Durch deine Augen von Peter Hoeg

Carl Hanser Verlag
Fester Einband
336 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.02.2019
ISBN: 9783446261686
Preis: 24,00 Euro

Klappentext
Simon hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Peter besucht ihn in der Klinik, aber Simon ist völlig in sich verschlossen. Um ihn vor einem neuen Selbstmordversuch zu bewahren, nimmt Peter Kontakt mit der Therapeutin Lisa auf. Die drei waren Freunde im Kindergarten, sie bildeten den „Club der schlaflosen Kinder“, doch daran kann Lisa sich nicht mehr erinnern. Als Forscherin hat sie eine Methode gefunden, das Bewusstsein eines Menschen im Hologramm sichtbar zu machen. So will sie Patienten helfen, wieder in echte Beziehungen zu anderen zu treten. In ihrem Bemühen, Simon zu retten, kommen sich Peter und Lisa näher, und es gelingt ihr allmählich, sich an ihre eigene verschüttete Kindheit zu erinnern. Peter aber wird ein Buch über das gemeinsam Erlebte schreiben, einen Roman über unglaubliche menschliche Begegnungen: Durch deine Augen.

∗∗∗∗∗

„Wir sahen die Gegenwart. Und zugleich mit der Gegenwart sahen wir etwas von der Zukunft. Die Zukunft ist keine Verlängerung der Gegenwart. Oder eine Fortsetzung der Gegenwart. Die Zukunft ist ein Feld von Virtualitäten.“ (Seite 293)

Simon hat versucht sich umzubringen. Sein Freund Peter sucht nach einem Besuch bei Simon ihre gemeinsame Freundin Lisa auf. Lisa ist Therapeutin. Doch sie keine gewöhnliche Therapeutin, sondern sie erforscht das Bewusstsein der Menschen mit Hilfe hochmoderner Technologie, die Bewusstseinsströme in einer Art Hologramm darstellen. Als Peter auf Lisa trifft, erkennt sie ihren Jugendfreund nicht. Lisa nimmt Peter zu einem Scan mit, um ihm zu zeigen was sie erforscht. Schließlich erklärt sie sich bereit, Simon zu helfen. Während dieser Zeit kommen sich Peter und Lisa immer näher, und Lisa erinnert sich an die Zeit ihrer Kindheit und der Freundschaft mit den beiden Jungs. Die drei gehörten in ihrer Kindergartenzeit dem „Club der schlaflosen Kinder“ an, da sie in der Mittagszeit nie in den Mittagsschlaf fanden. Dafür stellten sie fest, dass sie in die Träume anderer Kinder und Menschen reisen können, und dort die Zukunft veränder können. Und während die drei sich immer mehr an die Ereignisse von damals erinnern können, stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen von Lisas Forschung.

„Wir haben beide unsere Kindheit vergessen. Weil wir ins Offene geblickt haben. Aber damit kann man nicht leben. Damit kann ein Kind nicht leben. Also haben wir vergessen. Erinnert sich deswegen keiner so richtig an seine Kindheit? Weil die wirkliche Wirklichkeit irgendwann für alle offen steht? Und das eine Erfahrung ist, die zu heftig ist? Und wir daher lieber abschalten?“ (Seite 332)

Hoeg erzählt in zwei Erzählsträngen, die sich immer mehr miteinander verbinden, je weiter die drei in die Vergangenheit eintauchen, die zugleich auch ihre Zukunft wird.

Das liest sich jetzt erst einmal ziemlich wirr. Und das ist/ war es für mich am Anfang auch. Doch Hoeg entwickelt einen wahnsinnigen Sog beim erzählen. Je weiter ich in die Geschichte eintauchte, desto faszinierender fand ich die Thesen und Ansätze dieser Thematik.

Bei den Reisen ins Bewusstsein anderer Menschen erlebt Peter die Ängste, den Verlust und die Trauer dieser Menschen, denn sie haben Schlimmes erlebt. Hoeg erzählt hier sehr realistisch und manchmal ist es kaum auszuhalten, was man „durch die Augen“ der Menschen sieht. Auch die Reisen der Kids aus dem „Club der schlaflosen Kinder“ sind nicht ohne. Sie gehen sogar noch weiter und verändern bei ihren Reisen durch die Träume anderer die Zukunft. Und so vermengen sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

“ Was wird erzählt, was erzählt die Wirklichkeit, dort, wo die letzte Erzählung aufhört?“ (Seite 335)

Ihr findet das abgedreht? Ist es sicherlich auch … irgendwie, aber die Geschichte ist auch wundervoll, tröstlich und philosophisch. Man muss beim Lesen offen bleiben für die feinen und leisen Zwischentöne dieser Geschichte.

Unbedingt lesen!!!

Alltagshelden und ihre Sehnsüchte

Riverfield Verlag Fester Einband 304 Seiten Erscheinungsdatum: 27.02.2016 Preis: 24,90 € ISBN: 9783952452349

Riverfield Verlag
Fester Einband
304 Seiten
Erscheinungsdatum:
27.02.2016
Preis: 24,90 €
ISBN: 9783952452349

Klappentext
Der junge Bert Bucher sieht sich als künftiger Rockstar. Da kommt ihm der Tod seiner Großmutter gerade gelegen, so kann er in ihre leer stehende Wohnung n Freiburg ziehen und seine Karriere vorantreiben. Ein Vorhaben, das bald von der schönen Studentin Lana gestört wird.
Johann B. Grab ist Inhaber einer Buchhandlung und sehnt sich zurück in die Welt ohne Internet. Seine griechische Frau hingegen wünscht sich ein Kind, und der zeugungsunfähige Johann ist bereit, zu diesem Zweck einen Mann für sie zu suchen.
Henry Schweizer wohnt in seiner Bar, die er zu seinem persönlichen Sehnsuchtsort gemacht hat. Hier verwässern sich Sorgen im Rausch, abstruse Ideen reifen zu Taten heran und Verliere werden zu Gewinnern.

∗∗∗∗∗

„Dabei war es doch gerade der Rückblick, der den Dingen Tiefe verlieh, der einem erlaubte, Ereignisse zu verstehen und einzuordnen. Erst der Rückblick machte eine bestimmte Zeit richtig interessant, machte aus dem Alltag Kultur, und erst die Fähigkeit zurückzublicken machte aus dem Menschen ein  intelligentes Wesen.“ (Seite 85)

Das Debüt von David Bielmann „Freedom Bar“ hat mich verzaubert. Zuerst dachte ich, ach ja ein paar Leutchen, die sich in einer Bar treffen und sich ihren Frust von der Seele reden. Doch dieses Buch kann viel mehr.

Es verzaubert mit einer Geschichte über Menschen, die alle in einem Haus in Freiburg leben. Im Keller ist eine Bar, darüber ein Buchhandlung und darüber wiederum Wohnungen. Die Menschen, die dort leben sind Menschen wie Du und ich. Menschen mit Problemen, Sehnsüchten , Hoffnungen und Träumen. Sie alle sind auf der Suche, die einen finden … die anderen nicht. Aber das ist noch nicht alles was diese Buch ausmacht. Es ist diese Feinfühligkeit, diese Sensibilität, dieses kleine bisschen  Melancholie, mit denen David Bielmann seine Protagonisten und ihre Geschichte zeichnet … das macht das Buch zu etwas besonderem.

„Unter den sieben Milliarden Menschen, die derzeit auf der Welt lebten, gab es zu jeder Sekunde Tausende, die gerade enttäuscht worden waren, sich eine Träne von der Wange wischten und Trost beim Mond suchten. (.. .) Was immer man auch tat, was immer auch geschah, man war nicht allein, und vielleicht, dachte er weiter, während er in den Sternenhimmel sah, war die Sehnsucht sogar das einzige Gefühl, das man auf sämtlichen Planeten kannte.“ (S. 147)

An einer Stelle im Buch ist mein Herz besonders aufgegangen, da sie mir aus dem Herzen spricht und vielleicht auch eine kleine Ode an uns Buchhändler*innen ist  …

„Buchhändlerin? >Ist das nicht etwas … na ja, langweilig?<, fragte Bert vorsichtig. >Nicht, wenn man Buchhandlungen als Paradies betrachtet.< Ihre Augen begannen zu leuchten. > Hast du dir schon einmal überlegt, was sich so alles in einer kleinen Buchhandlung drin befindet? Wie viele Menschen da zusammen kommen, wie viel gedacht und gesagt und gefühlt wird, wie viele Reisen und Küsse und Morde stattfinden, wie viele Welten da erschaffen worden sind? Eine Buchhandlung ist ein Universum, in dem man sich frei durch Raum und Zeit bewegen kann. Gibt es etwas Schöneres?<“ (Seite 137)

… für mich ist dies kein Beruf, sondern die Erfüllung meines Traums. Und damit sind wir wieder bei den Protogonisten des Buches.

„Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?'“ (S. 184)

Vielen Dank lieber David Bielmann für dieses wundervolle Debüt, dem ich ganz viele Leser*innen wünsche.

Unbedingt lesen!!!

 

4 von 5 Sternen

Den Traum leben

Insel Verlag Flexibler Einband  491 Seiten Erscheinungsdatum:711.04.2016  Preis: 14,99 € ISBN: 9783458361411

Insel Verlag
Flexibler Einband
491 Seiten
Erscheinungsdatum:711.04.2016
Preis: 14,99 €
ISBN: 9783458361411

Klappentext
Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur eine Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit dem Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als „Frischedoktor“ in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.
Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es – wie jeder weiß – nur Idioten.
Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo & Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der „Frischedoktor“ soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt …

∗∗∗

„Es war nicht nur die klare, frische Luft, die so vertraut die Haut streichelte, es war, als spürte sie neben den Häuschen, Sträßchen und Gärten auch die, die hier schon immer gewohnt hatten. Sie hörte ihre Stimmen, ihr Gelächter, ihr Gemecker und ihr Seufzen wie ein immerwährendes Flüstern alter Geschichten, die das Laub rascheln ließen oder wie Pollen im Sonnenlicht tanzten. Erinnerungen. Wie die Farbe, die auf den Fassaden langsam verblasste.
Heimat war nicht das was man sah, sondern das, was andere niemals sehen würden.“ (Seite 35)

Romy möchte nichts anders in ihrem Leben als Theater spielen. Ihr größter Wunsch ist es einmal im Leben die Julia in Romeo & Julia zu spielen. Doch leider hat sie es bisher nicht auf die Bühne geschafft. Sie ist die, die keiner sieht, aber von der so viel abhängt … die Souffleuse. Am Tag der Premiere ereilt sie die Nachricht vom Tod ihrer geliebten Großmutter. Sie versemmelt die Premiere und bekommt die Kündigung.

Sie fährt in ihre Heimat, dem Ort an dem sie aufgewachsen ist, um die Beerdigung ihrer Großmutter zu organisieren. In dem kleinen Ort leben fast nur alte Menschen. Menschen, die einmal Romys Heimat waren. Doch unter ihnen ist ein Wettstreit ausgebrochen. Nach dem Tod von Romys Großmutter sind nur noch drei Plätze auf dem örtlichen Friedhof frei und alle Alten wollen einen dieser begehrten Plätze. Mehrere Bewohner des Dorfes versuchen per zufällige Unfälle eines der Gräber zu bekommen.

Romy beschließt dem ein Ende zu setzten und die Alten zu beschäftigen. Sie entschließt sich auf dem Hof der Großmutter ein elisabethanisches Theater zu bauen. Doch mit ihrer spontanen Idee stößt sie bald an verschiedene Grenzen … die des Geldes, der Baubehörde und der Besetzung für das Stück … Schafft sie es dennoch?

„Menschen verändern sich. Manche verlassen ihre Heimat und finden woanders eine neue. Es gibt nicht die eine Liebe, die alles festlegt. Die Welt hat viel zu bieten. Und manchmal muss man länger suchen, bis man findet, was das Herz berührt.“ (Seite 392)

Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen. Man konnte sich sehr gut in die Geschichte fallen lassen. Die Idylle des Dorfes mit all seinen Bewohnern hätte auch mein Dorf sein können. Wer auf dem Land lebt, weiß, dass man nicht alleine ist. Jeder kümmert sich um jeden bzw. einige würden es auch einmischen nennen. Wie auch immer. Diese Gemeinschaft in Romys Dorf ist die, wie es sie überall auf der Welt geben könnte. Mal ist man sich näher mal weniger.

Doch neben der lustigen Geschichte rund um Ben, Romy und dem Theater gab es aber auch viele nachdenkliche Themen … das Leben auf dem Land mit seinen Vor- und Nachteilen … Alterseinsamkeit … die Todessehnsucht der Alten und wie man es schafft ihnen neuen Lebensmut zu geben … das Aufwachsen ohne Eltern und die Sehnsucht zu erfahren wer der Vater ist … Heimatlosigkeit und das Heimat nicht unbedingt ein Ort sein muss, sondern auch Menschen sein können … Republikflucht …

All diese Themen streift der Autor nur, aber dennoch hat es mir sehr gut gefallen, wie er diese in sein Buch eingebaut hat. Dies ist eines der Bücher, mit dem man seine Emotionen ausleben kann … ich habe gelacht, geweint und vieles reflektiert …  Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen!

„Das Leben verbraucht den Geist, das ist wahr, aber es kann ihn auch mit neuer Kraft befeuern.“ (Seite 297)

„Der Konjunktiv jedoch war das Glitzerpapier auf dem Geschenk namens Leben (…)“ (Seite 399)

4 von 5 Sternen

 

♥ Ich bin eine „Rêveuse“ ♥

Ullstein TB Verlag Flexibler Einband 464 Seiten Erscheinungsdatum: 15.03.2012  Preis: 9,99 €  ISBN: 9783548285498

Ullstein TB Verlag
Flexibler Einband
464 Seiten
Erscheinungsdatum:
15.03.2012
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783548285498

Klappentext

Er kommt ohne Ankündigung und hat nur bei Nacht geöffnet: der Cirque des Rêves – Zirkus der Träume. Um ein geheimnisvolles Freudenfeuer herum scharen sich fantastische Zelte, jedes eine Welt für sich, einzigartig und nie gesehen. Doch hinter den Kulissen findet der unerbittliche Wettbewerb zweier verfeindeter Magier statt. Sie bereiten ihre Kinder darauf vor, zu vollenden, was sie selber nie geschafft haben: den Kampf auf Leben und Tod zu entscheiden. Doch als Celia und Marco einander schließlich begegnen, geschieht, was nie vorhergesehen war: sie verlieben sich rettungslos ineinander. Von ihren Vätern unlösbar an den Zirkus und ihren tödlichen Wettstreit gebunden, ringen sie verzweifelt um ihre Liebe, ihr Leben und eine traumhafte Welt, die für immer unterzugehen droht.

∗∗∗

Ja, ich bin eine sogenannte Rêveuse. So nennt man im Buch die Menschen, die vom Nachtzirkus begeistert sind, jede Vorstellung besuchen und ihm hinterher reisen um immer wieder diese Magie zu spüren, die ihn umgibt.

Man muss sich auf dieses Buch einlassen können. Einlassen mit all seinen Sinnen, denn nur dann spürt und erlebt man die Magie, die von diesem Buch … dieser Geschichte ausgeht. Die einzelnen Zelte sind so wunderschön und liebevoll beschrieben, das wenn man die Augen schließt sich darin wieder finden kann. Die Luft, die Menschen und ihre Schicksale, all das kann man erleben, wenn man sich darauf einlässt und dieses Buch nicht einfach nur runter liest. Nur dann ist man in die Handlung eingebunden und erlebt diese magische Welt.

Ein wundervolles Buch, in dem Träume noch möglich und erlebbar sind!!!

 

5 von 5 Sternen

 

Von Träumen und Hoffnungen …

Atlantik Verlag Fester Einband 240 Seiten Erscheinungsdatum: 18.01.2016 Preis: 20,00 € ISBN: 9783455650228

Atlantik Verlag
Fester Einband
240 Seiten
Erscheinungsdatum:
18.01.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783455650228

Klappentext
Daniel, der unscheinbare Buchhalter, möchte endlich zeigen, dass er mehr drauf hat, als sein Chef. Die junge Fanny muss den Mut aufbringen, ihren verheirateten Liebhaber zu verlassen, damit sie die Liebe ihres Lebens finden kann. Und Pierre, der weltbekannte Parfümeur, träumt davon, nach viel zu langer Zeit wieder einen einzigartigen Duft zu kreieren. Sich seine Lebensträume zu erfüllen, ist doch nur Kopfsache, oder?
Als François Mitterand eines Abends in einer Brasserie seinen Hut vergisst, landet er auf Daniels Kopf. Von da an ändert sich in Daniels Leben alles – der Hut scheint über geheimnisvolle Kräfte zu verfügen! Doch er bleibt nicht bei Daniel, sondern wandert weiter zu Fanny, der unglücklich verliebten Hobbyschriftstellerin – und plötzlich steht einer neuen Liebe nichts mehr im Weg. Was braucht es also, um das Leben vieler Menschen zu ändern? Nichts weiter als einen Hut, den Hut des Präsidenten …

∗∗∗∗∗

„Seit er ihn trug, machte der Hut ihn durch seine bloße Gegenwart gegen die Unbilden des Alltags immun. Besser noch, er schärfte seinen Geist und ermunterte ihn, gewichtige Entscheidungen zu treffen.“  (Seite 43/ 44)

Daniel Mercier lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Paris. Eigentlich ist er glücklich, wäre da nicht sein neuer Chef, der nicht viel von ihm hält. Einen Tag, bevor seine Frau und sein Sohn wieder aus dem Urlaub zurück kommen, genehmigt sich Daniel ein Essen in einer Brasserie. Im Laufe des Abends nimmt Mitterand am Nebentisch Platz. Daniel kann es kaum glauben, dass der Präsident höchstpersönlich am Nachbartisch sitzt. Nach einem ausgiebigen Essen mit seinem Sekretar verlässt der Präsident die Brasserie wieder. Er vergisst jedoch seinen Hut, den er neben Daniel auf die Bank gelegt hat. Daniel kann es gar nicht glauben, setzt sich den Hut auf und geht mit ihm hinaus, ohne dass es jemandem auffällt. Aber das ist noch nicht das Grösste was Daniel widerfährt, denn plötzlich hat er das Gefühl, dass der Hut ihn mutiger und selbstbewusster macht. So gestärkt wagt Daniel einen entscheidenden Schritt  …

„Der Filzhut war binnen weniger Sekunden zu einer Krücke geworden, auf die sie schon lange wartete. Die Feigheit, die sie daran gehindert hatte, mit Édouard Schluss zu machen, war soeben verflogen.“ (Seite 63)

F.M. … das sind ihre Initialen denkt Fanny Marquant, als sie den Filzhut in der Gepäckablage des Zuges findet. Sie beschließt den Hut einfach an sich zu nehmen und verschwindet mit ihm aus dem Zug. Fanny hat das Gefühl, dass der Fund des Hutes mit ihren Initialen etwas zu bedeuten hat. Sie wünscht sich, dass das bevorstehende Treffen mit ihrem Liebhaber endlich eine Wende in ihrem Leben bringt. Sie wünscht sich so sehr, dass sie Édouard von seiner Frau trennt um mit ihr ein glückliches Leben zu leben. Fanny nimmt sich vor, ihn auf eine Trennung anzusprechen. Voller Mut und Zuversicht macht sie sich auf den Weg zum Treffen, doch dies wird anders verlaufen als sie ahnt …

Er hatte den Hut auf die Oberschenkel gelegt und streichelte ihn langsam, um sich die Zeit zu vertreiben. Dieses Streichen seiner Finger über den Filz ließ ein Bild aus seiner Kindheit aufsteigen: Aladin, der seine Wunderlampe reibt, um den guten Geist zu rufen, der ihm alle seine Wünsche erfüllen wird.“ (Seite 86)

Pierre Aslan ist fasziniert, als er den Hut das erste Mal an die Nase hält. Die vielen verschiedenen Düfte schärfen seine Sinne. Zwei Düfte sind ihm besonders bekannt … es sind seine eigenen Kompositionen. Doch es haften noch andere Düfte an diesem Hut, und schnell wird ihm klar, dass mehrere verschiedene Menschen diesen Hut getragen haben müssen. Er erinnert sich an seine Zeit … der Zeit in der er ein gefeierter Parfümeur war. Lange ist es her und in all den vergangenen Jahren  ist es ihm nicht gelungen einen neuen Duft zu kreieren. Doch nun faszinieren ihn die Düfte des Hutes und er schließt nach Jahren die Tür zu seinem Labor auf, um zu experimentieren …

„Nun war die nächste Stufe erreicht, es war eine Feststellung. Die Leute aus seiner Welt erkannten ihn nicht mehr als ihresgleichen an. Manchmal führt uns das Leben auf neue Wege, man hat eine Abzweigung genommen, ohne es zu merken, der große Navigator des Schicksals ist nicht der vorgeschriebenen Route gefolgt, und kein Schild hat uns vor dem Punkt gewarnt, an dem es kein Zurück mehr gibt.“ (Seite 182)

Bernard Lavallière ist ein reicher Mann.  Er hat sein Vermögen geerbt … und seine Freunde irgendwie auch. Er führt ein Leben wie es seine Familie schon immer geführt hat. Er hat sich diesem Leben angepasst und führt es fort, so wie viele Generationen vor ihm. Ob er damit glücklich vermag er nicht wirklich zu sagen. Er macht Dinge, weil es sich so gehört und es schon immer so war. Eines Tages nimmt er versehentlich den falschen Hut, als er ein Restaurant verlässt. Und schnell wird klar, dass der Hut etwas mit ihm macht. Er beginnt eine persönliche Rebellion …

„Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sind immer die Folge einer Verkettung winziger Details“ (Seite 28)

„Der Hut des Präsidenten“ ist das zweite Buch des französischen Autors Antoine Laurain  und ich war mega gespannt darauf, da er mit seinem Debütroman „Liebe mit zwei Unbekannten“ ein fantastisches Buch geschrieben hatte. Und wieder schafft es Antoine Lauraine mich in den Bann zu ziehen. „Der Hut des Präsidenten“ beschreibt die Geschichte von vier Menschen, deren Leben sich durch einen Hut verändert. Aber es ist nicht irgendein Hut, nein, es ist der Hut des französischen Ministerpräsidenten François Mitterand. Und alle glauben, dass von ihm etwas Besonderes ausgeht.

Wieder schafft es Antoine Laurian mit leisen  Tönen in einer wundervollen Sprache mich zu verzaubern. Mir haben die einzelnen Geschichten sehr gut gefallen. Sie alle sind miteinander verbunden und doch nicht. Es sind Menschen wie du und ich, Menschen die sich nicht kennen und doch etwas gemeinsam haben … Träume und Hoffnungen. Sie alle glauben, dass sie mit Hilfe des Hutes etwas in ihrem Leben bewegen können. Natürlich ist es im wahren Leben nicht ganz so einfach, doch ehrlich  gesagt bedarf es manchmal einer solchen „Krücke“ … „Symbol“ um endlich seine Träume zu verwirklichen.

Meine „Krücke“ war ein langes intensives Gespräch mit einem Menschen, der mir vollkommen fremd war. Heute lebe ich meinen Traum …  in „Angelikas Büchergarten“

„Ich glaube an die Kräfte des Geistes und werde euch nicht verlassen.“ (Seite 239)

Unbedingt lesen!!!

5 von 5 Sternen

Die Kraft der Phantasie

Piper Fester Einband 160 Seiten Erscheinungsdatum: 09.03.2015  Preis: 16,99 € ISBN: 9783492056106

Piper
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.03.2015
Preis: 16,99 €
ISBN: 9783492056106

Klappentext
Chiara stammt aus Castelnuovo in Italien. Warum sie nach Deutschland gekommen ist, geht niemanden etwas an. Jetzt ist sie da und führt das Leben, das ihre Freundin Leonie ihr hinterlassen hat: Chiara wohnt in Leonies Haus auf dem Hügel und hat sogar deren Job übernommen – sie putzt Wohnungen fremder Menschen. Für den Übergang, sagt sie sich, aber dieses Leben gefällt ihr, sie mag es, in das Leben anderer zu schauen, die Dinge in Ordnung zu bringen. Die Wohnung des Herrn Vorden übt dabei eine besondere Anziehung auf sie aus. Und auch Vorden scheint eine tiefe Verbindung zu ihr zu haben – denn jede Woche, wenn Chiara seine Räume betritt, findet sie auf seinem Schreibtisch einen Stapel Blätter mit einer Geschichte. Und jede Woche fragt sie sich, ob der Mann, von dem sie nicht einmal den Vornamen kennt, ihre Gedanken lesen kann. Denn seine Geschichten haben sehr viel mehr mit ihr zu tun, als Vorden eigentlich wissen kann.

∗∗∗∗∗

„Die Putzfrau in der Badewanne ist ein Klischee. Das stört Chiara nicht, denn was ist nicht alles ein Klischee und macht trotzdem Vergnügen, niemand sieht sie und kann ihr diese kleine Selbstbelohnung verübeln, und wer in seinem Leben jedes Klischee auslassen wollte, wäre ein verkrampfter und langweiliger Mensch. Küsse in der Geisterbahn, Rührung beim Anblick von Tierkindern, Seufzer in Venedig – all das wird nicht falsch dadurch, dass man es mit vielen teilt.“ (Seite 13)

Chiara verlässt Hals über Kopf ihre Heimat. Es gab einen Vorfall, der sie veranlasst das Land zu verlassen. Da kommt es ihr gerade gelegen, dass auch ihre Freundin Leonie das Land Hals über Kopf verlassen hat. Chiara schlüpft in das Leben ihrer Freundin – lebt in Leonies Haus und übernimmt ihren Job. Das ist ganz einfach, da Leonie als Putzfrau arbeitet. Per Mail informiert sie ihre Kunden, dass ihre Freundin Chiara bis auf weiteres ihre Aufgaben übernimmt.

Zuerst findet Chiara es merkwürdig in den Wohnungen und Häusern fremder Menschen zu putzen. Doch mehr und mehr macht ihr diese Arbeit Spaß. Vor allem stellt sie sich vor wie die Menschen dort leben und was es für Menschen sein könnten.

„Sie lässt sich umarmen vom weichen Klang und subtilen Drive des ersten Stücks Il canto delle sirene und fühlt sich wie immer in dieser Musik zu Hause. Wie ein leichter, aber warmer Mantel legt sich das Lied um ihren Körper, und in manchen Momenten glaubt Chiara, die Textur der Klänge zu spüren, so als streiften sie ihre Haut.“ (Seite 22)

Von einer Wohnung ist sie ganz besonders angetan. Es ist die Wohnung eines Schriftstellers. In ihr fühlt sich Chiara am wohlsten. Schnell entwickelt sich eine Art von Beziehung zwischen den beiden, obwohl sie sich nie persönlich treffen. Immer wenn sie kommt stehen Pralinen, Schokolade und/ oder Obst auf der Anrichte des Kühlschranks. Nach und nach fängt Chiara an und zelebriert ihren Aufenthalt dort. Erst putzt sie die Wohnung, bis auf das Badezimmer und hört dabei die Musik, die gerade im CD-Player liegt. Dann lässt sie sich Badewasser ein, nimmt ein gemütliches Bad, zieht sich Vordens Hemd an, und genießt einen Espresso im Sessel. Danach reinigt sie das Badezimmer, die Kaffeemaschine und verlässt das Haus.

Abends beim Lesen kommt ihr immer wieder das Lied And your bird can sing in den Sinn, die Zeile you can’t see me ist wie ein Wahlspruch oder Werbespruch hervorgehoben. Niemand sieht einen, jeder hat ein Geheimnis, alle existieren in verschiedenen Versionen – die eine, innere, kennt man nur selbst, alle anderen sind Interpretationen, die je nach Betrachter vollkommen verschieden ausfallen können.“ (Seite 59)

Eines Tages liegen ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch. Neugierig nimmt sie die Blatter nach ihrem Bad und fängt an zu lesen. Chiara glaubt nicht was sie liest und fragt sich woher Vorden das wissen kann … denn sie liest ihre eigene Geschichte …

„Das ist der Weg, den sie vor sich sieht, den sie gehen wird und auf dem sie bittere Momente voller Einsamkeit, Mutlosigkeit und Heimweh erleben wird, aber sie wird sich auch von diesen Momenten verabschieden, so wie sie sich von glücklichen, zufriedenen, heiteren Momenten und Zuständen verabschieden wird – das hier ist der Anfang einer langen Reihe von Abschieden, die sie alle überstehen wird, weil sie weiß, jedem Abschied folgt eine Ankunft, die aus jeder Fremde eine Heimat machen kann.“ (Seite 70/71)

In wunderschönen, oftmals verschachtelten Sätzen erzählt Thommie Bayer sehr sensibel und poetisch die Geschichte einer Frau, die gezwungen ist einen Neuanfang zu wagen und noch nicht weiß wie er aussehen kann. In Rückblicken erfahre ich, was Chiara dazu bewogen hat alles hinter sich zu lassen. Und je tiefer ich in Chiaras Leben eintauche, desto mehr fasziniert es mich. Aber nicht nur Chiaras Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in Vordens Haus, und vor allen die Geschichten die Vorden schreibt, lassen mein Herz klopfen und regen meine Phantasie an. Woher kann er das wissen, wenn er Chiara nicht kennt? Beobachtet er sie? Was hat Vorden vor? Was passiert als nächstes?

„Phantasie ist so, denkt sie auf einem Spaziergang, der sie wie zufällig Samstag Abend an Vordens Haus vorbeiführt – ein kleiner Anlass, eine CD im Player oder eine Mail von der ehemaligen Putzfrau aus New York, und schon entsteht eine Geschichte, eine Person, Motive, Ereignisse, ein ganzes Stück Leben geht los, nur weil ein kleines Zeichen es angestoßen hat.“ (Seite 76)

Dies ist ein Buch der Phantasie, es lädt zum Träumen und Verweilen ein … über das Leben, von Neuanfängen,  das Hinter- sich-lassen …

„Weißer Zug nach Süden“  ist wieder eines dieser Bücher die man durch Zufall entdeckt und die sich als wahrer Schatz entpuppen. Es hat mich verzaubert ♥

Unbedingt lesen!!!

Alles war so richtig, alles passte so gut, das wohnliche Versteck zum rechten Zeitpunkt, der gleich mitgewährte Unterhalt, die Inspiration, die fesselnde Liebes- oder Seelenverwandtschaftsgeschichte in ihrer und Vordens Phantasie, sogar ein Liebhaber für gelegentliche Schwächestunden – das konnte nicht so bleiben. So war ihr Leben nicht. So träumte man sich den Ausweg, wenn man in der Klemme steckte, so malte man sich zum Trost ein Bild mit der Überschrift Alles wird gut. Solche Geschichten werden vom Lärm des Weckers beendet.“ (Seite 139)

 

5 von 5 Sternen