Arne

btb
Flexibler Einband
384 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.11.2015
Preis: 10,00 €
ISBN: 9783442715237

Klappentext
Einen Nobelpreis wird er wohl nicht bekommen. Arne Murberg ist von schlichtem Gemüt. Nach einem Badeunfall in der Kindheit hat er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Aber Arne ist ein warmherziger, liebenswerter Mensch, der sich eine kindlich naive, offene Art bewahrt hat und voll Vertrauen auf das Leben blickt. Als sein Vater ihm auf dem Totenbett offenbart, dass seine Mutter nicht tot ist, wie Arne geglaubt hat, sondern in Berlin lebt, und ihm gleichzeitig den Auftrag gibt, sie dort aufzusuchen und ihr ein verschlossenes Kästchen zu übergeben, beginnt für ihn ein wundersames Abenteuer. Mit äußerst rudimentären Deutschkenntnissen und einem Paar strapazierfähiger gelber Schuhe macht Arne sich auf die Reise – und gerät schon bald in Schwierigkeiten. Doch ihm zur Seite stehen zwei Menschen, die der Himmel höchstpersönlich geschickt zu haben scheint: ein etwas wirrer Professor und eine kluge junge Frau im Rollstuhl. Wird Arne seiner Mutter begegnen? Wird er sein Glück finden in Berlin?

∗∗∗∗∗

„Ich bin nicht verrückt, dachte Litvinas und griff zu Rasierhobel und Rasierschaum. Ich bin meiner Zeit nur hundert Jahre voraus, das ist das Problem.“ (Seite 56)

Arne ist ein junger Mann, der seit seinem Unfall gehandicapt ist. Komplexe Zusammenhänge und Konzentration fallen ihm schwer. Dennoch reist er nach Berlin, um den letzten Wunsch seines verstorbenen Vaters zu erfüllen.

Beate, eine junge Frau sitz wegen einer Erkrankung der Beinmuskulatur im Rollstuhl. Sie lebt ohne Perspektive in den Tag.

Litvinas, ein älterer Herr sitzt in der Psychiatrie, weil er mit verschiedenen gefährlichen Experimenten versucht hat seine tote Frau wiederzuholen. Er steht kurz vor der Entlassung, muss nur noch die Herren der Kommission überzeugen. Die ahnen nicht, dass Litvinas nur darauf wartet der Anstalt zu entkommen, um seinen letzten großen Coup zu landen.

Diese drei etwas „merkwürdigen“ Gestalten treffen in Berlin aufeinander. Irgendwie hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass jeder einzelne von ihnen in seiner eigenen Welt lebt und dennoch Teil der Welt des jeweils anderen ist. Arne ist dabei für mich die „intensivste“ Figur. Seine unbändige Neugier auf das Leben und das ihm Unbekannte ist einfach so wunderschön. Nesser beschreibt seinen Protagonisten sehr liebevoll und auch seine Erkundungen in der Welt stellt er als zaghafte Schritte dar. An vielen Stellen habe ich gedacht ich befinde mich in einem modernen Märchen. Aber es ist kein Märchen. Ich denke Nessers Anliegen war/ ist ein ganz anderes.

In meinen Augen möchte er Aufzeigen, dass Menschen mit Defiziten, egal welcher Art, genauso am Leben teilhaben können wie Menschen ohne Defizite. Im Gegenteil, er zeugt auf, dass gerade solche Menschen unsere Welt wesentlich bewusster wahrnehmen. Das sie offener für die Freude, die Schönheit und Einfache in dieser Welt sind, dass sie all dies auf ihre besondere Art und Weise wertschätzen. Wir in unserem täglichen Tun nehmen die Welt mit ihren einfachen und schönen Dingen gar nicht mehr wahr.

Auch wenn der Roman gegen Ende etwas skurril wird, habe ich diese elf Tage sehr gerne mit Arne in Berlin verbracht.

„Eine Botschaft habe ich nicht. Aber ich möchte für mehr Toleranz gegenüber dem menschlichen Wahnsinn werben.“ Astrid Lindgren

 

4 von 5 Sternen

Von Traditionen und Mythen

Aufbau Verlag Fester Einband  444 Seiten  Erscheinungsdatum: 17.10.2016  Preis: 21,95 Euro ISBN: 9783351036461

Aufbau Verlag
Fester Einband
444 Seiten
Erscheinungsdatum:
17.10.2016
Preis: 21,95 Euro
ISBN: 9783351036461

Klappentext
1999 in North Dakota. Ein goldener Herbstnachmittag, ein Hirsch, ein Schuss, ein toter Junge. Nichts wird je wieder so sein, wie es einmal war.
Nachdem Landreaux und Emmaline in einer Schwitzhüttenzeremonie ihre Vorfahren befragt haben, bringen sie ihren jüngsten Sohn LaRose zu Dustys Familie: dem verschlossenen Vater Peter, der seit Dustys Tod völlig vernachlässigten 9-jährigen Maggie und der psychisch labilen Mutter Nola. Tatsächlich gelingt es dem sanften Jungen, die in Trauer, Zorn und Verzweiflung erstarrten Herzen zu öffnen und die beiden einst befreundeten Familien einander wieder anzunähern. Indes schmiedet der verschrobene Einzelgänger Romeo, der mit Landreaux eine uralte Rechnung offen hat, einen irrwitzigen Racheplan.

∗∗∗∗∗

Das Gerüst der Geschichte ist schnell erzählt. Bei einem Unfall kommt der 5-jährige Dusty ums Leben. Landreaux, sein Onkel, hat ihn aus Versehen erschossen. Dustys Eltern Peter und Nola, so wie die Schwester Maggie erstarren vor Trauer. Landreaux und seine Frau Emmaline beschließen einer alten Tradition zu folgen und geben ihren 6-jährigen Sohn LaRose der trauernden Familie. Er soll dafür sorgen, dass Dustys Familie ihren Schmerz überwinden kann.

„Er hatte von solchen Adoptionen in den alten Zeiten gehört, als Krankheiten und Morde manche Familien zerstörten und andere verschonten. Es war eine uralte Form der Gerechtigkeit. Eine Geschichte, und Geschichten berührten ihn.“ (Seite 47)

Zu Anfang der Geschichte habe ich oft gedacht was für eine Tragödie. Der Onkel erschießt den Neffen und fühlt sich, obwohl es ein Unfall war, schuldig. Die Eltern von Dusty, Nola und Peter, verlieren sich in ihrer Trauer. Nola verzweifelt am Leben und Peter ist voller Hass. Als Landreaux und Emmaline dann beschließen ihr jüngstes Kind LaRose, zerbricht Emmaline  fast an dieser Entscheidung. Und LaRose … versteht am Anfang gar nicht, warum er nun bei einer fremden Familie leben soll. Doch je weiter man liest, desto klarer wird dieses Geflecht aus Wut, Trauer, Schuld und Sühne.

Vor allem LaRose hat eine besondere Rolle in dieser Geschichte. Er ist der fünfte, der den Namen LaRose trägt. Vor ihm haben jedoch nur Frauen diesen Namen getragen, doch allen LaRoses wird eine besondere Fähigkeit zugeordnet … sie können die Geister ihrer Urahnen sehen.
Als LaRose in die neue Familie kommt, kann er jedoch nicht verstehen, warum seine Mutter ihn weg gibt. Erst im Laufe der Zeit ahnt er, was seine Aufgabe ist. Er soll alle Beteiligten wieder zueinander führen.

„Dauernd sammelst du Steine. Was soll mir der bitte nützen? Sie ließ den Kiesel fallen. Wir müssen auf sie aufpassen. Wir müssen sie aufhalten!
Ich weiß, sagte LaRose. Er nahm ihre Hand, öffnete sie und legte den Stein wieder in ihre Handfläche. Das ist ein Aufpasserstein. Wenn ich aufpassen soll, gibst du ihn mir. Und wenn du aufpassen sollst, kriegst du ihn.“ (Seite 271)

Was auf den ersten Blick wie eine klar konstruierte Geschichte aussieht ist in Wahrheit ein Geflecht aus dem wahren Leben, Traditionen und Mythen. Und je weiter ich gelesen habe, um so mehr hat mich diese sehr eigene Welt der Indianer fasziniert. An manchen Stellen habe ich mir vorgestellt, wie es sein muss mit solchen Traditionen und Mythen aufzuwachsen. Es verbindet die Menschen innerhalb einer Familie, aber die Menschen außerhalb haben für viele Entscheidungen kein Verständnis. So erging es mir ja auch … ich konnte überhaupt nicht verstehen, wie man ein kleines Kind, sein eigen Fleisch und Blut, in eine andere Familie geben kann. Was macht das mit einem Kind? Mit einem selbst? In Erdrichs Roman bekommt man einen Einblick in dieses Geflecht … und auch ein Gefühl dafür warum diese Menschen so handeln wie sie handeln …

„Maggie verbiss sich ihre Worte. Sie sagte nicht, dass es ihr leidtat, aber tat ihr ganz furchtbar leid. Es tat ihr leid, dass sie nie etwas richtig machte. Es tat ihr leid, dass sie ihrer Mutter nicht bieten konnte, was sie brauchte. Tat ihr leid, dass sie ihr nicht helfen konnte. Tat ihr manchmal auch leid, dass sie Nola in der Scheune überrumpelt hatte. Leid, leid, leid, dass sie so etwas denken konnte. Dass sie böse war. Dass sie nicht in jeder Sekunde für das Leben ihrer Mutter Dankbarkeit empfand. Es tat ihr leid, dass LaRose der Liebling ihrer Mutter war, dabei war er auch ihr eigener. Tat ihr leid, dass sie ständig daran dachte, wie leid es ihr tat, und dass sie all ihre Zeit mit diesem Gefühl verschwendete. Vor dieser Sache mit ihrer Mutter hatte Maggie nie irgendwas leidgetan. Sie sehnte sich so sehr danach zurück.“ (Seite 283/ 284)

Mich hat dieser Roman tief bewegt. Erdrich zeichnet ihre Charaktere mal sehr liebevoll, dann wieder sehr distanziert. Immer so, wie es die Situation gerade braucht. Jeder einzelne Charakter hat mich berührt. Ich konnte den Schmerz, die Wut und die Trauer von Dustys Eltern spüren. Landreaux Schuld lag auch mir schwer auf den Schultern. Emmalines Zerrissenheit ob es richtig ist LaRose der anderen Familie zu geben, hat auch mich zerrissen. Und LaRose … LaRose ist der Liebling aller, weil er etwas ganz besonderes ist …

Unbedingt lesen!

5 von 5 Sternen

Man spielt nicht mit der Liebe

 

Hanser Literaturverlag Fester Einband 188 Seiten Erscheinungsdatum: 28.07.2014  Preis: 18,90 € ISBN: 9783446245952

Hanser Literaturverlag
Fester Einband
188 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.07.2014
Preis: 18,90 €
ISBN: 9783446245952

Klappentext
Sie heißt Billie, weil ihre Mutter für Michael Jacksons „Billie Jean“ schwärmte, er heißt Franck, denn seine Mutter vergötterte Frank Alamo. Sie wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf, bei den Asozialen, er lag im ständigen Clinch mit seinem bürgerlich-reaktionären Vater. Nichts scheint diese beiden Außenseiter zu verbinden, bis eine Lehrerin ihnen die Hauptrollen im Schultheater gibt. Die Aufführung mit Billie, der Unterschichtengöre, und Franck, dem kleinen Schwulen, wird ein überraschender Erfolg. Trotzdem spricht alles gegen ein Happy End: Sie bleibt sitzen, er muss ins Internat, es folgen Abstürze und Schicksalsschläge. Aber Billie und Franck haben gelernt, den Mut nicht zu verlieren und sich jedes Mal wieder aufzurichten. In Paris werden sie einander wiederfinden – zusammen ist man weniger allein. Wenn man Billie (wie Billie Holiday) heißt, stellt man sein Leben mit zweiundzwanzig einfach auf Reset.

∗∗∗∗∗
„Meine Worte richteten sich nicht an ihn, sondern an mich. An meine Dummheit. Meine Schmach. Meine mangelnde Vorstellungskraft. Niemals würde er mich im Stich lassen, und wenn er jetzt schwieg, dann allein deshalb, weil er nicht mehr bei Bewusstsein war.“ (S. 13)

Die Geschichte setzt ein, kurz nachdem Billie und Franck in den Bergen verunglückt sind. Während Billie denkt, dass Franck im Koma liegt, lässt sie ihr und Franck Leben Revue passieren. Sie erzählt einem einzelnen Stern, wie sie sich kennen gelernt haben, und wie ihr Leben verlaufen ist. Es ist ein trauriges Leben. Billie wächst in der Unterschicht auf. Ihr Vater hat nach der Flucht der Mutter wieder geheiratet. Die Stiefmutter trinkt und Billie führt ein einsames Leben. Sie bettelt, klaut und später arbeitet sie zum Teil auch als Prostituierte. Aber es gibt Momente in ihrem Leben, in denen sie so etwas wie Glück empfindet. Nämlich die, in denen sie mit Franck zusammen sein kann.

„Wenn ich einmal sterbe, wird keine Spur von mir bleiben. Außer Franck hat ja kein Mensch mein Licht gesehen, und wenn er vor mir stirbt, ist es vorbei. Dann  erlösche ich auch.“ (S. 92)

Aber auch Franck ist ein Außenseiter. Allerdings anders als Billie, gehört er mehr der Oberschicht an. Dennoch lebt er eine Lüge. Schon früh ist ihm klar, dass er Jungen/ Männer liebt. Doch das kann er seinem Vater niemals anvertrauen. Daher lebt er ein Leben, das ihm sein Vater diktiert. Er studiert Jura, obwohl er eigentlich Juwelier werden möchte. Erst als Franck zusammen mit Billie in Paris lebt, schafft er seine Träume zu verwirklichen.

„Wir wussten, dass das zwischen uns nicht Verachtung oder Gleichgültigkeit war, sondern Vorsicht und dass wir, auch wenn wir es einander nicht mehr zeigen konnten, immer noch Freunde waren.“ (S. 81)

Dieser Roman geht unter die Haut und noch viel tiefer, nämlich mitten ins Herz. Obwohl diese Geschichte sehrt traurig, und auch melancholisch ist, macht sie dennoch auch Mut. Sie zeigt, dass es im Leben immer die Möglichkeit sein eigenes Tun und Handeln zu überdenken. Es muss nicht zwangsläufig ein schlechtes Leben werden, nur weil die Voraussetzungen bei der Geburt und in der Kindheit/ Jugend ungünstig waren, denn jeder ist seines eigen Glückes Schmied.

„Irgendwann und ohne dass es seine Absicht gewesen wäre, meinte mein Vater es endlich einmal gut mit mir und starb.“ (S. 107)

Ein wunderschönes Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte ♥♥♥

5 von 5 Sternen