte sehr berührt, aber auch fassungslos gemacht. Da sind zwei Kinder, die um die Liebe der Eltern buhlen. Edie, um die ihrer Mutter und Mae um die ihres Vaters. Und beide werden nur für die eigenen Zwecke der Eltern benutzt. Das hat mich echt fassungslos und wütend gemacht. Was mich dann aber wirklich erschüttert hat, ist wie weit Kinder gehen würden, um die Liebe der Eltern zu bekommen.

Dies ist keine leichte Geschichte und an vielen Stellen tun sich Abgründe auf. Jeder einzelne Protagonist versucht gegen seine inneren Dämonen anzukämpfen. Gegen Wut, Trauer, seelische Verletzungen und Selbstzweifeln … und keinem gelingt es wirklich aus dieser selbstzerstörerischen Spirale auszubrechen.

„Heute kann ich leicht sagen, das ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das noch nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht , und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte es mir nicht leisten, großzügig zu sein.“ (Seite 343)

Ein grandioses Debüt, das noch lange nachwirkt! Unbedingt lesen!!!

 

 

 

 

Lieber woanders von Marion Brasch

S. Fischer
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum
27.02.2019
ISBN: 9783103974133
Preis: 20,00 Euro

Rückentext
Toni und Alex kennen sich nicht und sind doch auf verhängnisvolle Weise miteinander verbunden. Toni leidet unter dem Verlust ihres kleinen Bruders, für dessen Tod sie sich verantwortlich macht. Alex führt ein Doppelleben und trägt an einer Schuld, über die er nie gesprochen hat. 24 Stunden bewegen sich die beiden aufeinander zu, bis sich ihre Wege trotz skurriler Begegnungen und Zwischenfälle schließlich kreuzen.

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„Zufall? Schicksal? Oder einfach Mathematik, eine praktische Illustration der Wahrscheinlichkeitstheorie.“ (Paul Auster)

Dieses dünne Buch erzählt eine Geschichte innerhalb von 24 Stunden. Es sind die Geschichten von Toni und Alex.

Toni leidet unter dem Verlust des Bruders. Gibt sich die Schuld und findet keinen Halt im Leben. Sie ist eine Suchende …

Alex ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er hat eine Affäre mit einer anderen Frau. Auch er findet keinen Halt im Leben. Jedoch ist er anders als Toni ein Getriebener …

„Aber so ist das eben – in jedem steckt auch ein anderer. In jedem Tapferen ein Feigling, in jedem Zärtlichen ein Grobian, in jedem Ehrlichen ein Lügner, in jedem Guten ein Schlechter. Unser Paralleluniversum sind wir uns selbst, ob wir wollen oder nicht. Und überhaupt, die Sache mit dem Willen. Die Hirnforscher sagen, das Unterbewusstsein kenne unsere Entscheidung, bevor wir sie treffen.“ (Seite 124)

Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter auf den Inhalt ein. Ich begleite Toni und Alex einen Tag in ihrem Leben. Ein Tag, an dem sie auch Rückblicke in ihr bisheriges Leben geben. Und dabei erfahre ich nach und nach, wie bei einem Puzzle, warum die Beiden keinen Halt im Leben finden. Es geht um Schuldfragen und um Entscheidungen die beide jeweils für ihr Leben getroffen haben und der Frage was wäre wenn sie sich anders entschieden hätten. Und irgendwann wird klar, warum sich ihre Wege in diesem Buch kreuzen werden/ müssen. Aber auch hier lässt die Autorin Spielraum und es stellt sich die Frage was würde sich dadurch für beide ändern … würde es etwas ändern?

„Alles in der Welt endet durch Zufall und Ermüdung.“ (Seite 154)

Mir hat dieses kleine feine Buch außerordentlich gut gefallen. Dieses Geschichte, die an einem Tag spielt und das aufeinander zubewegen der Protagonisten hatte einen gewissen Sog auf mich. Ich wollte wissen, welches Ereignis sie miteinander verbindet. Es stellt sich die Frage ist es Zufall oder Schicksal und in wieweit haben wir darauf Einfluss?

Kurz & Knapp … März 2019

Ich bleibe hier von Cathrine Ryan Hyde

Grace ist neun Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einem sozialen Brennpunkt. Die Mutter ist Drogenabhängig und so sitzt Grace oft vor der Haustür, weil ihre Mutter „schläft“. Eines Tages lernt sie Billy kennen, ein Nachbar, der schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat, weil er an einer Zwangsstörung leidet. Durch ihre offene Art, hat Grace schnell Kontakt zu weiteren Hausbewohnern. Als sich das Jugendamt einschaltet und Grace in Obhut nehmen will, bis die Mutter clean ist, schließt sich die Gruppe zusammen, um Grace vor dem Heim zu bewahren. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und jeder Bewohner kommt an seine persönlichen Grenze …

Wir haben dieses Buch innerhalb des Lesekreis gelesen. In der Besprechung hinterher haben wir für uns beschlossen, dass man diese Geschichte als modernes Märchen sehen muss, da viele unschöne Dinge und Abläufe einfach zu sehr geschönt wurden. Allein die Tatsache, dass eine Gruppe von Menschen, die alle ihre eigenen sozialen wie auch krankhaften Probleme haben, es schaffen Grace vor dem Heim zu bewahren. Die Story hat ziemlich viele gute Ansätze und Themen, aber in der Umsetzung fehlt es an Substanz.

Fazit: Gut geschrieben, aber inhaltlich hätte man mehr machen können.

(Ullstein, ISBN: 9783548288932, Preis: 9,99 Euro)

 

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Die einzige Geschichte von Julian Barnes

Ein junger Mann, der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe zu einer älteren Frau. Aufgeteilt in der Kapitel erzählt das erste die Zeit des Kennenlernen, das zweite die Zeit in der das Paar zusammen in eine andere Stadt zieht und im dritten Kapitel wirft der Ich-Erzähler im reifen Alter ein Rückblick auf sein Leben.

Ehrlich gesagt, kann ich überhaupt nicht verstehen, warum dieses Buch so gehypt wird. Mich hat die Geschichte dermaßen angeödet, dass ich immer wieder kurz davor stand sie abzubrechen. Hey, da erzählt einer die Geschichte seiner ersten großen Liebe, aber leider so emotionslos wie ein Stück Brot. Ich hätte mir so manches Mal mehr Leidenschaft bei der Erzählung gewünscht. Ich hab mir so sehr eine wahnsinnig tolle Liebesgeschichte gewünscht. Nö, gibt es nicht. Leider. Seufz.

Fazit: Von mir gibt es an dieser Stelle keine Empfehlung. Es sei denn, ihr möchtet euch zu Tode langweilen. Ja dann solltet ihr dieses Buch unbedingt lesen.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051544, Preis: 22,00 Euro)

 

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Lubotschka von Luba Goldberg-Kuznetsova

Eine junge Frau lebt in Russland zur Jahrtausendwende. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und träumt von einem glamourösen Leben. Doch sie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Doch auf ihrem Abschlussball möchte sie glänzen … strahlen … denn danach wird sie mit der Mutter nach Deutschland gehen.

Die Geschichte um die Wünsche und Sehnsüchte dieser jungen Frau ziehen sich wie Kaugummi durchs Buch. Mich hat es irgendwann nur noch angenervt. Es geht um die richtige Klamotte für den Abschlussball, um Jungs und was man sich alles kaufen könnte. Materielle Dinge stehen sehr im Fokus der jungen Dame. Ihre Weltanschauung spiegelt das Russland der Nullerjahre.

Fazit: Auch hier leider keine Leseempfehlung von mir. Leider.

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037635, Preis: 22,00 Euro)

 

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hell/ dunkel von Julia Rothenburg

Zwei Geschwister so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel, erfahren, dass die Mutter sterben wird. Bald. Die beiden Kinder müssen sich nun um alles kümmern.

Eine tolle Geschichte, die mich beim Lesen fesselt. Da sind Valerie und Robert, zwei Geschwister, die eine gemeinsame Mutter haben aber verschiedene Väter. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht innig, genauso wenig wie das zur Mutter. Valerie lebt bei der Mutter, Robert in einer anderen Stadt. Nun ist die Mutter krank, und die Kinder müssen Abschied nehmen, stehen kurz davor einen Verlust zu erleiden. All dies erzählt die Autorin sehr gefühlvoll bis zu einem bestimmten Punkt und an dem war ich dann raus. Die beiden sind in ihrer Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit immer näher gerückt, was dann soweit ging, dass sie Sex miteinander hatten. Und das nicht nur 1x. Nennt mich spießig oder sonst was, aber da bin ich raus. Blutverwandt und Sex geht gar nicht. Vor allem fehlt mir an dieser Stelle eine Triggerwarnung. Während der Erzählung deutete nichts darauf hin, dass dies passieren würde.  Um so überraschter war ich. Im zweiten Teil steht diese Beziehung dann auch etwas mehr im Fokus der Geschichte.

Fazit: Es hätte eine tolle Geschichte werden können, eine Geschichte über den Umgang mit Trauer, Verlust und den daraus entstehenden Ängsten. Aber die sexuelle Komponente zwischen den Geschwistern haben dem Buch einen unangenehmen Beigeschmack gegeben. Schade.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002596, Preis: 20,00 Euro)

 

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Auf dem Wasser treiben von Theresa Prammer

List Verlag
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.02.2019
ISBN: 9783471351680
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
Stefan kommt mit seiner Forschung nicht weiter. Zwar konnte er beweisen, dass die Wassermoleküle im menschlichen Körper nach inniger Verbindung streben. Doch wenn seine Theorie gültig ist, wieso stimmt sie dann bei ihm nicht? Natürlich hat er Beziehungen, doch sie bleiben oberflächlich.
Keine seiner Freundinnen hielt es lange mit ihm aus, seine Geschwister sind ihm fremd, sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen. Mit nichts und niemandem hat Stefan eine richtige Verbindung. Er selbst ist also das beste Beispiel, dass seine Wassertheorie falsch ist. Bis nach einer Familienfeier seine Mutter verschwindet und unauffindbar bleibt. Die Suche nach ihr zwingt Stefan und seine Geschwister zu einer Bestandsaufnahme, durch die sich alles ändert.

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„Wasser ist ein mysteriöses Material. Es ist ein einfaches Molekül. Aber es verhält sich auf sehr überraschende Weise.“ (Dr. Adam Wexler, 2018)

„Jeder Mensch besteht zu drei Viertel aus Wasser. Im Prinzip ist also jeder von uns nichts anderes als eine lebende Wassermelone.“ (Seite 14)

Stefan wäre im Alter von 8 Jahren fast ertrunken. Dieses Erlebnis hat den Jungen so geprägt, dass er sich in seinem Beruf mit Wasser beschäftig. Ihn fasziniert dieses Molekül.

Stefan ist auch 8 Jahre alt, als sein Vater von einem auf den anderen Tag spurlos verschwindet. Zuerst hofft die Familie, Stefan hat noch einen älteren Bruder Fred und eine ältere Schwester Emma, dass der Vater zurück kommt. Doch irgendwann ist sämtliche Hoffnung dahin. Die Familie muss ohne den Vater auskommen, er bleibt verschollen.

Stefans Mutter Hannah wird 55 und es ist eine Überraschungsparty geplant. Als Stefan sie abholt um zur Party zu bringen, merkt er, dass seine Mutter irgendwie anders ist wie sonst. Am selben Abend verschwindet auch sie zunächst spurlos. Die Kinder machen sich auf die Suche nach Hannah und die Spur führt in die Vergangenheit, zum Verschwinden des Vaters …

„Wir wachsen alle aus unserer Kindheit heraus. Aber unsere Kindheit nie aus uns. Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, Erwachsene sind nichts anderes als in die Länge gezogenen Kinder.“ (Seite 194)

Am Anfang nimmt mich die Autorin mit in die Vergangenheit, zu dem Tag an dem Stefan fast ertrinkt und dem Tag, an dem der Vater verschwindet. Beides ist sehr geheimnisvoll und am Ende erst werde ich erfahren, was es damit auf sich hat. Im mittleren Teil erfahre ich etwas über Stefans Familie. Der Verlust des Vaters hat die Kinder geprägt. Stefan hat sich dem Studiums des Wassers verschrieben. Er findet heraus, das Wassermoleküle immer eine Verbindung suchen. So wie er. Doch sowohl die Verbindungen des Wassers, wie auch seine eigenen halten nie lange. Und so forscht er weiter, bis er eine Lösung findet. Auch seiner Schwester Emma fällt es schwer Bindungen einzugehen. Sie leidet unter großer Verlustangst und sobald jemand mehr von ihr möchte flieht sie. Und der große Bruder Fred… er übernimmt irgendwie nach den Verschwinden des Vaters die Vaterolle für die beiden Geschwister und eckt mit seinem Verhalten bei den Beiden immer wieder an. Sie sind genervt von seiner bevormunderei.

Und dann ist da ja auch noch Hannah, die Mutter der drei. Sie begleite ich auf der Suche nach John, ihrem verschollenen Mann. Denn John lebt noch, auch wenn sie den Kindern erzählt hat, dass er tot ist. Nach all den Jahren der Trauer und des Verlust, will sie jetzt reinen Tisch machen …

„Wasser ist zwar lose, aber doch verbunden. Wassermolekül mit Wassermolekül. Ohne diese Verbindung könnten gar keine Protonen durch elektrische Spannung entstehen. Und ohne Protonen gäbe es keine magnetische Kraft. Es ist überall, im Meer, in den Wolken, im Boden, in jedem Körper. Es ist – ach, ich weiß auch nicht.(…) Als würde Wasser die Einsamkeit überwinden.“ (Seite 243)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Theresa Prammer erzählt die Tragödie dieser Familie mit viel Gefühl und Spannung, ohne dabei ins kitschige abzurutschen. Hinzu kommen noch diese Informationen über das Wasser und seine Moleküle, die sie sehr geschickt in die Geschichte einbettet und welche mich sehr fasziniert haben.

Für mich eine sehr berührende Familiengeschichte mit den Themen Trauer, Verlust, Einsamkeit und Lügen … und der Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Unbedingt lesen!!!

Der Duft des Waldes von Hélène Gestern

S. Fischer
Fester Einband
704 Seiten
Erscheinungsdatum:
25,07.2018
ISBN: 9783103973433
Preis: 26,00 Euro

Klappentext
Elisabeths Leben ändert sich schlagartig, als ihr die 89-jährige Alix ihr die Briefe ihres Bruders Alban anvertraut, geschrieben von der Front des ersten Weltkriegs an seinen Freund Anatole. Als Elisabeth außerdem Alix‘ verwunschenes Landhaus südlich von Paris erbt, weiß die junge Historikerin, dass eine große Aufgabe auf sie wartet, eine, die ihrem Leben wieder Sinn verleiht. Die Briefe geben Rätsel auf, und Elisabeth stürzt sich in die Recherche: Welches Geheimnis verband die Freunde, warum ging Alban zurück an die Front, wo ihm der Tod sicher war, und wer war die eigenwillige 17-jährige Diane?
Auf der Suche nach Antworten, reist Elisabeth nach Lissabon, Bern und Brüssel und sucht all die Menschen auf, die mit ihren Erinnerungen Elisabeth helfen, Lebensgeschichten eines Jahrhunderts zu einem Ganzen zusammenzufügen.

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„Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert, ein solcher Schatz war mir im Lauf meines Berufslebens nur zwei- oder dreimal untergekommen.“ (Seite 11)

Elisabeth ist Historikerin und immer wieder auf der Such nach neuem Material. Als einen Tages die 89-jährige Alix de Chandelar an sie herantritt, um ihr Briefe, Fotos und Postkarten ihres im Ersten Weltkrieg verstorbenen Onkels Alban de Willecot anzubieten. Bei der Durchsicht des Materials stellt sich heraus, das Alban Briefkontakt zu dem berühmten Dichter Anatole Massis hatte. Elisabeth ahnt, welchen unvorstellbaren Schatz sie in den Händen hält.

Kurz nach der Übergabe der Briefe stirbt Alix und hinterlässt Elisabeth ihr Haus in Südfrankreich. Und hier kommt die Historikerin endlich das erste Mal nach zwei Jahren zur Ruhe. Denn vor zwei Jahren starb ihre große Liebe. Sein Tod hat sie in eine depressive Phase gestürzt und das Leben schien ihr ohne ihn sinnlos.

„Je länger ich die Zeilen dieses jungen Mannes entzifferte, der mit neunundzwanzig Jahren seinem Tod entgegenging und dessen elegante Schrift den entsetzlichen Bedingungen zu trotzen schien, in denen er sich beim Schreiben befand, desto mehr Zuneigung empfand ich für ihn, der sich weiterhin an Gedichtversen festhielt, weiterhin seine Kameraden fotografierte, während die Welt Tag und Nacht Feuer und Stahl über ihn ergoss. Mich bewegte vor allem, wie unermüdlich er nach dem Wohlergehen seiner Lieben fragte und wie beharrlich er sich nach einer gewissen Diane erkundigte (seine Verlobte?). Vielleicht, weil ich, genau wie Alban de Willecot, wenn auch in einem ganz anderen Kontext, dieses quälende Schweigen erlebt hatte, das alles Mögliche bedeuten konnte, Vergessen, Verschwinden oder Tod.“ (Seite 56/ 57)

Doch durch die Briefe von Alban und dem damit verbundenen Geheimnis um den Dichter Massis, macht sich Elisabeth an die Recherche. Parallel dazu bekommt sie eine Anfrage aus Lissabon. Sie soll einer Frau dabei helfen ihre jüdischen Vorfahren zu finden. Elisabeth lernt den Bruder ihrer Klientin kennen und verliebt sich in ihn. Doch ihrer beider etwas komplizierte Vergangenheit macht es ihnen schwer sich aufeinander einzulassen.

Zeitgleich fallen ihr in Lissabon verschlüsselte Tagebucheinträge einer Diane in die Hände, die scheinbar auch Kontakt zu Alban und Anatole hatte.

Je weiter Elisabeth in die Geschichte von Alban und Anatole eintaucht desto verschlungener wird sie. Ähnlich wie ihre Beziehung zu Samuel. Immer wieder muss sie neu ansetzen, neue Wege und Spuren verfolgen, umdenken und neuzusammensetzen. Wird sie hinter das Geheimnis kommen? Und wird sie sich ganz auf Samuel einlassen können?

„Der Soldat führt die Zeile zu Ende, hebt kurz den Kopf, als er in der Ferne einen Schrei hört, schreibt weiter. Es ist kalt, daran denkt er aber nicht mehr, er denk auch nicht mehr an die Boches, an das Geschützgewitter, an die Ratte, die in seiner Nähe hastig einen verschimmelten Brotkanten frisst. Im Schutz seiner Nische sucht der Leutnant nach den richtigen Worten, um das Herz einer Siebzehnjährigen zu ergreifen, sie zu unterhalten, sie an sich zu binden, wenigstens ein bisschen, nur, um weiterhin auf ihre Briefe hoffen zu dürfen, nur um des Vergnügens willen, sich ihr Lächeln oder ihr Stirnrunzeln auszumalen angesichts der besonders kniffligen Mathematikaufgabe, die er ihr gestellt hat.
In diesem Augenblick besteht Alban de Willecot, der tief in der Erde, tief im Krieg steckt, nur noch aus dieser einen Handlung, bescheiden, aber zwingend: schreiben. Eine Handlung des Überlebens, so methodisch, so wild entschlossen ausgeführt, dass sie den Tod aufhebt, der ihn einkreist, den Tod umkehrt wie ein Negativ die Bereiche von Licht und Schatten, eine Handlung, die dieses eiskalte, dreckige, unbequeme Loch in das Königreich eines Liebenden verwandelt.“ (Seite 200)

Was für ein Buch, was für eine Geschichte!!!

Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum Bücher mit mehr als 450 max. 500 Seiten lese. Frei nach dem Motto, was ein Autor nicht auf 500 Seiten schafft zu erzählen, schafft er auf 700 erst Recht nicht. Aaaaaaber … es gibt Ausnahmen. Und dieses Buch ist definitiv eine. Von der ersten bis zur letzten Seite bin ich durch dieses Buch geflogen und ja, es braucht dieses „Masse“ an Seiten, weil es einfach unmöglich ist diese Geschichte auf weniger Seiten zu erzählen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die abwechselnde Erzählweise. Da ist einmal Elisabeths Leben und Vergangenheit, die hier Raum findet. Parallel dazu wird die Geschichte von Alban, Anatole, Diane und vielen anderen Menschen aus dem Ersten Weltkrieg erzählt. Im Buch kursiv dargestellt. Mich haben die Briefe und Postkarten sehr berührt. Sie erzählen das Leben der Soldaten an der Front während des Ersten Weltkriegs. Von den Hoffnungen, der Wut, der Sehnsucht und der Trauer.

Spannend war auch die Suche nach den Verbindungen zwischen den einzelnen Protagonisten. Die Autorin schafft es, ihre Protagonisten sehr real zu zeichnen. Zeitweise habe ich wirklich gedacht, Alban de Willecot und Anatole Massis haben wirklich gelebt. Doch ein Blick ins Web und ich musste feststellen, dass es doch nur fiktive Personen waren. Ich war so gefesselt von der Geschichte, das ich sogar mit gerätselt habe wer wen wie kennt und mit wem wer wie verbandelt/ verwandt ist oder nicht. Das macht dieses Buch unendlich spannend … bis zur letzten Seite.

„Auch wenn noch viele Einzelheiten fehlten, zeichneten sich bereits die einzelnen Stränge ihrer Geschichte ab, eines komplexen Gebildes, in dem sich alles Mögliche verwob, Liebe, Krieg, Erwachsenwerden, Zuversicht und Enttäuschung. Im Laufe der Zeit wuchs mein Gefühl von Vertrautheit mit den beiden. Sie führten mich mit ihrer Perspektive in diese bewegte Epoche ein und erschienen mir bald wie Verwandte, wie liebe Freunde, wie Bruder und Schwester, die mit mir ihre alltäglichen Sorgen und ihre Liebeswirren teilten.“ (Seite 230)

„Der Duft des Waldes“ ist ein grandioses Buch und eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr, welches auf 700 Seiten eine monumentale Geschichte über ein ganzes Jahrhundert erzählt. Angefangen beim Elend des Ersten Weltkriegs, bis hin zur Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Doch es wurde mir nie zu viel. Im Gegenteil, ich habe alles aufgesogen und war dankbar für all die Einblicke die Hélène Gestern mir mit diesem Buch gegeben hat.

In ihrem Nachwort sagt sie an einer Stelle (unten), warum sie dieses Buch geschrieben hat. Ich persönlich finde, dass ihr mit diesem Buch eine Hommage an all eben diese Menschen gelungen ist. Danke dafür!!!

Unbedingt lesen!!!

Dieses Buch ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Geschichte der Verschwundenen nachzuzeichnen, die vom Krieg, der Zeit, dem Schweigen verschluckt worden sind. Aus dem Wunsch zu erzählen, was ihren Spuren wurde, die die Lebenden bereichern, aber auch verzehren können.“ (Seite 703)

Kurz & Knapp … Juni 2018

Miss Gladys und ihr Astronaut von David M. Barnett

Gladys ist um die siebzig und sollte für ihre Enkel, Ellie und James sorgen, da die Mutter verstorben ist und der Vater im Knast sitzt. Doch das Ganze ist nicht so einfach, da Gladys immer öfter erste Anzeichen einer Demenz zeigt. Ellie kümmert sich um alles, und versucht auf biegen und brechen die Stellung zu halten, damit niemand etwas bemerkt da die Kids sonst im Heim landen.

Tom Major hat die Schnauze voll, von allem und jedem. Da trifft es sich gut, dass der Astronaut, der zum Mars fliegen soll, plötzlich umkippt und tot ist. Kurzerhand springt Tom ein und befindet sich plötzlich auf dem Weg zum Mars. Auf dem langen Weg dorthin befällt ihn Langeweile und er versucht seine Exfreundin anzurufen und landet aber bei Gladys. Die beiden unterhalten sich, nichtsahnend, dass Tom bald zum Retter der ganzen Familie wird.

Zuerst einmal muss ich etwas zum Cover loswerden. Das ist das schlimmste Cover ever und schreckt den/ die Leser ab. Ich frage mich was der Verlag sich da gedacht hat. Das Cover entspricht in keinster Weise dem Inhalt des Buches. Es vermittelt den Eindruck von Kitsch und seichtem Inhalt. Das ist es aber nicht.

Es geht in dieser Geschichte um den verzweifelten Kampf einer Familie ums Überleben und den Zusammenhalt. Gladys spürt von Tag zu Tag mehr, dass sie ihr Gedächtnis verliert. Sie muss aber ihre Sinne beieinander halten, damit die Kids nicht ins Heim kommen. Ellie arbeite neben der Schule in verschiedenen Jobs, und das, obwohl sie erst fünfzehn ist. Und James fühlt sich einfach nur verloren ohne Vater und Mutter. Und als plötzlich alles aufzufliegen droht, hilft Major Tom aus dem All.

Fazit: Eine unterhaltsame Geschichte mit unerwarteten Wendungen und am Ende hab ich sogar ein Tranchen im Auge gehabt. Bitte nicht vom Cover und Titel abschrecken lassen!!!

(Ullstein Taschenbuchverlag, ISBN: 9783548289540, Preis: 15,00 Euro)

 

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Lavendelträume von Gabriele Diechler

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter findet Julia in einem geheimen Postfach ein sehr kostbares Parfum und einen Liebesbrief. Julia ist im ersten Moment irritiert, da sie die Ehe ihrer Eltern immer als perfekt gesehen hat. Welches Geheimnis hatte ihre Mutter und wer ist Antoine? Ihre Recherche ergibt, dass es sich um einen Parfümeur in Frankreich handelt. Sie nimmt Kontakt auf und reist kurzerhand nach Frankreich. Dort angekommen trifft sie auf Nicolas, dem Sohn von Antoine, und muss von ihm erfahren, dass Antoine verstorben ist. Julia zeigt ihm das Parfum und die Botschaft an ihre Mutter, und sie versuchen gemeinsam hinter das Geheimnis zu kommen.

Was für eine schöne Geschichte. Ich konnte das Buch gar nicht aus der Hand legen. Gabriele Diechler schafft es wieder einmal mich mit ihrer Geschichte um Julia und Nicolas in den Bann zu ziehen. Ich konnte den Flair der Provence spüren und den Duft des Lavendels riechen. Ich erfahre einiges über die Herstellung von Parfüm, was ich sehr interessant fand.

Fazit: Ein sehr schöner Sommerroman, der perfekt in die jetzige Lavendelblüte passt. ♥♥♥

(Insel Verlag, ISBN: 9783458363507, Preis: 9,95 Euro)

 

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Wir müssen reden von Sibylle Luithlen

„Wir müssen reden“ ist der Anfang eines Satzes, den kein Paar gerne hört. Doch genau diese Worte spricht Lars zu Feline. Er bittet sie um eine Beziehungspause, da er eine andere Frau kennen gelernt hat. Feline ist schockiert und versucht zunächst wie immer weiter zu machen. Sie bricht ihr Referendariat als Deutschlehrern ab und flüchtet.

In Rückblenden erzählt die Autorin von dem ersten Treffen zwischen Lars und Feline, von ihren Ängsten Gefühle zuzulassen, da beide in ihrer Kindheit erlebt haben, wie es enden kann, wenn man zu viel Gefühle zeigt. Die Geschichte zeigt weiterhin das Beziehungsgeflecht der beiden auf. Feline ist „eifersüchtig“ auf Lars angebliche Unabhängigkeit, da er sich kaum um die Tochter und den Haushalt kümmert. Feline ist dauergestresst, weil sie sich neben ihrem Beruf noch um alles andere kümmern muss. Das allerdings ist Felines Empfinden und sieht in der Wirklichkeit des Buches etwas anders aus.

Fazit: Ich fand das Buch mega anstrengend und Felines Gejammer ging mir echt auf die Nerven. So was von „weinerlich“ und immer sind die anderen schuld … An dieser Stelle wie immer, das ist meine Meinung, macht Euch bitte Eure eigene zu diesem Buch.

(DVA, ISBN: 9783421047953, Preis: 20,00 Euro)

 

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Das Feld von Robert Seethaler

Ein alter Mann sitzt auf einer Bank auf dem Friedhof und lauscht den Geschichten der Menschen in ihren Gräbern. Es sind Geschichten von Menschen, die alle im Ort Paulstadt gelebt haben, und deren Leben sich auf irgendeine Art und Weise mehr oder weniger gekreuzt haben. Mehr möchte ich zum Inhalt nicht sagen, da es ein dünnes Büchlein ist, und sonst zu viel verraten wird.

Dies war mein erster Seethaler und ich hatte mich echt darauf gefreut, da ich immer wieder von anderen gehört und gelesen habe, das Seethaler ein toller Autor sei. Leider wurde ich sehr enttäuscht. Vielleicht liegt es daran, dass ich etwas vollkommen anderes erwartet habe. Ich wusste, es geht um den Tod. Erwartet habe ich eine leicht angehauchte philosophische Geschichte über den Tod und seine Auswirkung auf die Hinterbliebenen. Bekommen habe ich eine „Tratschgeschichte“. Ihr wisst schon, so von wegen der hat dies und jene hat das. Nur hier tratschen nicht die Lebenden sondern die Toten.

Fazit: Sehr schade, aber ich werde es sicherlich noch mit einem anderen Seethaler versuchen. Auch hier gilt, es ist meine Meinung. Bitte macht Euch Eure eigene zu diesem Buch, das es viele gibt, die dieses Buch toll fanden.

(Hanser Berlin, ISBN: 9783446260382, Preis: 22,00 Euro)

 

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Häuser aus Sand von Hala Alyan

Die palästinensisch-amerikanische Autorin erzählt in ihrem Romandebüt die Geschichte einer Familie über vier Generationen während des Nahostkonflikts, beginnend in den Sechzigern bis in die heutige Zeit. Die Geschichte verläuft chronologisch und wird immer aus der Perspektive eines Familienmitglieds erzählt. Ein Stammbaum der Familie zu Beginn des Buches macht es mir als Leserin einfacher, zu sehen wer ist wer.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich ein wenig Probleme mit der Hintergrundgeschichte, dem Nahostkonflikt hatte. Mir ist dieser Krieg und den damit verbundenen Geschehnissen nicht so präsent. Daher war für mich eher die Familiengeschichte im Vordergrund. Die Suche nach Heimat und Wurzeln. Da die Familien immer und immer wieder aus ihren Heimatdörfern vertreiben wurden, war es für dies nicht möglich. Den Titel fand ich daher sehr passend. Die Heimat verrinnt immer und immer wieder wie Sand zwischen den Fingern. Wurzeln zu schlagen ist einfach unmöglich. Trotz der multikulturellen Familie, die sie zum Schluss ist, ist es für die Familie immer noch schwer im Nahen Osten Heimat zu finden.

Fazit: Ein sehr gelungenes Debüt!

(DuMont Buchverlag, ISBN: 9783832198558, Preis: 24,00 Euro)

 

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Über mir die Sonne von Alessio Torino

Tina, ihre Mutter und ihre Schwester Bea verbringen den Urlaub auf einer kleinen Insel. Es ist der erste Urlaub ohne den Vater. Der hat die Familie verlassen und lebt mit seiner Musikschülerin zusammen. Für Tina ist die Trennung nicht so schmerzvoll, wie für den Rest der Familie. Sie hat genug mit sich und ihrem Erwachsenwerden zu tun, den Tina steckt mitten in der Pubertät und erfährt das erste Mal die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts. Neben den dreien gibt es noch andere Urlauber, die mir mehr als suspekt waren. Irgendwie alle ein bisschen kaputt und somit kein guter Umgang für Tina.

Ehrlich gesagt habe ich die Botschaft des Autors nicht wirklich verstanden. Laut Klappentext geht es um den Verlust des Vaters und dem damit verbundenen Ende einer Familie. Ich habe erwartet, das Torino den Verlust und die Trauer aufarbeitet, doch ich erlebe Tina, Bea und die Mutter als vergnügte Urlauber auf einer Insel unter leicht durchgeknallten Leutchen. Vieles wird angedeutet, aber nicht wirklich ausgesprochen und das Ende hat mir nur eine großes Fragezeichen im Kopf hinterlassen.

Fazit: Das war nix! Wie schon heute zwei Mal erwähnt … meine Meinung usw. …

(Hoffmann und Campe, ISBN: 9783455001471, Preis: 18,00 Euro)

 

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Reichtum der Gedanken

Luchterhand
Fester Einband
280 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783630875187

Klappentext
Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Sie teilen den Traum von einer Zukunft fern von ihrer Herkunft. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen sie sich entwickeln, die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben. Tonis und Edgars Leben entwickelt sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biografien. Toni lebt in dem Konflikt zwischen ihren Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und dem Wunsch, sich zu binden, um Edgar zu vergessen.
Fünfzig Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, fragt sich Tonis Tochter: War ihre Mutter gescheitert oder lebte sie, wie sie es sich gewünscht hat, selbstbestimmt und frei? Wer war dieser Mann, den sie nie vergessen konnte? Die Tochter will ihm begegnen, ein einziges Mal.

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„Beschränkt auf diese vier Wände zu sein, verfolgt von den Gedanken an das Leben da draußen, ich versuche, es mir vorzustellen. Gedanken an Spaziergänge am Strand, der mit dem Fahrrad in weniger als einer halben Stunde zu erreichen wäre; Gedanken an Autofahrten, um sich ein neues Buch zu kaufen, um ins Theater oder Kino zu gehen; Gedanken an Dinge, die selbstverständlich gewesen, doch zuletzt nicht mehr möglich gewesen waren, an Freundschaften, die deshalb schwerfällig geworden und schließlich verloren gegangen waren. Gedanken an das eigene Kind. Das Warten auf einen Anruf, das Warten auf eine Mail von diesem Kind. Gedanken an die Vergangenheit, an eine Frau Anfang zwanzig, die in einem Zimmer zur Untermiete gewohnt hat, ein neu gekauftes Cocktailset im Regal, einen Plattenspieler neben dem Sofa, einen Stapel Bücher neben dem Bett, die darauf wartet, dass ihr Besuch an der Tür klingelt.“ (Seite 43)

Antonia, Toni genannt, ist tot. Ihre Tochter, die Ich-Erzählerin räumt nach dem Tod der Mutter die Wohnung nach und nach aus. Dabei fallen ihr Fotos und Tagebucheinträge der Mutter in die Hand.

Toni war eine selbstbewusste Frau, die ihren Weg ging. In den 60er lernt sie Edgar kennen, ihre große Liebe. Die beiden sind voller Pläne für die Zukunft. Sie wollen reisen, leben … anders als ihre Eltern, die vom Krieg geprägt sind. Es scheint als könne die beiden nichts aufhalten. Doch dann geht Edgar nach Hongkong. Toni soll bald nachkommen. Doch dies geschieht nie. Toni löst ihre Verlobung und versucht ein Leben ohne Edgar zu leben. Sie heiratet mehrfach und bekommt eine Tochter. Doch ihre große Liebe Edgar kann sie nie vergessen. Sie trifft ihn sogar Jahre später noch einmal, doch dieses Treffen verläuft anders als Toni es sich vorgestellt hat.

Nun sitzt Tonis Tochter im Haus der Mutter und versucht das Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren. Was ist damals passiert? Wieso haben Toni und Edgar nie zueinander gefunden? Was hat diese Liebe auseinandergebracht?

„Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird.“ (Seite 140)

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn einem kalt ist, und man sich eine dicke Decke umlegt? Genau so erging es mir mit diesem Roman. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ich habe mich in diese Geschichte um Toni und Edgar fallen lassen. Bilkaus Sprache ist einfach grandios. Die Ich-Erzählerin erinnert und konstruiert das Leben ihrer Mutter mit so viel Liebe und Wärme, das ich gar nicht mehr daraus auftauchen wollte. Bilkau erzählt von einer großen Liebe, von den Ängsten und dem Verlust einer großen Liebe, von Neuanfängen die immer wieder irgendwie scheitern und der großen Frage … hatte Toni das Leben, das sie sich gewünscht hat?

Aber es ist nicht nur Tonis Leben, das hier reflektiert wird. Es geht auch um das Leben der Ich-Erzählerin, die selbst Mutter ist und der Auszug der Tochter steht kurz bevor, um Beziehungen, und das diese gepflegt werden müssen, egal ob Ehe oder Mutter-Tochter-Beziehung.

Irgendwann kommen wir alle an diesen Punkt, an dem wir uns fragen, haben wir das Leben gelebt, das wir leben wollten/ uns gewünscht haben? Das Leben ist sicherlich kein Wunschkonzert oder Ponyhof, aber wir haben jeden Tag die Chance das Beste aus unserem Leben zu machen und es ist nie zu spät unsere Träume zu leben.

„Eines unserer letzten langen Telefonate. Ich hatte auf dem Sofa gelegen, allein zu Hause, hatte mir Zeit genommen. Am Ende des Gesprächs sagte ich ihr, ich würde anfangen, mich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ich rückte damit raus, dass es mir schwerfiel zu sehen, wie sie an ihre Wohnung gebunden war, dass es mich bedrückte und mir Angst machte.
„Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben“.“ (Seite 241)

Ist das Leben die Mühe wert?

Atlantik Verlag
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783455003086

Klappentext
Als ihre Großmutter stirbt, bricht für Kim alles zusammen. Sie ist bei ihr aufgewachsen, die Großmutter war immer für sie da. Also flieht Kim von der bretonischen Insel Groix und ihrer großen Liebe Clovis. Sie braucht Zeit zum Nachdenken und reist gen Süden, um in Antibes an der Côte d’Azur eine dickköpfige alte Dame zu betreuen. Gilonne wird schnell zu ihrer Ersatzgroßmutter, mit der sie Madison tanzt, am Meer Pommes frites isst und das Leben genießt. Außer Kim kümmert sich auch Gilonnes Sohn rührend um sie. Umso überraschter ist Kim, als sie herausfindet, dass er angeblich längst verstorben ist. Ist die alte Damen einem Hochstapler aufgesessen? Kim will Gilonne beschützen und macht sich daran, lang gehütete Familiengeheimnisse zu lüften …

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„Heute ist mein Kopf weiß wie ein Klatschmohnfeld im Winter. Aber ich bleibe eine Rothaarige, solange ich lebe. Wir sind eine Elite, Kim. Unsere Haarfarbe rührt von einer Mutation auf dem Chromosom sechzehn her. Ramses II. war rothaarig, genau wie König David und Judas. Wir sind anfälliger für Allergien und Sonnenbrände, reagieren empfindlicher auf Narkosemittel, sind streitsüchtiger und leidenschaftlicher. Wir ernten mehr Spott in der Schule, müssen früh lernen, uns zu verteidigen, lieben heftiger, leben intensiver.“ (Seite 33)

Kim lebt schon ihr ganzes Leben auf Groix. Sie wuchs nach dem Tod der Mutter, diese kam bei Kims Geburt ums Leben, bei der Großmutter auf. Ihren Vater kennt Kim nicht, denn dieser hat die Familie vor ihrer Geburt verlassen. Auf Groix betreibt sie mit ihrem Freund Clovis den Zeitschriftenladen ihrer Großmutter. Eines Morgens ist die Großmutter verschwunden. In einem Brief teilt sie Kim mit, dass sie in Schweiz reist, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Kim ist am Boden zerstört. Sie kann nicht verstehen, warum ihre Großmutter dies gemacht hat. Um zu verstehen, verlässt sie ihre Heimat um auf dem Festland Antworten zu finden. Sie findet eine Anstellung als Gesellschafterin der alten Madame Gilonne-Kerjeant an der Côte d’Azur. Die alte Dame war früher eine berühmte Schauspielerin und so führt sie sich auch auf. Dich die beiden Frauen haben eine Gemeinsamkeit … rote Haare. Und das ist der Schlüssel mit dem Kim das Vertrauen der alten Dame gewinnt.

Parallel wird die Geschichte eines Kindes, einem Jungen erzählt, dessen Vater versucht die Mutter umzubringen. In verschiedenen Zeitabständen wird die Entwicklung und das Leben des jungen Manns geschildert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er ins Leben von Gilonne und Kim tritt.

In der Realität hat Gilonne einen Sohn gebraucht und ich eine Mutter. Wie die Heldin im Film hat sie Farbe in mein Leben gebracht. Ich bin durch sie wiedergeboren, ein neuer Mensch. Sie ist durch mich aufgelebt.“ (Seite 194)

Fouchet hat es wieder einmal geschafft ein ganz besonderes Buch zu schreiben. Mit „Die Farben des Lebens“ gibt sie eigentlich schon das Grundthema vor … das Leben … und zwar in all seinen Facetten. Das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß … nein es ist bunt.

Für Kim ist das Leben nach dem Tod der Großmutter zunächst schwarz. Sie kann nicht verstehen warum die Großmutter sich das Leben genommen hat. Also fängt sie an, eine Liste mit Pro und Kontras zu führen, um zu sehen, warum sich zu leben lohnt oder auch nicht.

Dann lernt sie die lebensfrohe und etwas durchgeknallte Gilonne kennen. Eine Frau, die sich im Leben fast alles genommen hat was sie will. Auch wenn ihr Leben nicht immer gerade und schön verlaufen ist.

Und dann ist da noch der Junge, dessen Leben nun wirklich nicht gut verläuft. Dessen Mutter vom Vater angeschossen wird. Die Mutter ringt um ihr Leben, der Vater kommt ins Gefängnis, und der Junge wächst erst einmal bei den Großeltern auf. Doch eines Tages holt die Mutter ihn wieder zu sich und lässt den Jungen jeden Tag seines Lebens spüren, dass sie ihn hasst, weil er seinem Vater so ähnlich sieht.

Drei verschiedene Figuren, drei Schicksale/ Leben. Sie alle sind im Buch miteinander verwoben zu einer Geschichte, zu einer Geschichte über das Leben und was es lebenswert macht.

„Das Leben ist ein Édith-Piaf-Schmettern und Bergamottes-Lutschen. Ein Nizza-Salat- und Apfel-Andouille-Galette-Schlemmen. Ein In-Mitgefühl-und-Liebe-Baden. Jeder Schluck, jeder Bissen, jede Umarmung, jeder Ton, jedes Kinderlachen, jedes Schnurren, jedes Kläffen ist die Mühe wert. (Seite 243)

Mich hat die Geschichte um Gilonne und Kim berührt. Ich mochte die beiden sehr. Gilonne, weil sie so unbefangen und lebenshungrig war, und Kim, weil sie vorsichtig und zaghaft ja beinah ängstlich war.

Dieses Buch ist eine Hommage an das Leben, egal wie schlimm es manchmal auch verläuft, es gibt immer wieder diese besonderen Momente, die Leben sich lohnen. Kim hatte ihre ganz eigenen Pro und Kontra Liste, die ich am Ende des Buches noch einmal komplett lesen kann. Und auch Fouchet hat eine Pro und Kontra Liste hinzugefügt.

Vielleicht sollte man ab und an für sich selbst eine Pro und Kontra Liste erstellen, um sich in schwarzen Momenten an die bunten Farben des Lebens zu erinnern, zu sehen und zu spüren … ja, das Leben ist die Mühe wert!

„Altwerden ist ein Privileg, das man akzeptieren oder auch ablehnen kann. Man entscheidet sich jede Sekunde, da zu sein, im Hier und Jetzt, die Welt zu umarmen.“ (Seite 297)